Lesung aus C.H.Spurgeon "Das Evangelium des Reiche"

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Jörg
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Matthäus 18.28-31

Beitragvon Jörg » 15.11.2015 09:34

28. Da ging derselbe Knecht hinaus, und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an, und würgte ihn, und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist!

Derselbe Knecht, aber wie verschieden sein Betragen! Eben war er ein demütig Flehender, aber jetzt ist er ein herrischer Tyrann. Er ging hinaus, hinweg von seinem gnadenvollen Herrn, und wartete kaum, um ihm seine Dankbarkeit zu bezeugen. Er fand einen seiner Mitknechte; nicht seinen Knecht, noch seinen Untergebenen, sondern einen, der seinesgleichen war und sein Gefährte im Dienst. Dieser war ihm hundert Groschen schuldig: eine bloße Kleinigkeit, verglichen mit der ungeheuren Schuld, die erlassen war. Wir erwarten, daß er sofort diese kleine Rechnung ausstreichen werde, aber nein, er griff ihn an, mit Heftigkeit, aus Furcht, daß er sich auf eine Zeitlang losmachen würde. Er würgte ihn, und plagte ihn mit seiner drohenden Forderung. Er wollte keine Geduld mit seinem Schuldner haben; er wollte ihn nicht atmen lassen, wenn er nicht bezahlte. Die Schuld war sehr klein, aber die Forderung ward mit großem Grimm gestellt. Unsre kleinen Forderungen an unsre Mitmenschen werden nur zu leicht mit schonungsloser Strenge erhoben. Der Fordernde hatte nicht einmal eine Stunde Geduld, sondern würgte seinen Mitknecht mit der rauhen Forderung: “Bezahle mir, was du mir schuldig bist.“ Welches Recht hatte er, den Diener seines Herrn bei der Gurgel zu fassen? Er verletzte einen, der seinem eignen König angehörte. Unser Mitknecht ist unsres Herrn Knecht und nicht unser, den wir bedrücken und bedrohen könnten, wie es uns beliebt.

29. Da fiel sein Mitknecht nieder, und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, ich will dir’s alles bezahlen.

Es hätte den Tyrannen stutzig machen sollen, als er seine eigne Bitte an sich selber gerichtet hörte. Es war Wort für Wort, was er selber gesagt hatte; auch des Bittenden Stellung war gerade die, welche er vor seinem Herrn eingenommen hatte: er fiel nieder. Das armselige Versprechen: “Ich will dir’s alles bezahlen,“ ward auch vor seinem Ohre wiederholt und mit viel mehr Wahrscheinlichkeit der Erfüllung. Gewiß, er wird dieselbe Antwort geben, die sein Herr ihm gewährt hatte! Er nicht. Sein Herr handelte königlich, aber er war knechtisch und bösen Sinnes.

30. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war.

Nicht, er konnte nicht, sondern er wollte nicht. Er gab keine Zeit, schlug keinen Vergleich vor, versprach keine Barmherzigkeit. Er brauchte das Gesetz seines eignen großmütigen Königs als Mittel, seinen armen Mitknecht niederzutreten. Er besorgte selbst die Verhaftung des Schuldners: er “ging hin und warf ihn ins Gefängnis.“ Er sieht ihn zum Schuldgefängnis verurteilt, ohne Hoffnung, wieder herauszukommen, wenn nicht durch Bezahlung. Es war seines Herrn Gefängnis; er gebrauchte seines großmütigen Herrschers Kerker, um seinen Zorn zu befriedigen. Er gelobte, daß sein Mitknecht dort liegen sollte, “bis daß er bezahlte, was er schuldig war.“ Ein niedriges Verhalten! Aber es ist so häufig, wie es niedrig ist!

31. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt, und kamen, und brachten vor ihren Herrn alles, das sich begeben hatte.

Andre konnten das Böse seines Betragens sehen, wenn er es nicht konnte. Seine Mitknechte sahen, was gethan wurde. Er war wohlbekannt, und was er that, ward sicherlich beobachtet. Viel war ihm vergeben und viel wurde von ihm erwartet. Seine Mitknechte waren sehr betrübt über den eingekerkerten Schuldner, und betrübt, daß einer ihrer Mitknechte sich erniedrigte, indem er in einer Weise handelte, die so ganz der Behandlung entgegengesetzt war, die er von seinem Herrn empfangen hatte. Sie thaten recht, die Handlung dem Herrn zu melden, denn eine so niedrige Sünde mußte da bekannt werden, wo Gerechtigkeit gehandhabt werden konnte. Anstatt nach dem Lynchgesetz zu handeln, brachten sie vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte, Dies war sehr verständig von ihnen. Laßt uns nach dieser Weise handeln, wenn wir je in ähnlichen Umständen sind, statt uns thörichtes Geschwätz und zornige Anklagen zu erlauben.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Matthäus 18.32-35

Beitragvon Jörg » 18.11.2015 17:26

32. 33. Da forderte ihn sein Herr vor sich, und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest. Solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?

Der Elende wurde nicht ungehört verurteilt, sein Herr richtete ihn erst, nachdem er ihn vor sich gefordert hatte. Sein Herr und König legte ihn die Sache sehr klar vor und berief sich auf sein eignes Urteil über den Fall. Er erinnerte ihn an das, was er vergessen zu haben schien; wenigstens hatte er gehandelt, als wenn es nie geschehen wäre. Sein Herr redete ihn in Worten voll brennenden Unwillens an: „Du Schalksknecht.“ Es war abscheuliche Bosheit des Herzens, die ihn zu einem so unwürdigen Betragen veranlaßt hatte. “Alle diese Schuld habe ich dir erlassen.“ Welche große Schuld war das! Wie freigebig war die Schuld getilgt: „Ich habe dir erlassen.“ Der angegebene Grund war: “dieweil du mich batest.“ Nicht, weil du solche Milde verdient hattest oder deine Schuld je hättest bezahlen können. Der Schluß, der von dieser ungemeinen Großmut hergeleitet wurde, war klar, stark, unabweislich. Die letzten Worte sind im höchsten Grade nachdrücklich: “Solltest du dich denn nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht?“ Wie bereitwillig sollten wir die kleinen Beleidigungen vergeben, unter denen wir leiden, da unser Herr uns unsre schweren Übertretungen verziehen hat! Keine Beleidigung eines Mitknechts kann verglichen werden mit unsren Sünden gegen unsren Herrn. Welch ein Vorbild für unsre Barmherzigkeit wird uns in den Worten gegeben: “wie ich mich über dich erbarmt habe!“

Der Schuldige verteidigt sich nicht. Was konnte er sagen? Er war sogar unfähig, sich zum zweitenmal an die Barmherzigkeit zu wenden. Er hatte Barmherzigkeit verweigert, und nun ward sie ihm verweigert.

34. Und sein Herr ward zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte alles, was er ihm schuldig war.

Sein Herr ward zornig. Er, der so barmherzig sein konnte, war notwendig ein Mann von warmem Gefühl, und deshalb konnte er zornig werden. Natürlich hatte er Mitleid mit dem armen Schuldner im Gefängnis, und dies machte ihn unwillig über den Elenden, der ihn eingekerkert. Es war gerechter Zorn, der den unversöhnlichen Knecht der furchtbaren Strafe übergab: “überantwortete ihn den Peinigern, den Vollstreckern der Gerechtigkeit. Seine Strafe war ohne Ende, denn sie sollte dauern, “bis daß er bezahlte alles, was er ihm schuldig war;“ und der Schuldner konnte niemals zehn tausend Pfund zahlen. Die Dinge müssen ihren Lauf haben bei boshaften Geistern. Sie haben sich aus dem Bereich der Barmherzigkeit heraus versetzt. Gerade die Größe der Liebe macht großen Unwillen notwendig über die Bosheit, welche darauf besteht, kleines Unrecht zu rächen. Die unumschränkte Herrschaft Gottes ist niemals ungerecht; sie übergibt nur den Peinigern die, welche das Gesetz des Weltalls mit Notwendigkeit verdammt.

35. Also wird euch mein himmlischer Vater auch thun, so ihr nicht vergebt von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler.

Dies ist die große Lehre. Wir ziehen uns größeren Zorn zu, wenn wir uns weigern zu vergeben, als durch all unsre übrigen Schulden. Wir können der Verdammung nicht entrinnen, wenn wir uns weigern, andren zu vergeben. Wenn wir nur mit Worten vergeben, aber nicht von Herzen, so bleiben wir unter der gleichen Verdammnis. Fortgesetzter Zorn gegen unsren Bruder schließt die Himmelspforte vor uns zu. Der himmlische Vater des Herrn Jesu wird gerechterweise zornig über uns sein, und wird uns den Peinigern überantworten, wenn wir nicht von Herzen vergeben, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler.

Herr, mache mich sanften, versöhnlichen Sinnes! Möge mein Herz ebenso bereit sein, Beleidigungen zu vergeben, wie es bereit ist, zu schlagen!
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Matthäus 19.1-6

Beitragvon Jörg » 20.11.2015 16:25

(Der König und die Ehegesetze. V. 1-12.)

1.2. Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, erhob Er sich aus Galiläa, und kam in die Grenze des jüdischen Landes jenseits des Jordans; Und folgte Ihm viel Volks nach, und Er heilte sie daselbst.


Er hatte diese Rede vollendet über die Vergebung, und nun eilte Er zu andrem Werk, was noch nicht vollendet war. Er war stets in Bewegung und erhob sich aus Galiläa, dem Er so viel Sorge gewidmet, damit auch andre Gegenden sich seiner Thätigkeit erfreuen möchten. Er wandte sich jetzt mehr nach dem Süden, nach den Grenzen des jüdischen Landes jenseits des Jordan, und Er that überall Gutes. Als Er die Rede mit den Jüngern vollendet hatte, begann Er Gnadenwerke in einem neuen Distrikt, und viel Volks folgte Ihm nach. Stets folgte die Menge Ihm auf dem Fuße, festgehalten sowohl durch sein Wort als durch sein Werk. Er kam in die Nähe von Jerusalem, und seine Feinde waren auf der Lauer; aber Er beschränkte um ihrer eifersüchtigen Prüfung willen seine Werke der Barmherzigkeit nicht; Er heilte sie daselbst. Der Ort der gnädigen Thaten unsres Herrn ist der Erinnerung wert. Wo die Not war, da wurde die Hilfe gegeben.

3. Da traten zu Ihm die Pharisäer, versuchten Ihn und sprachen zu Ihm: Ist’s auch recht, daß sich ein Mann scheide von seinem Weibe um irgend eine Ursache?

Hier sind diese Schlangen wiederum! Welche Beharrlichkeit in der Bosheit! Sie kümmerten sich wenig um Belehrung, doch gaben sie sich den Anschein von Forschenden. In Wahrheit waren sie auf der Lauer und bereit, zu bestreiten, was Er auch sagen mochte. Die Frage ist listig gestellt: “Ist es auch recht, daß sich ein Mann scheide von seinem Weibe um irgend eine Ursache?“ Je unbestimmter die Frage, desto leichter verwickelt sich der Befragte darin. Ihr eignes Gewissen hätte ihnen sagen sollen, daß das Eheband nicht um jeden Grundes willen getrennt werden darf, den ein Mann anzugeben beliebt. Doch war es eine viel bestrittene Frage zu jener Zeit, ob ein Mann sein Weib nach Belieben verstoßen könne oder ob er irgend einen ernsten Grund dafür angeben müsse. Was Jesus auch sagen mochte, die Pharisäer wollten seinen Ausspruch gegen Ihn gebrauchen.

4-6. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, daß, der im Anfang den Menschen gemacht hat, der machte, daß ein Mann und Weib sein sollte; und sprach: „Darum wird ein Mensch Vater und Mutter lassen, und an seinem Weibe hangen, und werden die zwei ein Fleisch sein?“ So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

Jesus beruft sich in seiner Antwort auf ihre Kenntnis des Gesetzes: “Habt ihr nicht gelesen?“ Es war eine nachdrückliche Weise, sich an ihre eigne gerühmte Kenntnis der Bücher Mose zu wenden. Unser Herr ehrt die Heilige Schrift, indem Er seinen Beweis daraus entnimmt. Es gefiel Ihm, sein Siegel besonders auf einen Teil der Schöpfungsgeschichte zu setzen – dieser Geschichte, von der neuere Kritiker sprechen, als wäre sie Fabel oder Mythe. Er führte seine Hörer zurück zum Anfang, wo Gott Mann und Weib machte und sie eins machte. „Zum Bilde Gottes schuf Er ihn; und Er schuf sie, ein Männlein und ein Fräulein“ (1 Mose 1,27). Das Weib ward aus dem Mann genommen, und Adam sprach mit Wahrheit: „Das ist doch Bein von meinen Beinen und Fleisch von meinem Fleisch“ (1 Mose 2,23). Durch die Ehe wird diese Einheit dargestellt und unter göttlicher Genehmigung verkörpert. Diese Einheit ist von der wirklichsten und wesentlichsten Art: “So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch.“ Alle andren Bande sind schwach im Vergleich mit diesem; sogar Vater und Mutter müssen dem Weibe nachstehen: “Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen, und seinem Weibe anhangen.“ Da diese Verbindung von Gott bestimmt ist, muß sie nicht durch die Laune des Menschen aufgehoben werden. “Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ Unser Herr entscheidet so für die lebenslange Dauer des Ehebandes im Gegensatz zu denen, welche die Scheidung erlaubten aus „irgend einer Ursache,“ was sehr häufig bedeutete, aus gar keiner Ursache.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Matthäus 19.7-12

Beitragvon Jörg » 22.11.2015 09:16

7. Da sprachen sie: Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben, und sich von ihr zu scheiden?

Jedem Leser der hier angeführten Stelle in den Büchern Mose wird die ungenaue Wiedergabe derselben durch die Pharisäer auffallen. 5 Mose 24,1.2 lesen wir: „Wenn jemand ein Weib nimmt und ehelichet sie, und sie nicht Gnade findet vor seinen Augen um irgend einer Unreinheit willen, so soll er einen Scheidebrief schreiben und ihr in die Hand geben, und sie aus seinem Hause lassen. Wenn sie dann aus seinem Hause gegangen ist, mag sie hingehen und eines andren Mannes Weib werden“ (n.d. engl. Übers.). Mose gebot nichts in diesem Fall, er duldete nur und beschränkte sehr eine damals herrschende Sitte. Mose dem Mose gegenüberstellen, ist keine neue List, aber die Pharisäer konnten kaum wagen, Mose Gott gegenüberzustellen und ihn eine Änderung eines göttlichen, von Anfang an verordneten Gesetzes befehlen zu lassen. Doch unser Herr ließ sie sehen, daß sie dies zu thun haben würden, um die Theorie von der leichten Scheidung aufrecht zu halten. Die Wahrheit ist, daß Mose die Scheidung in fast unbegrenzter Ausdehnung vorfand und daß er weislich die Aufhebung desselben mit dem Beschränken der Sitte begann, statt sie auf einmal schlechthin zu verbieten. Es war ihnen nicht erlaubt, ein Weib mit einem hastigen Wort hinwegzusenden, sondern sie mußten dies zu einer feierlichen, vorher überlegten Zeremonie machen, indem sie einen Scheidebrief aufsetzten und ihr gaben; und dies war nur in einem besonderen Fall erlaubt: „Um einer Unreinheit willen.“ Obwohl viele Pharisäer diese letzte Beschränkung wegdeuteten und dafür hielten, daß die Verfügung im fünften Buch Mose fast unbeschränkte Scheidung zuließe, waren sie doch nicht einmütig in dieser Sache und stritten beständig darüber. Darum konnte des Herrn Entscheidung, wie sie auch ausfiel, in vielerlei Weise gegen Ihn gebraucht werden.

8. Er sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt zu scheiden von euren Weibern von eures Herzens Härtigkeit wegen; von Anbeginn aber ist’s nicht also gewesen.

Mose duldete und zog Grenzen um eine böse Sitte, die ein solches Volk, wie er wußte, nicht aufgeben würde, nachdem sie so lange geherrscht hatte. Sie konnten ein höheres Gesetz nicht tragen, und deshalb behandelte er sie wie Personen, die an Herzenshärtigkeit krank waren, und hoffte, sie stufenweise zu einem älteren und besseren Zustand zurückzuführen. In dem Maße, wie Unreinheit aufhörte und der Geist der wahren Religion das Volk beeinflußte, mußte die Notwendigkeit der Scheidung und selbst der Wunsch danach aussterben. Es war keine Vorkehrung im Paradiese dafür getroffen, daß Adam Eva verstoßen könnte; es war kein Wunsch nach Scheidung im goldnen Zeitalter. Die Bestimmung des mosaischen Gesetzes über die Scheidung war neu und zeitweilig, und in der Form, zu der eine leichte Deutung der Schrift sie verzerrt hatte, war sie nicht zu verteidigen.

9. Ich sage aber euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um der Hurerei willen), und freiet eine andre, der bricht die Ehe; und wer die Abgeschiedene freiet, der bricht auch die Ehe.

Hurerei kann eine gesetzliche und gerechte Scheidung veranlassen, denn sie ist eine thatsächliche Aufhebung des Ehebandes. Im Fall der Hurerei, auf klaren Beweis hin, kann das Band gelöst werden, aber in keinem andren Fall. Jede andre Scheidung ist vor dem Gesetz Gottes null und nichtig, und führt die, welche darauf hin handeln, zu dem Verbrechen des Ehebruchs. Wer die Abgeschiedene freiet, der bricht die Ehe, da sie nicht wirklich geschieden ist, sondern das Weib ihres früheren Ehemannes bleibt. Unser König duldet keine jener Verfügungen, die in gewissen Ländern es leicht mit dem Ehebande nehmen. Völker mögen Gesetze machen, wie sie es wagen, aber sie können Thatsachen nicht ändern; Personen, die einmal verheiratet sind, sind in den Augen Gottes fürs ganze Leben verheiratet, mit der einen Ausnahme einer bewiesenen Hurerei.

10. Da sprachen die Jünger zu Ihm: Steht die Sache eines Mannes mit seinem Weibe also, so ist’s nicht gut, ehelich zu werden.

Sie waren dahin gekommen, die leichte Lösung des Ehebandes als eine Art Erleichterung anzusehen, und die Ehe selber ohne die Macht, ihr durch die Scheidung wieder zu entgehen, als ein Übel oder wenigstens als etwas, das sich leicht als solches erweisen könnte. Besser nicht zu heiraten, als fürs Leben zu heiraten, das scheint ihre Vorstellung zu sein. Sogar seine Jünger zogen den Schluß, wenn sie auf das Risiko einer unglücklichen Ehe blickten, daß es besser sei, unverheiratet zu bleiben. Sie sprachen: “Es ist nicht gut, ehelich werden,“ und es war ein gewisses Maß von Wahrheit in ihrer Erklärung.

11. Er sprach aber zu ihnen: Das Wort faßt nicht jedermann, sondern denen es gegeben ist.

Es mag in einiger Hinsicht besser sein, nicht zu heiraten, aber das Wort faßt nicht jedermann, und es kann nicht von jedermann in Ausübung gebracht werden. Das Menschengeschlecht würde aussterben, wenn jedermann es könnte. Ein eheloses Leben ist nicht für alle, noch für viele; die Natur verbietet es. Für einige ist Ehelosigkeit besser als Ehe; aber solche haben eine besondere Konstitution oder leben in besonderen Verhältnissen. Enthaltung von der Ehe ist für einige wenige eine vorzügliche Gabe, die hohen Zwecken entspricht; aber im allgemeinen ist die Ehe ebenso notwendig, wie sie ehrenhaft ist.

12. Denn es sind etliche verschnitten, die sind aus Mutterleibe also geboren; und sind etliche verschnitten, die von Menschen verschnitten sind; und sind etliche verschnitten, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreichs willen. Wer es fassen mag, der fasse es!

Einige haben nur schwaches Verlangen nach der Ehe, und sie waren so geboren. Sie werden es gut finden, zu bleiben, wie sie sind. Andre unterdrücken die Wünsche der Natur aus heiligen und löblichen Gründen, um des Himmelreichs willen; aber dies ist nicht für alle. Es ist den einzelnen freigestellt, zu heiraten oder nicht. Wenn sie heiraten, so lobt die Natur es, aber die Gnade schweigt; wenn sie es um Christi willen unterlassen, so lobt die Gnade es, und die Natur verbietet es nicht. Erzwungene Ehelosigkeit ist das Samenbeet von Sünden. „Die Ehe soll ehrlich gehalten werden bei allen.“ Verletzungen der Reinheit sind ein Greuel vor den Augen des Herrn. In dieser Sache brauchen wir Leitung und Gnade, wenn wir dem gewöhnlichen Weg folgen, und wenn wir die weniger besuchte Straße erwählen, so werden wir der Leitung und Gnade sogar noch mehr bedürfen. Was den Entschluß betrifft, im ehelosen Leben zu verharren: “Wer es fassen mag, der fasse es.“
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Matthäus 19.13-17

Beitragvon Jörg » 24.11.2015 17:27

(Der große König unter den kleinen Kindern. V. 13-15.)

13. Da wurden Kindlein zu Ihm gebracht, daß Er die Hände auf sie legte und betete; die Jünger aber fuhren sie an.


Von Fragen über die Ehe zu der Frage über Kinder war ein leichter und natürlicher Schritt, und die Vorsehung lenkte es so, daß unser Herr von dem einen zu dem andren Thema überging.

Wir sehen daraus, daß die Leute auf den Gedanken kamen, Knaben und Mädchen zu unsrem Herrn zu bringen, wie sanft Er gewesen sein muß. Kindlein wurden zu Ihm gebracht, daß Er die Hände auf sie legte und sie segnete und auch seine Hände zu Gott aufhöbe und für sie betete. Dies war ein sehr natürlicher Wunsch von seiten frommer Eltern, und zeigte viel Glauben an unsres Herrn Herablassung. Wir sind gewiß, daß die Mütter sie brachten, denn heilige Freuen tun noch immer das Gleiche. Die Jünger, eifersüchtig auf die Ehre ihres Herrn, wollten, daß die Mütter und Wärterinnen dies unterlassen. Sie hielten es für zu kindisch von seiten der Mütter, und für eine zu vertrauliche Behandlung des großen Lehrers. Waren nicht die Jünger kindischer als die Mütter, wenn sie dachten, daß ihr Herr unfreundlich gegen Kindlein sein würde?

14. Aber Jesus sprach: Lasset die Kindlein, und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Himmelreich.

Unser Herr ist demüthiger als seine Diener. Er befiehlt ihnen, die Kindlein nicht zu hindern, Er ruft sie zu sich; Er erklärt, daß sie gerade die Art von Menschen sind, aus denen sein himmlisches Reich besteht. “Solcher ist das Himmelreich.“ Dies ist das Banner der Sonntagsschule. Kinder, und die, welche ihnen gleichen, können frei in das Reich des Herrn der Himmel kommen; ja, es sind die Charaktere, welche allein in dies Reich kommen können.

15. Und legte die Hände auf sie; und zog von dannen.

Er taufte sie nicht, aber Er segnete sie. Die Berührung seiner Hände bedeutete mehr, als die Feder schreiben kann. Glückliche Kinder, denen dies Auflegen der Hände zu teil ward, denn diese Hände waren weder leer noch schwach!

Jesus hielt sich nicht auf, nicht einmal bei dieser lieblichen Gesellschaft, sondern eilte zu dem Ihm bestimmten Werk, und zog von dannen. Doch hatte Er so viel in den zwei Sätzen des vorhergehenden Verses gesagt, daß Erde und Himmel nie aufhören werden, dadurch um so reicher zu sein.

(Der König bestimmt den Vorrang. V. 16-30.)

16. Und siehe, einer trat zu Ihm und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes thun, daß ich das ewige Leben möge haben?


Hier war einer, der glaubte, einer der Ersten zu sein, und doch der Letzte war, ja, betrübt von dannen gehen mußte.

Er war ein selbstzufriedener Herr. Er schien zu fühlen, daß ein Gutes von ihm genügend sein würde, und daß er es sogleich thun könnte und wollte. Er hatte irgend eine böse Ahnung, sonst hätte er nicht die Frage gethan: “Was soll ich Gutes thun?“ Vielleicht könnte es, selbst in einem so trefflichen Leben wie das seine, an etwas noch fehlen. Aber wenn sich das zeigen sollte, so konnte er rasch den Mangel ausfüllen. Er war sehr ehrfurchtsvoll und redete den Herrn Jesus “Guter Meister“ an. So weit gut. Seine Frage war von großer Wichtigkeit für ihn. “Was soll ich thun, daß ich das ewige Leben möge haben?“ O, daß mehr junge Männer eine ähnliche Frage thäten! Es war eine sehr angemessene für einen ernsten Mann, wie er es ohne Zweifel war. Er suchte das ewige Leben, und konnte nicht zufrieden sein mit den Ehren der Gegenwart. Er wollte nur wissen, was er thun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen, dann wollte er sofort daran gehen.

Dies ist ein hoffnungsvoller Fragender. Gewiß, das wird ein großartiger Bekehrter werden! Laßt uns ein wenig warten, so werden wir sehen.

17. Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.

Unser Herr legte keinen Wert auf leere Komplimente, und darum fragt Er: “Was heißest du mich gut?“ Viele neuere Ketzer preisen Jesum, und ihr Lob ist eine solche Beleidigung seiner glorreichen Person, daß Er wohl sagen möchte: „Was heißest du mich gut?“ Meinte dieser Mann wirklich so? Wenn das, so wollte der Herr Jesus ihm einen Wink geben, daß Der, zu dem er sprach, mehr sei als ein Mensch. Der Beweis ist klar: entweder war Jesus gut oder er hätte Ihn nicht gut nennen sollen, aber da niemand gut ist als Gott, so muß Jesus, der gut ist, Gott sein.

Die Frage in betreff der Erlangung des ewigen Lebens durch ein gutes Werk beantwortet Jesus ihm auf seinem eignen Grund und Boden. Leben durchs Gesetz kommt nur durch das Halten der Gebote: “Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Niemand hat sie je so erfüllt, daß er gut gewesen wäre. Dachte dieser junge Mann, daß er es könnte? Doch, auf dem Boden des Gesetzes mußte er, wenn er das ewige Leben als einen Lohn verdienen wollte, so gut wie Gott sein und die Gebote vollkommen halten. So ward ihm der rauhe Weg der Werke vorgestellt, nicht, damit er versuche, das ewige Leben dadurch zu gewinnen, sondern damit er seine eignen Mängel wahrnehme und seine Schwachheit so fühle, daß er Errettung in einer andren Weise suche.
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Matthäus 19.18-22

Beitragvon Jörg » 26.11.2015 17:31

18.19. Da sprach er zu Ihm: Welche? Jesus aber sprach: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter; und: du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.

Der Fragende wagt zu sagen: “Welche?“ Nahm er an, daß gewisse zeremonielle Vorschriften genannt werden würden? Wahrscheinlich that er das, denn er fühlt sich ganz sicher in allen Punkten des Sittengesetzes. Unser Herr gibt ihm indes nichts Neues, sondern wendet sich zu den alten zehn Geboten. Er nennt zuerst die zweite Gesetzestafel und beginnt mit Geboten, die dem jungen Mann als bloße Gemeinplätze der Sittlichkeit erscheinen mußte. Das letztgenannte Gesetz faßte die übrigen zusammen und hätte die Augen des Fremden in betreff seiner Mängel öffnen sollen, denn wer ‚hat seinen Nächsten als sich selbst geliebt?* Der junge Aristokrat war indes nicht von der Sünde überführt. Er setzte sein Forschen nach der Seligkeit durch Werke fort, weil er sich auf dem Wege glaubte, sie zu gewinnen.

20. Da sprach der Jüngling zu Ihm: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlt mir noch?

Vielleicht sprach er die Wahrheit, so wie er das Gesetz verstand. Er hatte einen trefflichen, sittlichen Charakter von Jugend an bewahrt. Er fühlte, daß er ihm Thun und Handeln alle diese Gebote ohne irgend einen bedeutenden Fehler gehalten hatte. Er war kein Prahler, sondern konnte ehrlich behaupten, ein lobenswertes Leben geführt zu haben. Er war ohne Zweifel ein musterhafter Jüngling und so liebenswürdig, daß Jesus ihn sehr liebevoll anblickte. wir kennen einige, die ihm gleichen und von denen man sagen kann, daß sie „nach dem Gesetz unsträflich“ sind. Aber er war nicht alles, wofür er sich hielt; er liebte nicht seinen Nächsten als sich selbst, wie er bald sehen sollte. “Was fehlt mir noch?“ ist eine Frage, die wenige wagen würden zu thun. Er fühlte, daß, wenn ihm etwas fehlte, er ganz und gar nicht wisse, was es sei. Seine Selbstachtung hatte keine Zunahme nötig.

21. Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, und folge mir nach.

Unser Herr stellt ihn auf die Probe der ersten Gesetzestafel: „Du sollt den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen.“ Wenn er dies that, so mußte er willig sein, auf göttliches Gebot hin sein Vermögen aufzugeben, eben wie Abraham bereit war, seinen Sohn zu opfern. Unser Herr Jesus forderte als Gott von ihm ein ungewöhnliches Opfer. Liebte er Gott genügend, um es zu bringen? Das Gebot unsres Herrn war eine Herausforderung der Selbstgerechtigkeit, ihr eignes Bekenntnis zu beweisen. Wir mögen es auch als eine Prüfung seiner Behauptung, seines Nächsten als sich selbst geliebt zu haben, betrachten. Liebte er die Armen als sich selbst? Wenn das, so war es nicht hart für ihn, seinen Besitz zu verkaufen und den Armen zu geben. Wir müssen daraus nicht schließen, daß Jesus will, daß alle seine Nachfolger alles, was sie haben, aufgeben sollen, denn es war eine Probe für diesen einen Mann: “Willst du vollkommen sein.“ Doch, wenn wir unsren Besitz mehr lieben, als Gott, so sind wir Götzendiener, und wenn wir unser Eigentum festhalten, so daß wir die Armen hungern lassen, dann kann es nicht von uns heißen, daß wir sie lieben als uns selbst. Wir haben von Leuten gehört, die beanspruchten, vollkommen zu sein, und doch Hunderttausende Mark in Besitz behielten, und wir haben an ihrer Vollkommenheit gezweifelt. War nicht Ursache dazu da? Mitleid mit der Armut, Eifer für die Wahrheit und Liebe zum Gutesthun werden kaum gestatten, daß ein Christ enorme Reichtümer besitzt. Jedenfalls werden solche Reiche es schwer finden, am jüngsten Tag Rechenschaft abzulegen. Wir müssen Jesum und seine große Sache mehr als unsren Reichtum lieben, sonst sind wir nicht seine wahren Nachfolger. Wenn unsre Religion je auf die große Probe grimmiger Verfolgung gestellt würde, und wir entweder all unsren Besitz aufgeben müßten oder Christum, so wäre Schwanken verhängnisvoll.

22. Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von Ihm; denn er hatte viele Güter.

Er konnte seinen Plan nicht seiner ganzen Länge nach ausführen. Er wollte durch Werke selig werden, dennoch wollte er nicht seine Werke völlig nach den Forderungen des Gesetzes ausführen. Er sah weder den Sinn der ersten Gesetzestafel, noch den der zweiten. Er liebte seinen armen Bruder nicht wie sich selbst; er liebte Gott in Christo Jesu nicht von ganzem Herzen und ganzer Seele. Er dachte, einer der ersten zu sein, aber er stand bald hinter den letzten zurück, denn er ging betrübt weg. So stellt der Heiland den Charakter auf die Probe. Das, was so sehr glänzte, wird nicht als Gold erfunden. Dieses Mannes großer Besitz besaß ihn so, daß er seine eigne Seele nie besaß.
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Matthäus 19.23-26

Beitragvon Jörg » 27.11.2015 18:34

23. Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen.

Weltliche Besitzungen haben ohne die göttliche Gnade einen tötenden, verhärtenden, hindernden Einfluß auf die Seele. Einige Reiche kommen ins Himmelreich, aber es ist schwer für sie; sehr schwer in der That. Die Versuchung ist da, die Reichtümer die Seele beherrschen zu lassen, und wenn das der Fall ist, so steht das Reich dieser Welt dem Himmelreich entgegen. Häuser und Ländereien und Gold und Silber sind ein Vogelleim für die Seele und Hindern ihr Aufsteigen zum Himmel. Dies ist besonders in Verfolgungszeiten der Fall, aber es ist auch in allen Perioden der menschlichen Geschichte genugsam eine Thatsache. Es ist der Beachtung wert, daß dieser harte Ausspruch für Christen gemeint war, denn es steht geschrieben: Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch.“

24. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.

Gewichtige Worte werden mit der Autorität bekundenden Formel eingeleitet: Weiter sage ich euch. In diese Aussage legt der Herr das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit. Er gebraucht ein sehr nachdrückliches Sprichwort, das genau das meint, was die Worte dem gewöhnlichen Leser andeuten. Es ist kein Sinn darin, sonderbaren Bildern nachzujagen, wo die sprichwörtliche Lehre so klar wie möglich ist. Er wollte zeigen, daß Reichtum weit mehr ein Hindernis als eine Hilfe für die ist, welche ins Reich Gottes eingehen wollen; in der That, ein solches Hindernis, daß die Sache ohne göttliche Dazwischenkunft unmöglich wäre. Ein Kamel ist nicht nur groß, sondern es hat Höcker, und wie kann es durch eine so kleine Öffnung wie ein Nadelöhr gehen? Es könnte nur durch ein seltsames Wunder hindurch kommen; ebenso kann ein Reicher nur in das Reich Gottes kommen durch ein Wunder der Gnade. Wie wenige der Reichen hören auf das Evangelium! Sie sind zu groß, zu fein, zu geschäftig, zu stolz, um den demütigen Prediger des Evangeliums für die Armen zu beachten. Wenn sie zufällig die himmlische Botschaft hören, so haben sie nicht die dringenden Bedürfnisse und die Trübsale, welche die Menschen von der gegenwärtigen Welt hinweg treiben, um Trost in der zukünftigen zu suchen, und so fühlen sie nicht die Notwendigkeit, Christum anzunehmen. „Gold und Gottseligkeit vertragen sich selten.“ Die, welche reich in dieser Welt sind, verschmähen es in den meisten Fällen, Unterthanen des Reiches zu werden, in dem der Glaube Reichtum und die Heiligkeit Ehre ist.

Sollten die Reichen das göttliche Leben beginnen, so ist es sehr schwer für sie, zu beharren unter den Sorgen, dem Luxus, den Versuchungen des Reichtums! Die Schwierigkeiten sind äußerst groß, wenn wir an das hoffärtige Leben, die Schmeichelei des Standes, die Gefahr der Macht und an die fleischliche Sicherheit denken. Dennoch, Gott sei gelobt, haben wir Reiche arm im Geiste werden sehen! Wir haben Kamele durch das Nadelöhr gehen sehen, mit Höcker und allem! Wir hoffen, noch viel mehr solcher Wunder allmächtiger Gnade zu sehen.

25. Da das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann denn selig werden?

Kein gewöhnliches Staunen erfüllt sie. Viele erstaunliche Wahrheiten hatten sie schon von ihrem Meister gehört, aber diese übertraf alle, und sie entsetzten sich sehr. Sie hatten früher gedacht, Reichtum sei ein Vorteil; und nun meinten sie, wenn die Reichen nur mit überaus großer Schwierigkeit errettet zu werden vermöchten, so könnten arme Arbeiter, wie sie selber, gar keine Hoffnung haben. Sie waren der Verzweiflung nahe, und darum richteten sie an ihren Herrn die sehr natürliche Frage: “Ja, wer kann denn selig werden?“ Sogar die Jünger unsres Herrn wurden verwirrt durch seinen klaren Ausspruch, so schwer ist es, von den Vorurteilen zugunsten des Reichtums frei zu werden.

26. Jesus aber sah sie an, und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Jesus aber sah sie an. Er sah sie mit Mitleid und mit Liebe an, und sagte ihnen, daß Gott das thun könnte, was ohne Ihn niemals geschehen könne. In das Himmelreich einzugehen, ist dem Menschen ohne Beistand unmöglich; die eine oder die andre Sünde versperrt den Weg. Die Sorgen dieser Welt und der Betrug des Reichtums sind eine mächtige Schranke für die Seele, wenn sie versucht, in die Stadt der Heiligkeit einzugehen; aber Gott kann machen, daß diese Schranken fallen und daß die Seele auf dem schmalen Pfad eingeht. Er ist mächtig, zu erretten. Bei Gott sind alle Dinge möglich. Welche frohe Wahrheit für den Schreiber und für den Leser! Unsre Errettung ist, wenn wir auf unsre Schwachheit und die Macht der Sünde sehen, unmöglich bei Menschen. Nur, wenn wir uns zu Gott und seiner Gnade wenden, gehört die Errettung zu den Möglichkeiten.

Der Reiche wird von unsrem Herrn nicht an die Spitze, sondern ans Ende der Reiche derer gestellt, die nach dem Himmelreich streben.

Herr, meine Hoffnung, in Deinem Reiche gefunden zu werden, ruft auf Deiner Macht und Gnade, und nicht auf meinen Besitzungen!
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Matthäus 19.27-30

Beitragvon Jörg » 29.11.2015 19:17

27. Da antwortete Petrus und sprach zu Ihm: Siehe, wir haben alles verlassen, und sind Dir nachgefolgt; was wird uns dafür?

Hier ist ein andrer, der den vordersten Platz beansprucht. Petrus antwortete, und fügte eine Frage hinzu, die, wie er zu denken schien, notwendig war für die volle Erörterung des Gegenstandes. Petrus spricht für seine Brüder: “siehe, wir haben alles verlassen, und sind Dir nachgefolgt;“ wir haben gethan, was der reiche Jüngling nicht thun wollte: “Was wird uns dafür?“ Er sprach als der Vertreter der Anzahl, die um des Himmelreichs willen arm geworden waren; gewiß, diese mußten einen großen Lohn haben. War es auch nur wenig, was die ersten Gläubigen zu verlassen hatten, so war es doch ihr alles, und sie hatten es verlassen, um Jesu nachzufolgen. Petrus wollte gern hören, was ihre Belohnung sein würde. Was Petrus sagte, war wahr, aber es war nicht weislich gesprochen. Es sah selbstsüchtig und gierig aus, und es war so unumwunden gesprochen, daß es in dieser Weise nicht von einem Diener zu seinem Herrn hätte gesagt werden sollen. Was haben wir im Grunde um Jesu willen zu verlieren, verglichen mit dem, was wir durch Ihn gewinnen! “Was wird uns dafür?“ ist eine Frage, die wir nicht zu erheben brauchen, denn wir sollten lieber an das denken, was wir schon durch unsres Herrn Hand empfangen haben. Er selbst ist Lohn genug für die Seele, die Ihn hat.

28. Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, daß ihr, die ihr mir seid nachgefolgt, in der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, werdet ihr auch sitzen auf zwölf Stühlen, und richten die zwölf Geschlechter Israels.

Unser Herr betrachtet Petrus als den Wortführer für alle und antwortet darum ihnen allen. “Jesus aber sprach zu ihnen.“ Da Er ihre fragende Gemütsstimmung sah, beginnt Er mit: “Wahrlich, ich sage euch.“ Er gibt ihnen herablassend auf ihre etwas selbstsüchtige Frage Auskunft. Sie brauchten nicht daran zu zweifeln, daß ein großer und voller Lohn da sein würde für die, welche Ihm nachgefolgt waren. Seine ersten Anhänger sollten hohen Rang haben und sollten als Beisitzer neben dem großen Richter am Tage seiner Erhöhung sitzen. Die, welche seine Erniedrigung mit Ihm teilen, sollen auch seine Herrlichkeit teilen.

Wenn unser Herr auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, so werden alle Dinge neu geworden sein. Dieses Zeitalter wird die Wiedergeburt genannt. Dann werden die Zwölfe, die Jesu sogar bis zum Verlust aller Dinge nachfolgten, die höchsten Ehren unter ihren Mitgenossen aus den zwölf Stämmen Israels erlangen.

29. Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig nehmen, und das ewige Leben ererben.

Niemand wird durch den Herrn Jesum auf die Länge verlieren. Jeder, der die Annehmlichkeiten dieses Lebens mutig um Christi willen verlassen hat, soll eine hundertfältige Belohnung erhalten. Unser Herr erstattet den Verfolgten alles, was sie um seinetwillen aufgeben. Die um der Wahrheit willen Verbannten haben einen Vater und einen Bruder in jedem Christen gefunden, eine Mutter und eine Schwester in jeder heiligen Frau. Unser Herr verleiht, indem Er uns seine Liebe und die Liebe unsrer Mitmenschen gibt, eine hundertfältige Belohnung denen, welche Weib und Kinder um seinetwillen zu verlassen haben. Heilige in der Verbannung haben, indem sie gastlich von liebevollen Brüdern aufgenommen wurden, in gewissem Sinn ihre Häuser und Äcker wieder erhalten. Überall zu Hause sein, ist ein großer Gewinn, selbst wenn wir um Christi Namens willen aus unsrem Vaterland verbannt wären. Vor allem haben wir in Gott einen hundertfachen Lohn für alles, was wir möglicherweise ums einer Sache willen verlieren können, und dann wird uns das ewige Leben gegeben, was keine Häuser und keine Landgüter uns hätten verschaffen können. In diesem Glauben blicken wir vorwärts auf die Regierung der Heiligen, wenn sie selbst hienieden die Erde besitzen und sich in der Fülle es Friedens freuen sollen. Über dieses hinaus, wenn die Zeit aufhört, liegt endlose Seligkeit, denn wir sollen das ewige Leben ererben. O, daß wir nie zögerten, fröhlich um Christi willen zu verlieren! Die, welche alles um Christi willen verlieren, werden alles in Christo finden und alles mit Christo empfangen.

30. Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein.

So faßt unser Herr seine Worte über die Reichen zusammen und gibt uns den vorliegenden kurzen Ausspruch, den Er schon erläutert hat und weiterhin im 16. Vers des nächsten Kapitels wiederholt. Unser König ordnet hier den Rang der Menschen an, wie derselbe von seinem Thron aus erscheint. Für sein Auge sind viele der Ersten die Letzten und viele Letzte sind die Ersten. Er wird in seinem Reich die Menschen nach der göttlichen Ordnung setzen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Matthäus 20.1-7

Beitragvon Jörg » 01.12.2015 16:54

(Ein Gleichnis vom Himmelreich. V. 1-16.)

1.2. Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.


Das Himmelreich ist ganz aus Gnaden, und ebenso der mit demselben verbundene Dienst. Laßt dessen gedacht werden bei der Auslegung dieses Gleichnisses. Der Ruf zur Arbeit, die Fähigkeit und der Lohn beruhen alle auf Gnade, und nicht auf Verdienst. Dies war kein gewöhnlicher Hausvater, und sein Ausgehen, um Arbeiter in seinen Weinberg zu mieten, war nicht nach der gewöhnlichen Weise der Menschen, denn die wollen ein volles Tagewerk für einen vollen Tagelohn haben. Dieser Hausvater zog mehr die Arbeiter in Betracht als sich selber. Er war auf, ehe der Tau noch vom Grase verschwunden war, und fand Arbeiter und sandte sie in seinen Weinberg. Es war ein köstliches Vorrecht, heiligen Dienst so früh am Morgen beginnen zu dürfen. Sie wurden eins mit dem Hausvater und gingen, um auf seine Bedingungen hin zu arbeiten. Sie konnten wohl zufrieden sein, da ihnen ein voller Tagelohn versprochen war und sie sicher waren, ihn zu erhalten. Ein Groschen den Tag war der gewöhnliche, allgemein angenommene Lohn. Der Hausvater und die Arbeiter wurden eins über diesen Betrag, dies ist der Punkt, der später beachtet werden muß. Junge Gläubige haben eine gesegnete Aussicht; sie mögen wohl glücklich sein, gute Arbeit zu thun, an einem guten Platz, für einen guten Herrn und auf gute Bedingungen hin.

3. 4. Und ging aus um die dritte Stunde, und sah andre an dem Markt müßig stehen, und sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin.

Da er Trägheit haßte und es ihn betrübte, andre am Markt müßig stehen zu sehen, so mietete er mehr Arbeiter um die dritte Stunde. Sie konnten nur noch drei Viertel Tag arbeiten, aber es war zu ihrem Besten, dem Herumstehen an den Straßenecken ein Ende zu machen. Diese gleichen den Personen, deren Kindheit vorüber ist, die aber noch nicht alt sind. Sie sind bevorzugt, daß sie noch einen guten Teil ihres Lebenstages dem heiligen Dienst widmen können. Zu diesen sprach der gute Hausvater: “Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.“ Er wies auf die hin, die schon auf dem Felde waren, und sprach: “Gehet ihr auch hin.“ Er versprach ihnen keine bestimmte Summe, wie denen, welche er zuerst mietete, sondern sagte: „Ich will euch geben, was recht ist.“ Sie gingen hin an ihre Arbeit, denn sie wünschten nicht Müßiggänger zu bleiben, und als billigdenkende Menschen konnten sie nichts gegen des Hausvaters Versprechen einwenden, ihnen zu geben, was recht sei. O, daß die um uns her, welche sich dem Mannesalter nahen, sogleich ihre Werkzeuge aufnehmen und beginnen möchte, dem großen Herrn zu dienen!

5. Abermal ging er aus um die sechste und neunte Stunde, und that gleich also.

Wäre es ganz und allein eine Geschäftssache gewesen, so würde der Hausvater bis zum nächsten Tage gewartet haben und hätte nicht einen vollen Tageslohn für einen Bruchteil eines Tagewerkes gegeben. Die ganze Sache war allein aus Gnaden, und deshalb rief er, als der halbe Tag vorüber war, um die sechste Stunde, noch Arbeiter herein. Männer von vierzig und fünfzig Jahren werden geheißen, in den Weinberg zu kommen. Ja, um die neunte Stunde werden Männer gemietet. Mit sechzig Jahren ruft der Herr noch eine Anzahl durch seine Gnade! Es ist falsch, zu behaupten, daß Menschen nicht nach dem vierzigsten Jahre errettet werden könnten; wir wissen vom Gegenteil und könnten Beispiele nennen.

Gott ruft in der Größe seiner Liebe Menschen in seinen Dienst, deren Fülle an Kraft schon gewichen ist; Er nimmt die sinkenden Stunden ihres Tages an. Er hat Arbeit für die Schwachen sowohl wie für die Starken. Er erlaubt keinem, für Ihn zu arbeiten ohne den Gnadenlohn, selbst wenn er seine besten Tage in Sünden verbracht hat. Dies ist keine Ermutigung für den Aufschub, aber es sollte bejahrte Sünder antreiben, den Herrn sogleich zu suchen.

6.7. Um die elfte Stunde aber ging er aus, und fand andre müßig stehen, und sprach zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand gedingt. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch in den Weinberg; und was recht sein wird, soll euch werden.

Der Tag war fast vorüber: nur eine einzige Stunde blieb noch nach; doch ging er um die elfte Stunde aus. Der großmütige Hausvater war willig, mehr Arbeiter zu mieten und ihnen Lohn zu geben, obgleich die Sonne unterging. Er fand eine Gruppe noch an der Ecke stehen - müßig stehen. Er wünschte die ganze Stadt von Müßiggängern zu befreien, und sprach deshalb zu ihnen: “Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?“ Seine Frage kann man so lesen, daß man abwechseln auf jedes Wort den Nachdruck legt, und dann liegt eine Fülle von Bedeutung darin. Warum seid ihr müßig? Wozu nützt das? Warum steht ihr hier müßig, wo alle geschäftig sind? Warum den ganzen Tag müßig? Will nicht kürzere Zeit dazu genügen? Warum ihr müßig? Ihr habt es nötig, zu arbeiten, ihr könnt es thun, und ihr solltet sogleich damit anfangen? Warum bleibt einer von uns müßig im Dienste Gottes? Hat nichts die Macht gehabt, uns zu heiligem Dienste zu bewegen? Können wir wagen zu sprechen: “Es hat uns niemand gedingt?“ Fast siebzig Jahre, und noch nicht errettet? Laßt uns uns aufmachen. Es ist Zeit, daß wir ohne Verzug daran gehen, das Unkraut auszurotten und den Weinstock zu beschneiden und etwas für unsren Herrn in seinem Weinberg zu thun. Was andres als reiche Gnade konnte Ihn bewegen, die bis zur elften Stunde Müßigen zu nehmen? Doch ladet Er sie ebenso ernstlich ein, als die, welche am Morgen kamen, und will ihnen ebenso gewiß ihren Lohn geben.
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Matthäus 20.8-12

Beitragvon Jörg » 04.12.2015 16:31

8. Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter, und gib ihnen den Lohn, und hebe an an den letzten bis zu den ersten.

Die Tage enden rasch, und für alle diese Arbeiter war der Abend gekommen. Dies war die Zeit der Zahlung, und der Herr des Weinbergs vergißt nicht sein Übereinkommen mit den Arbeitern und sagte ihnen auch nicht, sie müßten auf ihren Lohn warten. Unser Herr will niemanden seines Lohnes berauben. Der Hausvater im Gleichnis sieht persönlich nach allem. Sein ist das Mieten und der Befehl zum Zahlen. Rasch sagt er zum Schaffner: „Rufe die Arbeiter, und gib ihnen den Lohn.“ Wir werden jeder gerufen werden, unsren Lohn zu empfangen, wenn unser Tag vorüber ist. Glücklich sind wir, daß wir schon in den Weinberg gerufen sind; so wird der zweite Ruf zum Empfangen des Lohnes zu einem willkommenen.

Der Herr des Weinbergs, dessen Mieten kein gewöhnliches gewesen war, war ebenso eigentümlich in der Art des Zahlens. Es gefiel ihm, es so anzuordnen, daß die, welche zuerst kamen, zuletzt bedient wurden, was die Art der Menschen nicht oft ist. Es war kein kaufmännisches Geschäft, sondern eine Erweisung freier Gunst, und so zeigt sich die unumschränkte Macht selbst in der Ordnung des Zahlens - “hebe an an den letzten bis zu den ersten.“ Der Herr wird dafür sorgen, daß bei den Handlungen seiner Gnade seine unumschränkte Macht sowohl wie seine Güte sichtbar wird.

9. Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen.

Unsres Herrn Zahlung ist nicht die Löhnung des Verdienstes, sondern eine Gabe der Güte. Er zahlte nach Gnade und nicht nach Verdienst. Er fing in erhabenere Weise an und gab denen, welche um die elfte Stunde zu arbeiten begannen, jedem einen Groschen; hier war ein voller Tagelohn für eine Stunde Arbeit. Darin zeigte sich die grenzenlose Güte des Herrn des Weinberges. Daß einige, die dem Herrn nur sehr kurze Zeit gedient haben, denen, die viele Jahre lang gläubig gewesen sind, gleichgekommen sind, und sie selbst übertroffen haben, ist klar, denn viele kurze, aber gesegnete Lebensläufe bezeugen dies. Spät im Leben bekehrt, sind sie besonders fleißig und merkwürdig heilig gewesen und haben so sehr rasch das volle Ergebnis der Gnade erlangt. Gott wird die in die himmlische Herrlichkeit versetzen, die sich auch nur zuletzt zu Christo wenden. Sprach nicht unser Herr sogar zu dem sterbenden Schächer: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein?“ Zu welchem besseren Ort hätte irgend ein ehrwürdiger Heiliger gebracht werden können? O, der Reichtum der Gnade Gottes!

10. Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen.

Möglicherweise war die Eitelkeit der ersten dadurch verwundet, daß sie nach den andren bezahlt wurden. Sie gebrauchten ihre Wartezeit zum Betrachten ihrer eignen Vorzüge vor den Spätgekommenen. Voll gesetzlicher Grundsätze, lehnten sie sich gegen die Unumschränktheit der Gnade auf und empörten sich in Wirklichkeit in dieser Sache auch gegen die Gerechtigkeit. Die, welche eine Eigenschaft Gottes nicht mögen, lieben auch nicht die andre. Früher oder später widersetzen die, welche gegen die Unumschränktheit wüten, sich auch der Gerechtigkeit. Sie hatten, was ihnen versprochen war, was wollten sie mehr? Ein der Billigkeit gemäßer Lohn war gegeben; sie empfingen ein jeglicher seinen Groschen. Was konnten sie mehr erwarten? Aber sie meinten – da lag die Schwierigkeit; sie hatten eine Theorie zu unterstützen, eine Meinung zu rechtfertigen; und sie waren gekränkt, weil ihre Meinung sich nicht zu einer Thatsache entwickelte. Gott will sich nicht durch unsre Meinungen binden lassen, und wir betrügen uns nur selbst, wenn wir denken, daß Er es will.

11. 12. Und da sie den empfingen, murrten sie wider den Hausvater und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

Sobald der Groschen in ihrer Hand war, war ein Murren in ihrem Munde. Es war ein angemessener Lohn und der, worüber sie sich vereinbart hatten; aber, da sie den empfingen, murrten sie wider den Hausvater. Sein einziger, voraussetzbarer Fehler war, daß er als ein guter Mann zu gut gegen die war, die nur kurze Zeit gearbeitet hatten. Der Herr segnet oft Männer sehr, deren Arbeitsjahre kurz sind, und selbst die, welche spät im Leben errettet werden. Er mißt die Arbeit nicht, wie wir, mit dem Meter oder nach der Stunde. Er hat seine eigne, gnädige Weise, den Dienst zu schätzen, und das Rechnen der Gnade ist nicht wie das des Gesetzes.

Beim Anblick großer Gnade wurden neidische Herzen versauert. Die Murrenden sagten nicht, daß der großmütige Herr sie zu niedrig gestellt, sondern daß er andre, die nur eine Stunde gearbeitet, hoch gestellt. Ihre Klage war: “Du hast sie uns gleich gemacht.“ Darin hatte er sein eignes Geld angewandt, wie es ihm gefiel, eben wie Gott Gnade verteilt, wie Er will. Er ist nie gegen jemanden ungerecht, aber in Gaben der Güte will Er sich nicht durch unsre Vorstellungen von Gleichheit binden lassen. Wären sie rechter Art gewesen, so hätten sie sich gefreut, daß sie ein ganzes Tagewerk zu geben vermocht, da sie die Last und Hitze des Tages getragen hatten.

Jedenfalls ist es ein großes Vorrecht, dem Herrn ein langes Leben hindurch zu dienen, und die, welche diese große Gunst genossen, danken der Gnade Gottes sehr viel. Gelobt sei unser himmlischer Vater, einige von uns sind von Jugend auf seine Diener gewesen und haben nicht wenig Mühe ums eines Namens willen ertragen; aber darüber freuen wir uns sehr und preisen seine Liebe.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Matthäus 20.13-16

Beitragvon Jörg » 06.12.2015 12:20

13. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich thue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen?

Er ließ sich nicht in Streit mit der ganzen Gesellschaft ein; aber er antwortete einem von ihnen, was durchaus genügte. Sie waren einzeln gemietet, und einzeln rechnet er mit ihnen. Es ist eine ruhige und verständige Erwiderung: „Mein Freund, ich thue dir nicht Unrecht.“ Wenn der Herr uns gnädig belohnt für das, was wir thun, so geschieht uns nicht Unrecht, weil ein andrer, der weniger gethan hat, denselben Lohn empfängt. Die ruhige, persönliche Frage ist eine, auf welche es keine Antwort gibt: “Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen?“ Doch drängt der gesetzliche Geist sich ein, selbst bei der Arbeit, die ganz aus Gnaden ist. Sogar unter den rechten Söhnen des Vaters wird der älteste Bruder von diesem fremden Geist berührt. Niemand von uns ist frei davon, er scheint in dem Gebein unsrer stolzen Natur erzeugt zu werden, und doch ist nichts unliebenswerter und unvernünftiger.

14. 15. Nimm, was dein ist, und gehe hin! Ich will aber diesem Letzten geben, gleich wie dir. Oder habe ich nicht Macht, zu thun, was ich will mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, daß ich so gütig bin?

Der gütige Mann steht fest in seinem großmütigen Entschluß. Er will sich nicht durch neidische Zungen von seiner Freigebigkeit abwendig machen lassen. Was er gibt, ist sein Eigentum, und er behauptet sein Recht, damit zu thun, was ihm gefällt. Dies ist eine schöne Erläuterung der Unumschränktheit göttlicher Gnade. Jeder soll alles haben, was er beanspruchen kann. “Nimm, was dein ist;“ und wenn er es hat, so möge er zufrieden sein: „Gehe hin.“ Der Herr will sich nicht durch unsre Regeln beherrschen lassen, sondern erklärt: „Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir.“ Es ist herablassend von seiner Seite, etwas zur Verteidigung seines angemessenen und gerechten Standpunktes zu sagen: “Habe ich nicht Macht, zu thun, was ich will mit dem Meinen?“ Wenn Barmherzigkeit des Herrn Eigentum ist, so mag Er sie austeilen, wie es ihm gefällt; und wenn der Lohn des Dienstes ganz aus Gnaden ist, so kann der Herr ihn nach seinem Belieben geben. Seid gewiß, daß Er dies thun wird. In Donnerworten spricht Er, sowohl unter dem Gesetz wie unter dem Evangelium. „Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich.“

Das war eine ins Herz treffende Frage, die jeder Murrende beantworten sollte: “Siehst du darum scheel, daß ich so gütig bin?“ Macht es dich eifersüchtig, daß du andre sich meiner Güte erfreuen siehst? Wenn ich gut bin gegen die, welche es so wenig verdienten, beraubt das dich des Guten, das ich dir verliehen habe?

Laßt uns nie Spätbekehrten ihre Freude oder ihr nützliches Wirken beneiden, sondern die unumschränkte Macht preisen, die sie so reichlich segnet. wir teilen die Barmherzigkeit mit ihnen, laßt uns ihnen einen gleichen Teil von unsrer Freude geben.

16. Also werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Hier wiederholt der Herr seinen bekannten Ausspruch, den wir schon Kap. 19,30 beachteten und läßt uns wissen, daß der Vorrang im Himmelreich nach der Ordnung der Gnade ist. Der König will an seinem eignen Hof herrschen, und wer wird seinen Willen in Frage stellen? Da Er König ist, so ist es sein Recht, zu herrschen. Treue Unterthanen sind immer bereit, auf die Seite ihres Königs zu treten. Unser König herrscht nach göttlichem Recht und kann nicht Unrecht thun. Es ward von David gesagt. „Es gefiel dem Volk wohl alles Gutes, was der König that.“ Laßt dies von Davids Sohn und seinem Volke wahr sein. Jesus sagt uns, daß, während viele zum Dienst berufen werden, wenige die Stufe auserwählter Männer erreichen. Einige der Letzten werden die Ersten sein, denn reiche Gnade wird in ihrer kurzen Arbeitsstunde gesehen; aber einige der Ersten werden die Letzten sein, denn sie sind an ihrem längeren Tage nicht immer fleißig und bleiben so zurück im Laufe, oder ihre gesetzliche Denkweise stellt sie weit hinter die, welche später im Leben berufen wurden, aber in den Lehren der göttlichen Gnade besser unterwiesen sind.
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Matthäus 20.17-21

Beitragvon Jörg » 08.12.2015 11:31

(Der König auf seinem Wege zum Kreuze. V. 17-28.)

17-19. Und Er zog hinauf gen Jerusalem, und nahm zu sich die zwölf Jünger besonders auf dem Wege, und sprach zu ihnen: Siehe, wir ziehen hinauf gen Jerusalem, und des Menschen Sohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden Ihn verdammen zum Tode, und werden Ihn überantworten den Heiden, zu verspotten, und zu geißeln, und zu kreuzigen; und am dritten Tage wird Er wieder auferstehen.


Mit entschlossenem und kräftigem Schritt hinaufziehend zu der schuldigen Hauptstadt, ging Jesus den zitternden Jüngern voran, die vorher sahen, daß sich irgend etwas Schreckliches ereignen würde. Sie gingen mit Ihm, und das war etwas, und zeigte, daß sie, obwohl schüchtern, doch aufrichtig waren. Seine Worte waren wahr und bedeutsam: “Siehe, wir ziehen hinauf gen Jerusalem.“ Er hielt es für weise, ihnen wieder von der dunkelen Zukunft zu sagen, die sich jetzt nahte, deshalb nahm Er zu sich die zwölf Jünger besonders auf dem Wege. Das ist die beste Gemeinschaft, wenn Jesus selbst uns besonders nimmt. Er kennt die geeignetsten Zeiten für die vollsten Offenbarungen. Möglicherweise suchte seine menschliche Seele hierin Genossenschaft, aber wie wenig fand Er davon unter seinen schwachen Nachfolgern! Herr, wenn Du mich besonders nimmst, bereite mich für volle Gemeinschaft, damit ich nicht eine goldene Gelegenheit versäume!

Das Herz Jesu war voll von seinem Opfer. Beachtet, wie Er bei den Einzelheiten verweilt vom Anfang bis zum Ende seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung. Er gebraucht fast dieselben Ausdrücke wie damals, als sie in Galiläa waren. Wir beachteten den Ausspruch in Kapitel 17,22, und dies gleicht sehr einer Wiederholung desselben. Es war ein zu ernster Gegenstand, um mit mannigfaltigen Worten dargestellt zu werden. Er lenkt ihre Aufmerksamkeit darauf, daß sie hinaufgingen nach Jerusalem, dem Ort des Opfers: Die Reise zu den größten Leiden begann; das Ende eilte herbei. Welches Weh durchzuckte sein Herz, als Er sprach: “Des Menschen Sohn wird verraten werden!“ Dies sprach Er vor den Ohren des Jüngers, der Ihn nachher verriet. Drückte dies keinen Stachel in sein niedriges Herz? Die Zwölfe wußten, daß Jesus keine grausameren Feinde hatte, als die “Hohenpriester und Schriftgelehrten“, die Männer des Sanhedrin. Diese würden Ihn in einem Scheinverhör “zum Tode verdammen“, aber da sie den Richterspruch nicht selbst ausführen könnten, würden sie Ihn “den Heiden überantworten“. Wie genau zeichnet der Herr den Verlauf ihres Thuns! Er läßt keine der schmachvollen Einzelheiten aus. Er sagt, daß sie Ihn den Römern überantworten werden, “zu verspotten, und zu geißeln, und zu kreuzigen.“ Hier waren drei scharfe Schwerter; man weiß kaum, welches die schärfste Spitze hat. Unsre Herzen sollten schmelzen, wenn wir an diesen dreifachen Schmerz denken: Hohn, Grausamkeit, Tod. Unser teurer Herr fügte indes ein Wort hinzu, was die Bitterkeit des Todeskelchs überwand. Hier war der helle Saum der schwarzen Wolke: “Am dritten Tage wird Er wieder auferstehen.“ Dies goß eine Flut von Licht über das, was sonst eine siebenfache Mitternacht gewesen wäre.

Verweilte unser Herr so bei seiner Passion, und sollten wir es nicht? Ja, sie sollte unser lebenslanges Thema sein. Sie sagen in dieser Zeit des Abfalls: „Denkt mehr an sein Leben, als an seinen Tod,“ aber wir lassen und nicht täuschen durch sie. „Wir predigen Christum, den Gekreuzigten.“ „Es sei aber ferne von mir rühmen denn allein von dem Kreuz unsres Herrn Jesu Christi.“

20.21. Da trat zu Ihm die Mutter Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor Ihm nieder, und bat etwas von Ihm. Und Er sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu Ihm: Laß diese meine zwei Söhne sitzen in Deinem Reich, einen zu Deiner Rechten und den andren zu Deiner Linken.

Während das Gemüt Jesu mit seiner Erniedrigung und seinem Tode beschäftigt war, dachten seine Nachfolger an ihre eigne Ehre und Gemächlichkeit. Ach, arme menschliche Natur! Die Mutter der Kinder Zebedäi sprach nur, was andre fühlten. Sie suchte mit Mutterliebe den Vorrang und sogar den höchsten Vorrang für ihre Söhne, aber der Unwille der andren Jünger zeigte, daß auch sie ehrgeizig waren. Ohne Zweifel wollten sie die Plätze einnehmen, welche die Mutter des Jakobus und Johannes für diese begehrte. Sie nahte sich dem Heiland ehrfurchtsvoll, sie fiel vor Ihm nieder. Doch war zu viel Vertraulichkeit in ihrer Bitte, daß ihr etwas Ungenanntes gewährt werden möchte: “sie bat etwas von Ihm.“

Unser Herr gibt uns hier das Beispiel, daß wir niemals im Dunkeln etwas versprechen müssen. “Er sprach zu ihr: Was willst du?“ Wißt, was ihr versprecht, ehe ihr versprecht. Groß war der Glaube dieses Weibes an unsres Herrn schließlichen Sieg und Thronbesteigung, da sie diese für so gewiß hält, daß sie bittet, ihre zwei Söhne möchten in seinem Reich zu seiner Rechten und Linken sitzen. Wußte sie, was unser Herr seinen Jüngern gesagt hatte? Wir glauben es halb, denn die Worte lauten: “Da trat zu Ihm die Mutter der Kinder Zebedäi.“ Wenn sie alles wußte und verstand, was vorhergegangen war, so wollte sie, daß ihre Söhne das Los Jesu teilen sollten, beides, sein Kreuz und seine Krone, und dies setzt ihre Bitte in ein helles Licht. Dennoch war viel von der Parteilichkeit einer Mutter in ihrer Forderung. Seht, wie sie “diese meine zwei Söhne“ sagt mit einem Anflug von Stolz darin. Wie großartig beschreibt sie die gewünschte Stellung: “Laß sie sitzen in Deinem Reich, einen zu Deiner Rechten und den andren zu Deiner Linken!“ Sie hatte augenscheinlich sehr hofmäßige Vorstellungen von dem, was dieses Reich schließlich werden würde. Jedenfalls war in ihrer Bitte viel Vertrauen und viel treue Anhänglichkeit an Christum, obwohl auch etwas Selbstsüchtiges. Wir brauchen sie nicht zu tadeln, aber wir mögen uns selber fragen, ob wir so hoch von unsrem Herrn denken, wie sie es that.
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Matthäus 20.22-23

Beitragvon Jörg » 10.12.2015 14:49

22. Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und euch taufen lassen mit der Taufe, da ich mit getauft werde? Sie sprachen zu Ihm: Jawohl.

Die Bitte der Mutter war auch die der Söhne, denn Jesus antwortete und sprach: „Ihr wißet nicht, was ihr bittet.“ Die Bitte de Mutter war wahrscheinlich von besserem Gehalt als die der Söhne, denn unser Herr spricht mehr zu ihnen als zu ihr. Sie hatten durch die Mutter gebeten, aber sie mögen in größerer Unwissenheit gebeten haben, als diese. Hätten sie gewußt, was ihre Bitte einschloß, so hätten sie dieselbe vielleicht nie vorgebracht. Jedenfalls behandelt der Herr das Gesucht mehr als das ihre, denn als das ihrer Mutter, und in betreff ihrer selbst fragt er sie, wie weit sie auf die Folgen vorbereitet seien. Dem Thron dess Königs nahe sein, würde Gemeinschaft mit Ihm in den Leiden und der Selbstaufopferung, durch die Er sein geistliche Reich aufrichtete, einschließen. Waren sie dazu bereit? Hatten sie Kraft, bis ans Ende zu beharren? “Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und euch taufen lassen mit der Taufe, da ich mit getauft werde? Sie sprachen zu Ihm: Jawohl.“ Vielleicht war dies eine zu hastige Antwort, und doch mag es die beste gewesen sein, die sie geben konnten. Wenn sie Kraft allein von ihrem Herrn erwarteten, so waren sie durch seine Gnade fähig, alles zu tragen. Aber wenn sie an seinen Thron dachten, hatten sie da an den Kelch und die Taufe gedacht, ohne welche es kein Reich und dessen Freuden geben würde?

23. Und Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch sollt ihr zwar trinken, und mit der Taufe, da ich mit getauft werde, sollt ihr getauft werden; aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben, steht mir nicht zu, sondern denen es bereitet ist von meinem Vater.

Da sie ihre Willigkeit aussprechen, mit Ihm in allen Dingen Gemeinschaft zu haben, so versichert unser Herr sie, daß Er nichts dagegen habe, mit ihnen in Gemeinschaft zu sein; aber Er zeigt ihnen das unmittelbare und gewisse Resultat dieser Gemeinschaft. Unser praktisches, gegenwärtiges Geschäft ist nicht, nach Vorrang im Reiche zu streben, sondern ergeben den Kelch des Leidens zu trinken und in die Tiefen der Erniedrigung zu tauchen, die unser Herr für uns bestimmt. Es ist eine große Ehre, wenn uns erlaubt wird, seinen Kelch zu trinken und mit seiner Taufe getauft zu werden; dies gewährt Er seinen gläubigen Jüngern. Diese Gemeinschaft ist das Wesen des geistlichen reiches. Wenn unser Kelch bitter ist, es ist sein Kelch; wenn unsre Taufe eine bange ist, es ist die Taufe, mit der Er getauft wurde. Dieses versüßt den einen und verhütet, daß die andre ein tödlicher Sturz werde. In der That, daß Kelch und Taufe sein sind, macht unsren Anteil daran zu einer durch die Gnade verliehenen Ehre. Andre Belohnungen des Reiches werden nicht willkürlich gewährt, sondern in angemessener Weise verliehen. Jesus sagt, daß die hohen Plätze in dem Reiche denen gegeben werden, welchen es bereitet ist von seinem Vater im Himmel. Er hat kein Bedenken, von dem zu sprechen, was sein Vater „bereitet“ hat. Alles in dem Reiche unsres Herrn ist göttlich angeordnet und bestimmt; nichts ist dem Zufall oder Schicksal überlassen.

Selbst Jesus will sich nicht in die göttliche Bestimmung über sein Reich einmischen. Als ein Freund darf Er nicht gebeten werden, einen vermeintlichen Privat-Einfluß zu gebrauchen, um die Anordnungen unendlicher Weisheit zu ändern. Ewige Ratschlüsse sind nicht zu ändern auf die Bitte schlecht beratener Jünger. In einem Sinne gibt Jesus alle Dinge; aber als Mittler kommt Er nicht, seinen eignen Willen zu thun, sondern den Willen Des, der Ihn gesandt hat, und darum sagt Er richtig von dem Rang in seinem Reiche: “Es steht mir nicht zu, zu geben.“ wie völlig nahm unser Herr einen niedrigen Platz ein um unsretwillen! Indem Er sich hier dem Vater unterwirft, erteilt Er unsrer Selbstsucht eine Rüge. Es mag sein, daß Er nicht nur die Mutter der Kinder Zebedäi, sondern alle Jünger, die beständig große Dinge für sich selber suchten, zurechtweisen wollte.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Matthäus 20.24-28

Beitragvon Jörg » 11.12.2015 17:45

24-26. Da das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wißt, daß die weltlichen Fürsten herrschen, und die Oberherren haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch; sondern, so jemand will unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener.

Natürlich gefiel den andren zehn Aposteln der Versuch der Söhne Zebedäi nicht, ihnen den Vorsprung abzugewinnen. Wir hören nie, daß sie unsres Herrn Bevorzugung des Petrus, Jakobus und Johannes übel empfanden; aber wenn zwei von diesen Vorrang selber suchten, konnten sie das nicht ertragen. Petrus stimmte ihnen hierin bei, denn wir lesen: “Da das die Zehn hörten.“ Einstimmig waren sie zornig über die Emporkömmlinge. Daß sie unwillig wurden, war ein Beweis, daß sie selbst ehrgeizig waren oder wenigstens nicht willig, den niedrigsten Platz einzunehmen. Weil sie desselben Fehlers schuldig waren, wurden sie unwillig über die zwei Brüder.

Hier war eine traurige Spaltung in dem kleinen Lager; wie konnte sie geheilt werden? Jesus rief sie zu sich; Er persönlich bekämpfte dies keimende Übel, und hieß die Zwölfe zu sich kommen und etwas anhören, was nur für ihr Ohr bestimmt war. Sie verwechselten sein Reich mit dem gewöhnlichen, menschlichen Regiment, und deshalb träumten sie davon, groß zu sein und in seinem Namen zu herrschen; aber Er wünschte, daß sie ihre Vorstellungen berichtigten und ihre Gedanken nach einer andren Seite hin wendeten. Es war wahr, daß es etwas höchst Ehrenvolles war, seine Nachfolger zu sein, und daß es sie zu Teilhabern an einem Reiche machte, aber dieses war nicht wie die irdischen Reiche. In den großen heidnischen Monarchien herrschten die Fürsten mit Autorität, Zwang und Pomp; aber in seinem Reiche sollte die Herrschaft eine Herrschaft der Liebe sein, und die Würde die des Dienstes. Wer am meisten dienen konnte, sollte der Größte sein; der am meisten Aufopfernde sollte am meisten Macht haben; der Demütigste am meisten geehrt werden. Wenn wir die Großen der Erde um den Vorrang streiten sehen, sollten wir jedesmal unsren Meister sagen hören: “So soll es nicht sein unter euch.“ Wir müssen für immer das Jagen nach Ehre, Amt, Macht und Einfluß aufgeben. Wenn wir überhaupt nach Größe streben, so muß es dadurch sein, daß wir groß im Dienen sind und der Diener oder Knecht unsrer Brüder werden.

27. Und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht.

Um in Christi Reich emporzusteigen, müssen wir herabsteigen. Wer der Vornehmste oder Erste unter den Heiligen sein will, muß ihr Knecht, Leibeigner oder Sklave sein. Je tiefer wir uns gebeugt, desto höher sind wir gestiegen. In dieser Art von Wettstreit können wir andre übertreffen, ohne den Unwillen der Brüder zu erregen.

28. Gleich wie des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß Er sich dienen lasse, sondern, daß Er diene, und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

Gewiß, Er, der am größten und der Vornehmste unter uns ist, hat das Beispiel des größten Liebesdienstes gegeben. Keine Diener warteten Ihm auf. Er war Meister und Herr, aber Er wusch seiner Jünger Füße. Er ist nicht gekommen, daß Er sich dienen lasse. Er empfing nichts von andren. Sein Leben war ein Leben des Gebens und das Geben eines Lebens. Zu diesem Zweck, war Er der Sohn des Menschen, mit dieser Absicht ist Er gekommen, zu diesem Ende gab Er sein Leben zu einer Erlösung für viele. Kein Dienst ist größer, als Sünder durch seinen eignen Tod erlösen, kein Amt ist demütiger, als an der Sünder Statt zu sterben.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Matthäus 20.29-34

Beitragvon Jörg » 13.12.2015 11:55

(Der König thut die Augen der Blinden auf. V. 29-34.)

29.30. Und da sie von Jericho auszogen, folgte Ihm viel Volks nach. Und siehe, zwei Blinde saßen am Wege; und da sie hörten, daß Jesus vorüberging, schrieen sie und sprachen: Ach Herr, Du Sohn Davids, erbarme Dich unser!


Auf Jericho hatte ein Fluch gelastet, aber die Gegenwart Jesu brachte ihm einen Segen. Wir nehmen an, Er mußte durch Jericho reisen, wie Er einmal früher durch Samaria reisen mußte. Unser Herr zog von Jericho aus, und viel Volks folgte Ihm nach, denn sein Ruf hatte sich überall verbreitet. Nichts Besonderes wird angemerkt, bis zwei Bettler auf den Schauplatz kommen. Die Barmherzigkeit hat das Elend nötig, um Gelegenheit zum Wirken zu bekommen. Siehe, zwei Blinde saßen am Wege. Sie konnten Jesum nicht sehen, aber wir werden aufgefordert, sie zu sehen. Sie hatten einen hoffnungsvollen Platz am Wege eingenommen, denn da konnten sie leicht alle guten Neuigkeiten hören, und wurden von den Mitleidigen gesehen. Sie hatten Ohren, wenn nicht Augen, und sie brauchten ihr Gehör gut. Auf Befragen erfuhren sie, daß Jesus vorüberging, und in dem Glauben, daß Er ihr Gesicht ihnen wiedergeben könne, wurden sie sehr eifrig in ihren Bitten: sie schrieen. Sie beriefen sich auf sein Mitleid: “Erbarme Dich unser.“ Sie wandten sich an das königliche Herz Jesu: “Ach Herr, Du Sohn Davids.“ Unsres Herrn Predigt wurde durch die wiederholten Schreie dieser zwei blinden Bettler von Jericho unterbrochen; aber das mißfiel Ihm nie. Ebensowenig werden wahre Prediger des Evangeliums aus der Fassung gebracht werden, wenn einige ihrer Hörer mit gleichem Eifer nach Errettung schreien.

31. Aber das Volk bedrohte sie, daß sie schweigen sollten. Aber sie schrieen viel mehr, und sprachen: Ach Herr, Du Sohn Davids, erbarme Dich unser!

Die Menge wünschte Jesum zu hören, aber konnte es nicht wegen des Schreiens der Blinden, deshalb bedrohte das Volk sie. Schalt es sie wegen schlechter Manieren, oder wegen des Lärms, oder wegen des barschen Tones, oder wegen des selbstsüchtigen Wunsches, Jesum allein in Anspruch zu nehmen? Es ist immer leicht, einen Stock zu finden, wenn man einen Hund schlagen will. Das Volk wollte, daß sie schweigen sollten, und fand reichlich Gründe dafür. Dies war gut genug für die, welche im Besitz ihrer Fähigkeiten waren; aber Menschen, die ihr Gesicht verloren haben, können nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn eine Gelegenheit da ist, es wieder zu erlangen. Da diese Gelegenheit rasch an den armen Männern vorüberging, wurden sie ungestüm in ihrem Eifer, und ungehindert durch die Drohungen der Menge, schrieen sie viel mehr. Einige Menschen werden vorwärts getrieben durch alle Versuche, sie zurück zu treiben. Wenn wir den Herrn suchen, thun wir gut, jedes Hindernis in einen Antrieb zu verwandeln. Wir mögen wohl Tadel und Schelte ertragen, wenn unser großes Ziel ist, Barmherzigkeit von Jesu zu erlangen. Unveränderlich war der Schrei der blinden Bettler: “Ach Herr, Du Sohn Davids, erbarme Dich unser!“ Sie hatten keine Zeit, Abwechselung in den Worten zu studieren. Da sie gebeten um das, was ihnen nötig war, in Worten, die aus ihrem Herzen drangen, so wiederholten sie ihr Gebet und ihre Bitte, und es war keine unnütze Wiederholung.

32. Jesus aber stand stille, und rief sie, und sprach: Was wollt ihr, daß ich euch thun soll?

Jesus stand stille. Auf die Stimme des Gebets hielt die Sonne der Gerechtigkeit inne in ihrem Lauf. Gläubige Bitten können den Sohn Gottes bei den Füßen halten. Er rief sie, weil sie Ihn gerufen hatten. Welchen Trost gewährte dieser Ruf ihnen! Es wird uns nicht gesagt, daß sie zu Ihm kamen: es ist nicht nötig, das zu sagen. Sie waren zu seinen Füßen, sobald die Worte gesprochen wurden. Wie traurig blind sind die, welche, nachdem sie tausendmal von der Stimme der Barmherzigkeit gerufen sind, sich doch weigern, zu kommen.

Unser Herr erleuchtet die Seelen sowohl wie die Augen, und darum wollte Er, daß diese Blinden ihre Wünsche fühlen und verständlich ausdrücken sollten. Er richtet die persönliche Frage an sie: “Was wollt ihr, daß ich euch thun soll?“ Es war keine schwere Frage, doch ist es eine, welche mancher Besucher unsrer Bethäuser schwierig zu beantworten finden würde. Ihr sagt, ihr „wünscht, errettet zu werden“: was meint ihr mit diesen Worten?

33. Sie sprachen zu Ihm: Herr, daß unsre Augen aufgethan werden.

Recht so. Sie hatten keine Zeit nötig zu einem zweiten Gedanken. O, daß unsre Hörer ebenso rasch wären mit dem Gebet: “Herr, daß unsre Augen aufgethan werden!“ Sie gingen geradeswegs auf die Sache zu. Es ist kein überflüssiges Wort in ihrer erklärenden Bitte. Kein Buch that not, keine Formel von Worten; der Wunsch kleidete sich selber in einfache, natürliche, ernstliche Worte.

34. Und es jammerte Jesum, und rührte ihre Augen an; und alsbald wurden ihre Augen wieder sehend, und sie folgten Ihm nach.

Und es jammerte Jesum. Da sie ihren Wunsch so ausgesprochen und in so großer Not waren, bemitleidete Jesus ihre Einsamkeit im Dunkel, ihr Entbehren der Freude, ihren Verlust der Kraft, ein Handwerk zu treiben und ihre daraus entspringende Armut. Er rührte ihre Augen an. welche Hände waren es, die so niedere Gemeinschaft mit menschlichem Fleisch hatten, und doch solche mächtige Thaten wirkten! Alsbald wurden ihre Augen wieder sehend. Nur ein Anrühren, so strömte Licht hinein. Zeit ist nicht nötig für die Heilungen Jesu. Der Beweis ihres Sehens war sofort da, denn sie folgten Ihm nach. Wir brauchen unser geistliches Gesicht am besten, wenn wir auf Jesum blicken und uns dicht an Ihn halten.

O, daß der Leser, wenn er geistlich blind ist, um das Anrühren Jesu bäte und es sogleich erlangte, denn alsbald wird er sehend werden! Ein inneres Licht wird in einem Augenblick auf die Seele scheinen, und die geistliche Welt wird der erleuchteten Seele sichtbar werden. Der Sohn Davids lebt noch und thut noch die Augen der Blinden auf. Er hört noch das demütige Gebet derer, welche ihre Blindheit und ihre Armut kennen. Wenn der Leser fürchtet, daß auch er geistlich blind sei, so möge er in diesem Augenblick zum Herrn schreien, und er wird sehen, was er sehen soll, und wird auf ewig die Hand preisen, die den Augen seiner Seele das Gesicht gab.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)


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