Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps18

Beitragvon Jörg » 02.03.2019 12:28

Erläuterungen und Kernworte

Oft erquickt und tröstet der Herr die Seinen im Offenbaren und Verborgenen durch liebliche, herzbelebende Erweisungen seiner Fürsorge. Es gibt ebenso wohl Zeiten, wo die Hand der Vorsehung uns aufrichtet, als Zeiten, wo sie uns niederwirft. Die Szene ändert sich, der Himmel wird heiter, der Winter ist vergangen, Lenzeslüfte säuseln um uns, wir legen die düstern Trauergewänder beiseite, und o welch reicher Ersatz für alles Leid wird in solchen Zeiten begnadeten Seelen zuteil, und welch liebliches Echo findet Gottes Liebe in ihren Herzen! Gott erhebt sie aus dem Staube; so erheben sie ihn in Lobgesängen. Siehe, wie Mose und die Kinder Israel mit ihm nach der Errettung aus Pharaos Gewalt ihren Gott in einem Danklied besingen, das wegen seiner Anmut und geistlichen Tiefe zum Vorbild der Lobgesänge wird, mit denen die Heiligen in der himmlischen Herrlichkeit Gott preisen (Off. 15,3). John Flavel † 1691.

Für die Lehre vom Messias, sofern David ein Abbild desselben war, ergeben sich hauptsächlich folgende Gesichtspunkte aus diesem Psalm. 1) Einen solchen hat Gott zum Haupt seiner Gemeinde verordnet, welcher in sich selbst ganz ohnmächtig ist, sein Vertrauen aber auf seinen himmlischen Vater setzt und in aller Not zu ihm seine Gebete emporsendet. 2) Durch die Übermacht und Verfolgung der Feinde wird derselbe in eine Tiefe der Not hinabgestürzt, wo er in den Ängsten des Todes und den Schrecken der Hölle gebunden liegt. Nachdem er so bis in die tiefsten Örter der Erde (Eph. 4,9), in die äußerste Verlassenheit von Gott versunken ist, hebt ihn Gott selbst durch eine unmittelbare Manifestation seiner allmächtigen Hilfe aus der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe empor, weil er den Gehorsam und Glauben in allen Leiden bewahrt hat. 3) Und gleichwie es keinen Gott gibt ohne den einen Gott, so bekleidet er seinen Gesalbten mit einer unwiderstehlichen Kraft, so dass er zum Segen seines wehrlosen Volks alle Feinde aufreibt und besiegt und sein Königreich für die Ewigkeit bestätigt wird. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Überschrift. Des Herrn Knecht. So nennt sich David zu der Zeit, als er in großen Ehren lebte und seine Herrlichkeit aufs höchste gebracht hatte. J. D. Frisch 1719.

Dieser Ehrenname "Des Herrn Knecht" wird Mose (Josua 1,1. 13. 15 und noch an neun Stellen desselben Buches) und Josua (Josua 24,29; Richt. 2,8) beigelegt, dann aber keinem andern bis auf David (hier und öfters). Vergl. Apg. 13,36 . Das ist bedeutsam und erinnert uns an die Stelle, welche David in der Geschichte Israels entnimmt. Er war der verordnete Nachfolger Moses und Josuas, der die Herrschaft Israels auf das ganze Gebiet ausdehnte, das dem Volk durch die göttliche Verheißung zugeteilt war. W. Kay 1871.

V. 2. Das Wort, womit David seiner herzlichen Liebe zu Gott Ausdruck gibt, erscheint in der Hauptwortform als Bezeichnung des Mutterleibes und bedeutet eine solche Zuneigung, die aus dem Innersten kommt, von Herzensgrund, wie wir sagen. (Vergl. griechisch ta` spla/gcna, engl. the bowels, franz. les entrailles.) William Gouge † 1653.

Racham ist ein sehnlich Wort und bedeutet dieselbige herzliche und zärtliche Liebe der Eltern gegen ihre Kinder und der Kinder gegen die Eltern. So saget er nun: Ich habe eine herzliche und kindliche Sehnlichkeit und Neigung zu dir. Also bekennet er seine höchste Liebe, dass er eine Lust an unserm Herrn Gott habe gehabt. Denn er befindet, dass seine Wohltaten unaussprechlich sind, und aus dieser überschwänglichen Lust und Liebe kommt, dass er ihm so viel Namen gibt, wie folget. Und hierin ist die hebräische Sprache sehr reich. Martin Luther 1530.

Das sind Worte eines, der wieder aufsteht und in die Höhe kommt und der die Kraft Gottes in der Trübsal erfahren hat. Denn so pflegt uns unser süßer und freudiger Affekt mit großer Gewalt zu denjenigen zu treiben, welchen wir es zu danken haben, dass wir durch ihre Gütigkeit aus großem Übel und Unglück herausgerissen worden. Denn dass seine Liebe rein und unverfälscht gewesen, das drückt er damit aus, wenn er spricht: Herr, dich will ich lieben, nicht irgendeine Kreatur. Martin Luther 1519.

Herzog Ernst III. von Sachsen-Gotha, der unter den Fahnen Gustav Adolfs gekämpft hat und dann viele Jahre lang als gottesfürchtiger und väterlicher Fürst sein Land regierte, hatte sich das von M. Schalling auf unsern Psalm gedichtete Lied: Herzlich lieb hab’ ich dich, o Herr , zu seinem Lieblingslied erwählt. Als er, 73 Jahre alt, sein Ende herannahen fühlte, da erquickte er sich täglich an diesem Liede, das man ihm vorlesen, vorsingen und vorspielen musste, sprach am liebsten von der Süßigkeit der Liebe Gottes und Jesu Christi und betete noch sterbend mit schwacher Stimme:

Herzlich lieb habe ich dich, o Herr,
Ich bitt’, wollst sein von mir nicht fern
Mit deiner Hilf und Gnaden.
D. K. Gerok, Die Psalmen, † 1890.

Meine Stärke, das scheinet mir diejenige zu sein, da ein Mensch mit Kraft aus der Höhe angetan und dadurch inwendig gestärkt und befestigt wird, diejenige Festigkeit, welche die weichen und zärtlichen Gemüter abhärtet. Diese Stärke aber haben wir nicht, außer von Gott. Denn wenn es auf uns selbst ankommt, so werden wir gar leicht weich, sowohl bei guten als bösen Tagen, und zerfließen wie Wachs in der Sonne. Martin Luther 1519.

V. 2-3. David sagt nicht: Gott wird mir Heil verleihen, sondern: Er ist meines Heiles Horn . Gott selber ist das Heil, er ist das Teil der Seinen. Fleischlich gesinnte Leute möchten wohl Befreiung vom Erdenleid und himmlische Herrlichkeit haben, aber an den Heiland kehren sie sich nicht. Der Glaube dagegen haftet an Gott selber und spricht: Er ist mein Heil, mein Leben, mein Trost, mein Reichtum, meine Ehre, mein alles. So zielte auch Davids Herz unmittelbar auf Gott: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke, Herr, mein Fels usw. Es vergnügte ihn mehr, dass Gott seine Stärke, sein Erretter usw. war, als dass Gott ihm Stärke gab, ihn errettete usw. Joseph Caryl † 1673.

V. 3. Mein Erretter . Wer sich an einen dieser unzugänglichen Zufluchtsorte begab, wurde manchmal durch den Hunger gezwungen, sich dem Feind zu übergeben, der unten auf ihn lauerte. Jahwe aber gab David nicht nur Sicherheit, sondern Freiheit; er beschützte ihn nicht nur in einem unerreichbaren Bergungsort, sondern setzte ihn auch instand, in Sicherheit daraus hervorzugehen. Rabbi Salomon ben Isaak (Jarchi) † 1105.

Das Horn ist sowohl in der religiösen als auch in der Profan-Literatur ein oft gebrauchtes Sinnbild der Kraft. Das Bild ist vom Stier und andern gehörnten Tieren genommen, deren Stärke zum Angriff wie zur Abwehr hauptsächlich in ihren Hörnern liegt. James Bruce († 1794) erzählt von einem merkwürdigen Kopfschmuck, den die Regenten der Landschaften Abessiniens tragen. Er besteht aus einem breiten Stirnband, aus dessen Mitte ein Horn, ein kegelförmiges, etwa vier Zoll langes vergoldetes Stück Silber herausragt. Er wird kirn , d. h. Horn, genannt und wird nur bei Musterungen oder Paraden nach einem Sieg getragen. Bruce vermutet, diese Sitte sei gleich andern abessinischen Gebräuchen von den Juden entlehnt. Richard Mant † 1849.

V. 4. Was wird aber vor eine Kunst dazu erfordert, wenn wir es dahin bringen wollen, dass bei dieser Menge, Größe, Macht und Hartnäckigkeit solcher Feinde der Herr unsere Stärke, unsere Burg, unsere Zuflucht, unser Erretter, unser Helfer sein möge? Der Text antwortet: Also wird es geschehen, wenn du den Herrn loben und anrufen wirst. Denn durch dieses mit seinem Lobe verbundene Anrufen wirst du voll allen deinen Feinden errettet werden, vergl. Röm. 10,13 u. Spr. 18,10 . Gewiss, diese Lehre ist in der Trübsal die alleredelste und ganz gülden. Das ist der beste Rat, durch welchen wir aus allem Unglück können herausgerissen werden, wenn wir in Trübsalen Gott können rechtfertigen, segnen und preisen. Man kann nicht glauben, was dergleichen Lob Gottes für ein kräftiges Mittel bei zustoßender Gefahr sei. Denn sobald du anfangen wirst, Gott zu loben, so bald wird das Übel gemildert, der getroste Mut wächst, und es folgt die Anrufung Gottes mit Zuversicht. Niemand wird vom Bösen dadurch befreit, wenn er nur auf seine Übel sieht und vor denselben erschrickt, sondern dadurch, wenn er dieselben überwindet und an dem Herrn hängt und auf dessen Güte sieht. O gewiss ein schwerer Rat! Und das ist etwas Seltsames, mitten in dem Unglück sich Gott süß und lobenswürdig einbilden und ihn, wenn er sich von uns entfernet hat und unbegreiflich ist, stärker ansehen als unser gegenwärtiges Unglück, das uns abhält, ihn anzusehen. Ich kann die Annehmlichkeit und Kraft dieses sehr schönen Verses, in welchem die Worte so geschickt und nachdrücklich gesetzt sein, nicht genug anpreisen. Martin Luther 1519.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps18

Beitragvon Jörg » 05.03.2019 15:41

Erläuterungen und Kernworte

V. 5. Des Todes Bande . Nach der Meinung mancher wird hier auf die Art, wie man im Altertum auf die wilden Tiere Jagd machte, angespielt. Ein größerer Landstrich wurde mit starken Stricken eingeschlossen; dann wurde der Kreis immer enger gezogen, bis das verfolgte Tier so eingeschlossen war, dass es mit leichter Mühe eine Beute des Jägers wurde. Diese Stricke waren Bande des Todes; es gab kein Entrinnen aus dem Verderben. D. John Brown 1853.

Die Bäche der Bosheit. Keine bildliche Redeweise ist den heiligen Dichtern der Schrift so geläufig als die, schreckliche und plötzlich hereinbrechende Unglücksfälle unter dem Bild von überwältigenden Wassern darzustellen. Das Bild scheint den Israeliten besonders geläufig gewesen zu sein; war es doch der eigentümlichen Natur ihres Landes entnommen. Sie hatten den Jordan ständig vor Augen, der alljährlich zu Beginn des Sommers "voll wurde an allen seinen Ufern" (Jos. 3,15), wenn der Schnee des Libanon und der benachbarten Gebirge schmolz und sich plötzlich in Sturzbächen in den Jordan ergoss. Überhaupt gab es in ganz Palästina, wiewohl das Land an Flüssen, die das ganze Jahr hindurch Wasser hatten, arm war, doch zufolge seiner vorwiegend gebirgigen Beschaffenheit zahlreiche Gießbäche, die sich in den regelmäßig wiederkehrenden Regenzeiten durch die engen Bergschluchten niederstürzten. Bischof Robert Lowth † 1787.

V. 7. Da mir angst war. Wenn du auf Davids Harfe lauschst, wirst du ebenso oft Trauerweisen wie Jubellieder hören, und der Griffel des heiligen Geistes hat mehr Mühe darauf verwandt, die Leiden eines Hiob, als die Glückseligkeit eines Salomos zu beschreiben. Wohlergehen ist nicht ohne manche Sorgen und Verdrießlichkeiten und Unglück nicht ohne Trost und Hoffnung. Wir finden bei kunstvollen Handarbeiten eine lebhafte Stickerei auf dunklem, ernstem Grunde schöner, als eine düstere Stickerei auf lichtem Grunde. Schließe denn von dem, was das Auge erfreut, auf das, was zur wahren Freude des Herzens dient. Die Tugend gleicht köstlichen Wohlgerüchen, die am stärksten duften, wenn sie zerstoßen werden. Denn wie der Wohlstand das Laster am besten enthüllt, so das Unglück die Tugend. Franz Baco von Verulam † 1626.

Rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Das Wesen des Gebets ist nicht Beredsamkeit, sondern Inbrunst und Ernst; es handelt sich nicht um eine Definition der Hilflosigkeit, sondern um ein tiefes Gefühl derselben. Es ist der Ruf, der Schrei des Glaubens, der zu den Ohren der göttlichen Barmherzigkeit empordringt. Hannah Moore † 1833.

David stellt hier sein Exempel dar. Ich bin oft, will er sagen, in Trübsal und Not gewesen; ich habe aber gehabt eine Arznei, nämlich das Gebet oder Anrufung, sonst ist kein Trost nicht. Auf einen Menschen hoffen, das tut es nicht, sondern das Hoffen auf Gott. Nun ist es aber unmöglich, in der Not ohne den heiligen Geist Gott anrufen. Denn so bläut das Herz vor: Der Gott, den du anrufen willst, zürnet mit dir, hat dir dies getan und schickt dir solche Trübsal zu. Und demnach muss es sein; es gilt nicht fliehen vor dem, der dich schlägt, sondern sich nur schlecht frei in Spieß und Stich geben, so zieht er hinter sich. Martin Luther 1530.

Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel (oder Palast). Die Ädilen, die Magistratspersonen im alten Rom, hatten ihre Türen allezeit offen stehen, damit jeder, der eine Bitte oder Klage vorzubringen hatte, freien Zutritt zu ihnen finde. Gottes Türen der Barmherzigkeit sind stets weit geöffnet für die Bitten seiner Getreuen. Die persischen Könige hielten es für ein Stück ihrer törichten Ehre, auch ihren höchsten Untertanen den freien Zugang zu sich zu weigern. Des Todes war, wer bei ihnen ungerufen um etwas nachsuchte. Selbst Esther, die Königin, fürchtete sich, zu Ahasverus zu nahen. Der König des Himmels aber offenbart sich seinem Volke. Trotzdem es im Alten Bunde zum Ausdruck kommen musste, dass Gott dem Sünder unnahbar ist, war die Stiftshütte doch nicht mit ehernen Türen verriegelt; nur ein leicht zu lüftender Vorhang verhüllte das Heiligtum Gottes. Uns aber ist als Priestern Gottes das Vorrecht gegeben, im Tempel und am Altar anzubeten (Off. 11,1). Darum lasst uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, lasst uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden (Hebr. 10,22; 4,16). Charles Bradbury 1785.

Wie wahr ist das Wort, dass der Glaube sicher sei, wenn er sich in Gefahr fühle, und in Gefahr, wenn er sich sicher wähnt, und dass das Gebet brünstig sei in Zeiten der Trübsal, aber in Freude und Glück, wenn nicht ganz kalt und tot, so doch lau und lässig. Gesegnete Drangsale, die unser Gemüt hindern, sich in den Dingen dieser Erde zu zerstreuen und sich mit ihrem Schlamm zu beflecken, und die uns zu trauterem Verkehr mit dem Himmel helfen und unsere Liebe zum Göttlichen beleben, ohne welche das, was wir Leben nennen, eher den Namen Tod verdient. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

V. 7ff. Das Gebet eines einzelnen Gläubigen hat manchmal die wunderbarsten Wirkungen zur Folge, wie wir es hier an David sehen; was wird denn eine legio fulminatrix. 8 von solchen Betern ausrichten? Von Luther ward gesagt: Iste vir potuit cum Deo quicquid voluit, der Mann konnte von Gott haben, was er wollte. Seine Feinde fühlten die Wucht seiner Gebete und die Kirche Gottes erntete die Früchte derselben. Die schottische Königin (Maria Stuart) bekannte, dass sie vor den Gebeten des John Knox (des Reformators von Schottland, † 1572) mehr Furcht habe, als vor einem Heer von zehntausend Mann. Diese beiden Kämpfer waren Helden im Ringen mit Gott, so verächtlich und schimpflich sie auch von ihren Feinden behandelt wurden. Es kommt die Zeit, wo Gott das Flehen seiner Auserwählten hört, die Tag und Nacht zu ihm rufen: Wie lange, Herr, wie lange? (Lk. 18,7; Ps. 13; Off. 6,10.) John Flavel † 1691.

Lass dich durch keine scheinbare Unmöglichkeit dazu verleiten, die Erfüllung irgendeiner gnädigen Zusage Gottes in Frage zu stellen. Ob du auch keine Möglichkeit siehst, wie das Verheißene geschehen könnte, es ist genug, dass Gott gesagt hat, er wolle es tun. Er, der Gott des Heils und der Urheber der Verheißung, wird sich den Weg zur Ausführung seiner Werke selber zubereiten. Ob die Täler auch so tief wären, dass wir den Grund nicht sehen könnten, und die Berge so hoch, dass die Gipfel unserm Auge unerreichbar wären, - Gott weiß wohl, wie er die einen erhöhen und die andern erniedrigen kann. "Ich bin ein Meister zu helfen" (Jes. 63,1). Wenn irgendetwas das Kommen des Reiches Christi zurückzuhalten vermöchte, so wäre es unser Unglaube; aber des Menschen Sohn wird erscheinen, ob er auch bei seinem Kommen kaum Glauben auf Erden finden wird (Lk. 18,8; Röm. 3,3). Wirf dein Vertrauen nicht weg, weil Gott mit der Erfüllung zögert. Mögen die Wege der Vorsehung auch kreuz und quer, vorwärts und rückwärts gehen, du hast dennoch ein gewisses und zuverlässiges Wort, auf das du dich stützen kannst. Was nicht zu deiner Zeit kommt, wird doch mit Eile ausgeführt werden zu seiner Zeit, und das ist stets die rechte Zeit. Timothy Cruso † 1697.

Es gab zu Davids Zeiten weder Flinten noch Kanonen; aber Davids Gebete richteten wider seine Feinde mehr aus, als die besten Gewehre und schwersten Geschütze der Welt je ausgerichtet haben. David hatte dennoch donnernde Geschütze und zerstreute damit seine Feinde, lange Zeit bevor Pulver und Kanonen erfunden wurden. Jeremiah Dyke 1639.

Die geologischen Erscheinungen Palästinas regen in dem Naturforscher Fragen an, zu deren Erörterung die vorhandenen Tatsachen zu ungenügend sind. Doch enthält die Geschichte und die Literatur des Volkes hinreichende Beweise dafür, dass vulkanische Naturgewalten dort einst in Tätigkeit gewesen sind. Das Jordantal, das noch heute fortwährend in Unruhe ist, war ein ständiges Zeichen gewaltiger Naturereignisse; und von seinen Spalten verzweigten sich bis in das Innere des Landes die bestürzenden Erscheinungen, wo nicht mehr von vulkanischen Kräften, so doch von Erdbeben. Die geschichtlichen Wirkungen dieser Gewalten auf ihrem vornehmlichen Schauplatz (dem Becken des Toten Meeres) werden wir im Verlauf unserer Untersuchung beleuchten; hier aber wollen wir darauf hinweisen, wie sie das Empfinden des Volkes ständig beeinflusst haben. Die schriftlichen Erzeugnisse der Psalmdichter und Propheten sind voll von Andeutungen, welche dem oberflächlichen Leser entgehen. Gleich dem Boden ihres Heimatlandes keuchen und arbeiten sie gleichsam unter den Erschütterungen des Innern und den feurigen Kräften, die unter der Oberfläche glühen. "Der Sinai und Palästina", D. Arthur Penrhyn Stanley 1864.

Vergleiche zu diesen Versen Mt. 27,45. 51-53. D. John Brown 1853.

In der Nacht, als die Idumäer vor Jerusalem lagen, erhob sich ein schreckliches Ungewitter und ein gewaltiger Sturm mit überaus heftigen Regengüssen, unaufhörlichen Blitzen, betäubenden Donnerschlägen und starkem Krachen der wankenden Erde. Es war offenbar das Weltall in Aufregung gekommen ob dem Menschengemetzel, so dass man schließen konnte, es seien dies Vorzeichen eines außerordentlichen Unglücks. Am Tage der Pfingsten, als die Priester bei Nacht ihrer Gewohnheit gemäß in den inneren Tempel gingen, um ihres Amtes zu pflegen, vernahmen sie zuerst eine Erschütterung und ein Getöse, und dann plötzlich eine Stimme, die sprach: "Lasst uns von dannen gehen." Etliche Tage nach dem Fest der ungesäuerten Brote gab sich ein seltsamer, fast unglaublicher Anblick zu schauen (man würde es wohl für eine Fabel halten, wenn es nicht Augenzeugen berichtet hätten und die darauf folgenden Jammerszenen nicht eben als Antwort auf diese Zeichen erschienen wären): Vor Sonnenuntergang sah man hoch in der Luft, über das ganze Land hin, Kriegswagen und bewaffnete Heere, die eilend in den Wolken einherzogen und die Stadt umringten. Flavius Josephus † 103.

Fußnote
8. hwfnf(A ist nicht die Beugung (Demütigung), welche Gott an ihm vollzogen hat wie Luther es ausgesagt hat, sondern die eigene Beugung (Herablassung) Gottes.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps18

Beitragvon Jörg » 09.03.2019 13:58

Erläuterungen und Kernworte

V. 8-9. Die ganze Kraft des dichterischen Bildes ruft David zu Hilfe, um nach Würden zu beschreiben, welche Wunder der Errettung er erfahren hat. So augenscheinlich, will er sagen, ist seine Errettung gewesen, wie die Zeichen an Himmel und Erde, so unerwartet und gewaltig wie jene Erscheinungen, welche im Reiche der Natur die erschreckten Sterblichen überraschen. Nun hätte er, da er von Erlösung spricht, von friedlichen Himmelserscheinungen das Bild hernehmen können; aber da die Sterblichen sich eher nach dem Himmel umsehen, wenn er zürnt, als wenn er segnet, da sie eher aus Gott merken, wenn er in Gewitterwolken, als wenn er im Regenbogen sich zur Erde herabneigt, so beschreibt er auch die segnende Herablassung Gottes unter dem Bilde des Ungewitters. Die ganze Gewalt eines morgenländischen Ungewitters, wie sie etwa Psalm 29 geschildert wird, müssen wir uns vergegenwärtigen, um dieses Bild in seiner Schönheit und Wahrheit zu fühlen. Einzelnes Wetterleuchten geht dem Ausbruche voraus, das sind die Kohlen, von denen Vers 9 redet; näher den Spitzen der Gebirge zieht das Gewölk - "es neigt sich der Himmel", wie es V. 10 heißt. Der Gewittersturm schwingt seinen Fittich, V. 11 ; in schweres Regengewölk wie in ein Zelt gehüllt, kommt Gott zur Erde; Hagel, wie er nicht selten im Morgenlande mit schweren Ungewittern verknüpft ist (Ps. 78,48), und Blitze dringen aus dem schwarzen Gewölk, durch dessen zerfahrende Schichten der Feuerglanz offenbar wird, der in ihrem Innern den Herrn der Natur birgt, V. 12. 13. Er spricht, und seine Stimme ist der Donner; er schießt, und seine Pfeile sind die Blitze. Da weicht die Erde vor seinem Schelten und Schnauben, das Meer braust auf, so dass des Wassers Betten sich zeigen, das Land berstet, so dass der Erde Grundfesten offenbar werden, V. 14-16 . Und siehe, aus dem schwarzen Gewölk und aus dem verderblichen Feuer streckt ein errettender Arm sich hervor und er greift nach dem Elenden, der ans der Tiefe schrie, und er zieht ihn heraus -- und errettet ihn von allen seinen Feinden! Ja, des Herrn Hand ist es gewesen, die so große Wunder in Davids Leben ausgeübt hat, und doch war es das Glaubensauge, und nur dieses, das in dem allen des Herrn Hand wahrgenommen hat, und tausend andere, ob sie schon nicht mindere Erfahrungen der Errettung durch Gottes Hand machten, werden doch nur bei den Kräften der Natur stehen bleiben, und statt vor einem erbarmenden Gotte aufs Knie zu fallen, werden sie sich damit begnügen, kaltherzig sich über die Wechselfälle des menschlichen Geschicks zu verwundern. Prof. D. August Tholuck 1843.

Die Gesamtnatur steht zum Menschen in sympathischem Verhältnis, indem sie dessen Fluch und Segen, Verderben und Herrlichkeit teilt, und zu Gott in sozusagen synergischem (mitwirkendem) Verhältnis, indem sie seine gewaltigen Taten vorlaufend ankündigt und werkzeuglich vermittelt. Deshalb erscheint hier das Einschreiten Jahves zu Davids Hilfe von furchtbaren Naturerscheinungen begleitet. Wie die Befreiung Israels aus Ägypten Ps. 68 und Ps. 77 und die sinaitische Gesetzgebung 2. Mose 19, wie nach dem prophetisch-apostolischen Wort die schließliche Parusie (Zukunft) Jahves und Jesu Christi, Hab. 3; 2.Thess. 1, 7 f., so hat auch die Erscheinung Jahves zu Davids Hilfe außerordentliche Naturerscheinungen in ihrem Gefolge. Zwar wird uns innerhalb des Lebens Davids nicht dergleichen wie 1. Samuel 7,10 ausdrücklich berichtet; aber ein wirkliches Erlebnis muss es sein, welches David hier idealisiert, d. h. wurzelhaft erfasst und zu einem großen, majestätischen Gemälde seiner Wunderrettung verallgemeinert. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Es gibt denkwürdige Exempel in der Schrift, was Gott den Seinen für wunderbare Hilfe auch durch Wetter verschafft habe; desto weniger darf es einem unglaublich vorkommen, dass auch bei dem an David bewiesenen Heil Gottes solche Umstände vorgefallen, wie er im Psalm beschreibt. David ist auch nicht der letzte gewesen, dem zuliebe Gott sein Zeughaus so ausgeschlossen hat. Off. 8,5 steht, wie aus die Gebete der Heiligen Stimmen, Donner, Blitze und Erdbeben geschehen seien, und nach dem 16. Kap., V. 17-21, stehen noch mehr dergleichen bevor. Daher darf ein gläubiges Kind Gottes auch die gewöhnlichen Wetter als ein Angeld auf seine und aller Auserwählten zukünftige Erlösung ansehen. K. H. Rieger † 1791.

V. 8. An den Gründen und Wurzeln der Berge, sagt er, hat man das Beben gehört; Berg und Tal sind davon erschrocken, da er zornig war. Er hat wohl lange genug Geduld mit denen Gottlosen; aber wenn er hinter sie kommt, so gehet es über und über. Martin Luther 1530.

V. 10. Er neigte den Himmel und fuhr herab. Wenn sich ein Wetter entlädt, kommen die Wolken tiefer zur Erde herab und senken sich von den Bergen in die Täler. Dies Bild wendet der Psalmist an, um Gottes Niederfahren zum Gericht zu beschreiben. (Vergl. Ps. 144,5 ff.) Und Dunkel war unter seinen Füßen. Immer schrecklicher wird das Wetter, in dem der Höchste herniederfährt, immer näher kommt es heran; aber noch enthüllt sich Gott nicht, tiefschwarzes Wolkendunkel ist unter seinen Füßen. Solch finsteres Gewölk umkleidete Gott auch bei seinem Herabfahren auf den Berg Sinai (2. Mose 20,21; 5. Mose 4,11) und umgibt seinen Thron (Ps. 97,2), um die überwältigende Majestät der Gottheit vor uns zu verschleiern. Dieses Dunkel aber, das Gottes Kommen zum Gericht verhüllt, verkündet Trübsal und Angst denen, wider die sein Zorn entbrannt ist. (Vergl. Lk. 21,25 f.) D. W. Wilson 1860.

V. 11. Der Cherub , (nach Hesekiel) mit dem Antlitz von Mensch, Löwe, Stier, Adler -- gleichsam in sich vereinend, was die Natur an Intelligenz, Majestät, Kraft und Lebendigkeit besitzt --, war ein Sinnbild der Naturkräfte. Wo mächtige Naturkräfte, wie beim Ungewitter, Gott dienen müssen, heißt es, er fahre auf dem Cherub daher. Prof. D. August Tholuck 1843.

Sooft Gott zur Bestrafung seiner Feinde und zur Errettung seiner Auserwählten gekommen ist, hat nichts seine Freunde und Feinde so sehr in Erstaunen gesetzt, als die wunderbare Schnelligkeit, womit er erscheint und handelt: Er flog daher... auf den Fittichen des Windes. D. William S. Plumer 1867.

V. 15. Er schoss seine Strahlen usw. Ach, dass ihr, die ihr jetzt Gott fremd und feindlich gegenübersteht, doch über diese Dinge nachsinnen und den Ausgang des ungleichen Kampfes bedenken wollet! Sonne, stehe stille zu Gibeon, und Mond im Tal Ajalon (Josua 10,12), bis der Herr an seinen Feinden Rache geübt hat! Stellt euch in Schlachtordnung, ihr Sterne, und kämpft in euren Bahnen gegen diese Elenden, die sich wider ihren Schöpfer empört haben. Pflanzt eure gewaltigen Geschütze auf, schießt herab mächtige Schlossen, feurige Pfeile und zündende Donnerkeile. Weh, wie die Feinde verwundet werden und fallen! Da liegen die Erschlagenen des Herrn von einem Ende der Erde bis ans andere Ende (Jer. 25,33). Siehe, wie Gottes Feinde zu Tausenden fallen, siehe die blutüberströmten Gewänder, höre das Rasseln und Prasseln der Streiterscharen. Die Berge sind bedeckt mit feurigen Wagen und Rossen. Haufen über Haufen erscheinen im Tal des Urteils (Joel 4,14 [3,19]), denn des Herrn Tag ist erschrecklich. Gottes Krieger eilen daher, hierhin und dorthin, mit zuckenden Schwertern, bewaffnet mit Gottes Gerechtigkeit, seinem Eifer, seiner Macht und seinem Zorn. Tausendmal tausend sinken dahin; sie können sich nicht aufrecht halten; nicht einer vermag auch nur die Hand zu erheben; das Herz entfällt ihnen; Erbleichen und Zittern hat die Stärksten ergriffen. Der Bogen des Herrn ist stark; er fehlt nicht, er kommt nicht leer wieder von dem Blut der Erschlagenen, vom Fett der Helden. Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra? Der geschmückt ist in seinen Kleidern und einhertritt in seiner großen Kraft, und sein Kleid ist rotfarben wie eines Keltertreters? "Ich trete die Kelter allein, und ist niemand unter den Völkern mit mir. Ich keltere sie in meinem Zorn und zertrete sie in meinem Grimm und schütte ihr Blut auf die Erde." (Jes. 63,1 ff.) Da wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Denn siehe, der Herr wird kommen mit Feuer und seine Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zornes und mit Schelten in Feuerflammen. Denn der Herr wird durchs Feuer richten und durch sein Schwert alles Fleisch; und der Getöteten des Herrn wird viel sein. Und die Heiligen werden hinausgehen und schauen die Leichname der Leute, die an mir missgehandelt haben; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und werden allem Fleisch ein Gräuel sein. (Jes. 66,14-16. 24.) Über die Gottlosen wird er regnen lassen Wurfschlingen; Feuer und Schwefel und Glutwind ist ihres Bechers Teil (Ps. 11,6). Siehe, das heißt wider Gott kämpfen, das heißt, den Herrn der Heerscharen herausfordern! James Janeway † 1674.
Zuletzt geändert von Jörg am 09.03.2019 14:05, insgesamt 4-mal geändert.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 12.03.2019 16:14

Erläuterungen und Kernworte

V. 16. Die Grundfesten des Erdkreises legten sich bloß (Grundt.), d. h. das heftige Erdbeben riss so weite und tiefe Spalten, dass man beinahe die Gründe der Berge (Jona 2,7) in den Tiefen des Meeres sah. D. Samuel Chandler † 1766.

Der Herr trat ins Mittel mit derselben Offenkundigkeit seiner Gegenwart wie damals, als er die Gewässer des Meeres durch einen starken Ostwind hinwegfahren ließ und den Meeresgrund trocken machte (2. Mose 14,21 f.), um die Kinder Israel auf gebahntem Pfade aus der Knechtschaft zu führen und die Ägypter zu vertilgen. Henry Hammond † 1660.

Das Donnern nennt er ein Schelten. Unser Herr Gott murrt ein wenig, wenn er donnert. Martin Luther 1530.

V. 17. Er holte mich, wörtlich: er ergriff mich. Gottes Griff ist fest. Niemand kann ihm die Seinen aus der Hand reißen. D. W. S. Plumer 1867.

V. 18ff. O siehe aus diesem allem, was der Teufel immer für einen Zorn gehabt und wie sich die Feindschaft des Schlangensamens wider den Weibessamen immer an die Personen und Häuser vornehmlich gehängt hat, an welche Gott seine Verheißungen anknüpfte. Siehe aber auch, wie beim Weibessamen, bei David und seinem Samen, mitten unter erlittenen Fersenstichen es sich doch immer zum Sieg hinübergelenkt hat. Halleluja! K. H. Sieger † 1791.

V. 19. Sie warfen sich mir entgegen an meinem Unglückstag (wörtl., zum Zeitwort vergl. V. 6 u. 17,13); boshaft benutzten sie meine Schwäche und Hilflosigkeit, um mich plötzlich anzufallen, und sie hätten mich unfehlbar vernichtet, wenn Gott mich nicht aufrecht erhalten und gestützt hätte, mir nicht ein Stab gewesen wäre. Was der Stab ist für den, der im Begriff ist zu fallen, nämlich das Mittel, durch das er sich wieder aufrichtet und aufrecht hält, das war Gott für David in der Zeit seiner äußersten Not. Denn mehr als einmal bewahrte er ihn vor Saul, als David selbst seinen Untergang fast für unvermeidlich hielt. Siehe z. B. 1. Samuel 23,26 f. D. Samuel Chandler † 1766.

Als Heinrich VIII. von England 1522 in seiner Streitschrift zu Gunsten der katholischen Sakramentslehre Luther mit bitterem Hohn entgegengetreten war, erwiderte der Reformator: "Saget den Heinrichen, den Bischöfen, den Türken und dem Teufel selber: Sie mögen tun, was sie können, wir sind die Kinder des Reichs, die den rechten Gott anbeten, den sie und ihresgleichen angespielt und gekreuzigt haben". Und der gleichen Gesinnung waren viele Blutzeugen. Basil der Große († 379) bezeugt von den ersten Christen, sie hätten so viel Tapferkeit und Zuversicht in ihren Leiden bewiesen, dass viele Heiden, die ihren Heldenmut und ihre Standhaftigkeit gesehen, Christen geworden seien. Charles Bradbury 1785.

V. 21. Falscher Beurteilung gegenüber gilt es seinen Platz fest zu behaupten. Es wäre törichte Eitelkeit, wenn wir nach Ruhm in der Welt trachteten und gleich jenen Riesen der Vorzeit (1. Mose 6,4) berühmte Männer oder, wie es wörtlich heißt, Männer von Namen werden wollten; aber unsern guten Namen zu beschützen und zu erhalten, ist eine wichtige und notwendige Pflicht. Joseph Caryl † 1673.

Es ist dem David, wie auch aus dem siebenten Psalm zu sehen ist, dieses eine sehr schwere Anfechtung gewesen, dass sie ihm Schuld gegeben haben, als wäre er ein Aufrührer. Wie jener (Nabal) sagte (1. Samuel 25, 10): Es werden jetzt der Knechte viel, die sich von ihren Herren reißen. Solche Worte tun aus der Maßen wehe. Gott habe Lob, sagt er, es ist an Tag gekommen. Gott sieht, dass ich gerecht bin, ich habe das Königreich weder gestohlen noch mich desselben mit Gewalt angemaßt, sondern Gott hat es mir gegeben. Und ist solches ein großer und starker Trost und Zuversicht des Gewissens. Welches aber nicht also zu verstehen ist, als pochte er mit unserm Herrn Gott; da es denn nicht Pochens gilt, sondern Sprechens: Vergib uns unsere Schuld. Dennoch aber haben wir bei denen Menschen den Trotz, dass wir sagen können: Das hat Gott gesagt und gefällt ihm (V. 20). Ist ein Mangel an mir, dass ich es nicht ausrichte, wie ich sollte, liegt nichts daran; es ist Gottes Gebot und Wort nichtsdestoweniger wahr. Martin Luther 1530.

V. 22. Und wich nicht gottlos von meinem Gott. (Wörtl.) Auch der Aufrichtige mag von einer Versuchung übernommen werden; aber er ist fern davon, seinen Gott verlassen und an der Sünde hangen, in der Sünde leben zu wollen. Er hat keine Ruhe bei der Sünde, er schont und begünstigt sie nicht; denn das hieße, von Gott abtrünnig werden, ein doppeltes Herz (12,3 Grundt.) und ein schielendes Auge haben, wie es bei allen Unaufrichtigen der Fall ist, mögen sie noch so große Frömmigkeit zur Schau tragen. Die sehen nicht auf Gott allein, sondern noch auf etwas anderes neben Gott, wie Herodes, der viel auf den Täufer hielt, aber noch mehr auf seine Herodias; wie der reiche Jüngling, der zu Christus kam und dennoch auf seine vielen Güter blickte; und wie Judas, der dem Herrn nachfolgte, aber doch sein Herz an den Beutel hängte. Das heißt freventlich von Gott weichen. William Strong 1650.

Es mag wohl einmal geschehen -- wiewohl nie, ohne dass hernach bittere Reue dafür kommt --, dass ein sonst frommer Mensch das eine und andere Gebot wieder und wieder, gegen besseres Wissen, übertritt; aber sobald es ihm zum Bewusstsein kommt, dass er mit Gott brechen und ihn verlieren muss, wenn er darin fortfährt, bringt ihn diese Erkenntnis zum Stillstehen und zur Umkehr; denn das hieße, freventlich von Gott abtrünnig werden, und das kann er nicht. Thomas Goodwin † 1679.

V. 23. Die Rechte Gottes vor Augen haben bedeutet dieselbigen zu lieben. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Mt. 6,21). Es ist uns aber nötig, dass wir das Gesetz Gottes stets vor unsern Augen haben, weil wir durch viel Dinge und Zufälle beunruhigt und bald da-, bald dorthin gerissen werden. Wer aber Lust hat am Gesetz des Herrn, der wird dieses auch von freien Stücken tun. Denn wo die Lust nicht da ist, so werden wir gar bald die Worte Gottes hinter uns zurückwerfen. Darauf wird sodann bald folgen eine Geringschätzung derer Wege des Herrn, und endlich gar ein vorsätzliches Sündigen wider Gott und dergleichen. Martin Luther 1519.

V. 23-24. Ein unredlicher Mensch beachtet solche Worte nicht, die sich wider seine (besondere) Sünde richten. Derartige Vorschriften sind für ihn ein leeres Blatt, das er beiseite legt. Er will nicht daran denken; nur, dass das Gewissen ihn hie und da daran erinnert, er mag wollen oder nicht. Aber so hält es der Aufrichtige nicht. Er trachtet solchen Geboten, die sich wider die Sünde richten, zu der er von Natur am meisten neigt, gerade so pünktlich zu gehorchen, wie irgendwelchen andern. Ein unaufrichtiger Mensch setzt sich von Gottes Rechten und Satzungen nur so viele als Lebensregeln vor Augen , als seiner Natur, seinen Umständen und den Anschauungen seiner Zeit scheinbar anzupassen sind; weiter geht er nicht. Dagegen solche Vorschriften, die seinen besondern bösen Neigungen widerstreben oder dem Zeitgeist sonderlich missliebig sind und ihn so dem Leiden aussetzen, die übergeht er und schiebt er beiseite , wie es hier heißt, und hält sie für gering und nebensächlich. Der Aufrichtige dagegen macht keinen Unterschied unter Gottes Geboten, sondern setzt sie sich alle vor Augen als Richtschnur seines Lebens. "Dann werde ich nicht zuschanden werden, wenn ich schaue auf alle deine Gebote." (Ps. 119, 6 Grundt.) Nicholas Lockyer 1649.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps18

Beitragvon Jörg » 16.03.2019 13:06

Erläuterungen und Kernworte

V. 24. Und so (gemäß V. 23) war ich vollkommen (im Wandel) mit ihm . (Grundt.) Beachten wir: Ein gottesfürchtiger Mensch kann, wiewohl ihm noch Unvollkommensten anhaften, doch völligen Herzens sein, sich in ungeteilter Aufrichtigkeit Gott hingeben, und das ist es, worauf der Herr sieht. Und diese Aufrichtigkeit macht ihn, trotz vieler Mängel, kühn, sogar in der Gegenwart Gottes. Der Herr bezichtigt seine Engel selbst der Torheit, wie viel mehr die in Lehmhäusern wohnen und deren Sein im Staube wurzelt! (Hiob 4,18 f.) David, dessen Glaube einmal gewankt hatte, dass er sprach: Ich werde der Tage einen Saul in die Hände fallen (1. Samuel 27,1), David, dessen Zunge sich wider den Priester Ahimelech verfehlt hatte (1. Samuel 21,3) und der auch sonst dreimal oder viermal eine Unwahrheit gesagt hatte, kann dennoch vor Gott bezeugen, dass er vollkommen gewesen sei im Wandel mit Gott. [Allerdings gilt es hierbei nicht zu übersehen, dass David trotz seiner tiefen Sündenerkenntnis doch noch nicht das volle Licht des Geistes des neuen Bundes besaß] William Strong 1650.

Ein Christ, der vollkommen ist im Wandel mit Gott, erlaubt sich nichts, was er als Sünde erkannt hat. Er wagt es nicht, die verbotene Frucht auch nur anzurühren. Er spricht mit Joseph. Wie sollte ich ein solch großes Übel tun und wider Gott sündigen? (1. Mose 39,9 .) Mag es auch eine angeerbte Sünde sein, er enterbt sie. Es gibt niemand, der nicht zu einer Sünde mehr Hang und Neigung hätte als zu andern. Jeder Mensch hat von Natur eine Sünde, die ihm so teuer ist wie sein rechtes Auge. Diese Sünde ist Satans Hauptbollwerk, all seine Macht liegt in ihr. Er lässt es sich gefallen, dass wir die Außenwerke -- grobe Sünden -- niederreißen, wenn wir ihn nur im Besitz dieser Festung unserer Temperamentssünde lassen; das ist alles, was er begehrt. Er weiß, dass er den Menschen an diesem einen Glied eben so fest hat, wie an einer ganzen Kette voll Lastern. Der Vogelfänger hat das Vöglein all einem Flügel fest genug. Der aufrichtige Christ aber lässt sich gerade in diesem seinem Temperamentsfehler nicht gehen. Er zückt das Messer und durchbohrt damit seine Lieblingssünde. (Vergl. Mt. 5,29 f.) Herodes gehorchte dem Täufer in vielen Stücken; aber eine Sünde war ihm so ans Herz gewachsen, dass er eher dem Propheten das Haupt abschlug als dieser Sünde. Wenn Johannes ihm nur ein Hinterpförtchen für seine ehebrecherische Lust gelassen hätte! Der aufrichtige Mensch hasst die Sünde mit unversöhnlichem Hass; und ob er sieht, dass diese Schlange ihm in den Busen kriecht, -- je näher sie seinem Herzen ist, desto mehr hasst er sie. Thomas Watson 1660.

Ich hütete mich. Hütete mich! Wer hat den Menschen zu seinem eignen Hüter gemacht? Der Herr ist sein Hüter. Wir können uns nicht einmal vor den Sorgen schützen; wie viel weniger vor der Sünde! Gott wirkt in der Tat zuerst an uns; er macht uns lebendig. Es offenbart sich da eine Macht, gleich der, welche Christus an Lazarus erwies; denn wir sind tot in Übertretungen und Sünden. Aber haben wir das Leben, so müssen wir selber wandeln und handeln (wiewohl nur in der Kraft der Gnade); der Herr will, dass wir mit ihm zusammenwirken. Die Macht der Gnade, durch die wir lebendig gemacht werden, ist sein, und er ist es, der in uns wirket beides, das Wollen und das Vollbringen, wo wir etwas ausrichten; und doch tun wir selber es, in Kraft der Gnade. Ille facit, ut nos faciamus, quae praecepit (Augustinus). Vergl. 1.Joh. 5,18. William Strong 1650.

Des Menschen Lieblingssünde kann mit seinen Umständen wechseln. Fleischeslust mag das Schoßkind eines Mannes in seiner Jugend sein, und Geiz und Eigennutz das seines Alters. Wenn jemand zu Ehren kommt und Veranlassungen zur Sünde hat, die er früher nicht kannte, nimmt die böse Lust wohl etwa einen andern Lauf; das Herz aber bleibt das gleiche, böse von Jugend auf und immerdar. William Strong 1650.

Es gibt für jeden eine Sünde, zu der er mehr geneigt ist als zu andern, von der er mit Nachdruck sagen kann; ’s ist meine Sünde , auf die er mit dem Finger weisen kann und sagen: Das ist’s. Je nach dem Beruf und Lebensgang der einzelnen gibt es für sie mehr Anfechtungen zu gewissen Sünden als zu andern. Ich brauche euch nicht zu sagen, was für Versuchungen und Fangstricke verschiedener Sünden z. B. das Hofleben mit sich bringt und wie groß und mannigfach die Gefahren, in diese zu fallen, sind, es sei denn, dass man, im Glauben an Gottes bewahrende Gnade, der Tugend unverbrüchliche Treue gelobe und die Rücksicht auf die Ehre bei Gott einen aufrecht halte. Wer im Kriegsdienst steht, der ist versucht zu Plünderung und Gewalttat, Vernachlässigung des Gottesdienstes und Ruchlosigkeit. Das Handelsleben hat besondere Verführungen zu Lug und Trug, Übervorteilung und Ungerechtigkeit, und das Geheimnis so manches gewinnreichen Handels böser Leute ist recht eigentlich ein "Geheimnis der Ungerechtigkeit". Der Ackersmann wird versucht zu ängstlichem Sorgen um irdische Dinge und zu Misstrauen oder Murren gegen Gottes Vorsehung. Und was endlich den heiligsten Beruf von allen betrifft, so möchte ich wohl wünschen, dass der in diesem Stück eine Ausnahme machte; aber Paulus sagt uns, dass schon zu seiner Zeit etliche Christus predigten um Neides und Haders willen und etliche aus schmutziger Gewinnsucht, so gut wie andere aus guter Meinung. Henry Dove 1690.

Man kann sich über seine Fortschritte in der Abtötung des Fleisches leicht täuschen, wenn man sie nach der Überwindung solcher Lüste und Begierden beurteilt, zu denen man nach seiner Natur nicht besonders hinneigt. Das sicherste Urteil über sich selbst gewinnt man, wenn man das Verhalten zu der Lieblingssünde zum Maßstab nimmt, wie David die Völligkeit seiner Hingabe darnach bemaß, dass er sich vor seiner Sünde hütete. Thomas Goodwin † 1679.

V. 25-27. Wie du ein Verhältnis zwischen der Sünde und der Strafe als deren Lohn wahrzunehmen vermagst, so dass du etwa sagen kannst: "Die und die Sünde hat diese Trübsal hervorgebracht, die Tochter trägt die Züge der Mutter deutlich an sich", so kannst du auch das gleiche Verhältnis zwischen deinem Gebetsleben und deinem Wandel mit Gott einerseits und Gottes Antworten an dich und seinem Handeln gegen dich anderseits wahrnehmen. Thomas Goodwin † 1679.

V. 26.27. Gerade wie das Sonnenlicht gesunden Augen angenehm und wohltätig, denselben Augen aber, wenn sie schwach, entzündet oder krank sind, überaus lästig und schmerzlich ist, wiewohl es doch stets ein und dieselbe Sonne ist, so hat sich auch Gott von jeher denen mild und gütig erwiesen, die gegen die Seinen liebreich und wohlwollend sind, und barmherzig denen, so Barmherzigkeit üben; aber gegen dieselben Menschen erweist er sich, wenn sie in Gottlosigkeit fallen und hartherzig werden, voller Zorn und Grimm; und doch ist er der eine und selbe von Ewigkeit zu Ewigkeit unveränderliche Gott. Robert Cawdray 1609.

Du kannst den Herrn, deinen Gott, haben wie du willst, nur nach dem, wie du dich gegen ihn hältst. Wie du mit ihm umgehst, so geht er auch mit dir um; wie du dich gegen ihn bezeugest, so hast du ihn entweder gnädig oder ungnädig, entweder zum reichen Belohner oder zu einem strengen Widersacher. J. D. Frisch 1719.

Es ist Gottes Art, sich gegen die Menschen zu verhalten, wie sie sich gegen ihn verhalten. Wer offen und ehrlich gegen Gott ist, gegen den handelt er auch so. Wer mit ganzer Treue seine Pflicht gegen Gott zu erfüllen bestrebt ist, der wird Gott auch ganz treu finden in der Erfüllung seiner Verheißungen. Ist es deine Lust, ihm wohlzugefallen, so ist es auch seine Lust, dich zu führen, "wie es dir selber gefällt". Hörst du, wenn er ruft, so wird er auch hören, wenn du rufst. Kämpft dagegen jemand wider Gott, so wird Gott auch wider ihn kämpfen. Meinst du, Gott hintergehen zu können, wandelst du verkehrt gegen ihn, so wirst du mit gleicher Münze bezahlt werden. Forderst du ihn heraus mit Sündigen ohne Ende, so wird auch er dich verfolgen mit Strafen ohne Ende. -- Das redliche, wahrhaft fromme Herz ist einfältig, ungeteilt. Für den Heuchler gibt es viele Götter und viele Herren (1.Kor. 8,5), und für jeden von ihnen muss er ein Herz haben; aber für den Aufrichtigen gibt es nur einen Gott, den Vater, und einen Herrn, Jesum Christ (V. 6), und mit einem Herzen dient er ihnen. Wer sein Herz an die Geschöpfe hängt, muss für jedes derselben ein Herz haben, und diese Zertrennung seines Herzens (Hos. 10,2) bringt ihn um. Irdischer Gewinn klopft all seine Tür -- er muss sein Herz ihm hingeben; sachliche Lüste stellen sich ein - auch ihnen muss er sein Herz dienstbar machen; sündliche Liebhabereien machen Ansprüche -- auch ihnen muss er huldigen (denn so gering die Zahl der notwendigen Dinge ist, so endlos die der unnötigen Eitelkeiten). Der Mann ungeteilten Herzens aber hat Gott als sein einiges Teil erwählt und hat all ihm volle Genüge. Richard Steele † 1692.

In Jupiters Vorhalle stehen zwei Gefäße mit Geschenken; das eine ist voll guter Gaben oder Segnungen, das andere voll böser Gaben oder Plagen. So hat Homer von Jupiter gefabelt; von dem wahren Gott, Jahwe, mag man es mit Recht sagen. Wenn es aber hier heißt, Gott erweise sich den Verkehrten verkehrt , so besagt das nicht, Gott sei der Urheber von Bösem, sondern: Er sei der Urheber gerechter Vergeltung, und das ist etwas Heiliges, wie Augustinus († 430) sagt: Quorum Deus non est auctor, eorum est justus ultor. Bischof Miles Smith † 1624.

Gegen den Verkehrten stellt Gott sich nicht nur als verkehrt, sondern er verkehrt sich in der Tat nicht nach Menschenweise vom Guten ins Böse, sondern nach göttlicher, unbegreiflicher Weise von der Barmherzigkeit ins Gericht der Verstockung. Friedr. Christoph Oetinger 1775.

Die beiden Wörter für verkehrt, welche der Grundtext hier hat, bezeichnen etwas Gekrümmtes, Verflochtenes, Verdrehtes. Das zweite wird auch vom Ringen gebraucht (1. Mose 30,8), weil der listige Ringkämpfer seinen Körper dreht und windet, um seinem Gegner einen Vorteil abzuringen. Solcher Art sind die verdrehten Menschen; sie drehen und winden sich nach allen Seiten und lügen und betrügen um irgendeines Vorteils willen. Man kann sie nirgends fassen, aus allem winden sie sich heraus; niemand weiß, was sie meinen, wenn sie noch so deutliche Sprache führen, noch so feierliche Eide schwören. Wenn man schon meint, ihnen ins Gesicht zu blicken, so ist es nur ihre Maske. Wie aber kann das Wort verdreht vom Herrn ausgesagt werde? Wenn die Menschen sich winden und drehen und darauf sinnen, mit Kniffen und Winkelzügen andere zu fangen oder gar den Herrn selber anzuführen, so begegnet der Herr ihnen auf ihre Weise und bezahlt ihnen mit ihrer Münze. Er kann sich wenden so schnell wie sie; er kann sich in so verworrenen Labyrinthen unfassbarer Weisheit und heiliger List verbergen, dass auch der listigste all der Lügner und Betrüger darin verstrickt und gefangen wird. Joseph Caryl † 1673.

Man vergleiche 5. Mose 32,5 "die verkehrte und böse Art", wo im Hebräischen dieselben beiden Wörter gebraucht sind. Siehe ferner 1. Samuel 2,30; 15,23; Jes. 3,16 ff.; 28,9.21; 29,9 ff.; 31,2; Spr. 3,34; 19,29; Hiob 5,13 f.; Röm. 1,18 ff. usw. John Trapp † 1669.
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Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps18

Beitragvon Jörg » 19.03.2019 16:09

Erläuterungen und Kernworte

V. 29. Ja, du erleuchtest usw. -- wenn kein anderer es kann. Man beachte, wie der Psalmist hier und sonst oft, damit beginnt, von Gott zu sprechen, und damit endet, zu Gott zu sprechen. So sagt auch die Braut im Hohen Liede: Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein (Hohel. 1,2.) Dionysius der Kartäuser 1471.

V. 30. Über die Maueren springen. Bezieht sich wohl auf das Erklettern und Erstürmen der feindlichen Wälle. John Kitto † 1854.

In einem Briefe aus Genf, März 1784: "Die schönste halbe Stunde macht mir jeden Tag David. Ich bin bald wieder so im Hebräischen, wie ich im Griechischen bin. Es ist nichts Griechisches, nichts Römisches; im ganzen Abendland und im Land gegen Mitternacht ist nichts gleich dem David, welchen sich der Gott Israels ausersah, ihn höher zu singen als die Götter von Nationen. Vom Geist geht, schallt er tief in das Gefühl, und nie, seit ich lebe, nie ist Gott mir so vor Augen gewesen."
In einem Briefe aus Mainz, Dezember 1788, tröstet er sich mit dem Psalm 18,30 : Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschmeißen und mit meinem Gott über die Mauern springen. "Die Psalmen macht einem ein vielversuchtes Leben sehr lieb." Der Geschichtschreiber Joh. von Müller, † 1809.

V. 31. Das Wort und die Rede Gottes wird uns im Leiden gegeben, und da leidet es gleichsam mit uns und beweist sich bei allen demütigenden Erfahrungen als durchläutert. K. H. Sieger † 1791.

Der Herzog und Kurfürst Maximilian von Bayern hat im Jahr 1627 in grobem Missbrauch der heiligen Schrift silberne Gulden schlagen lassen mit dem Bild der Jungfrau Maria und der Umschrift: Cycleus omnibus in te sperantibus, Du bist ein Schild allen, die auf dich vertrauen. Der nächste Vers schon hätte ihn eines Besseren belehren können, denn der heißt: Denn wo ist ein Gott, ohne der Herr, oder ein Hort, ohne unser Gott? Freimund 1885.

V. 33. Gott, der mich gürtet mit Kraft. (Grundt.) Eines der morgenländischen Bekleidungsstücke, die ich in jenen Gegenden trug, war der Gürtel. Er war mir eine wesentliche Hilfe bei den langen, ermüdenden Kamelritten durch die Wüste. Die Hilfe und Stärkung, die ich auf diese Weise empfing, gaben mir eine bessere Vorstellung von dem, was der Psalmist mit diesen Worten meint. John Andersen 1856.

V. 34. Er macht meine Füße gleich den Hirschkühen. (Grundt.) Schnelligkeit der Bewegung galt als eine wesentliche Eigenschaft des Helden im Altertum. Achilles wird gefeiert als schnellfüßig. Virgil schildert den Nisus mit dichterischer Übertreibung: et ventis et fulminis ocior alis, schneller als Wind und Blitz. Und die Gaditer, die zu David kamen, "starke Helden und Kriegsleute, die Schild und Spieß führten, und ihr Angesicht wie der Löwen", waren "schnell wie die Rehe (die Gazellen) aus den Bergen" (1. Chr. 12,8). Ebenso wird Asahel geschildert als leichtfüßig wie eine Gazelle auf dem Felde (2. Samuel 2,18). Auch 2. Samuel 1,19 übersetzen manche: Die Gazelle Israels (mit Bezug auf Saul oder Jonathan), vergl. V. 23. Warum die Hirschkuh genannt ist, mag sich entweder nach Thomas Gataker († 1654) daraus erklären, dass die weibliche Form im Hebräischen oft gebraucht wird, um die Gattung zu bezeichnen (vergl. Eselin Hiob 1,3; 42,12), oder aus der Annahme Samuel Bocharts († 1667) und anderer, dass der Huf der Hirschkuh von besonderer Härte sei, was sie befähige, an den rauhesten und felsigsten Orten sicher zu wandeln. So nennt auch Virgil die Hirschkuh aeripes, erzfüßig. Andere stellen die Hirschkuh als das Bild der Gewandtheit und Schnelligkeit hin. Es hindert uns nichts, hier einen Hinweis auf beides, die Kraft und die Schnelligkeit der Füße der Hirschkuh, anzunehmen. D. John Brown 1853.

V. 40. Ja, Du gürtest (Luther: rüstest) mich mit Stärke zum Streit. (Grundt.) Wohlgegürtet sein heißt auch nach lateinischer und griechischer Ausdrucksweise, wie im Hebräischen, wohlgerüstet sein. Dr. jur. Alexander Geddes † 1802.

V. 42. Sie rufen, aber da ist kein Helfer; zum Herrn, aber er antwortet ihnen nicht. Der traurigen Beispiele gibt es genug, die die Wahrheit dieses Wortes bestätigen. Von Esau steht geschrieben: Er fand keinen Raum zur Buße, wiewohl er sie mit Tränen suchte (Ebr. 12,17). Von Antiochus Epiphanes erzählt der Geschichtschreiber (2.Makk. 9,17 f.), obwohl er in seiner letzten Krankheit gelobt habe, selber ein Jude zu werden und in aller Welt die Gewalt Gottes zu preisen und zu verkündigen, habe dennoch die Krankheit nicht nachgelassen, denn es sei Gottes gerechter Zorn über ihn gekommen. Aber am genauesten entspricht diesem Wort, was von Saul geschrieben steht (1. Samuel 28,6): Er fragte den Herrn um Rat; aber der Herr antwortete ihm nicht , weder durch Träume noch durchs Licht noch durch Propheten. Darum warnt uns der Prophet: Gebt dem Herrn, eurem Gott, die Ehre, ehe denn es finster werde und ehe eure Füße sich an den dunkeln Bergen stoßen (Jer. 13,16), wie Sauls Füße in der Tat zu Fall kamen auf den dunkeln Bergen Gilboas. Johannes Lorinus † 1634.

Der Selbsterhaltungstrieb drängt den Menschen dazu, in der äußersten Not Hilfe suchend nach oben zu blicken; da aber solche Gebete nur aus dem Begehren des Fleisches nach Erleichterung und Behagen stammen, nicht aber ein geistliches Verlangen nach Gnade und Segen aus der Trübsal sind, auch nur aus der äußersten Verzweiflung an anderer Hilfe geboren werden, hört Gott sie nicht. In der Parallelstelle 2. Samuel 22 steht: Sie sehen sich um (nach Hilfe, oder: nach andern Göttern); aber da ist kein Helfer ; wenn sie also irgendeine andere Ausflucht gehabt hätten, würde Gott nie einen Laut des Flehens von ihren Lippen vernommen haben. John Trapp † 1669.

V. 43. Im Morgenland wird aller Abgang und Kehricht der Haushaltungen auf die Gasse geworfen, wo alles, was davon essbar ist, alsbald von den Vögeln und Hunden vertilgt wird, während das übrige sehr schnell an der Sonne vertrocknet oder verwest. Jemand hinschütten wie Straßenunrat (Grundt.) ist demnach ein starkes Bild der Verachtung und Verweisung. Vergl. Jes. 10,6; Sach. 10,5. John Kitto † 1854.

V. 47. Der Herr lebet, und gelobet sei mein Hort; und erhoben werde der Gott meines Heils. Lasst uns unsere Herzen in diesem Lobgesang vereinigen. Ehren und Würden, Vergnügungen und alles, was in der Welt ist, stirbt und vergeht; aber der Herr lebt . Mein Fleisch ist nichts als Staub; mein irdisches Leben, meine fleischliche Kraft und Herrlichkeit sind nichts als in den Sand geschriebene Worte; aber gelobt sei mein Fels. Jene währen einen Augenblick, dieser steht auf ewig. Niemand anders werde erhoben. Dieser Herr ist mein Fels; dieser Gott ist mein Heil. Peter Sterry 1649.

Der Herr lebt. Warum stellt ihr nicht diesen einen Gott all den Heeren von Übeln entgegen, die euch rings umgeben? Warum lasst ihr nicht desto mehr Gott eures Herzens Freude und Genüge sein, je weniger ihr diese im Geschöpf findet? Warum rühmt ihr euch nicht Gottes, warum richtet ihr euch nicht auf an dem, was ihr von ihm zu hoffen und zu erwarten habt? Seht ihr nicht die jungen Erben großer Reichtümer ihrem Stande gemäß handeln und leben? Warum solltet denn ihr, die ihr doch Söhne des himmlischen Königs seid, tagaus, tagein hungrig und in Lumpen einhergehen, als hättet ihr keinen Groschen Vermögen? O ihr Fürstenkinder, lebt doch von eurer fürstlichen Apanage. Schämt euch doch, so ärmlich zu tun! Ihr habt große, köstliche Verheißungen, reiche und immer reicher werdende Gnaden; ihr könnt von der vollen Genüge, die in Gott ist, unumschränkten Gebrauch machen. Ihr habt es niemand als euch selbst zuzuschreiben, wenn ihr in Mangel und Kleinmut dahingeht. Eine von Herzen gottselige Frau hatte eben ein Kind unter den Rasen gebettet und saß nun da in ihrer Einsamkeit und tiefen Betrübnis; aber sie richtete ihr Herz auf, indem sie rief: Gott lebt. Sie musste sich von einem zweiten Kindlein trennen; dennoch wiederholte sie das Glaubenswort: Das Liebste auf Erden mag sterben; Gott lebt. Endlich starb ihr heiß geliebter Gatte und sie war tief gebeugt und ganz überwältigt vom Kummer. Da kommt ihr jüngstes Kind, das ihr noch geblieben war und das beobachtet hatte, womit sie sich vordem Trost zugesprochen hatte, zu ihr und sagt: Mutter, ist Gott tot? Das traf ihr ins Herz und belebte durch Gottes Gnade ihre frühere Zuversicht zu ihrem Gott, dem lebendigen Gott. Auf solche Weise mögt auch ihr euch zurecht helfen. Fragt euren unter dem Druck der Sorgen und des Kummers dahinsinkenden Mut: Lebt denn dein Gott nicht mehr? Warum denn so verzagt? Was ist’s, dass dein Herz in dir erstirbt, wenn dir Irdisches genommen wird? Kann der Ewiglebendige nicht deine ersterbenden Hoffnungen mit Ewigkeitsleben erfüllen? Oliver Heywood 1672.

V. 48f. Engl. Übers.: Es ist Gott, der usw. "Mein Herr, dies ist nichts anders denn Gottes Hand, und ihm allein gebührt die Ehre, in die kein anderer mit ihm sich teilen soll. Der Heerführer diente Euch mit ganzer Treue und ist Eures vollen Dankes würdig; aber das beste Lob, das ich ihm geben kann, ist dies, dass ich es wagen darf zu sagen, dass er alles Gott zuschreibt und lieber umkommen, als sich die Ehre zueignen wollte." -- Schreiben Oliver Cromwells an den Sprecher (Präsidenten) des Unterhauses nach der Schlacht von Naseby, am 14. Juni 1645.

V. 50. Ich bewundere den König David viel mehr noch in diesem Lobgesang, als bei seinen Heldentaten. Denn im Kampf überwand er alle seine Feinde; aber in solchem Lobgesang zu Ehren seines Gottes überwand er sein eigenes Ich. Thomas Playfere 1604.

Homiletische Winke

V. 2. Der Liebe Entschluss, der Liebe Logik, der Liebe Anfechtung, der Liebe Sieg.
V. 3. Die Vortrefflichkeit Jahwes in der Mannigfaltigkeit ihrer Erweisungen gegen die Seinen.
Gott das allgenugsame Teil der Seinen.
V. 4. Gebet und Lobpreis; ihr Erfolg, im Glauben vorausgenommen.
V. 5-7. Treffendes Bild einer bedrängten Seele; ihre Zuflucht in der Stunde der höchsten Angst.
V. 6a. Der Zustand der Seele unter der Überzeugung der Sünde.
V. 6b. Wie uns überall Fangstricke entgegenstarren, die satanische List uns legt, um uns den Tod zu geben. (Wörtl.: Es starrten mir die Schlingen des Todes entgegen)
V. 7. Die rechte Zeit und rechte Weise des Gebets; Gottes Hören und Erhören.
V. 8. Wie vor dem Zorne Gottes alles erbebt.
V. 11. Himmlische und irdische Kräfte den göttlichen Zwecken dienstbar.
V. 13. Hagel und Feuerkohlen. Das Schreckliche in seiner Beziehung zu Jahwe.
V. 17. Der Christ gleich Mose aus dem Wasser gezogen. Der ganze Vers ein feiner Predigttext, den man auch sonst mit Bildern aus dem Leben Moses erläutern kann.
V. 18. Des Gläubigen Triumphlied über Satan, den starken oder grimmen Feind (Grundt. Einzahl), und alle andern Widersacher.
V. 18b. Denn sie waren mir zu mächtig. (Grundt.) Ein seltsamer, aber stichhaltiger Grund, göttliche Hilfe zu erwarten.
V. 19. Des Feindes List: Sie fielen mich an zur Zeit meines Unglücks. Des Feindes Ohnmacht: Aber der Herr ward meine Stütze.
V. 20. Der Grund der Gnade, und der Stand, in den die Gnade ihre Auserwählten versetzt.
V. 21f. Reinheit des Wandels, ihr Maß, ihre Quelle, ihr Segen und ihre Gefahren.
V. 23. Die Notwendigkeit, das Heilige heilig zu halten, und die Gottlosigkeit, es gleichgültig zu vernachlässigen.
V. 24. Der redliche Christ und sein Verhalten zur Sünde.
Peccata in deliciis. Eine Predigt über Schoßsünden.
Der sichere Prüfstein völliger Hingabe an Gott.
V. 26-27. Das Echo der Vorsehung, der Gnade und des Gerichts. Die Gerechtigkeit des göttlichen Handelns gegen die Menschenkinder.
V. 28. Tröstliche Aussicht für die Elenden, trostlose für die Stolzen.
V. 28b. Wie der Herr die hohen Augen erniedrigt -- in Gnade und Gericht - bei Frommen und bei Sündern, usw. Ein umfassendes Thema.
V. 29. Eine tröstliche Hoffnung für eine traurige Lage.
V. 30. Heldentaten des Glaubens. Ihre Verschiedenheit, ihre Schwierigkeit und Leichtigkeit, ihre Vollkommenheit und Tadellosigkeit.
V. 31. Gottes Weg, Gottes Wort und Gottes Wehr.
V. 32. Eine Herausforderung 1) an die Götzen: Welt, Lust, Mammon usw. Wer unter diesen verdient den Namen eines Gottes? 2) an die Felsen: Selbstvertrauen, Aberglauben usw. Worauf darf man trauen?
V. 33-35. Harte Proben, gnädige Unterweisungen, wertvolle Fähigkeiten, sichere Stätten, dankerfülltes Bekenntnis.
V. 36. Der Schild deines Heils . 1) Was ist darunter zu verstehen? Der Glaube. 2) Woher stammt er? Du gibst mir usw. 3) Was sichert er? Das Heil. 4) Wer empfängt ihn?
V. 37. Die Freundlichkeit des Herrn in der Zuteilung unseres Loses.
V. 40. Der Ritter vom roten Kreuz, gewappnet zum Kampfe.
V. 42. Nutzlose Gebete -- auf Erden und in der Hölle.
V. 43. Der sichere Untergang und die schließliche Schmach alles Bösen.
V. 44b. Unsere natürliche sündliche Entfremdung von Christus - kein Hindernis für die Gnade.
V. 45. Die schnellen Fortschritte des Evangeliums an manchen Orten, verglichen mit den langsamen an andern Orten. Ernste Erwägungen.
V. 47. Der lebendige Gott. Wie wir ihn loben und erheben sollen.
V. 51. Die Größe des Heils. Sein Vermittler; der König. Seine Dauer: ewig.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 24.03.2019 07:28

Kommentar & Auslegung zu PSALM 19


Inhalt

Es wäre ein müßiges Beginnen, darüber Untersuchungen anzustellen, in welchem Lebensabschnitt David dies köstliche Gedicht abgefasst haben mag; denn weder in der Überschrift, noch im Inhalt ist ein Anhaltspunkt für derartige Nachforschungen zu finden. Die Überschrift: Ein Psalm Davids, vorzusingen , meldet uns, dass David es verfasst und dem Sangmeister des Heiligtums zur Verwendung im öffentlichen Gottesdienste übergeben hat. Der königliche Psalmsänger hatte sich in seinen jungen Jahren, als er noch die Schafe seines Vaters hütete, dem Studium der beiden großen göttlichen Bücher -- der Natur und der heiligen Schrift -- hingegeben, und er war so völlig in den Geist dieser beiden einzigen Bände seiner Bibliothek eingedrungen, dass er, wie kaum einer, befähigt war, sie in heiliger Kritik miteinander zu vergleichen und eins dem andern gegenüberzustellen und zwar zur Verherrlichung ihres gemeinsamen Verfassers, der seine Erhabenheit in beiden zu erkennen gibt. Wie töricht und gottlos ist es doch, statt die beiden ehrwürdigen Bände dankbar entgegenzunehmen und mit Freuden in beiden dieselbe göttliche Hand zu erkennen, allen Scharfsinn daran zu wenden, um Verschiedenheiten und Widersprüche zwischen ihnen aufzufinden. Wir mögen ganz gewiss sein, dass die wahren "Spuren der Schöpfung" der Genesis (dem 1. Buche Mose) in keinem Stück widersprechen und ein richtiger "Kosmos" niemals in irgendetwas Wesentlichem von dem Schöpfungsbericht des Mose abweichen wird. Gelehrt sein heißt nicht immer weise sein. Wahre Weisheit legt der an den Tag, der beide, das Buch der Welt und das Buch des Wortes, als zwei Bände eines Werkes liest und dabei von der Empfindung durchdrungen wird: Mein Vater in den Himmeln hat sie beide geschrieben.

Einteilung

Der Psalm zerfällt in drei Abschnitte: Die Schöpfung offenbart Gottes Herrlichkeit V. 2-7, das Wort offenbart seine Gnade V. 8-12; V. 13-15 ; erbittet David sich Gnade. So verbinden sich in dem Psalm Lobpreis und Bitte miteinander; der Dichter, der die Werke Gottes in der Welt um ihn her besungen hat, fleht am Schluss, dass die göttliche Gnade in seinem Herzen ihr herrlichstes Werk treibe.

Auslegung

2. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
3. Ein Tag sagt’s dem andern,
und eine Nacht tut’s kund der andern.
4. Es ist keine Sprache noch Rede,
da man nicht ihre Stimme höre.
5. Ihre Schnur gehet aus in alle Lande,
und ihre Rede an der Welt Ende;
er hat der Sonne eine Hütte an ihnen gemacht;
6. und dieselbe gehet heraus, wie ein Bräutigam
aus seiner Kammer,
und freut sich, wie ein Held zu laufen den Weg.
7. Sie gehet auf an einem Ende des Himmels
und läuft um bis wieder an sein Ende
und bleibt nichts vor ihrer Hitze verborgen.


2. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes. Das Buch der Natur hat drei Blätter: Himmel, Erde und Meer; von diesen dreien ist der Himmel das erste und herrlichste Blatt, und mit seiner Hilfe vermögen wir die Schönheiten der beiden andern recht zu erkennen. Jedes Buch würde ohne sein erstes Blatt in bedenklicher Weise unvollständig sein, insonderheit aber die große Bibel der Natur, da ihre erste Seite, Sonne, Mond und Sterne, auf den ganzen übrigen Teil des Werkes Licht wirft und so der Schlüssel zu diesem Buche ist, ohne den die Schrift auf den folgenden Blättern dunkel bliebe und nicht zu entziffern wäre. Der Mensch ist mit seinem aufrechten Gang offenbar dazu geschaffen, den Himmel, der sich über ihm wölbt, zu erforschen und wer im Buche der Schöpfung zu lesen beginnt, indem er die Sterne durchforscht, fängt das Buch an der rechten Stelle an.

Das Wort die Himmel steht im Hebräischen stets in der Mehrzahl wegen der Mannigfaltigkeit der überirdischen Schöpfungsgebiete. Es sind darin begriffen der Wasserhimmel mit seinen Wolken von unzählig mannigfaltiger Gestaltung, der Lufthimmel mit seiner Abwechslung von Stille und Sturm, der Sonnenhimmel mit an dem Glanz des Tages und der Sternenhimmel mit all den Wundern der Nacht. Was aber erst der Himmel Himmel sein mag, das ist in keines Menschen Herz gekommen; doch erzählt dort in vollendetster Weise alles die Ehre Gottes. Jeder Teil der Schöpfung hat mehr Belehrung in sich, als der Menschengeist je ausschöpfen wird; aber das Gebiet der Himmel ist eine besonders reiche Fundgrube geistlicher Wissenschaft. Die beiden Zeitwörter des Verses stehen im Hebräischen in der Partizipialform, um anzudeuten, dass es sich um ununterbrochen fortdauernde Bezeugungen handelt. Fort und fort lassen die himmlischen Herolde, die hoch droben über der Welt dahinwandeln, ihren Ruf erschallen und bezeugen Gottes Dasein und seine Macht, Weisheit und Güte. Wer Gottes Erhabenheit ahnen möchte, der blicke zu dem sternbesäten Gewölbe über sich empor; wer die göttliche Weisheit zu sehen begehrt, erwäge das wunderbare Gleichgewicht der Himmelskörper; wer Gottes Treue erkennen möchte, beachte die Regelmäßigkeit des Ganges der Planeten; und wer einen Begriff von Gottes Macht, Größe und Majestät gewinnen will, der suche die geheimnisvolle Anziehungskraft und Abstoßungskraft dieser Welten, die unermessliche Größe der Fixsternwelt und den hehren Schönheitsglanz des ganzen himmlischen Heeres abzuschätzen und zu würdigen. Die Himmel erzählen aber nicht nur von Herrlichkeit, sondern von Gottes Herrlichkeit. Sie liefern uns so unumstößliche Beweise für das Dasein eines selbstbewussten und anweisen Schöpfers, der dies wunderbare Weltall geplant hat und es am Zügel hält und regiert, dass jeder, der nicht in Vorurteilen befangen ist, dadurch überzeugt werden muss. Das Zeugnis der Himmel ist nicht ein bloßer Wink, sondern eine deutliche, unmissverständliche Verkündigung: Sie erzählen als lebendige Zeugen die Schöpferehre Gottes und zwar beständig, ununterbrochen. Aber was für Nutzen hat auch das lauteste Zeugnis für einen Tauben oder der deutlichste Hinweis für einen geistlich Blinden? Der heilige Geist muss uns erleuchten; sonst werden alle die Millionen von Sonnen, die die Milchstraße dem Auge durchs Fernrohr zeigt, uns Gott nicht näher bringen.

Und die Feste verkündigt seiner Hände Werk, das ist, was seine Hände geschaffen haben und schaffen können. Das weithin über die Erde ausgebreitete Himmelsgewölbe tut Gottes Meisterschaft kund; denn der unermessliche Raum ist voll von unnachahmlichen Kunstwerken der göttlichen Schöpferhand. Dem großen schaffenden Geist werden Hände zugeschrieben, um damit die Sorgfältigkeit und Kunstmäßigkeit seines Wirkens anzuzeigen und der armseligen Fassungskraft von uns Sterblichen entgegenzukommen. Es ist demütigend zu sehen, dass selbst die frömmsten und erleuchtetsten Geister, wenn sie ihren erhabensten Gedanken über Gott Ausdruck zu geben wünschen, dazu Worte und Bilder gebrauchen müssen, die der Erde entnommen sind. Wir sind Kinder am Verständnis und müssen ein jeder für sich bekennen: Ach, ich urteile und rede wie ein Kind (vergl. 1.Kor. 13,11)! -- Am Himmelszelt droben lässt Gott gleichsam sein Sternenbanner wehen, als Zeichen, dass der König in seinem Palast ist; dort ist sein Wappenschild ausgehängt, dass die Gottesleugner sehen mögen, wie er ihre Kriegserklärung gegen ihn verachtet. Wer zum Sternenzelt aufblickt und sich dennoch für einen Atheisten ausgibt, brandmarkt sich im selben Augenblick entweder als Blödsinnigen oder als Lügner. Es ist zu sonderbar, dass es unter denen, die Gott lieben, Leute gibt, die sich davor fürchten, das herrliche Buch der Natur, das doch Gottes Schöpferehre und seine Meisterschaft verkündet, zu erforschen. Die falsche Geistlichkeit etlicher Gläubigen, die zu himmlisch sind, um die Himmel zu betrachten, hat dazu beigetragen, dem prahlerischen Geschwätz der Ungläubigen, als ob die Natur der Offenbarung widerspräche, einen Anstrich von Berechtigung zu geben. Die weisesten Menschen sind die, welche mit frommem Eifer den Fußspuren des Ewigen sowohl im Reich der Schöpfung als im Reich der Gnade nachgehen; nur Toren haben Angst, es könnte ein ehrliches Erforschen der Natur dem Glauben an Gottes Offenbarung im Wort schädlich sein. D. James Mac Cosh sagt (1850) gut: "Die Bemühungen, Gottes Werke gegen sein Wort aufzuspielen und dadurch Eifersüchteleien zu erregen, auszubreiten und zu verewigen, die geeignet sind, Parteien zu trennen, welche in engster Gemeinschaft leben sollten, haben uns oft mit Trauer erfüllt. Ganz besonders haben wir es stets bedauert, dass es Leute gibt, welche die Natur herabsetzen zu sollen glauben, um dadurch das Wort Gottes zu erheben; wir haben darin nie etwas anderes sehen können als das Herabwürdigen eines Teils der Werke Gottes in der Hoffnung, dadurch den andern Teil im Werte zu erhöhen und zu empfehlen. Man sehe Wissenschaft und Glauben doch nicht als zwei feindliche Burgen an, die sich gegenseitig Trotz bieten und deren Besatzungen gegeneinander drohend die Waffen schwenken. Sie haben zu viele gemeinsame Feinde -- wenn sie nur daran denken wollten -- wie Unwissenheit und Vorurteile, Leidenschaften und Laster in allen ihren Gestalten, als dass sie ihre Kraft in nutzloser gegenseitiger Befehdung vergeuden dürften. Die Wissenschaft hat eine feste Grundlage und der Glaube desgleichen; vereinigen sie sich miteinander, so wird die Basis breiter und Wissenschaft und Glaube bilden dann zwei Teile eines mächtigen, Gott zu Ehren errichteten Baues. Der eine sei der äußere, der andere der innere Vorhof. In dem einen mögen alle schauen und bewundern und anbeten; im andern mögen die, welche im kindlichen Verhältnis des Glaubens stehen, niederknien und beten und lobpreisen. Das eine sei das Heiligtum, wo menschliche Gelehrsamkeit ihren köstlichsten Weihrauch Gott als Opfer darbringt; das andere sei das von jenem durch den nun zerrissenen Vorhang getrennte Allerheiligste, wo wir die Liebe unserer versöhnten Herzen auf dem blutbesprengten Gnadenthron ausschütten und die Offenbarungen des lebendigen Gottes mit geöffnetem Ohr vernehmen."
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 26.03.2019 16:09

3. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern. Der eine Tag nimmt gleichsam die Erzählung da wieder auf, wo der andere sie abgebrochen, und jede Nacht überliefert der nächsten die wunderbare Nachricht. Der Grundtext lautet genauer: Ein Tag sprudelt dem andern Rede oder Botschaft zu . Jeder Tag ist gleichsam eine übersprudelnde Quelle, aus der Jahwes Lobpreis auf den andern überquillt. O dass wir oft an diesem Himmelsbrunnen trinken und es der Natur ablernen mögen, die Herrlichkeit Gottes zu verkündigen. Die Zeugen droben am Firmament kann niemand mundtot machen. Von ihren erhabenen Kanzeln predigen sie, unbeirrt von den Urteilen der Menschen, beständig die Kenntnis Gottes ( Röm. 1,19 = hier). Selbst der Wechsel von Tag und Nacht hat eine stumme Beredsamkeit und Licht und Schatten offenbaren eins wie das andere den Unsichtbaren. Mögen die Wechsel unseres Lebens uns denselben Dienst leisten. Lasst uns den Gott preisen, der uns Freudentage schenkt; aber lasst uns auch Ihn erheben, der uns Lobgesänge gibt in der Nacht (Hiob 35,10)!
Tag und Nacht geben uns viele Lehren, die zu beherzigen allen Menschen heilsam wäre. Kein Tag sollte vorübergehen und keine schlaflose Stunde der Nacht, ohne dass wir uns des eilenden Fluges der Zeit, des wechselvollen Wesens aller irdischen Dinge, der kurzen Dauer unserer Freuden und Leiden, der Kostbarkeit des Lebens, unseres gänzlichen Unvermögens, die entflohenen Stunden zurückzurufen, und des unaufhaltsamen Herannahens der Ewigkeit erinnern. Der Tag ruft uns zum Wirken auf; die Nacht mahnt uns zur Bereitung auf unsere letzte Ruhestätte. Der Tag gebietet uns, für Gott zu arbeiten; die Nacht lädt uns ein, in ihm zu ruhen. Der Tag fordert uns auf, jenem Tage entgegenzusehen, der kein Ende hat; die Nacht predigt uns, der Nacht zu entrinnen, die auch kein Ende hat.

4. Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme höre. So fassen Luther, Calvin und andere den Sinn. 1 Auf Erden gibt’s der Sprachen viele, am Himmelszelt nur eine, und diese eine ist jedem verständlich, der ihr sein Ohr leiht. Die tiefstgesunkenen Völker haben keine Entschuldigung, wenn sie die unsichtbaren Eigenschaften Gottes nicht an seinen Werken erschauen (Röm. 1,20). Sonne, Mond und Sterne sind Gottes Wanderprediger; sie sind Apostel des unsichtbaren Ewigen, die auf ihrer Wanderschaft die Seelen derer stärken, die auf den Herrn achten, und sie sind Richter, die sich auf der Rundreise befinden, um alle zu verurteilen, welche die Götzen anbeten.
Nach wörtlicher Übersetzung lautet der Vers: (Es gibt da) nicht Rede und (es gibt da) nicht Worte; nicht gehört (ungehört) ist ihre Stimme. 2 Das will nach unserer Auffassung sagen: Die Unterweisung der Himmel richtet sich nicht an das Ohr, sie äußert sich nicht in artikulierten Lauten; es ist eine Predigt in Bildern, die sich an Auge und Gemüt wendet. Sie trifft nicht den Sinn, durch den vornehmlich der Glaube kommt, denn der Glaube kommt aus der durch das Ohr vernehmbaren Predigt (Röm. 10,17). Jesus Christus wird das Wort genannt; er ist eine weit deutlichere Offenbarung der Gottheit, als alle Himmel uns geben können. Sie sind immerhin doch nur stumme Lehrmeister. Weder die Sonne noch die Sterne können ein Wort hervorbringen; Jesus aber ist das sprechende Bild Jahwes und sein Name heißt das Wort Gottes (Off. 19,13).

5. Ihre (Mess-) Schnur gehet aus in alle Lande, und ihre Rede (ihre Worte, im Grundt. steht die Mehrzahl) an der Welt Ende . Wiewohl die Himmelskörper in erhabenem Schweigen ihre Bahnen wandeln, lassen sie das Ohr des Verständigen dennoch kostbare Lehren vernehmen. Ihre Kundgebungen ergehen nicht buchstäblich in Worten, sind aber deutlich genug, dass sie als Rede bezeichnet werden können. Die Sprache der Natur gleicht der Zeichensprache der Taubstummen; die Gnade aber verkündigt uns frei heraus vom Vater (Joh. 16,25). Die Meßschnur zeigt das Gebiet an, das von diesen himmlischen Predigern beherrscht wird: ihre Verkündigung ergeht über die ganze Erde, bis an das äußerste Ende des Erdkreises . Keiner, der unter der Kuppel des Himmelsdomes lebt, wohnt außerhalb des Sprengels dieser Hofprediger der himmlischen Majestät. Dem Licht der Boten des Evangeliums, die wie Sterne in der Hand des Menschensohnes sind (Off. 1,20), kann man sich leicht entziehen; aber selbst dann werden solche, deren Gewissen noch nicht verhärtet ist, in den stillen Sternen der Nacht einen Nathan finden, der sie anklagt, einen Jona, der sie warnt, einen Elia, der sie schreckt. Auf begnadete Seelen aber wirken die Stimmen der Himmel noch weit kräftiger ein. Sie fühlen den milden Einfluss der Plejaden und die leuchtenden Bande des Orion ziehen sie mit Macht zu ihrem himmlischen Vater.
Er hat der Sonne eine Hütte an ihnen gemacht. Mitten am Himmel hat der Sonnenball3 sein Feldlager aufgeschlagen und gleich einem mächtigen Herrscher wandelt er seine glorreiche Bahn. Er hat keinen festen Wohnplatz, sondern ist ein Wanderer, der seine Hütte aufschlägt und abbricht. Dies Zelt wird bald für immer abgerissen und wie ein Buch zusammengerollt werden (Jes. 34,4; Off. 6,14). Wie das Zelt des Königs im Mittelpunkt des Kriegslagers stand, so erscheint die Sonne als der König inmitten der ihr Gefolge bildenden Sterne.

6. Und dieselbe 3 gehet heraus, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer . Der Bräutigam tritt an seinem Ehrentage in prächtigem Gewand aus seiner Kammer hervor; sein Antlitz erstrahlt von Freude, so sehr, dass seine ganze Umgebung auch mit Freude erfüllt wird. So, aber in einer alles Irdische überstrahlenden Pracht, tritt die aufgehende Sonne hervor. Und freuet sich, wie ein Held zu laufen den Weg. Wie ein Kämpe, der zum Wettlauf gegürtet ist, sich voll Lust zum Laufe anschickt, so ein die Sonne mit unvergleichlicher Regelmäßigkeit und unermüdlicher Schnelligkeit in der ihr vorgezeichneten Bahn vorwärts. Es ist ihr ein Spiel; niemand kann die geringste Spur von besonderer Anstrengung, von Nachlassen der Kräfte oder gar von Erschöpfung an ihr bemerken. Keine andere Kreatur verbreitet so viel Freude über die Erde wie ihr Bräutigam, der Sonnenball, und kein Geschöpf, weder Roß noch Adler, kann an Schnelligkeit auch nur einen Augenblick mit diesem himmlischen Helden wetteifern. (Über die Schnelligkeit als Heldeneigenschaft vergl. zu Ps. 18,34, Seite 310 f.) Aber an die Herrlichkeit der Sonne ist nur ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes; sogar sie leuchtet nur in geborgtem Licht, in dem Lichtglanz, den sie von dem großen Vater der Lichter (Jak. 1,17), empfängt.

Lobe deinen Schöpfer,
Himmel, lobe prächtig,
Wie er ist von Taten mächtig;
Licht der Sonne, wandle
Deine Himmelskreise
Ihm, dem Herrn des Nichts, zum Preise.

7. Sie gehet auf an einem Ende des Himmels, und läuft um bis wieder an sein Ende. Sie trägt ihr Licht bis zu den Grenzen des sichtbaren Himmels, indem sie die Bahn des Tierkreises festen Schrittes durchwandelt, und verwehrt ihr Licht keinem, der in ihrem Bereich wohnt. Und bleibt nichts vor ihrer Hitze verborgen. Oben, unten und ringsumher macht sich die Sonnenwärme geltend. Die Tiefen der Erde sind angefüllt mit den uralten Erzeugnissen der Sonnenstrahlen (den Kohlen) und noch heute empfinden die innersten Höhlen der Erde die Macht der Sonne. Wo dem Licht der Zutritt versagt ist, bahnen doch die Wärme und andere, zartere Einflüsse sich den Weg.
Es ist ohne Zweifel nach dem Sinn des Dichters, wenn wir zwischen dem Himmel der Gnade und dem Himmel der Natur eine Parallele ziehen. Der Lauf der göttlichen Gnade ist erhaben, weltumfassend und voll der Herrlichkeit Gottes. Wo immer die Gnade sich zeigt, ist sie anbetender Bewunderung und eifrigen Erforschens wert. Beides, ihr Licht und ihr Schatten, sind lehrreich. Sie ist in gewissem Maß allen Völkern verkündet worden und wird zu Gottes Zeit noch völliger bis zu den Enden des Erdkreises bekannt gemacht werden. Wie sich unser ganzes Planetensystem um die Sonne bewegt, so ist Jesus der Mittelpunkt der göttlichen Offenbarungssphäre. Auch er wohnte als in einem Zelte unter den Menschen in seiner Herrlichkeit (Joh. 1,14); auch ihm war es eine Freude, als der Bräutigam seiner Gemeinde sich den Menschen zu enthüllen und als ein Held sich Ruhm zu erwerben. Er macht in seinem Evangelium einen wunderbaren Rundlauf durch die Welt; die segensreichen Strahlen seiner Gnade dringen in die entferntesten Winkel der Erde und nicht einer suchenden Seele, mag sie noch so verborgen oder noch so tief gesunken sein, versagt er die erquickende Wärme seiner Liebe mit ihrer belebenden Wirkung. Sogar das Totenreich tief drunten wird die Macht seiner Gegenwart empfinden und wird die Leiber der Heiligen wiedergeben müssen und diese unsere verkommene Erde wird zu ihrer ursprünglichen Herrlichkeit wiederhergestellt werden.

Fußnoten
1. Gegen diese Übers. mag geltend gemacht werden, das. rme)o und MyribfdI: nicht Sprache und Mundarten der verschiedenen Völker und Volksstämme bedeuten können, wofür der Hebräer die Ausdrucke
NO$lf und hpf&f hat.

2. Diese Übersetzung ist die sprachlich nächst liegende, sie wird z. B. von Hengstenberg, Hupfeld und J. W. Schultz befolgt. Doch fassen manche, z. B. Ewald und Keßler, den Sinn anders als Spurgeon , indem sie den Vers als vorangehende Adverbialbestimmung zu dem folgenden Verse ansehen: Ohne Rede, ohne Worte, unhörbar ihre Stimme -- läuft über die ganze Erde ihre Schnur, d.h. ihr Machtbereich. Sinn: Das Zeugnis der Himmel vollzieht sich in feierlicher Stille (Keßler). -- Ganz entgegengesetzt übersetzen die meisten Neueren (Hitz., Del., Häthg., Kautzsch) aus sachlichen Gründen nach den LXX und fielen Alten: Da ist keine Rede (= Botschaft) und keine Worte, deren Stimme unhörbar (wäre). "Die Predigt des Taghimmels und Nachthimmels", sagt Delitzsch, "ist kein wüstes, verworrenes Lärmen (Targum), keine Winkelpredigt, es ist eine Predigt in allvernehmbarer Rede, allverständlichen Worten, ein fanero/n (Röm 1,19), etwas Offenkundiges." Für diese letztere Auffassung (und damit gegen die Auslegung Spurgeons) macht man namentlich geltend, dass der nächste Verse nicht mit einem Dennoch (w: adversat.) beginne, also durch nichts angedeutet sei, dass V. 5 als Gegensatz zu V. 4 zu fassen sei. Dieser Einwurf berührt natürlich die andere Auffassung von Ewald u. Keßler nicht.

3. Zu beachten ist, dass die Sonne im Hebräischen fast immer, und so auch hier, als Maskulinum erscheint. (Ebenso im Gothischen, Alt- und Mittelhochdeutschen.)
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 30.03.2019 13:45

8. Das Gesetz des Herrn ist vollkommen
und erquickt die Seele.
Das Zeugnis des Herrn ist gewiss
und macht die Unverständigen weise.
9. Die Befehle des Herrn sind richtig
und erfreuen das Herz.
Die Gebote des Herrn sind lauter
und erleuchten die Augen.
10. Die Furcht des Herrn ist rein
und bleibt ewiglich.
Die Rechte des Herrn sind wahrhaftig,
allesamt gerecht.
11. Sie sind köstlicher denn Gold
und viel feines Gold;
sie sind süßer als Honig
und Honigseim.
12. Auch wird dein Knecht durch sie erinnert;
und wer sie hält, der hat großen Lohn.


In den drei ersten Versen dieses Abschnitts haben wir eine kurze, aber lehrreiche Hexapla 4 , die sechs beschreibende Titel des Wortes Gottes enthält, durch welche sechs charakteristische Eigenschaften desselben und sechs Wirkungen dieser ins Licht gestellt werden. Die Auswahl der Namen des Gesetzes, sowie der Prädikate, welche die objektive Beschaffenheit desselben und seinen Einfluss aus das Menschenherz kennzeichnen, ist überaus treffend.

8. Unter dem Gesetz des Herrn haben wir nicht ausschließlich das Gesetz im engeren Sinn, sondern nach der nächsten Bedeutung von torah die göttliche Unterweisung oder Lehre im vollen Umfang, also das ganze Wort Gottes, nach seinem fordernden und züchtigenden, wie nach seinem verheißenden Inhalt, zu verstehen. Die von Gott geoffenbarte Lehre erklärt David für vollkommen, und doch besaß er nur einen sehr kleinen Teil der heiligen Schrift. Wenn schon ein Bruchstück, und zwar der düsterste und zumeist geschichtliche Teil, vollkommen ist, was muss das ganze Werk sein? Wie hochvollkommen ist dann das Buch, welches die denkbar klarste Darstellung der göttlichen Liebe enthält und uns einen freien Einblick in die erlösende Gnade gewährt, wenn schon das Gesetz des alten Bundes hier vollkommen heißt, das ist, wie Delitzsch bemerkt, makellos und arglos als schlechthin wohlmeinend, ganz und gar auf des Menschen Heil abzweckend. Auch das Evangelium kann ein Gesetz (Jes. 2,3; vergl. 1.Kor. 9,21; Gal. 6,2), eine Lebensordnung und eine Rechtsordnung der Gnade und des Heils genannt werden; und es ist vollkommen auch in dem Sinn, dass es dem hilfsbedürftigen Sünder alles darbietet, was seine jämmerliche Armut irgend bedarf. Es gibt weder Überflüssigkeiten noch Lücken in Gottes Wort und Heilsplan; warum versuchen Menschen denn diese Lilie zu bemalen und dies lautere Gold zu vergolden? Das Evangelium ist vollkommen in allen seinen Teilen und vollkommen als Ganzes; Frevel ist es, etwas hinzuzufügen, Verrat, daran zu ändern, und ein todeswürdiges Verbrechen, etwas davonzunehmen.
Und erquickt die Seele [buchstäblich: führet zurück die Seele (= Lebenskraft, vergl. 1. Samuel 30,12; Klagl. 1,11), was die englische Übersetzung, sowie manche ältere Ausleger, auch Luther 1519 und unter den neueren Stier, irrig aufgefasst haben: bekehret die Seele, zu welcher Übersetzung Spurgeon sagt:] Es führt den Menschen zu dem Urstand zurück, ans dem ihn die Sünde herausgeworfen hat. Die praktische Wirkung des Wortes Gottes ist, dass es den Menschen wieder zu sich selbst, sowie zu Gott und zur Heiligkeit zurückbringt . Und diese Umwendung oder Bekehrung ist nicht eine bloß äußerliche; die Seele macht eine Wandlung und Erneuerung durch. Das eine große Mittel der Bekehrung von Sündern ist das Wort des Herrn und je genauer wir uns in unserem Predigtamt an dieses halten, desto wahrscheinlicher wird unser Wirken erfolgreich sein. Es ist viel mehr Gottes Wort als der Menschen Auslegung desselben, was sich an den Menschenseelen so mächtig erweist. Das Gesetz treibt, das Evangelium zieht: Die Art des Wirkens ist verschieden, aber das Ziel ist das gleiche; denn durch den Geist Gottes wird die Seele dazu gebracht, dass sie sich der Wahrheit ergibt und ausruft: Bekehre du mich, so werde ich bekehrt (Jer. 31,18). Versuche doch die Kraft der Philosophie und der menschlichen Vernunftgründe an dem Herzen des gefallenen Menschen: Es antwortet auf deine Bemühungen mit Hohnlachen. Das Wort Gottes ist’s, was so wunderbar und schnell die Herzen umwandelt.
Das Zeugnis des Herrn ist gewiss. Gottes Wort ist das Zeugnis von Gottes Heiligkeit; es zeugt wider des Menschen Sünde und zeugt von dem Wesen der wahren Gerechtigkeit; es zeugt von des Menschen Fall und zeugt von seiner Wiederherstellung. Dieses Zeugnis ist zuverlässig (wörtlich), es ist klar, bestimmt, wahrhaftig und unfehlbar; es ist über allen Zweifel erhaben, wir dürfen und sollen es als ein völlig gewisses und festes Wort annehmen. Gottes Zeugnis in seinem Wort ist so gewiss, dass wir aus demselben festen, starken Trost (Hebr. 6,18) für Zeit und Ewigkeit schöpfen können; so gewiss , dass alle Angriffe auf dasselbe, so gewaltig oder spitzfindig sie immer sein mögen, niemals seine Kraft schwächen können. Welch ein Segen, in einer Welt voller Ungewissheit und Unzuverlässigkeit etwas zu haben, worauf wir bauen können! Wir eilen von dem Flugsand menschlicher Spekulationen auf die terra firma, den unbeweglichen Grund der göttlichen Offenbarung.
Und macht die Unverständigen weise. Das hebräische Wort bezeichnet einen Menschen, der für jeden Eindruck offen steht, für Beschwätzung und Verführung sowohl (und so wird das Wort besonders in den Sprüchen gebraucht), wie auch für die göttliche Belehrung. Luther sagt 1519: "Die Unmündigen sind hier diejenigen, die einfältig und leicht zu bereden sind". Es sind die unwissenden und einfältigen Seelen, die noch Kinder am Verständnis sind, aber auch den für Gottes Unterweisung erforderlichen Kindessinn noch nicht verloren haben. Solch demütige, offenherzige, gelehrige Gemüter nehmen das Wort an und werden durch dasselbe weise zur Seligkeit (2.Tim. 3,15). Dinge, die den Weisen und Klugen verborgen sind, werden den Unmündigen geoffenbart (Mt. 11,25). Wer sich belehren lässt, wird weise; aber spitzfindige Kritiker bleiben Toren. Es ist nicht genug, dass wir bekehrt sind; wir müssen Schüler des göttlichen Zeugnisses im Wort werden und bleiben. Haben wir die Macht der Wahrheit in unsern Herzen empfunden, so gilt es, nun auch die Gewissheit derselben durch Erfahrung zu erproben. Die Vollkommenheit des Wortes bekehrt die Seelen; seine Zuverlässigkeit erbaut. Wollen wir wahrhaft durch dasselbe erbaut werden, so ziemt es uns, nicht durch Unglauben an der Verheißung zu zweifeln (Röm. 4,20); denn ein Evangelium, dem wir nicht volles Vertrauen entgegenbringen, kann uns nicht weise machen; nur Wahrheit, von der wir eine gewisse Überzeugung haben, kann uns zur Befestigung dienen.

9. Die Befehle des Herrn sind richtig, buchstäblich: gerade . Gottes Anordnungen, seine Anforderungen an den Menschen sind begründet in Gottes Gerechtigkeit und "führen uns geradeswegs zum Ziele" (Luther); sie erweisen sich darum dem wieder zurechtgebrachten Menschenverstand auch als richtig und gut. Das Wort Gottes ist der geschickte Arzt, der dem Kranken die richtige Arznei gibt; es ist der Wegweiser, der dem Irrenden den richtigen und geraden Weg zeigt. Und erfreuen das Herz. Welche Freude erfüllt den Wanderer, wenn er sich auf dem richtigen Weg zum Ziele weiß! Die freie Gnade macht das Herz fröhlich. Erdenlust färbt wohl die Wangen und lässt den Mund übersprudeln; Himmelslust aber befriedigt den inneren Menschen und füllt seinen Geist mit überfließender Wonne. Es gibt nichts Herzstärkenderes als einen Labetrunk aus dem lautern Quell des Wortes Gottes.
Die Gebote des Herrn sind lauter. Keine Beimischung von Irrtum trübt sie, kein Makel der Sünde besteckt sie; die Satzung des Herrn (Grundt. Einzahl) ist lautere, unverfälschte Milch (1. Petr. 2,2), unverdünnter Wein. (Etliche verstehen das Wort lauter von der Reinheit des Lichtglanzes, vergl. Hohel. 6,10: lauter wie Sonnenlicht.) Und erleuchtet die Augen . Durch seine Lauterkeit reinigt das Wort des Herrn die Unterscheidungskraft des Verstandes von der irdischen Schwerfälligkeit, die sie beeinträchtigt, und das Gemüt von der Schwermut, die unsern Blick verdunkelt. Mag das Auge trüb sein vor Kummer oder verschleiert durch die Sünde, -- Gottes Wort ist ein geschickter Augenarzt; es macht das Auge klar und funkelnd. Schau in die Sonne: sie blendet dich; schaust du aber in Gottes Offenbarung, die heller strahlt als das Mittagslicht, so erleuchtet sie deine Augen. Die Reinheit des Schnees macht den Alpenwanderer schneeblind; aber die Reinheit der göttlichen Wahrheit hat die entgegengesetzte Wirkung: Sie heilt die natürliche Blindheit der Seele.

Fußnote
4. "Die Sechsfache," Anspielung auf das große Bibelwerk des Origenes, das in sechs Kolumnen verschiedene Texte und Übersetzungen nebeneinander stellte.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 02.04.2019 15:13

10. Die Furcht des Herrn ist rein wie gediegenes Gold. Ähnlich wie wir die Glaubensartikel kurzweg den Glauben heißen (F. W. Schultz), so beschreibt dieser Name die geoffenbarte Wahrheit nach ihrer geistlichen Wirkung, nämlich innerlicher Frömmigkeit oder Furcht des Herrn (vergl. 5. Mose 17,19). Diese ist rein an sich und reinigt das Herz, worin sie herrscht, von der Liebe zur Sünde. Gottesfurcht ruht nicht, bis jede Straße und jedes Gässchen, ja jedes Haus und jeder Winkel in der Menschenseele völlig von den darin versteckten Anhängern des Diabolus gesäubert ist. 5 Und bleibet ewiglich . Schmutz führt zu Verfall; aber die Reinheit ist der große Feind des Verderbens. Die Gnade Gottes im Herzen ist ein reines Element, darum ist sie auch ein unvergängliches und unzerstörbares Element. Sie mag eine Zeit lang unterdrückt werden, aber gänzlich zerstört werden kann sie nicht. Wo Gott etwas hinschreibt, sei’s im Wort, sei’s im Herzen, da spricht er wie Pilatus: "Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben." Er selbst radiert nichts aus, noch viel weniger wird er es dulden, dass andere das tut. Der geoffenbarte Wille Gottes ist unveränderlich. Selbst Jesus kam nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen, und auch das Zeremonialgesetz wurde nur nach seiner schattenhaften Äußerlichkeit aufgehoben; der Kern, das Wesen, das, worauf es zielte, ist ewig. Wenn die irdischen Throne durch Aufruhr wanken und uralte Staatsverfassungsrechte aufgehoben werden, ist es tröstlich zu wissen, dass Gottes Thron nicht wankt und sein Gesetz unwandelbar feststeht.
Die Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht. Wie jedes einzelne Wort des Herrn sich als Wahrheit bewährt, so sind auch alle die Rechtsordnungen des Herrn miteinander nichts als lautere und ewig währende Wahrheit . Was im Einzelnen gut ist, ist vortrefflich im Ganzen. Keine Ausnahme ist zulässig, weder in Bezug auf irgendeinen einzelnen Satz noch in Bezug auf das Buch als Ganzes. Gottes Rechte, alle zusammen und jedes für sich, geben sich als gerecht zu erkennen und bedürfen keiner mühsamen Entschuldigungen zu ihrer Rechtfertigung. Die Rechtsentscheidungen Jahwes, sei es, wie sie im Gesetz festgestellt sind, oder wie sie in dem geschichtlichen Walten der Vorsehung zur Darstellung kommen, sind Wahrheit und bezeugen sich als solche jedem wahrheitsliebenden Gemüt. Nicht nur ist ihre Macht unwiderstehlich; auch ihre Gerechtigkeit ist unantastbar.

11. Sie sind köstlicher (wörtlich: begehrenswerter) als Gold und viel feines Gold. Die biblische Wahrheit bereichert die Seele im höchsten Maße. Man beachte, wie das Bild an Kraft zunimmt: Gold -- feines Gold -- viel feines Gold . Gottes Wort ist das Beste vom Besten, der köstlichste Schatz, nach dem wir mit der Habgier eines Geizhalses, ja, wenn das möglich wäre, mit noch größerer Begierde trachten sollten. Da die geistlichen Schätze edlerer Art sind als bloß materieller Reichtum, sollten wir sie in der Tat mit umso größerem Eifer begehren. Man spricht wohl von gediegenem Golde; aber was ist so gediegen wie die lautere Wahrheit? Aus Liebe zum Gold schwört mancher dem Vergnügen ab, verzichtet auf Bequemlichkeit, bringt selbst sein Leben in Gefahr; und wir sollten nicht bereit sein, aus Liebe zur Wahrheit eben solche Opfer zu bringen? Sie sind süßer denn Honig und Honigseim (wörtlich: Erguss der Honigzellen, das ist, der feinste, von selbst aus den Waben fließende Honig). John Trapp († 1669) sagt: "Alte Leute sinnen auf Gewinn, junge auf Vergnügen. Wohlan, hier gibt’s Gold, ja das feinste Gold in Haufen für die einen; hier gibt’s Honig, süßen Honig für die andern, der die Augen tapfer (1. Samuel 14,27. 29) und das Herz frisch macht." Die Freuden, die uns aus dem rechten Verständnis der göttlichen Zeugnisse zufließen, sind köstlichster Art; die irdischen Vergnügungen verlieren, mit ihnen verglichen, allen Reiz und werden ganz verächtlich. Die süßesten Freuden, ja wahrlich die süßesten der süßesten, fallen dem zu, der Gottes Wahrheit zu seinem Erbteil erwählt hat.

12. Auch wird dein Knecht durch sie erinnert, -- er lässt sich stets durch sie belehren und warnen. Das Wort Gottes erinnert uns an unsere Pflicht, warnt uns vor der Gefahr und belehrt uns über das rechte Heilmittel gegen unsern Schaden. Wohl dem, der so das Wort zu sich reden lässt (Grundt. niphal tolerativum). Es gäbe der Wracke auf dem Ozean des Lebens noch viel mehr, wenn Gott nicht in seinem Wort die Sturmsignale ertönen ließe, die den Aufmerksamen zur rechten Zeit warnen. Die Bibel sollte unser Ratgeber, Lehrer, Erinnerer und Mahner, unser memento mori und der Hüter unseres Gewissens sein. Ach, dass so wenige Menschen die so freundlich gegebenen Warnungen beherzigen! Nur Knechte Gottes tun’s, denn sie allein fragen nach dem Willen ihres Meisters. Treue Knechte aber finden nicht nur den Dienst dieses besten aller Herren an sich köstlich, sondern sie bekommen auch gute Zahlung: Wer sie hält, der hat großen Lohn . Es gibt einen Lohn, und großen Lohn. Gott ist uns zwar nichts schuldig; dennoch gibt er uns reichen Gnadenlohn. Die Diener Christi mögen für eine kurze Spanne Zeit nur zu verlieren scheinen; aber zuletzt wird es sich herausstellen, dass ihr Verlust herrlicher Gewinn war, und jetzt schon ist, von allem andern abgesehen, ein gutes Gewissen kein geringer Lohn des Gehorsams. Wer das Kräutlein Herzenstrost im Busen trägt, der ist in Wahrheit ein glücklicher Mensch. Immerhin kommt erst die Zeit, wo der volle Lohn ausgezahlt wird; auch das Wort des Grundtextes bezeichnet den Lohn als das, was "hinterher kommt". Jetzt bekommen wir ein Angeld; den vollen Lohn erst, wenn das Werk getan ist, nicht während die Arbeit noch unter unsern Händen ist. O der Herrlichkeit, die auf uns wartet! Die Aussicht darauf ist genug, einem vor Freude die Sinne schwinden zu lassen. Unsere leichte, nur kurze Zeit währende Trübsal ist nicht wert, mit der Herrlichkeit verglichen zu werden, die an uns geoffenbart werden soll (2.Kor. 4,17; Röm. 8,18). Dann werden wir so recht den Wert des Wortes Gottes erkennen, wenn wir in dem Meer unaussprechlicher Freude schwimmen, zu dem uns dieser Strom sicher tragen wird, wenn wir uns ihm anvertrauen.

13. Wer kann merken, wie oft er fehlt?
Verzeihe mir die verborgnen Fehle!
14. Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,
dass sie nicht über mich herrschen,
so werde ich ohne Tadel sein
und unschuldig bleiben großer Missetat.
15. Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes
und das Gespräch meines Herzens vor dir,
Herr, mein Hort und mein Erlöser.


13. Wer kann merken, wie oft er fehlt? Diese Frage birgt die Antwort in ihrem Schoße. Der Satz erheischt eher ein Ausrufungs- als ein Fragezeichen: Verfehlungen, wer merkt sie! Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde (Röm. 3,20), und im Lichte der göttlichen Wahrheit staunt der Psalmist über die Menge und die Abscheulichkeit seiner Sünden. Am besten kennt sich selber, wer Gottes Wort am besten kennt; aber ein solcher wird sich eher in einem Labyrinth der Verwunderung über seine Unkenntnis des eigenen Ich finden, als auf der Höhe der Selbstbeglückwünschung zu seiner guten Kenntnis des eigenen Herzens. Wir haben etwa von einer Komödie der menschlichen Irrtümer reden hören; aber für die Gutgesinnten ist es vielmehr eine Tragödie. Viele Bücher haben am Schluss einige Zeilen Errata (Irrtümer und Druckfehler); aber unsere Liste der Errata würde wohl so groß ausfallen wie der Band selbst, wenn wir nur scharfsichtig genug wären, sie zu merken. Der Kirchenvater Augustinus schrieb in seinen letzten Lebensjahren zwei Bücher Retractationes (Verbesserungen, Berichtigungen), worin er über seine eigenen Schriften schonungslos Gericht hielt und vieles in denselben zurücknahm oder änderte. Unsere Retractationes könnten eine ganze Bibliothek ausmachen, wenn wir in der Gnade so fortgeschritten wären, alle unsere Verfehlungen zu erkennen und zu bekennen.
Verzeihe mir die verborgnen Fehle. (Wörtl.: Von den verborgenen sprich mich los .) Du vermagst es, Gebrechen an mir zu entdecken, die mir gänzlich verborgen sind. Es wäre aussichtslos zu erwarten, dass ich all meine Flecken sehe; darum bitte ich dich, Herr: Reinige du mich mit dem Blut der Sühnung auch von den Sünden, welche mein Gewissen zu entdecken unfähig gewesen ist. Verborgene Sünden müssen gleich geheimen Verschwörern aufgespürt werden, sonst können sie ungeheures Unheil anrichten; darum ist es gut, gerade ihretwegen viel zu beten. Auf dem vierten allgemeinen Lateran-Konzil im Jahr 1215 wurde unter Innozenz III. die Vorschrift erlassen, dass jeder Gläubige seine Sünden, und zwar alle, einmal im Jahr dem Priester beichten müsse, und man fügte dem die Erklärung bei, dass ohne die Erfüllung dieser Vorschrift niemand eine Hoffnung auf Vergebung der Sünden habe. Kommt wohl irgendetwas diesem Kirchenerlass an Unsinnigkeit gleich? Meint man denn, die Menschen könnten ihre Sünden so leicht der Reihe nach angeben, wie sie ihre Finger abzählen? Wahrlich, wenn wir für alle Sünden unseres ganzen Lebens Vergebung erlangen könnten unter der Bedingung, dass wir alle Sünden nur einer Stunde bekennen würden, -- dann käme nicht einer unter uns in den Himmel, da außer den Sünden, deren wir uns bewusst werden und die wir also bekennen könnten, eine unermessliche Menge von Sünden auf uns lastet, die so gewisslich Sünden sind, wie die, welche wir beklagen, die uns aber verborgen sind, für die wir keinen Blick haben. Hätten wir Augen gleich denen des heiligen Gottes, so würden wir gar anders von uns denken. Die Übertretungen, welche wir gewahr werden und bekennen, sind nur wie die kleinen Kornproben, die der Landmann auf den Markt mitnimmt, während er die volle Scheune zu Hause hat. Die Zahl der Sünden, die wir beachten und entdecken, verschwindet ganz im Vergleich zu denjenigen, welche vor uns selbst verborgen sind und auch von unsern Mitmenschen nicht bemerkt werden.

Fußnote
5. Aus Bunyans Buch: Der heilige Krieg.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 06.04.2019 08:35

14. Bewahre auch (wörtl.: halte zurück) deinen Knecht vor Vermessenheitssünden (andere Übers. 6, dass sie nicht über mich herrschen . Diese ernste und demütige Bitte lehrt uns, dass selbst Knechte Gottes in die allerschlimmsten Sünden fallen können, es sei denn, dass die Gnade sie davon zurückhält, und dass sie darum wachen und beten müssen, damit sie nicht in Anfechtung fallen. Die besten unter den Menschen haben in sich einen natürlichen Hang zur Sünde und müssen zurückgehalten werden, wie ein Pferd durchs Gebiss, sonst rennen sie in die Sünde hinein. Vermessenheitssünden sind besonders gefährlich. Alle Sünden sind große Sünden; dennoch sind einige noch größer als andere. Alle Sünde hat das Gift der Empörung in sich und der innerste Kern einer jeden ist treulose Verwerfung Gottes; aber es gibt Sünden, in denen dieses unheilvolle empörerische Prinzip zu größerer Entfaltung gekommen ist und die den unverschämten Hochmut, der dem Höchsten Hohn spricht, noch frecher an der Stirn tragen als andere. Es ist irrig zu meinen, weil jede Sünde in die Verdammnis führt, sei die eine Sünde nicht größer als die andere. Der Sachverhalt ist dieser, dass es, obwohl jede Übertretung sündig und gefährlich ist, doch gewisse Übertretungen gibt, deren schwarzer Schatten noch tiefer und deren scharlachrote Farbe der Schuld noch schreiender ist als die anderer. Die Vermessenheitssünden, von denen unser Vers redet, sind die schwersten und schlimmsten aller Sünden; sie stehen zu alleroberst in der Reihe der Missetaten. Obwohl in dem mosaischen Gesetz für Sünden allerart eine Sühnung vorgesehen war, bestand diese eine, wohl zu beachtende und folgenschwere Ausnahme: Wenn aber eine Seele aus Frevel (wörtlich: mit [gegen den Herrn] erhobener Hand) etwas tut, die soll ausgerottet werden aus ihrem Volk (4. Mose 15,30). Und obgleich jetzt, in der Haushaltung des neuen Bundes, in dem Opfer unseres hochgelobten Heilands auch für die vorsätzlichen Sünden eine allgenugsame Sühnung vorhanden ist, durch welche Sünder, die sich in solch freventlicher Weise vergangen haben, reingewaschen und losgesprochen werden, -- so haben vermessene Sünder doch, wenn sie ohne Vergebung sterben, ohne Zweifel ein zwiefaches Teil des Zornes Gottes und ein besonders schreckliches Los ewiger Strafe in dem Abgrund des Verderbens, der für die Gottlosen bereitet ist, zu erwarten. Aus diesem Grunde ist David so besorgt, dass er doch ja nie unter die beherrschende Macht dieser Riesen unter den Sünden geraten möge. So werde ich ohne Tadel sein und unschuldig bleiben großer Missetat. Er schaudert ob dem Gedanken, dass er in unsühnbare Übertretung fallen könnte. Unerkannte und unbeachtete Sünden wuchern leicht in ihrem heimlichen Dunkel fort. Darum werden die verborgenen Sünden zu Stufen, auf denen wir zu vermessenen Sünden fortschreiten, und diese bilden die Vorhalle zu der unerlässlichen Sünde, der Sünde zum Tode (1.Joh. 5,16). Wer nicht vorsätzlich sündigt, ist auf gutem Wege zur Unsträflichkeit, sofern ein armer sündiger Mensch überhaupt ohne Tadel sein kann; wer aber durch Überhebung wider Gott und wissentliche Sünden selber den Teufel reizt, ihn in Versuchung zu stürzen, der ist auf einem Weg, der ihn vom Schlimmen zum Schlimmeren und vom Schlimmeren zum Schlimmsten führen wird.

15. Lass dir wohlgefallen (als angenehmes Opfer) die Rede meines Mundes und das Gespräch (Grundt.: das Sinnen oder Dichten) meines Herzens vor dir (wörtl.: vor deinem Angesicht), Herr, mein Hort und mein Erlöser . Eine liebliche Bitte, von solchem geistlichen Gehalt, dass sie sich in vielen christlichen Kreisen fast so eingebürgert hat wie der apostolische Segen. Die Rede des Mundes ist nichts als Gespött, wenn sie nicht zugleich ein Sinnen, ein stilles Gespräch des Herzens vor Gott ist: Die Schale ist wertlos ohne den Kern. Beide aber sind nutzlos, wenn sie nicht wohlgefällig angenommen werden. Und fänden sie auch der Menschen Beifall, so ist’s doch alles eitel, wenn sie nicht Gottes Wohlgefallen erlangen. Es gilt, dass wir bei unserm Gebet den Herrn im Auge haben und zwar ihn als unsern ewigen Hort, dessen Treue felsenfest ist, und als unsern Erlöser , dessen Liebe sich Tag für Tag in neuen Gnadentaten erweist. Verlieren wir Ihn aus dem Auge, so werden unsere Gebete niemals rechter Art sein. Und es ist wichtig, dass wir unsern persönlichen Anteil an Gott und seiner Treue und Liebe so empfinden, dass wir das Glaubenswörtlein mein recht brauchen; sonst werden wir mit unseren Bitten nicht durchdringen können. Goel , der Loskaufende, der Einlöser: so hieß ja im Gesetz der nächste Blutsverwandte, der das wegen Verarmung verkaufte Erbgut eines Israeliten wieder einlöste. Das Wort wird oft von der göttlichen Befreiung Israels aus Ägypten und Babel gebraucht. Wir haben einen Goel, der unser nächster Blutsverwandter geworden ist und uns um teuren Preis erkauft hat. Der Name unseres Erlösers macht den köstlichen Schluss des Psalms. Das Lied beginnt mit den Himmeln, aber es endet mit dem, dessen Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt. Du unser teurer Blutsfreund, mache du uns nun geschickt, über deine süße Liebe und deine herrliche Erlösung anbetend nachzusinnen, wie es Gott gefällt!

Erläuterungen und Kernworte


Zum ganzen Psalm. Auch der heidnische Philosoph Plutarch († um 125) hat gesagt, die Welt sei eine Schule der Gottesgelehrsamkeit. Wie Aristoteles († 322 vor Chr.) zwei Arten von Schriften geschrieben hat, von denen die einen, die exoterischen genannt, für das große Publikum, die andern aber, die akroamatischen, für seine vertrauten Schüler bestimmt waren, so hat Gott auch gleichsam zwei verschiedene Bücher herausgegeben, nämlich das Buch der Schöpfung als ein Sentenzenbuch, in dem alle Welt lesen soll (V. 1-7), und das Buch der heiligen Schrift als ein Buch der Lebensregeln für seine Hausgemeinde (V. 8 ff.). Das große Foliowerk der Natur mag passend des Hirten Almanach und des Pflügers Abc-Buch genannt werden, worin auch die Unwissendsten (die Heiden) lesen mögen. Es ist ein offener Brief für alle (V. 5); denn obwohl die Himmel eine stumme Sprache führen, ist diese dennoch wohlverständlich. Sie halten eine treffliche Katechese über die Anfangsgründe der Religion, als, dass es einen Gott gibt, dass dieser Gott nur einer ist und dass dieser eine Gott alle Dinge an Macht und Majestät unendlich überragt. Diese himmlischen Prediger ragen in dreierlei Hinsicht hervor. Erstens sind sie gar fleißige Prediger, sie predigen den ganzen Tag und die ganze Nacht ohne Unterbrechung, V. 3; zweitens sind’s gar gelehrte Prediger, da sie in allen Sprachen ihre Botschaft verkündigen, V. 4 ; und drittens sind sie wahrhaft katholische (d. h. allgemeine) Prediger, da sie in jedem Weltteil, Land und Ort ihr Kirchspiel haben. -- Lasst uns auf dieser Hochschule, wo sich die Stimmen so vieler großen Lehrer hören lassen, uns nicht wie faule Knaben an andern Schulen benehmen, die sich so an den Bildern, dem vergoldeten Einband und den bunten Randverzierungen ihrer Bücher vergaffen, dass sie den Inhalt der Bücher und ihre Sektion darüber ganz vergessen. Die Natur ist gleichsam Gottes Fibel für jedermann; aber er hat noch ein anderes Lehrbuch, das für sein Privatauditorium, die Gemeinde, bestimmt ist: Er zeigt Jakob sein Wort, Israel seine Sitten und Rechte. So tut er keinen Heiden, noch lässt er sie wissen seine Rechte. (Ps. 147,19 f.) Die Heiden lesen in der Fibel, die Christen in der Bibel, ihrem vertrauten Lehrbuch. Die Fibel ist ein treffliches Buch, aber es ist nur ein Abc-Buch, also unvollkommen; wer es ausgelernt hat, muss mehr lernen. Dagegen "das Gesetz des Herrn", d. i. die heilige Schrift, ist das allumfassende Lehrbuch der Glaubens- und Sittenlehre. Es ist ein vollkommenes Gesetz, das die Seele belebt und erfreut und die Unverständigen weise macht; es ist gewiss, rein, gerecht und wahrhaftig. D. John Boys † 1625.

Während St. Chrysostomus († 407) der Meinung ist, dass die Hauptabsicht des ersten Teils dieses Psalms sei, die göttliche Vorsehung, wie sie sich in dem Gang der Himmelskörper enthüllt, ins Licht zu stellen, meint St. Augustinus († 430) dagegen, der ganze Psalm gehe auf Christus, dessen Wesen wegen seiner Herrlichkeit und Schönheit mit der Sonne verglichen werde, dessen Lehre in alle Welt ausgegangen sei durch die Apostel (vergl. Röm. 10,18) und dessen Evangelium an Wirksamkeit der Sonnenhitze gleichkomme. Wie diese ins Innere der Erde eindringe, so jenes in das Verborgene der Herzen. - Jedes Geschöpf ist ein Blatt, daraus Gott seinen Namenszug geschrieben hat; vor allem leiten uns die Himmel zur Erkenntnis Gottes. Sie sind der besondere Schaltplatz seiner Weisheit, Macht und Herrlichkeit. Viel bestimmter und deutlicher freilich als die natürliche Gotteserkenntnis, die uns die Schöpfung vermittelt, ist die, welche uns durch die Offenbarung im Wort zukommt. An der Hand jener tasten auch die Heiden nach einer Gottheit; durch diese aber sehen die Christen in Gottes enthülltes Antlitz. Obadiah Sedgwick † 1658.

Aus dem Anfang dieses Psalms hat ja Joseph Haydn († 1809) das Motiv zu seiner wunderbaren Tondichtung "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre " in seinem Meisterwerk, der "Schöpfung", entnommen. Der Psalm klingt aber auch im deutschen Kirchenlied sehr häufig durch. Gar sinnig und für die Predigt anregend ist Gustav Königs († 1869) neutestamentliche Beleuchtung dieses Psalms in dem einen seiner zwölf großen Psalmbilder. - J. M.

Fußnote
6. Die meisten Ausleger (Ewald, Hupfeld-Riehm, Olshausen, Kautzsch, Schultz, Böthg., Keßler usw.) fassen mit Luther Mydiz" konkret gleich übermütige Frevler, dagegen nehmen es die engl. Übers. wie schon Kimchi und unter den Neueren Hitzig , Lange-Moll, Delitzsch. Stier usw. als abstractum gleich Überhebung oder als "neutrales Massenwort" gleich Überhebungssünden, Freveltaten (obwohl das Wort sonst nur als männl. concretum vorkommt). Von diesen, bittet David, möge Gott ihn zurückhalten. Die Auslegungen berühren sich dadurch, dass das Herrschen auch bei der ersten Auffassung von Mydiz" als sittliche Beeinflussung zu verstehen ist. Man beachte, dass "das Zeitwort dWz mit seinen Nominalbildungen dz" und NOdzf gerade das Wort ist, welches seinem eigentüml. Begriff nach die Sünden, die 4. Mose 15,30 (als mit erhobener Hand = aus Frevel geschehen) den Gegensatz zu den Verirrungssünden, um deren Vergebung der Sänger im vorhergehenden Verse gebeten(,) bilden, -- nämlich die vorsätzlichen oder Bosheitssünden, Frevel, in ihrer Quelle bezeichnet. Eigentlich sieden, überwallen, von übersprudelnder, ihre Schranken überschreitender Aufwallung und Leidenschaft, daher bildlich von Überhebung und Vermessenheit des eiteln, seine Schranken verkennenden Herzens." (Hupfeld .) Spricht dies für die neutrische Fassung, so dagegen das letzte Versglied für die männliche, da dieses sonst tautologisch erscheint.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 09.04.2019 15:11


Erläuterungen und Kernworte


V. 2. Die großen Heiligen der alten Zeit waren aufmerksame Beobachter der Natur. In jedem Ereignis sahen sie ein Handeln Gottes; darum war es ihnen eine Lust, sich darin zu vertiefen. Konnten sie doch nicht anders als sich freuen, wenn sie so die Züge der Weisheit und Güte dessen, den sie anbeteten und liebten, mit Augen sahen. Sie waren noch nicht so fortgeschritten, wie wir Leute der Neuzeit, den Schöpfer von seinen Werken durch unabänderliche Naturgesetze zu trennen, diesen eine eigene, ihnen selbstständig innewohnende Kraft anzudichten und so tatsächlich Gott von seiner Schöpfung weg in eine ätherische, überweltliche Sphäre untätiger Ruhe und Seligkeit zu entrücken. Ich sage nicht, dass dies die allgemeine Anschauung oder, besser gesagt, Empfindung der heutigen Zeit sei; aber sie beherrscht weite Kreise in der Kirche und noch mehr in der Welt. Die bedeutendsten Philosophen der Neuzeit erklären zwar, dass ein Naturgesetz nichts anderes sei als die gewöhnliche Weise, in der Gott wirke, und dass es demnach nicht die Wirkung der Naturgesetze, sondern Gottes eigene Wirkungskraft sei, welche die ganze Natur in Bewegung erhalte; dass Gott immanent und unmittelbar, nicht aus der Ferne und mittelbar jedes Ereignis wirke, und dass jede Bewegung und Veränderung in der Natur so tatsächlich Gottes Werk sei, wie wenn wir mit unsern sinnlichen Augen seine Hand das Rad der Natur drehen sehen könnten. Aber obwohl die größten Denker zu diesem Schluss gekommen sind, so tastet doch die große Masse auch der Christen in der Finsternis jenes mechanischen Weltbegriffs und Gottesbegriffs umher, der die Wirkungen in der natürlichen Welt den Gesetzen der Natur statt dem Gott der Natur zuschreibt. Als bildliche Redeweise wollen die Vertreter dieser Weltanschauung es wohl gelten lassen, dass man von Gott als dem Urheber der Naturereignisse spreche, weil er ursprünglich die Naturgesetze festgestellt habe; aber davon haben sie keinen Begriff, dass er in unmittelbarer Tätigkeit die Ereignisse hervorbringt. Darum bleiben sie auch bei der Betrachtung der Natur von dem sonst so überwältigenden Eindruck der Gegenwart und Wirksamkeit Gottes unberührt. Wie ganz anders war dagegen die Empfindung der Frommen im Altertum! Der Psalmsänger konnte nicht zum Himmel aufblicken, ohne in den Ruf auszubrechen: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes usw. Wenn er seine Augen über die Erde schweifen ließ, machte sich sein Herz in begeisterten Worten Luft: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist von deiner Güter (Ps. 104,24). Ihm war es Gott, der Brunnen lässt quellen in den Gründen, dass die Wasser zwischen den Bergen hinfließen (Ps. 104,10). Der Donner war ihm Gottes Stimme, die Blitze Gottes Pfeile. Wenn er das Sturmesbrausen hörte, den Rauch der Gewitterwolken sah und die Erde unter seinen Füßen wanken fühlte, so durchschauerte ihn die Gegenwart Gottes: Er schauet die Erde an, so bebet sie; er rühret die Berge an, so rauchen sie (Ps. 104,32). D. Edward Hitchcock 1867.

Wenn jemand, der sein Leben unter der Erde zugebracht und sich dort mit Kunst und Wissenschaft vertraut gemacht hätte, auf einmal ans Tageslicht gebracht würde und die Herrlichkeit des Himmels und der Erde schallte, er würde alsbald erklären, dass diese das Werk eines solchen Wesens sein müssten, als welches wir Gott definieren. Aristoteles † 322 vor Chr.

Ist es möglich, dass wir zum Firmament aufschauen und die Himmelskörper betrachten, ohne zu einer Überzeugung von Gottes Dasein zu kommen? Sind wir nicht genötigt, anzuerkennen, dass es eine Gottheit gibt, ein vollkommenes Wesen, einen alles beherrschenden Verstand, einen Gott, der überall ist und alles durch seine Macht regiert? Wer das bezweifeln wollte, könnte gerade so gut leugnen, dass es eine Sonne gibt, die uns leuchtet. Die Zeit zerstört alle falschen Anschauungen, bestätigt aber die, welche in der Natur der Dinge begründet sind. Aus diesem Grunde nehmen bei uns sowohl als bei andern Völkern die Verehrung der Götter und die heiligen Gebräuche der Religion Tag für Tag an Reinheit wie an Ausbreitung zu. Cicero † 43 vor Chr.

Wie eine Kammer, deren Wände ringsum mit Spiegeln bekleidet sind, das Angesicht dessen, der darin steht, stets widerspiegelt, nach welcher Seite man sich auch wenden möge, so spiegelt die ganze Welt Gottes Macht, Weisheit und Güte ab. Anthony Burgeß 1656.

Kein Erwählter ist so töricht, sich zu weigern, Gottes Werke und Worte zu betrachten und zu hören, als ob diese ihn nichts angingen. Das sei ferne. Niemand in der ganzen Welt betrachtet die Werke Gottes mit größerem Eifer, niemand hält sein Ohr so willig hin, um Gott reden zu hören, als eben diejenigen, welche die innere Erleuchtung durch den heiligen Geist besitzen. Wolfgang Musculus † 1563.

Zur Zeit der französischen Revolution sagte Jean Bon St. André , einer von der Partei der Vendéer, zu einem Landmann: "Ich will dafür sorgen, dass an eure Kirchtürme niedergerissen werden, damit ihr nichts mehr habt, was euch an den alten Aberglauben erinnert." "Mag sein", erwiderte der Bauer, "aber eins werdet ihr uns wohl lassen müssen: die Sterne." John Bate 1865.

Wie herrlich wölbt sich dort des Himmels mächt’ger Dom,
Die Felsen hier, wie glühend Erz, erstarrt
Mitten im Lauf auf dein Gebot. Soll denn der Mensch,
Den du mit Geist gerüstet, weniger als sie
Von dir zu zeugen wissen? Schweig’, wer da kann
Und mag: ich will und muss dich preisen.
Wenn im Gedränge je mein Mund dein Lob vergaß;
Hier kann er’s nicht, wo deine Herrlichkeit
Im Blau des Himmels auf mich niederstrahlt.

Nach William Wordsworth † 1850.

Die leuchtenden Gestirne -
Wo ernstes Sinnen ihren Harmonien lauscht -
Sie singen seinen Ruhm in stiller Mitternacht.
Ein leiser Wink von ihm: Da braust des Sturmes Wut.
Donner ist seine Stimme, und der rote Strahl
Sein zuckend Richtschwert. Rührt er nur sie an,
Flammen die Berge auf. Die Erd’ erschüttert er,
Und Zittern fasst die Völker. Was da lebt,
Es kündet seines großen Namens Ruhm.
Nach James Thomson † 1748.

V. 2-4. Und wenn alle Prediger auf Erden verstummen und wenn kein Menschenmund mehr von Gott erzählte, dort oben erzählt und verkündiget es ohne Aufhören von seiner großen Ehre und Herrlichkeit. Es prediget ohne Aufhören, denn wie in ununterbrochener Kette wird solche Botschaft von einem Tage an den andern, von einer Nacht an die andere überliefert, so dass, wenn der eine Herold schweigt, der andere seine Rede schon wieder beginnt. Dieselben Schauspiele der Herrlichkeit entfaltet ein Tag wie der andere, dieselben Wunder der Majestät führt eine Nacht wie die andere vor. Wohl ist es still und leise in der weiten Natur, wenn im Blau des Tageshimmels die Sonne in ihrer Pracht am höchsten steht, wohl feiert die Welt zur Nachtzeit, wenn die Sterne am hellsten glänzen, in heiligem Schweigen, aber, sagt der Sänger, dennoch redet es, ja das heilige Schweigen ist selbst eine Rede, wenn nur Ohren da sind, um zu vernehmen. Prof. D. Aug. Tholuck 1843.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 13.04.2019 12:43

Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Eine Erzählung aus dem Leben des großen englischen Malers Turner († 1851) mag beleuchten, in welch verschiedenem Maß die natürlichen Dinge Menschen von verschiedenen geistigen und geistlichen Fähigkeiten Erkenntnis vermitteln . Turner arbeitete einst gerade an einem seiner unsterblichen Werke, als eine Dame von hohem Rang ihm zusah und die Bemerkung machte: "Aber, Herr Turner, ich sehe das gar nicht alles in der Natur, was Sie da malen." "Ja, gnädige Frau, das mag wohl sein", erwiderte der Künstler, "aber möchten Sie nicht, dass Sie es sehen könnten?" C. H. Spurgeon 1869.

V. 4. Ohne Rede, ohne Worte, unhörbar ihre Stimme. (And. Übers., siehe die 2. Anm.) Der Sonnenuntergang war an jenem Abend so prächtig, wie ich ihn kaum je gesehen, und in der Natur herrschte überall eine so feierliche Stille, dass man weder Gottes noch eines Menschen Stimme hörte. Das Wasser war spiegelglatt; kein Blatt, kein Grashalm bewegte sich; die Felsen am jenseitigen Ufer spiegelten das Abendglühen der bereits entschwundenen Sonne ab und spiegelten sich selber wiederum während der kurzen Dämmerung im Flusse, so herrlich, wie ich mich nicht erinnere, es je vorher gesehen zu haben. Nein, ich will nicht sagen, man habe Gottes Stimme nicht vernommen; sie redete in der großen Stille so laut wie im dröhnenden Donner, in der friedlichen Abendlandschaft so überwältigend wie sonst in unzugänglichen Felsen und Klüften, und lauter noch in dem Himmel und dem Firmament und dem lieblichen Anblick rings um mich her. Gottes wunderbare Werke bezeugten, dass er nahe sei, und ich empfand es tief, dass die Stätte, da ich stand, heilig war. John Gadsby 1862.

V. 7. Wie vor der Sonnenhitze nichts verborgen bleibt , so auch nichts vor dem Licht, das von Christus ausstrahlt. Es leuchtet nicht nur aus den Bergeshöhen, wie zu den Zeiten, da diese Sonne noch nicht völlig aufgegangen war, ihre Strahlen aber schon einen Lichtschein um das Haupt der Propheten verbreiteten, die sie schauten, während sie für die große Masse der Menschen noch unter dem Horizont verborgen war. Jetzt aber, wo die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen ist, ergießt sie ihr Licht in die Täler so gut wie auf die Berge; auch ist nicht einer, wenigstens in unsern Landen, den nicht etliche Strahlen dieses Lichtes träfen, es sei denn, dass er sich in den finstern Höhlen der Sünde verberge. Aber nicht nur Licht, auch Wärme teilt Christus von seinen himmlischen Gezelt aus mit. Er erleuchtet nicht nur das Verständnis zum Erkennen der Wahrheit; er macht auch die Herzen warm und bringt sie zum Schmelzen, dass sie die Wahrheit lieben, und er treibt aus ihnen Früchte hervor und zeitigt diese; und das tut er an dem geringsten, am Boden kriechenden Pflänzlein wie an dem himmelanstrebenden Baum. Julius Ch. Hare 1841.

Wie die Sonne mit ihrem Licht alle Welt erfreut und segnet, so reicht auch Christus seine Gnade allen Menschen dar, ob sie diese dankbar annehmen und nicht im Ungehorsam von sich weisen möchten. Robert Cawdray 1609.

V. 7. 8ff. Durch die letzten Worte. "Es ist nichts vor ihrer Glut verborgen " wird es klar, dass den Gedanken des Dichters der Vergleich der Sonne mit dem Gesetz vorschwebt. Das allsehende Auge Gottes macht sich allen Menschen fühlbar in der Betrachtung der Sonne. "Es ist kein Fädchen so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen." -- So nennt anderwärts David Jahwe selbst eine Sonne, des erwärmenden Lichtes wegen, welches von seinem Angesicht ausgeht. (Vergl. Joh. 1,4; Hebr. 4,13.) -- V. 8 ; Der Vergleich mit der Sonne ist hier und im folgenden Verse nicht zu verkennen: Leben, Licht, Wärme und Freude geht von dieser geistigen Sonne aus. (Vergl. Joh. 1,9.) Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

(Zu der Verschiedenheit des Stils im ersten und zweiten Absatz:) Der Betrachtung des Himmels geziemt Erhabenheit, Macht der Worte und Sätze; der Meditation über das Gesetz sanfte und ruhige Rede. Maurer.

V. 8. Das Gesetz. Dieser Name bedeutet gewöhnlich die durch Mose am Berge Sinai gegebenen Gebote (5. Mose 33,4; Mal. 3,22; Joh. 1,17; 7,19); er wird aber auch häufig von den Schriften Mose überhaupt gebraucht. So wird Gal. 4,21 die Geschichte des 1. Buches Mose (Kap. 16) das Gesetz genannt. Und obgleich manchmal das Gesetz von den Psalmen und Propheten unterschieden wird (Lk. 16,16; 24,27), so werden doch auch prophetische Bücher das Gesetz genannt, z. B. 1.Kor. 14,21, siehe Jes. 28,11. Auch der Psalter wird Joh. 10,34; 15,25 so angeführt (Ps. 82,6 ff. Ps. 35,19). Henry Ainsworth † 1622.

Dieser und die beiden folgenden Verse, die alle von Gottes Gesetz handeln, bestehen im Hebräischen ein jeder aus zehn Worten; vielleicht in Anspielung auf die zehn Gebote, die 2. Mose 34,28 die zehn Worte genannt werden. Henry Ainsworth † 1622.

V. 8-11. lehrt David, wie Gott seinem Gesetz ebensolche Vollkommenheiten wie dem Himmel beigelegt. Man merke die Beziehungen des Geistlichen aufs Natürliche hier wohl. Friedr. Christoph Oetinger † 1775.

David hätte von dem Gesetze so nicht sprechen können, wenn es ihm nicht ein Zeugnis von Christus gewesen wäre. Das heißt, er hat den ganzen Pentateuch in seinem Zusammenhang genommen als das Wort Gottes, welches Gesetz und Verheißung in sich fasst; er wurde daraus belehrt über Gottes Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit, und indem er diesem Zeugnisse gegenüber sich selbst als Menschen und Sünder erkannte, wird er aus eben demselben Worte in seinen Verheißungen, den Opferanordnungen, den Wegen und Taten Gottes in der Geschichte darüber belehrt, dass Gott nicht den Tod des Sünders wolle, sondern aus und durch sich selbst eine Versöhnung und Erlösung bereitet habe, weshalb auch David mit den Worten schließt: Jahwe, mein Fels und mein Erlöser. Wenn David so redet von den fünf Büchern Moses, welche Schmach für die Christen, die das Evangelium haben und doch dabei so kalt und gleichgültig sind! Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Siehe da, wie mannigfaltig Gott sein Wort an dich bringt, bald als ein Gesetz mit göttlichem Ansehen zum Gehorsam, bald als ein Zeugnis mit Gelindigkeit, den Glauben vorzuhalten, bald als Rechte , die den Ausspruch über alles Künftige tun. O wie bist du ohne dies Wort und die heilsame Wirkung desselben in dir so von Irrtum und Zweifel, Unentschlossenheit, Eitelkeit, ermüdender Geschäftigkeit! Wie muss der unvergängliche Same des göttlichen Wortes erst in dein Herz, in deine Gedanken, in deine Absichten, in deine Arbeiten etwas Festes, Bleibendes, Ruhiges, Lichtes bringen! K. H. Rieger † 1791.

Hier erhebt sich eine Frage, die nicht leicht zu lösen ist. Dieser Lobpreis des Gesetzes, den David hier vorträgt, scheint durch Paulus gründlich zerstört zu werden. Wie reimt es sich, dass das Gesetz die Seele erquickt, und dass es ein tötender Buchstabe ist, der ins Verderben bringt? Dass es das Herz erfreut, und dass es den Geist der Knechtschaft gebiert und Schrecken einflößt? Dass es die Augen erleuchtet und dass es das innere Licht wie durch eine Decke unterdrückt? Hauptsächlich ist aber zu beachten, dass David hier nicht von den bloßen Vorschriften des Gesetzes redet, sondern an den ganzen Bund denkt, durch den Gott Abrahams Kinder als sein Volk angenommen hatte. Er verbindet also mit den Regeln eines guten Lebens die Verheißungen der Erlösung aus Gnaden, ja Christus selbst, auf den die Annahme des Volkes gegründet war. Paulus hingegen berücksichtigt nur das Amt des Mose, weil er es mit verkehrten Auslegern des Gesetzes zu tun hatte, die dasselbe von der Gnade und von dem Geiste Christi trennten. Nun steht aber fest, dass das Gesetz, wenn es durch Christi Geist nicht lebendig gemacht wird, für seine Schüler nicht nur unnütz, sondern auch tötend ist. Denn losgelöst von Christus lebt in dem Gesetz nur eine unerbittliche Strenge, die das ganze menschliche Geschlecht dem Zorne Gottes und der Verdammnis unterwirft. Auch bleibt in uns eine Widerspenstigkeit des Fleisches, welche jenen Hass gegen Gott und sein Gesetz in uns anzündet, der die Quelle der bekannten traurigen Knechtschaft und Furcht ist. Wenn wir diese verschiedenen Auffassungen des Gesetzes beachten, so löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen Paulus und David. Paulus’ Absicht ist, zu zeigen, was das Gesetz allein, sofern es ohne die Verheißung der Gnade in Gottes Namen seine strengen Forderungen stellt, uns bietet. David dagegen empfiehlt uns die ganze Lehre des Gesetzes, die mit dem Evangelium übereinstimmt. Er schließt also Christum mit ein. Jean Calvin 7 † 1564.

Fußnote
7. Aus Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung. Verlag der Buchhandlung des Erziehungsvereins, Neukirchen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 16.04.2019 15:17

Erläuterungen und Kernworte

Die Lobsprüche, die der Dichter dem Gesetz spendet, sind auch auf neutestamentlichem Standpunkt berechtigt. Auch Paulus sagt Röm. 7,12. 14 : "Das Gesetz ist heilig und geistlich, das Gebot heilig und gerecht und gut." Das Gesetz verdient diese Lobsprüche an sich und für den, der im Stand der Gnade steht, ist es ja auch kein Fluchgesetz mehr, sondern ein Spiegel des in Heiligkeit gnädigen Gottes, in welchen er ohne knechtische Furcht hineinsieht, und eine Norm freiwilligen Gehorsams. Und wie so gar verschieden ist die Gesetzesliebe der Psalmsänger und Propheten, diese auf das Wesentliche, Gemeinsittliche der Gebote, auf Verinnerlichung des Buchstaben und den Trost der Verheißungen gerichtete Gesetzesliebe von dem pharisäisch-rabbinischen Buchstaben- und Zeremoniendienst der nachexilischen Zeit! Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Wie hassenswert ist die unheilige Gesinnung solcher Namenchristen, welche die heilige Schrift vernachlässigen, sich dafür aber ans das Lesen weltlicher Bücher legen. Wie manche kostbare Stunde wird mit dem Lesen von törichten Romanen, erdichteten Geschichten und lüsternen Gedichten vergeudet, -- und das nicht nur an den Werktagen, sondern sogar am Tag des Herrn! Und warum tut man es? Um sich zu ergötzen und zu erheitern, während wahrhaft sättigende Freude doch nur in diesem heiligen Buche zu finden ist. Ach, das Vergnügen, das euch jene Bücher bieten, ist vielleicht nur verderblicher Sinnenkitzel, der euch tiefer in die Gottlosigkeit hineinführt. Im besten Fall ist’s Zeitverschwendung, bloße Unterhaltung ohne wirklichen Nutzen und Wert, während diese heiligen Schriften, um Davids Ausdruck zu gebrauchen, richtig sind und das Herz erfreuen . Und dann, gibt es nicht manche, die Plutarchs Sittenlehre, Senekas Episteln und ähnliche Bücher höher stellen als Gottes Wort? Es ist wahr, meine Lieben, es finden sich treffliche Wahrheiten in diesen Moralschriften der Heiden; dennoch kommen sie von ferne nicht den heiligen Schriften gleich. Jene mögen wohl etwa in äußerer Trübsal Trost gewähren, aber nicht in Seelennot; sie können dem Gemüte wohltun, aber das Gewissen nicht stillen; sie können wohl einige schimmernde Freudenfunken hervorbringen, aber nicht die Seele durch ein anhaltendes Feuer wahren Trostes erwärmen. Ja, meine Brüder, wenn Gott euch ein geistliches Verständnis gibt, so werdet ihr mit Petrus Damiani († 1072) bekennen, dass euch jene Schriften der heidnischen Redner, Philosophen und Dichter, die früher so angenehm schmeckten, jetzt im Vergleich mit dem Labsal, das die heilige Schrift gewährt, geschmacklos und herb erscheinen. D. Nathanael Hardy † 1670.

Der Prophet schreibet in diesen Versen dem Gesetz so treffliche Ämter zu, dass alles, was er hier von dem Gesetz rühmt, von dem heiligen Geiste, der durch das Wort des Glaubens uns erwärmt, verstanden und ihm zugeschrieben werden muss. Deswegen macht er vor Freuden so viele Worte und wiederholet das Wort Gesetz so oft (nämlich sechsmal) und das immer mit andern Worten, und gibt ihm zwölf Beiwörter, gleich als wolle er dieses nach den zwölf Früchten des Baums des Lebens loben. Und so zeigt er selbst durch das äußerliche Gepränge derer Worte dasjenige, was in einer Seele, die das Gesetz liebt und sich darüber freut, in der Tat geschieht. Denn wer das Gesetz liebt, der kann es nicht genug loben; so gar wohl gefällt nun der Seele dasjenige, was ihr vorher so gar sehr missfiel. Das Wort Gottes ist nun ohne Wandel, unbefleckt durch den Glauben, nicht nur in sich selbst, sondern auch in uns, das ist, in Ansehung seiner Wirkung; es labt, erquickt und tröstet unverständige, betrübte und zerrüttete Gewissen. Gottes Zeugnis ist auch wahrhaftig und macht nicht Heuchler, sondern rechtschaffene, wahrhaftige und solche Leute, die einen rechten Glauben und Meinung von Gott haben. Es macht weise die Unmündigen , so sich wider Gottes Wort nicht setzen, sondern sich dadurch lassen unterweisen; denn es lehrt rechte Gedanken und Verstand haben von allen Dingen. Auf solche Art wird das Gesetz, indem es himmlische Dinge lehrt, durch den Glauben ein Zeugnis des Herrn. Die Befehle des Herrn sind richtig. In Gesetz und Werken derer Menschen sind Umwege und Krümmungen; aber hier geht es richtig zu, es ist eine feine, lustige, rechtschaffene Lehre, da man davon kommt. Das macht die Leute auch fröhlich. Martin Luther † 1546.

Die englische Übersetzung "bekehret die Seele" bietet zwar einen sehr ansprechenden und an und für sich wahren und treffenden Sinn dar, ist aber nicht in Übereinstimmung mit der Absicht des Psalmisten. Der Grundtext lautet wörtlich: bringet zurück die Seele, nämlich durch Erquickung und Tröstung, wenn sie durch allerlei Ungemach niedergedrückt ist und gleichsam am Ersterben ist. Das Wort Gottes ist wie stärkende Nahrung, die den Verschmachtenden neubelebt; es teilt dem mutlos und kraftlos Gewordenen Stärke und Zuversicht mit. William Walford 1837.

V. 9. Das Wörtlein lauter heißt in seiner Sprache rein und lieblich, hell und klar. Gleichwie ein schönes Licht leuchtet Gottes Wort in unsere Seele vor Gottes Augen. Johann Arnd † 1621.

V. 11. Lasst uns das Wort Gottes lieben. "Wie habe ich dein Gesetz so lieb!" (Ps. 119,97.) "Herr", sagt Augustinus, "lass die heilige Schrift meine keusche Lust sein!" Chrysostomus vergleicht die Schrift mit einem Garten; jede Wahrheit sei eine duftende Blume, die wir nicht am Busen, sondern im Herzen tragen sollten. Dem David war das Wort süßer als Honig und Honigseim. Die Schrift enthält in der Tat alles, was uns glücklich machen kann. Sie zeigt uns den Weg zu Reichtum (5. Mose 28,5; Spr. 3,10), zu langem Leben (Ps. 34,13), ja zu einem Königreich (Hebr. 12,28). Ist dem so, dann lasst uns die Stunden als die köstlichsten ansehen, die wir beim teuren Bibelbuch zubringen. Dann mögen wir wohl mit dem Propheten (Jer. 15,16) sagen: Dein Wort ward meine Speise, da ich’s empfing; und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost. Thomas Watson 1660.

V. 12. Auch lässt sich dein Knecht durch sie warnen. (Wörtl.) Ein Jude hatte den Vorsatz gefasst, Luther zu vergiften, wurde aber an der Ausführung des Verbrechens durch einen treuen Freund des Reformators gehindert, der diesem ein Bild des Mannes mit einer Warnung vor demselben sandte. Dadurch erkannte Luther den Mörder und entrann seinen Händen. So zeigt dir, Christ, das Wort Gottes das Bild der Lüste, welche Satan als Werkzeuge gebraucht, um deinen Frieden zu zerstören und deine Seele zu vergiften. G. S. Bowes 1860.

In ihrer Beobachtung liegt großer Lohn. (Wörtl.) Merke: nicht nur für die Beobachtung, sondern in der Beobachtung der Rechte Jahwes ist großer Lohn zu finden. Die Freude und Ruhe, die Erquickungen und Tröstungen, die volle Genüge der Seele, die freundlichen Blicke von oben und die Kraftzuflüsse der göttlichen Gnade, welche die Gläubigen jetzt genießen, sind in ihren Augen so köstlich und herrlich, dass sie dieselben nicht um tausend Welten eintauschen würden. Wenn nun schon das Handgeld so kostbar, so fürstlich ist, was wird es sein, wenn der Zahltag kommt! Was für eine Herrlichkeit wird das sein, mit der Christus die Seinen krönen wird, die allen Schwierigkeiten zum Trotz in seinem Dienste treu gewesen sind. Wenn so viel schon in der Wüste zu genießen ist, was wird’s im Paradiese sein! Thomas Brooks † 1680.

Wer sie hält, oder nach dem Grundt.: bewahret, welches Wort einen Fleiß anzeigt, es mit dem Verstand zu fassen, in dem Gedächtnis zu behalten und im Willen sich danach zu richten, welches, ob’s schon nicht vollkommen zustande gebracht wird, doch zu allen Dingen nütz ist(1.Tim. 4,8). J. D. Frisch 1719.

V. 13. Wer kann merken, wie oft er fehlt? Nach diesem Überblick über die Werke und das Wort Gottes schlägt der Psalmsänger nun das dritte Buch, sein Gewissen , auf; dies Buch, das gottlose Leute gut verschlossen halten und in das sie natürlich nicht gern blicken, das aber dennoch einst vor dem großen Gerichtshof angesichts der ganzen Welt aufgeschlagen werden wird, zur Rechtfertigung Gottes in seinem Richten und zur ewigen Verwirrung der unbußfertigen Sünder. Und was sieht der Prophet in diesem Buch? Fehlerhafte, verwischte Schriftzüge, die er nicht entziffern kann. Die Schrift, die Gott mit eigener Hand in lesbaren Lettern dem Gewissen eingeprägt hatte, sind zum Teil mit Gekritzel und Zwischengeschreibsel verborgener Fehle verunstaltet und besudelt, zum Teil ausgestrichen und ausgekratzt durch vermessene Sünden . Und doch, mag diese Handschrift noch so misshandelt sein, sie legt dennoch für Gott ein Zeugnis ab; denn es gibt in der ganzen Welt kein Beweismittel, das mit überwältigenderer Kraft dem Gewissen die Anerkennung Gottes abnötigt, als das Schuldbewusstsein. Der Sünder kann sich gegen die Erkenntnis nicht verschließen, dass er ein Gesetzesübertreter ist, und er trägt -- wenn er nicht alles Gefühl verloren hat -- in sich das Vorgefühl, dass Gott ihn um dies alles vor Gericht bringen wird. Diese Gewissensüberzeugung von der Sünde führt die Seele, wo noch irgendein Sinn für echte Frömmigkeit vorhanden ist, dazu, sich gleich David an Gott zu wenden, dass er sie von den verborgenen Fehlern reinigen und von vermessenen Sünden zurückhalten wolle, oder sie doch, wo sie in solche Frevel verwickelt wird, von der Herrschaft derselben befreien möge. D. Adam Littleton † 1694.

Kein Mensch kann merken, wie oft er fehlt; aber Gott merkt es. Darum denke wie St. Bernhard: Ich erkenne und bin erkannt. Ich erkenne nur mangelhaft; Gott aber erkennt mich völlig. So urteilt auch der Apostel Paulus (1.Kor. 4,4). Zugegeben, du hältst dich so frei und erneuerst deine Buße Tag für Tag so, dass du dir nichts bewusst bist, so beachte doch, was der Apostel Paulus sagt: Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darinnen bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. Nur der Unendliche kennt das Menschenherz. Darum sollten wir es nicht wagen, uns selber zu richten, sondern mit David in dem Psalm den Herrn bitten, dass er uns von unsern verborgenen Fehlern reinige. Richard Stock † 1626.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 23.04.2019 17:21

Erläuterungen und Kernworte

Mit den Verirrungen meint David seine unbewussten und unbeachteten Fehler. Es gibt Sünden, die an der lichten Sonne begangen werden, mit Wissen und Willen. Solche Sünden kann man leicht erkennen, wie die Farben im Sonnenschein und darum auch als Übertretungen bekennen. Aber es gibt auch Sünden, die man entweder in der Unwissenheit oder, wenn auch eine gewisse Erkenntnis da war, doch ohne Vorbedacht getan hat. Diese Sünden der Unwissenheit oder Unbedachtsamkeit können so zahlreich sein, dass uns, wenn wir auch mit dem hellsten Licht an die Winkel des Herzens durchsuchten, doch viele entgehen würden. Ach ja, das ist auch ein Stück unseres Elends, dass wir unsere Verirrungen nicht merken! Ein Blick genügt, uns zu zeigen, dass ihrer eine erschreckend große Zahl ist; und doch ist die weitaus größte Menge uns verborgen. Wäre es uns möglich, auf jede einzelne Sünde mit dem Finger zu weisen, wie ganz anders wurden unsere Herzen von Gram und Scham gebeugt sein, und wie wurden wir den Reichtum der Gnade anbeten, die die unzählbare Menge unserer Verirrungen und Sünden tilgt. In der Erfahrung aber beweist es sich, dass die Gnade das Herz, sobald sie darin einzieht, die Sünde in anderer Weise ansehen lehrt als zuvor und dass mit dem Wachstum der Gnade auch die Sünde stets mehr aufgedeckt wird. Immer neue Sünden werden sichtbar, -- nicht als ob sie nicht schon zuvor da gewesen wären im Herzen und im Wandel, aber neu sind sie für unser Erkennen. Wir erkennen jetzt Neigungen und Handlungsweisen als sündig, die wir vorher nicht so beurteilt hatten. Wie manche Arzneien gewisse Krankheiten, die früher im Verborgenen herrschten, dem Kranken erst recht zur Empfindung bringen, oder wie die Sonne die Staubteilchen, die vorher schon im dem Gemach waren, bescheint, so enthüllt das Licht des Wortes immer mehr unser inneres Verderben. Obadiah Sedgwick † 1658.

Die Haare auf unserm Haupte mag man zählen; und obwohl die Sterne in solchen Mengen am Himmel glänzen, haben doch manche den Versuch gemacht, ihre Zahl zu berechnen; aber keine Rechenkunst vermag unserer Sünden Menge zu ermitteln. Sie gleichen der Hydra, der für jeden Kopf, den man ihr abschlug, zwei neue wuchsen. Thomas Adams 1614

Es kann jemand ein Muttermal auf seinem Rücken haben und sein Leben lang davon keine Ahnung haben. Herr, reinige mich von meinen verborgenen Fehlern! Thomas Adams 1614.

Das Gesetz des Herrn ist so heilig und unverbrüchlich, dass wir selbst für die uns ganz unbewussten Sünden um Vergebung bitten müssen -- Dieser Vers war eine der Hauptbeweisstellen der Reformatoren gegen die römische Ohrenbeichte T. C. Barth 1865

Sünden mögen verborgene genannt werden 1) wenn sie übertüncht und verhüllt sind. Obwohl sie weit verbreitet sind, so gehen sie doch nicht unter ihrem wahren Namen, sondern schmücken sich mit dem Schein irgendwelcher Tugend. 2) Wenn sie sich von der Schaubühne der Welt fernhalten. Wie viele treiben im Verborgenen all die Gräuel, um die Hesekiel Jerusalem straft, -- aber so, dass nichts davon an die Öffentlichkeit tritt. Seht jenen Sünder: Er treibt seine Laster mit der größten Niederträchtigkeit; der ganze Unterschied zwischen ihm und einem andern Gottlosen ist der, dass er seinen Sünden im Geheimen frönt und der andere aus ihnen kein Hehl macht. 3) Wenn sie nicht nur dem öffentlichen Urteil, sondern jedem sterblichen Auge verhüllt sind, so dass auch der, der sie begeht, sie nicht sieht. Selbst die Leute, mit denen er umgeht und die sein Verhalten rühmen, können die geheimen Regungen und Wirkungen der Sünde in seinem Herzen noch nicht sehen. Denn nicht alle Wirkungen der Sünde, meine Brüder, treten nach außen und sind sichtbar; gerade die gefährlichsten sind die, welche im Innern vorgehen, wo die Verderbnis wie eine verborgene Quelle und versteckte Wurzel ist. Das Menschenherz ist eine geheime Werkstatt von Gottlosigkeiten allerart. Ja, ein Mensch spricht in seinem Herzen, was er sich wohl hüten würde über seine Lippen gehen zu lassen, in Gedanken vollbringt er Dinge, die seine Hand niemals wagen würde auszuführen. Mir scheint, die Sünde sei treffend mit Ausschlagkrankheiten, wie Krätze oder Scharbock, zu vergleichen, die erst verborgen unter der Haut stecken, dann aber ausbrechen und außen sichtbar werden. So ist’s mit der Sünde; sie ist eine bösartige Krankheit der Säfte, ein fressender Aussatz: Erst breitet sie sich im Innern heimlich aus, dann bricht sie hervor und legt endlich alle Scham ab, offenbart ihr Wesen vor aller Welt. Obadiah Sedgwick † 1658.

Verborgene Sünden 8 sind in manchen Beziehungen gefährlicher als offenbare: Denn der Mensch beraubt sich durch die verschlagene Art seines Sündigens der Hilfe wider seine Sünde. Gleich solchen, die ihre Wunden geheim halten oder innerliche Blutungen haben, wird ihm keine Hilfe, weil die Gefahr nicht entdeckt wird. Wenn jemandes Sünden offen ausbrechen, findet sich wohl ein Seelsorger oder ein Freund oder sonst jemand, der ihn rügt oder warnt und zurechtzubringen sucht: wenn er aber seine Lüste verheimlicht, versperrt er sich selber alle Hilfe und wendet großen Fleiß daran, seine Seele in die Verdammnis zu bringen, indem er seine verborgenen Sünden mit irgendeinem scheinbaren Firnis bedeckt und sich so bei andern eine gute Meinung über seinen Wandel erobert. Gerade durch die Heimlichkeit lässt er seinen Lüsten die Zügel schießen. Das Gemüt weidet sich den ganzen Tag an sündigen Gedanken und Plänen, so dass die Lebenskraft der Seele vergeudet und verwüstet wird. Ja, solch heimliches Spielen mit der Sünde erhitzt und entflammt recht eigentlich die verderbte Natur des Menschen. Sündige Taten sind nicht nur Früchte der Sünde, sondern zugleich Samen neuer Sünden; sie stärken die Macht der Sünde im Herzen. Geben wir einer Sünde nach, so werden wir dadurch alsbald zu einer zweiten bereit. Durch verborgene Sünden wird endlich die Heuchelei des Herzens ausgebildet und zur Vollkommenheit gebracht. Obadiah Sedgwick † 1658.

Hüte doch ein jeder sich vor Taten, die das Licht nicht ertragen. Ein Gedicht von Thomas Hood († 1845), betitelt Eugen Arams Traum, gibt diesem Gedanken ergreifenden Ausdruck. Aram hatte einen Menschen ermordet und den Leichnam in einen Fluss geworfen,
ein träges Wasser, tintenschwarz und unergründlich.
Den nächsten Morgen schon treibt ihn die innere Unruhe zur Stätte seines Verbrechens hin.
Und wild und unstet irrt sein Blick
Hin über die schaurige Flut:
Das treulose Wasser deckt ihn nicht mehr,
Der auf dem Grunde dort ruht.
Er verscharrt den Leichnam unter aufgehäuftem Laub. Aber ein scharfer Wind weht durch den Wald und wieder liegt das schaurige Geheimnis offen am Tageslicht.

Da warf ich mich hin und weinte sehr
Und fühlt’ es in bitterer Reu:
Die Erde will es nicht bergen mehr, --
Wie tief die Grube auch sei.
Und was ich auch tu’, ich find’ keine Ruh,
Im Ohr gellt der Racheschrei:

In schmerzlicher Klage spricht er die Gewissheit der bevorstehenden Entdeckung aus. Wohl vergräbt er sein Opfer, so tief er kann, und deckt es mit Steinen zu. Aber als die Jahre ihren traurigen Lauf vollendet hatten, kam der Frevel zu Tage, und der Mörder wurde zum Tode geführt.
Es ist um die Schuld ein schreckliches Ding. Verborgene Sünden verursachen rot geweinte Augen und schlaflose Nächte, bis der Mensch sein Gewissen ausgebrannt hat und für die Hölle reif wird. Den Heuchler zu spielen ist eine schwere Aufgabe; denn in dem Spiel steht ein Betrüger gegen viele Beobachter. Ganz gewiss aber ist’s ein elendes Geschäft, dessen Ende ein furchtbarer Bankrott ist. Ja, ihr, die ihr gesündigt habt, ohne dass ein Mensch es gewahr geworden ist, seid versichert, dass eure Sünde euch finden wird, und bedenket, dass das gar bald geschehen mag. Die Sünde kommt heraus, so oder anders; die Menschen erzählen wohl gar selber ihre Geschichten im Traum. Gott hat manche Leute durch die Anklagen ihres Gewissens in solchen inneren Jammer gebracht, dass sie nicht anders konnten, als hervortreten und die Wahrheit bekennen. Der du im Geheimen den Lüsten frönst: Willst du auf Erden einen Vorgeschmack der Verdammnis haben, so fahre in deinen heimlichen Sünden fort; denn kein Mensch ist elender, als wer im Verborgenen sündigt und dennoch bestrebt ist, seinen guten Ruf zu bewahren. Jenes gehetzte Wild dort, dem die blutdürstige Meute mit offenem Munde auf der Ferse folgt, ist glücklicher als ein Mensch, der von seinen Sünden verfolgt wird. Jener Vogel, der im Netz des Vogelstellers gegangen ist und vergeblich zu entschlüpfen trachtet, ist glücklicher, als wer um sich selbst ein Netz von Trug gesponnen hat und ihm zu entfliehen sucht; denn er macht Tag um Tag das Netz nur dichter und stärker. O des Elends der geheimen Sünden! Wir mögen wohl bitten: Mache mich rein von den verborgenen Fehlen! C. H. Spurgeon 1869.

Fußnote
8. In diesem und dem folgenden Abschnitt liegt eine Verwechslung zwischen verborgenen d. h. unbewussten, und geheimen Sünden vor, wozu die engl. Übers. secret sins leicht Veranlassung bietet.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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