Die Zukunft Israels - hat Gott Israel verworfen?

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Moderator: Jörg

joasch
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Beitragvon joasch » 11.04.2005 18:52

Hallo zusammen,

wie mir scheint, bekommt die Diskussion hier langsam wirklich Buchumfang. Daher nur kurz das Wichtigste:

1. Zum Tempel
1.1 Bei Hesekiel

Meine Vermutung, Hesekiel könnte evtl. den zweiten Tempel meinen, bezog sich nicht auf Kapitel 37, sondern 40ff. Daß die dortigen Maße kaum mit dem historischen zweiten Tempel übereinstimmen, ist ein Punkt für Werner, allerdings auch kein zwingender Beweis, daß es keinen irdischen Tempel in einem irdischen 1000jährigen Reich geben kann. Jedoch vermag auch ich die in Hes 40ff erwähnten Tieropfer (vor allem die dort genannten Sündopfer) nicht mit dem NT in Einklang zu bringen (vgl. den Hebräerbrief), sollte damit ein aus unserer Sicht zukünftiger Tempel gemeint sein (ich gebe offen zu, hierauf derzeit keine befriedigende Antwort zu haben).

Hes 37,26.28 nun spricht von einem Heiligtum, das Gott „auf ewig in ihre Mitte stellen“ wird. Was ist damit gemeint? Ich gebe zu bedenken, daß auch das alttestamentliche Priestertum Aarons als „ewig“ bezeichnet wird (2.Mose 27,21; 28,43; 29,9.28; 3.Mose 6,11; 7,34; 24,3.9; 4.Mose 10,8; 18,8), und doch wissen wir aus dem NT, daß dieses Priestertum durch den Tod Jesu abgeschafft wurde.

Nicht daß jetzt jemand meint, ich würde der Irrlehre der Adventisten und Wachtturm-Jünger anhängen, welche die Unendlichkeit der ewigen Verdammnis leugnen (auf keinen Fall!), aber an manchen Stellen wird das Wort „ewig“ eben auch im Sinne von „unabsehbar lange Zeit“ gebraucht. Also kann man auch den Tempel in Hesekiel 37 als materiellen Tempel verstehen (sei es nun der zweite Tempel oder ein solcher im 1000jährigen Reich), der in der Ewigkeit freilich durch die unmittelbare Gegenwart des HERRN unter seinen Erlösten ersetzt wird.

Dem Zusammenhang nach geht es in Hesekiel 37 um die Sammlung Israels aus dem Exil und seine Wiederannahme bei Gott; hierbei handelt es sich nicht um die Rückkehr aus dem babylonischen Exil, denn dieser folgte rund 600 Jahre später die erneute Zerstörung des Tempels und Verbannung des Volkes (70 n. Chr. durch die Römer), während in V.25 die Rede davon ist, daß sie ewig in Frieden im Land bleiben werden. Und, pardon: daß mit „Israel“ im ersten Halbsatz das ethnische, im zweiten das „geistliche“ Israel gemeint sei, kann ich nach wie vor nicht akzeptieren. Ein irdisches Israel ist aus einem irdischen Land vertrieben worden, aber die Verheißung seiner Heimkehr soll einem „geistlichen“ Volk gelten (de facto einem anderenVolk!), das in ein „himmlisches“ Land zurück(!)kehrt? Nein: Hier wird ein und dasselbe Volk angesprochen und von demselben Land geredet. Daß die an Christus gläubigen Heiden jetzt in den Neuen Bund mit „eingepropft“ sind, steht ja außer Frage; aber daß dadurch die „natürlichen Zweige“ (eben!) endgültig und unwiderruflich verworfen wären, steht im Widerspruch zu Römer 11,23ff. Egal ob Jude oder Heide – jeder Einzelne steht mit dem Glauben und fällt mit dem Unglauben (Röm 11,20).

1.2 Der Tempel in der neuen Schöpfung
Ja, der HERR selbst ist dort der Tempel – aber habe ich das bestritten? Hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, daß ich einen materiellen Tempel meinte?

2. Zum Vorwurf der Bibelkritik durch Ron
Ich finde es traurig, wie schnell Du jemanden, der Deine Meinung nicht teilt, in die Schublade „Bibelkritiker“ steckst. Bibelkritik ist, wenn jemand die Bibel als Gottes unfehlbares Wort (ich verweise auf die sog. Chicago-Erklärung) ganz oder in Teilen ablehnt, nicht aber, wenn Lehrdifferenzen in einzelnen Auslegungsfragen bestehen. Der Vorwurf der Bibelkritik trifft weder auf Jens noch auf mich zu. Das muß ich entschieden zurückweisen.

Meine Frage ist nicht: „Sollte Gott gesagt haben?“, sondern: „Was hat Gott gesagt? Wie ist es gemeint? Wie steht es geschrieben?“ Ich behaupte keineswegs, die Bibel (bzw. hier: das AT) besser zu verstehen als die Apostel. Doch diese hatten nichts dagegen, wenn man ihre Lehre anhand des AT prüfte. Das lesen wir z.B. in Apg 17,11 von den Juden zu Beröa. Sie werden dafür nicht gescholten, sondern im Gegenteil sogar gelobt. Warum? Weil AT und NT übereinstimmen.

3. Zum Verhältnis von AT und NT
Ich habe auch nicht behauptet, die Verfasser des NT würden dem AT eine andere (falsche) Bedeutung unterschieben. Die Heilige Schrift kann sich unmöglich selbst widersprechen. Meine Frage war vielmehr, ob ein Zitat des AT im NT den Schluß rechtfertigt, die betreffende Stelle habe ausschließlich die Bedeutung, in der sie hier verwendet wird. Ich wies bereits darauf hin, daß der Gebrauch des AT im NT ein sehr vielfältiger ist und man nicht einfach behaupten kann: das NT sagt, es habe diesen Sinn (mein Einwand: meint es das wirklich so, oder könnte es auch sein, daß wir es mißverstehen?), also hat es nur diesen Sinn oder schon immer nur diesen Sinn gehabt. Jedoch offenbart Gott im NT Dinge, die über das AT hinausgehen oder dessen Vorschriften durch neue ersetzen (z.B. das levitische Priestertum durch das Christi). Dies führt uns zum Stichwort:

4. Fortschreitende Offenbarung
Wenn ich Ron richtig verstehe, soll es eine solche nicht geben? Aber wenn man das AT vom NT her verstehen will, setzt man sie doch voraus! (Natürlich gibt es keine fortschreitenden Offenbarung im Sinne der Wachtturm-Jünger, die jedesmal, wenn einer ihrer Endzeittermine platzt, sich damit herausreden, Gott habe „neues Licht“ gegeben.) Das NT spricht ganz klar davon, daß Gott seinen Aposteln und Propheten Geheimnisse geoffenbart hat, die früher unbekannt waren (z.B. die Ausdehnung des Neuen Bundes von Israel auf die an Christus gläubigen Heiden). Vgl. Röm 11,25; 16,25ff; 1Kor 15,51; Eph 1,9f; 3,3ff; Kol 1,25ff.

Doch diese Offenbarungen im NT sehen nicht so aus, daß Gott sagen würde: „Tja, liebe Israeliten: ich habe euch zwar damals etwas fest versprochen, aber jetzt habe ich es mir anders überlegt.“ Das hieße, er würde seine Verheißungen komplett über den Haufen werfen. Oder: „Was ich damals sagte, klang zwar eindeutig so, als ob es euch gilt, aber es war ganz anders gemeint...“ Nein: Gott spricht zwar auch in Geheimnissen, aber er lügt nicht! Es ist daher vollkommen inakzeptabel, wenn man meint, Offenbarungen Gottes, deren Wortlaut klar und eindeutig ist, würden in Wahrheit etwas ganz anderes bedeuten. So läuft man Gefahr, einer willkürlichen Auslegung der Bibel Tor und Tür zu öffnen; denn wer kann dann noch „prüfen, ob es sich so verhält“ (Apg 17,11)?

5. Zum Wortsinn der Bibel
Ron fragt, wie man ihn denn überhaupt feststellen könne. Ich nehme an, das war ironisch gemeint? Sonst würde ich mich schon sehr wundern. Wenn Gott sich menschlicher Sprache bedient, dann wird er ja wohl auch ihre Regeln benutzen. Warum und wozu sonst müssen sich Theologiestudenten mit den biblischen Sprachen abmühen? Natürlich ist nicht alles in der Bibel einfach zu verstehen, und wie ich bereits sagte, verstehe auch ich nicht alles. Wenn aber ein Text aufgrund des Zusammenhangs und der lexikalischen Wortbedeutungen einen guten wörtlichen Sinn ergibt, möchte ich dahinter keinen weiteren, angeblich „geistlichen“ Sinn suchen. So gingen Origenes und ihm folgend die Theologen des Mittelalters mit der Bibel um; die Reformatoren hingegen stellten die „Klarheit der Schrift“ wieder auf den Leuchter.

Zu guter Letzt...
Der Glaube an ein wörtliches tausendjähriges Friedensreich auf dieser Erde gehört zum ältesten (wenngleich auch schon damals umstrittenen) Glaubensgut der Christenheit: vgl. Justin d. Märtyrer (110-165), Dialog mit Trypho, Kapitel 80. Und obwohl einige, die in der Heilslehre „sauber“ waren, aber diese Auffassung Justins nicht teilten, erkannte er sie dennoch als „Anhänger des reinen und frommen Glaubens und wahre Christen“ an – eine geistliche Haltung, die ich vorbildlich finde.

„Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann...“ (2Tim 2,24).

Ich hoffe, wir können diesem Sinne verbleiben, auch falls wir uns in dieser Frage nicht einig werden sollten.

Joachim

Ron
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Beitragvon Ron » 12.04.2005 07:16

Hallo zusammen,
auch ich will mich kurz halten. Ich möchte an dieser Stelle nochmals auf das Buch zu diesem Thema verweisen, welches – so Gott will – in der zweiten Hälfte des Jahres herauskommen wird. Dort werden alle relevanten Stellen und Fragen behandelt werden. Daher will ich hier nichts vorwegnehmen.

1. Zum Tempel
1.1 Bei Hesekiel
Meine Vermutung, Hesekiel könnte evtl. den zweiten Tempel meinen, bezog sich nicht auf Kapitel 37, sondern 40ff. Daß die dortigen Maße kaum mit dem historischen zweiten Tempel übereinstimmen, ist ein Punkt für Werner, allerdings auch kein zwingender Beweis, daß es keinen irdischen Tempel in einem irdischen 1000jährigen Reich geben kann. Jedoch vermag auch ich die in Hes 40ff erwähnten Tieropfer (vor allem die dort genannten Sündopfer) nicht mit dem NT in Einklang zu bringen (vgl. den Hebräerbrief), sollte damit ein aus unserer Sicht zukünftiger Tempel gemeint sein (ich gebe offen zu, hierauf derzeit keine befriedigende Antwort zu haben).

Hes 37,26.28 nun spricht von einem Heiligtum, das Gott „auf ewig in ihre Mitte stellen“ wird. Was ist damit gemeint? Ich gebe zu bedenken, daß auch das alttestamentliche Priestertum Aarons als „ewig“ bezeichnet wird (2.Mose 27,21; 28,43; 29,9.28; 3.Mose 6,11; 7,34; 24,3.9; 4.Mose 10,8; 18,8), und doch wissen wir aus dem NT, daß dieses Priestertum durch den Tod Jesu abgeschafft wurde.

Nicht daß jetzt jemand meint, ich würde der Irrlehre der Adventisten und Wachtturm-Jünger anhängen, welche die Unendlichkeit der ewigen Verdammnis leugnen (auf keinen Fall!), aber an manchen Stellen wird das Wort „ewig“ eben auch im Sinne von „unabsehbar lange Zeit“ gebraucht. Also kann man auch den Tempel in Hesekiel 37 als materiellen Tempel verstehen (sei es nun der zweite Tempel oder ein solcher im 1000jährigen Reich), der in der Ewigkeit freilich durch die unmittelbare Gegenwart des HERRN unter seinen Erlösten ersetzt wird.

Ron: Ich bin ein wenig durcheinander! Welcher Tempel (bzw. welche Hes. Stelle) bezieht sich jetzt worauf? Mit dem hebr. Begriff für „ewig“ stimme ich zu. Daneben muss aber betont werden, dass der jeweilige Kontext den Sinn bestimmt. Und da, wo es um die Herrschaft und Gegenawart Gottes geht oder sein zukünftiges verheißenes Königreich, muss „ewig“ auch als „ewig“ verstanden werden. Auch hier macht das NT wieder deutlich, dass nach dem zeitlichen alten Bund der ewige Bund kommt – und nach dem NT leben wir bereits in diesem Bund! Und das die Schrift nirgendwo ein Zwischenreich lehrt, habe ich bereits begründet (s.o.). Aber auf alle diese Argumente ist bisher niemand eingegangen. Stattdessen versucht man die Diskussion auf angebliche Schwachstellen der nicht-dispensationalistischen Sicht zu konzentrieren. Daraus kann man nur schließen, dass man auf die erwähnten Argumente keine Antwort hat!?

Dem Zusammenhang nach geht es in Hesekiel 37 um die Sammlung Israels aus dem Exil und seine Wiederannahme bei Gott; hierbei handelt es sich nicht um die Rückkehr aus dem babylonischen Exil, denn dieser folgte rund 600 Jahre später die erneute Zerstörung des Tempels und Verbannung des Volkes (70 n. Chr. durch die Römer), während in V.25 die Rede davon ist, daß sie ewig in Frieden im Land bleiben werden. Und, pardon: daß mit „Israel“ im ersten Halbsatz das ethnische, im zweiten das „geistliche“ Israel gemeint sei, kann ich nach wie vor nicht akzeptieren. Ein irdisches Israel ist aus einem irdischen Land vertrieben worden, aber die Verheißung seiner Heimkehr soll einem „geistlichen“ Volk gelten (de facto einem anderenVolk!), das in ein „himmlisches“ Land zurück(!)kehrt? Nein: Hier wird ein und dasselbe Volk angesprochen und von demselben Land geredet. Daß die an Christus gläubigen Heiden jetzt in den Neuen Bund mit „eingepropft“ sind, steht ja außer Frage; aber daß dadurch die „natürlichen Zweige“ (eben!) endgültig und unwiderruflich verworfen wären, steht im Widerspruch zu Römer 11,23ff. Egal ob Jude oder Heide – jeder Einzelne steht mit dem Glauben und fällt mit dem Unglauben (Röm 11,20).

Ron: Pardon, aber das NT überträgt diese Verheißungen auf das neue Israel (aus Juden und Heiden). Gerade weil sie in den Neuen Bund bzw. das Bürgerrecht Israels hineingekommen sind haben sie Anteil an allen Verheißungen der Wurzel und geht an ihnen in Erfüllung. Daneben macht kaum ein anderer Text die Verwerfung des nicht erwählten Teils aus dem nat. Isreal deutlicher wie Rö.9,14-24! An keiner Stelle wird deutlich, dass diese Verwerfung wieder annuliert wird („zum Verderben geschaffen“)! Vgl. 1.Thess.2,14ff „eis telos“! usw. Die Gerichtsaussagen über Israel im NT haben endgültigen Charakter! An einem erwählten Rest macht Gott seine Treue deutlich. Daneben muss ich hier die Frage stellen (siehe anderes Thema auf bifo), ob Du glaubst, dass erwählte Christen wieder verloren gehen können?

1.2 Der Tempel in der neuen Schöpfung
Ja, der HERR selbst ist dort der Tempel – aber habe ich das bestritten? Hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, daß ich einen materiellen Tempel meinte?

Ron: Nein! (siehe Werners und meine Antwort!)

2. Zum Vorwurf der Bibelkritik durch Ron
Ich finde es traurig, wie schnell Du jemanden, der Deine Meinung nicht teilt, in die Schublade „Bibelkritiker“ steckst. Bibelkritik ist, wenn jemand die Bibel als Gottes unfehlbares Wort (ich verweise auf die sog. Chicago-Erklärung) ganz oder in Teilen ablehnt, nicht aber, wenn Lehrdifferenzen in einzelnen Auslegungsfragen bestehen. Der Vorwurf der Bibelkritik trifft weder auf Jens noch auf mich zu. Das muß ich entschieden zurückweisen.

Meine Frage ist nicht: „Sollte Gott gesagt haben?“, sondern: „Was hat Gott gesagt? Wie ist es gemeint? Wie steht es geschrieben?“ Ich behaupte keineswegs, die Bibel (bzw. hier: das AT) besser zu verstehen als die Apostel. Doch diese hatten nichts dagegen, wenn man ihre Lehre anhand des AT prüfte. Das lesen wir z.B. in Apg 17,11 von den Juden zu Beröa. Sie werden dafür nicht gescholten, sondern im Gegenteil sogar gelobt. Warum? Weil AT und NT übereinstimmen.

Ron: Ich habe niemanden der Bibelkritik beschuldigt. Aber es ist nunmal eine Tatsache, dass die heutige Bibelkritik genau diese Position bezieht und dies auch Marcion vertreten hat (und dafür kann ich nichts!). Die frühe Kirche hat sich entschieden dagegen gestellt (übrigens auch Justin d. M. im Dialog mit Trypho – siehe unten!), dass Christus und das NT das AT in ihren Sinne uminterpretiert und sie mit einem „unnatürlichen (christologischen) Sinn“ überfremdet. Ich habe lediglich davor gewarnt und gefragt, ob man mit dieser Lehre wirklich mitgehen will („in diesen Chor miteinstimmen will“). Von direkten Vorwürfen war nicht die Rede! Tut mir leid, wenn man es so verstanden hat.
Grundsätzlich (aber nicht in unserem Fall) fängt Bibelkritik nicht an einer bestimmten fundamentaltheologischen Stelle an. Nur weil jemand sich zur CE bekennt heißt das nicht, dass nun jegliche Bibelkritik ausgeschlossen sei. Hier geht es auch nicht primär um Bibelkritik, sondern um theol. Überzeugungen. Wie sehr man diese gewichtet, hängt wohl von jedem selber ab. Aber die Frage nach dem Neuen Bund oder ob nach Christus wieder Opfer eingeführt werden usw. sind keine simplen „Auslegungsfragen“, sondern sprechen direkt die Heilslehre an. Nicht das fundamentaltheologische Bekenntnis allein entscheidet über Bibeltreue oder nicht, sondern auch der Umgang mit der Schrift und die daraus resultierenden Ergebnisse.


3. Zum Verhältnis von AT und NT
Ich habe auch nicht behauptet, die Verfasser des NT würden dem AT eine andere (falsche) Bedeutung unterschieben. Die Heilige Schrift kann sich unmöglich selbst widersprechen. Meine Frage war vielmehr, ob ein Zitat des AT im NT den Schluß rechtfertigt, die betreffende Stelle habe ausschließlich die Bedeutung, in der sie hier verwendet wird. Ich wies bereits darauf hin, daß der Gebrauch des AT im NT ein sehr vielfältiger ist und man nicht einfach behaupten kann: das NT sagt, es habe diesen Sinn (mein Einwand: meint es das wirklich so, oder könnte es auch sein, daß wir es mißverstehen?), also hat es nur diesen Sinn oder schon immer nur diesen Sinn gehabt. Jedoch offenbart Gott im NT Dinge, die über das AT hinausgehen oder dessen Vorschriften durch neue ersetzen (z.B. das levitische Priestertum durch das Christi). Dies führt uns zum Stichwort:

Ron: Hier sind wir bei der hermeneutischen Diskussion der sog. „doppelten Erfüllung“. Dieses hermeneutische Prinzip läßt sich von der Schrift her nicht begründen und wird sogar von klass. Dispensationalisten abgelehnt (Pentecost, Fruchtenbaum u.a.)! Auch darauf wird im Buch eingegangen werden!

4. Fortschreitende Offenbarung
Wenn ich Ron richtig verstehe, soll es eine solche nicht geben? Aber wenn man das AT vom NT her verstehen will, setzt man sie doch voraus! (Natürlich gibt es keine fortschreitenden Offenbarung im Sinne der Wachtturm-Jünger, die jedesmal, wenn einer ihrer Endzeittermine platzt, sich damit herausreden, Gott habe „neues Licht“ gegeben.) Das NT spricht ganz klar davon, daß Gott seinen Aposteln und Propheten Geheimnisse geoffenbart hat, die früher unbekannt waren (z.B. die Ausdehnung des Neuen Bundes von Israel auf die an Christus gläubigen Heiden). Vgl. Röm 11,25; 16,25ff; 1Kor 15,51; Eph 1,9f; 3,3ff; Kol 1,25ff.

Ron: Natürlich gibt es eine fortschreitende Off. Nur nicht in dem Sinne, dass ZB Petrus in 2.Ptr.3,11ff sich irrt, weil erst mit Off.20 klar wurde, dass zwischen Wiederkunft und Himmel noch ein „Zwischenreich“ existiert. Dieses Verständnis von FO untergräbt die Einheit der Schrift und die Autorität der Apostel. Dann kann jeder kommen und zB die Aussagen früherer NT Schriften anhand älterer außer Kraft setzen. Auch dies ist wieder die Überzeugung der Bibelkritik welche meint, dass zB Paulus seine theol Sichten immer wieder verändert und entwickelt hat und das dass NT sowieso keine einheitliche Theol. lehre! Nein, Petrus lehrt eine gleiche Eschatologie wie Joh. Die metaphorische Sprache der Off. muss im Licht der ntl. Lehraussagen über Eschatlologie ausgelegt werden (Schrift legt sich selber aus).

Doch diese Offenbarungen im NT sehen nicht so aus, daß Gott sagen würde: „Tja, liebe Israeliten: ich habe euch zwar damals etwas fest versprochen, aber jetzt habe ich es mir anders überlegt.“ Das hieße, er würde seine Verheißungen komplett über den Haufen werfen. Oder: „Was ich damals sagte, klang zwar eindeutig so, als ob es euch gilt, aber es war ganz anders gemeint...“ Nein: Gott spricht zwar auch in Geheimnissen, aber er lügt nicht! Es ist daher vollkommen inakzeptabel, wenn man meint, Offenbarungen Gottes, deren Wortlaut klar und eindeutig ist, würden in Wahrheit etwas ganz anderes bedeuten. So läuft man Gefahr, einer willkürlichen Auslegung der Bibel Tor und Tür zu öffnen; denn wer kann dann noch „prüfen, ob es sich so verhält“ (Apg 17,11)?

Ron: Genau das ist Thema von Rö9-11. Paulus macht aber deutlich, dass das nat. Israel nicht ganz verworfen ist. Er nimmt sich als Beispiel und erwähnt den auserwählten Rest. Aber Paulus macht deutlich, dass Gott immer nach Auswahl gehandelt hat – und dies gilt auch für den neuen Bund! Rö.9-11 bestätigt die Treue Gottes und seines Wortes! Dazu wird es in dem besagten Buch eine ausführliche Exegese geben. Es ist mE nicht gut zu meinen es besser zu wissen als die Autoren des NT!

5. Zum Wortsinn der Bibel
Ron fragt, wie man ihn denn überhaupt feststellen könne. Ich nehme an, das war ironisch gemeint? Sonst würde ich mich schon sehr wundern. Wenn Gott sich menschlicher Sprache bedient, dann wird er ja wohl auch ihre Regeln benutzen. Warum und wozu sonst müssen sich Theologiestudenten mit den biblischen Sprachen abmühen? Natürlich ist nicht alles in der Bibel einfach zu verstehen, und wie ich bereits sagte, verstehe auch ich nicht alles. Wenn aber ein Text aufgrund des Zusammenhangs und der lexikalischen Wortbedeutungen einen guten wörtlichen Sinn ergibt, möchte ich dahinter keinen weiteren, angeblich „geistlichen“ Sinn suchen. So gingen Origenes und ihm folgend die Theologen des Mittelalters mit der Bibel um; die Reformatoren hingegen stellten die „Klarheit der Schrift“ wieder auf den Leuchter.

Ron: Ich betonte bereits, dass „wörtlich“ im Licht des NT zu definieren ist und gerade deshalb vor der Willkür menschlicher Ausleger sicher ist. Daneben betonte ich auch, dass die Reformatoren eher „meiner“ Hemeneutik und „meiner“ Israeltheologie zustimmen würden las Deiner (die „Eschatologie und Israelfrage“ ist einer der markantesten Unterschiede zwischen reformatorischer und dispensationalistischer Theologie!).

Zu guter Letzt...
Der Glaube an ein wörtliches tausendjähriges Friedensreich auf dieser Erde gehört zum ältesten (wenngleich auch schon damals umstrittenen) Glaubensgut der Christenheit: vgl. Justin d. Märtyrer (110-165), Dialog mit Trypho, Kapitel 80. Und obwohl einige, die in der Heilslehre „sauber“ waren, aber diese Auffassung Justins nicht teilten, erkannte er sie dennoch als „Anhänger des reinen und frommen Glaubens und wahre Christen“ an – eine geistliche Haltung, die ich vorbildlich finde.

„Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann...“ (2Tim 2,24).

Ich hoffe, wir können diesem Sinne verbleiben, auch falls wir uns in dieser Frage nicht einig werden sollten.

Ron: Ich habe und werde niemanden den Glauben absprechen, nur weil er ein irdisches Millennium vertritt. Zu den ältesten und frühkirchlichen Überzeugungen gehörten auch Dinge, die der Bibel ekletant widersprechen. Daher ist ein „angebliches“ Alter einer Lehre kein Beleg für dessen Bibeltreue. Daneben ist zu bezweifeln, dass Justin wirklich das gemeint hat, was heutige Dispensationalisten darunter verstehen. Aber die Interpretation der Theologiegeschichte war ja schon immer kontrovers. Daneben hört sich der obige Satz so an, als wenn jemand die Lehre von einem irdischen Millennium ins apostolische Glaubensbekenntnis mit aufnehmen will...

Lieben Gruss
Ronald

Hardy
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Beitragvon Hardy » 12.04.2005 08:15

Also, ich bin auch der Meinung, dass sowohl im AT als auch im NT ein irdisches Friedensreich gelehrt wird. Im NT haben wir noch zusätzlich die Information der Dauer dieses Friedensreiches - nämlich 1000 Jahre, während denen der Satan im Abgrund gebunden sein wird.

Zu den Opferbestimmungen im Tausendjährigen Reich, möchte ich gerne Arnold Fruchtenbaum zu Wort kommen lassen. Mir scheinen seine Ausführungen dazu im "Handbuch der biblischen Prophetie" sehr plausibel zu sein:
Die Opfergesetze des Tausendjährigen Reiches weisen mit denhenigen im mosaischen Gesetz in einigen Zügen Ähnlichkeit auf, enthalten aber auch völlig neue Vorschriften. Aus eben diesem Grund dürfen die Opfergesetze für das Tausendjährige Reich nicht als Wiedereinführung der Opferordnung Moses gesehen werden - sie sind es nicht und werden auch zu einem ganz anderen Zweck eingesetzt.
Ein verbreitetes Argument gegen die wörtliche Deutung dieser Schriftstelle ist die Frage, warum eine solche Opferordnung überhaupt noch nötig sein soll, weil der Messias ja als Opferlamm gestorben ist. Wenn der Tod Christi das letzte und endgültige Opfer für die Sünde war, wie sollen da Tieropfer noch eine Vergebung und Tilgung von Sünden bewirken? Also - sagen manche - dürfen diese Ausführungen bei Hesekiel nicht wörtlich verstanden werden. Wäre der Einwand richtig, so würde Hesekiel in diesen Kapiteln nur bedeutungslose Einzelheiten beschreiben. Noch dazu wird deren angebliche symbolische Bedeutung an keiner Stelle gedeutet. Wer sie also nicht wörtlich auslegen will, muss diese Aussagen notwendigerweise mit Hilfe eigener Meinungen und Vermutungen deuten und wird einen Sinn bestenfalls erraten können. Die wörtliche Auslegung jedoch ist der sicherste Weg zu einem Verständnis dieser Bibelstellen. Aber worin mag der Zweck dieser Opfer liegen, wenn man sie vom Kreuzestod Christi her betrachten muss? Wir sollten uns zunächst daran erinnern, dass auch die Opfer nach dem mosaischen Gesetz keine Sünden hinwegnehmen, sondern sie nur bedecken konnten (Hebr. 10,4). Diese Opfer sollten den Menschen nur dinghaft vor Augen stellen, was der Messias einmal tun würde (Jes 53,10-12)- Jesus gebot der Gemeinde, das Mahl des Herrn als sichtbare Erinnerung an sein am Kreuz vollbrachtes Werk zu feiern. Und Gott möchte auch dem Israel des messianischen Reiches ein deutliches Bild vor Augen stellen, was Christus am Kreuz getan hat. Für Israel wird dies freilich mit Hilfe eines Systems von Opfern anstelle des Mahles mit Brot und Wein geschehen. Also dienen die Opfer im Tausendjährigen Reich demselben Zweck wie das Abendmahl: die Menschen an das "...zu meinem Gedächtnis" zu erinnern.
Jesus allein!
Hardy


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