Die Institutio in einem Jahr lesen

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 08.08.2011 11:03

III,20,27

Ich will zusammenfassen. Die Schrift lehrt uns, daß die Anrufung Gottes das wichtigste Stück seiner Verehrung ist und preist sie uns hoch; denn sie setzt alle Opfer beiseite und fordert von uns diesen Dienst der Frömmigkeit! Es kann also nicht ohne offene Gotteslästerung zugehen, wenn wir unser Gebet an andere richten. Deshalb heißt es auch in einem Psalm: „Wenn wir … unsere Hände aufgehoben hätten zum fremden Gott, würde das Gott nicht finden?“ (Ps. 44,21f.). Ferner will aber Gott einzig und allein aus dem Glauben heraus angerufen werden, und er gebietet uns ausdrücklich, unsere Gebete nach dem Richtmaß seines Wortes zu gestalten. Der auf das Wort gegründete Glaube ist endlich die Mutter des rechten Gebets. Sobald man daher vom Worte abweicht, muß das Gebet notwendig verfälscht werden! Aber wir zeigten schon, daß die Schrift, wenn man sie auch ganz durchforscht, diese Ehre (nämlich: im Gebet angerufen zu werden) Gott allein vorbehält. Was das Amt der Fürbitte angeht, so sahen wir ebenfalls, daß es Christus eigen ist, und daß Gott nur solche Gebete wohlgefällig sind, welche dieser Mittler heiligt. Obgleich nun die Gläubigen gegenseitig ihre Gebete für die Brüder vor Gott bringen, so wird doch dadurch, wie wir darlegten, der einigen Fürbitte Christi kein Abbruch getan; denn wenn sie sich oder auch andere Gott ans Herz legen, so stützen sie sich allein auf diese Fürsprache Christi. Ferner haben wir auseinandergesetzt, daß es unsinnig ist, dies auf die Verstorbenen zu beziehen, von denen wir nirgendwo lesen, daß ihnen die Fürbitte für uns aufgetragen sei. Die Schrift ermahnt uns oft zu dieser gegenseitigen Dienstleistung; aber von den Toten sagt sie dabei nicht eine Silbe! Ja, Jakobus verbindet es miteinander, daß wir uns gegenseitig unsere Sünden bekennen – und daß wir füreinander beten sollen (Jak. 5,16); und damit schließt er die Toten stillschweigend aus! Um diesen Irrtum zu verurteilen, genügt eine Erwägung: das rechte Beten findet seinen Ursprung im Glauben, der Glaube aber kommt aus dem Hören des Wortes Gottes! (Röm. 10,14.17). Im Worte Gottes aber findet sich diese ersonnene Fürbitte nicht erwähnt. Denn der Aberglaube hat sich in seiner Unbedachtheit Fürsprecher zugelegt, die uns von Gott her nicht gegeben waren. Die Schrift ist zwar voll von den verschiedensten Formen von Gebeten, aber es findet sich dabei kein Beispiel für jene Fürsprache, ohne die man sich im Papsttum kein Gebet denken kann. Außerdem ist dieser Aberglaube offenkundig aus mangelndem Vertrauen entstanden: man war mit Christus als Fürsprecher nicht zufrieden oder man beraubte ihn dieses Lobpreises voll und ganz. Das letztere läßt sich leicht aus der Unverschämtheit der Papisten beweisen: das stärkste Beweismittel, mit dem sie ihre Behauptung verfechten, wir hätten die Fürsprache der Heiligen nötig, besteht nämlich in ihrem Einwurf, wir seien eines vertrauten Zugangs zu Gott unwürdige Nun geben wir zwar zu, daß dies sehr richtig ist, aber wir schließen daraus: wer Christi Fürsprache für nichts achtet, sofern nicht der heilige Georg oder der heilige Hippolyt oder dergleichen Larven hinzukommen, der läßt Christus nichts übrig!



III,20,28

Obwohl aber das Gebet im eigentlichen Sinne nur Wünsche und Bitten umfaßt, besteht doch zwischen Bitten und Danksagung eine so große Verwandtschaft, daß man sie leicht unter einem einzigen Namen zusammenfassen kann. Die Arten von Gebeten, die Paulus 1. Tim. 2,1 (zunächst) aufführt, fallen unter das erste Glied dieser Einteilung (nämlich: „Bitte, Gebet, Fürbitte“). Wenn wir „bitten“ und „beten“, so schütten wir vor Gott unsere Wünsche aus und begehren einerseits, was zur Ausbreitung seines Ruhms und zur Verherrlichung seines Namens dient, andererseits aber auch Wohltaten, die unserem eigenen Wohlergehen zugute kommen. Wenn wir „Dank sagen“ (1. Tim. 2,1; Fortsetzung!), so preisen wir seine Wohltaten gegen uns mit dem schuldigen Lob und danken seiner Freigebigkeit für alles Gute, das wir erlangt haben. So hat David diese beiden Stücke in eins zusammengefaßt: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!“ (Ps. 50,15). Nicht ohne Ursache gibt uns die Schrift die Weisung, daß beides bei uns stets in Übung sein soll. Denn unser Mangel ist, wie wir bereits an anderer Stelle sagten, so groß, und die Erfahrung bezeugt es ja laut, daß wir allenthalben von so vielen und so großen Nöten umdrängt werden, daß alle Menschen Ursache genug haben, stets zu Gott zu seufzen und zu flehen und ihn demütig anzurufen! Aber selbst wenn sie von Unglück frei wären, so müßten auch die Heiligsten unter ihnen durch die Schuld ihrer Missetaten und auch durch die unzähligen Angriffe der Anfechtungen dazu angespornt werden, eine Arznei zu begehren. Das Opfer des Lobpreises und der Danksagung kann nie und nimmer eine Unterbrechung erfahren, ohne daß wir dadurch Sünde auf uns laden; denn Gott hört ja auch nicht auf, Wohltaten auf Wohltaten zu häufen, um uns, so langsam und träge wir sind, zur Dankbarkeit zu zwingen. Kurz: so groß und so überschwenglich ist der Reichtum seiner Wohltaten, der uns geradezu überschüttet, so vielfältig und so gewaltig sind die Wunder, die wir ringsum erblicken, daß es uns zum Lobpreis und zur Danksagung nie an Grund und Anlaß fehlt! Wir wollen dies noch etwas deutlicher entfalten: All unsere Hoffnung und all unser Reichtum liegt in Gott, wie wir das schon oben hinreichend erwiesen haben; und deshalb kann es weder uns, noch allem, was wir haben, gut gehen, ohne allein durch seinen Segen: ihm müssen wir also auch uns und alles, was wir haben, beständig ans Herz legen! (Jak. 4,14f.). Weiterhin sollen wir alles, was wir überlegen, reden und tun, unter seiner Hand, unter seinem Willen und schließlich in der Hoffnung auf seine Hilfe überlegen, reden und tun! Denn es werden alle von Gott für verflucht erklärt, die ihre Pläne im Vertrauen auf sich selber oder irgend jemand anders überlegen und festlegen und die außerhalb seines Willens, ohne ihn anzurufen, etwas ins Werk setzen oder zu beginnen versuchen! (Jes. 30,1; 31,1). Wir haben auch schon mehrfach gesagt, daß ihm die schuldige Ehre widerfährt, wenn er als der Geber aller Güter anerkannt wird; daraus folgt: wir müssen alle diese Güter so aus seiner Hand entgegennehmen, daß wir unablässig für sie danken, und es gibt keine andere Weise, seine Wohltaten recht anzuwenden, als daß wir auch unaufhörlich sein Lob verkündigen und ihm danksagen; denn dies ist der einzige Zweck, weshalb sie uns aus seiner Freundlichkeit heraus zufließen und zukommen! Denn wenn Paulus (von dem, was wir empfangen,) sagt: „Es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet“ (1. Tim. 4,5), so gibt er damit zugleich zu verstehen, daß es ohne Wort und Gebet in keiner Weise heilig und rein für uns ist; dabei meint er nun freilich, wenn er „Wort“ sagt, zugleich damit auch den Glauben! Trefflich finden wir das bei David ausgedrückt: er hat des Herrn Freigebigkeit erfahren, und nun singt er: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben!“ (Ps. 40,4). Damit deutet er zugleich an, daß es ein böses Schweigen ist, wenn wir irgendeine seiner Wohltaten ohne Lobpreis übergehen! Denn sooft er uns wohltut, sooft bietet er uns auch einen Anlaß zum preisen! So verkündigt auch Jesaja Gottes einzigartige Gnade und ruft dabei die Gläubigen zu einem neuen und ungewöhnlichen Liede auf (Jes. 42,10). Im gleichen Sinne heißt es anderwärts bei David: „Herr, tue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige!“ (Ps. 51,17). In gleicher Weise bezeugen Hiskia und Jona, ihre Errettung solle zu dem Ziel führen, daß sie Gottes Güte mit Lobgesängen im Tempel verherrlichten (Jes. 38,20; Jon. 2,10). Dieselbe Regel schreibt David ganz allgemein allen Frommen vor: „Wie soll ich dem Herrn vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut; Ich will den Kelch des Heils nehmen und des Herrn Namen predigen“ (Ps. 116,12f.). Und die Kirche folgt dieser Regel in einem anderen Psalm: „Hilf uns, Herr, unser Gott, … daß wir danken deinem heiligen Namen und rühmen dein Lob!“ (Ps. 106,47). Oder auch: „Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht. Das werde geschrieben auf die Nachkommen, und das Volk, das geschaffen soll werden, wird den Herrn loben …, auf daß sie zu Zion predigen den Namen des Herrn und sein Lob zu Jerusalem!“ (Ps. 102,18f.22). Ja, sooft die Gläubigen Gott bitten, er möge etwas „um seines Namens willen“ tun, sooft erklären sie sich für unwürdig, etwas in ihrem eigenen Namen zu empfangen, verpflichten sie sich auch zugleich zur Danksagung und versprechen, Gottes Wohltat solle darin bei ihnen ihre rechte Anwendung finden, daß sie nun ihre Verkündiger werden! So spricht es Hosea aus, und zwar an einer Stelle, an der er von der künftigen Erlösung der Kirche redet: „Vergib uns alle Sünde und tue uns wohl, Herr, so wollen wir opfern die Farren unserer Lippen!“ (Hos. 14,3). Aber Gottes Wohltaten machen nicht nur Anspruch auf den Heroldsdienst unserer Lippen, sondern sie erwirken sich zugleich natürlicherweise unsere Liebe. So sagt David: „Ich habe ihn lieb; denn der Herr hat die Stimme meines Flehens gehört“ (Ps. 116,1; nicht Luthertext). An anderer Stelle berichtet er von der Hilfe, die er erfahren hat, und dabei heißt es: „Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke!“ (Ps. 18,2). Unser Lobpreis wird aber nie und nimmer Gottes Wohlgefallen finden, wenn er nicht aus dieser herzlichen Liebe hervorgeht! Ja, wir müssen auch ein Wort des Paulus festhalten, nach welchem alle unsere Gebete verkehrt und verderbt sind, wenn sie nicht in eine Danksagung ausmünden; er sagt nämlich: „In allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden“ (Phil. 4,6). Es gibt ja viele Leute, die sich von Eigensinn, Ärger und Ungeduld, von der Bitterkeit des Schmerzes und der Angst dazu treiben lassen, in ihrem Gebet zu murren; da gebietet nun Paulus eine solche Mäßigung der inneren Regungen, daß die Gläubigen, bevor sie erlangt haben, was sie begehren, dennoch Gott fröhlich preisen! Soll diese Verbindung von Gebet und Danksagung nun gar bei schier widerwärtigen Dingen ihre Kraft behalten, so bindet uns Gott mit um so festerem Bande, sein Lob zu singen, wenn er uns unsere Wünsche gewährt! Ich habe aber bereits dargelegt, wie unsere Gebete, die sonst befleckt wären, durch Christi Fürbitte gereinigt werden; dementsprechend gebietet uns nun der Apostel, auch unser Lobopfer durch Christus darzubringen (Hebr. 13,15), und damit macht er uns darauf aufmerksam, daß unser Mund nicht rein genug ist, um Gottes Namen zu verherrlichen, wenn nicht Christi Priestertum ins Mittel tritt: Daraus ergibt sich für uns, daß im Papsttum die Menschen furchtbar verblendet gewesen sind; denn da verwundern sich die meisten, daß Christus unser Fürsprecher genannt wird! Das ist nun der Grund, weshalb Paulus uns die Weisung gibt, „ohne Unterlaß“ zu beten und Dank zu sagen (1.Thess. 5,17f.). Er will eben, daß wir mit größter Ausdauer, zu jeder Zeit, an jedem Orte, in allen Verhältnissen und bei allen Dingen unsere Gebete zu Gott emporrichten, um alles von ihm zu erwarten und ihm für alles den Lobpreis zu bringen, wie er uns ja auch immerfort Ursache gibt, ihn zu loben und zu ihm zu beten!



III,20,29

Nun gilt dieses „Beten ohne Unterlaß“ zwar besonders für die eigenen, persönlichen Gebete des einzelnen; aber es betrifft zugleich auch in etwa die öffentlichen Gebete der Kirche. Diese können aber gar nicht mit anhaltender Ausdauer geschehen, sollen auch überhaupt nicht anders gehalten werden, als auf Grund einer öffentlichen Ordnung, die durch gemeinsame Übereinkunft aller zustande kommt. Das gebe ich durchaus zu. Deshalb werden ja auch bestimmte Stunden angesetzt und vorher festgelegt; und dies ist zwar vor Gott ohne Belang, aber doch für den Gebrauch der Menschen erforderlich, damit darauf Rücksicht genommen wird, wann alle am besten die Gelegenheit dazu haben, und damit überhaupt nach dem Wort des Paulus in der Kirche „alles ehrbar und ordentlich zugeht“ (1. Kor. 14,40). Allein, das hindert doch nicht, daß jede einzelne Kirche sich zuweilen zu häufigerer Übung des Gebets anspornen lassen oder auch unter dem Eindruck einer besonders drängenden Not zu heißerem Eifer entbrennen soll, von dem Beharren (im Gebet), das mit dieser fortwährenden, fleißigen Übung viel Verwandtes hat, werde ich am Schluß als der dazu geeigneten Stelle noch zu sprechen haben. Nun hat dies aber nichts mit dem „Plappern“ zu tun, das uns Christus hat verbieten wollen (Matth. 6,7). Denn er untersagt uns damit nicht, lange oder oft oder inbrünstig mit Beten anzuhalten. Wir sollen nur nicht darauf vertrauen, bei Gott etwas erpressen zu können, wenn wir ihm mit plappernder Geschwätzigkeit in die Ohren schreien, als ob er sich nach menschlicher Weise überreden ließe! Wir wissen nämlich, daß die Heuchler, die nicht bedenken, daß sie es mit Gott zu tun haben, bei ihren Gebeten ein Gepränge an den Tag legen, als ob sie einen Triumphzug machten! Unzweifelhaft hat sich jener Pharisäer, der Gott dankte, daß er nicht so wäre wie andere Leute (Luk. 18,11), vor den Augen der Menschen sehr gefallen, als ob er um seines Gebetes willen in den Ruf der Heiligkeit kommen wollte! Daher kommt auch das Plappern, das heutzutage aus gleicher Ursache im Papsttum im Schwang geht, indem die einen die gleichen Gebetlein immer wieder daherreden und damit die Zeit totschlagen, die anderen sich aber durch großen Wortreichtum beim Volke einen Namen machen wollen. Diese Geschwätzigkeit treibt mit Gott ein kindisches Spiel, und es ist darum nicht verwunderlich, daß sie von der Kirche ausgeschlossen wird, damit dort nichts erschalle als ernstes Gebet, das aus dem tiefsten Herzen kommt! Diesem Mißbrauch ist ein weiterer benachbart und ähnlich, den Christus gleichfalls verdammt: die Heuchler machen um des äußeren Gepränges willen Jagd auf viele Zeugen und belegen lieber den Markt mit Beschlag, um zu beten, als daß ihre Gebete des Lobpreises der Welt entbehren dürften! Nun soll aber doch, wie ich bereits ausführte, der Zweck des Gebets der sein, daß unser Herz zu Gott emporgerichtet werde, um sein Lob zu verherrlichen und von ihm Hilfe zu erflehen; daraus ist aber zu ersehen, daß es sein ursprüngliches Wesen im Gemüt und im Herzen hat; ja, das Gebet selber ist eigentlich eine Regung des tiefsten Herzens, die vor Gott, dem Herzenskündiger, ausgeschüttet und hingelegt wird! Deshalb hat – wie gesagt – unser himmlischer Meister, um uns die beste Regel zum Beten zu geben, uns angewiesen, in unser Kämmerlein zu gehen, die Tür zuzuschließen und dort im verborgenen zu unserem Vater zu beten, damit unser Vater, der im Verborgenen ist, uns erhöre! (Matth. 6,6). Da warnt er uns zunächst vor dem Beispiel der Heuchler, die mit ihren Gebeten ehrgeizig prangen, um die Gunst der Menschen zu erhaschen; zugleich aber weist er uns auch den besseren Weg, nämlich in das Kämmerlein zu gehen, die Tür abzuschließen und dort zu beten. Nach meinem Verständnis lehrt er uns mit diesen Worten, die Einsamkeit zu suchen, die uns dazu hilft, mit allen unseren Gedanken in unser Herz hinabzusteigen und in seine Tiefe zu dringen; und er verheißt uns, daß Gott, dessen Tempel unsere Leiber ja sein sollen, den Regungen unseres Herzens nahe sein werde. Er wollte aber damit doch nicht bestreiten, daß es auch an anderen Orten zu beten nütze sein kann; nur zeigt er, daß das Gebet etwas Verborgenes ist, das vor allem im Herzen sein Wesen hat und das dessen Ruhe, fern von allem Wirrsal unserer Sorgen, erfordert! Es war also nicht ohne Ursache, daß sich auch der Herr selber in die Einsamkeit, abseits von allem Trubel der Menschen begab, wenn er besonders inbrünstig beten wollte. Er hat das vielmehr getan, um uns mit seinem eigenen Beispiel zu mahnen, daß solche Hilfen nicht zu vernachlässigen sind, die unser Herz, das ja an und für sich nur allzu sehr zum Abschweifen geneigt ist, besser zu ernstem Eifer im Gebet hinlenken. Unterdessen hat er es auch nicht unterlassen, mitten im Trubel der Menschen zu beten, wenn die Gelegenheit es mit sich brachte, und so sollen auch wir „an allen Orten“, wo es erforderlich ist, „heilige Hände aufheben“ (1. Tim. 2,8). Wir müssen auch dafür halten, daß jeder, der sich weigert, in der heiligen Versammlung der Frommen zu beten, auch nicht weiß, was es eigentlich heißt, für sich allein oder in der Einsamkeit oder zu Hause zu beten! Wer es aber auf der anderen Seite versäumt, allein und für sich zu beten, der mag die öffentlichen Gottesdienste noch so häufig besuchen, so wird er doch dort nur Scheingebete tun, weil er auf die Meinung der Menschen mehr Wert legt, als auf Gottes verborgenes Urteil. Damit nun aber die gemeinsamen Gebete der Kirche nicht geringgeschätzt würden, hat sie Gott einst mit herrlichen Lobsprüchen geziert, vor allem, indem er den Tempel ein „Bethaus“ nannte (Jes. 56,7). Denn mit diesem Wort hat er uns kundgetan, daß das vornehmste Stück seiner Verehrung der Dienst des Gebets ist und daß der Tempel wie ein Panier vor den Gläubigen aufgerichtet war, damit sie sich einmütig in solchem Dienste übten. Es kam aber auch eine herrliche Verheißung hinzu: „Gott, man lobt dich … zu Zion, und dir bezahlt man Gelübde!“ (Ps. 65,2). Mit diesen Worten macht uns der Prophet darauf aufmerksam, daß die Gebete der Kirche niemals wirkungslos sein sollen; denn Gott gibt seinem Volke stets Anlaß zu fröhlichem Singen! Nun haben zwar die Schattenbilder des Gesetzes aufgehört; aber Gott wollte durch diese Zeremonie auch unter uns die Einigkeit des Glaubens erhalten, und deshalb besteht kein Zweifel, daß die gleiche Verheißung auch uns gilt; Christus hat sie ja auch mit eigenem Munde bestätigt (Matth. 21,13), und Paulus lehrt, daß sie stets in Kraft bleibt.
Simon W.

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 09.08.2011 08:11

III,20,30

Wie nun Gott den Gläubigen das gemeinsame Gebet in seinem Wort gebietet, so müssen auch öffentliche Kirchengebäude da sein, die zum Vollzug dieser Gebete bestimmt sind. Wer sich nun weigert, dort mit dem Volke Gottes zusammen gemeinsam zu beten, der kann nicht mißbräuchlich den Vorwand für sich in Anspruch nehmen, er gehe eben in sein Kämmerlein, um dem Gebot des Herrn zu gehorchen! Denn er verheißt doch, wenn zwei oder drei sich in seinem Namen versammelten und etwas erbeteten, so wolle er es tun (Matth. 18,19f.), und damit bezeugt er, daß er die öffentlich gesprochenen Gebete keineswegs verachtet. Nur muß dabei alles Gepränge und alles Haschen nach menschlichem Ruhm wegbleiben, und es muß lautere, wahre Andacht herrschen, die im Verborgenen des Herzens wohnt.Dies ist also sicherlich der rechte Gebrauch der Kirchengebäude. Dann müssen wir uns aber auf der anderen Seite hüten, sie nicht etwa, wie man das vor einigen Jahrhunderten angefangen hat, für Gottes eigentliche Wohnstätten zu halten, in denen er sein Ohr näher zu uns kommen ließe; auch sollen wir ihnen nicht irgendeine verborgene Heiligkeit andichten, die unser Gebet bei Gott geheiligter machte. Denn wir sind doch selbst Gottes wahre Tempel, und deshalb müssen wir in uns selber beten, wenn wir Gott in seinem heiligen Tempel anrufen wollen! Wir, die wir die Weisung haben, den Herrn ohne jeden Unterschied des Orts „im Geist und in der Wahrheit anzubeten“ (Joh. 4,23) – wir wollen solche groben Verirrungen den Juden und den Heiden überlassen! Gewiß war einst auf Gottes Geheiß der Tempel zum Beten und zur Darbringung der Opfer geweiht; aber das war zu einer Zeit, als sich die Wahrheit noch unter der Darstellung durch solche Schattenbilder verbarg; jetzt aber ist sie uns lebendig offenbar geworden, und nun gestattet sie uns nicht mehr, an irgendeinem Tempel zu hängen, der mit Händen gemacht ist! Selbst den Juden war der Tempel nicht dazu anvertraut, daß sie etwa Gottes Gegenwart zwischen seinen Mauern einschlössen, sondern sie sollten vielmehr darin geübt werden, das Bild des wahren Tempels zu betrachten! Deshalb gehen Jesaja und auch Stephanus mit scharfem Vorwurf gegen solche Leute an, die irgendwie meinten, Gott wohne in Tempeln, die mit Händen gemacht sind: (Jes. 66,1; Apg. 7,48).

III,20,31

Hieraus ergibt sich nun aber auch mehr als deutlich, daß weder unsere Stimme, noch auch unser Singen, wenn es beim Beten vorkommt, vor Gott irgendeinen Wert haben oder auch nur das Geringste ausrichten können, wenn sie nicht aus dem tiefen Drang des Herzens erwachsen! Nein, wenn sie bloß obenhin von Lippen und Kehlen ausgehen, dann rufen sie Gottes Zorn wider uns hervor; denn das hieße ja, mit Gottes hochheiligem Namen Schimpf zu treiben und mit seiner Majestät seinen Spott zu haben! So ergibt es sich für uns aus Worten des Jesaja, die zwar noch weiter reichen, aber auch dazu dienen, diesen Mißbrauch zu strafen: „Darum daß dies Volk zu mir naht mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz fern von mir ist, und sie mich fürchten nach Menschengeboten, die sie lehren; darum will ich auch mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde“ (Jes. 29,13f.; Matth. 15,8f.).
Aber damit verdammen wir nicht etwa Sprechen oder Singen, sondern wir halten sie vielmehr sehr hoch; nur muß ihnen der Drang des Herzens zur Seite gehen. Denn so üben sie unseren Sinn im Denken an Gott und halten ihn in Spannung; er ist ja unstet und wetterwendisch und wird deshalb leicht abgelenkt und hin und hergezogen, wenn er nicht mit den verschiedensten Mitteln festgehalten wird. Außerdem soll ja Gottes Ehre gewissermaßen aus allen einzelnen Teilen unseres Leibes hervorleuchten, und so ist es billig, daß besonders unsere Zunge mit Reden und Singen zu diesem Dienst bestimmt und geweiht sei; denn sie ist besonders dazu erschaffen, Gottes Lob zu verkündigen und zu preisen. Ihre wichtigste Verwendung findet aber unsere Zunge im öffentlichen Gebet, wie es in der Versammlung der Gläubigen gehalten wird; denn da handelt es sich darum, daß wir Gott, dem wir in einem Geiste und in dem gleichen Glauben dienen, auch gemeinsam mit einer Stimme und wie aus einem Munde gleichermaßen verherrlichen, und zwar öffentlich, so daß wir alle gegenseitig, jeder von seinem Bruder, das Bekenntnis des Glaubens vernehmen und durch sein Beispiel aufgemuntert und angereizt werden.

III,20,32

Im Vorbeigehen noch dies: Der Brauch, in den Kirchen zu singen, ist anerkanntermaßen sehr alt, ja er war schon bei den Aposteln in Übung, wie sich aus den Worten des Paulus entnehmen läßt: „Ich will Psalmen singen im Geist, und ich will auch Psalmen singen mit dem Sinn!“ (1. Kor. 14,15). Auch an die Kolosser schreibt er: „Lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, und singet dem Herrn mit Lieblichkeit in eurem Herzen!“ (Kol. 3,16; nicht ganz Luthertext). An der ersten Stelle gibt er die Vorschrift, mit der Stimme und mit dem Herzen zu singen, an der zweiten empfiehlt er die geistlichen Lieder, mit denen sich die Frommen gegenseitig erbauen sollen.Dies ist aber doch nicht allgemein verbreitet gewesen, wie es uns Augustin bezeugt; er berichtet, daß man in der Kirche von Mailand erst unter Ambrosius zu singen begonnen hat; damals wütete nämlich Justina, die Mutter des Valentinian,gegen den rechten Glauben, und das Volk stand mit größerer Ausdauer auf der Wacht, als es das sonst gewohnt war. Die übrigen Kirchen des Westens sind dann nach Augustins Bericht gefolgt (Bekenntnisse, 9,7). Kurz zuvor berichtet er nämlich, daß diese Sitte ihren Ursprung in den Kirchen des Ostens hatte. Im zweiten Buch seiner „Retractationes“ macht er deutlich, daß sie erst zu seiner Zeit in Afrika aufgenommen wurde. Er sagt da: „Ein gewisser Hilarius, ein Mann vom Rang eines Tribunen, verunglimpfte, wo er nur konnte, mit schmähenden Vorwürfen den damals zu Karthago aufgekommenen Brauch, vor dem Altar aus dem Buche der Psalmen Hymnen anzustimmen, und zwar entweder vor der Darbringung des Opfers, oder aber bei der Austeilung des Geopferten an das Volk. Diesem Mann habe ich auf Geheiß der Brüder eine Erwiderung gegeben“ (Retract. II,11). Und wirklich, wenn der Gesang so würdig und maßvoll geschieht, wie sich das vor Gottes und der Engel Angesicht gebührt, so verschafft er einerseits den heiligen Handlungen Würde und Anmut und dient andererseits sehr dazu, die Herzen zum wahren Eifer und zur rechten Inbrunst im Gebet zu erwecken. Man muß sich nur gründlich hüten, daß nicht das Ohr mehr Aufmerksamkeit auf die Melodie verwendet, als das Herz auf den geistlichen Sinn der Worte! Diese Gefahr hat den gleichen Augustin nach seinem eigenen Geständnis dazu bewegt, daß er zuweilen den Wunsch hatte, es möchte doch der von Athanasius beobachtete Brauch eingeführt werden: Athanasius gebot nämlich dem Vorleser, den Ton seiner Stimme so wenig wechseln zu lassen, daß er eher zu reden, als zu singen schien. Dann aber erinnerte sich Augustin daran, wieviel Gutes ihm das Singen gebracht hatte, und darüber neigte er dann doch wieder zur anderen Seite (Bekenntnisse 10,33). Wenn man also ein solches Maßhalten übt, dann ist der Gesang unzweifelhaft eine sehr heilige und heilbringende Übung. Dagegen ist nun auf der anderen Seite jeder Gesang, der bloß lieblich klingen und die Ohren ergötzen soll, der Majestät der Kirche nicht angemessen, und er kann auch Gott nur höchst mißfällig sein.

III,20,33

Daraus ergibt sich auch deutlich, daß man die öffentlichen Gebete nicht etwa bei den Lateinern in griechischer und bei den Franzosen und Engländern in lateinischer Sprache halten darf – wie das bis heute durchweg im Schwange ging! -, sondern daß sie in der Volkssprache abgefaßt sein müssen, die allgemein von der ganzen Versammlung verstanden werden kann. Denn diese Gebete sollen zur Erbauung der ganzen Kirche geschehen; ihr kann aber aus einem unverständlichen Klang keinerlei Frucht erwachsen! Wer aber weder auf die Liebe, noch auf das menschliche Empfinden Rücksicht nimmt, der sollte sich wenigstens einigermaßen vom Ansehen des Paulus bewegen lassen, dessen Worte durchaus eindeutig sind: „Wenn du aber segnest im Geist, wie soll der, so an des Laien Statt steht, Amen sagen auf deine Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagst? Du danksagest wohl sein; aber der andere wird nicht davon gebessert!“ (1. Kor. 14,16f.). Wer kann sich doch genugsam über den zügellosen Mutwillen der Papisten verwundern, die sich trotz dieses offenen Widerspruchs des Apostels nicht scheuen, die wortreichsten Gebete in einer fremden Sprache widerhallen zu lassen, Gebete, von denen sie selbst zuweilen nicht eine einzige Silbe begreifen und auch nicht wollen, daß andere sie verstehen?Uns dagegen gibt Paulus eine andere Weisung; er spricht: „Wie soll es aber denn sein? Ich will beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn!“ (1. Kor. 14,15). Unter „Geist“ versteht er hier die besondere Gabe der Zungenrede; einige, denen sie zuteil geworden war, mißbrauchten sie nämlich, indem sie sie vom „Sinn“, das heißt: vom Verständnis, abtrennten. Wir müssen aber allgemein urteilen, daß die Zunge ohne das Herz bei öffentlichem wie bei privatem Gebet Gott in jeder Hinsicht nur höchst mißfällig sein kann. Außerdem – so müssen wir weiter sagen – soll unser Sinn von einer derartigen Inbrunst der Betrachtung entflammt sein, daß er damit weit über alles hinausdringt, was die Zunge mit ihrer Kundmachung zum Ausdruck bringen kann.Und endlich: auch zum Einzelgebet ist die Zunge nicht erforderlich, es sei denn, daß die innere Empfindung von sich aus nicht stark genug ist, um sich recht aufzumuntern, oder aber, daß die Wucht solchen inneren Drangs auch ganz von selbst die Zunge in Bewegung setzt! Denn es geschehen zwar zuweilen die besten Gebete ohne die Zunge, aber in Wirklichkeit kommt es doch oft dazu, daß durch einen heftigen Ausbruch der inneren Bewegung nun auch die Zunge Worte auslöst und die anderen Glieder in heftige Gebärden verfallen, und zwar, ohne daß man dabei nach außen etwas scheinen will! Daher kommt auch das unbestimmte Murmeln der Hanna (1. Sam. 1,13), und etwas Ähnliches erfahren alle Heiligen ständig an sich selbst, indem sie nämlich unwillkürlich abgebrochene und abgehackte Worte entschlüpfen lassen.Die körperlichen Gebärden aber, die man gewöhnlich beim Gebet beobachtet, wie z.B. das Beugen der Knie und das Entblößen des Hauptes, sind Übungen, durch die wir uns zu größerer Ehrerbietung gegen Gott zu erheben bemühen.

III,20,34


Nun müssen wir nicht bloß die sicherste Art und Weise, sondern auch gerade die Form des Gebets lernen, nämlich die, welche uns der himmlische Vater durch seinen geliebten Sohn kundgetan hat (Matth. 6,9ff.; Luk. 11,2ff.). Gerade darin läßt sich seine unermeßliche Güte und Freundlichkeit erkennen. Er erinnert und mahnt uns nicht nur daran, ihn in aller unserer Not zu suchen, so wie Kinder, sooft sie irgendeine Bedrängnis anficht, zur Treue ihrer Eltern ihre Zuflucht zu nehmen pflegen. Nein, er hat auch gesehen, daß wir noch nicht einmal genugsam begreifen, wie groß unsere Armut ist, was wir billig begehren dürfen und was uns überhaupt nütze ist, und da kommt er auch dieser unserer Unkenntnis zu Hilfe und hat das, was unserem Verständnis mangelt, selbst aus dem Seinen heraus ersetzt und erstattet! Er hat uns nämlich eine feste Form vorgezeichnet, in der er uns wie auf einem Gemälde vor Augen stellt, was wir von ihm begehren dürfen, was zu unserem Besten dient und was zu erbitten vonnöten ist. Aus dieser seiner Gütigkeit erwächst uns viel Frucht des Trostes; denn wir wissen nun, daß wir nichts Widersinniges, nichts Verkehrtes oder Törichtes, kurz, nichts begehren, was ihm nicht wohlgefällig ist, weil wir ja geradezu wie aus seinem eigenen Munde beten! Als Platon bemerkte, wie unerfahren die Menschen darin sind, ihre Wünsche vor Gott zu bringen, ja, daß ihnen oft schlecht damit gedient wäre, wenn ihre Bitten erfüllt würden, da erklärte er für die beste Regel zum Beten einen Spruch, den er einem alten Dichter entnommen hatte: „Du, König Jupiter, bescheide uns das Beste, ob wir darum bitten oder nicht, und laß das Böse von uns fern bleiben, auch wenn wir es begehren!“ (Platon, Alkibiades). Dabei hat dieser Heide darin weise gedacht, daß er zu dem Urteil kommt, wie gefährlich es doch ist, von dem Herrn zu erbitten, was unser Verlangen uns eingibt; zugleich macht er unseren unglückseligen Zustand offenbar: wir können ja vor Gott noch nicht einmal ohne Gefahr den Mund auftun, wenn uns nicht der Heilige Geist unterweist und uns eine rechte Richtschnur zum Beten an die Hand gibt (Röm. 8,26). Um so höher verdient bei uns dies Vorrecht geschätzt zu werden, daß uns Gottes eingeborener Sohn die Worte in den Mund legt, die unseren Sinn aus allem zögernden Zweifel befreien!
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 10.08.2011 15:38

III,20,35

Diese Form oder auch diese Regel zum Beten besteht aus sechs Bitten. Ich kann nämlich denen, die dies Gebet in sieben Hauptstücke einteilen, nicht beipflichten (z.B. Augustin, Handbüchlein an Laurentius, 115); dazu veranlaßt mich die Erwägung, daß der Evangelist die beiden (letzten) Glieder durch die eingefügte Gegenüberstellung („nicht … sondern“) anscheinend hat zusammenschließen wollen. Er will also etwa sagen: Laß uns nicht von der Versuchung erdrückt werden, sondern bringe vielmehr unserer Gebrechlichkeit Hilfe, errette uns, damit wir nicht unterliegen! Hierin stimmen auch die alten Kirchenlehrer mit uns überein. Was bei Matthäus an siebenter Stelle zugefügt ist, das ist also als Erläuterung zur sechsten Bitte zu ziehen.Nun ist zwar das ganze Gebet von der Art, daß überall Gottes Ehre an erster Stelle stehen soll; aber doch sind die drei ersten Bitten besonders auf Gottes Ehre gerichtet; auf sie sollen wir in diesen Bitten allein schauen, ohne jede Rücksicht auf unseren Vorteil, wie man das so ausdrückt. Die drei übrigen Bitten sorgen für uns, und sie sind wesentlich dazu bestimmt, daß wir das erbitten, was zu unserem Nutzen dient. Wenn wir also Gott bitten: „Dein Name werde geheiligt“, so will er erproben, ob wir ihn frei umsonst oder aus Hoffnung auf Lohn lieben und verehren; wir sollen also hierbei in keiner Weise an unseren Vorteil denken, sondern uns seine Ehre vor Augen halten und sie allein gespannten Blickes anschauen! Auch bei den übrigen Bitten dieser Art dürfen wir nicht anders gesinnt sein. Dabei dient uns eben dies (tatsächlich) zu unserem großen Vorteil; denn wenn Gottes Name geheiligt wird, wie wir es begehren, so geschieht wiederum auch unsere Heiligung! Trotzdem müssen unsere Augen, wie gesagt, gegenüber solchem Nutzen geschlossen, ja gewissermaßen blind sein, so daß sie durchaus nicht darauf schauen! Wenn also alle Hoffnung auf unser eigenes Wohl abgeschnitten wäre, so sollten wir dennoch nicht aufhören, diese Heiligung des Namens Gottes und alles andere, was zu Gottes Ehre gehört, zu wünschen und in unseren Gebeten zu begehren. So sieht man es an dem Beispiel des Mose und dem des Paulus: es fiel ihnen nicht schwer, Herz und Auge von sich selber abzuwenden und mit heftigem, inbrünstigem Eifer ihren eigenen Untergang zu begehren, um durch solche Selbsthingabe Gottes Ehre und Reich zu fördern! (Ex. 32,32; Röm. 9,3). Wenn wir auf der anderen Seite beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, so begehren wir damit allerdings etwas zu unserem eigenen Wohl; aber wir sollen trotzdem auch hier vor allem Gottes Ehre suchen, so daß wir also auch das tägliche Brot nicht begehren, sofern es nicht zu seiner Ehre gereicht: Jetzt aber wollen wir an die Auslegung des Gebets selber herantreten.

III,20,36


Hier tritt uns nun zunächst gleich zu Eingang wieder entgegen, was wir schon oben ausgeführt haben: wir können all unser Gebet nur im Namen Christi vor Gott bringen, wie es ihm auch in keinem anderen Namen empfohlen werden kann! Denn wenn wir Gott unseren Vater nennen, so berufen wir uns damit sicherlich auf den Namen Christi. Wie sollte sonst auch jemand zu der Zuversicht kommen Gott seinen Vater zu nennen? Wer sollte sich zu dem frechen Vorwitz hinreißen lassen, sich die Ehre anzumaßen, ein Kind Gottes zu sein, wenn wir nicht in Christus zu Kindern der Gnade angenommen wären? Denn er, der der wahre Sohn ist, er ist uns von Gott zum Bruder gegeben, damit uns das, was ihm von Natur eigen ist, durch die Wohltat der Annahme in die Kindschaft zuteil werde, sofern wir solche Freundlichkeit in festem Glauben annehmen. So sagt Johannes, denen, die an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes glauben, sei nun „Macht“ gegeben, auch selbst „Gottes Kinder zu werden“! (Joh. 1,12).Deshalb nennt er sich unseren Vater und will auch von uns so angeredet werden, und durch die wunderbare Süßigkeit dieses Namens entreißt er uns allem Mangel an Vertrauen; denn es läßt sich keine Liebe finden, die herzlicher wäre als die eines Vaters! Er konnte also seine unermeßliche Liebe zu uns durch keinen gewisseren Beweis belegen als dadurch, „daß wir Gottes Kinder sollen heißen“! (1. Joh. 3,1). Seine Liebe zu uns ist aber größer und herrlicher als alle Liebe unserer Eltern, weil er ja an Güte und Erbarmen hoch über allen Menschen steht. So mag es auf Erden wohl Väter geben, die alles Empfinden väterlicher Zuneigung von sich getan haben und ihre Kinder im Stich lassen. Er aber wird uns nie verlassen (Ps. 27,10; Jes. 63,16); denn er „kann sich selbst nicht verleugnen“! (2. Tim. 2,13). Wir haben ja sein Verheißungswort: „So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnt dennoch euren Kindern gute Gaben geben, wieviel mehr … euer Vater im Himmel …!“ (Matth. 7,11). Oder auch entsprechend bei dem Propheten: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen…? Und ob sie desselben vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen!“ (Jes. 49,15). Nun kann sich aber ein Kind nicht in die Obhut eines außenstehenden, fremden Menschen begeben, ohne damit seinen Vater der Grausamkeit oder Armut zu bezichtigen. Sind wir also Gottes Kinder, so können wir nicht anderswo als bei ihm Hilfe suchen, ohne ihm damit Armut und Mangel an Vermögen oder auch Grausamkeit oder übermäßige Härte vorzuwerfen!

III,20,37

Wir sollen auch nicht einwenden, das Bewußtsein unserer Sünden müßte uns doch billig furchtsam machen; denn diese machten doch unseren Vater, so gütig und freundlich er auch sei, tagtäglich gegen uns erzürnt! Unter uns Menschen kann doch ein Sohn keinen besseren Fürsprecher finden, um bei seinem Vater seine Sache zu vertreten, auch keinen besseren Vermittler, um die verlorene Gnade seines Vaters
zurückzugewinnen und wiederzuerlangen, – als wenn er selbst fußfällig und demütig seine Schuld bekennt und den Vater um Erbarmen anfleht! Denn das väterliche Herzblut kann sich ja dann nicht verleugnen, sondern läßt sich von solchen Bitten bewegen. Wenn es so bei uns Menschen steht – was wird dann der tun, der „der Vater der Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes“ ist? (2. Kor. 1,3). Wird er nicht lieber die Tränen und Seufzer seiner Kinder erhören, die für sich zu ihm beten – vor allem, wo er uns dazu doch einlädt und ermuntert -, als irgendwelche Fürsprache anderer? Denn wenn sie, nicht ohne eine gewisse Verzweiflung an den Tag zu legen, in ihrer Zaghaftigkeit zu solchem Beistand anderer ihre Zuflucht nehmen, so geschieht das doch deshalb, weil sie zu der Freundlichkeit und Güte ihres Vaters kein Vertrauen haben! Diesen überfließenden Reichtum väterlicher Freundlichkeit hat er uns in einem Gleichnis gemalt und vor Augen gestellt: Da ist ein Sohn, der sich von seinem Vater entfremdet, der seine Habe mit Prassen vergeudet, der sich auf allerlei Weise schwer gegen ihn vergangen hat – und der Vater nimmt ihn doch mit offenen Armen auf, wartet auch nicht, bis er mit Worten um Verzeihung bittet, sondern kommt ihm selbst zuvor, erkennt ihn bei seiner Rückkehr von ferne, eilt ihm aus freien Stücken entgegen, tröstet ihn, nimmt ihn in seine Gnade auf! (Luk. 15,11ff.). Wenn er uns damit an einem Menschen ein Beispiel solcher großen Güte zu schauen gibt, dann will er uns damit lehren, wieviel reichlicher wir solche Freundlichkeit von ihm erwarten sollen, der doch nicht bloß ein Vater ist, sondern von allen Vätern der denkbar beste und gütigste! Und da mögen wir noch so undankbare, noch so aufrührerische und verworfene Kinder sein – wenn wir uns nur in sein Erbarmen hinein versenken! Um uns nun einen um so gewisseren Glauben zu geben, daß er ein solcher Vater für uns ist, wenn wir Christen sind, will er nicht nur, daß wir „Vater“ sagen, sondern: „Unser Vater.“ Wir sollen also etwa in der Weise mit ihm reden: Vater, der du so voll Liebe gegen deine Kinder bist, der du so gern bereit bist, ihnen zu verzeihen, – wir, deine Kinder, rufen zu dir und fragen nach dir und sind dabei der gewissen Zuversicht, daß du gegen uns keine andere als väterliche Gesinnung trägst, wie unwürdig wir auch solch eines Vaters sind!Aber unser Herz in seiner Enge vermag diese Unermeßlichkeit der Gnade gar nicht zu fassen, und deshalb ist nicht nur Christus für uns das Pfand und Angeld unserer Aufnahme in die Kindschaft, sondern er gibt uns auch als Zeugen dieser Kindschaft den Heiligen Geist, durch den wir mit freier, lauter Stimme rufen dürfen: „Abba, lieber Vater!“ (Röm. 8,15; Gal. 4,6). Sooft uns also zaudernde Furcht hemmen will, sollen wir daran denken, von ihm zu begehren, er wolle unsere Zaghaftigkeit beheben und uns diesen Geist der Hochgemutheit zum Führer schenken, damit wir kühnlich beten können!

III,20,38

Nun werden wir aber nicht so unterwiesen, daß jeder für sich allein Gott als seinen Vater anrufen soll, sondern wir sollen ihn vielmehr unseren gemeinsamen Vater nennen. Dadurch werden wir daran gemahnt, wie stark der Drang brüderlicher Liebe unter uns sein soll, die wir doch gleichermaßen eines solchen Vaters Kinder sind, auf Grund der gleichen Barmherzigkeit und der gleichen unverdienten Gnade! Denn wir haben alle gemeinsam einen Vater (Matth. 23,9), von dem alles herkommt, was uns je Gutes widerfahren mag, und deshalb darf unter uns nichts geteilt sein, was wir nicht mit größter, herzlicher Freudigkeit einander mitzuteilen bereit wären, soweit es erforderlich ist.Wenn wir nun so, wie es billig ist, einander die Hand reichen und Hilfe bieten wollen, so können wir unseren Brüdern nicht besser zu ihrem Wohle dienen, als wenn wir sie der Fürsorge und Vorsehung unseres lieben Vaters empfehlen; denn wem er seine Gnade und Gunst zuwendet, dem mangelt nichts mehr! Eben dies aber sind wir auch unserem Vater selbst schuldig. Wenn jemand einen Hausvater wahrhaft und von Herzen liebt, so umfaßt er zugleich sein ganzes Haus mit seiner Liebe und seinem Wohlwollen. Darum müssen wir nun auch unsere Neigung und Gesinnung gegen diesen himmlischen Vater zugleich seinem Volk, seinen Hausgenossen, kurz, seinem ganzen Erbteil erzeigen, das er doch so geehrt hat, daß er es „die Fülle“ seines eingeborenen Sohnes nennt! (Eph. 1,23). Der Christenmensch muß also seine Gebete nach der Regel richten, daß sie auf die Gemeinschaft bezogen sind und alle umfassen, die in Christus seine Brüder sind! Damit schließt er nicht nur die ein, die er gegenwärtig als seine Brüder um sich sieht, sondern alle Menschen, die auf der Erde leben. Er weiß nicht, was Gott über sie beschlossen hat, aber das weiß er: daß es ebenso fromm wie menschlich ist, für sie das Beste zu wünschen und zu erhoffen! Freilich sollen wir vor allem mit besonderer Liebe zu „des Glaubens Genossen“ hinneigen, die uns der Apostel in jeder Hinsicht besonders ans Herz gelegt hat (Gal. 6,10). Kurz, alle unsere Gebete müssen so beschaffen sein, daß sie sich auf die Gemeinschaft richten, die unser Herr in seinem Reich, seinem Haus aufgerichtet hat!

III,20,39

Doch hindert das nicht, daß wir auch für uns und bestimmte andere Menschen besonders bitten dürfen; nur darf sich unser Herz von dem Blick auf diese Gemeinschaft nicht abbringen lassen, ja nicht einmal davon abweichen, sondern es muß alles darauf ausrichten. Mögen solche Gebete ihrer Fassung nach auf einzelne gehen, so hören sie doch nicht auf, auf die Gemeinschaft bezogen zu sein, weil sie ja auf jenen Zielpunkt ausgerichtet sind: Dies läßt sich alles an einem Vergleich leicht begreifen. Es ist Gottes allgemeines Gebot, der Not aller Armen zu steuern, und doch leisten die diesem Gebot Gehorsam, welche zu diesem Zweck dem Mangel derer zu Hilfe kommen, von denen sie wissen oder sehen, daß sie in Not sind – selbst wenn sie dabei viele übergehen, die von gleicher Not bedrückt sind, und zwar weil sie nicht alle kennen oder auch nicht allen ausreichend helfen können! In gleicher Weise verstößt auch der nicht gegen Gottes Willen, der seinen Blick und seine Gedanken auf die allgemeine Gemeinschaft der Kirche richtet und nun solche Gebete hält, die sich auf einzelne beziehen; wobei er also aus einem der ganzen Gemeinschaft gehörigen Sinn heraus doch mit besonderen Worten sich oder andere Gott ans Herz legt, deren Not ihm Gott nach seinem Willen näher zu erkennen gegeben hat.Allerdings ist diese Ähnlichkeit zwischen dem Gebet und der Darreichung des Vermögens an den Bruder nicht ganz allgemein. Denn die gütige Handreichung läßt sich nur denen gegenüber ausüben, deren Armut uns bekannt ist; durch die Fürbitte können wir aber auch den Fremdesten und Unbekanntesten beistehen, wie groß auch die Weite der Entfernung sein mag, die uns von ihnen trennt. Das geschieht nun durch jene allgemeine Fassung des Gebets, in die alle Kinder Gottes eingeschlossen sind; darunter befinden sich jene aber auch! Hierauf können wir es beziehen, wenn Paulus die Gläubigen seiner Zeit ermahnt, „an allen Orten heilige Hände aufzuheben ohne Zorn und Zweifel“ (1. Tim. 2,8). Er erinnert uns hier daran, daß die Zwietracht dem Gebet die Tür verschließt, und er verlangt daraufhin, daß die Gläubigen ihre Gebete einmütig dem allgemeinen Nutzen dienen lassen.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 11.08.2011 07:24

III,20,40

Dann heißt es weiter: „… der du bist in den Himmeln“. Daraus soll man nicht gleich schließen, Gott sei in den Umkreis des Himmels wie zwischen Zäune eingeschlossen und an ihn in engen Grenzen gebunden. Denn Salomo bekennt, daß ihn „der Himmel und aller Himmel Himmel“ nicht zu fassen vermögen (1. Kön. 8,27). Und er spricht selbst durch den Mund des Propheten aus, daß der „Himmel sein Stuhl ist und die Erde seiner Füße Schemel“ (Jes. 66,1; Apg. 7,49; 17,24). Damit gibt er uns zu verstehen, daß er nicht von einem bestimmten Ort begrenzt ist, sondern alles durchdringt. Aber unser Sinn vermag in seiner Grobschlächtigkeit sonst seine unaussprechliche Herrlichkeit nicht zu fassen, und deshalb wird sie uns unter dem Bilde des Himmels angedeutet; denn wir können ja nichts Erhabeneres oder Majestätischeres erschauen als ihn! Wo auch immer unsere Sinne irgend etwas wahrnehmen, da pflegen sie es an den Ort zu binden, an dem sie es wahrnehmen; deshalb wird nun also Gott außerhalb jedes Orts gestellt; wenn wir ihn also suchen wollen, so müssen wir über alle Empfindungen Leibes und der Seele hinausgehoben werden! Zudem wird durch diese Redeweise Gott allen Wechselfällen der Verweslichkeit oder Veränderlichkeit gänzlich entnommen. Und schließlich wird uns dadurch deutlich gemacht, daß er die ganze Welt umfaßt und zusammenhält und sie mit seiner Macht regiert. Es ist also, als ob es hieße: er besitzt unendliche Größe und Hoheit, unbegreifliches Wesen, unermeßliche Macht und ewige Unsterblichkeit. Wenn wir das aber vernehmen, so muß unser Denken sich höher schwingen, wenn von Gott die Rede ist, damit wir von ihm nichts Irdisches oder Fleischliches erträumen, ihn auch nicht nach unserem Maß messen und seinen Willen nicht nach unseren Regungen beurteilen! Zugleich soll damit aber auch unsere Zuversicht auf ihn gerichtet werden; wissen wir doch, daß er mit seiner Vorsehung und seiner Kraft Himmel und Erde lenkt!
Ich fasse zusammen. Unter dem Namen „Vater“ tritt der Gott vor uns hin, der uns in seinem Ebenbilde erschienen ist, damit er in gewissem Glauben angerufen werde. Dieser vertraute Vatername soll nun aber nicht nur unserer Zuversicht dienen, sondern er hat auch die Kraft, unseren Sinn zurückzuhalten, damit er sich nicht zu unsicheren, erdachten Göttern hinziehen läßt, sondern von dem eingeborenen Sohne aus zu dem einen Vater der Engel und der Kirche emporsteigt! Daß sein Thron in den Himmeln steht, das soll uns auf Grund seiner Weltregierung daran mahnen, daß wir nicht vergebens zu ihm kommen, da er uns doch von sich aus mit gegenwärtiger Fürsorge entgegenkommt! Der Apostel sagt: „Wer zu Gott kommen will, der muß zuvor glauben, daß er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde“ (Hebr. 11,6). Beides schreibt Christus hier seinem Vater zu: auf ihn soll unser Glaube gegründet sein, und dann sollen wir auch die feste Gewißheit haben, daß er sich unser Heil angelegen sein läßt, weil er sich ja herbeiläßt, seine Vorsehung bis zu uns reichen zu lassen. Von solcher Grundlage her unterweist uns Paulus zum rechten Beten; er gebietet uns, unsere Bitten vor Gott kund werden zu lassen (Phil. 4,6); aber er macht zunächst eine Vorrede und sagt: „Sorget nichts.. Der Herr ist nahe!“ (Phil. 4,5f.). Daraus wird deutlich: wer sich nicht ganz fest daran hält: „Des Herrn Auge sieht auf die Gerechten“ (Ps. 33,18; nicht Luthertext), der kann seine Gebete bloß zweifelnd und verwirrt im Herzen bewegen.

III,20,41

Die erste Bitte geht dahin, daß Gottes Name geheiligt werde. Daß wir so beten müssen, bringt uns große Unehre. Denn was ist unwürdiger, als daß Gottes Ehre teils durch unsere Undankbarkeit, teils durch unsere Bosheit verdunkelt, ja, daß sie gar durch unsere Vermessenheit und wilde Frechheit, soweit es an ihnen ist, zunichte gemacht wird? Mögen nun aber auch alle Gottlosen in ihrer lästerlichen Willkür bersten – die Heiligkeit des Namens Gottes wird doch hell erstrahlen! Nicht ohne Ursache ruft der Prophet aus: „Gott, wie dein Name, so ist dein Ruhm bis an der Welt Enden!“ (Ps. 48,11). Denn wo immer Gott bekannt geworden ist, da treten auch seine Tugenden unweigerlich an den Tag, seine Macht und Güte, Weisheit und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit – und sie reißen uns fort, ihn zu bewundern, und treiben uns dazu, seinen Lobpreis zu verherrlichen! Weil nun also Gott auf Erden seiner Heiligkeit so schändlich beraubt wird, so wird uns, wenn es uns schon nicht gegeben ist, sie zu verteidigen, wenigstens geboten, in unseren Gebeten für sie einzustehen.
Der Hauptinhalt dieser Bitte ist: wir sollen wünschen, daß Gott die Ehre widerfährt, die ihm gebührt, daß also die Menschen niemals ohne die höchste Ehrerbietung von ihm reden oder an ihn denken. Im Gegensatz dazu steht die Entheiligung des Namens Gottes, die stets in der Welt gar zu sehr üblich war, wie sie auch heute noch im Schwange geht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit dieser Bitte, die allerdings, wenn auch nur ein wenig Frömmigkeit bei uns lebendig wäre, eigentlich überflüssig sein sollte! Die Heiligkeit des Namens Gottes hat nun aber dann ihren Bestand, wenn er von allem anderen abgesondert ist und wenn an ihm lauter Herrlichkeit zutage tritt. Wir sollen also nach dieser Anweisung nicht nur darum beten, Gott möge diesen heiligen Namen vor aller Verachtung und Schande bewahren, sondern auch: er möge das ganze Menschengeschlecht zur Ehrerbietung gegen seinen Namen zwingen.
Da sich uns Gott nun teils durch seine Lehre, teils auch durch seine Werke offenbart, so wird er nur dann von uns geheiligt, wenn wir ihm in beiderlei Hinsicht zukommen lassen, was ihm gehört, und so alles annehmen, was von ihm kommt, auch seiner Strenge nicht weniger Lobpreis zuteil werden lassen, als seiner Güte; denn er hat die Merkzeichen seiner Herrlichkeit seinen vielfältig verschiedenartigen Werken aufgeprägt, und diese soll billigerweise allen Zungen das Bekenntnis seines Lobes entlocken! So wird es geschehen, daß die Heilige Schrift bei uns die verdiente Autorität erlangt und wir uns durch kein Geschehen an dem Lobpreis hindern lassen, den Gott über dem ganzen Gang seiner Regierung verdient. Auf der anderen Seite geht diese Bitte auch dahin, daß alle Gottlosigkeit, die diesen heiligen Namen besudelt, vergehe und abgetan werde, daß alles, was diese Heiligung des Namens Gottes verdunkelt oder mindert, nämlich alle Schmähung und aller Spott, weiche, und daß Gottes Majestät je mehr und mehr verherrlicht werde, indem er alle Lästerungen dämpft!

III,20,42

Die zweite Bitte geht dahin, daß Gottes Reich komme. Sie enthält zwar nichts Neues, wird aber doch von der ersten nicht ohne Ursache unterschieden. Denn wenn wir unsere Schläfrigkeit in dieser Sache, die doch von allen die wichtigste ist, recht erwägen, so ist es schon nötig, daß uns doch noch eingeschärft wird, was uns allerdings an sich völlig bekannt sein sollte! Wir haben bisher die Weisung empfangen, Gott zu bitten, er möge alles, was seinen heiligen Namen mit einem Makel besudelt, in die Reihe bringen und schließlich ganz und gar zunichte machen. Jetzt wird eine zweite, ähnliche und fast gleiche Bitte zugefügt, nämlich daß sein Reich komme.Was dies Reich ist, habe ich bereits oben umschrieben; ich will es aber hier kurz wiederholen: Gott übt da seine Herrschaft, wo die Menschen sich selbst verleugnen, zugleich die Welt und das irdische Leben verachten und sich damit seiner Gerechtigkeit hingeben, um nach dem himmlischen Leben zu trachten. Dies Reich umfaßt also wesentlich zweierlei: erstens, daß Gott alle Begierden des Fleisches, die in geschlossenen Heerhaufen wider ihn streiten, durch die Kraft seines Geistes dämpft, zweitens, daß er unsere Sinne zum Gehorsam gegen seinen Befehl zubereitet.Daher hält nur der bei dieser Bitte die rechte Ordnung ein, der bei sich selber den Anfang macht, um sich nämlich von allen Verderbnissen zu reinigen, die den geordneten Zustand des Reiches Gottes in Verwirrung bringen und seine Reinheit beflecken. Weil aber nun das Wort Gottes wie ein königliches Zepter ist, so wird uns hier aufgetragen, darum zu beten, daß er die Sinne und Herzen aller Menschen dem freiwilligen Gehorsam gegen dies Wort unterwerfe. Das geschieht, wo er durch die verborgene Triebkraft seines Heiligen Geistes seinem Worte Wirkung verschafft, so daß es die hervorragende Ehre erhält, die ihm zukommt. Dann müssen wir uns auch den Gottlosen zuwenden, die Gottes Herrschaft halsstarrig und in verzweifelter Wut Widerstand leisten. Gott richtet also sein Reich auf, indem er die ganze Welt demütigt. Dies aber vollzieht sich auf verschiedene Weise: Gott dämpft die Ausgelassenheit der einen, und die zügellose Hoffart der anderen zerbricht er. Wir sollen wünschen, daß dies Tag für Tag geschehe, damit Gott seine Kirche aus allen Orten der Welt versammle, sie der Zahl nach ausbreite und wachsen lasse, sie mit seinen Gütern reich mache, in ihr die rechte Ordnung aufrichte, auf der anderen Seite alle Feinde der reinen Lehre und Religion zu Boden werfe, ihre Pläne zunichte mache und ihre Anschläge verstöre! Daraus wird deutlich, daß uns nicht ohne Ursache der Eifer darum aufgetragen wird, daß Gottes Reich Tag für Tag Fortschritte mache 1); denn es steht um unsere menschlichen Dinge nie so gut, daß aller Schmutz der Sünden abgetan und ausgefegt wäre und die Lauterkeit voll in Blüte und Kraft stünde. Die Vollendung dieses Reiches aber dehnt sich aus bis zum endgültigen Kommen Christi; dann wird nach der Lehre des Paulus „Gott sein alles in allen“ (1. Kor. 15,28).
So soll uns diese Bitte von den Befleckungen der Welt wegziehen, die uns von Gott trennen, so daß sein Reich in uns keine Kraft gewinnt. Zugleich soll sie unseren Eifer entfachen, unser Fleisch zu töten, und schließlich soll sie uns zum geduldigen Tragen des Kreuzes anleiten; denn auf diese Art will Gott sein Reich ausbreiten. Wir sollen uns aber nicht darüber grämen, wenn unser äußerer Mensch verfällt, wenn nur der innere erneuert wird! (2. Kor. 4,16). Denn Gottes Reich ist so beschaffen, daß er uns, wenn wir uns seiner Gerechtigkeit unterwerfen, auch seiner Herrlichkeit teilhaftig macht. Das geschieht, wenn er sein Licht und seine Wahrheit durch immer größeres Wachstum verherrlicht, durch das die Finsternis und die Lügen des Satans und seines Reiches zergehen, ausgelöscht werden und umkommen, – wenn er die Seinen schützt und sie durch die Hilfe seines Geistes auf die rechte Bahn leitet und zum Beharren kräftig macht, wenn er dagegen die gottlosen Anschläge der Feinde zunichte macht, ihre Hinterlist und ihren Betrug aufdeckt, ihrer Bosheit entgegentritt, ihre Halsstarrigkeit dämpft – bis daß er schließlich den Antichrist „umbringen wird mit dem Geist seines Mundes“ und alle Gottlosigkeit durch den Glanz seines Kommens vernichtet! (2. Thess. 2,8).
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 12.08.2011 06:59

III,20,43

Die dritte Bitte geht dahin, daß Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Das hängt nun von Gottes Reich ab und kann von ihm nicht abgesondert werden; es wird aber doch nicht ohne Ursache noch besonders für sich hinzugefügt, weil wir ja in unserer Grobschlächtigkeit nicht leicht und nicht alsbald begreifen, was es eigentlich heißt: Gott übt sein Regiment in der Welt! Es wird daher nicht ungereimt sein, wenn wir annehmen, daß es sich hier um eine Auslegung des vorigen handelt: Gott wird dann in der Welt König sein, wenn sich alle seinem Willen unterwerfen. Nun geht es aber hier nicht um Gottes verborgenen Willen, mit dem er alles lenkt und seiner Absicht dienstbar macht. Denn der Satan und die Menschen mögen sich gegen diesen Willen noch so sehr auflehnen, so weiß er doch nach seinem unerforschlichen Ratschluß ihre Anläufe nicht nur zu lenken, sondern sie auch unter seine Ordnung zu zwingen, um durch sie auszuführen, was er beschlossen hat! Hier ist aber ein anderer Wille Gottes gemeint, nämlich der, welchem der freiwillige Gehorsam entspricht. Deshalb wird hier auch ausdrücklich der Himmel mit der Erde verglichen; denn die Engel leisten Gott, wie es im 103. Psalm ausgeführt wird, freiwillig Gehorsam und sind darauf gespannt, seine Befehle auszurichten (Ps. 103,20). Wie also im Himmel nichts geschieht, was nicht aus Gottes Wink hervorgeht, und wie die Engel zu allem rechten Werk gehorsam bereit sind, so sollen wir hier wünschen, daß auch auf Erden alle Widerspenstigkeit und alle Bosheit vertilgt werde und die Erde solchem Befehl Gottes sich unterwerfe. Wenn wir das nun begehren, so leisten wir auf die Wünsche unseres Fleisches Verzicht; denn wer sein Wollen nicht Gott hingibt und überläßt, der stellt sich, soviel an ihm ist, seinem Willen entgegen, weil aus uns ja nichts hervorgeht, was nicht verderbt wäre. Durch diese Bitte werden wir nun aufs neue zur Selbstverleugnung angeleitet, damit uns Gott nach seinem Gutdünken regiere, und nicht allein dies, sondern zugleich damit er unseren Sinn und unser Herz zunichte mache und in uns einen neuen Sinn und ein neues Herz schaffe, damit in uns keine Regung der Begierde mehr aufkomme, als allein die lautere Übereinstimmung mit seinem Willen! Kurz, wir sollen nichts mehr aus uns selbst heraus wollen, sondern sein Geist soll unser Herz regieren, damit wir durch seine innere Unterweisung lernen, zu lieben, was ihm wohlgefällig ist, und zu hassen, was ihm mißfällt. Daraus folgt dann auch dies, daß er alle Regungen, die seinem Willen widerstreiten, eitel und wirkungslos mache. Das sind also die drei ersten Hauptstücke des Gebets; wenn wir diese Bitten vorbringen, so gilt es, allein Gottes Ehre vor Augen zu haben und alle Rücksicht auf uns selber fahren zu lassen, auch nicht auf irgendwelchen eigenen Vorteil zu achten. Gewiß erwächst uns hieraus auch selbst reicher Nutzen; aber diesen sollen wir nicht suchen. Und obwohl dies alles auch, wenn wir nicht daran denken, wenn wir es nicht wünschen und wenn wir nicht darum bitten, nichtsdestoweniger zu seiner Zeit geschehen muß, so sollen wir es dennoch wünschen und begehren. Das zu tun ist auch recht von Wichtigkeit, damit wir so bezeugen und bekennen, daß wir Gottes Knechte und Kinder sind, indem wir, soviel an uns ist, nach seiner Ehre trachten, wie wir es ihm als dem Herrn und dem Vater schuldig sind, und uns dieser Aufgabe wahrhaft und von Herzensgrund hingeben. Wer also nicht von solchem Drang und Eifer um die Förderung der Ehre Gottes erfaßt ist und deshalb nicht betet, daß Gottes Name geheiligt werden möge, daß sein Reich komme, daß sein Wille geschehe – der ist auch nicht zu den Kindern und Knechten Gottes zu rechnen. Und wenn dann all dies doch auch gegen den Willen solcher Menschen geschieht, so gereicht es ihnen eben zur Beschämung und zum Verderben.



III,20,44

Jetzt folgt der zweite Teil des Gebets, in dem wir zu dem übergehen, was unserem eigenen Wohlergehen dient. Das bedeutet nicht, daß wir etwa Gottes Ehre fahren lassen und nur um das bitten wollten, was uns selber nützt! Nach dem Zeugnis des Paulus soll ja selbst beim Essen und Trinken unser Augenmerk auf Gottes Ehre gerichtet sein! (1. Kor. 10,31). Nein, diese Unterscheidung besagt, wie oben ausgeführt, folgendes: Indem sich Gott drei Bitten ganz allein vorbehält, zieht er uns ganz an sich heran, um auf diese Weise unsere Frömmigkeit zu erproben; dann aber gestattet er uns auch, für unser eigenes Wohl zu sorgen, aber doch nach der Regel, daß wir bei allem, was wir erbitten, das Ziel vor Augen haben sollen: es muß alles, was er uns an Wohltaten zuteil werden läßt, seinen Ruhm verherrlichen – denn es ist ja nichts billiger, als daß wir ihm leben und ihm sterben! (Röm. 14,7-9). In dieser (vierten) Bitte („Unser täglich Brot gib uns heute“) begehren wir von Gott nun allgemein alles, dessen unseres Leibes Notdurft unter den Elementen dieser Welt bedarf; wir bitten also nicht nur, daß wir Nahrung und Kleidung bekommen, sondern auch sonst alles, was uns nach seinem Ermessen dazu hilft, unser Brot mit Frieden zu essen. Wir begeben uns also, kurz gesagt, mit dieser Bitte in seine Obhut und vertrauen uns seiner Vorsehung an, damit er uns nähre, versorge und bewahre. Denn unser lieber Vater hält es nicht für unwert, auch unseren Leib in seine Treue und Obhut zu nehmen. Gerade in diesen ganz geringen Dingen will er unseren Glauben üben, indem wir nun von ihm alles erwarten, selbst einen Bissen Brot und einen Tropfen Wassers! Es ist – ich weiß nicht, durch was für eine Ungerechtigkeit von uns! – dazu gekommen, daß uns die Sorge um unser Fleisch mehr ergreift und quält, als die um unsere Seele, und es gibt auf diese Weise viele Leute, die es wohl wagen, Gott hinsichtlich ihrer Seele zu trauen, die aber noch immer in Sorge um ihr Fleisch sind und noch zweifelnd fragen: „Was werden wir essen und womit sollen wir uns kleiden?“ Haben solche Leute nicht Wein und Korn und Öl in Menge vor sich, dann geraten sie ans Zittern. So viel höher achten wir den Schatten dieses vergänglichen Lebens als jene ewige Unsterblichkeit! Wer aber Gott vertraut und damit diese ängstliche Sorge um das Fleisch von sich abgetan hat, der erwartet zugleich auch das Größere von ihm, auch das Heil und das ewige Leben. Es ist also keine geringe Übung im Glauben, von Gott zu erhoffen, was uns sonst so sehr in Angst hält, und es ist kein gar so geringer Fortschritt, wenn wir diesen Unglauben ablegen, der fast allen Menschen nagend in den Knochen sitzt. Hier philosophieren nun einige Leute von einem „übernatürlichen“ Brot. Das scheint mir aber mit Christi Meinung gar wenig übereinzustimmen. Ja, wenn wir Gott nicht auch in diesem hinfälligen Leben für unseren Ernährer halten wollten, so wäre unser Gebet nur Stückwerk! Die Begründung, die man hier vorbringt, ist gar zu unheilig; man erklärt, es sei doch nicht angemessen, wenn die Kinder Gottes, die doch geistlich sein sollten, nicht nur ihr Herz an irdische Sorgen hängten, sondern auch Gott noch mit sich darin verstrickten. Als ob nicht auch in unserer Nahrung sein Segen und seine väterliche Gunst hervorleuchtete, oder als ob es nichts wäre, wenn geschrieben steht: „Die Gottseligkeit … hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens!“ (1. Tim. 4,8). Gewiß ist die Vergebung der Sünden weit wichtiger als die Ernährung unseres Leibes; aber Christus hat doch das, was weniger bedeutet, an die erste Stelle gesetzt, um uns dann zu den beiden anderen Bitten, die dem himmlischen Leben zugehören, stufenweise emporzuführen. Damit ist er unserer Trägheit zu Hilfe gekommen. Wenn uns nun hier geboten wird, um unser Brot zu bitten, so geschieht das, damit wir uns mit dem zugeteilten Maß zufrieden geben, das uns der himmlische Vater zu gewähren sich herbeigelassen hat, und nicht etwa mit unerlaubten Künsten Gewinn zu erhaschen suchen. Dabei müssen wir festhalten, daß uns unser Brot als Geschenk zukommt, weil, wie Mose sagt, weder unser Fleiß, noch unsere Arbeit, noch unsere Hände uns aus sich heraus etwas erwerben können, ohne daß Gottes Segen dabei wäre! (Lev. 26,20). Ja, selbst eine Fülle von Brot würde uns nicht im mindesten nützen, wenn es nicht von Gott in Nahrung gewandelt würde! Deshalb ist diese Freigebigkeit Gottes für die Reichen nicht weniger vonnöten, als für die Armen; denn auch bei vollen Kammern und Scheunen würden die Menschen kraftlos und hungrig ermatten, wenn sie nicht durch seine Gnade ihr Brot genießen dürften. Durch den Zusatz „heute“ oder „alle Tage“ – wie es bei dem anderen Evangelisten (Lukas: „immerdar“) heißt -, auch durch das Beiwort „unser „täglich“ Brot…“ wird unserer unmäßigen Gier nach vergänglichen Dingen ein Zügel angelegt. Wir pflegen ja in dieser Gier ohne alles Maß inbrünstig zu sein. Und dazu kommen dann auch andere Unarten: wenn uns ein reicherer Überfluß zur Verfügung steht, so geraten wir gleich in Wollust, in Vergnügungen, in Prunk und allerlei sonstige Ausschweifungen! Deshalb sollen wir nach dieser Weisung nur soviel erbitten, wie es zu unserer Notdurft ausreicht, gleichsam von einem Tag auf den anderen. Dabei sollen wir die Zuversicht haben, daß der himmlische Vater, der uns heute ernährt hat, uns auch morgen nicht verlassen wird. Es mag uns also eine noch so große Fülle von Gütern zufließen, es mögen auch unsere Scheunen gefüllt und unsere Vorratskammern voll sein, so sollen wir doch stets um das tägliche Brot bitten. Denn wir müssen mit Gewißheit daran festhalten, daß all unser Hab und Gut nichts ist, sofern es nicht der Herr immerfort durch Ausgießung seines Segens fruchtbar macht. Ja, auch der Besitz, der sich in unserer Hand befindet – das müssen wir weiter bedenken – gehört nicht uns, sofern Gott uns nicht Stunde für Stunde unser Stücklein gewährt und uns den Gebrauch verstattet! Die menschliche Hoffart läßt sich davon nur sehr ungern überzeugen, und deshalb hat der Herr nach seinem Zeugnis für alle Zeiten einen Beweis gegeben, indem er in der Wüste sein Volk mit dem Manna ernährte, um uns daran zu mahnen, daß der Mensch „nicht lebt vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht“! (Deut. 8,3; Matth. 4,4). Dadurch wird uns deutlich gemacht, daß unser Leben und unsere Kräfte einzig und allein durch Gottes Kraft erhalten werden, obwohl er sie uns durch leibliche Werkzeuge zuteil werden läßt. So pflegt er uns auch durch einen umgekehrten Beweis zu belehren: wenn es ihm gefällt, so bricht er die Kraft – oder wie er es selber nennt: den „Stab“ – des Brotes, so daß die, welche essen, vor Hunger verschmachten und die, die da trinken, verdursten! (Lev. 26,26; vgl. den Urtext). Wer sich aber mit dem täglichen Brot nicht zufrieden gibt, sondern in zügelloser Gier nach unendlichem Gut schnappt, oder wer über seinem Überfluß satt und über der Menge seiner Reichtümer sicher ist und sich dann Gott trotzdem mit dieser Bitte vor die Füße wirft, der tut nichts anderes, als seiner zu spotten. Die Menschen der ersten Art bitten um etwas, das sie gar nicht erlangen wollen, ja das sie zutiefst verabscheuen, nämlich das „bloße“ tägliche Brot; sie verhehlen Gott, so sehr sie es vermögen, den Drang ihrer Habgier, während doch das wahre Gebet unseren ganzen Sinn, alles, was im Innern verborgen liegt, bei ihm ausschütten soll! Die anderen dagegen erbitten etwas, das sie in keiner Weise von ihm erwarten, weil sie ja meinen, es bereits bei sich selber zu besitzen! Dadurch, daß dies Brot „unser“ Brot genannt wird, wird zunächst allerdings, wie gesagt, Gottes Güte verherrlicht, die uns das zueignet, was uns auf Grund keines Rechtes zukommt. Trotzdem ist auch die oben bereits berührte Ansicht nicht zu verwerfen, mit diesem Ausdruck werde der Ertrag rechter und ehrlicher Arbeit bezeichnet, nicht aber etwa das, was man sich mit Betrügerei oder Raub errafft hat. Denn was wir mit anderer Leute Schaden an uns bringen, das bleibt stets fremdes Gut. Wenn wir bitten, das Brot möge uns gegeben werden, so wird damit deutlich gemacht, daß es schlechthin ein aus Gnaden uns gewährtes Geschenk Gottes ist, – woher es uns auch zukommen mag, selbst wenn es noch so sehr den Anschein hat, als hätten wir es uns mit Fertigkeit und Fleiß erschafft oder mit unserer Hände Arbeit erworben. Denn allein durch Gottes Segen kommt es dazu, daß unsere Arbeit recht vonstatten geht.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 13.08.2011 11:41

III,20,45

Dann folgt: „Vergib uns unsere Schulden..“. In dieser und der folgenden Bitte hat Christus kurz zusammengefaßt, was uns zum himmlischen Leben dient. Der geistliche Bund, den Gott zum Heil seiner Kirche geschlossen hat, besteht ja auch nur aus zwei Stücken: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben …“ und „Ich will ihnen vergeben alle Missetaten“ (Jer. 31,33; 33,8). Hier macht Christus den Anfang mit der Vergebung der Sünden und läßt dann gleich die zweite Gnade folgen, nämlich daß uns Gott durch die Kraft seines Geistes und durch seine Hilfe stütze, damit wir wider alle Versuchungen unbesiegt standhalten! Er nennt aber unsere Sünden „Schulden“, weil wir für sie Strafe schuldig sind und weil wir auf keine Weise Genugtuung leisten könnten, wenn wir nicht durch diese Vergebung davon loskämen. Diese Verzeihung geschieht aus seinem gnädigen Erbarmen heraus, indem er selbst in seiner Güte unsere Schulden austilgt; er empfängt von uns keinerlei Lösegeld, sondern verschafft sich aus seinem Erbarmen selber in Christus Genugtuung, der sich einmal zur Bezahlung für uns dahingegeben hat! (Röm. 3,24). Wer also darauf vertraut, Gott erhalte durch seine oder durch anderer Menschen Verdienste Genugtuung, und durch diese genugtuenden Werke werde die Vergebung der Sünden bezahlt und erworben, der hat an dieser aus Gnaden erfolgenden Vergebung keinen Anteil. Ruft ein solcher Mensch in dieser Form Gott an, so tut er nichts anderes, als daß er die Anklage gegen sich selber unterzeichnet und sich durch sein eigenes Zeugnis die Verdammnis versiegelt. Denn wer so betet, der bekennt, daß er ein Schuldner ist, wenn er nicht durch die Wohltat der Vergebung losgesprochen wird – diese Wohltat aber nimmt er nicht an, sondern weist sie vielmehr verächtlich von sich, indem er ja versucht, Gott seine eigenen Verdienste und Genugtuungen aufzudrängen! Er fleht eben auf diese Weise nicht Gottes Erbarmen an, sondern beruft sich auf sein Gericht! Andere erträumen sich eine Vollkommenheit, die es nicht mehr notwendig macht, um Vergebung zu bitten. Sie mögen wohl Jünger haben, die sich von der Geilheit ihrer Ohren zu solchem Betrug verführen lassen; aber es steht doch fest, daß alle, die sie sich als Jünger gewinnen, Christus geraubt sind; denn er gibt allen die Weisung, ihre Schuld zu bekennen, und er nimmt also nur Sünder an! Er hat das nicht getan, weil er etwa ihren Sünden gar noch mit Schmeicheleien Nahrung geben wollte, sondern weil er wußte, daß die Gläubigen nie ganz vom Fleisch und seinen Gebrechen frei werden, sondern stets des Gerichtes Gottes schuldig bleiben! Es ist allerdings zu wünschen und wir müssen auch angespannt daran arbeiten, daß wir unsere Pflicht voll und ganz erfüllen, so daß wir uns dann wahrhaft vor Gott dessen rühmen könnten, wir seien von allen Makeln rein! Aber es ist Gottes Wohlgefallen, sein Ebenbild allmählich wieder neu in uns zum Ausdruck zu bringen, so daß also an unserem Fleisch immer noch irgendwelche Befleckung bleibt, und deshalb durfte diese Arznei unter keinen Umständen beiseite bleiben. Christus gebietet uns kraft seiner ihm vom Vater gegebenen Autorität, wir sollten im ganzen Lauf unseres Lebens unsere Zuflucht dazu nehmen, für unsere Schuld Abbitte zu tun! Wer will dann aber die neuen Lehrmeister erträglich finden, die mit dem Schein vollkommener Unschuld die Augen schlichter Leute zu blenden suchen, damit sie darauf vertrauen, sie könnten von aller Schuld frei und ledig gemacht werden? Das ist nach dem Zeugnis des Johannes nichts anderes, als daß man „Gott zum Lügner macht“ (1. Joh. 1,10). Durch ein solches Vorhaben nehmen diese Taugenichtse zugleich dem Bunde Gottes, in dem, wie wir sahen, doch unser Heil zusammengefaßt ist, ein Hauptstück (nämlich das ganz im Anfang dieser Sektion an zweiter Stelle genannte) weg und verstümmeln ihn dadurch, ja bringen ihn von Grund auf ins Wanken. Denn sie handeln nicht nur gotteslästerlich, indem sie diese beiden Stücke auseinanderreißen, die so fest miteinander verbunden sind, sondern auch gottlos und grausam, indem sie die armen Seelen in Verzweiflung stürzen; an sich selbst und an ihresgleichen aber handeln sie treulos, insofern sie sich eine träge Ruhe verschaffen, die zu Gottes Barmherzigkeit in unaufhebbarem Gegensatz steht. – Sie wenden freilich ein: wenn wir um das Kommen des Reiches Gottes beteten, so erbäten wir damit doch zugleich die Beseitigung der Sünde. Aber das ist nun gar zu kindisch; denn in der ersten Tafel dieses Gebets wird uns die höchste Vollkommenheit, hier dagegen unsre Schwachheit vor Augen gestellt. Es stimmt also trefflich miteinander überein, daß wir einerseits nach dem Ziel streben und doch andererseits die Heilmittel nicht vernachlässigen, die unsere Notdurft erheischt. Schließlich bitten wir, es möchte uns Vergebung zuteil werden, „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Das bedeutet: wir sollen allen denen Schonung und Vergebung gewähren, die uns irgendwie gekränkt oder mit irgendeiner Tat unbillig behandelt oder mit einem Wort verächtlich gemacht haben! Nicht, als ob es unsere Sache wäre, die Schuld solcher Übeltat oder Kränkung zu vergeben – denn das kommt allein Gott zu! (Jes. 43,25); nein, unsere Vergebung soll darin bestehen, daß wir aus freien Stücken allen Zorn, allen Haß, alle Rachsucht aus unsrem Herzen entfernen und die Erinnerung an Beleidigungen durch freiwilliges Vergessen tilgen. Deshalb können wir von Gott keine Vergebung der Sünden erbitten, wenn wir nicht allen, die uns beleidigen oder beleidigt haben, die an uns geschehene Kränkung vergeben. Wenn wir aber in unserem Herzen doch irgendwelchen Haß bewahren, wenn wir auf Rache sinnen und auf eine günstige Gelegenheit warten, den anderen zu schädigen, ja, wenn wir uns nicht anstrengen, mit unseren Feinden wieder in ein freundliches Verhältnis zu kommen und sie durch allerlei Dienstleistungen zu gewinnen und mit uns zu versöhnen – dann bitten wir Gott in dieser Bitte, er wolle uns keine Vergebung der Sünden zuteil werden lassen! Denn wir begehren ja, er wolle uns vergeben, wie wir anderen vergeben! Das heißt aber: wir bitten ihn, uns keine Vergebung zu schenken, wenn wir sie anderen verweigern! Was soll aber ein Mensch, der so gesinnt ist, mit seinem Bitten anders über sich bringen, als schweres Gericht? Zum Schluß müssen wir noch folgendes beachten: wenn unser Gebet unter der Bedingung steht: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, so geschieht das nicht etwa deshalb, weil wir durch die Vergebung, die wir anderen gewähren, uns selbst Gottes Vergebung verdienten. Diese Bedingung bezeichnet also nicht etwa eine Ursache für die Vergebung. Der Herr hat uns vielmehr mit diesem Wort in der Schwachheit unseres Glaubens ermuntern wollen; denn er fügt es einerseits gewissermaßen als ein Zeichen an, das uns gewiß machen soll: so sicher, wie wir uns bewußt sind, anderen Vergebung zu gewähren, so sicher hat auch er uns die Vergebung unserer Sünden zuteil werden lassen – wenn nur unser Herz von allem Haß, allem Neid und aller Rache frei und rein ist! Andererseits soll dieser Zusatz ein Merkzeichen sein, kraft dessen er alle die aus der Zahl seiner Kinder austilgt, die zur Rache neigen, die sich ungern zur Vergebung herbeilassen, an ihrer Feindschaft hartnäckig festhalten und den Zorn, den sie doch durch ihr Gebet von sich wegbitten, anderen gegenüber nähren. Diese sollen es also nicht wagen, ihn als ihren Vater anzurufen! Das kommt denn auch in Christi Worten bei Lukas deutlich zum Ausdruck.



III,20,46

Die sechste Bitte entspricht, wie gesagt, der Verheißung: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben“ (vgl. Anfang der vorigen Sektion). Aber bei dem Gehorsam gegen Gott geht es nicht ohne fortwährenden Kriegsdienst, nicht ohne harte und schwere Kämpfe ab, und deshalb bitten wir hier, Gott möge uns mit Waffen ausrüsten und mit seinem Schutz wappnen, damit wir fähig werden, den Sieg zu erringen. Damit werden wir daran gemahnt, daß wir nicht bloß die Gnade des Heiligen Geistes nötig haben, der unsere Herzen innerlich erweicht und zum Gehorsam gegen Gott geneigt macht und ausrichtet, sondern auch seine Hilfe, mit der er uns unüberwindlich macht gegen alle Nachstellungen und wütenden Anläufe des Satans! Die Versuchungen treten nun in vielen und vielerlei Formen auf. Versuchungen sind nämlich zunächst die bösen Gedanken unseres Herzens, die uns zur Übertretung des Gesetzes herausfordern; solche Gedanken gibt uns entweder unsere eigene Begehrlichkeit ein, oder der Teufel erregt sie in uns. Versuchungen sind andererseits auch solche Dinge, die ihrer Natur nach nicht böse sind, aber durch die List des Teufels zu Versuchungen werden, wenn sie nämlich in solcher Gestalt vor unsere Augen treten, daß wir dadurch, daß sie uns nahegebracht werden, von Gott abgezogen werden oder abweichen (Jak. 1,2.14; Matth. 4,1.3; 1. Thess. 3,5). Diese Versuchungen umdrohen uns von rechts wie von links. Von rechts her – da sind Reichtum, Macht und Ehre, die zumeist durch ihren Glanz und den Schein des Guten, den sie an den Tag legen, den Blick des Menschen verblenden, ihn mit ihrer schmeichlerischen Pracht anlocken, so daß er sich schließlich von solchen Täuschungen fangen, von solcher Süßigkeit trunken machen läßt und seinen Gott vergißt! Von links – da stehen Armut, Schmach, Verachtung, Trübsal und dergleichen mehr; von ihrer Bitterkeit und Not wird der Mensch dann gequält, und er verliert den Mut, wirft Zuversicht und Hoffnung weg und entfremdet sich schließlich ganz und gar von Gott! Nun bitten wir Gott, unseren Vater, er möge es nicht zulassen, daß wir vor diesen zwiefachen Versuchungen zurückweichen, die unsere Begierde in uns entfacht oder die, vom Satan in seiner Verschlagenheit vor uns hingestellt, mit uns streiten! Nein, wir bitten, er möge uns vielmehr mit seiner Hand stützen und aufrichten, damit wir in seiner Kraft stark werden und gegen alle Anläufe des bösen Feindes fest stehen können, was für Gedanken er auch in unserem Herzen aufkommen lassen mag, und weiter bitten wir, daß wir alles, was uns nach beiden Seiten hin vor Augen steht, zum Guten wenden mögen, das heißt: uns vom Glück nicht aufblähen lassen und im Unglück nicht verzagen. Wir begehren aber hier nicht, daß wir überhaupt gar keine Versuchungen erfahren möchten. Es ist uns vielmehr hoch vonnöten, von ihnen aufgerüttelt, angestachelt und aufgestört zu werden, damit wir nicht gar zu faul und schlaff dahinleben! Es war doch nicht ohne Ursache, wenn David wünschte, versucht zu werden (Ps. 26,2), und es ist auch nicht ohne Grund, wenn der Herr Tag für Tag seine Auserwählten versucht (Gen. 22,1; Deut. 8,2; 13,4), indem er sie mit Schmach und Armut, mit Trübsal und anderem Kreuz züchtigt. Aber Gott versucht ganz anders als der Satan. Der Satan will uns mit seiner Versuchung verderben, verdammen, beschämen und ins Unheil stürzen. Gott dagegen will dadurch, daß er die Seinen auf die Probe stellt, einen Beweis ihrer Lauterkeit gewinnen, er will dadurch, daß er sie übt, ihre Kraft stärken, er will ihr Fleisch ertöten, ausfegen, ausbrennen; denn wenn es nicht in dieser Weise im Zaum gehalten würde, dann gäbe es sich seiner Ausgelassenheit hin und triebe maßlosen Mutwillen! Zudem greift der Satan Waffenlose und Ungerüstete an, um sie unversehens niederzustoßen, Gott dagegen schafft zugleich mit der Versuchung auch den Ausweg, so daß die Seinigen alles, was er ihnen schickt, auch geduldig aushalten können (1. Kor. 10,13; 2. Petr. 2,9). Ob wir unter dem „Bösen“ den Teufel oder die Sünde verstehen, tut sehr wenig zur Sache. Denn der Satan ist zwar selbst der Feind, der uns nach dem Leben trachtet (1. Petr. 5,8), aber er ist zu unserem Verderben mit der Sünde gerüstet! Unsere Bitte geht also dahin, daß wir von keinen Versuchungen besiegt oder überrannt werden möchten, sondern in der Kraft des Herrn gegen alle feindlichen Kräfte, die uns bestürmen, fest stehen – das heißt: den Versuchungen nicht unterliegen! Wir bitten weiter, daß wir, in seine Obhut und Treue aufgenommen und seines Schutzes gewiß, über Sünde und Tod, über die Pforten der Hölle und das ganze Reich des Teufels den Sieg behalten und ausharren – das heißt: von dem Bösen erlöst werden! Dabei müssen wir gründlich darauf achten, daß es nicht in unseren Kräften steht, mit dem Teufel, einem so mächtigen Kriegsmann, zu streiten und seine Gewalt und seinen Ansturm auszuhalten! Wenn das bei uns stünde, dann wäre es ja auch vergebens, ja, es wäre Spott, es von Gott zu erbitten. Wahrlich, wer sich im Vertrauen auf sich selber zu solchem Streite anschickt, der hat nicht genugsam begriffen, mit was für einem streitbaren, wohlgerüsteten Feinde er es zu tun hat! Nun aber bitten wir um Erlösung aus seiner Gewalt, wie aus dem Rachen eines rasenden, wütenden Löwen! Wir würden ja alsbald von seinen Zähnen und Krallen zerfleischt, von seinem Rachen verschlungen werden, wenn uns der Herr nicht mitten aus dem Tode herausrisse. Zugleich aber wissen wir: wenn der Herr bei uns ist und für uns Schweigende streitet, dann werden auch wir in seiner Stärke wackere Taten tun (Ps. 60,14). Mögen andere nach Gutdünken auf die eigenen Fähigkeiten und die Kräfte ihres freien Willens trauen, die sie von sich aus zu haben wähnen – uns ist es genug, daß wir allein durch des Herrn Kraft standhalten und etwas ausrichten können! Diese Bitte umfaßt aber mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein haben könnte; denn wenn der Geist Gottes unsere Kraft ist, um den Kampf mit dem Satan zu bestehen, dann können wir den Sieg nicht eher davontragen, als bis er uns ganz erfüllt und wir alle Schwachheit unseres Fleisches abgelegt haben. Wenn wir also vom Satan und der Sünde erlöst zu werden begehren, so bitten wir damit, Gott wolle uns immer neu mit dem Wachstum seiner Gnade reich machen – bis wir ganz und gar von ihr erfüllt sind und über alles Böse triumphieren! Manchen Leuten scheint es hart und schwer begreiflich, daß wir Gott bitten: „Führe uns nicht in Versuchung“. Denn Jakobus bezeugt doch, daß es Gottes Wesen zuwider ist, uns zu versuchen! (Jak. 1,13). Aber die Frage ist bereits teilweise gelöst, weil die Ursache aller Versuchungen, von denen wir besiegt werden, eigentlich unsere eigene Lust ist! (Jak. 1,14). Unsere Lust trägt also die Schuld. Jakobus will auch nichts anderes sagen, als daß es umsonst und ungerecht ist, Gott die Laster zuzuschieben, die wir uns doch selbst zurechnen müssen: wir sind uns ja wohl bewußt, daß wir ihrer schuldig sind! Indessen hindert das nicht, daß uns Gott, wenn es ihm so gut erscheint, in die Knechtschaft des Satans fallen, in einen verkehrten Sinn und in böse Lüste hineinstürzen läßt und also auf diese Weise „in Versuchung führt“, und zwar nach seinem gerechten, aber oft verborgenen Urteil; denn den Menschen ist oft die Ursache verborgen, die doch bei Gott klar und sicher ist! Daraus ergibt sich, daß es sich also hier nicht um eine uneigentliche Redeweise handelt; wir müssen doch überzeugt sein, daß er nicht ohne Ursache so oft droht: wenn die Gottlosen mit Blindheit und Verhärtung ihres Herzens geschlagen würden, so werde das ein sicherer Beweis seiner Strafe sein!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 14.08.2011 10:40

III,20,47

Diese drei Bitten, in denen wir besonders uns selbst und alles, was wir haben, Gott ans Herz legen, zeigen nun mit voller Klarheit, was wir bereits oben ausführten: die Gebete der Christen müssen auch die anderen mit umfassen und ihr Ziel in der gemeinsamen Erbauung der Kirche und in der Förderung der Gemeinschaft der Gläubigen haben. Denn es begehrt hier nicht der einzelne, es möchte ihm für sich selbst etwas gegeben werden, sondern wir bitten alle miteinander um unser täglich Brot, um die Vergebung unserer Sünden und darum, daß uns Gott nicht in Versuchung führe, sondern von dem Bösen erlöse! Dann folgt auch zu dem allen noch die Ursache, weshalb wir solche Freudigkeit haben dürfen, zu beten, und solche Zuversicht, etwas zu erlangen. Dieses Stück findet sich allerdings in den lateinischen Handschriften nicht; aber es paßt doch zu gut hierher, als daß es mir recht schiene, es auszulassen; es lautet: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Das ist die unverbrüchliche und sichere Ruhe unseres Glaubens; denn wenn unsere Gebete sich durch unsere Würdigkeit vor Gott in Empfehlung bringen sollten – wer würde da auch nur vor ihm zu mucksen wagen? Nun aber wird uns, ob wir auch die Elendesten, ob wir auch die Unwürdigsten von allen sind und nichts haben, dessen wir uns rühmen könnten, doch nie die Ursache zum Beten abgehen, nie die Zuversicht fehlen; denn man kann auch unserem Vater nicht sein Reich, seine Macht und seine Herrlichkeit entreißen! Zum Schluß wird dann hinzugesetzt: „Amen“. Damit kommt die Inbrunst des Wunsches zum Ausdruck, zu erlangen, was man von Gott erbeten hat. Auch wird so unsere Hoffnung gestärkt, daß wir all dies bereits erlangt haben und es uns ganz sicher widerfahren wird, weil Gott es verheißen hat, Gott, der nicht trügen kann! Das stimmt denn auch mit der oben bereits mitgeteilten Formel überein: „Herr, tue es, um deines Namens willen, nicht um unsert- oder um unserer Gerechtigkeit willen“ (vgl. Dan. 9,18f.). Denn damit bringen die Heiligen nicht bloß das Ziel ihrer Wünsche zum Ausdruck, sondern sie bekennen, daß sie unwürdig sind, etwas zu empfangen, wenn Gott nicht die Ursache dazu aus sich selber nimmt, und daß ihnen die Zuversicht, etwas gewährt zu erhalten, einzig und allein aus Gottes Wesen kommt!


III,20,48

So finden wir alles, was wir von Gott erbitten sollen und auch überhaupt erbitten können, in dieser Form oder auch gleichsam: dieser Regel des Gebets beschrieben, die uns Christus, der beste Lehrmeister gelehrt hat; diesen Christus aber hat Gott uns ja zum Lehrer gesetzt, und auf ihn sollen wir nach seinem Willen allein hören! (Matth. 17,5). Er ist allezeit Gottes ewige Weisheit gewesen (Jes. 11,2). Und als er Mensch wurde, da wurde er den Menschen als ein Gottesbote von „wunderbarem Rat“ gegeben (Jes. 9,5). Dies Gebet ist nun aber in allen Stücken so vollkommen, daß alles Fremde, von außen Hinzukommende, das sich nicht mit ihm in Übereinstimmung bringen läßt, gottlos und nicht würdig ist, von Gott gebilligt zu werden! (vgl. Augustin, Brief 130). Denn in dieser Zusammenfassung hat er uns vorgezeichnet, was seiner würdig, was ihm wohlgefällig und was uns vonnöten ist, kurz, was er uns gewähren will. Wer also weiter zu gehen und über dies hinaus von Gott etwas zu begehren wagt, der will zunächst Gottes Weisheit aus dem Eigenen heraus etwas zusetzen – und das kann ohne unsinnige Lästerung nicht abgehen! -, er hält sich aber weiter auch nicht unter Gottes Willen, sondern verachtet ihn und läßt sich von seiner Begehrlichkeit ins Weite treiben. Schließlich aber erlangt er auch nie und nimmer etwas, weil er ohne Glauben betet. Denn es ist außer Zweifel, daß alle solchen Gebete ohne Glauben geschehen; es fehlt nämlich hier das Wort Gottes, und wenn sich der Glaube nicht darauf stützt, dann kann er unter keinen Umständen bestehen. Wer aber die Regel des Meisters beiseite läßt und sich nachsichtig seinen eigenen Wünschen hingibt, der ist nicht nur ohne Gottes Wort, sondern ist ihm, soweit er es mit seinem Unterfangen vermag, entgegen! Deshalb hat Tertullian dies Gebet ebenso trefflich wie wahr das „rechte“ Gebet genannt (Von der Flucht in der Verfolgung, 2), und damit deutet er stillschweigend an, daß alle anderen Gebete außerhalb des Gesetzes stehen und unerlaubt sind.



III,20,49

Das wollen wir nun aber nicht so verstanden wissen, als ob wir an die Form des Gebets in der Weise gebunden wären, daß wir kein Wort und keine Silbe ändern dürften. Denn wir bekommen doch in der Schrift immer wieder viele Gebete zu lesen, die den Worten nach von dem Gebet des Herrn sehr verschieden sind, aber doch von dem gleichen Geist gestaltet sind, und deren Gebrauch für uns sehr nütze ist. Der gleiche Geist legt den Gläubigen immerfort viele Gebete in den Mund, die in der Ähnlichkeit der Worte mit diesem Gebet nicht so sehr übereinstimmen. Nein, es geht uns mit unserer Lehre nur darum, daß niemand etwas anderes sucht, erwartet oder begehrt, als was in diesem Gebet wie in einer Summe zusammengefaßt ist. Mag er auch noch so verschiedene Worte brauchen, so soll er doch im Sinn keine Abweichung eintreten lassen. Auf diese Weise sind sicherlich alle Gebete, die wir in der Schrift vor uns haben, wie auch alle, die aus einem gläubigen Herzen hervorgehen, auf dies eine Gebet bezogen, und es wird sich wahrlich nie eines finden lassen, das seiner Vollkommenheit gleichkommen, geschweige denn über sie hinausgelangen könnte! Hier ist nichts ausgelassen, was wir zum Lobpreis Gottes bedenken sollen, nichts aber auch, was uns zu unserem eigenen Wohl in den Sinn kommen soll. Und das alles ist so genau ausgedrückt, daß billigerweise jeder die Hoffnung verlieren muß, etwas Besseres zu versuchen! Kurz, wir sollen bedenken, daß wir hier die Unterweisung der göttlichen Weisheit vor uns haben: was ihr Wille ist, das hat sie uns kundgetan, und sie hat nur gewollt, was notwendig war!



III,20,50

Wir haben nun zwar oben bereits gesagt, daß wir allezeit unser Herz zu Gott erheben, allezeit zu ihm seufzen und ohne Unterlaß beten sollen. Aber unsere Schwachheit ist so groß, daß sie mit viel Beistand unterstützt werden muß, unsere Schläfrigkeit so schwer, daß sie es nötig hat, mit allerlei Ansporn aufgerüttelt zu werden. Deshalb sollte jeder von uns zu seiner Übung bestimmte Stunden festlegen, die er nicht ohne Gebet vorübergehen läßt und in denen er sich mit allen Regungen seines Herzens ganz dem Gebet widmet. Das sollte geschehen, wenn wir morgens aufstehen, bevor wir an unser Tagewerk herangehen, dann, wenn wir uns zu Tisch setzen, ferner, wenn wir durch Gottes Segen unsere Speise haben genießen dürfen, und endlich, wenn wir uns zur Ruhe begeben. Das soll nun aber kein abergläubisches Einhalten von Stunden sein, bei dem wir also Gott gewissermaßen das schuldige Maß darbrächten und dann meinten, für die übrigen Stunden aller Pflicht ledig zu sein; nein, es soll eine Zucht für unsere Schwachheit bedeuten, die auf diese Weise geübt und immer wieder angespornt werden soll! Vor allem müssen wir sorgfältig darauf halten, daß wir, sooft wir selbst von irgendwelcher Bedrängnis bedrückt werden oder andere bedrückt sehen, dann alsbald zu Gott unsere Zuflucht nehmen – nicht eilenden Fußes, sondern eilenden Herzens! Auch sollen wir niemals eine Förderung, die uns selber oder anderen widerfährt, vorübergehen lassen, ohne durch Lobpreis und Danksagung zu bezeugen, daß wir darin seine Hand erkennen. Und schließlich sollen wir bei allem Beten fleißig darauf achten, daß wir nicht etwa begehren, Gott an bestimmte Umstände zu binden und ihm vorzuschreiben, zu welcher Zeit, an welchem Ort und auf welche Weise er etwas tun soll. Wir werden ja auch durch das Gebet des Herrn gelehrt, ihm kein Gesetz zu machen und keine Bedingungen aufzuerlegen, sondern es seinem Ermessen zu überlassen, das, was er tun will, auf die Art, zu der Zeit und an dem Ort zu tun, die ihm richtig erscheinen. Bevor wir also irgendeine Bitte für uns selber aussprechen, sollen wir zuvor bitten: „Dein Wille geschehe“. Damit unterwerfen wir unseren Willen dem seinigen, damit er gewissermaßen im Zaum gehalten wird und sich nicht vermißt, Gott in eine Ordnung zu zwingen, sondern ihn als Richter und Lenker aller eigenen Wünsche anerkennt.



III,20,51

Wenn unser Herz zu solchem Gehorsam geschickt ist und wir uns so von den Gesetzen der göttlichen Vorsehung lenken lassen, dann werden wir es auch leicht lernen, im Gebet auszuharren, unsere Wünsche in der Schwebe zu lassen und geduldig auf den Herrn zu warten, in der Gewißheit, daß er, auch wenn es keineswegs zutage tritt, doch stets bei uns ist, und daß er zu seiner Zeit klarmachen wird, wie er unseren Gebeten, die vor Menschenaugen vernachlässigt schienen, doch nicht mit tauben Ohren begegnet ist! Das wird uns aber dann einen ganz starken Trost verleihen, so daß wir nicht ermatten oder vor Verzweiflung niedersinken, wenn Gott einmal nicht gleich auf unsere erste Bitte Antwort gibt. So machen es gewöhnlich solche Leute, die sich bloß von ihrer Hitzigkeit leiten lassen und dann Gott so anrufen, daß sie, wenn er nicht gleich beim ersten Anlauf zuspringt und unmittelbar gegenwärtige Hilfe gebracht hat, alsbald meinen, er sei zornig oder ungnädig, alle Hoffnung auf Erhörung wegwerfen und aufhören, ihn anzurufen. Nein, wir sollen vielmehr in rechtem, maßvollem Gleichmut unsere Hoffnung anstehen lassen und nach der Beharrlichkeit trachten, die uns in der Schrift so sehr anempfohlen wird. Man kann doch in den Psalmen immer wieder sehen, wie es David und den übrigen Gläubigen zwar so erging, daß sie, vom Beten geradezu erschöpft, doch nur die Luft erschüttert zu haben schienen, als ob ihre Worte bei Gott taube Ohren gefunden hätten, – wie sie aber dennoch nicht vom Beten abließen; denn wir wahren die Autorität des Wortes Gottes nur dann, wenn unser Glaube daran über alle Geschehnisse erhaben ist. Weiter sollen wir auch Gott nicht versuchen, ihn nicht mit unserer Zudringlichkeit belästigen und so gegen uns zum Zorn reizen. Das ist bei vielen Leuten Brauch: sie machen mit Gott stets gewissermaßen nur einen unter bestimmten Bedingungen stehenden Vertrag und binden ihn, als ob er der Knecht ihrer Begierden wäre, an die Gesetze dieser ihrer Verabredung; wenn er denen nun nicht gleich gehorcht, dann werden sie zornig, knirschen sie mit den Zähnen, erheben sie Einspruch, murren sie und empören sie sich! Solchen Leuten gewährt nun Gott in Zorn und Grimm öfters, was er anderen aus Gnade und Barmherzigkeit – versagt! Ein Beispiel dafür sind die Kinder Israels, denen es besser gewesen wäre, keine Erhörung zu finden, als mit dem (von ihnen zudringlich erbetenen) Fleisch nun auch Gottes Zorn schlucken zu müssen! (Num. 11,18.33).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 15.08.2011 11:40

III,20,52

Wenn nun aber unsere Erfahrung schließlich auch nach langem Warten nichts davon bemerkt, was wir mit unserem Gebet ausgerichtet haben, und wenn sie gar keine Frucht davon zu fühlen bekommt, so wird uns doch unser Glaube zur Gewißheit machen, was unser Sinn nicht schauen konnte, nämlich: daß wir das empfangen haben, was uns gut war. Denn der Herr hat sich so oft und so gewiß verpflichtet, er wolle sich unsere Nöte angelegen sein lassen, nachdem wir sie ihm einmal in den Schoß gelegt haben! So wird er dafür sorgen, daß wir in der Armut Reichtum und in der Trübsal Trost besitzen! Denn mag auch alles dahinsinken, so wird uns doch Gott nie im Stich lassen; denn er kann die Erwartung und Geduld der Seinen nicht täuschen! Er wird uns allein zu allen Dingen genug sein. Denn er faßt alle Güter in sich – und er wird sie uns einst am Tage des Gerichts offen zeigen, wenn er sein Reich voll und ganz offenbaren wird! Freilich, wenn uns auch Gott unsre Bitte gewährt, so geht er mit seiner Antwort nicht immer genau nach der Form unseres Gebets; nein, er läßt uns scheinbar im Ungewissen – und zeigt doch auf verborgene Weise, daß unsere Bitten nicht vergebens gewesen sind! Dies ist der Sinn der Worte des Johannes: „Und so wir wissen, daß er uns hört, was wir bitten, so wissen wir, daß wir die Bitten haben, die wir von ihm gebeten haben“ (1. Joh. 5,15). Das scheint eine überflüssige Fülle von Worten zu sein; aber tatsächlich wird uns hier etwas äußerst Nützliches auseinandergesetzt: selbst wo Gott uns nicht willfahrt, da ist er doch unseren Bitten gegenüber freundlich und gnädig, so daß also die Hoffnung, die sich auf sein Wort stützt, uns niemals zuschanden werden läßt! Diese Geduld aber ist für die Gläubigen eine derart notwendige Stütze, daß sie nicht lange standhalten würden, wenn sie nicht auf ihr gegründet wären. Denn der Herr prüft die Seinen mit nicht leichten Proben, er übt sie auch nicht sanft, sondern drängt sie oft bis zum äußersten, und wenn er sie soweit gedrängt hat, dann läßt er sie lange im Sumpf stecken, bis er ihnen einen Geschmack von seiner Freundlichkeit zuteil werden läßt. Es ist so, wie Hanna sagt: „Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus!“ (1. Sam. 2,6). Was sollten sie da machen, als den Mut zu verlieren und in Verzweiflung zu versinken – wenn sie nicht als angefochtene, trostlose und schon halbtote Leute der Gedanke aufrichtete, daß Gott sie ansieht und ihren gegenwärtigen Nöten ein Ende bereiten wird? Trotzdem: so sehr sie durch die Gewißheit dieser Hoffnung aufrechterhalten werden, so wenig hören sie unterdessen auf zu beten. Denn wenn unserem Gebet nicht die beständige Beharrung innewohnt, dann richten wir nichts mit ihm aus!



Einundzwanzigstes Kapitel: Von der ewigen Erwählung, kraft deren Gott die einen zum Heil, die anderen zum Verderben vorbestimmt hat



III,21,1

Nun wird aber der Bund des Lebens nicht gleichermaßen bei allen Menschen gepredigt, und er findet auch bei denen, die seine Predigt zu hören bekommen, nicht gleichermaßen und fortwährend den gleichen Platz. In dieser Verschiedenheit tritt die wundersame Hoheit des göttlichen Gerichts zutage. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, daß auch diese Verschiedenartigkeit dem Urteil der ewigen Erwählung Gottes dient. Ist es nun aber offenkundig, daß es durch Gottes Wink geschieht, wenn den einen das Heil ohne ihr Zutun angeboten wird, den anderen dagegen der Zugang zu diesem Heil verschlossen bleibt, – so erheben sich hier gleich große und schwere Fragen, die nicht anders zu lösen sind, als wenn die Frommen innerlich klar erfaßt haben, was sie von der Erwählung und Vorbestimmung wissen müssen. Wahrlich, – wie es vielen scheint! – eine verwickelte Frage: man meint, es sei doch nichts weniger sinnvoll, als daß aus der allgemeinen Schar der Menschen die einen zum Heil, die anderen aber zum Verderben vorbestimmt sein sollten! Wie ungeschickt sich aber die Menschen, die dergleichen Meinungen haben, selbst Schwierigkeiten bereiten, das wird gleich aus dem Zusammenhang deutlich werden. Man muß auch bedenken, daß gerade in dieser Dunkelheit, die sie erschreckt, nicht nur der Nutzen dieser Lehre, sondern auch ihre über die Maßen süße Frucht zutage tritt. Wir werden nie und nimmer so klar, wie es sein sollte, zu der Überzeugung gelangen, daß unser Heil aus dem Brunnquell der unverdienten Barmherzigkeit Gottes herfließt, ehe uns nicht Gottes ewige Erwählung kundgeworden ist; denn diese verherrlicht Gottes Gnade durch die Ungleichheit, daß er ja nicht unterschiedslos alle Menschen zur Hoffnung auf die Seligkeit als Kinder annimmt, sondern den einen schenkt, was er den anderen verweigert. Wie sehr die Unkenntnis dieses Grundsatzes Gottes Ehre mindert und wie sehr sie der wahren Demut Abbruch tut, das liegt auf der Hand. Nun kann aber nach Paulus diese Tatsache, die zu erkennen so hoch vonnöten ist, gar nicht begriffen werden, wenn nicht Gott unter Beiseitelassen jeder Rücksicht auf die Werke die Menschen erwählt, die er bei sich zu erwählen beschlossen hat! „In dieser Zeit“, sagt er, „werden die übrigen selig werden nach der Wahl der Gnade. Ist’s aber aus Gnaden, so ist’s nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein. Ist’s aber aus den Werken, so eben nicht aus Gnaden; sonst wäre Werk nicht Werk!“ (Röm. 11,5f.; nicht Luthertext). Wir müssen also auf den Ursprung der Erwählung zurückverwiesen werden, damit es feststeht, daß uns das Heil von nirgendwo anders her, als allein aus reiner Freundlichkeit Gottes zuteil wird; wer das nun also auslöschen will, der verdunkelt, soweit es in seiner Macht steht, in Bosheit, was doch gewaltig und mit vollem Munde gerühmt werden sollte, ja, er reißt auch die Wurzel der Demut aus! Paulus bezeugt deutlich: wo das Heil des übrigbleibenden Volkes der „Wahl der Gnade“ zugeschrieben wird, da wird erst erkannt, daß Gott aus reinem Wohlgefallen selig macht, welche er will, daß er aber nicht etwa Lohn austeilt, den er ja nicht schuldig sein kann. Wer nun die Tore verschließt, so daß keiner es wagt, an einen Geschmack von dieser Lehre zu kommen, der tut den Menschen nicht weniger Unrecht als Gott; denn es gibt nichts anderes, das uns so nach Gebühr zu demütigen vermöchte – und wir werden dann auch nicht von Herzen empfinden, wie sehr wir Gott verpflichtet sind! Auch finden wir doch anderswo keine Stütze zu getroster Zuversicht. So lehrt es Christus selber: um uns mitten in soviel Gefahren, soviel Nachstellungen und tödlichen Kämpfen von aller Furcht zu befreien und unbesieglich zu machen, verheißt er, daß alles, was er von seinem Vater in Obhut empfangen hat, unversehrt bleiben soll (Joh. 10,28f.). Daraus schließen wir: wer nicht weiß, daß er Gottes besonderes Eigentum ist, der muß jämmerlich daran sein und aus dem Zittern nicht herauskommen. Die Leute also, die diesen dreifachen Nutzen, von dem wir sprachen (Gewißheit, Demut, Dankbarkeit), blind übersehen und auf diese Weise das Fundament unseres Heils gern aufheben möchten, die tun also sich selbst und allen Gläubigen einen sehr schlechten Dienst! Was will man denn dazu sagen, daß doch auf diesem Grunde die Kirche sich erhebt, die man sonst, wie Bernhard richtig lehrt, gar nicht auffinden, auch nicht unter den Kreaturen wahrnehmen könnte? Denn sie liegt auf wundersame Weise einerseits im Schoß der seligen ‘Vorbestimmung, andererseits in der Masse der elenden Verdammnis verborgen! (Bernhard von Clairvaux, Predigten zum Hohen Liede, 78). Bevor ich nun an die Sache selbst herangehe, muß ich zunächst mit zweierlei Menschen ein zwiefaches Vorgespräch halten. Die Erörterung über die Vorbestimmung ist zwar an sich schon einigermaßen verzwickt; aber der Vorwitz der Menschen macht sie erst recht verwickelt und geradezu gefährlich. Er läßt sich durch keinerlei Riegel davon abbringen, sich auf verbotene Abwege zu verlaufen und über sich hinaus in die Höhe zu dringen; wenn es möglich ist, so läßt er Gott kein Geheimnis übrig, das er nicht durchforscht und durchwühlt. Wir sehen, wie viele Menschen immer wieder in diese Vermessenheit und Schamlosigkeit geraten, auch solche, die sonst nicht übel sind; es ist also an der Zeit, sie darauf aufmerksam zu machen, was in diesem Stück ihre Pflicht ist. Zunächst sollen sie sich daran erinnern, daß sie mit ihrem Forschen nach der Vorbestimmung in die heiligen Geheimnisse der göttlichen Weisheit eindringen; wer nun hier ohne Scheu und vermessen einbricht, der erlangt nichts, womit er seinen Vorwitz befriedigen könnte, und er tritt in einen Irrgarten, aus dem er keinen Ausgang finden wird! Denn es ist nicht billig, daß der Mensch ungestraft durchforscht, was nach des Herrn Willen in ihm selber verborgen bleiben soll, und daß er die Hoheit seiner Weisheit, die er angebetet und nicht begriffen wissen wollte und um deretwillen er uns ja eben wunderbar sein will, geradezu von der Ewigkeit her durchwühlt. Die Geheimnisse seines Willens, die er uns kundzumachen für gut erachtete, die hat er uns durch sein Wort vor Augen gestellt. Er hat das aber soweit für gut erachtet, als es nach seiner Vorsehung zu unserem Besten dient und uns nützlich ist.



III,21,2

„Wir sind auf dem Wege des Glaubens gekommen“, sagt Augustin, „so wollen wir auch beständig auf ihm bleiben! Er führt uns zur Kammer des Königs, in der alle Schätze der Erkenntnis und der Weisheit verborgen liegen. Denn es war nicht etwa Mißgunst, die den Herrn Christus gegenüber seinen Jüngern, die doch groß und besonders auserwählt waren, bewegte, als er zu ihnen sprach: „Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“ (Joh. 16,12). Wir müssen in Bewegung sein, wir müssen weiterschreiten, wir müssen wachsen, damit unsere Herzen fähig werden, das zu fassen, was wir jetzt noch nicht aufnehmen können! Wenn uns der jüngste Tag fortschreitend antrifft, so werden wir da lernen, was wir hier nicht zu lernen vermögen!“ (Predigten zum Johannesevangelium, 53). Wenn bei uns der Gedanke gilt, daß das Wort des Herrn der einzige Weg ist, der uns zur Erforschung dessen führt, was uns von ihm zu wissen gebührt, daß es das einzige Licht ist, das uns voranleuchtet, damit wir sehen, was wir von ihm erschauen sollen, – dann wird er uns mit Leichtigkeit vor allem Vorwitz bewahren und zurückhalten. Wir werden dann nämlich wissen, daß unser Lauf, sobald wir die Grenzen des Wortes überschreiten, vom Wege abführt und in der Finsternis verläuft – und daß wir da notwendig in die Irre gehen, fallen und immer wieder anstoßen müssen! Deshalb wollen wir uns zuerst vor Augen halten: eine andere Erkenntnis der Vorbestimmung zu erstreben als die, welche uns im Worte Gottes entfaltet wird, das ist ebenso wahnwitzig, wie wenn einer weglos schreiten oder im Finstern sehen wollte. Auch sollen wir uns nicht schämen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt! Nein, wir wollen vielmehr gern davon Abstand nehmen, nach einem Wissen zu forschen, nach dem zu haschen töricht wie gefährlich, ja, geradezu verderblich ist! Wenn uns aber der Übermut unseres Wesens kitzelt, dann wird es von Nutzen sein, ihm stets zu seiner Dämpfung das Wort entgegenzuhalten: „Wer zuviel Honig ißt, dem ist’s nicht gut, und das Forschen nach Ruhm wird den Vorwitzigen nicht zum Ruhm gereichen!“ (Spr. 25,27; zweite Hälfte nicht Luthertext, ausgemalt). Denn es besteht aller Grund, daß wir von einer Vermessenheit abgeschreckt werden, die nichts anderes vermag, als uns ins Verderben zu stürzen!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 16.08.2011 13:33

III,21,3

Dagegen gibt es andere, die dies Übel heilen wollen und zu diesem Zweck beinahe jede Erwähnung der Vorbestimmung zu begraben gebieten; ja, sie lehren, man solle sich vor jeder Frage nach ihr wie vor einer Klippe hüten! Nun ist das Maßhalten dieser Leute mit Recht zu loben, insofern sie der Ansicht sind, man solle die Geheimnisse mit solcher Bescheidenheit erwägen. Aber sie bleiben doch gar zu sehr hinter dem rechten Maß zurück, und deshalb richten sie bei der menschlichen Art wenig aus; denn diese läßt sich nicht so blindlings in Schranken weisen. Um also auch in diesem Stück die rechte Begrenzung innezuhalten, müssen wir auf das Wort des Herrn zurückgehen, an dem wir eine sichere Richtschnur des Erkennens haben. Denn die Schrift ist die Schule des Heiligen Geistes, und in ihr wird nichts übergangen, was zu wissen notwendig oder nützlich ist, es wird aber auch ebenso nichts gelehrt, als was zu wissen förderlich ist! Was nun auch in der Schrift über die Vorbestimmung gelehrt wird, – wir müssen uns hüten, die Gläubigen davon fernzuhalten, damit wir nicht den Anschein erwecken, als wollten wir sie boshaft um die Wohltat ihres Gottes betrügen oder auch den Heiligen Geist beschuldigen und beschimpfen, er habe Dinge kundgemacht, die man nützlicherweise auf alle Art unterdrücken sollte: Wir wollen, meine ich, dem Christenmenschen erlauben, allen Worten Gottes, die an ihn gerichtet werden, Herz und Ohr zu öffnen, allerdings mit solcher Zurückhaltung, daß, sobald der Herr seinen heiligen Mund schließt, auch der Mensch sich den Weg zum Forschen verschließt! Unsere Bescheidenheit wird dann das richtige Maß haben, wenn wir beim Lernen nicht nur stets Gottes Leitung folgen, sondern auch da, wo er seiner Belehrung ein Ende macht, aufhören, noch etwas wissen zu wollen. Auch ist die Gefahr, die jene Leute fürchten, nicht so groß, daß wir deshalb die Herzen von Gottes Offenbarungsworten abwenden dürften! Es ist (allerdings) ein herrliches Wort des Salomo: „Es ist Gottes Ehre, ein Wort zu verbergen“ (Spr. 25,2; nicht Luthertext). Aber die Frömmigkeit und auch der gesunde Menschenverstand leiten uns an, diese Stelle nicht unterschiedslos auf alles zu beziehen; wir müssen also eine Unterscheidung aufsuchen, damit nicht unter dem Deckmantel der Zurückhaltung und Bescheidenheit die grobe Unwissenheit unser Wohlgefallen findet! Diese Unterscheidung wird nun von Mose in wenigen Worten klar zum Ausdruck gebracht: „Das Geheimnis gehört unserem Gott; aber dies hat er uns und unseren Kindern offenbart!“ (Deut. 29,29; nicht Luthertext, ungenau). Da sehen wir, wie er dem Volke die Beschäftigung mit der Lehre des Gesetzes einzig auf Grund des himmlischen Willensratschlusses ans Herz legt, weil es eben Gott gefallen hatte, das Gesetz kundzumachen, wie er aber zugleich das nämliche Volk in diese Schranken einschließt, und zwar einzig aus dem Grunde, weil es den Sterblichen nicht gebührt, in Gottes Geheimnisse einzudringen.



III,21,4

Ich gestehe zwar, daß unfromme Menschen bei der Behandlung der Vorbestimmung, ehe man sich versieht, etwas erhaschen, um es zu zerpflücken, übel zu deuten, anzubellen oder zu verspotten. Aber wenn uns die Unverschämtheit solcher Leute schreckt, dann müssen wir von allen hochwichtigen Glaubenslehren schweigen; denn solche Menschen oder ihresgleichen lassen fast keine von ihnen mit ihren Lästerungen unverletzt. Ein widerspenstiger Geist wird ebenso frech losfahren, wenn er hört, daß in Gottes Wesen drei Personen bestehen, wie wenn er vernimmt, daß Gott, als er den Menschen schuf, auch vorausgesehen hat, was in Zukunft mit ihm geschehen werde. Solche Menschen werden auch ihr Gelächter nicht unterlassen, wenn sie gewahr werden, daß erst wenig mehr als fünftausend Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen sind; denn sie werden dann fragen, warum denn Gottes Kraft solange müßig und schlafend gewesen sei. Kurz, man kann nichts vorbringen, was sie nicht mit ihrem Spott angreifen! Wollen wir aber, um diese Lästerungen niederzuhalten, von der Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes schweigen? Wollen wir die Erschaffung der Welt mit Stillschweigen übergehen? Nein, in diesem Stück und auch sonst in allen ist Gottes Wahrheit zu mächtig, als daß sie die Schmähsucht der Gottlosen zu fürchten hätte. So behauptet es auch Augustin gründlich in seinem Werk „Von der Gabe der Beharrung“ (15-20). Wir sehen doch, wie es die falschen Apostel nicht fertiggebracht haben, den Apostel durch Verleumdung und Beschimpfung seiner wahren Lehre dazu zu bringen, daß er sich ihrer schämte! Töricht ist es aber auch, wenn man erklärt, diese ganze Erörterung sei auch für fromme Gemüter gefährlich, weil sie den Ermahnungen zuwider sei, den Glauben erschüttere und weil sie das Herz selbst verwirre und ängstige. Augustin verhehlt nicht, daß er es gewohnt war, auf Grund solcher Ursachen beschuldigt zu werden, weil er die Vorbestimmung gar zu frei predige; aber er widerlegt diesen Vorwurf doch vollauf, was ihm ja sehr leicht möglich war (Von der Gabe der Beharrung, 14). Wir wollen dagegen, da hier viele und verschiedenartige Widersinnigkeiten vorgebracht werden, die Widerlegung jeder einzelnen bis an die je passende Stelle aufschieben. Nur dies eine sollte, das möchte ich gern, bei ihnen allgemein fest stehen bleiben: Was der Herr im Geheimen hat verborgen sein lassen, dem sollen wir nicht nachspüren, was er hat offen an den Tag treten lassen, das sollen wir nicht vernachlässigen, damit wir nicht auf der einen Seite um unserer allzu großen Neugierde, auf der anderen um unserer Undankbarkeit willen verdammt werden, denn auch das ist ein kluges Wort Augustins: wir könnten der Schrift sicher folgen, weil sie gleichsam nach der Art des Gangs einer Mutter langsam schreite, um unsere Schwachheit nicht hinter sich zu lassen (Von der Genesis V,3). Wenn aber einige so vorsichtig oder ängstlich sind, daß sie wohl wünschten, die Vorbestimmung sei begraben, damit sie nur ja keine schwächlichen Seelen verwirre, – mit was für einer Farbe wollen die denn, das möchte ich gar zu gern wissen, ihre Anmaßung zudecken? Denn hintenherum beschuldigen sie Gott törichter Unbedachtheit, als ob er nämlich eine Gefahr, der sie weislich zu begegnen glauben, nicht vorhergesehen hätte! Wer also die Lehre von der Vorbestimmung mit übler Nachrede belastet, der treibt offene Gotteslästerung – als ob Gott nämlich unbesonnen etwas entfallen wäre, was der Kirche Schaden brächte!



III,21,5

Die Vorbestimmung, kraft deren Gott die einen zur Hoffnung auf das Leben als seine Kinder annimmt, die anderen aber dem ewigen Tode überantwortet, wagt keiner, der als fromm gelten will, rundweg zu bestreiten, nein, man verwickelt sie nur in viele Spitzfindigkeiten; vor allem tun das die, welche das Vorherwissen (praescientia) für ihre Ursache erklären. Nun stellen auch wir beides an Gott fest, wir erklären es aber für verkehrt, eines dem anderen unterzuordnen. Wenn wir Gott das Vorherwissen zuschreiben, so meinen wir damit: alles ist stets vor seinen Augen gewesen und wird es auch allezeit bleiben; für seine Erkenntnis gibt es also nichts Zukünftiges oder Vergangenes, sondern es ist alles gegenwärtig, und zwar so gegenwärtig, daß er es sich nicht bloß auf Grund von bildlichen Gedanken vorstellt, so wie uns die Dinge wieder vorkommen, an die unser Sinn eine Erinnerung bewahrt, – sondern daß er diese Dinge wirklich schaut und gewahrt, als Gegenstände, die vor ihm stehen! Dieses Vorherwissen erstreckt sich nun auf den ganzen Umkreis der Welt und auf alle Kreaturen. Unter Vorbestimmung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloß, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet. Wie also nun der einzelne zu dem einen oder anderen Zweck geschaffen ist, so – sagen wir – ist er zum Leben oder zum Tode „vorbestimmt“. Diese Vorbestimmung hat nun Gott nicht bloß an den einzelnen Personen bezeugt, sondern er hat ein Beispiel dafür an der gesamten Nachkommenschaft des Abraham gegeben; daraus sollte offenkundig werden, daß es in seinem Ermessen steht, wie die Stellung jedes einzelnen Volkes einmal werden soll. „Als der Allerhöchste die Völker zerteilte und zerstreute die Kinder Adams, … da wurde das Volk Israel sein Teil und die Schnur seines Erbes …“ (Deut. 32,8f.; nicht durchweg Luthertext). Die Aussonderung ist vor aller Augen: In der Person des Abraham wird wie in einem dürren Stumpf ein einziges Volk besonders erwählt, während die anderen verworfen werden; eine Ursache aber wird nicht sichtbar – abgesehen davon, daß Mose die Nachkommen, um ihnen jeden Anlaß zum Rühmen abzuschneiden, lehrt, sie hätten ihre hervorragende Stellung einzig und allein aus Gottes gnädiger Liebe! Denn er gibt als Grund ihrer Errettung an, „daß er deine Väter geliebt und ihren Samen nach ihnen erwählt hat!“ (Deut. 4,37). Noch ausdrücklicher finden wir das in einem anderen Kapitel: „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, darum daß euer mehr wäre als alle Völker…, sondern darum, daß er euch geliebt hat …“ (Deut. 7,7f.). Mehrmals wiederholt sich bei ihm die gleiche Ermahnung: „Siehe, der Himmel … und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des Herrn, deines Gottes; dennoch hat er allein zu deinen Vätern Lust gehabt, daß er sie liebte, und hat ihren Samen erwählt, … euch!“ (Deut. 10,14f.). Ebenso wird ihnen anderwärts die Heiligung zur Vorschrift gemacht, weil sie „erwählt“ seien „zum Volk des Eigentums“ (Deut. 7,6). Und an anderer Stelle wird wiederum erklärt, Ursache des (dem Volke gewährten) Schutzes sei die Liebe Gottes! (Deut. 23,5). Das verkündigen auch die Gläubigen mit einer Stimme: „Er erwählt uns unser Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt“ (Ps. 47,5). Denn sie schreiben hier alle Gaben, mit denen sie Gott geziert hatte, seiner unverdienten Liebe zu – nicht nur, weil sie wußten, daß sie sie durch keinerlei Verdienste erworben hatten, sondern auch, weil sie erkannt hatten: nicht einmal der heilige Erzvater war mit solcher Tugend ausgerüstet, daß er damit sich und seinen Nachkommen ein solches Ehrenvorrecht erworben hätte! Um alle Hoffart zu Boden zu stoßen, schilt er auch das Volk, es habe sich nichts dergleichen verdient, weil es doch ein widerspenstiges und halsstarriges Volk sei! (Deut. 9,6; 9,24). Die Propheten halten den Juden oft ihre Erwählung zur Schmach und als Vorwurf vor, weil sie ja schändlich von ihr abgefallen waren (z.B. Amos 3,2). Wie dem aber nun sei – es sollen doch einmal die vortreten, die Gottes Erwählung an die Würdigkeit der Menschen oder an die Verdienste der Werke binden wollen! Sie sehen doch, daß hier ein einziges Volk allen anderen vorgezogen wird, und sie vernehmen, daß Gott durch keinerlei Rücksicht dazu gebracht worden ist, gegen so wenige und unedle, dazu aber auch böse und ungehorsame Menschen gnädig zu sein! Wollen sie nun mit ihm hadern, weil er einen solchen Beweis seiner Barmherzigkeit hat liefern wollen? Aber sie werden weder mit ihrem lauten Widerspruch sein Werk hindern, noch auch dadurch, daß sie die Steine ihrer Vorwürfe gegen den Himmel schleudern, seine Gerechtigkeit treffen und verletzen! Nein, diese Steine fallen vielmehr auf ihr eigenes Haupt zurück! Eben auf diesen Grundsatz des aus Gnade mit ihnen geschlossenen Bundes werden die Israeliten zurückverwiesen, wenn es gilt, Gott Dank zu sagen oder auch die Hoffnung für die kommende Zeit aufzurichten. „Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst“, sagt der Prophet, „zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide!“ (Ps. 100,3). Die verneinende Bemerkung („und nicht wir selbst“!), die hinzugesetzt ist, um uns auszuschließen, ist nicht überflüssig; sie sollen eben wissen, daß Gott nicht nur der Geber all der Gaben ist, um derentwillen sie solch hervorragende Stellung genießen, sondern daß er auch die Ursache (sie ihnen zu schenken) aus sich selber genommen hat, weil in ihnen ja nichts solcher Ehre würdig gewesen wäre: Der Prophet gebietet ihnen auch, sich an Gottes reinem Wohlgefallen genügen zu lassen, indem er spricht: „Ihr, der Same Abrahams, seines Knechtes, ihr Kinder Jakobs, seines Auserwählten!“ (Ps. 105,6; nicht ganz Luthertext). Er zählt weiter Gottes fortwährende Wohltaten als Früchte der Erwählung auf, und nachdem das geschehen ist, kommt er am Ende zu dem Schluß, Gott habe so freigebig an ihnen gehandelt, weil er seines Bundes gedacht habe (Ps. 105,42). Dieser Lehre entspricht der Gesang der ganzen Kirche. „Deine Rechte und das Licht deines Angesichts haben unseren Vätern das Land gegeben; denn du hattest Wohlgefallen an ihnen!“ (Ps. 44,4; der Anfang ist Inhaltsangabe). Dabei ist zu bemerken: wo das Land erwähnt wird, da ist es ein sichtbares Merkzeichen der verborgenen Aussonderung, in die die Annahme in die Kindschaft eingeschlossen ist. Zu dieser Dankbarkeit ermahnt David das Volk an anderer Stelle: „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ (Ps. 33,12). Zu fröhlicher Hoffnung aber ermuntert es Samuel: „Gott wird euch nicht verlassen um seines großen Namens willen; denn es hat ihm wohlgefallen, sich euch zum Volk zu erschaffen!“ (1. Sam. 12,22; nicht Luthertext). Ebenso wappnet sich auch David zum Kampfe, wenn sein Glaube angegriffen wird: „Wohl dem, den du erwählt hast …, daß er wohne in deinen Höfen!“ (Ps. 65,5). Weil aber die Erwählung, die in Gott verborgen ist, durch die erste wie die zweite Erlösung, wie auch durch andere zwischendurch geschehende Wohltaten bekräftigt worden ist, so wird bei Jesaja das Wort „Erwählen“ auch darauf übertragen. So hören wir: „Der Herr wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch fürder erwählen“ (Jes. 14,1). Denn er redet hier von der kommenden Zeit: da wird Gott das übrige Volk, das er dem Anschein nach enterbt hat, wieder sammeln, und Jesaja erklärt dies nun für ein Zeichen der beständigen, gewissen Erwählung, die zugleich dem Anschein nach dahingefallen war. Wenn es dann auch anderwärts heißt: „Ich erwähle dich und verwerfe dich nicht“ (Jes. 41,9), so rühmt er damit den fortwährenden Gang der herrlichen Freigebigkeit des väterlichen Wohlwollens Gottes. Noch offener redet der Engel bei Sacharja: „Gott wird Jerusalem wieder erwählen“ (Sach. 2,16); es ist, als hätte er durch solche gar harte Züchtigung Jerusalem verworfen und als wäre die Verbannung eine Unterbrechung der Erwählung gewesen; die Erwählung bleibt aber dennoch unverletzt, wenn auch ihre Kennzeichen nicht immer sichtbar sind!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 18.08.2011 13:05

III,21,6

Wir müssen nun weiter zu einer zweiten, enger umgrenzten Stufe der Erwählung kommen, in der nun die mehr besondere Gnade Gottes sichtbar wird: Gott hat nämlich aus dem gleichen Geschlecht Abrahams die einen verworfen, die anderen aber in seiner Kirche belassen und dadurch gezeigt, daß er sie unter seinen Kindern erhalten hat. So hatte Ismael im Anfang die gleiche Stufe wie auch sein Bruder Isaak erlangt; denn durch das Merkzeichen (symbolum) der Beschneidung war in ihm der geistliche Bund nicht minder versiegelt als in seinem Bruder. Trotzdem wird er verstoßen; nach ihm dann auch Esau, und schließlich eine unzählbare Schar und fast ganz Israel: „In Isaak“ wurde (dem Abraham) „der Same“ berufen (Gen. 21,12) – und die gleiche Berufung dauerte bei Jakob an. Ein gleiches Beispiel hat Gott mit der Verwerfung des Saul gegeben; das wird auch in einem Psalm herrlich gerühmt: „Und er verwarf den Stamm Josephs und erwählte nicht den Stamm Ephraim, sondern erwählte den Stamm Juda …“ (Ps. 78,67f.; nicht ganz Luthertext). Die heilige Geschichte wiederholt das mehrfach, damit in diesem Wechsel das wunderbare Geheimnis der Gnade Gottes desto besser offenbar werde. Ich gebe zu: Ismael, Esau und ihresgleichen fielen durch ihr eigenes Vergehen und ihre eigene Schuld aus der Annahme in die Kindschaft heraus; denn da ist ja die Bedingung zugesetzt, nach der sie Gottes Bund treulich halten sollten; und sie haben diesen Bund tatsächlich treulos verletzt! Aber trotzdem war es doch eine besondere Wohltat Gottes, daß er sich herbeigelassen hatte, sie den anderen Völkern vorzuziehen, wie es auch in einem Psalm heißt: „So tut er keinen Heiden, noch läßt er sie wissen seine Rechte!“ (Ps. 147,20). Ich habe aber hier nicht ohne Bedacht gesagt, man müsse dabei zwei Stufen beachten. Gott zeigt nämlich bereits durch die Erwählung des ganzen Volkes, daß er in seiner reinen Freundlichkeit an keinerlei Gesetze gebunden, sondern frei ist, so daß man also von ihm keineswegs eine gleichmäßige Verteilung seiner Gnade verlangen kann; gerade die Ungleichheit dieser Verteilung zeigt, daß es sich hier wahrhaftig um eine Gnadentat handelt. Deshalb macht Maleachi Israels Undank so groß, weil es nicht bloß aus dem ganzen Menschengeschlecht auserwählt, sondern auch noch aus dem heiligen Hause (Abrahams) ausgesondert war, und doch Gott, seinen so wohltätigen Vater, treulos und unfromm verachtete. „Ist nicht Esau Jakobs Bruder?“, sagt er, „Und doch habe ich Jakob lieb und hasse Esau …“ (Mal. 1,2f.). Gott nimmt hier als zugestanden an, daß schon dadurch, daß beide einem heiligen Vater entstammten, beide Erbgenossen des Bundes und endlich Zweige aus der geheiligten Wurzel waren, die Kinder Jakobs nicht wenig verpflichtet waren, weil Gott sie ja zu solcher Würde angenommen hatte. Da nun aber ihr Vater Jakob, der der Natur nach der Geringere war, unter Verwerfung des Erstgeborenen, des Esau, zum Erben gemacht worden war, so beschuldigt er sie doppelter Undankbarkeit und beklagt sich, daß sie sich auch durch dies doppelte Band nicht haben halten lassen!



III,21,7

Hiermit ist nun zwar bereits vollauf klar geworden, daß Gott nach seinem verborgenen Ratschluß frei erwählt, welche er will, und daß er die anderen verwirft. Trotzdem ist seine gnädige Erwählung damit erst zur Hälfte deutlich gemacht, ehe wir zu den einzelnen Personen kommen, denen Gott das Heil nicht bloß anbietet, sondern derart versiegelt, daß die Gewißheit seiner Wirkung nicht mehr in der Schwebe oder im Ungewissen bleibt. Diese werden zu dem einigen Samen gerechnet, den Paulus erwähnt (Röm. 9,8; Gal. 3,16ff.). Denn die Annahme in die Kindschaft wurde allerdings in Abrahams Hand gelegt; aber von seinen Nachfahren sind viele gleichsam als faule Glieder abgeschnitten worden: soll also die Erwählung wirksam werden, so müssen wir zu dem Haupte emporsteigen, in welchem der himmlische Vater seine Auserwählten unter sich vereint und durch ein unauflösliches Band an sich selber gebunden hat! So ist zwar in der Erwählung des Geschlechts Abrahams Gottes freie Gunst, die er anderen verwehrte, hervorgetreten; aber in den Gliedern Christi leuchtet die Kraft seiner Gnade noch weit glänzender hervor; denn weil sie in ihr Haupt eingefügt sind, deshalb fallen sie nie und nimmer aus dem Heil heraus. Deshalb zieht Paulus aus der oben angeführten Stelle bei Maleachi die Folgerung: wenn Gott den Bund des ewigen Lebens mit einem Volke aufrichtet und es zu sich einlädt, so wirkt sich an einem Teil dieses Volkes noch eine besondere Art von Erwählung aus, so daß er also nicht alle in unterschiedsloser Gnade wirksam erwählt. Wenn es heißt: „Jakob habe ich geliebt“ (Mal. 1,2), so bezieht sich das auf die gesamte Nachkommenschaft des Erzvaters, die der Prophet hier in einen Gegensatz zu den Nachkommen Esaus stellt. Das hindert aber nicht, daß uns in der Person eines Menschen ein Beispiel der Erwählung vor Augen gestellt ist, die nicht vergehen kann, sondern zu ihrem Ziel kommt! Paulus bemerkt nun nicht umsonst, daß solche Menschen als „die übrigen“ bezeichnet werden; denn die Erfahrung zeigt, daß aus der großen Menge die meisten zu Fall kommen und vergehen, so daß also öfters nur ein kleiner Teil übrigbleibt. Die Ursache dafür, daß die allgemeine Erwählung eines Volkes nicht immer fest und wirksam ist, liegt auf der Hand: wenn Gott mit Menschen einen Bund macht, so schenkt er ihnen nicht gleich den Geist der Wiedergeburt, in dessen Kraft sie bis ans Ende in solchem Bunde beharren können; nein, diese äußere Veränderung ohne die innere Wirksamkeit der Gnade, die stark genug wäre, um sie zu erhalten, ist gewissermaßen ein Mittelding zwischen der (allgemeinen) Verwerfung des Menschengeschlechts und der Erwählung einer geringen Zahl von Frommen. So wird das ganze Volk Israel als Gottes Erbe bezeichnet (Deut. 32,9; 1. Kön. 8,51; Ps. 28,9; 33,12); trotzdem sind viele aus diesem Volke tatsächlich Draußenstehende. Aber Gottes Zusage, er werde dieses Volkes Vater und Erlöser sein, war doch nicht umsonst, und deshalb schaute er mehr seine gnädige Gunst an, als den treulosen Abfall vieler; durch diese war auch seine Wahrheit nicht abgetan: denn, wo er sich einen Rest bewahrte, da zeigte er, daß ihn seine Berufung nicht gereute! Wenn sich Gott nämlich seine Kirche immer wieder eher aus den Kindern Abahams, als aus den unheiligen Völkern sammelte, so nahm er dabei auf seinen Bund Bedacht: als dieser gerade von der großen Menge verletzt war, da beschränkte er ihn auf wenige, damit er nicht gänzlich dahinfalle! Kurz, diese allgemeine Annahme des Samens Abrahams in die Kindschaft war gewissermaßen ein sichtbares Abbild jener größeren Wohltat, deren Gott einige aus vielen gewürdigt hat. Das ist der Grund, weshalb Paulus so gründlich zwischen dem Samen Abrahams nach dem Fleisch – und dem geistlichen Samen unterscheidet, der nach dem Vorbild des Isaak berufen ist. Nicht, als ob es eine eitle, fruchtlose Sache gewesen wäre, einfach ein Kind Abrahams zu sein – das könnte man nicht aussprechen, ohne damit den Bund verächtlich zu machen! Nein, Gottes unwandelbarer Ratschluß, kraft dessen er sich die vorbestimmt hat, welche er wollte, wurde eben an sich nur in diesen Nachkommen zum Heil wirksam! Bevor sich also aus den Schriftstellen, die ich anführen werde, klar ergibt, was wir hierüber zu denken haben, möchte ich die Leser ermahnen, sich nicht nach irgendeiner Seite hin ein Vorurteil zu bilden. Was demnach die Schrift klar zeigt, das sagen wir auch: Gott hat in seinem ewigen und unwandelbaren Ratschluß einmal festgestellt, welche er einst zum Heil annehmen und welche er andererseits dem Verderben anheimgeben will. Dieser Ratschluß ist, das behaupten wir, hinsichtlich der Erwählten auf Gottes unverdientes Erbarmen begründet, ohne jede Rücksicht auf menschliche Würdigkeit. Den Menschen aber, die er der Verdammnis überantwortet, denen schließt er nach seinem zwar gerechten und unwiderruflichen, aber unbegreiflichen Gericht den Zugang zum Leben zu! Was die Auserwählten betrifft, so halten wir dann aber weiter dafür, daß die Berufung das Zeugnis der Erwählung ist. Ein zweites Merkzeichen zur Bekräftigung der Erwählung ist dann die Rechtfertigung – bis wir endlich zu der Herrlichkeit gelangen, in der die Erfüllung der Erwählung besteht. Wie aber der Herr seine Auserwählten durch die Berufung und Rechtfertigung kenntlich macht, so gibt er den Verworfenen durch ihren Ausschluß von der Erkenntnis seines Namens und der Heiligung seines Geistes wie durch Zeichen bekannt, was für ein Gericht ihrer wartet, viele Phantasiegebilde, die sich törichte Menschen ersonnen haben, um die Vorbestimmung umzustoßen, werde ich hier übergehen. Denn sie bedürfen keiner Widerlegung, weil sie, gleich wenn sie vorgebracht werden, selbst ihre Unwahrheit vollauf beweisen. Ich werde mich nur bei solchen aufhalten, die entweder unter den Gelehrten Gegenstand eines Streites sind, oder die den Einfältigen Schwierigkeiten machen könnten, oder die die Gottlosigkeit in falschem Schein zum Deckmantel nimmt, um Gottes Gerechtigkeit zu verunglimpfen.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 19.08.2011 15:06

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Bekräftigung dieser Lehre aus Zeugnissen der Heiligen Schrift



III,22,1

Alles, was wir hier behauptet haben, findet nun bei vielen Widerspruch: vor allem die gnädige Erwählung der Gläubigen. Trotzdem kann sie nicht umgestoßen werden. Die gewöhnliche Meinung ist hier die: Gott trifft seine Unterscheidung unter den Menschen je nachdem, wie nach seiner Voraussicht die Verdienste des einzelnen sein werden; er nimmt also die, von denen er zuvor erkennt, daß sie seiner Gnade nicht unwürdig sein werden, als Kinder an; dagegen gibt er die, von denen er sieht, daß ihr Wesen zum Bösen und zur Unfrömmigkeit sich neigen wird, der Verdammnis des Todes preis. So zieht man also das Vorherwissen Gottes als Deckmantel vor und verdunkelt damit die Erwählung, ja man tut so, als ob diese ihren Ursprung von anderswoher nähme! Aber diese im Volke allgemein angenommene Meinung ist nicht allein Sache des gewöhnlichen Menschen – sie hat nämlich in allen Jahrhunderten auch hochbedeutende Verfechter gehabt! Das gestehe ich freimütig zu, damit keiner darauf vertraut, es werde unserer Sache schwer schaden, wenn man ihre Namen dagegen aufführt! Denn hier ist Gottes Wahrheit zu gewiß, als daß sie durch menschliche Autorität erschüttert, zu klar, als daß sie von ihr verdunkelt werden könnte! Dann gibt es andere Leute, die weder in der Schrift erfahren sind, noch auch sonst eine Stimme verdienen, die mit so großer Unverschämtheit die gesunde Lehre zerfetzen, daß man ihre Frechheit nicht ertragen kann. Weil Gott, indem er einige Menschen nach seinem Ermessen erwählt, bestimmte andere übergeht, darum wollen sie mit ihm hadern. Aber wenn doch die Sache selbst wohlbekannt ist – was wollen sie dann mit ihrem Rechtsstreit gegen Gott ausrichten? Wir lehren nichts, was nicht die Erfahrung selbst ergibt, nämlich daß es Gott stets freigestanden hat, seine Gnade zu gewähren, wem er will! Ich will nicht fragen, woher Abrahams Nachkommenschaft eine solche Vorzugsstellung vor anderen gehabt hat – sie kommt doch nur aus jenem Vorrang, für den sich außerhalb Gottes keine Ursache finden läßt! Sie sollen mir doch antworten, warum sie denn Menschen sind und nicht Ochsen oder Esel; denn in Gottes Hand stand es auch, Hunde aus ihnen zu machen, und er hat sie doch zu seinem Ebenbild gestaltet! Wollen sie auch den unverständigen Tieren das Recht zuerkennen, über ihr Los mit Gott zu hadern, als ob ihre Unterschiedenheit vom Menschen unbillig wäre! Wahrlich, daß sie diesen Vorzug (Menschen zu sein), den sie durch keinerlei Verdienste erlangt haben, doch genießen, das ist um nichts billiger, als daß Gott seine Wohltaten nach dem Maß seines Urteils verschieden austeilt! Wenn sie aber dann zu den einzelnen Personen überspringen, wo ihnen die Ungleichheit noch mehr Ärger bereitet, so werden sie doch wenigstens angesichts des Beispiels Christi stutzig werden, um von diesem erhabenen Geheimnis nicht gar so unbekümmert zu schwatzen! Er wird aus dem Samen Davids als sterblicher Mensch empfangen – mit was für Tugenden soll er es nun nach ihrer Meinung verdient haben, daß er bereits im Mutterleibe zum Haupt der Engel, zum eingeborenen Sohne Gottes, zum Ebenbild und zur Herrlichkeit des Vaters, zum Licht, zur Gerechtigkeit und zum Heil der Welt wurde? Weislich bemerkt Augustin, daß wir gerade an dem Haupt der Kirche einen leuchtenden Spiegel der gnädigen Erwählung vor uns haben, damit sie uns an seinen Gliedern nicht irre macht! (Von der Züchtigung und der Gnade an Valentinus 11,30; ebenso: von der Gabe der Beharrung 24,67). Er bemerkt auch weiter, daß Christus nicht durch ein gerechtes Leben zum Sohn Gottes gemacht worden, sondern aus Gnaden mit solcher Ehre beschenkt worden sei, um hernach andere zu Mitgenossen seiner Gaben zu machen (Predigt 174). Will nun hier jemand fragen, warum andere nicht sind, was er ist, oder warum wir alle von ihm durch einen so weiten Abstand getrennt sind, warum wir alle verderbt sind und er die Reinheit ist, so legt er damit nicht bloß seinen Wahnsinn, sondern zugleich auch seine Schamlosigkeit an den Tag. Wenn sie nun in dem Unterfangen fortfahren, Gott das freie Recht zu entreißen, daß er erwählen und verwerfen kann, so sollen sie zugleich auch Christus wegnehmen, was ihm gegeben ist! Nun ist es aber vonnöten, wohl darauf zu achten, was uns die Schrift über die einzelnen Punkte kundmacht. Wenn Paulus lehrt, daß wir in Christus erwählt worden sind vor Grundlegung der Welt (Eph. 1,4), so hebt er damit sicherlich jede Rücksicht auf unsere Würdigkeit auf. Es ist so, als ob er sagte: Der himmlische Vater fand ja in dem ganzen Samen Abrahams nichts, was seiner Erwählung würdig gewesen wäre, deshalb hat er seinen Blick auf seinen Christus gerichtet, um gewissermaßen aus seinem Leibe die Glieder zu erwählen, die er zur Mitgenossenschaft am Leben aufnehmen wollte. Bei den Gläubigen soll also dieser Grund gelten: wir sind deshalb in Christus zum himmlischen Erbe als Kinder angenommen, weil wir in uns selbst solche hervorragende Würde nicht zu fassen vermochten! Das bemerkt Paulus auch an anderer Stelle: da ermahnt er nämlich die Kolosser zur Danksagung, und zwar darum, weil sie von Gott aus „tüchtig gemacht“ worden sind, an dem „Erbteil der Heiligen“ teilzuhaben (Kol. 1,12). Wenn nun dieser Gnade Gottes, daß wir nämlich tüchtig gemacht werden, die Herrlichkeit des zukünftigen Lebens zu erlangen, die Erwählung voraufgeht – was wird dann Gott selber wohl schon bei uns finden, das ihn bewegen könnte, uns zu erwählen? Noch deutlicher findet sich das, was ich im Auge habe, in einem anderen Wort des Apostels ausgedrückt: „Er hat uns erwählt, ehe denn der Welt Grund gelegt war, nach dem Wohlgefallen seines Willens, daß wir sollten sein heilig und unbefleckt und unsträflich vor ihm!“ (Eph. 1,4f.; nicht genau). Hier stellt er Gottes Wohlgefallen jedweden Verdiensten von unserer Seite entgegen!



III,22,2

Damit der Beweis festeren Grund hat, ist es der Mühe wert, die einzelnen Stücke dieser Stelle (Eph. 1,4f.) zu betrachten, die dann, miteinander verbunden, keinerlei Zweifel mehr übriglassen. Wenn Paulus hier solche Menschen nennt, die „erwählt“ sind (Vers 4), so redet er damit ohne jeden Zweifel die Gläubigen an, wie er das denn auch bald nachher bezeugt. Daher verdrehen die Leute, welche diesen Ausdruck („Erwählte“) gewaltsam auf die Zeit beziehen, in der das Evangelium (erstmalig) öffentlich kundgemacht wurde, den Begriff mit einer gar zu schmählichen Phantasterei. – Wenn er dann erklärt, sie seien erwählt worden, „ehe denn der Welt Grund gelegt war“, so hebt er damit jede Rücksicht auf Würdigkeit auf. Denn wie sollte unter denen, die noch nicht da waren und die hernach in Adam alle gleich sein sollten, eine Unterscheidung stattfinden? Wenn sie nun „in Christus“ erwählt sind, so ergibt sich, daß nicht nur jeder einzelne außerhalb seiner selbst erwählt ist, sondern auch die einen aus den anderen ausgesondert sind; denn wir sehen ja, daß nicht alle Menschen Christi Glieder sind! Er sagt dann weiter, sie seien erwählt, um „heilig“ zu sein; damit widerlegt er offen den Irrtum, der die Erwählung aus Gottes Vorherwissen ableitet (nämlich aus Gottes Vorherwissen hinsichtlich der zukünftigen Verdienste!); denn Paulus behauptet ja hier im Gegenteil, daß alles, was in den Menschen an Tugend sichtbar wird, die Wirkung der Erwählung ist! Fragt man nun nach der übergeordneten Ursache, so antwortet Paulus, Gott habe es so vorbestimmt, und zwar „nach dem Wohlgefallen seines Willens“! Damit stößt er alles um, was die Menschen als Mittel ihrer Erwählung in sich zu haben vermeinen; denn er lehrt ja, daß alle Wohltaten, die uns Gott zum geistlichen Leben darreicht, aus dieser einen Quelle hervorströmen, daß er nämlich erwählt hat, welche er wollte, und für diese Erwählten, bevor sie geboren waren, bei sich selbst die Gnade aufgehoben hat, die er ihnen gewähren wollte.



III,22,3

Wo nun auch immer dieses „Wohlgefallen“ Gottes regiert, da kommen keinerlei Werke in Betracht. Diesen Gegensatz verfolgt der Apostel hier zwar nicht; er ist aber herauszuhören, so wie er ihn anderswo selbst entfaltet. Da heißt es: „Der uns hat … berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Vorsatz und der Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu vor der Zeit der Welt“ (2. Tim. 1,9). Wir haben ja auch bereits gezeigt, wie in den (auf die erstgenannte Stelle Eph. 1,4) folgenden Worten: „daß wir sollten sein heilig und unsträflich …“ aller Zweifel behoben wird. Wenn man nämlich sagt: er hat sie eben erwählt, weil er voraussah, daß sie einst heilig sein würden, so hat man die Reihenfolge bei Paulus umgekehrt! Demnach kann man mit Sicherheit die Schlußfolgerung ziehen: Wenn er uns erwählt hat, damit wir heilig würden, so hat er uns eben nicht erwählt, weil er voraussah, daß wir es sein würden! Denn diese beiden Aussagen: „Die Frommen erlangen durch ihre Erwählung, daß sie heilig sein sollen“, und: „die Erwählung kommt ihnen auf Grund der Werke zu“ – stehen im Gegensatz zueinander. Hier vermag auch die Ausflucht nichts zu helfen, zu der man immer wieder seine Zuflucht nimmt: der Herr vergelte die Gnade der Erwählung nicht etwa voraufgehenden Verdiensten, gewähre sie aber doch zukünftigen. Denn wenn es heißt, die Gläubigen seien erwählt worden, damit sie heilig seien, so wird uns damit zugleich zu verstehen gegeben, daß alle Heiligkeit, die sich später bei ihnen finden wird, ihren Ursprung in der Erwählung hat! Und wie sollte sich da solch eine Aussage zusammenreimen, nach der das, was von der Erwählung abgeleitet wird, die Ursache der Erwählung abgegeben haben soll? Eben das, was Paulus ausgesprochen hat, scheint er nachher noch besser zu bekräftigen, wo er sagt: „Nach dem Wohlgefallen seines Willens …, so er sich vorgesetzt hatte in ihm“ (Eph. 1,5.9). Denn wenn es heißt, Gott habe es sich in sich selber vorgenommen, so bedeutet das genau soviel, als wenn da stünde: er hat außer sich nichts in Betracht gezogen, das er bei seiner Entscheidung berücksichtigt hätte! Deshalb setzt er auch gleich hinzu, daß unsere Erwählung insgesamt darauf hinausgeht, daß wir „zum Lob der göttlichen Gnade“ gereichten! (Eph. 1,6). Wahrlich, Gottes Gnade würde es nicht verdienen, angesichts unserer Erwählung allein gepriesen zu werden, wenn diese nicht eben rein aus Gnaden geschähe! Sie geschieht aber nun nicht aus Gnaden, wenn Gott selbst bei der Erwählung der Seinen darauf achtet, wie nun in Zukunft die Werke jedes einzelnen aussehen werden! Deshalb findet es sich, daß für alle Gläubigen allgemein das Wort in Geltung steht, das Christus zu seinen Jüngern sprach: „Nicht ihr habt mich erwählet, sondern ich habe euch erwählet …“ (Joh. 15,16). Hier schließt er nicht nur vergangene Verdienste aus, sondern macht ihnen deutlich, daß in ihnen selbst keinerlei Grund zu ihrer Erwählung läge, wenn er ihnen nicht mit seinem Erbarmen zuvorgekommen wäre! In diesem Sinne müssen wir auch das Wort des Paulus verstehen: „Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wiedervergolten?“ (Röm. 11,35). Denn er will zeigen, wie Gottes Güte den Menschen in solcher Weise zuvorkommt, daß er bei ihnen nichts, weder Vergangenes noch Zukünftiges findet, auf Grund dessen er mit ihnen versöhnt würde.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 20.08.2011 12:27

III,22,4

Im Römerbrief überdenkt Paulus diesen Gegenstand noch tiefer und verfolgt ihn auch weitläufiger. Hier bestreitet er, daß alle, die von Israel abstammen, auch „Israeliten“ seien (Röm. 9,6); denn es waren zwar alle mit einem erblichen Recht gesegnet worden, aber die Erbfolge ging nicht gleichermaßen auf alle über. Diese Erörterung hatte ihren Ursprung in dem Hochmut und dem falschen Rühmen des jüdischen Volkes: die Juden schrieben sich selbst den Namen „Kirche“ zu und meinten deshalb, der Glaube an das Evangelium hinge von ihrem Gutdünken ab. In gleicher Weise möchten sich heutzutage die Papisten gern unter diesem trügerischen Schein an Gottes Stelle setzen! Paulus gesteht nun durchaus zu, daß Abrahams Geschlecht auf Grund des mit ihm geschlossenen Bundes heilig sei; aber er behauptet doch, daß sehr viele aus ihm tatsächlich Draußenstehende sind, und zwar nicht allein, weil sie entartet und so aus rechtmäßigen Kindern zu Bastarden geworden sind, sondern weil Gottes besondere Erwählung hier an allerhöchster Stelle steht und regiert; – und sie allein macht ja erst die Aufnahme in die Kindschaft wirksam, die er übt. Wenn die einen allein durch ihre Frömmigkeit in der Hoffnung auf das Heil gestärkt, die anderen allein durch ihren Abfall von ihm ausgeschlossen würden, so wäre es wahrhaftig töricht und widersinnig, daß Paulus seine Leser bis zur verborgenen Erwählung emporführt! Wenn nun aber Gottes Wille, für den außerhalb seiner selbst keine Ursache sichtbar wird oder zu suchen ist, die einen von den anderen unterscheidet, so daß nicht alle Kinder Israels wahre „Israeliten“ sind, – dann ist es umsonst, sich vorzumachen, der Ursprung der Stellung jedes einzelnen läge in ihm selber. Dann verfolgt Paulus die Sache noch weiter, und zwar mit Hilfe des Beispiels von Jakob und Esau. Denn sie waren doch alle beide Söhne Abrahams, wohnten miteinander in dem gleichen Mutterleibe; wenn nun die Ehre der Erstgeburt auf Jakob übertragen wird, so ist das eine ungeheuerliche Vertauschung; – und doch behauptet Paulus, daß dadurch die Erwählung des einen und die Verwerfung des anderen bezeugt wurde! Es fragt sich nun, aus was für einem Ursprung und was für einem Grund heraus das geschieht. Die Männer, die hier Gottes Vorherwissen lehren, meinen, die Ursache läge in den Tugenden und Lastern der Menschen. Sie kommen nämlich leichtlich zu der kurzen Antwort: Gott habe eben in der Person des Jakob gezeigt, daß er die erwähle, die seiner Gnade würdig seien, und in der Person des Esau, daß er die verwerfe, von denen er vorhersehe, daß sie solcher Gnade unwürdig sein würden. So behaupten sie es nun kühnlich! Was sagt aber Paulus? „Ehe denn die Kinder geboren wurden und weder Gutes noch Böses getan hatten – auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers – ward zu ihr gesagt: ‘Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren’. Wie denn geschrieben steht: ‘Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt’“ (Röm. 9,11-13). Wenn das Vorherwissen Gottes bei dieser Unterscheidung der beiden Brüder eine Bedeutung hätte, so wäre es wahrlich unangemessen, hier die Zeit (der Erwählung) zu erwähnen! Geben wir zu, Jakob sei erwählt worden, weil ihm aus seinen künftigen Tugenden eine Würdigkeit erwachsen sei; – wozu soll dann aber Paulus gesagt haben, er sei damals noch gar nicht geboren gewesen? Unbedacht wäre dann auch die anschließende Bemerkung, er habe dazumal noch nichts Gutes getan. Denn man könnte doch da sogleich einwenden, es sei Gott nichts verborgen, und so sei Jakobs Frömmigkeit vor ihm gegenwärtig gewesen! Wenn die Werke wirklich einem Menschen Gnade verschaffen, so mußten sie verdientermaßen ihren Wert auch schon damals haben, als Jakob nicht geboren war, genau, als wenn er damals schon herangewachsen gewesen wäre! Aber Paulus fährt fort, diesen Knoten aufzulösen, und er lehrt, die Annahme des Jakob in die Kindschaft sei nicht aus den Werken hervorgegangen, sondern aus Gottes Berufung. Bei den Werken erwähnt er weder die zukünftige noch die vergangene Zeit, ferner stellt er sie auch in scharfen Gegensatz zu Gottes Berufung; er will also ohne Zweifel durch die Behauptung des einen das andere ausdrücklich umstoßen. Es ist, als ob er sagte: wir müssen darauf achten, was Gott wohlgefiel, nicht aber darauf, was die Menschen aus sich selbst heraus beigebracht haben! Und schließlich ist es sicher, daß durch die Worte „Erwählung“ und „Vorsatz“ alle Ursachen, die die Menschen sich außerhalb des verborgenen Ratschlusses Gottes auszudenken pflegen, aus dieser Sache ausgeschlossen werden.



III,22,5

Was wollen nun die Leute, die unseren vergangenen oder auch zukünftigen Werken bei der Erwählung eine Bedeutung zuerkennen, für einen Vorwand brauchen, um dies zu verdunkeln? Denn das hieße ja, ganz und gar zu verspotten, was der Apostel behauptet, nämlich daß die Unterscheidung zwischen den beiden Brüdern nicht von irgendwelcher Rücksicht auf die Werke, sondern von Gottes reiner Berufung abhing, weil sie ja bereits beschlossen wurde, als sie noch gar nicht geboren waren. Auch wäre die Spitzfindigkeit dieser Leute dem Paulus nicht unbekannt gewesen, wenn sie einen festen Grund gehabt hätte; aber er wußte ja nur zu genau, daß Gott im Menschen gar nichts Gutes vorhersehen kann, außer dem, was er schon zuvor beschlossen hat, ihnen auf Grund ihrer Erwählung als Wohltat zu verleihen, und darum nimmt er seine Zuflucht nicht zu der verkehrten Ordnung, daß er etwa die guten Werke ihrer eigenen Ursache voranstellte. Wir entnehmen den Worten des Apostels, daß das Heil der Gläubigen allein auf das Gutdünken der göttlichen Erwählung gegründet ist und daß diese Gunst Gottes nicht durch Werke erworben wird, sondern aus seiner gnädigen Berufung hervorgeht. Wir bekommen auch für diesen Tatbestand gewissermaßen ein Beispiel vor Augen gestellt. Jakob und Esau sind Brüder, von den gleichen Eltern abstammend, noch von dem gleichen Mutterleibe umschlossen, noch nicht ins Licht der Welt getreten! Alles an ihnen ist gleich – und doch ist Gottes Urteil über sie verschieden! Den einen nimmt er an, den anderen verwirft er! Einzig und allein durch das Recht der Erstgeburt hatte der eine einen Vorrang vor dem anderen. Aber auch diese wird beiseite gelassen, und es wird dem Jüngeren übertragen, was dem Älteren versagt wird: Ja, auch bei anderen sieht man, wie Gott mit voller Absicht stets die Erstgeburt verachtet hat, um dem Fleisch allen Anlaß zum Rühmen abzuschneiden! Er verwarf den Ismael und wandte sein Herz dem Isaak zu! Er setzte Manasse zurück und ehrte den Ephraim mehr als ihn!



III,22,6

Es könnte nun aber jemand Einspruch erheben und meinen, aus diesen untergeordneten und geringfügigen Wohltaten könne man doch nicht auf das ganze zukünftige Leben schließen; man könne doch nicht sagen, daß der, welcher zur Ehre der Erstgeburt erhoben worden ist, nun auch dafür gelten könnte, daß er dazu aufgenommen sei, den Himmel zu ererben! Es gibt ja sehr viele, die nicht einmal den Paulus ungeschoren lassen und ihm vorwerfen, er hätte mit der Anführung dieser Zeugnisse der Schrift gewaltsam einen ihr fremden Sinn gegeben! Darauf antworte ich wie bisher auch: der Apostel ist weder in Unbedachtsamkeit verfallen noch hat er die Zeugnisse der Schrift mit Absicht mißbraucht. Nein, er sah, was unsere Gegner nicht beachten wollen, daß Gott die geistliche Erwählung des Jakob, die sonst vor seinem unzugänglichen Richtstuhl verborgen bleiben mußte, an einem irdischen Merkzeichen hat deutlich machen wollen! Denn wenn wir die Erstgeburt, die dem Jakob gewährt wurde, nicht auf die künftige Zeit beziehen, so muß sie ja bloß eine leere, lächerliche Art von Segen sein, aus der ihm nichts erwachsen ist als vielerlei Mühsal und Ungemach, als elende Verbannung und die vielen Bitterkeiten der Trauer und der Sorge! Paulus hat also ohne jeden Zweifel gesehen, daß Gott mit dieser äußerlichen Segnung jenen geistlichen und schlechterdings unvergänglichen Segen bezeugt hat, den er seinem Knecht in seinem Reiche bereitet hatte; und darum zögerte er auch nicht, den Beweis für den geistlichen Segen aus der äußerlichen Segnung zu entnehmen! Wir müssen auch im Gedächtnis behalten, daß an das Land Kanaan ein Unterpfand der himmlischen Wohnstatt geheftet war; wir dürfen also in keiner Weise bezweifeln, daß Jakob mit den Engeln in Christi Leib eingefügt war, um Mitgenosse des gleichen Lebens zu sein! So wird also Jakob erwählt. Esau wird verworfen. Durch Gottes Vorbestimmung wird er von ihm unterschieden, obwohl er durch keinerlei Verdienste von ihm verschieden war! Fragt man nach der Ursache, so gibt der Apostel folgende an: „Denn er spricht zu Mose. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich!“ (Röm. 9,15; Ex. 33,19). Und nun frage ich: was will er damit sagen? Doch dies, daß der Herr mit voller Klarheit verkündet, er habe in den Menschen selbst keinerlei Ursache, ihnen wohlzutun, sondern nehme sie allein aus seinem Erbarmen, es sei also das Heil der Seinen sein Werk! Wenn nun Gott dein Heil einzig auf sich gründet, – weshalb wendest du dich denn dir selber zu? Wenn er dir allein seine Barmherzigkeit zuspricht, – weshalb nimmst du denn deine Zuflucht zu deinen eigenen Verdiensten? Wenn er deine Gedanken stracks auf sein Erbarmen gerichtet hält, – weshalb kehrst du dich denn zum Teil auch noch dazu, deine eigenen Werke anzuschauen? Wir müssen also auf das kleinere Volk kommen, von dem Paulus anderwärts sagt, es sei Gott zuvor bekannt gewesen. (Röm. 11,2-5). Das ist freilich nicht so zu verstehen, wie sich das jene Leute einbilden, als ob er nämlich in müßigem Zuwarten etwas vorherwisse, was er doch nicht selbst tut, sondern in dem Sinne, wie wir es oft zu lesen bekommen. Wenn nämlich Petrus bei Lukas erklärt, Christus sei „aus vorbedachtem Rat und Vorsehung Gottes“ dem Tode überliefert worden, so stellt er uns Gott sicherlich nicht etwa als Zuschauer vor, sondern als den Urheber unseres Heils! Wenn nun ebenso derselbe Petrus von den Gläubigen, an die er schreibt, sagt, sie seien „nach der Vorerkenntnis Gottes“ erwählt (1. Petr. 1,2), so bringt er doch damit im eigentlichen Sinne jene verborgene Vorbestimmung zum Ausdruck, kraft deren Gott als Kinder bezeichnet hat, welche er wollte! Auch das Wort „Vorsalz“, das er als gleichbedeutenden Ausdruck anfügt, bezeichnet ja allgemein eine „feste Entschließung“, wie man das gewöhnlich ausdrückt; und es lehrt ohne Zweifel, daß Gott, indem er der Urheber unseres Heils ist, nicht aus sich selbst herausgeht. In diesem Sinne sagt Petrus auch in dem gleichen Kapitel, Christus sei das Lamm gewesen, das „zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward“ (1. Petr. 1,19f.). Was wäre denn doch ungereimter und frostiger, als daß Gott von seiner Höhe her zuschauen sollte, woher dem Menschengeschlecht das Heil käme! Das „Volk“, das Gott „zuvor ersehen“ hat (Röm. 11,2), bedeutet also bei Paulus das gleiche wie der kleine Teil, der unter die große Schar gemischt ist, die Gottes Namen fälschlich für sich in Anspruch nimmt! So will Paulus auch an anderer Stelle den hohen Anspruch solcher Menschen dämpfen, die bloß von einer Larve umhüllt sind und sich vor der Welt den ersten Platz unter den Frommen anmaßen; dazu erklärt er: „Der Herr kennt die Seinen …“ (2. Tim. 2,19). Kurz, Paulus bezeichnet uns mit jenem Ausdruck ein zwiefaches Volk: das eine besteht aus dem ganzen Geschlecht Abrahams, das andere aber ist davon abgesondert, es ist unter Gottes Augen verborgen und deshalb dem Anblick der Menschen entzogen! Ohne Zweifel hat er das aus Mose entnommen, der ja behauptet, Gott werde barmherzig sein, welchen er will (Ex. 33,19). Allerdings ist an dieser Stelle von dem auserwählten Volk die Rede, dessen Stellung dem Augenschein nach die gleiche war. Es ist, als ob er sagte: in die allgemeine Annahme zur Kindschaft ist bei Gott die besondere Gnade gegen bestimmte Menschen wie ein noch heiligerer Schatz eingeschlossen, und der allgemeine Bund hindert nicht, daß diese kleine Zahl aus der Schar der anderen ausgesondert wird. Indem sich nun aber Gott als freier Verwalter und Lenker darüber erweisen will, erklärt er ausdrücklich, er werde nur aus dem einen Grunde dem einen mehr barmherzig sein als dem anderen, daß es ihm eben so wohlgefalle! Denn wo die Barmherzigkeit dem widerfährt, der sie sucht, da mag ein solcher Mensch zwar nicht abgewiesen werden, aber er kommt jener Gunst Gottes doch zuvor oder erwirbt sie sich gar zum Teil, – während sich Gott doch tatsächlich den Lobpreis für diese Gunst selber vorbehält!



III,22,7

Nun soll der oberste Richter und Lehrmeister über die ganze Sache sein Urteil sprechen! Er gewahrte bei seinen Hörern eine solche Verhärtung, daß er bei der großen Masse seine Worte fast ohne Frucht ausstreute; um nun diesem Ärgernis abzuhelfen, rief er aus: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir (…). Das aber ist der Wille des Vaters, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat“ (Joh. 6,37.39). Bemerke wohl: es hat bei des Vaters Geschenk seinen Ursprung, daß wir in Christi Treue und Schutz übergeben werden! Vielleicht wird aber jemand den Kreis umdrehen und einwenden, es würden nur die zu Gottes Eigentum gezählt, die sich ihm aus dem Glauben heraus freiwillig ergeben. Aber Christus legt doch nur auf folgendes Nachdruck: Mag auch der Abfall gewaltiger Scharen die ganze Welt erschüttern, so bleibt doch Gottes Ratschluß fest und stärker als selbst der Himmel bestehen, so daß die Erwählung nie und nimmer ins Wanken gerät! Von den Erwählten heißt es, daß sie dem Vater schon eher gehörten, als er sie seinem eingeborenen Sohne „gab“. Man fragt, ob sie das von Natur hätten. Nein, gewiß nicht, er zieht die heran, die Fremde waren, und macht sie dadurch zu den Seinen! Christi Worten wohnt eine Klarheit inne, die zu groß ist, als daß man sie durch irgendeine Ausflucht im Nebel versinken lassen konnte! Er spricht: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater … Wer es nun hört vom Vater und lernt es, der kommt zu mir“ (Joh. 6,44f.). Wenn wirklich alle ihre Knie vor Christus beugten, dann wäre die Erwählung allgemein; nun aber wird an der geringen Zahl der Glaubenden eine unverkennbare Ungleichartigkeit sichtbar. Deshalb erklärt Christus, daß die Jünger, die ihm gegeben waren, das Eigentum Gottes, des Vaters waren, und fügt dann bald darauf hinzu: „Ich bitte … nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein!“ (Joh. 17,6.9). So kommt es, daß die ganze Welt ihrem Schöpfer nicht angehört, außer insofern, als die Gnade einige wenige aus der Verdammnis, aus Gottes Zorn und dem ewigen Tode herausreißt, die sonst verlorengehen würden, die Welt aber in ihrem Verderben, das für sie bestimmt ist, beläßt. So sehr übrigens Christus sich hier als Mittel einfügt, so eignet er sich das Recht zur Erwählung doch selbst gemeinsam mit dem Vater zu. Er sagt: „Nicht sage ich von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe“ (Joh. 13,18). Wenn jemand fragt, aus was er sie denn erwählt habe, so antwortet er an anderer Stelle: „Aus der Welt“ (Joh. 15,19), aus der Welt also, die er, als er seine Jünger dem Vater ans Herz legt, von seinem Gebet ausschließt! (Joh. 17,9). Dabei ist aber festzuhalten: Wenn er sagt: „Ich weiß, welche ich erwählt habe“, so wird damit eine bestimmte Gruppe im menschlichen Geschlecht bezeichnet. Ferner müssen wir beachten, daß diese Menschen nicht nach der Art ihrer Tugenden abgesondert werden, sondern auf Grund des himmlischen Beschlusses. Daraus folgt, daß keiner von ihnen durch eigene Bemühung oder eigenen Fleiß solchen Vorrang besitzt; denn Christus macht sich ja selbst zum Urheber der Erwählung! Denn wenn er an anderer Stelle auch den Judas zu den Erwählten zählt, der doch ein „Teufel“ war (Joh. 6,70), so bezieht sich das nur auf das apostolische Amt; denn dies ist zwar ein herrlicher Spiegel der Huld Gottes, wie es ja Paulus an seiner Person oft bemerkt, aber es trägt doch nicht die Hoffnung auf das ewige Heil in sich! So konnte es der Fall sein, daß Judas, weil er sein Apostelamt treulos führte, schlimmer war als der Teufel; von denen aber, die Christus einmal in seinen Leib eingefügt hat, läßt er keinen umkommen! (Joh. 10,28). Denn er wird ihr Heil bewahren und damit seine Verheißung erfüllen, nämlich Gottes Macht an den Tag legen, die größer ist als alles! (Joh. 10,29). Wenn er nämlich anderwärts sagt: „Vater, die du mir gegeben hast, die habe ich bewahrt und ist keiner von ihnen verloren, als das verlorene Kind …“ (Joh. 17,12), so ist das zwar eine uneigentliche Redeweise, aber sie hat doch mit keinerlei Zweideutigkeit zu kämpfen. Insgesamt ist zu sagen: Gott schafft sich in gnädiger Aufnahme in die Kindschaft die zu seinen Kindern, die er als solche haben will; die Ursache dazu aber trägt er in sich selbst; denn er hält sich allein an sein verborgenes Wohlgefallen!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 21.08.2011 14:00

III,22,8

Aber Ambrosius, Origenes und Hieronymus sind doch der Ansicht gewesen, Gott teile seine Gnade unter den Menschen je nachdem aus, wie sie nach seiner Voraussicht jeder einzelne anwenden werde! Ja, noch mehr: selbst Augustin hat diese Meinung einige Zeit geteilt; – aber als er in der Schrift bessere Fortschritte gemacht hatte, da hat er sie nicht allein als offenbar falsch widerrufen, sondern scharf widerlegt! (Rektraktationen I,23). Ja, auch nach seinem Widerruf nimmt er sich die Pelagianer vor, weil sie in diesem Irrtum verharren, und sagt: „Wer wollte sich nicht verwundern, daß dem Apostel ein dermaßen spitzfindiger Sinn gefehlt haben soll! Denn er bringt doch da zunächst diese merkwürdige Geschichte von den noch ungeborenen Brüdern vor und stellt sich dann selbst die Frage: ’Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht?’ (Röm. 9,14). Das wäre doch die Stelle gewesen, an der er hätte antworten können, Gott habe eben beider Verdienste vorausgesehen! Das sagt er aber nicht, sondern er nimmt seine Zuflucht zu Gottes Gerichten und zu Gottes Barmherzigkeit!“ (Brief 194). Und an anderer Stelle sagt er, nachdem er alle der Erwählung voraufgehenden Verdienste aufgehoben hat: „Hier unterbleibt nun sicherlich die eitle Schlußfolgerung derer, die Gottes Vorherwissen gegen Gottes Gnade verteidigen, und die da meinen, wir seien deshalb vor Grundlegung der Welt erwählt worden, weil Gott im voraus gewußt hätte, daß wir gut sein würden, nicht aber, daß er uns selbst gut machen würde. So redet aber der nicht, der da spricht: ‘Ihr habt mich nicht erwählet, sondern ich habe euch erwählet!’ (Joh. 15,16). Denn wenn er uns deshalb erwählt hätte, weil er vorausgesehen hätte, daß wir gut sein würden – dann hätte er auch vorhergewußt, daß wir ihn erwählen würden!“ Dazu kommen dann an dieser Stelle noch weitere Äußerungen zur gleichen Sache. (Johannespredigten 86,2). So mag nun das Zeugnis Augustins bei denen gelten, die sich gerne auf die Autorität der Kirchenväter verlassen. Allerdings will es Augustin auch nicht dulden, daß man ihn von den anderen Kirchenvätern trennt; nein, er weist mit klaren Zeugnissen nach, daß diese Mißhelligkeit (zwischen ihm und den anderen), die ihm die Pelagianer in übler Nachrede vorwarfen und mit der sie ihn verhaßt zu machen suchten, fälschlich erdacht sei. Er führt nämlich aus Ambrosius das Wort an: „Christus ruft den, dessen er sich erbarmt“ (Auslegung des Lukasevangeliums I,10). Oder auch: „Wenn er es gewollt hätte, dann hätte er aus Widerspenstigen solche gemacht, die ihm ergeben sind; aber Gott ruft die, die er dessen würdigt, und er macht fromm, wen er will!“ (ebenda VII,27). Wenn ich aus Augustin einen ganzen Band zusammensetzen wollte, so würde ich den Lesern gleich zeigen, daß ich nichts nötig habe, als seine Worte; aber ich will sie nicht mit Weitläufigkeit beschweren! Aber wohlan, setzen wir den Fall, daß die Kirchenväter hiervon nicht redeten, – und wenden wir uns der Sache selbst zu! Es war doch eine schwere Frage gestellt worden: ob nämlich Gott gerecht daran täte, wenn er bestimmte Menschen seiner Gnade würdigte (und andere nicht). Paulus hätte sich mit einem einzigen Wort losmachen können, wenn er nämlich eine Rücksicht auf die Werke vorgewendet hätte! Weshalb tut er das denn nicht? Weshalb setzt er lieber eine Erörterung fort, die sich doch stets in der gleichen Schwierigkeit bewegt? Aus was für einer anderen Ursache, als weil er es nicht darf? Denn der Heilige Geist, der durch seinen Mund redet, hat nicht mit dem Gebrechen der Vergeßlichkeit zu kämpfen! Paulus antwortet also ohne alle Umschweife, Gott wende seinen Erwählten seine Huld zu, weil er es so wolle, er erbarme sich eben, weil er es wolle! Denn das Gotteswort: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich“ (Ex. 33,19), heißt doch mit anderen Worten: Gott läßt sich durch keine andere Ursache zum Erbarmen bewegen, als dadurch, daß er sich eben erbarmen will: Daher bleibt das Wort Augustins wahr: die Gnade Gottes findet nicht solche, die sie erwählen könnte, sondern schafft sie! (Brief 186).



III,22,9

Wir lassen uns aber durch die Spitzfindigkeit des Thomas nicht aufhalten, wonach das Vorherwissen der Verdienste zwar nicht von Seiten dessen eine Ursache der Vorbestimmung sein soll, der sie übt (also Gottes), dagegen auf unserer Seite gewissermaßen so genannt werden könnte, nämlich gemäß einer besonderen Einschätzung der Vorbestimmung! So heißt es etwa, Gott bestimme für den Menschen die Herrlichkeit auf Grund der Verdienste zuvor, weil er beschlossen habe, ihm die Gnade zu gewähren, durch die er sich solche Herrlichkeit verdienen könne! (Zu den Sentenzen I,41,1,3). Wir lehnen das ab. Denn der Herr will, daß wir bei der Erwählung einzig und allein seine Güte anschauen; wenn also hier jemand noch etwas mehr schauen will, so ist das ein verkehrtes Trachten! Wenn es aber gilt, hier mit Klügelei zu fechten, so fehlt es auch dann nicht daran, daß wir solche Spitzfindigkeit des Thomas niederschlagen. Er behauptet, den Erwählten werde die Herrlichkeit gewissermaßen auf Grund ihrer Verdienste vorbestimmt, weil Gott ihnen nämlich die Gnade vorbestimme, kraft deren sie die Herrlichkeit verdienen könnten. Wenn ich nun aber dagegen geltend mache, die Vorbestimmung zur Gnade stehe im Dienst der Erwählung zum Leben, sie folge ihr also auf dem Fuße nach? Wenn ich nun sage, die Gnade werde denen vorbestimmt, denen der Besitz der Herrlichkeit schon lange zugewiesen ist, weil es eben dem Herrn gefällt, seine Kinder auf Grund der Erwählung zur Rechtfertigung zu führen? Denn daraus ergibt sich doch, daß die Vorbestimmung zur Herrlichkeit vielmehr die Ursache der Vorbestimmung zur Gnade ist – und nicht umgekehrt! Aber lassen wir solche Streitereien fahren, wie sie auch unter solchen überflüssig sind, die dafür halten, daß sie im Worte Gottes Weisheit genug haben. Denn es ist richtig, was einst ein kirchlicher Schriftsteller ausgesprochen hat: „Wer Gottes Erwählung den Verdiensten zuschreibt, der ist klüger, als man sein soll.“



III,22,10

Nun machen einige den Einwand, Gott gerate ja mit sich selbst in Widerspruch, wenn er alle zu sich einlüde und doch nur wenige Auserwählte annähme. Nach ihrer Meinung hebt also die Allgemeinheit der Verheißungen die Besonderheit der dem einzelnen zukommenden Gnade auf. Und so reden gewisse maßvolle Leute, nicht etwa, um die Wahrheit zu unterdrücken, sondern um spitzfindige Fragen abzuwehren und den Vorwitz vieler im Zaum zu halten. Das ist gewiß eine löbliche Absicht; aber der Rat, den man gibt, ist keineswegs zu billigen; denn Ausflucht ist nie entschuldbar! Andere fallen uns unverschämter an, aber ihr Geschwätz ist doch allzu faul, und ihr Irrtum ist allzu beschämend! Wie die Schrift dies beides in Übereinstimmung bringt, daß in der äußeren Predigt alle zu Buße und Glauben gerufen werden, und daß doch nicht allen der Geist der Umkehr und des Glaubens geschenkt wird, das habe ich an anderer Stelle entfaltet, und einiges davon muß bald abermals erörtert werden. Was diese Leute nun aber fordern, das gestehe ich ihnen nicht zu, weil es nämlich in doppelter Hinsicht verkehrt ist. Denn der, der da droht, auf die eine Stadt regnen zu lassen und über die andere Dürre zu verhängen (Am. 4,7), der an anderer Stelle einen Hunger nach Unterweisung ankündigt (Am. 8,11) – der bindet sich nicht an ein bestimmtes Gesetz, alle gleichermaßen zu berufen! Und der, der dem Paulus untersagt, in Asien zu predigen (Apg. 16,6), der ihn von Bithynien weglenkt und nach Mazedonien herüberzieht (Apg. 16,7ff.), der zeigt, daß es sein Recht ist, diesen Schatz auszuteilen, an wen es ihm gut scheint! Durch Jesaja aber zeigt er noch deutlicher, wie er die Heilsverheißungen besonders für die Erwählten bestimmt; denn er sagt nur von ihnen, sie sollten seine Jünger sein (Jes. 8,16), nicht aber unterschiedslos von der ganzen Welt! Daraus ergibt sich: es ist falsch, wenn man meint, die Lehre des Heils sei vor alle Menschen ohne Unterschied öffentlich hingestellt, so daß sie da wirksamen Nutzen stifte; denn es heißt ja, daß sie allein für die Kinder der Kirche insonderheit aufbehalten ist. Im Augenblick mag die Feststellung genügen: obwohl die Stimme des Evangeliums allgemein alle Menschen anredet, so ist doch das Geschenk des Glaubens eine seltene Sache. Die Ursache gibt Jesaja an: es ist eben nicht allen „der Arm des Herrn offenbar!“ (Jes. 53,1). Hätte er gesagt, das Evangelium würde in Bosheit und Verkehrtheit verachtet, weil viele sich ja hartnäckig weigern, es zu hören, so würde jene Scheinwahrheit von der „allgemeinen Berufung“ vielleicht Geltung haben. Aber ist es nicht die Absicht des Propheten, die Schuld des Menschen zu verkleinern, wenn er lehrt, die Quelle seiner Blindheit liege darin, daß Gott sich nicht herbeilasse, ihm seinen Arm zu offenbaren; nein, er macht nur darauf aufmerksam, daß der Glaube ein besonderes Geschenk ist und daß deshalb die Ohren durch äußere Unterweisung vergebens berührt werden. Ich möchte aber von jenen Lehrern gern wissen, ob denn allein die Predigt Kinder Gottes macht – oder der Glaube. Bei Johannes heißt es doch im ersten Kapitel, alle, die an den eingeborenen Sohn Gottes glaubten, die würden auch zu Kindern Gottes! (Joh. 1,12). Damit wird uns aber sicherlich nicht ein wirrer Haufe vor Augen gestellt, sondern den Gläubigen ein besonderer Stand gegeben, die „nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind!“ (Joh. 1,13). Aber – sagt man – es besteht doch ein wechselseitiges Zusammenklingen von Glaube und Wort! Freilich: wo Glaube ist! Aber es ist doch nichts Neues, daß auch Same unter die Dornen oder auf steiniges Land fällt (Matth. 13,5.7), nicht nur, weil der größere Teil tatsächlich in offenbarer Halsstarrigkeit gegen Gott lebt, sondern weil auch nicht alle mit Augen und Ohren begabt sind! Wie reimt es sich nun zusammen, daß Gott Menschen zu sich ruft, von denen er weiß, daß sie nicht kommen werden? Augustin möge an meiner Statt die Antwort geben: „Du willst mit mir streiten? Verwundere dich lieber mit mir und rufe aus: ’O, welche Tiefe:’ Wir wollen beide in der Furcht einhellig sein, damit wir nicht im Irrtum verlorengehen!“ (Predigt 26). Außerdem ist ja auch nach dem Zeugnis des Paulus die Erwählung die Mutter des Glaubens, und deshalb drehe ich die Beweisführung meiner Gegner um, so daß sie auf ihr eigenes Haupt zurückfällt: der Glaube ist eben deshalb nicht allgemein, weil die Erwählung etwas Besonderes ist! Wenn Paulus sagt, wir seien erfüllt „mit allerlei geistlichem Segen“, „wie Gott uns denn erwählt hat …, ehe der Welt Grund gelegt war“, so ergibt sich aus der Aufeinanderfolge von Ursachen und Wirkungen, daß diese Reichtümer deshalb nicht allen gemeinsam sind, weil eben Gott nur erwählt hat, welche er wollte! Das ist auch der Grund, weshalb er an anderer Stelle den „Glauben der Auserwählten“ rühmt (Tit. 1,1): es soll niemand meinen, er erwürbe sich den Glauben aus eigenem Antrieb, sondern es soll Gott die Ehre verbleiben, daß die, welche er zuvor erwählt hat, auch von ihm aus Gnaden erleuchtet werden! Es ist nämlich richtig, wenn Bernhard sagt: „Seine Freunde hören ihn besonders. Zu ihnen spricht er ja auch: ’Fürchte dich nicht, du kleine Herde …; denn euch ist’s gegeben, daß ihr das Geheimnis des Himmelreichs versteht!’ (Luk. 12,32; Matth. 13,11). Wer sind aber diese? Doch die, welche er zuvor ersehen … und verordnet hat, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes!’ (Röm. 8,29). Das ist ein großer und verborgener Ratschluß, der hier bekannt geworden ist: ’Es kennt der Herr die Seinen’ (2. Tim. 2,19). Aber was Gott bekannt war, das ist den Menschen offenbar gemacht, und er würdigt wahrhaftig keinen anderen des Teilhabens an solchem Geheimnis, als die, welche er zuvor ersehen und dazu vorbestimmt hat, daß sie sein Eigentum sein sollten!“ (Brief 107). Kurz darauf kommt er zu dem Schluß: „Gottes Erbarmen währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, so ihn fürchten’ (Ps. 103,17); – ‘von Ewigkeit’ um der Vorbestimmung willen, ’zu Ewigkeit’ um der Seligmachung willen; die eine kennt keinen Anfang, die andere kein Ende!“ (ebenda). Aber wozu ist es nötig, den Bernhard als Zeugen anzuführen, wo wir doch aus des Meisters eigenem Munde vernehmen, daß nur die sehen, die aus Gott sind! (Joh. 6,46). Mit diesen Worten zeigt er uns, daß alle, die nicht aus Gott wiedergeboren sind, vor dem Glanz seines Anblicks erstarren! Nun wird zwar der Glaube sehr wohl mit der Erwählung verbunden, nur soll er den zweiten Platz innehaben! Diese Stufenfolge bringen Christi Worte an anderer Stelle deutlich zum Ausdruck: „Das ist der Wille des Vaters …, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat. Denn das ist sein Wille, daß, wer an den Sohn glaubt, habe das ewige Leben!“ (Joh. 6,39f.; verkürzt). Wenn er sie alle selig machen wollte, so würde er ihnen den Sohn zum Hüter setzen und alle durch das heilige Band des Glaubens in seinen Leib einfügen. Nun steht es aber fest, daß der Glaube ein besonderes Unterpfand seiner Vaterliebe ist, das für die Kinder verborgen gehalten wird, die er sich angenommen hat! Darum sagt Christus an anderer Stelle: „Die Schafe folgen dem Hirten nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht nach …; denn sie kennen der fremden Stimme nicht“ (Joh. 10,4f.; nicht ganz Luthertext). Woher kommt dieses Unterscheiden? Doch nur daher, daß ihnen von Gott her die Ohren geöffnet sind! Denn keiner macht sich selbst zu einem Schaf, sondern er wird durch die himmlische Gnade dazu gestaltet! Daher lehrt der Herr auch, daß unser Heil allezeit gewiß und sicher sein wird, weil es nämlich von Gottes unüberwindlicher Macht gehütet wird (Joh. 10,29). Und von da her kommt er zu dem Schluß, daß die Ungläubigen nicht zu seinen Schafen gehören (Joh. 10,26). Denn sie gehören ja nicht zu der Zahl derer, von denen Gott durch Jesaja verheißen hat, sie sollten seine Jünger sein (Jes. 8,16; auch Jes. 54,13). Weil nun weiter durch die von mir angeführten Zeugnisse auch die Beharrung zum Ausdruck kommt, so bezeugen sie zugleich die unwandelbare Beständigkeit der Erwählung.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 22.08.2011 12:45

III,22,11

Nun wenden wir uns den Verworfenen zu, die der Apostel (Röm. 9-11) zugleich in seine Betrachtung einbezieht. Wie nämlich Jakob, als er sich noch durch keinerlei gute Werke Verdienste erworben hat, zu Gnaden angenommen wird, so wird andererseits Esau, als er noch durch keinerlei Missetat befleckt ist, gehaßt (Röm. 9,13). Richten wir unser Auge auf die Werke, so fügen wir dem Apostel Unrecht zu, als hätte er eben das, was uns deutlich ist, nicht gesehen. Daß er es aber nicht gesehen hat, liegt klar zutage; denn er legt ausdrücklich darauf Gewicht, daß, als die beiden Brüder noch nichts Gutes oder Böses aus sich hervorgebracht hatten, der eine erwählt, der andere dagegen verworfen worden ist; er will ja eben beweisen, daß das Fundament der göttlichen Vorbestimmung nicht in den Werken liegt. Dann bringt er weiter den Einwand zur Sprache, ob denn Gott ungerecht sei (Röm. 9,14); aber dabei beruft er sich nicht auf das, was doch der sicherste und offenste Beleg für Gottes Gerechtigkeit gewesen wäre, nämlich darauf, er habe dem Esau eben nach seiner Bosheit vergolten; nein, er begnügt sich mit einer ganz anderen Lösung: die Verworfenen würden dazu erweckt, daß Gottes Ehre durch sie verherrlicht werde! Zum Schluß fügt er die Feststellung an: „So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will“ (Röm. 9,18). Siehst du, wie er beides allein auf Gottes Gutdünken zurückführt? Wir können also dafür, daß er den Seinen Barmherzigkeit zuteil werden läßt, nur einen Grund anführen: weil es ihm so wohlgefällt; aber ebenso haben wir auch für die Verwerfung anderer keine andere Ursache als seinen Willen. Denn wenn es heißt, Gott verstocke oder verfolge auch mit seiner Barmherzigkeit, wen er wolle, so werden die Menschen dadurch gemahnt, keinerlei Ursache außerhalb seines Willens zu suchen!



Dreiundzwanzigstes Kapitel: Widerlegung der Verleumdungen, mit denen man diese Lehre zu allen Zeiten unbillig beladen hat


III,23,1

Wenn dies die menschliche Vernunft hört, so läßt sich ihre Unverschämtheit nicht Länger davon abhalten, nun, wie auf ein Trompetensignal hin, in verschiedener Art und über alles Maß hinaus in lärmende Aufregung zu geraten.Einige möchten dem Anschein nach jede Verunglimpfung von Gott fernhalten und bekennen die Erwählung so, daß sie dabei bestreiten, es würde irgendwer verworfen. Aber das ist doch gar zu unverständig und kindisch: denn die Erwählung selbst hätte ohne die ihr gegenüberstehende Verwerfung keinen Bestand. Es heißt doch, daß Gott die aussondert, die er zum Heil aufnimmt; da wäre es doch mehr als ungereimt, wenn man sagte, die anderen erlangten durch Zufall oder erwürben sich mit ihrer eigenen Mühe, was doch allein die Erwählung wenigen Menschen zuteil werden läßt. Die Gott also übergeht, die verwirft er, und zwar aus keinem anderen Grunde als dem, daß er sie von dem Erbteil, das er seinen Kindern vorbestimmt, ausschließen will. Unerträglich ist aber die Unverschämtheit der Menschen, wenn sie sich von Gottes Wort nicht am Zügel halten läßt, wo es sich um seinen unbegreiflichen Ratschluß handelt, den selbst die Engel anbeten. Aber wir haben doch eben gehört, daß die Verstockung nicht weniger in Gottes Hand und Ermessen steht, als das Erbarmen (Röm. 9,14ff.). Paulus verfährt nun nicht nach dem Beispiel derer, von denen ich sprach: er müht sich nicht ängstlich darum, Gott unter dem Schutz einer Lüge zu entschuldigen, nein, er erinnert nur daran, daß es einem Gebild nicht gebührt, mit seinem Bildner zu rechten! (Röm. 9,20). Wie wollen sich auch diese Leute, die nicht annehmen wollen, daß Gott irgendwen verwerfe, dem Wort Christi entwinden, der da spricht: „Alle pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht pflanzte, die werden ausgereutet“? (Matth. 15,13). Da hören sie doch, daß alle, die der himmlische Vater nicht gewürdigt hat, sie wie heilige Bäume in seinen Garten zu pflanzen, offen und klar dem Verderben überantwortet und preisgegeben werden! Wenn sie bestreiten, daß dies ein Zeichen der Verwerfung sei, dann ist nichts so klar, daß man es ihnen beweisen könnte. Wenn sie nun nicht aufhören zu widersprechen, so soll doch die Bescheidenheit des Glaubens mit der Mahnung des Paulus zufrieden sein, daß wir keine Ursache haben, mit Gott zu hadern, wenn er auf der einen Seite „seinen Zorn erzeigen“ und „seine Macht kundtun“ wollte und deshalb „mit großer Geduld“ die „Gefäße des Zorns“ trug, „die da zugerichtet sind zur Verdammnis“, – und wenn er auf der anderen Seite „den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit“ kundtut, „die er bereitet hat zur Herrlichkeit“ (Röm. 9,22f.). Die Leser wollen bemerken, wie der Apostel, um alles Murren und alle Mißgunst von vornherein abzuschneiden, die oberste Befehlsgewalt dem Zorn und der Macht Gottes einräumt; denn es wäre ja unbillig, wenn diese tiefverborgenen Gerichte, die all unsere Sinne verschlingen, unserem Urteil unterworfen sein sollten! Was unsere Widersacher darauf entgegnen, ist leichtfertig; sie behaupten, wen Gott in seiner Geduld erträgt, den verwerfe er nicht durchaus, sondern seine Gesinnung gegen ihn bleibe in der Schwebe, ob er sich vielleicht doch noch bekehre. Als ob Paulus Gott eine Geduld zuschriebe, in der er die Bekehrung solcher Menschen abwarte, von denen er doch sagt, sie seien „zugerichtet zur Verdammnis“! Denn es ist richtig, wenn Augustin diese Stelle so auslegt: wenn doch Gottes Macht neben seiner Geduld stehe (Röm. 9,22), so lasse Gott nicht zu, sondern er walte selbst mit seiner Kraft! (Gegen Julian V,3,13). Die Widersacher erklären nun weiter: es sei doch nicht ohne Ursache, wenn es von den Gefäßen des Zorns einfach heiße, sie seien „zugerichtet zur Verdammnis“, von den Gefäßen der Barmherzigkeit dagegen, Gott habe sie „bereitet zur Herrlichkeit“; denn auf diese Weise, so sagt man, schreibt er das Lob für das Heil Gott zu und behält es ihm vor, während er dagegen die Schuld für das verderben auf die wirft, die es sich mit eigenem Gutdünken zugezogen haben. Aber wenn ich ihnen nun auch zugebe, der Apostel mildere durch die verschiedenartige Redeweise die Härte des ersten Aussagegliedes, so ist es doch keineswegs sachentsprechend, das „Zurichten zur Verdammnis“ auf jemanden anders zu übertragen als auf Gottes verborgenen Ratschluß; es heißt, Gott habe den Pharao erweckt (Röm. 9,17) und er verstocke, welchen er wolle! (Röm. 9,16). Daraus ergibt sich, daß Gottes verborgener Rat die Ursache der Verstockung ist. Wenigstens will ich an dem festhalten, was Augustin lehrt: Wenn Gott aus Wölfen Schafe macht, so wendet er mächtigere Gnade daran, sie zu erneuern, damit nämlich ihre Verhärtung gezähmt wird; er bekehrt also die Verstockten deshalb nicht, weil er diese mächtigere Gnade nicht an ihnen wirken läßt; denn diese würde ihm nicht fehlen, wenn er sie beweisen wollte!



III,23,2

Das würde nun frommen und bescheidenen Leuten, solchen, die da wissen, daß sie Menschen sind, vollauf genügen. Aber jene tollen Hunde speien nicht nur eine einzige Art von Lästerungen gegen Gott aus, und wir werden deshalb auf die einzelnen Arten von Vorwürfen, so wie es die Sache mit sich bringt, antworten. Auf vielerlei Weise hadern törichte Menschen mit Gott, als ob er ihren Anklagen unterworfen wäre. Erstens fragen sie also, mit welchem Recht der Herr eigentlich seinen Geschöpfen zürne, die ihn doch zuvor mit keinerlei Beleidigung gereizt hätten. Denn nach eigenem Wohlgefallen die Leute dem Verderben preiszugeben, – das passe doch mehr zu der Willkür eines Tyrannen, als zum rechtmäßigen Spruch eines Richters! Die Menschen hätten also, so meint man, wohl Grund, mit Gott zu rechten, wenn sie nach seinem bloßen Gutdünken, ohne alles eigene Verdienst zum ewigen Tode vorbestimmt würden! Wenn nun solcherlei Gedanken einem frommen Menschen einmal in den Sinn kommen, so wird er sich, um ihren Ansturm zu brechen, allein mit der Erwägung wappnen, was es doch für eine Unverschämtheit ist, die Ursachen des göttlichen Willens auch nur zu erforschen; – Gottes Wille ist doch selbst die Ursache von allem, was ist, und er soll es auch billig sein! Hat er nun nämlich irgendeine Ursache, so muß es etwas geben, das ihm vorausgeht und an das er gewissermaßen gebunden ist; es ist aber ein Frevel, sich so etwas einzubilden! Denn Gottes Wille ist die höchste Richtschnur der Gerechtigkeit: wenn er also etwas will, so ist es eben darum, weil er es will, für gerecht zu halten! Wenn man also fragt, warum der Herr so gehandelt habe, so ist zu antworten: Weil er es gewollt hat! (aus Augustin, Von der Genesis gegen die Manichäer I,2,4). Geht man aber weiter und fragt, warum er es denn gewollt habe, so sucht man etwas Größeres, Erhabeneres, als Gottes Willen, – und das kann man eben nicht finden! So soll sich die menschliche Vermessenheit in Zucht halten und nach dem, was nicht ist, auch nicht fragen – damit sie nicht vielleicht auch das nicht findet, was ist! Mit diesem Zügel, meine ich, wird jeder recht zurückgehalten werden, der über die Geheimnisse seines Gottes in Ehrfurcht nachsinnen will. Gegen den Vorwitz der Gottlosen, die sich nicht scheuen, Gott offen zu lästern, wird sich der Herr in seiner Gerechtigkeit, ohne unseren Schutz, vollauf selber verteidigen, indem er ihrem Gewissen alle Ausflucht benimmt, es überführt und als schuldig hinstellt. Dennoch bringen wir hiermit nicht das Hirngespinst von der bindungslosen Gewalt (absoluta potentia) Gottes auf; denn das ist unfromm und soll bei uns billigerweise Abscheu erregen! Wir erdichten uns keinen Gott, der außerhalb des Gesetzes stünde; denn Gott ist sich doch selbst ein Gesetz. Die Menschen nämlich, die mit ihren Lüsten zu kämpfen haben, die bedürfen, wie Platon sagt, des Gesetzes; Gottes Wille aber ist nicht nur von allem Laster rein, sondern die höchste Richtschnur der Vollkommenheit, und er ist deshalb das Gesetz aller Gesetze! Wir bestreiten aber, daß er schuldig ist, uns Rechenschaft abzulegen, wir leugnen auch, daß wir geeignete Richter sind, um über solche Sachen nach eigenem Sinn ein Urteil zu sprechen! Wenn wir also über die uns gesetzte Grenze hinausstreben, so mag uns die Drohung des Psalms Furcht einflößen, wonach Gott stets als Sieger hervorgeht, wenn er von einem sterblichen Menschen gerichtet wird! (Ps. 51,6).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 23.08.2011 12:46

III,23,3

So vermag Gott seine Feinde schweigend zu bezwingen! Aber damit wir nicht dulden, daß sie seinen heiligen Namen ungestraft verspotten, reicht er uns aus seinem Wort auch Waffen gegen sie dar. Nun mag uns jemand angreifen und fragen, warum denn Gott seit Anbeginn bestimmte Menschen zum Tode vorbestimmt habe, die doch noch gar nicht da waren und deshalb auch das Todesurteil noch nicht zu verdienen vermochten: wir werden sie dann an Stelle einer Antwort unsererseits fragen, was denn Gott nach ihrer Meinung dem Menschen schuldig sei, wenn man diesen auf Grund seiner Natur beurteilen wollte! Denn wie wir alle von der Sünde verderbt sind, so können wir gar nicht anders, als Gott verhaßt zu sein, und zwar nicht in tyrannischer Grausamkeit, sondern aus gerechtester Ursache. Wenn alle Menschen in ihrer natürlichen Stellung des Todesurteils schuldig sind, so möchte ich nur wissen, über was für eine Unbilligkeit Gottes, die ihnen angetan sein soll, sich eigentlich die beschweren wollen, die der Herr zum Tode vorbestimmt! Es sollen doch alle Kinder des Adam herkommen und mit ihrem Schöpfer hadern und streiten, weil sie nach seiner ewigen Vorsehung, ehe sie geboren wurden, ständiger Not preisgegeben worden sind! Was wollen sie denn gegen die Verteidigung noch vorbringen, (die geschieht), wenn Gott sie im Gegenteil zu ihrer eigenen Selbsterkenntnis ruft? Aus einer verderbten Masse sind sie alle genommen, und darum ist es nicht verwunderlich, wenn sie der Verdammnis unterliegen! So sollen sie also nicht etwa Gott fälschlich der Unbilligkeit beschuldigen, wenn sie nach seinem ewigen Gericht zum Tode bestimmt sind; denn sie müssen ja, ob sie wollen oder nicht, selbst empfinden, daß sie zu solchem Tode von ihrer eigenen Natur ganz von selbst hingeführt werden! Daraus wird deutlich, wie verkehrt solche Neigung zum Widerspruch ist, weil diese Menschen ja mit voller Absicht jene Ursache ihrer Verdammnis, die sie in sich zu erkennen genötigt sind, unterschlagen, um Gott zum Deckmantel zu nehmen und dadurch selber frei zu kommen! Wenn ich ihnen aber auch hundertmal zugebe, daß Gott der Urheber sei – denn das ist ja ganz und gar richtig! -, so waschen sie damit doch nicht die Anklage ab, die ihnen ins Gewissen eingeprägt ist und die ihnen immer wieder vor die Augen tritt!



III,23,4

Hier kommen sie nun abermals mit einem Einwand. Sind denn diese Menschen zu der Verderbnis, die jetzt als Ursache ihrer Verdammnis vorgeschützt wird, nicht zuvor durch Gottes Verordnung bestimmt worden? Wenn sie also in ihrer Verderbnis umkommen, so tragen sie doch damit nur die Strafe für jene Not, in die Adam durch Gottes Vorbestimmung gefallen ist und in die er seine Nachkommen kopfüber mit hineingezogen hat: Ist nun der nicht ungerecht, der mit seinen Geschöpfen solchen Spott treibt? (soweit die gegnerische Frage). Ich gestehe nun zwar, daß die Kinder Adams allesamt in diesen elenden Stand, an den sie nun gebunden sind, durch Gottes Willen verfallen sind. Das ist es ja, was ich im Anfang sagte: wir müssen schließlich immer allein auf das Gutdünken des göttlichen Willens zurückgreifen, dessen Ursache in Gott selber verborgen ist. Aber daraus folgt nicht, daß Gott solcher tadelnden Rede unterworfen ist! Denn solchen Tadelworten werden wir mit Paulus entgegentreten und sagen: „Ja lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren?“ (Röm. 9,20f.). Sie werden aber bestreiten, daß damit Gottes Gerechtigkeit wirklich verteidigt werde, sie werden sagen, hier werde vielmehr eine Ausflucht erhascht, wie sie Leute vorzubringen pflegen, die einer rechten Entschuldigung ermangeln! Denn was scheint hier anders gesagt zu sein, als daß Gott eine Gewalt eigen ist, die sich nicht hindern läßt, alles zu tun, wie es in ihrem Belieben steht? Aber es ist ganz anders! Denn was läßt sich für eine gewichtigere Ursache angeben, als wenn man uns zu bedenken heißt, wer Gott ist? Wie sollte denn der irgendeine Unbilligkeit vorkommen lassen, der der Richter der Welt ist? Es gehört doch ganz eigentlich zu Gottes Wesen, Gericht zu üben -: also liebt er von Natur die Gerechtigkeit und ist der Ungerechtigkeit zuwider! Es ist also nicht so, als ob der Apostel bei falscher Meinung ertappt wäre und nun einen Unterschlupf suchte; nein, er zeigt uns, daß Gottes Gerechtigkeit ihrer Art nach zu tief ist, als daß man sie nach Menschenmaß messen oder mit unserem schwachen Menschenverstand begreifen könnte! Der Apostel bekennt zwar, daß Gottes Gerichte so tief sind, daß aller Verstand der Menschen davon verschlungen wird, wenn er da hineinzudringen versucht. Aber er lehrt auch, wie unwürdig es ist, Gottes Werke unter ein solches Gesetz zu zwingen, daß man sie zu tadeln wagt, sobald einem ihre Ursache nicht klar ist! Bekannt ist das Wort des Salomo, das freilich nur wenige recht verstehen: „Der große Schöpfer aller Dinge gibt dem Narren seinen Lohn und den Übertretern ihre Vergeltung!“ (Spr. 26,10; nicht Luthertext). Sein lauter Ausruf gilt der Größe Gottes, in dessen Ermessen es steht, an den Narren und Übertretern Strafe zu üben, obwohl er ihnen seinen Geist nicht gewährt! Und es ist auch ein seltsamer Wahn der Menschen, wenn sie das, was doch unermeßlich ist, dem Maß ihrer Vernunft zu unterwerfen trachten. Paulus nennt die Engel, die in ihrer Unschuld verblieben sind, „auserwählte Engel“ (1. Tim. 5,21). Wenn nun die Beständigkeit dieser Engel in Gottes Wohlgefallen begründet war, so ergibt sich aus dem Abfall der anderen, daß sie eben von Gott verlassen waren. Dafür aber läßt sich kein anderer Grund anführen als die Verwerfung, die in Gottes geheimem Ratschluß verborgen ist.



III,23,5

Wohlan, nun mag solch ein Manichäer oder Coelestiner, solch Verächter der göttlichen Vorsehung vortreten: ich sage mit Paulus, daß man die Ursache dieser göttlichen Vorsehung nicht angeben kann, weil sie in ihrer Größe weit über unser Verstehen hinausgeht. Was ist da verwunderlich, was widersinnig? Will solch ein Mensch Gottes Macht in so enge Grenzen gespannt sein lassen, daß sie nichts mehr auszurichten vermag, als sein Verstand begreift? Ich behaupte mit Augustin, daß der Herr Menschen erschaffen hat, von denen er ohne Zweifel vorher wußte, daß sie verlorengehen würden, und das ist geschehen, weil er es so wollte! Weshalb er es aber gewollt hat – behaupte ich weiter -, danach zu fragen, ist nicht unsere Sache; denn wir können es doch nicht begreifen; auch gebührt es sich nicht, daß Gottes Wille bei uns in eine Wortstreiterei hineingezogen werde; denn sooft von ihm die Rede ist, wird unter seinem Namen die höchste Richtschnur der Gerechtigkeit begriffen! Weshalb erhebt man denn die Frage, ob sein Handeln nicht vielleicht unbillig wäre -, wo doch seine Gerechtigkeit so klar aufleuchtet? Wir wollen es uns aber nicht verdrießen lassen, derartigen Lästermäulern nach dem Beispiel des Paulus solchergestalt das Maul zu stopfen, daß wir ihnen jedesmal, wenn sie zu kläffen wagen, immer wieder entgegenhalten: Wer seid ihr denn, ihr elenden Menschen, daß ihr Gott mit Anklage bedroht? (Röm. 9,20). Und ihr droht ihm solche Anklage ja doch nur an, weil er seine großen Werke nicht nach eurem groben Verstand richtet! Als ob sie aber deshalb verkehrt wären, weil sie dem Fleisch verborgen sind! Die Unermeßlichkeit der Gerichte Gottes ist euch doch aus deutlichen Proben bekannt. Ihr wißt doch, daß sie als tiefer Abgrund bezeichnet werden: (Ps. 36,7). Nun fragt einmal bei eurer engen Vernunft nach, ob sie auch faßt, was Gott bei sich beschlossen hat. Was hilft es euch also, euch in unsinnigem Nachspüren in einen Abgrund zu versenken, von dem doch schon die Vernunft sagt, daß er euch zum Untergang führen wird! Weshalb hält euch nicht wenigstens angesichts dessen, was die Geschichte des Hiob wie auch die prophetischen Bücher von Gottes unbegreiflicher Weisheit und furchtbarer Gewalt predigen, einige Furcht zurück? Wenn dein Verstand sich auflehnt, so laß es dich nicht verdrießen, den Rat Augustins anzunehmen: „Du, Mensch, erwartest von mir eine Antwort, – und ich bin auch ein Mensch! Deshalb wollen wir beide auf den hören, der da spricht: «Ja, lieber Mensch, wer bist du denn?’ (Röm. 9,20). Denn ein gläubiges Nichtwissen ist besser als ein vorwitziges Wissen!“ (Predigt 28). „Suche nach Verdiensten, – und du wirst nichts als Strafe finden – O, welche Tiefe! Petrus verleugnet, der Schächer glaubt – O, welche Tiefe!“ (ebenda). „Fragst du nach einer Ursache? Ich will mich vielmehr vor solcher Tiefe entsetzen! Klügle du, – ich verwundere mich: Disputiere du, – ich will glauben! Ich sehe die Tiefe, aber ich komme nicht auf Grund. Paulus ist zur Ruhe gekommen, weil er zu solcher Bewunderung kam. Er nennt Gottes Gerichte ’unbegreiflich’ (Röm. 11,33), – und du bist gekommen, sie zu durchforschen? Er sagt, seine Wege seien ’unerforschlich’ (Röm. 11,33) – und du willst dich hindurchfinden?“ (ebenda). Wenn wir hier weitergehen, so richten wir doch nichts aus; denn die Zudringlichkeit solcher Menschen wird keine Befriedigung finden. Auch bedarf der Herr keiner anderen Verteidigung, als die er selbst durch seinen Geist angewendet hat, der durch den Mund des Paulus sprach, – und wir verlernen es, recht zu reden, wenn wir aufhören, (gemeinsam) mit Gott zu reden!



III,23,6

Noch ein zweiter Einwurf erhebt sich aus der Gottlosigkeit; er ist aber nicht so sehr darauf gerichtet, Gott zu beschimpfen, als vielmehr gerade darauf aus, den Sünder zu entschuldigen. Allerdings kann man den Sünder, den doch Gott verdammt, schließlich nur unter Schmähung des Richters rechtfertigen. Solche unheiligen Zungen schreien uns also entgegen: „Wie sollte Gott den Menschen Dinge als Laster zurechnen, die er ihnen doch durch seine Vorbestimmung zwingend auferlegt hat? Was sollten die Menschen denn tun? Sollten sie etwa mit seinen Entschlüssen Streit führen? Das würden sie aber doch vergebens unternehmen, da sie es nie und nimmer vermöchten! Es ist also Unrecht, sie um solcher Dinge willen zu strafen, deren vornehmste Ursache in Gottes Vorbestimmung liegt!“ Hier will ich nun von der Verteidigung Abstand nehmen, bei der die kirchlichen Schriftsteller durchweg ihre Zuflucht suchen; sie erklären, Gottes Vorherwissen hindere nicht, daß der Mensch als Sünder geachtet würde; denn Gott sehe ja seine Sünden, nicht etwa seine eigenen voraus. Das lästerliche Geschwätz ließe sich dadurch nämlich nicht zum Stehen bringen; es würde im Gegenteil nun darauf dringen, Gott hätte doch trotzdem den bösen Werken, die er voraussah, entgegenwirken können, wenn er gewollt hätte; er habe das aber nicht getan und deshalb habe er den Menschen eben zu dem Zweck geschaffen, daß er sich auf Erden so aufführe! Wenn der Mensch – so würde man dann fortfahren – durch Gottes Vorsehung in jene Lage hineingeschaffen ist, daß er hernach eben alles tun mußte, was er wirklich tut (nämlich Sünde), so kann man ihm daraus kein Verbrechen machen, weil er es ja gar nicht vermeiden kann und durch Gottes Willen in diese Zwangslage gekommen ist. Wir wollen also zusehen, wie man diesen Knoten richtig lösen muß. Vor allem anderen muß da jedermann das Wort des Salomo festhalten: Gott hat alles um seiner selbst willen geschaffen, „auch den Gottlosen für den bösen Tag“! (Spr. 16,4). Hier sehen wir es: das Walten über alle Dinge ist in Gottes Hand, bei ihm liegt die Entscheidung über Heil und Tod, und deshalb ordnet er es mit seinem Ratschluß und Willen so, daß unter den Menschen einige geboren werden, die bereits vom Mutterleibe an dem sicheren Tode geweiht sind, um durch ihr verderben seinen Namen zu verherrlichen! Hier mag nun jemand zu erwägen geben, durch Gottes Vorsehung werde diesen Menschen doch keinerlei Notwendigkeit auferlegt, sondern sie seien in solcher Stellung von ihm erschaffen, weil er eben ihre künftige Bosheit vorausgesehen habe; wer das nun aber behauptet, der sagt damit mehr als nichts, aber doch nicht alles! Die Alten pflegen zwar diese Lösung zuweilen zu verwenden, aber doch gewissermaßen im Zweifel. Die Schultheologen jedoch ruhen auf ihr aus, als ob man nichts dagegen sagen könnte. Ich will zwar gern zugeben, daß Gottes Vorherwissen allein den Kreaturen keine Notwendigkeit auferlegt. Freilich geben auch das nicht alle zu; es gibt nämlich auch solche, die in Gottes Vorherwissen die Ursache der Dinge erblicken wollen. Aber mir scheint valla, ein sonst in den heiligen Dingen nicht besonders geübter Mann, diese Frage schärfer und klüger durchschaut zu haben: er zeigt, daß dieser Streit überflüssig ist, weil Leben und Tod eher Wirkungen des göttlichen Willens als des göttlichen Vorherwissens sind. Wenn Gott den zukünftigen Zustand der Menschen bloß vorhersähe und ihn nicht auch nach seinem Ermessen lenkte und anordnete, dann wäre es nicht unsachgemäß, die Frage zu erheben, welche Bedeutung sein Vorherwissen für die Notwendigkeit dieses Zustandes hätte. Aber tatsächlich hat er die künftigen Geschehnisse nur aus der einen Ursache heraus vorhergesehen, weil er beschlossen hatte, sie sollten so vor sich gehen, und deshalb ist es umsonst, um das Vorherwissen zu streiten, wo es doch feststeht, daß alles vielmehr aus seiner Anordnung, seinem Wink heraus geschieht!
Simon W.


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