Gesetz und Evangelium - Carl Walther

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Moderator: Joschie

maxb
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Gesetz und Evangelium - Carl Walther

Beitragvon maxb » 03.06.2011 13:14

Auf Joschies Bitte stelle ich kurz das oben genannte Buch vor.
Der volle Titel heißt "Die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium" und es hat 401 Seiten. Es besteht aus 39 Vorträgen, die Carl Walther 1884-1885 vor seinen Studenten in Missouri gehalten hat. Über Walther selbst kann man hier mehr erfahren oder hier noch ausführlicher.
Die 39 Vorträge sind so gegliedert, dass darin 25 von Walther aufgestellte Thesen abgearbeitet werden. Die Thesen lauten wie folgt:

These 1:

Der Lehrgehalt der ganzen heiligen Schrift, sowohl des Alten als des Neuen Testaments, besteht aus zwei von einander grundverschiedenen Lehren, nämlich dem Gesetz und dem Evangelio.

These 2:

Ein reiner Lehrer ist nur derjenige, welcher nicht nur alle Artikel des Glaubens schriftgemäß darlegt, sondern auch Gesetz und Evangelium recht von einander unterscheidet.

These 3:

Gesetz und Evangelium recht zu unterscheiden, ist die schwierigste und höchste Christen-und Theologenkunst, die allein der Heilige Geist in der Schule der Erfahrung lehrt.

These 4:

Die rechte Erkenntnis von dem Unterschied des Gesetzes und Evangeliums ist nicht nur ein herrliches Licht zu rechtem Verstand der ganzen heiligen Schrift, sondern ohne jene Erkenntnis ist und bleibt auch dieselbe ein fest verschlossenes Buch.

These 5:

Die erste und zwar die offenbarste und gröbste Art und Weise der Vermischung von Gesetz und Evangelium ist, wenn man, wie die Papisten, Socinianer und Rationalisten tun, Christus zu einem neuen Mose oder Gesetzgeber und so das Evangelium zu einer Werklehre macht, hingegen, wie die Papisten, die verdammt und verflucht, welche das Evangelium als eine Botschaft freier Gnade Gottes in Christo lehren.

These 6:

Gottes Wort wird zweitens nicht recht geteilt, wenn man das Gesetz nicht in seiner ganzen Strenge, das Evangelium nicht in seiner vollen Süßigkeit predigt, sondern in das Gesetz Evangelisches und in das Evangelium Gesetzliches mengt.

These 7:

Gottes Wort wird drittens nicht recht geteilt, wenn man erst das Evangelium und dann das Gesetz predigt, erst die Heiligung und dann die Rechtfertigung, erst den Glauben und dann die Buße, erst die guten Werke und dann die Gnade.

These 8:

Gottes Wort wird viertens nicht recht geteilt, wenn man das Gesetz den schon über ihre Sünden Erschrockenen oder das Evangelium den in Sünden Sicheren verkündigt.

These 9:

Gottes Wort wird fünftens nicht recht geteilt, wenn man die vom Gesetz getroffenen und erschreckten Sünder, anstatt sie auf Wort und Sakrament zu weisen, anweist, durch Beten und Kämpfen sich den Gnadenstand zu erringen, nämlich so lange zu beten und zu kämpfen, bis sie fühlen, dass sie Gott begnadigt habe.

These 10:

Gottes Wort wird sechstens nicht recht geteilt, wenn man vom Glauben entweder so predigt, als ob das tote Fürwahrhalten selbst trotz Todsünden vor Gott gerecht und selig mache, oder also als ob der Glaube um der Liebe und Erneuerung willen, die er wirkt, rechtfertige und selig mache.

These 11:

Gottes Wort wird siebentens nicht recht geteilt, wenn man nur diejenigen mit dem Evangelium trösten will, welche durch das Gesetz Reue haben nicht aus Furcht vor Gottes Zorn und Strafe, sondern aus Liebe zu Gott.

These 12:

Das Wort Gottes wird achtens nicht recht geteilt, wenn man also lehrt, als ob die Reue neben dem Glauben eine Ursache der Sündenvergebung sei.

These 13:

Gottes Wort wird neuntens nicht recht geteilt, wenn man den Glauben so fordert, als könne der Mensch sich denselben selbst geben oder doch dazu mitwirken, anstatt denselben durch Vorlegung der evangelischen Verheißungen selbst in das Herz hineinzupredigen zu suchen.

These 14:

Gottes Wort wird zehntens nicht recht geteilt, wenn man den Glauben fordert als eine Bedingung der Rechtfertigung und Seligkeit, als ob der Mensch nicht allein durch, sondern auch wegen des Glaubens, um des Glaubens willen und in Ansehung des Glaubens vor Gott gerecht und selig werde.

These 15:

Gottes Wort wird elftens nicht recht geteilt, wenn man das Evangelium zu einer Bußpredigt macht.

These 16:

Gottes Wort wird zwölftens nicht recht geteilt, wenn man so predigt, als ob schon die Ablegung gewisser Laster und die Ausübung gewisser Werke und Tugenden eine wahre Bekehrung sei.

These 17:

Gottes Wort wird dreizehntens nicht recht geteilt, wenn man die Gläubigen so beschreibt, wie sie nicht alle und nicht immer sind, sowohl was Stärke des Glaubens, als was das Gefühl und die Fruchtbarkeit desselben betrifft.

These 18:

Gottes Wort wird vierzehntens nicht recht geteilt, wenn man das allgemeine Verdeben der Menschen so beschreibt, als ob auch die wahrhaft Gläubigen in herrschenden und mutwilligen Sünden lebten.

These 19:

Das Wort Gottes wird fünfzehntens nicht recht geteilt, wenn man so predigt, als ob gewisse Sünden schon an sich nicht verdammlich, sondern an sich lässlich seien.

These 20:

Das Wort Gottes wird sechzehntens nicht recht geteilt, wenn man die Seligkeit an die Gemeinschaft mit der sichtbaren rechtgläubigen Kirche bindet und jedem in irgend einem Glaubensartikel Irrenden die Seligkeit abspricht.

These 21:

Das Wort Gottes wird siebzehntens nicht recht geteilt, wenn man lehrt, dass die Sakramente ex opere operato heilskräftig wirken.

These 22:

Das Wort Gottes wird achtzehntens nicht recht geteilt, wenn man zwischen Erweckung und Bekehrung einen falschen Unterschied macht, und nicht glauben können mit nicht glauben dürfen verwechselt.

These 23:

Das Wort Gottes wird neunzehntens nicht recht geteilt, wenn man die Unwiedergeborenen durch die Forderungen oder Drohungen oder Verheißungen des Gesetzes zur Ablegung der Sünden und zu guten Werken zu bewegen, und also fromm zu machen, die Wiedergeborenen aber, anstatt sie evangelisch zu ermahnen, durch gesetzliches Gebieten zum Guten zu nötigen sucht.

These 24:

Das Wort Gottes wird zwanzigstens nicht recht geteilt, wenn man die unvergebliche Sünde in den Heiligen Geist so beschreibt, als ob diesebe wegen ihrer Größe unvergeblich sei.

These 25:

Das Wort Gottes wird einundzwanzigstens nicht recht geteilt, wenn man in seiner Lehre nicht das Evangelium im Allgemeinen vorherrschen lässt.


Mir hat es sehr gefallen einmal ausführlich und aus erster Hand etwas von einem lutherischen Theologen zu hören. Er nimmt sich zwischendurch auch viel Zeit, um auf die Unterschiede zwischen Calvinisten und Lutheranern einzugehen und spricht durchaus auch Missstände an, die in calvinistischen Kreisen häufiger vorkommen können. Obwohl die Vorträge an Studenten, also zukünftige Prediger, gerichtet sind, ist das Buch für mich trotzdem sehr lehrreich, gut verständlich und erbaulich gewesen. Aber gerade für Prediger wird dieses Buch viele wertvolle Hinweise bereit halten. Predigten können großen Schaden und großen Segen bringen und Walther zeigt, wie man Ersteres vermeidet und das Zweite fördert. Man sieht immer, wie unheimlich ernst er das Predigtamt nimmt. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden war, hab ich zumindest verstehen können, wie er zu diesem oder jenem Verständnis kommt. Das Buch bekommt man leider nur noch antiquarisch - meistens eine Ausgabe von 1946 (Frakturschrift!) - aber das ist in Zeiten des Internets kein Problem. Achtung: Es gibt auch ein anderes Buch von ihm, mit einem ähnlichen Titel, aber darin sind nur 10 Vorlesungen enthalten. Im Vorwort wird bei mir darauf Bezug genommen und es heißt, dass es sich bei den 39 Vorlesungen um eine Erweiterung und Ergänzung der 10 Vorlesungen handelt. Wie ich gerade sehe gibt es für nicht-Frakturleser noch die Möglichkeit zu einer extrem umfangreichen englischen Übersetzung zu greifen(708 Seiten!!!), welche viele Zusatzinformationen enthält und z.B. hier oder hier zum Kauf bereit steht.

Oliver
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Schranken des Evangeliums

Beitragvon Oliver » 08.06.2011 13:30

Was ich bei diesen Thesen so gut finde ist, dass er nicht in einen Punkt angibt, der als exakt richtig zu gelten habe, sondern dass hier Schranken gegeben werden innerhalb derer das Evangelium bewahrt ist. Ich denke hier insbesondere an die Kontroversen zwischen "Dispensationalisten"/"Fundamentalisten" und "Reformierten", bei denen meines Erachtens viel zu häufig der Eindruck erweckt wird, es gehe hier um ein fundamentales (also nicht nur wichtiges) Problem. Das ist besonders bei der "Lordship Controversy" und Debatten über das Gesetz der Fall gewesen.

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Joschie
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Re: Schranken des Evangeliums

Beitragvon Joschie » 08.06.2011 15:13

Oliver hat geschrieben:Was ich bei diesen Thesen so gut finde ist, dass er nicht in einen Punkt angibt, der als exakt richtig zu gelten habe, sondern dass hier Schranken gegeben werden innerhalb derer das Evangelium bewahrt ist. Ich denke hier insbesondere an die Kontroversen zwischen "Dispensationalisten"/"Fundamentalisten" und "Reformierten", bei denen meines Erachtens viel zu häufig der Eindruck erweckt wird, es gehe hier um ein fundamentales (also nicht nur wichtiges) Problem. Das ist besonders bei der "Lordship Controversy" und Debatten über das Gesetz der Fall gewesen.
­Oliver hast du das Buch gelesen oder gehst du allein von diesen Thesen aus?Es ist bestimmt hilfreich, wen du sagst, worum es in diesen Kontroversen geht, um deinen Beitrag zu verstehen.
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Raphael
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Beitragvon Raphael » 09.06.2011 12:18

Vielen Dank für die Empfehlung. Ich habe es kürzlich auch günstig erworben und werde es bei Gelegenheit mal mit lesen. Was hälst du vom lutherischen Gesetzesverständnis (bzw. vom orthodox-lutherischen)?
Fürwahr, Gott ist mein Heil: ich bin voller Zuversicht und fürchte mich nicht! Denn Gott, der HERR, ist meine Stärke und mein Lobgesang, und er ist mir ein Retter geworden! - Jes 12, 2 (Menge)


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