Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps39

Beitragvon Jörg » 22.09.2020 17:12

5. Aber Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss,
und mein Leben ein Ziel hat,
und ich davon muss.
6. Siehe, meine Tage sind eine Hand breit bei dir,
und mein Leben ist wie nichts vor dir.
Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher
leben! Sela.
7. Sie gehen daher wie ein Schatten,
und machen sich viel vergebliche Unruhe;
sie sammeln, und wissen nicht, wer es einnehmen wird.


5. Herr. Es war gut, dass sich Davids Seele gegen Gott und nicht gegen Menschen ergoss.3 Kann ich mein überwallendes Herz nicht länger eindämmen, so will ich’s gegen dich, Herr, ausschütten. Wenn in meinen Worten auch zu viel natürliches Feuer ist, so wirst du doch mehr Geduld mit mir haben als die Menschen und deine Reinheit bleibt davon unbefleckt, während meine Mitmenschen, wenn ich vor ihnen ausspräche, was in meinem Herzen ist, mit scharfem Tadel über mich herfallen würden oder aber durch die Aufregung meiner Rede zu böser Nachahmung verführt werden könnten. Tue mir mein Ende kund. (Wörtl.) Meinte er damit dasselbe, was sich Elia in seinem Zagen erbat; "So nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter?" (1.Kön. 19,4 .) Oder wollte er in heftiger Aufwallung der Ungeduld erfahren, wann sein elendes Leben zu Ende sein werde, damit er die Tage zählen könne, bis der Tod seinem Jammer ein Ziel setze? Die Ungeduld versucht in den unaufgeschnittenen Blättern des Buchs der Zukunft zu lesen. Der Unglaube möchte sich, als ob es keinen anderen Trost gäbe, vor dem Ungemach des Lebens ins Grab verstecken und mit dem Betäubungstrank des Vergessens einschläfern. David ist weder der erste noch der letzte gewesen, der sich beim Beten durch unbedachtes Reden verfehlt hat. Doch ist auch eine günstigere Auffassung der Worte möglich, die uns durch Luthers Übersetzung nahe gelegt wird: Der Psalmist begehrt tieferen und klareren Einblick in die Kürze des Lebens, damit er die vorübergehenden Übel desselben besser ertragen lerne, und wenn wir seine Bitte so verstehen, können wir ruhig an seiner Seite niederknien und sein Gebet zu dem unserigen machen. Das ist ja die Hölle der Hölle, dass ihr Elend kein Ende nimmt, - und dass es für des Lebens Weh ein Ende gibt, der Trost aller, deren Hoffnung über das Grab hinausreicht. Gott ist der beste Lehrer der wahren Lebensweisheit, die aufs Ende schaut. Dem von Gott erleuchteten Auge enthüllt sich beim Blick auf den Tod eine herrliche Fernsicht, die uns die Übel des Lebens vergessen lässt, eben indem sie uns das herrliche Ende sehen lässt. Und das Maß meiner Tage, welches es sei. (Wörtl.) David wollte gern darüber eine stärkere innere Einsicht haben, dass sein Leben samt seinen Prüfungen bald vorüber sein werde, und wollte einen neuen Einblick in die alte Wahrheit bekommen, dass unseres Lebens Maß durch Gottes Weisheit und nicht durch den Zufall bestimmt ist. Wie der Kaufmann sein Tuch nach Vierteln und Ellen ausmisst, so ist uns das Leben genau zugemessen. Ich möchte erkennen, wann ich (zu leben) aufhören werde.4 (Grundt.) Ach, was ist doch das Herz für ein trotziges und verzagtes Ding! Von so unersetzlichem Werte das Leben ist, hadert der Mensch doch so mit Gott, dass er lieber zu existieren aufhören, als das von Gott bestimmte Los tragen möchte! Und dass wir ein solch unzufriedenes Wesen bei einem Gottesmann antreffen! Aber warten wir nur, bis wir in ähnlicher Lage sind; ob wir es dann wohl besser machen? Das Schiff auf der Werft wundert sich über die Barke, die ein Leck bekommen hat; aber nach dem ersten Sturm auf hoher See wundert es sich vielmehr darüber, dass es selber nicht aus allen Fugen gegangen ist. Davids Erfahrung ist uns nicht zur Nachahmung, sondern zur Belehrung berichtet.

6. Siehe, etliche Hand breit hast du meine Tage gemacht. (Wörtl.) Bei näherer Erwägung findet der Psalmist im Grunde wenig Anlass, die Länge des Lebens zu betrauern, sondern eher, dessen Kürze zu beklagen. Was für unbeständige Geschöpfe wir doch sind! Im einen Augenblick möchten wir von dem jämmerlichen Dasein erlöst werden und im nächsten ist uns das Leben zu kurz. Die Handbreite ist eins der kürzesten Maße, nämlich die Breite von vier Fingern. So gering ist auch, nach Gottes weiser Bestimmung, das Maß unseres Lebens. Das Siehe will unsere Aufmerksamkeit wecken. Beim einen verursacht diese Mahnung an die Flucht unserer Tage großes Weh, andere werden dadurch zu feierlichem Ernst gestimmt. Wie bedachtsam sollten wir mit unseren Tagen haushalten, da uns ihrer so wenige zur Verfügung stehen. Ist meine Erdenwallfahrt wirklich so kurz? Dann will ich auf jeden Schritt Acht haben, dass die Kürze der Zeit durch den Reichtum der Gnade, der sich in meinem Leben offenbare, ausgewogen werde. Und mein Leben ist wie nichts vor dir. Meine Lebensdauer ist so gering, dass sie nicht zu einem Etwas hinanreicht, sondern ein Nichts ist. Denken wir an die Ewigkeit, so ist ein Engel ein eben geborenes Kindlein, die Welt eine eben entstandene Wasserblase, die Sonne ein eben den Feuer entsprühter Funke und der Mensch ein Garnichts. Vor dem Ewigen sind die Jahrtausende der Geschichte des sterblichen Geschlechts weniger als ein Ticken der Uhr; geschweige denn ein Menschenalter. Ja, nichts als ein Hauch ist jeglicher Mensch, wie fest er stehe. (Grundt.5 Das ist die zuverlässigste Wahrheit, dass nichts am Menschen zuverlässig und wahr ist. Mag ein Mensch noch so fest stehen, er ist doch nur ein Mensch und der Mensch ist ein bloßer Hauch, ohne Kern und Wesen wie der Wind. Und dieser Mensch lebt so sicher dahin, wie Luther treffend übersetzt, während nach Gottes Bestimmung sein Leben so unsicher ist! Beständig ist er nur in der Unbeständigkeit. Seine Vergänglichkeit ist die einzige bleibende Wahrheit an ihm. Sein Bestes, worauf er so eitel ist, ist selbst eitel, - alles, was er ist und hat, Eitelkeit der Eitelkeiten. Das ist allerdings traurige Botschaft für solche, deren Schätze sich unter dem Mond befinden. Wer sich seiner Kraft rühmt, hat wohl Grund, die Flagge auf Halbmast zu hängen; wer sich aber von der Kraft des Ewiglebendigen getragen weiß, der freue sich, dass seine Hoffnung nicht eitel ist.

7. Als ein Schatten (ein wesenloses Schatten - oder Traumbild) nur wandelt der Mensch einher . (Wörtl.) Das Leben ist nur ein vorübergehendes Trugbild. Das allein ist sicher, dass nichts sicher ist. Schatten spotten uns rings um uns her; wir wandeln unter ihnen und nur zu viele Menschen vergeuden ihr ganzes Leben mit diesen Schatten, als ob die lächerlichen Bilder wesenhaft wären, und so werden sie selber zu nichtigen Schattenbildern, die ihre erborgten Rollen mit einem Eifer spielen, der des Lobes wert wäre, wenn er auf die realen Dinge gewendet würde, aber an die Phantome des schnell vorübergehenden diesseitigen Lebens umsonst verschwendet ist. Die Weltmenschen sind arme verdurstende Wanderer, die eine Fata Morgana verführt, um sie bald in Enttäuschung und Verzweiflung zu stürzen. Und machen sich viel vergebliche Unruhe, wörtl.: um einen Hauch, um ein Nichts, lärmen sie . Die Menschen schaffen, sorgen und schinden sich ab und das alles rein für nichts. Selber nur Schatten, jagen sie Schatten nach, während doch der Tod ihnen auf den Fersen ist. Sie mühen und plagen und quälen sich, um Reichtum, Ehre oder Genuss zu erhaschen, und wenn sie das Ersehnte erreicht haben, finden sie am Ende all ihre Mühe verloren; denn es geht ihnen wie dem Geizhals, der von einem großen Schatz träumt: -Alles ist zerronnen, wenn er beim Erwachen in die Welt der Wirklichkeit zurückkehrt. Lies diese Psalmworte aufmerksam und horche dann auf den Lärm des Marktes, auf das Gesumm der Börse, auf das Getöse der Straßen, und erinnere dich, dass alle diese Unruhe ein Lärmen um nichts , um unwesentliche, vergängliche, eitle Dinge ist. Ruhelose Ruhe, schlaflose Nächte, nagende Sorgen, ein überarbeitetes Gehirn, Nachlass der Geisteskräfte, Wahnsinn - das sind die Stufen der Unruhe, die viele ersteigen; und doch will alles reich werden oder, mit einem anderen Bilde, sich ein Bleigewicht an die Füße hängen, das einen in den Strudel zieht. Sie sammeln, und wissen nicht, wer es einnehmen (einheimsen) wird . Wie mancher kommt um den Genuss all seiner Mühen und Wagnisse; denn "zwischen Lipp’ und Kelchesrand schwebt der finstern Mächte Hand." Schon ist der Weizen in Bündel gebunden; da schleppt ihn plötzlich ein Räuber hinweg, - wie es dem armen Landmann im Morgenland so oft ergeht. Oder das Getreide ist schon im Speicher wohl verwahrt; aber anstatt dass der Ackersmann die Frucht seiner Arbeit genießt, nähren sich feindliche Banden davon. Ach, wie viele mühen sich für andere, die sie nicht kennen. Die Ironie dieses Verses trifft besonders den schmutzigen Geizhals, der gleich einem Rechen oder Stallbesen allen Mist zusammenrafft, dem aber zu seiner Zeit die Mistgabeln folgen, die das Gesammelte eben so eifrig ausstreuen, wie es der Vorfahr aufgehäuft hat. Wir kennen die Erben dessen, was wir setzt unser Eigentum nennen, nicht; denn unsre Kinder sterben und Fremde werden einst in den Hallen unserer Ahnen wandeln. Selbst der Großgrundbesitz wechselt seinen Herrn, ob auch die Erbfolge (wie besonders in Großbritannien) durch noch so feste Bestimmungen gesichert ist. Wie viele stehen früh auf und legen sich erst spät zur Ruhe, um sich ein Haus zu bauen, - und dann ist’s ein anderer, der in des Hauses Gängen wandelt, sich’s in den Gemächern wohl sein lässt und, ohne je an den Erbauer zu denken, alles sein Eigen nennt. Das ist eins der Übel unter der Sonne, gegen die es kein Mittel gibt.

Fußnoten
3. Uns scheint, Spurgeon fasse mit Unrecht V. 5 ff. als Inhalt dessen, was David in seiner Erregung geredet hatte. Diese Auffassung will auch Luther wohl durch die Einfügung des Aber verhindern. Wir können stattdessen nach V. 4 einen Gedankenstrich setzen. Wohlweislich teilt David die Worte, die seinem Munde entfahren waren, nicht mit, da er, seinen Vorsatz brechend, in sündiger Erregung geredet hatte. Von solcher Versündigung mit der Zunge findet sich in dem Gebet V. 5 ff. keine Spur. Dieses entspringt vielmehr der abgeklärten Stimmung Davids zu der Zeit, da er diesen Psalm verfasste. Der Sturm hat sich gelegt, David verurteilt sein früheres Reden und bittet Gott, ihm einen tieferen Einblick in die eigene Vergänglichkeit zu geben, damit er das kurze Leiden dieser Zeit auf seinen richtigen Wert herabsetze und sich umso fester an Gott, seine einige, ewige Hoffnung, anklammere. Ganz abwegig ist demzufolge die Deutung, die Spurgeon der Bitte: "Tue mir meine Ende kund" zuerst gibt, ebenfalls seine Auslegung der letzten Worte von V. 5. Die Probe darauf ist, dass Spurgeon dann bei V. 6 einen durch nichts angedeuteten plötzlichen Umschwung der Stimmung bei David annehmen muss.

4. Wörtl.: was ich (noch an Lebenstagen) ermangelnd bin. Die gewöhnl. Übers.: wie vergänglich ich bin, will Kautzsch nicht gelten lassen.

5. Diese Übers. beruht auf der partizipialen Fassung von bcfni:der Feststehende = wie fest er stehe. Andere: Als lauter Hauch steht alles, was, Mensch heißt, da.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps39

Beitragvon Jörg » 26.09.2020 12:33

8. Nun, Herr, womit soll ich mich trösten?
Ich hoffe auf dich.
9. Errette mich von aller meiner Sünde,
und lass mich nicht den Narren ein Spott werden.
10. Ich will schweigen, und meinen Mund nicht auftun;
denn Du hast’s getan.
11. Wende deine Plage von mir;
denn ich bin verschmachtet von der Strafe deiner Hand.
12. Wenn du einen züchtigest um der Sünde willen,
so wird seine Schöne verzehrt wie von Motten.
Ach, wie gar nichts sind doch alle Menschen. Sela.
13. Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien.
Und schweige nicht über meinen Tränen;
denn ich bin dein Pilgrim
und dein Bürger, wie alle meine Väter.
14. Lass von mir, dass ich mich erquicke,
ehe denn ich hinfahre und nicht mehr hier sei.


8. Nun, Herr, womit soll ich mich trösten? Wörtl.: wes soll ich harren, d. h.; worauf soll ich meine Hoffnung setzen?6 Was ist an all den Trugbildern des Lebens, das mich bezaubern könnte? Ich hoffe auf dich. Der Psalmist hat über die Welt und alles, was darin ist, nachgedacht und hat in allem dem nichts gefunden, was sein Herz stillen und seiner Hoffnung einen festen Ankergrund bieten könnte. Darum wendet er sich von allem Sichtbaren, das doch vergänglich ist, ab, seinem Gott zu. Der Herr hat allein das Leben in sich, und er allein ist treu aus beiden Gründen ist er allein des Vertrauens wert. Er lebt, wenn alle Geschöpfe in den Tod dahinsinken, und seine Allmachtsfülle bleibt, wenn alle kreatürlichen Kräfte mit ihrer Macht zu Ende sind; darum zu ihm den Hoffnungsblick gerichtet! Wer nicht als Narr erfunden werden will, der baue sein Haus nicht auf den Flugsand dieser Welt, sondern auf den ewigen Felsen; denn wenn nicht heute, so doch bald wird sich ein Sturm erheben, vor dem kein Bau standzuhalten vermag, der nicht aus diesem Grunde errichtet und mit dem festen Mörtel echten Glaubens erbaut ist. David hatte nur einen Hoffnungsanker, aber der war sicher und fest und reichte hinein in das Inwendige des Vorhangs (Hebr. 6,19); darum brachte er sein Schiff sicher vor Anker. Noch ein wenig wurde es hin und her geschaukelt, dann aber war tiefe Ruhe.

9. Errette mich von aller meiner Sünde. Welch günstiges Zeichen ist es, wenn ein Leidender, wie der Psalmsänger hier, nicht mehr das alte Klagelied seiner Leiden singt, sondern um Befreiung von seinen Übertretungen fleht. Was will aller Kummer bedeuten, verglichen mit der Sünde! Ist aus dem Kelch, den wir zu trinken haben, nur das Gift der Sünde entfernt, so brauchen wir den Wermuttrank nicht zu scheuen; denn seine Bitterkeit dient zur Arznei. Niemand ist im Stande, einen Menschen von seinen Übertretungen zu erretten, als der Eine, dessen Name Jesus ist, eben weil er sein Volk selig macht, d. h. errettet, von seinen Sünden. Hat er aber erst einmal dies große Werk der Erlösung von der Ursache alles Kummers an einem Menschen durchgeführt, so schwinden sicher auch bald die Folgen dieser Ursache. Es ist beachtenswert, dass David von allen seinen Sünden errettet zu werden fleht; nur von einigen befreit zu werden, wäre von geringem Werte, wir bedürfen eine umfassende und völlige Erlösung. Und lass mich nicht den Narren ein Spott werden. Mit den Narren sind die Gottlosen gemeint. Die lauern ja stets auf Fehler der Heiligen und machen dieselben sofort zum Gegenstand ihres Gespöttes. Es ist ein jammervolles Ding, wenn es einem Menschen zugelassen wird, durch Abweichen vom rechten Wege sich selber zur Zielscheibe des Spottes der Gottlosen zu machen. Aber wie viele haben sich schon auf diese Weise wohlverdientem Tadel und Hohn ausgesetzt! Sünde und Schande gehen Hand in Hand und vor beiden möchte David um jeden Preis bewahrt bleiben.

10. Ich bin verstummt (wörtl.), will meinen Mund nicht auftun; denn Du hast’s getan. Das ist ein edleres Stillschweigen als jenes, das wir in V. 3 fanden. Dies Verstummen hat nichts von mürrischem, verdrießlichem Wesen an sich; es ist das Schweigen gottergebenen Glaubens. Was alle natürlichen Anstrengungen Davids nicht hatten bewirken können, nämlich, seinen Mund zu verschließen, das erreichte die Gnade in der würdigsten Weise. Wie ähnlich erscheinen oft nach außen zwei grundverschiedene Dinge! Schweigen ist Schweigen - aber im einen Fall ist es sündiges, im anderen heiliges Schweigen. Welch mächtiger Beweggrund, jeden Gedanken des Murrens zum Verstummen zu bringen, liegt doch in der Erwägung; Du hast’s getan! Es ist ja Gottes Recht zu tun, was er will, und sein Wille ist stets das Weiseste und Beste; was sollte ich denn in sein Tun dreinreden wollen? Nein, ist’s wirklich der Herr, so tue er, was ihm wohlgefällt!

11. Wende deine Plage von mir. Dass David seinen Mund zu keiner Klage auftat, hinderte ihn nicht, ihn zum Gebet zu öffnen. Mögen wir in allen anderen Beziehungen noch so beharrlich schweigen, die Stimme des Flehens soll nicht schweigen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der Herr des Psalmisten Bitte gewährt, denn Gott nimmt meist die Trübsal von uns, wenn wir uns in sie gefügt haben. Küssen wir die Rute, so verbrennt der Vater sie. David hatte sich ganz in Gottes Willen ergeben und doch gewann er Freimut, um Hinwegnahme des Leidens zu bitten. Beides verträgt sich wohl miteinander. Ja, tatsächlich war es so, dass es bei dem Psalmsänger, solange er sich wider Gottes Führungen auflehnte, zu keinem Flehen um Erledigung von dem Übel kam, und er erst dann bat, dass Gott nach seiner Gnade die wohlverdiente Züchtigung von ihm wende, als er sich rückhaltlos dem göttlichen Willen unterworfen hatte. Ich bin verschmachtet (ich vergehe) von der Strafe (eigentlich: der Anfeindung) deiner Hand . Gott unsere Schwachheit und Not klagen, ist ein treffliches Mittel, ihn zum Helfen zu bewegen. Wir dürfen unserm Vater wohl die Striemen zeigen, die seine Strafe hinterlassen hat; denn es ist vorauszusehen, dass ihm sein väterliches Mitleid die Hände binden und ihn bewegen wird, uns auf seinem Schoß zu trösten. Der Herr will ja durch seine Züchtigungen nicht uns, sondern unsere Sünde töten.

12. Wenn du einen mit Strafen (Grundt.) züchtigest um der Sünde willen. Gott spielt nicht mit seiner Rute; er gebraucht sie der Sünde wegen und mit der Absicht, uns durch sie von der Sünde wegzujagen. Darum will Gott, dass seine Streiche empfunden werden, und empfunden werden sie. So wird seine Schönheit verzehrt wie von Motten. Wie die Motten das köstlichste Gewand zernagen, dass all seine Schönheit verdirbt und nur ein wertloser Fetzen übrig bleibt, so decken uns die Züchtigungen Gottes unsere Torheit, Schwachheit und Nichtigkeit auf und erzeugen in uns das Gefühl, dass wir wertlos und nutzlos seien wie ein von Motten zerstörtes Kleid. Die Schönheit muss von armseliger Art sein, wenn eine Motte sie zerstören, ein Tadel sie verderben kann. Alles, was uns sonst begehrlich schien und uns beglückt hat, scheint uns wie von Motten zerfressen und erbärmlich, wenn der Herr uns in seinem Zorn heimsucht. Ja, ein Hauch ist jeder Mensch. Er ist, sagt John Trapp († 1669), ein lächerliches Bild eines Nichts. Er ist so wenig wesenhaft wie sein eigener Hauch, ein Dampf, der eine kleine Zeit überdauert, danach aber verschwindet (Jak. 4,14). Sela. Wohl dürfen wir bei dieser Wahrheit ein wenig sinnend verweilen, wie die Scharen Joabs vor dem Leichnam Amasas stehen blieben, der auf der Straße lag (2. Samuel 20,12).

13. Höre mein Gebet, Herr. Ersticke meine Bitten nicht durch die Wucht deiner Schläge. Du hast das Geschrei meiner Sünden vernommen, Herr, so höre auch die Stimme meines Flehens. Und vernimm mein Schreien. Der Psalmist wird in seinem Flehen inbrünstiger: Schreien ist heftiger und ergreifender als Bitten. Die Hauptsache war ihm, an Gottes Ohr und Herz zu gelangen. Und schweige nicht über (oder zu) meinen Tränen. Diese Bitte ist noch dringender. Wer vermag Tränen gegenüber standzuhalten, diesen unwiderstehlichen Waffen der Schwachen? Wie oft schon haben Frauen, Kinder, Bettler und Sünder ihre letzte Zuflucht zu den Tränen genommen und damit erreicht, was ihr Herz begehrte! Diese Schauer, die Ergüsse des im Innern tobenden Wetters, fallen nicht umsonst nieder. Tränen sind beredter als zehntausend Zungen. Sie wirken auf zarte Gemüter, wie der Schlüssel auf die Feder des Schlosses, und Gottes Erbarmen verweigert ihnen nichts, wenn der Weinende durch die Tränen hindurch auf die noch weit kostbareren Tropfen des Blutes Jesu schaut. Wenn der Kummer uns die Schleusen unsrer Augen öffnet, ist die Zeit nahe, in der Gott eingreift und unsere Trauer in Freude verwandelt. Er kann oft lange so ruhig zusehen, als ob er uns keine Beachtung schenkte; aber die Stunde der Befreiung muss doch schlagen. Sie wird, gleich der Morgenhelle, eben dann kommen, wenn die Tautropfen perlen. Denn ich bin dein Pilgrim, wörtlich; ein Gast bei dir . Welch hohes Vorrecht, die Gastfreundschaft Gottes zu genießen! Jeder Israelit wusste sich als Gast des Herrn, dem das Land gehörte (3. Mose 25,23). Mit diesen Worten macht David auf den Schutz Gottes Anspruch. Dass der Hauswirt mit Leib und Leben für seinen Gast einstehen müsse, galt dem Morgenländer als untrennbar mit seiner Ehre verkettet. Aber auch die Erkenntnis der Vergänglichkeit des Erdenlebens und das Gefühl der Fremdlingschaft in der Welt kommt in diesem und dem folgenden Wort: Und dein Beisasse (Grundt.) wie alle meine Väter, zum Ausdruck. (Man vergleiche die Grundstelle 1. Mose 23,4; ferner 1. Chr. 29,15; Hebr. 11,13 ff.; 1. Petr. 2,11 .) Und beides macht David vor dem Herrn geltend, um Gottes Barmherzigkeit zu bewegen. Die Glaubensväter wussten alle, dass hier auf Erden nicht ihr Ruheort sei. Sie wandelten auf Erden im Pilgerkleid und benutzten die Welt, wie Reisende eine Herberge. Wie sollten wir von Ruhe auf dieser Erde träumen, da unsrer Väter Gräber uns vor Augen sind? Und wie sollten wir uns hier auf Erden heimisch fühlen, da unser Herr und Meister selbst als Fremdling unter den Menschen wandelte, fremd seinen Brüdern und unbekannt seiner Mutter Kindern (Ps. 69,9)! Gott selber, der die Welt erschaffen hat und erhält, wird von den Menschen als ein fremder Eindringling behandelt. Ist’s zum Verwundern, dass es uns nicht anders geht? "Sie sind nicht von der Welt, wie auch Ich nicht von der Welt bin." (Joh. 17,14 .) Aber sind wir auch Fremdlinge, so doch nicht solche, die keine Heimat haben. Und schon solange wir pilgern, genießen wir die treue Fürsorge unsers Gottes, bei dem wir täglich zu Gast sein dürfen, bis wir zu der oberen Heimat kommen.

14. Blicke weg von mir. (Grundt.) Wende dein zürnendes Antlitz von mir. Lass mich Atem schöpfen. Töte mich nicht. Lege die Rute weg. Dass ich mich erquicke. Lass die Sonne durch die Wolken brechen. Lass mich noch einmal heiter werden. David erwartet seinen baldigen Tod, bittet aber um eine Zeit der Erleichterung, dass er seine Kräfte wieder sammeln könne und des Lebens noch einmal froh werde vor seinem Ende. Ehe denn ich hinfahre und nicht mehr bin. (Grundt.) Sofern diese Welt dabei in Betracht kommt, ist der Tod in der Tat ein Nichtmehrsein . Solch ein Zustand wartet unser, wir eilen demselben entgegen. Möge die kurze Frist, die uns noch davon trennt, von dem Sonnenschein der Liebe unseres himmlischen Vaters vergoldet sein. Es ist ein trauriges Los, wenn jemand von der Wiege bis zum Grabe ein Krüppel sein muss; noch schlimmer ist’s, monatelang unter Gottes Zuchtrute zu sein; aber was will das alles heißen im Vergleich zu dem Erleiden der endlosen Pein, die Gott denen androht, die in ihren Sünden sterben!

Fußnote
6. Nach Delitzsch entspricht nämlich das Perf. im Fragesatz dem latein. Konjunktiv, vergl. Luthers Übers. Andere Übersetzen: Worauf harre ich?
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps39

Beitragvon Jörg » 29.09.2020 15:08

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Das schönste Klagelied im ganzen Psalter. Prof. D. G. H. Ewald † 1875.

Gustav König malte zu diesem Psalm ein Bild: Ein Totenschädel, aus dem heraus ein Schmetterling sich in die Lüfte erhebt - die schnell verwehenden Laternenblumen (Pappus des Löwenzahn, Taraxacum officinale) - der Anfangsbuchstabe I, der zum Leichenstein umgebildet ist, drücken im Bild die Vergänglichkeit des Lebens aus. J. H. A. Ebrard 1870.

V. 2. Ich sprach: Ich will meine Wege behüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge. (Grundt.) Solches sprach er zu sich selbst: Und es ist niemandem möglich, sich als wahrhaft edel und weise zu bewähren, ohne dass er oft solcherart Zwiegespräche mit sich selbst führt. Das ist eine der hervorragendsten Fähigkeiten der vernünftigen Geschöpfe, die sogar noch höher zu schätzen ist als die Gabe der artikulierten Rede. Es zeugt von einer auffallenden Stumpfheit der meisten Menschen, dass sie so wenig diese Art von Selbstgesprächen führen, für die sie doch veranlagt und ausgerüstet sind und die nicht nur an sich so vortrefflich, sondern auch so fruchtbar sind. Es ist aber ein unter den Menschen weit verbreitetes Übel, dass sie so gern in die Ferne schweifen und aus sich herausgehen, statt im eigenen Innern Einkehr zu halten. Das beweist eine "Ver-rücktheit" des geistigen und geistlichen Lebens. Allerdings ist uns zu solchem Selbstgespräch ein gesunder Sinn nötig, damit wir nicht bei uns selbst in schlechtere Gesellschaft geraten als bei anderen. Deshalb müssen wir uns nach einer besseren Gesellschaft umsehen, als unser Ich ist: Lasst uns Gott anflehen, dass er in unserm Herzen Wohnung mache! Tun wir dies, wenden wir uns bei unserem Selbstgespräch jeweils betend zu Gott, so werden wir finden, wie köstlich solche Einkehr ins eigene Herz ist. Eben weil es daran fehlt, vergeuden die meisten nicht nur ihre Zeit mit nichtigen Dingen und im nichtigem Verkehr mit anderen, sondern sammeln auch Eitelkeit in Hausen im eignen Herzen an. Mit diesem innern Schatz pflegen sie nun im geheimen Umgang und das ist die vollendete Torheit der Welt. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

Ein frommer Christ in alter Zeit, Pambus, kam zu einem Gottesgelehrten und bat, ihn etwas Erbauliches aus den Psalmen zu lehren. Der Gottesgelehrte fing den 39. Psalm zu lesen an. Als Pambus diesen ersten Vers; "Ich habe mir vorgesetzt, ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge " hörte, sagte er; "Es ist schon genug: das Weitere will ich hören, wenn ich diesen Vers gelernt habe." Nach einem halben Jahr traf ihn der Gottesgelehrte und fragte ihn, warum er denn nicht gekommen sei. Da sagte Pambus: "Weil ich ihn bis heute noch nicht recht kann; er ist gar schwer." - Einmal besuchte ihn der Bischof Theophilus († 412) und wollte von ihm etwas Erbauliches hören. Dem antwortete Pambus: "Wenn dich mein Stillschweigen nicht erbaut, so wirst du noch weniger durch mein Reden erbaut werden." Als er neunzehn Jahre nachher gefragt wurde, ob er nun jenen Vers endlich einmal gelernt habe, sprach er: "Ich habe kaum in neunzehn Jahren ihn wirklich zu erfüllen vermocht." Freimund, von Th. Zinck, 1886.

V. 2ff. Ein Kranker sollte aus Verordnung des Arztes Pillen einnehmen, schickte sich aber gar seltsam zum Handel, weil er denn die erste lange im Munde herumwälzte, so dass sie, fast ganz zermalmt, ihm Bitterkeit genug verursachte. Der Arzt sagte, das sollte er nicht tun; hier gilt’s nicht zu kauen und zu schmecken, sondern nur verschlucken; und wie endlich der Patient sie mit Mühe hatte hinuntergebracht, gab er ihm nachher etliche eingemachte Zitronenrinden. Darüber machte sich Gotthold diese Gedanken: Die Scheltworte eines schmähsüchtigen und feindseligen Menschen sind sehr bittere Pillen und es ist nicht jedermanns Ding, dieselben ungekaut zu verschlucken; sie sind aber einem gottseligen Christen sehr dienlich, weil sie ihn entweder an seine Schuld erinnern oder seine Geduld und Sanftmut bewähren oder ihm zeigen, wovor er sich zu hüten habe, und endlich bei Gott, um dessentwillen sie mit Geduld erlitten werden, ihm zur Ehre und zum Ruhm gedeihen. Hier will’s aber nicht ratsam sein, dass einer die Schmähpillen in seinen Gedanken stets hin und her wälze und sie achte nach seines Fleisches und der Welt Überlegungen. Denn so werden sie nur immer bitterer und füllen die Zunge und das Herz mit gleichmäßiger feindlicher Bitterkeit. Verschlucken, verschweigen und vergessen ist das Beste. Man muss sein Leid in sich fressen und sagen: Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun: Du, mein Gott, wirst’s wohl machen ! Hingegen muss man sich der lieblichen Trostsprüche der Schrift gegen die Bitterkeit bedienen. Ach, mein Gott! wie schwer ist’s, die Schmachpillen verschlucken, segnen, die mir fluchen, wohl tun denen, die mich hassen, bitten für die, so mich beleidigen! Herr, du willst es so haben; so gib es, wie du es haben willst, denn ohne dich kann ich hierin nichts tun. Gottholds Zufällige Andachten, von Christian Scriver 1671.

V. 4. Ich wurde entzündet: meine Gedanken erregten meine Leidenschaften. Mt. Polus † 1679.

V. 5. Lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss. Wusste David dies denn nicht? Wohl wusste er es; doch wünschte er, es gründlicher zu erkennen. Es schickt sich für uns, Gott zu bitten, dass er uns das, wovon wir nur eine äußerliche und dürftige Kenntnis haben, je mehr und mehr in fruchtbringender, geistlicher Weise erkennen lasse. Wir wissen ja, dass wir sterben müssen und keinen langen Lauf mehr vor uns haben, und doch ziehen wir aus dieser Erkenntnis so wenig Belehrung. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

Ein Teil der Feierlichkeiten am Krönungsfest der byzantinischen Kaiser bestand darin, dass ein Steinmetz auftrat und dem Neugekrönten verschiedene Marmorsteine vorlegte, unter denen er die Wahl zur Herstellung seines Grabmals treffen sollte. So lesen wir von Joseph von Arimathia, dass er sein Grab in seinem Garten hatte, - mitten unter den blühenden Blumen eine stete Erinnerung an den Tod. Christopher Love † 1651.

Dass mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. In der englischen Grafschaft Cheshire ist an einem stattlichen im Jahre 1636 erbauten Wirtshaus über einem Fenster der Bierstube die ins Eichenholz geschnitzte Inschrift noch gut lesbar: Freles si scries unum tua tempora mensen; rides cum non scis si sit forsitan una dies, zu deutsch: "Du würdest weinen, wenn du erführst, dass dein Leben nur einen Monat noch währt; du lachst, obwohl du nicht weißt, ob dir ein Tag noch gewährt (ist)." Wie betrüblich ist es, denken zu müssen, dass viele sich, diesen stillen Warner vor Augen, seelenverderblicher Unmäßigkeit hingegeben haben! Und doch ist dies nur ein Bild dessen, was wir beständig um uns her wahrnehmen. Aus einer englischen Monatsschrift.

V. 6. Meine Tage, so wird hier das Leben bezeichnet, weil es uns nicht en gros nach Monaten und Jahren, sondern en détail nach Tagen, Stunden, Minuten und Augenblicken zugemessen wird. Wir sollen uns gewöhnen, unser Leben von Gottes Großmut zu Lehen zu tragen, jeden Augenblick zu Gottes Ehre anzuwenden und uns Tag für Tag zum Empfang Jesu Christi, unseres Bräutigams, bereit zu halten. Edmund Layfielde 1630.

Wir bedürfen keinen großen Maßstab, unser Leben damit zu messen; ein jeder trägt ihn bei sich an seiner Hand und diese ist noch zu groß dazu: vier Finger genügen. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

Vor dir. David hätte mit Recht sagen können: Mein Leben ist kurz im Vergleich mit dem Alter Methusalahs, nicht viel über 70 gegen 969 Jahre, hat also nicht so viele Zehner wie Methusalah Hunderter. Oder: Es ist sehr kurz im Vergleich mit der Lebensdauer der Welt. Paulus sagt vom Makrokosmos (dem großen Weltgebäude), sein Wesen sei die Vergänglichkeit (1.Kor. 7,31); wie viel mehr gilt dies von dem Mikrokosmos, der kleinen Welt eines Menschen. Endlich hätte er sagen können: Mein Leben ist kaum etwas vor den Engeln, deren Lebensdauer mit dieser Welt anfing und mit der zukünftigen fortwähren wird, also von gleicher Dauer ist, wie beide Welten zusammen. Aber all diese Vergleiche lassen denjenigen weit zurück, den David hier macht, indem er sagt: Mein Leben ist wie nichts vor dir, Gott, der du ewig bist, a parte ante und a parte post, von Ewigkeit zu Ewigkeit. D. Nathanael Hardy † 1670.

Ja, nichts als ein Hauch ist jeglicher Mensch. (Grundt.) An anderen Stellen wird dies etwas schonender ausgedrückt. So Ps. 144,4; Der Mensch gleicht einem Hauch, und Ps. 78,33 : Er ließ ihre Tage wie einen Hauch dahinschwinden. Hier aber sagt er es gerade heraus und mit großem Nachdruck: Jeder Mensch ist geradezu ein Hauch, die Eitelkeit selbst. Und wie wenn das noch nicht genügte, fügt er bei: Er ist nichts als ein Hauch, lauter Eitelkeit, bloße Eitelkeit, jeder Art Eitelkeit, nichts als Eitelkeit; nichts anderes, nichts mehr. Oder doch etwas mehr? Sie wiegen weniger als ein Hauch, Ps. 62,10 . Und um auch nicht den Schatten eines Zweifels zu lassen, prägt er diese Lehre mit einer starken Versicherung in unser Herz: Fürwahr, wahrlich, ohne allen Widerspruch, jeder Mensch ist nichts als ein Hauch. Edmund Layfielde 1630.

Vict. Bythner († 1670) legt dies so aus: Hoc est omni ex parte, ita ut vanitas et miseria quae per alias creaturas frustratim spargitur in uno homine aggregata videatur; sic homo evadit compendium omnium vanitatum quae in creaturis exant. Der Mensch ist der Sammelpunkt, in den sich alle Eitelkeit der Welt ergießt, er ist sozusagen die Universaleitelkeit. - Angeführt von William Reynolds 1657.

Nur ein Hauch ist jeder Mensch. Das war das Bekenntnis unseres ersten Vaters Adam selbst, daher er seinen zweiten Sohn Abel nannte, von eben dem Wort, das hier im Text stehet und Hauch, Eitelkeit bedeutet, welches Salomo in seinem Prediger weitläufig erklärt. D. I. Frisch 1719.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps39

Beitragvon Jörg » 03.10.2020 12:40

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Sie gehen daher wie ein Schatten. Ich sehe, dass wir Lebende nichts als Bilder sind und ein leerer Schatten. Sophokles † 406 v. Ehr.

Sie sammeln. Dies ist die große Torheit und Krankheit in erster Linie des vorgeschrittenen Alters, dass man meint, umso mehr Vorrat sammeln zu müssen, je kürzer der Weg wird, den man noch zu machen hat. Sind die Hände auch stets und zu jeder anderen Arbeit untauglich, zum Zusammenraffen sind sie noch gelenkig genug! Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

V. 8. Ich hoffe auf dich. Welch ein herrliches Vorrecht, sich auf den Unerschütterlichen stützen zu dürfen, bei dem Unveränderlichen Zuflucht zu haben, sich an den ewigen Halt zu klammern, der allein unserer Seele völlig genügt, ja in den einzudringen, in dem wir leben und weben, in Ihn, der die Liebe ist. D. E. B. Pusey, 1853.

V. 9. Lass mich nicht den Narren ein Spott werden. Gib nicht zu, dass sie in ihrem Glück mich in meinem Unglück verspotten und mir vorwerfen, man vertraue dir umsonst und diene dir um nichts. Mt. Polus † 1679.

V. 10. Ich bin verstummt, tue meinen Mund nicht auf, denn Du hast’s getan. I. 1) Dieses Verstummen Davids ist nicht so zu fassen, als ob der Prophet Gott nichts mehr vorzubringen gehabt hätte in Gebet und Flehen. Er war nicht so stumm, dass er nicht mehr hätte beten, ja zu Gott schreien können, V. 9.11.13 . 2) Auch war er nicht so stumm, dass er seine Sünden nicht beweint und bekannt hätte. 3) Auch war es nicht ein Verstummen aus Stumpfsinn und Gefühllosigkeit. Es ist nicht so gemeint, dass er nach und nach dem harten Geschick ein hartes Herz entgegengestellt hätte. Nein, er ließ seine Klage vor Gott kommen; mit dem Leiden wuchs auch seine Klage über die hart empfundene göttliche Hand. 4) Noch viel weniger schwieg er in der Art derjenigen, von den es Amos 6,10 heißt, dass sie in ihrem Elend den Entschluss gefasst hätten, an den Namens Gottes, den sie früher gerühmt hatten, nicht mehr zu denken. II. Dagegen war er 1) so stumm, dass er sich weder über Gottes Vorsehung beklagte noch mit ihm haderte noch auch irgendwelche harten Gedanken über Gott hegte. Er brachte wohl seine Klage vor ihn, aber Gott anzuklagen erlaubte er sich nicht. 2) Er verstummte so, dass er sich auch nicht verteidigte oder seine eignen Wege vor Gott rechtfertigte, als ob sie gerecht wären und er sein Leiden nicht verdient hätte. 3) Er war so still, dass er vernahm, was Gott ihm durch die Züchtigungen zu sagen hatte. Niemand kann auf einen anderen hören, solang er immer selber das Wort führen will. 4) Endlich war der Prophet in dem Sinne still, dass er sich Gottes Wege gefallen ließ, sich ganz bei dem beruhigte, was Gott über ihn verfügte, in der Gewissheit, dass Gottes Wille nicht nur gut, sondern das Beste für ihn sei. Thomas Burroughs 1657.

Ein stiller Christ erwiderte auf die Frage, was für Nutzen er von Christus habe: "Ist das kein Nutzen, dass ich von euren Vorwürfen nicht aufgeregt werde?" Si tu tacueris, Deus loquitur: Wenn du schweigst, redet Gott für dich - und er tut’s weit besser, als wir es selber könnten. Christopher Sutton 1692.

Du hast’s getan. Dem Vater Richard Camerons wurde von seinen gefühllosen Verfolgern das noch blutende Haupt seines Sohnes ins Gefängnis gebracht und er spöttisch gefragt, ob er es kenne. Er bejahte dies, indem er die bleiche Stirne küsste, und setzte bei: "Es ist der Herr! Und sein Wille ist gut, er kann mir und den Meinen kein Unrecht tun, sondern hat Gutes und Barmherzigkeit uns folgen lassen unser Leben lang!" Horatius Bonar 1847.

Denn Du hast’s getan. Leib und Seele dieses Heiligen lagen sehr danieder zu der Zeit. Aber in Krankheit und Trauern denkt er daran, wessen Hand ihn schlägt. Du! Du, den ich herzlich liebe - so kann ich es kindlich aufnehmen; Du, den ich vielfach beleidigt habe - so kann ich es geduldig tragen; ja Du, der mich hätte in ein Flammenbett werfen können, statt auf mein Krankenlager - so will ich deine Zurechtweisung dankbar annehmen. William Gurnall † 1679.

Ich will schweigen, denn Du, Herr, hast’s getan - ich gurre, wie eine Taube - Herr, Du zermalmest mich zu Staub, aber ich lass es mir gefallen, denn es kommt von deiner Hand. - Letzte Worte Jean Calvins † 1564.

Ein Besucher einer Taubstummenanstalt fragte eines der Mädchen u. a.: "Warum bist du von Geburt an taubstumm?" Ein tiefer Schmerz zuckte einen Augenblick über ihr Gesicht, verlor sich aber, indem sie antwortete: "Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir." Frau Rogers 1856.

V. 12. Du machst, dass sein Köstlichstes vergeht wie eine Motte. (Übersetzung von Kautzsch und anderen.) Wie eine Motte bei dem leisesten Druck in Staub zerfällt, so leicht sinkt auch der Mensch hin unter dem Finger des Allmächtigen. D. George Paxton † 1837.

Die Motten des Ostens sind sehr groß und schön, aber kurzlebig. Nach den ersten Regenschauern kann man diese glänzenden Insekten, vom Hauch des Windes getragen, umherflattern sehen; aber Trockenheit und ihre zahlreichen Feinde machen ihrem Leben bald ein Ende. So schwindet auch des Menschen Schönheit dahin, wie dieser muntere Schwärmer, der doch mit seinem Gewand voll Purpur, Scharlach und Grün so herrlich geschmückt ist. John Kitto † 1854.

Verzehrt wie von Motten. Der Körper ist das Kleid der Seele. Darin hat sich die Sünde wie eine Motte eingenistet; nach und nach zerfrisst sie denselben, zuerst die Schönheit, dann die Kraft und endlich den Zusammenhang der einzelnen Teile. Bischof D. George Horne † 1792.

V. 13. Höre mein Gebet, Herr. In diesem Gebet Davids finden wir die drei Haupteigenschaften eines vor Gott angenehmen Gebets. Zuerst Demut. Er bekennt demütig seine Sünden und seine eigne Schwäche und Wertlosigkeit. Wir sollen unter dem Druck der Trübsal nicht einen stoischen Geist, hart wie ein Kieselstein, in uns auskommen lassen, als solche, die weibisches Murren und Klagen hassen, damit wir nicht in das entgegengesetzte Übel verfallen, die Hand Gottes zu verachten, sondern wir müssen unser stolzes Herz beugen und unsere ungezügelten Leidenschaften brechen. Die zweite Eigenschaft dieses Gebets ist Innigkeit und Dringlichkeit, wie solche in der feinen Steigerung liegt: Höre mein Gebet, und wenn Worte nicht durchdringen, so vernimm mein Schreien, und wenn es dem nicht gelingt, so schweige nicht über meinen Tränen, dem Beweglichsten von allem. Die dritte Eigenschaft ist Glaube. Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde (Hebr. 11,6). Und wahrlich, ebenso wie derjenige, der zu Gott kommen will, dies glauben muss, so muss auch, wer es glaubt, zu Gott kommen; und wenn ihm nicht sofort Antwort wird, so fasse er seine Seele in Geduld, warte auf den Herrn und gehe zu keinem anderen. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

V. 13b. Eigentlich sind ja alle Menschen Pilger. Auch die Bösen haben auf Erden keine bleibende Stätte, jedoch gegen ihre Neigungen; ihr Wünschen und Trachten geht darauf, dass sie doch für immer bleiben könnten. Sie sind wohl Fremdlinge, aber gegen ihren Willen. Gottes Kinder aber sind, mögen sie auch auf Erden Heimat und Bürgerrecht besitzen, ihrer innern Stellung nach doch stets Fremdlinge und Beisassen. Ein solcher Beisasse ist nicht Bürger an dem Ort, wo er lebt, weder durch Geburt noch Bürgerrecht, sondern hat seine Heimat in einem anderen Land. Im Gegensatz zu den Eingeborenen des Landes heißt er darum ein Fremder, wie z. B. ein Franzose, der sich bei uns niedergelassen hat. Ein Pilger aber hat gar nicht die Absicht, sich da niederzulassen, sondern er reist eben durch eine Stadt und ist immer unterwegs nach seiner Heimat. Redet man also von dem Heimatland der Kinder Gottes, so sind sie in einem anderen Land Bürger, in der Welt aber nur Beisassen; betrachtet man jedoch die Bewegung und Reise, so sind sie Pilgrime. Thomas Manton † 1677.

Ein Fremdling ist 1) abwesend von Vaterland und Vaterhaus; so wir. 2) Er ist im fremden Lande nicht bekannt , er wird nicht nach seinem Stand und seiner Erziehung geachtet. Die Heiligen in der Welt gleichen Fürsten, die inkognito reisen. 3) Er ist manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Die Frömmigkeit, sagt Tertullian, gleicht einer seltenen Pflanze aus einem fremden Land: Sie gedeiht in der Welt nicht. 4) Er hat Geduld, tritt schlechter Behandlung nicht entgegen und begnügt sich mit Pilgerkost und -wohnung. 5) Er ist vorsichtig, um keinen Anstoß zu geben. 6) Er ist dankbar für die kleinste Freundlichkeit. Ein Wenig ist in der Fremde viel. 7) Ein Fremder, der eine Reise vor sich hat, möchte sie so schnell als möglich zurücklegen. So wünschen wir, die wir nach dem Himmel reisen, bald am Ziele zu sein. 8) Er kauft nichts, was er nicht leicht mit sich tragen kann, keinen Baum, Haus, Geräte, sondern etwa Perlen, Edelsteine und andere solche Gegenstände, die ihn ans der Reise nicht beschweren. 9) Sein Herz ist in der Heimat. 10) Er fragt des Öftern nach dem rechten Weg, damit er sich nicht verirre. 11) Er trifft alle Vorkehrungen für seine Heimkehr, wie ein Kaufmann, damit er reich beladen heimkomme. So wollen auch wir vor Gott erscheinen in Zion! Thomas Manton † 1677.

V. 14. Lass ab von mir, dass ich mich erquicke. David war noch nicht wieder aufgerichtet von der Sünde, die ihn so sehr tief gebeugt hatte, V. 11 f. Darum kann er noch nicht willigen Herzens an den Tod denken, bis er wieder in heiligerer Verfassung ist. In solchem Grad stört die Sünde das innere Gleichgewicht, vollends den Frieden des neuen Bundes, das heitere Gewissen und die innere Freude. Alles Unheilige wirkt darauf, wie Gift aus Spirituosen, die damit augenblicklich ganz durchsetzt werden. William Gurnall † 1679.

Wenn der Psalmist so den Herrn der Welt anruft, so zeigt er allerdings eine gewisse Anhänglichkeit an dieses Leben. Dieses Gefühl trägt aber einen sehr verschiedenen Charakter - je nach den begleitenden Umständen. 1) Es gibt eine sündhafte Anhänglichkeit an das Leben. Bei diesem gewöhnlichsten, aber überaus schlimmen Fall hat die Liebe zum Leben ihren Grund in der zeitlichen Ergötzung der Sünde. 2) Es gibt aber auch eine unschuldige Anhänglichkeit an das Leben, die unser Mitgefühl weckt. Auf unsrer Wanderung entdecken wir manchmal kleine Oasen, frische grüne Plätzchen voll Lebenslust, Harmonie und Freude. Wir kennen solche Ehen, da eins dem anderen durch allerlei kleine Aufmerksamkeiten Jahr um Jahr die Schwierigkeiten erleichtert und die Freuden erhöht. Wir kennen Eltern und Kinder, deren Zusammenleben sich auch in prüfungsvollen Zeiten zu einem täglichen Fest gestaltet. Da sind ferner gute Herrschaften und treue Dienstboten. Dort einzelne benachbarte Familien, die in voller Eintracht miteinander leben und manche Kreise, in denen zu verkehren eine Lust, deren Gesellschaft außerordentlich anziehend ist. Hin und wieder haben wir Berührung mit Personen, deren herrliche Charakterzüge bei allgemeinem Wohlergehen nur heller strahlen. - Du möchtest doch wohl keinen Tadel über einen Mann aussprechen, der, in so glücklicher Gemeinschaft lebend, beim Betreten des Weges alles Fleisches riefe: Lass ab von mir, dass ich mich erquicke ? 3) Aber das menschliche Leben ist auch im Stande, eine löbliche Anhänglichkeit hervorzurufen, der wir unser Einverständnis so wenig vorenthalten können, dass wir uns vielmehr selbst unter ihren Einflug zu stellen beabsichtigen; und zwar können wir uns diesen Vers als Bitte eines Reumütigen, eines Heiligen oder eines Menschenfreundes denken. a) Ein Reumütiger mag so beten. Er ist vielleicht erst vor kurzem durch Gottes Geist von seiner Sünde überführt worden und setzt noch Zweifel in Ursprung, Wert und Wirkung der mächtigen Gefühle in seinem Innern. Er weiß, dass wir heilige Einflüsse verspüren können, ohne wahrhaft bekehrt zu sein. Solche Seelen, die noch keine Klarheit über ihren inneren Zustand erlangt haben, wünschen sehnlich, so lange zu leben, bis die Gnade sie von Sieg zu Sieg geführt habe und sie ihren Beruf und Erwählung haben fest machen können. Aber sie können auch ihre Standhaftigkeit verlieren und diese Worte als Gefallene stammeln, schamrot und zitternd noch einmal um Wiederaufrichtung bittend. b) Oder es ist ein Gottesmann, der so betet. Die Aufgabe, für Gottes Ehre unter den Menschen, sei es durch Reden und Handeln oder durch Leiden, einzutreten, ist den Heiligen auf Erden übertragen. So kann gerade dieser Auftrag, den Sündern zu widersprechen, die Anhänglichkeit eines Knechtes Gottes an dieses Leben erhöhen, obwohl er der Freuden Fülle erst vor Gottes Angesicht findet, - eine edle, gottgeweihte Gesinnung, die die Engel selbst ehren müssen. c) Es mag jemand als Menschenfreund um Verlängerung seines Lebens beten. Man denke an einen edelmütigen Gönner und Beschützer, einen Mann, der nur darauf sinnt, Gutes zu tun; man denke an zärtliche Eltern; endlich an einen Prediger der Gerechtigkeit, einen guten Diener Christi, wie der, den wir heute bestatten. (Vergl. Phil. 1,24.) D. Joseph Hughes 1822.

Homiletische Winke

V. 2-4. Schweigen, Sinnen und Sprechen hat seine Zeit - aber auch seine Unzeit.
V. 3.10. Es gibt sieben Arten des Stillschweigens; 1) ein stoisches (gefühlloses), 2) ein berechnendes, 3) ein törichtes, 4) ein verdrießliches, 5) ein erzwungenes, 6) ein verzweifelndes, 7) ein kluges, heiliges und liebliches Schweigen. Th. Brooks † 1680.
V. 5. 1) Was dürfen wir von unserm Ende zu wissen wünschen? Nicht das Datum, den Ort und die näheren Umstände, sondern a) unseren Zustand bei unserem Ende: Wird es das Ende eines Heiligen oder eines Sünders sein? b) Die Gewissheit seines Eintreffens. c) Seine Nähe. d) Wohin es führt. e) Was es erfordert an Achtsamkeit, Zurüstungen und Pass. 2) Warum sollen wir Gott bitten, dass er uns unser Ende kundtue? Weil diese Erkenntnis so außerordentlich wichtig, aber auch so schwierig zu erlangen ist und in wirksamer Weise nur von dem Herrn verliehen werden kann. W. Jackson 1870.
David betet, 1) dass er in die Lage versetzt werde, sich beständig das Ende des Lebens vor Augen zu halten. Es muss ja alles nach seinem Ausgang beurteilt werden. "Und merkte auf ihr Ende." (Ps. 73,17 .) Was ist ein ehrbares, fröhliches, tugendhaftes Leben auf Erden im Angesicht der Ewigkeit? Das Ende! Was wird’s sein? 2) Dass er die Pflichten dieses Lebens treu erfüllen möge. Das Maß seiner Tage, wie kurz, wie viele Ausgaben, und wie wenig Zeit zur Erfüllung derselben! 3) Dass er aus den mancherlei Beschwerden des menschlichen Lebens viel Belehrung und Nutzen ziehe. Die Erkenntnis der Kürze und Gebrechlichkeit meines Lebens kann mich demütig machen und eifrig, solange ich zum Dienst tauglich bin; abhängiger von Gottes Kraft, geduldiger und ergebener unter Gottes Willen, reifer für den Himmel. George Rogers (Direktor von Spurgeons Predigerseminar) 1870.
V. 6c. Der Mensch ist ein Hauch, d. h. er ist vergänglich. Man beachte, mit welchem Nachdruck diese Wahrheit hier ausgesprochen ist. 1) Jeder Mensch, ohne Ausnahme, sei er hoch oder niedrig, arm oder reich, ist ein Hauch. Auch wenn er jung und stark, in gesunder Kraft, in Reichtum, Ehre usw. dasteht. 2) Er ist nichts als ein Hauch, ganz und gar eitel, so eitel wie man sich nur immer denken kann. 3) Ja, fürwahr, es ist so. 4) Sela ist beigefügt als Notabene. Mt. Henry † 1714.
V. 7. Die Eitelkeit des sterblichen Menschen ist hier nach drei Seiten dargestellt. 1) Eitel sind unsre Freuden und Ehren; Sie gehen daher wie ein Schatten. 2) Eitel unser Kummer und unsere Furcht; Sie machen sich viel vergebliche Unruhe. 3) Eitel unsre Sorgen und Mühen; Sie sammeln und wissen nicht, wer es einnehmen wird. Mt. Henry † 1714.
Was kann die Welt uns bieten? 1) Nutzlose Ehren; was den Weltmenschen als wesentliche Ehre erscheint, ist nur Schatten - ein Schemen. 2) Unnütze Sorgen; eingebildete Sorgen verdrängen die Sorge um das eine, das Not ist. 3) Unbrauchbare Reichtümer, die weder den Besitzern dauernde Befriedigung gewähren noch denen sie sie hinterlassen. George Rogers 1870.
V. 8. Wes soll ich mich trösten? 1) Was für eines Heils als Sünder? Der Gerechtigkeit aus den Werken oder derjenigen aus Gnaden? 2) Was für eines Trostes als Leidender? Eines irdischen oder eines himmlischen.? 3) Was für einer Hilfe als Betender? Einer schwachen oder mächtigen, einer gegenwärtigen oder bloß fern zukünftigen? W. H. Jackson 1870.
1) Ein dringender Anlass: Nun, Herr. Es gibt Zeiten, da wir es besonders nötig haben, zu Gott aufzuschauen und zu sagen; "Nun, Herr", "Vater, die Stunde ist gekommen." 2) Ein Ausruf frommer Ergebenheit: "Nun, Herr, wes soll ich mich trösten?" Wo ist meine Hoffnung, wo mein Vertrauen, auf wen soll ich schauen? Ich bin nichts, die Welt ist nichts, alle irdischen Quellen, aus denen Trost und Vertrauen quillt, versiegen: Wes soll ich mich trösten? Im Leben, im Sterben, in einer Welt des Todes, im Blick auf das kommende Gericht und die nahe Ewigkeit? Was bedarf ich da? George Rogers 1870.
V. 9. Unser Gebet sollte umfassend sein: Errette mich von aller meiner Sünde. Wir haben oft aufs Neue nötig, zu sagen: Gott, sei mir Sünder gnädig! Trübsale sollten uns all unsere Sünden erinnern. Wenn wir nun um Errettung von aller Sünde bitten, so können wir sicher sein, dass wir auch von derjenigen befreit werden, die unser Leiden verursacht hat. 2) Das Gebet sollte aber auch ganz speziell sein: Lass mich nicht den Narren ein Spott werden . Lass nicht zu, dass ich im Leiden mit Worten oder Gebärden Ungeduld zeige und dadurch auch nur einem Narren Anlass zum Lästern gebe. Der Gedanke, dass viele unser Verhalten misstrauisch beobachten, sollte uns vor der Sünde besonders auf der Hut sein lassen. George Rogers 1870.
V. 2-4.10. Das Schweigen des Unmuts und das Schweigen der Ergebung.
V. 11. 1) Trübsale kommen von Gott. Deine Plage, es sind Plagen seiner Hand. Nicht das Richtschwert des Gesetzes, sondern die Rute des Vaters. 2) Trübsale werden von Gott wieder abgewendet: Wende usw. Nicht um Wunder bittet er, sondern dass Gott, wie es ja seine Art ist, durch natürliche Mittel helfend eingreife. Zu den Mitteln, die wir oder andere zu unserer Rettung anwenden, wollen wir Gottes Segen erflehen. 3) Mit den Trübsalen verfolgt Gott einen besondern Zweck. Denn ich bin verschmachtet wegen der Anfeindung deiner Hand (wörtlich). Gott widersteht uns, wenn zwischen unserem und seinem Willen ein Gegensatz ist. Der Psalmist nun gibt sich selbst gefangen in dem Kampf. - Wir sollten ängstlicher darauf bedacht sein, dass dieser Zweck erreicht, als darauf, dass die Plage von uns gewendet werde; denn wenn jener erfüllt ist, weicht auch diese. George Rogers 1870.
V. 12. 1) Die Ursache unsrer Prüfungen; Um der Sünde willen . O dass diese Prüfung kommen musste, mir all meinen Trost, den Frieden meines Herzens und das göttliche Wohlgefallen zu rauben! Nein, nicht also! Der ganze Zweck ist, deine Sünde wegzunehmen; die Schlacken, nicht ein Körnchen Gold, die Sünde, einzig die Sünde! 2) Die Wirkung unsrer Prüfungen: Alles, was uns für dieses Leben begehrenswert scheint, aber nicht unserem wahren Wohl dient, wird verzehrt . Doch - die Gewänder, prächtig vor Menschenaugen, mögen mottenzerfressen werden, aber der Seele Gewand, das Kleid der Gerechtigkeit, kann nicht zernagt werden. 3) Die Absicht in unsern Prüfungen. Diese sind keine Verfügungen der göttlichen Strafgerechtigkeit, sondern wohl gemeinte Zurechtweisungen und väterliche Bestrafungen. Christus, unserm Bürgen, wurde das Strafgericht auferlegt, uns nur die väterlichen Züchtigungen. 4) Der gute Grund für unsere Prüfungen. (Ach wie gar nichts sind doch alle Menschen.) Der vernünftig denkende Mensch muss sich sagen: Wie könnte in einer Welt wie dieser irgendjemand erwarten, von Prüfungen befreit zu bleiben? Diese Erdenwelt bleibt ja für den Christen, was sie ihm in seinem unwiedergeborenen Zustande war, und ebenso sein Leib. Er trägt eine bekehrte Seele in einem unbekehrten Leib. Wie kann er daher den äußerlichen Übeln des Lebens entgehen? George Rogers 1870.
V. 13. David macht betend vor Gott geltend, welch guten Einfluss die Trübsal auf seine Seele gehabt hatte; 1) Sie hatte ihn zum Weinen gebracht. 2) Sie hatte ihn ins Gebet getrieben. 3) Sie hatte dazu beigetragen, ihn von der Welt zu entwöhnen. Matthew Henry † 1714.
V. 13b. Bin ich Gottes Pilgrim und Beisasse ? Dann will ich 1) mich dieses hohen Vorrechts freuen; 2) mich mit dem Los, das Pilgrimen und Beisassen in der Welt gemeiniglich zuteil wird, begnügen. 3) Befinden sich von diesen meinen Stammverwandten welche in meiner Nähe, so will ich mit ihnen vertraute Gemeinschaft pflegen. 4) Ich möchte nicht in die Dinge dieser Welt verwickelt werden. 5) Meine Liebe wende sich vielmehr dem zu, was droben ist, und mein Wandel sei allezeit im Himmel. 6) Ich will zwar nicht ungeduldig nach der Heimat ausschauen, sie aber wahrhaft schätzen. William Jay † 1853.
V. 14. I. Der Gegenstand der Bitte Davids nicht: - dem Tod zu entrinnen und immer in diesem Leben zu bleiben, da er wohl weiß, dass wir von hinnen müssen; vielmehr 1) dass er sich wieder erhole voll seinen Trübsalen, und 2) noch etwas länger in diesem Leben weilen dürfe. So ein Gebet ist durchaus passend, wenn es in Unterordnung unter Gottes Willen dargebracht wird. II. Die Gründe für diese Bitte: 1) dass er die über ihn verbreiteten Verleumdungen durch seinen künftigen Wandel zunichte machen könne; 2) dass ihm klarere Beweise seines Anteils an der göttlichen Gnade gegeben werden mögen; 3) dass er ein Segen für andere, für seine Familie und sein Volk werde; 4) dass er völligen Frieden und wahren Trost im Sterben habe und 5) dass ihm reichlicher dargereicht werde der Eingang zu dem ewigen Reich unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi. George Rogers 1870.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps40

Beitragvon Jörg » 06.10.2020 14:41

PSALM 40 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Ein Psalm Davids. Dass die altehrwürdige Überschrift David als Verfasser des Psalms nennt, ist uns von mehr Gewicht, als die weit auseinander gehenden Ansichten der Kommentatoren. David wurde durch den heiligen Geist in die Sphäre der Weissagung erhoben und so der Ehre gewürdigt, in diesem Psalm von einem zu schreiben, der weit größer war als er. Vorzusingen . Das zeigt, dass der Psalm für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt war und nicht nur zur Privaterbauung des Dichters, wie wir etwa meinen könnten, weil der Verfasser durchgängig in der ersten Person der Einzahl redet.

Inhalt

Christus ist es, der in diesem Psalm durch Davids Mund redet. (Hebr. 10,5 .) Und obwohl wir den Worten nicht Gewalt antun müssten, wenn wir sie sowohl David als auch seinem Herrn, sowohl Christo als auch der Kirche in den Mund legten, so könnte solch doppelte Auslegung doch unklar werden; darum wollen wir die Sonne leuchten lassen, ob auch die Sterne deswegen verdunkelt würden. Auch wenn der Hebräerbrief (10,5-10) nicht so bestimmt V. 7-10 auf den bezöge, der in die Welt kam, den Willen des Vaters zu tun, würden wir zu dem Schluss gekommen sein, dass David hier von unserem Herrn rede.

Einteilung

V. 2-4 enthält einen Dankes-Erguss für die Wohltaten, die der hier Redende persönlich empfangen hat; dem folgt V. 5.6 eine Erklärung über Jahwes Güte gegen alle die Seinen. In V. 7-11 gelobt der Beter, sich dem göttlichen Willen zu weihen. V. 12-18 enthält ein Gebet um Errettung aus großer Not und um Zuschandenmachen der Feinde.

Auslegung

2. Ich harrte des Herrn;
und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien,
3. und zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm,
und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann;
4. und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben
unseren Gott.
Das werden viele sehen und den Herrn fürchten und auf
ihn hoffen.


2. Beharrlich habe ich des Herrn geharrt. (Grundt.) Anhaltendes, geduldiges Harren auf Gott war eine besondere Charaktereigenschaft des Herrn Jesus. Nie war Ungeduld in seinem Herzen, geschweige denn, dass sie über seine Lippen gekommen wäre. Während seines ganzen Leidens, sowohl bei seinem Seelenkampf in Gethsemane als auch, als er vor Herodes und Pilatus Spott und Hohn erlitt, wie während er am Kreuze hing, harrte er des Herrn in alles überwindender Geduld. Kein Blick fleischlichen Zornes, kein Wort des Murrens, keine Tat der Rache entfuhr dem geduldigen Gotteslamm. Er harrte und harrte wiederholt, er übte Geduld, und Geduld bis zur Vollendung, und übertraf darin weit alle, die nach ihrem Maße Gott im Feuerofen der Trübsal verherrlicht haben. Wir bewundern einen Hiob, wie er in solcher Gottgelassenheit im Staub und in der Asche sitzt; aber an das Ausharren des am Kreuze hängenden Jesus reicht seine Geduld nicht hinan. Der Gesalbte des Herrn trägt unter den Duldern die Krone. Hat der Eingeborene des Vaters so still geharrt, sollten wir uns dann ungeduldig und widerspenstig verhalten?
Und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Nie hat Jesus, das Haupt, umsonst auf den Herrn geharrt; auch soll das keinem der Glieder seines Leibes je widerfahren. Man beachte das Bild, das in dem "er neigte sich zu mir " angedeutet ist. Der Bittende schrie aus der Tiefe und die herablassende Liebe beugte sich nieder, um seine schwachen Seufzer zu vernehmen. Wie wunderseltsam ist es, dass unser Herr und Heiland gerade so zu Gott schreien und des Herrn harren musste , wie wir, und dass er somit die Hilfe des Vaters auf demselben Wege des Glaubens und des Ringens mit Gott erlangte, der auch uns vorgeschrieben ist. Wollen wir eine lebendige Darstellung unseres Verses haben, so lasst uns an den Heiland denken, wie er dort im Mitternachtsdunkel auf einsamer Bergeshöhe zu seinem Vater fleht oder in Gethsemane ringt. Der Sohn Davids versank in große Tiefen, aber er erhob sich siegreich; und hier lehrt er uns, wie wir unsere Kämpfe genauso führen können, dass sie in gleicher Weise wie die seinen in Triumph enden. Lasst uns mit demselben Sinn uns wappnen; lasst uns, angetan mit dem Panzer der Geduld, den Waffen des Gebets und dem Gurt des Glaubens, den heiligen Kampf ausfechten.

3. Und zog mich aus der Grube des Verderbens. (Grundt.) Als unser Heiland in eigner Person den über die Sünde verhängten Fluch trug, war er in solch tiefer Erniedrigung, dass er einem in einen tiefen, finstern, schrecklichen Kerker verschlossenen Gefangenen glich, der um sich her nichts als Verderben sieht, während über seinem Haupte die Fußtritte hass-schnaubender Feinde widerhallen. Unser Erlöser war in seiner Seelennot so verlassen wie ein Gefangener in den oubliettes1 , vergessen von allen Menschen, eingemauert inmitten von Schrecken und Finsternis in völliger Vereinsamung. Dennoch führte Jahwe ihn aus all seiner Erniedrigung hinauf zu lichter Herrlichkeit, zog ihn aus der tiefen Hölle der Angst, in die er als unser Stellvertreter geworfen worden war, wieder empor. Er, der unseren Bürgen aus solcher Not errettete, wird nicht versäumen, auch uns aus den weit geringeren und beschiedenen Nöten zu befreien. Aus dem kotigen Schlamm. (Grundt.) Der edle Dulder kam sich vor wie jemand, der keinen Halt für seinen Fuß finden kann, sondern im Schlamm ausgleitet und versinkt. Das Bild weist nicht nur wie das vorige auf großes Elend hin, sondern deutet noch besonders das an, dass es ihm an jedem Grund des Trostes fehlte, auf dem er hätte Fuß fassen und sich über den Wassern der Angst halten können. Lieber Leser, bete den teuren Erlöser an, der um deinetwillen alles Trostes beraubt war, während alles nur denkbare Elend ihn umgab. Beachte, wie dankbar er sich dafür bezeigte, dass er unter seinen Mühsalen und Leiden aufrecht erhalten wurde; und wenn du an deinem Teil ebenfalls göttliche Hilfe erfahren hast, so versäume nicht, mit dem Herrn in diesen Lobpreis einzustimmen. Und stellte meine Füße auf einen Fels, machte meine Tritte fest. (Grundt.) Das Werk des Erlösers ist vollbracht. Er steht auf dem festen Grund, dass er alle seine übernommenen Verpflichtungen erfüllt hat. Er kann nie wieder leiden; für immer herrscht er in Herrlichkeit. Welch ein Trost ist’s, zu wissen, dass Jesus in allem, was er für uns ist und tut, sicheren Grund unter den Füßen hat, und dass er bei all den Schritten, die er in seiner Liebe für uns unternimmt, auch in Zukunft keinen Fehltritt tun wird, weil Gott seine Tritte gefestigt hat. Er hat für immer und ewig das Vermögen, aufs Vollständigste selig zu machen, die durch ihn zu Gott nahen, da er immerdar lebt, um für sie einzutreten. (Hebr. 7,25 .) Jesus ist der wahre Joseph, der aus der grausamen Grube befreit worden ist, um Herr zu sein über alles. Es ist mehr als nur ein Nippen an dem süßen Kelch göttlichen Trostes, wenn wir, gleich unserem Meister in den Abgrund der Schmach und des Kummers geworfen, daran gedenken, dass wir uns gleich ihm in der Kraft des Glaubens daraus erheben werden, um auf demselben hoch erhabenen, sicheren und unvergänglichen Felsen der göttlichen Huld und Treue zu stehen.

4. Und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, einen Lobgesang auf unseren Gott. (Wörtl.) Bei dem Passahmahl vor seinem Leiden sang der Herr etliche der ehrwürdigen alten Psalmen zum Preise seines Gottes (Mt. 26,30); aber die Musik entströmt jetzt seinem Herzen, da er mitten unter seinen Erlösten lebt! Welch ein Lied ist das, das sein von Freude überströmendes Herz jetzt anhebt und in das einzustimmen er den Chor der Auserwählten mit fortreißt! Weder Mirjams Reigenlied noch Moses Triumphgesang über Ägyptens Untergang können auch nur im Entferntesten den Vergleich mit diesem neuen und allezeit neuen, himmlisch erhabenen Lobliede aushalten, das davon singt, wie die ewige Gerechtigkeit geheiligt worden ist und zugleich die ewige Gnade den Sieg errungen hat, wie die Hölle gestürzt und der Himmel verherrlicht worden, dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht worden, die Sünde getilgt und die Gerechtigkeit allen Gläubigen erworben worden ist. Welch reiches, herrliches Thema für das Lied, das der Herr an dem Tag anstimmen wird, wenn er das Gewächs des Weinstocks neu trinken wird mit uns in unseres Vaters Reich! Schon auf Erden und vor seinem Leiden sah er auf die vor ihm liegende Freude (Hebr. 12,2 Grundt.) und wurde durch diese Aussicht zum Dulden gestärkt. Einen Lobgesang auf unseren Gott, den Gott Jesu, den Gott Israels, "meinen Gott und euren Gott" (Joh. 20,17). Wie werden wir ihn einst preisen! Doch wird Jesus es vor allem sein, der unsere Harfen rührt; er wird das himmlische Halleluja leiten, das von der erlösten Sängerschar erschallen wird. Das werden viele sehen und den Herrn fürchten und auf ihn hoffen (oder trauen). Scharen von Sündern, so zahlreich, dass sie kein Mensch zählen kann, werden einen Blick in das Leiden und den Sieg Jesu bekommen, von heiliger Scheu erfüllt werden deswegen, dass sie ihn gering geachtet haben, und dann durch die Macht der Gnade dazu geführt werden, dass sie auf den Herrn trauen. Das ist der Schmerzenslohn unseres Heilands. Unser Vers enthält eine herrliche Verheißung, die wohl geeignet ist, die Boten des Evangeliums mit kühnen Hoffnungen und ausdauerndem Mut zum Wirken zu erfüllen. Lieber Leser, bist du unter diesen vielen? Beachte den Weg des Heils: sehen, von heiliger Furcht erfüllt werden und sich auf den Herrn verlassen. Weißt du aus eigner Erfahrung, was diese Worte bedeuten? Auf den Herrn trauen ist das Kennzeichen derer, die erlöst sind, und das Hauptstück dessen, was wir zu tun haben, um der vollbrachten Erlösung teilhaftig zu werden. Wer wahrhaft glaubt, bei dem ist’s nicht zweifelhaft, dass er von der Macht der Sünde und des Satans befreit ist.

Fußnote
1. Unterirdische Verließe in den alten Burgen, in die die Gefangenen durch eine Falltür unversehens hinabstürzten zu hoffnungslosem Verderben.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 10.10.2020 12:49

5. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn
und sich nicht wendet zu den Hoffärtigen und die mit Lügen
umgehen!
6. Herr, mein Gott, groß sind deine Wunder und deine Gedanken,
die du an uns beweist.
Dir ist nichts gleich.
Ich will sie verkündigen und davon sagen,
aber sie sind nicht zu zählen.

5. Wohl dem Mann. Dieser Ausruf erinnert uns an den Anfang des Psalters: O der Glückseligkeiten des Mannes, der usw. Wem Gott Heil gibt, der hat Allheil. "Ich weiß, dass, welchen du segnest, der ist gesegnet" (4. Mose 22,6), das gilt von Gott in Wahrheit (1. Chr. 17,27). Wohl dem, der seine Hoffnung (sein Vertrauen) setzt auf den Herrn, wörtl.: der den Herrn zum Gegenstand seines Vertrauens macht. Der Glaube erlangt Verheißungen (Hebr. 11,33). Einfältiges Gottvertrauen ist ein sicheres Kennzeichen echter Glückseligkeit . Es mag einer so arm sein wie Lazarus, so gehasst wie Mardochai, so todkrank wie Hiskia, so einsam wie Elia, - solange er sich mit seiner Glaubenshand an Gott zu klammern vermag, kann doch keine dieser äußeren Trübsale es hindern, dass er zu den wahrhaft Glücklichen und Gesegneten gehört; wer dagegen ohne Glauben dahinlebt, auf dem lastet Unheil, er sei, wer er wolle. Mag er noch so reich sein und in allen seinen Unternehmungen scheinbar Glück haben, er ist doch ein unglückliches, bedauernswertes Menschenkind. Und sich nicht wendet zu den Hoffärtigen, wörtl.; den Lärmenden, d. h. wohl: den Trotzigen . Die Gottlosen pochen und trotzen auf ihre Kraft und Gewalt, ihre Reichtümer und weltlichen Würden und verlangen und erwarten, dass alle Menschen ihnen huldigen und auf sie ihr Vertrauen setzen. Der Tanz ums goldene Kalb hat noch nicht aufgehört. Aber wer im Gottvertrauen lebt, ist sich seines Adels zu sehr bewusst, als dass er sich vor Geldprotzen neigen würde oder sich durch das anmaßende, trotzige und übermütige Gehabe der Gottlosen bestimmen ließe, vor diesen zu kriechen und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Mit den Hoffärtigen hatte Jesus nichts zu schaffen. Und die mit Lügen umgehen2. Irrlehren und Götzendienst sind Lügen, aber auch Habsucht, Weltsinn und Genuss-Sucht. Wehe denen, die zu solch trügerischen Dingen abweichen . Unser Heiland redete allezeit die Wahrheit und liebte die Wahrheit und der Vater der Lügen hatte kein Teil mit ihm. Gegen Irrlehrer, Zeitdiener und alle, die von der Wahrheit abtrünnig geworden sind, sollen wir keine Nachgiebigkeit zeigen; sie sind ein böser Sauerteig und je mehr wir uns von ihnen reinigen, desto besser. Wohl denen, die Gott vor verderblichem Irrtum in Lehre und Wandel bewahrt.

6. Herr, mein Gott, groß (besser: viel) sind deine Wunder und deine Gedanken, die du an uns beweist, eigentlich; für uns ausgeführt hast . Schöpfung, Vorsehung und Erlösung sind so voller Wunder, wie das Meer von Lebewesen. Lasst uns speziell auf die endlose Kette von Wundern achten, die vom Kreuze ausgeht. Gottes Gedanken oder Heilspläne gehen mit seinen Taten Hand in Hand; diese beruhen auf jenen, denn der Allweise tut nichts planlos. Gottes Gedanken sind voller Huld auf seine Auserwählten gerichtet: Für uns schlägt sein Herz, für uns regt sich seine Hand. Die göttlichen Liebesratschlüsse sind groß an Zahl, groß an wunderbarem Inhalt, groß an Nutzen für uns. Sinne über sie nach, lieber Leser: es gibt nichts, woran dein Herz so süße Weide finden könnte. Gott hat viel an dich gedacht, denke du nicht wenig an ihn. Dir ist nichts gleich, wörtl.: zu vergleichen. Es gibt keine Möglichkeit, irgendetwas zu finden, das dir gleichwertig und somit dir zu vergleichen angemessen wäre. Hiob ringt (28,12 ff.) vergeblich danach, ein Bild zu finden, das der göttlichen Weisheit entspräche; wo sollen wir erst Worte hernehmen, Gottes Liebe zu schildern? Wir finden keinen Faden, der uns aus diesem Labyrinth herausführte; doch ist’s uns selig wohl dabei, denn dieser Irrgarten ist das Himmelsparadies, aus dem wir nicht hinausbegehren. Wie süß ist es, von Gottes Heilsgedanken gefangen und überwältigt zu sein! Will ich sie verkündigen und davon sagen, so sind sie zu gewaltig, um sie aufzuzählen. (Grundt.) Das sollte freilich bei jeder passenden Gelegenheit die Beschäftigung meiner Zunge sein, deine wunderbaren Taten und Ratschlüsse zu verkündigen und auszusagen; aber dazu ist ihre Zahl viel zu gewaltig. Weit über alle Begriffe der menschlichen Rechenkunst reicht die Zahl dieser deiner Ewigkeitsgedanken; und wie ihre Summe, so ist auch der Wert der in ihnen mir zugedachten und zugeteilten Gnadengüter viel zu groß, als dass mein Schätzungsvermögen hinanreichte. Doch ob wir auch unfähig sind, die Werke des Herrn auszusagen, so lasst uns daraus doch keinen Vorwand zum Schweigen entnehmen; denn unser Heiland, der auch darin unser bestes Vorbild ist, redete oft zu den Menschen von den heiligen Liebesgedanken seines Vaters.

7. Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht;
aber die Ohren hast du mir aufgetan.
Du willst weder Brandopfer noch Sündopfer.
8. Da sprach ich: Siehe, ich komme;
im Buch ist von mir geschrieben.
9. Deinen Willen, mein Gott, tu ich gerne,
und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.
10. Ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeinde;
siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen,
Herr, das weißt Du.
11. Deine Gerechtigkeit verberge ich nicht in meinem Herzen;
von deiner Wahrheit und von deinem Heil rede ich;
ich verhehle deine Güte und Treue nicht vor der großen Gemeinde.


7. Mit diesem Vers kommen wir zu einer der merkwürdigsten Stellen des ganzen Alten Testaments, einer Stelle, in der wir den Mensch gewordenen Gottessohn nicht wie in einem undeutlichen Spiegel, sondern gleichsam von Angesicht zu Angesicht schauen. (Schlacht =)Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht. An den alttestamentlichen Opfern an und für sich konnte Jahwe nichts ihn wirklich Befriedigendes finden. Weder die Ströme des Opferbluts noch die Rauchwolken des auf dem Altar verbrannten Mehlopfers waren für den Herrn ein Genuss; ihn verlangte nicht nach Ochsenfleisch oder Bocksblut, auch hatte er nicht Lust an Korn, Wein und Öl. Als Sinnbilder des einen Opfers des Herzens und Lebens, welches Gott vom Menschen begehrt, und als Vorbilder auf das vollkommene Opfer Christi, hatten diese Gaben Wert; aber als Jesus in die Welt kam, hörten sie auf, von Wert zu sein, wie ein Kerzenlicht nicht mehr geschätzt wird, wenn die Sonne aufgegangen ist. Aber die Ohren hast du mir aufgetan, wörtlich: Ohren hast du mir gegraben . Unser Heiland war schnell zu hören und allezeit bereit, seines Vaters Willen zu erfüllen. Seine Ohren waren gleichsam bis hinab zur Tiefe der Seele offen: Sie waren nicht verschlossen wie Isaaks Brunnen, den die Philister verstopft hatten. Der pünktliche Gehorsam des Herrn Jesu ist’s jedenfalls, worauf die Textworte vor allem hinweisen. Doch sehen wir keinen Grund, die Annahme etlicher Ausleger zurückzuweisen, dass hier auf jene Bestimmung des Gesetzes (2. Mose 21,5 f.; 5. Mose 15,16 f.) angespielt werde, nach der einem Knecht, der aus Liebe zu seinem Herrn auf das Recht, im siebenten Jahre frei auszugehen, verzichtete, das Ohr durchbohrt und an den Türpfosten geheftet werden sollte.3 Das durchbohrte Ohr, das Zeichen ewiger freiwilliger Dienstbarkeit, ist ein treffendes Bild der Treue, mit der unser hochgelobter Heiland sich auf ewig dem Dienste seines Vaters geweiht hat. Jesus hat sich unwiderruflich hingegeben, der Knecht der Knechte zu sein um unsertwillen und zu seines Vaters Verherrlichung. Die griechische Übersetzung, nach der der Hebräerbrief (10,5-7) diese Psalmstelle anführt, hat die Worte übertragen: Einen Leib aber hast du mir zubereitet. Wie diese Lesart aufgekommen sein mag, ist schwer zu erklären;4 die Autorität des Hebräerbriefs verbürgt uns aber, dass sie keine Missdeutung des Textes ist. In jedem Fall bezeugt das Schriftwort von dem Eingeborenen des Vaters, dass er zum Dienste wohl ausgerüstet in die Welt gekommen sei, und in einem wirklichen, stofflichen Leibe, um durch sein Leben und sein Sterben Gott zu dienen und dadurch alle die schattenhaften Opfer des mosaischen Gesetzes abzutun. Du willst, wörtl.: verlangst, weder Brandopfer noch Sündopfer. Zwei andere Opferarten werden nun angeführt. Sowohl die vorbildlichen Opfer der Anbetung, die Brandopfer als auch die vorbildlichen Sündopfer sind abgetan; weder allgemeine noch besondere Opfer begehrt Gott mehr. Denn was bedarf es noch der Sinnbilder, da das Wesen selbst vorhanden ist? Wir ersehen aus diesem Verse, dass Jahwe den Gehorsam des Herzens weit höher schätzt, als allen noch so großartigen äußerlichen Gottesdienst, und dass die Sühnung unserer Sünde nicht durch ein fein ausgearbeitetes Zeremoniell bewirkt wird, sondern die Frucht davon ist, dass unser großer Stellvertreter sich dem Willen Jahwes hingegeben hat.

8. Da sprach ich . Nämlich, als es klar zutage getreten war, dass das Sündenelend der Menschen durch die Leistungen und Darbringungen des alttestamentlichen Gottesdienstes nicht geheilt werden konnte. Da es gewiss war, dass die bloßen Abbilder der Genugtuung und Sühnung keinen in die Ewigkeit reichenden Wert hatten, trat Jesus in eigner Person ins Mittel. Wie köstlich sind diese Worte: Da sprach ich usw. Es sind Worte ewigen Lebens. O dass unsere Seele sich daran nähre! Siehe, ich komme . Schaut her, ihr Himmel, und merke auf, o Erde, und ihr Örter unter der Erde! Der unsichtbare Gott kommt in der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches und der Ewige und Allerhabene liegt als ein Kindlein in der Jungfrau Schoß! Nicht einen Boten sendet Immanuel, sondern er selber kommt, kommt in höchsteigener Person aus den elfenbeinernen Palästen zu den Hütten des Elends. Er kommt zur vorbestimmten Zeit, kommt in heiliger Freude als einer, der sich willig darbringt. Im Buch (in der Buchrolle) ist von mir (wörtl.: über mich) geschrieben.5 Die geheimnisvolle Buchrolle des göttlichen Vorsatzes, die die Vorsehung Schritt um Schritt entfaltet, enthielt eine schriftlich festgesetzte Bundesbestimmung, dass in der Fülle der Zeiten Gott selbst auf die Erde niederkommen sollte, um einen Zweck auszuführen, den all die zahllosen Opfer von Stieren und Böcken nicht verwirklichen konnten. Unser Heiland achtete auf seine von alters her übernommenen Bundesverpflichtungen und lehrt uns damit, im Halten unseres Wortes die äußerste Gewissenhaftigkeit zu beobachten. Haben wir ein Versprechen gegeben und ist es also niedergeschrieben im Buch des Gedächtnisses? Dann lasst es uns an der Erfüllung nicht fehlen lassen.

9. Deinen Willen, mein Gott, tue ich gerne. Unser hochgelobter Heiland allein konnte den Willen Gottes völlig vollbringen. Das Gesetz des Herrn ist zu umfassend und zu tief, als dass solch armselige Geschöpfe wie wir hoffen könnten, es seinem ganzen Umfang nach zu erfüllen. Jesus aber tat nicht nur seines Vaters Willen, sondern fand seine Lust hieran. Von aller Ewigkeit her war sein Begehren darauf gerichtet, das ihm aufgegebene Werk hinauszuführen; während seines Erdenlebens verlangte ihn sehnlich nach der Leidenstaufe, in der er dem Gesetze Genüge leisten sollte, und selbst in Gethsemane wählte er des Vaters Willen und setzte seinen eigenen beiseite. Eben darin liegt ja der echte Gehorsam: in der freudigen Hingabe der Seele an Gottes Willen; und der Gehorsam Christi, der unsere Rechtfertigung ist, ließ an dieser vornehmsten Eigenschaft nichts fehlen. Trotz der maßlosen Leiden, die ihm sein Werk brachte, war ihm dieses dennoch seine Lust und für die vor ihm liegende Freude erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht (Hebr. 12,2 Grundt.). Und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen. Nicht einen nur äußerlichen, formellen Gehorsam brachte Christus dar; sein Herz war bei seinem Werke, Heiligkeit war sein Element, des Vaters Wille seine Speise und sein Trank. Unser jeglicher soll darin dem Herrn ähnlich werden; sonst mangelt uns das Kennzeichen seiner Jüngerschaft. Ist der Gehorsam uns nicht Herzenssache, haben wir an Gottes Gesetz nicht unsere Lust, so kann unser Tun vor Gott auch keine Annahme finden. Lasst uns den Heiland anbeten, dass er das große Werk unserer Erlösung so willig, so von Herzen unternommen und ausgeführt hat.

Fußnoten
2. Buchstäblich: Abweichende der Lüge was man entweder fasst: die zu Lügen abweichen, oder: treulos Abtrünnige

3. So sinnig diese bei vielen älteren Auslegern beliebte und auch noch von Böhl verteidigte Erklärung ist, so spricht doch schon das eine entscheidend dagegen, dass in unserer Psalmstelle die Mehrzahl Ohren steht, während dem Knechte nur ein Ohr durchbohrt wurde. Ferner ist die nächstliegende Bedeutung von hrk graben, ausgraben, und obwohl es möglich wäre, dem Wort die Bedeutung durchgraben beizulegen (vergl. das verwandte r)k Ps. 22,17), so wäre doch, wenn der Psalmdichter hier an die von dem Durchbohren des Ohres handelnden Stellen gedacht hätte, befremdlich, dass er nicht das an beiden Torastellen gebrauchte (cr oder (crm gesetzt hat. Endlich scheint uns (gegen Böhl) die freie Übers. der LXX (siehe die folg. Anm.) für die Deutung "Ohren hast du mir gegraben" zu sprechen.

4. Es gibt dafür hauptsächlich zwei Erklärungen. Entweder hatte die LXX ursprünglich w)ti/a (diese Lesart ist wirklich vorhanden) und ist die Lesart sw=ma dadurch entstanden, dass ein Abschreiber das j des vorhergehenden Wortes herüberzog und so für J WTIA JWMA las, oder - was wahrscheinlicher ist, da in der Hexapla der syrische Text, eine wortgetreue Übersetzung der LXX, ebenfalls Leib hat, - der jetzige LXX=Text sw=ma de` kathrti/sw moi ist der ursprüngliche und eine freie Übertragung des Hebräischen. Dafür spricht auch das ebenfalls sehr freie kathrti/sw .Den Satz: Ohren hast du mir gegraben, d. h. mir Werkzeuge des Hörens gegeben und damit mir gezeigt, dass du Gehorsam von mir begehrst, gab der griechische Übersetzer frei verallgemeinernd, aber dennoch dem Sinne nach richtig, wieder: Einen Leib hast du mir zubereitet (damit ich dir mit demselben diene).

5. Und zwar ist das über ihn Geschriebene nach 2.Kön. 22,13 wohl als verpflichtendes Gotteswort, als Vorschrift zu denken. Dazu stimmt hier
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Beitragvon Jörg » 13.10.2020 16:00

10. Ich habe verkündigt Gerechtigkeit in der großen Gemeine. (Grundt.) Jesus predigte die erhabenste Sittlichkeit und höchste Heiligkeit. Die göttliche Gerechtigkeit war sein Thema. Das ganze Leben des Heilands war eine Predigt ohnegleichen, die noch heute an Zehntausenden ihre Beredsamkeit erweist. Auch hat er nichts verhalten, dass er nicht verkündigt hätte all den Rat Gottes (Apg. 20,27); er verkündigte deutlich Gottes erhabenen Plan, nach dem dieser seine Gerechtigkeit in der Rechtfertigung der Sünder erweisen wollte. Er lehrte öffentlich im Tempel und schämte sich als treuer und wahrhaftiger Zeuge seines Zeugnisses nicht. Er war der Evangelist6 sondergleichen, der größte aller Reiseprediger, der Vorgänger der Straßenprediger. O ihr Knechte des Herrn, setzt euer Licht nicht unter den Scheffel, sondern enthüllt anderen das, was Gott euch geoffenbart hat; und vor allem seid durch euren Wandel Zeugen der Heiligkeit, seid Vorkämpfer des Guten und Rechten in Wort und Tat. Siehe, meine Lippen verschließe7 ich nicht, Herr, das weißt Du. (Grundt.) Weder aus Liebe zur Gemächlichkeit noch aus Menschenfurcht verschloss der große Meister je seine Lippen. Er predigte das Wort und hielt damit an, mochte die Zeit günstig oder ungünstig sein (2.Tim. 4,2). Die Armen leuchten seinen Worten und Machthaber mussten seinen Tadel hernehmen; Zöllner freuten sich seiner Rede und Pharisäer wurden deswegen wütend, aber beiden verkündigte er die Wahrheit Gottes. Wohl dem angefochtenen Gläubigen, der Gott selbst zum Zeugen aufrufen kann, dass er sich nicht gescheut hat, für den Herrn Zeugnis abzulegen; denn des mögen wir gewiss sein: Schämen wir uns nicht, unseren Gott zu bekennen, so wird er sich auch niemals schämen, uns als die Seinen anzuerkennen. Doch wie wunderbar ist, dass wir hier den Sohn Gottes wie unsereinen im Gebet mit Gott unterhandeln und ihn eben solche Gründe vor Gott geltend machen hören, wie sie sich für den Mund eines eifrigen Verkündigers seines Wortes gehören würden. Wie wahrhaftig ist er seinen Brüdern gleich geworden! (Ebr. 2,17.)

11. Deine Gerechtigkeit verbarg ich (Grundt.) nicht in meinem Herzen. Im Gegenteil, "es hat nie kein Mensch so geredet wie dieser Mensch" (Joh. 7,46). Gottes Gerechtigkeit war in seinem Herzen und von ihr floss sein Mund über in heiliger Beredsamkeit. Gesetz und Evangelium fanden in ihm gleicher Weise einen klaren Ausleger. Von deiner Wahrhaftigkeit und von deinem Heil redete ich. (Grundt.) Bei vielen Gelegenheiten bezeugte Jesus, mit welcher Zuverlässigkeit Gott seine Verheißungen erfülle, und verkündigte den Reichtum der Gnade, der sich in den Heilserweisungen gegen die Sünder offenbart. In dem Evangelium, das zu predigen Jesus auf die Erde kam, sind Gottes Wahrhaftigkeit und Gnade aufs Herrlichste vereint. Gerade das Evangelium hat uns das Wunderbare enthüllt, dass Gott seinem ureignen Wesen sowie seinem Gesetz und dessen Drohungen treu bleibt und dennoch die Sünder selig macht. Und Gottes ewige Treue gegen die Geretteten ist die Wonne der Jünger Christi. Ich verhehlte deine Gnade und Wahrheit nicht vor der großen Gemeinde. (Grundt.) Irgendein Stück der Wahrheit zu verschweigen, war dem großen Apostel Christus Jesus (Hebr. 3,1) gänzlich fremd. Nie hat er Feigheit an den Tag gelegt, nie hat Zaghaftigkeit seine Sprache abgeschwächt. Er war allezeit bereit, den Namen des Herrn zu verkündigen, und konnte nie sündigen Schweigens beschuldigt werden. Wohl konnte er stumm sein in Fällen, wo die über ihn ergangenen Weissagungen oder seine Würde oder seine Langmut es forderten, aber sonst war das Predigen ihm Speise und Trank, und er hielt nichts zurück, was seinen Jüngern nützlich war. Gnade und Wahrheit war der Inhalt seiner Worte wie seines Lebens. Dieses sein Verhalten macht er, nach unserem Psalm, in den Tagen des Leidens als Beweggrund zur göttlichen Hilfe vor seinem Vater geltend. Er war seinem Gott treu gewesen und nun bittet er den Herrn, sich auch ihm treu zu erweisen. Möge jeder stumme Christ, dem die Zunge durch sündige Scham gebunden ist, bedenken, wie wenig er in Trübsalszeiten in solcher Weise zu beten fähig sein wird.

12. Du aber, Herr, wollest deine Barmherzigkeit von mir nicht
wenden;
lass deine Güte und Treue allewege mich behüten.
13. Denn es hat mich umgeben Leiden ohne Zahl;
es haben mich meine Sünden ergriffen, dass ich nicht sehen
kann;
ihrer ist mehr als Haare auf meinem Haupt,
und mein Herz hat mich verlassen.
14. Lass dir’s gefallen, Herr, dass du mich errettest;
eile, Herr, mir zu helfen!
15. Schämen müssen sich und zuschanden werden,
die mir nach meiner Seele stehen, dass sie die umbringen;
zurück müssen sie fallen und zuschanden werden,
die mir Übels gönnen.
16. Sie müssen in ihrer Schande erschrecken,
die über mich schreien. "Da, da."
17. Es müssen dein sich freuen und fröhlich sein alle, die nach
dir fragen;
und die dein Heil lieben, müssen sagen allewege: "Der Herr
sei hochgelobt!"
18. Denn ich bin arm und elend;
der Herr aber sorgt für mich.
Du bist mein Helfer und Erretter;
mein Gott, verziehe nicht.


12. Du aber, Herr, wollest deine Barmherzigkeit von mir nicht wenden. Wohl sollte sich eine kleine Zeit die Barmherzigkeit seines Vaters von unserem Heiland wenden, da er am Fluchholze hing; doch während er noch in dem schrecklichen Kampf war, bat er um Zuwendung des Erbarmens, und dass der Engel ihn zu stärken kam (Lk. 22,33), war sichtbar eine Antwort auf dies Gebet. Er hatte einst in der Wüste die Nähe Gottes geschmeckt und jetzt, da er am Eingang des Tals der Todesschatten steht, gibt er in heiligem Freimut seinem Verlangen oder vielmehr seiner Erwartung8 Ausdruck, dass Gottes Erbarmen ihn hindurchbringen werde. Er hatte seine Lippen nicht verschlossen (V. 10), wo es gegolten hatte, Gottes Wahrheit zu bezeugen; nun hofft er zuversichtlich, sein Vater werde auch sein Erbarmen nicht vor ihm verschließen. (Wörtl.) Lass deine Güte und Treue (deine Gnade und Wahrheit) allewege mich behüten . Von beiden hatte er gepredigt und nun bittet er um Erfahrung derselben, dass er an dem bösen Tage beschirmt und von den Widersachern und den Leiden errettet werden möge. Nichts bringt den Heiland unserem Herzen näher, als wenn wir ihn so als unsereinen zu Gott flehen hören. Herr Jesus, in unseren Nächten des Ringens wollen wir dein gedenken.

13. Denn es hat mich umgeben Leiden ohne Zahl. Ringsum war er von Weh umringt; Leiden ohne Zahl umgaben ihn, der sich um unserer Sünden willen zum Opferlamm hingegeben hatte. Unsere Sünden sind unzählbar, darum war auch sein Herzeleid ohne Maß. Für uns gab es kein Entrinnen vor der Schuld unserer Missetaten; so gab es auch für ihn kein Entrinnen vor den Leiden, die uns treffen sollten. Von allen vier Winden stürmten die Übel über den Hochgelobten herein, obwohl in seinem Herzen nichts Übles eine Stätte hatte. Es haben mich meine Sünden ergriffen, dass ich nicht sehen kann. Er hatte keine eigene Sünde, aber der Herr ließ unser aller Sünde auf ihn treffen (Jes. 53,6), und er nahm unsere Missetaten auf sich, als wären sie seine eigenen.9 Er, der von keiner Sünde wusste, wurde für uns zur Sünde gemacht. Unsere Missetaten ergriffen ihn so sehr, dass ihm keine Aussicht blieb; sie umlagerten ihn wie ein dicht geschlossenes feindliches Heer, dass ihm der freie Blick dadurch ganz genommen war. O meine Seele, was würden deine Sünden dir getan haben, wenn der Freund der Sünder nicht an deine Statt getreten wäre! O der Wundertiefe dieser Liebe, die den Fleckenlosen willig die Schrecken erdulden ließ, die die Sünde über uns hätte bringen müssen. Ihrer ist mehr als Haare auf meinem Haupt, und mein Herz hat mich verlassen. Die Strafleiden, die über ihn hereinbrachen, waren unermesslich, und des Heilands Seele wurde von ihnen so bedrückt, dass ihn Kraft und Mut verließen. Nicht ohne Grund brach in Gethsemane ihm das Blut aus den Poren.

14. Lass dir’s gefallen, Herr, dass du mich errettest; eile, Herr, mir zu helfen! Wie herzbeweglich, wie demütig, wie kläglich klingen diese Worte. Wie dringen sie uns ins Herz, wenn wir daran gedenken, dass unser hocherhabener Herr und Meister auf solche Weise gebetet hat! Seine Bitte ist nicht so sehr, dass der Kelch an ihm vorübergehen, sondern dass er in seinem Leiden durch Gottes Macht bewahrt und im ersten passenden Augenblick daraus befreit werden möge. Er sucht Errettung und Hilfe und fleht, dass die Hilfe sich nicht verzögere - er betet ganz, wie wir beten. Und beachte, lieber Leser, wie unser Heiland erhört wurde; Zeuge dessen ist die stille Ruhe, mit der er, nach dem Seelenkampf in Gethsemane, das Leiden erduldete und die den Kampf ebenso glorreich machte wie den Sieg.

15. Schämen müssen sich und zuschanden werden allesamt (Grundt.), die mir nach meiner Seele stehen, dass sie die umbringen . Ob wir diese Worte als Gebet oder Weissagung lesen, ist nicht von Bedeutung; denn Sünde, Tod und Hölle mögen wohl vor Schmach außer Fassung geraten und vor Scham sich verbergen, wenn sie sehen, wie alle ihre Bosheit sich gegen sie wendet. Nichts mag den Satan so mit Schmach und Verwirrung bedecken, als dass sein Versuch, den Heiland umzubringen, zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen ist. Die ganze teuflische Bande, die sich einst gegen den Gesalbten des Herrn verschwor, ist zuschanden geworden; denn Jesus machte alle Intrigen seiner Feinde zunichte und verkehrte alle ihre Weisheit in Torheit. Zurück müssen sie fallen und zuschanden werden, die mir Übels gönnen. Das ist geschehen, die Heere der Finsternis sind aufs Haupt geschlagen und auf ewig ein Gegenstand heiligen Spottes geworden. Wie haben sie darüber gebrütet, auf welche Weise sie den Weibessamen vernichten könnten! Aber der Gekreuzigte hat sie überwältigt, der verachtete Nazarener sie der Verachtung preisgegeben; der sterbende Menschensohn hat dem Tode den Todesstoß gegeben und der Hölle Macht zerbrochen. Sein Name sei ewig gepriesen.

Fußnoten
6. Das hier für Verkünden gebrauchte Wort bedeutet meist eine Freudenbotschaft kundtun und wird von den LXX treffend durch eu)hggelisa/mhn wiedergegeben.

7. Andere übersetzen hier (und V. 12): zurückhalten.

8. Grundt. Nicht l)a sondern )l: Du wirst usw. Danach auch im Folgenden: Deine Gnade und Wahrheit werden allewege mich behüten.

9. Dieser Vers zeigt unseres Erachtens klar, dass die unmittelbar messianische Deutung des Psalms, die Spurgeon und auch einzelne deutsche Ausleger festhalten, dem Psalm selbst widerspricht. Nicht einmal die typisch-messianische Bedeutung können wir dem Psalm als Ganzem beimessen. Der Beter spricht hier unzweideutig von seinen eigenen Verschuldungen, die ihn in ihren Folgen ergriffen haben (vergl. 5. Mose 28,15.45), und eine Beziehung des Verses auf das stellvertretende Leiden des Messias kann nur durch Umdeutung gewonnen werden. Nicht aus dogmatischen, sondern rein aus exegetischen Gründen müssen wir diese Auslegung bei dem vorliegenden Schriftwort ablehnen. Es gibt ja andere alttestamentliche Stellen, die deutlich das Sühnleiden des Messias weissagen. Für Ps. 40,13 jedoch sollte, meinen wir, das gelten, was Spurgeon selbst zu Ps. 41,5 bemerkt: "Unser fleckenloser Heiland konnte sich niemals solcher Sprache bedienen, es wäre denn, dass hier aus die Sünde angespielt würde, die er infolge der Zurechnung zu tragen hatte; und wir für unser Teil scheuen davor zurück, Worte, die offenbar auf persönliche Sünde hinweisen, auf die zugerechnete Sünde zu beziehen." Gerade wie in V. 10 jenes 41. Psalms ist ja David auch in vielem, was er in dem 40. Psalm, und zumal in dem, was er V. 7 ff. ausspricht, allerdings ein einzigartiges Vorbild auf den Messias, und wir glauben mit Delitzsch , dass "der heilige Geist Worte Davids, des gesalbten, aber erst auf dem Wege zum Throne Befindlichen, so gestaltet hat, dass sie zugleich wie Worte des durch Leiden zur Herrlichkeit gehenden anderen David lauten, dessen Selbstopfer die Endschaft der Tieropfer und dessen Person und Werk Kern und Stern der Gesetzesrolle ist." Mit vollem Rechte wendet somit der Hebräerbrief V. 7-10 auf Christus an. Damit ist aber weder die typische Deutung des ganzen Psalms noch die unmittelbar messianische der Verse 7-10 gerechtfertigt. Doch wolle der Leser, der mit uns manches aus Spurgeons Auslegung nur gleichsam als Randbemerkungen gelten lassen kann, sich dadurch den Blick für den an und für sich praktisch fruchtbaren, biblischen Wahrheitsgehalt der Spurgeonschen Bemerkungen nicht trüben lassen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps40

Beitragvon Jörg » 17.10.2020 13:12

16. Sie müssen in ihrer Schande erschrecken, oder nach dem Grundt.: ob des Lohns ihrer Schande (d. h. ob der Schande, die ihr Lohn ist,) erstarren , vor Schrecken gelähmt werden, die über mich schreien; "Da, da!" Waren die Feinde des Gesalbten Jahwes so gemein, dass sie ob seinen Leiden frohlockten? Siehe, wie Schande nun ihr Lohn ist, dass sie deswegen vor Entsetzen erstarren . Überschütten ruchlose Menschen noch heute den Namen des Erlösers mit Schmach? Ihre ewige Schmach wird ihn an seinen Widersachern rächen. Jesus ist das sanfte Gotteslamm für alle, die auf Grund seines für sie vergossenen Blutes Gnade suchen; aber mögen die Verächter sich hüten, denn er ist auch der Löwe ans dem Stamme Juda, und wer darf ihn aufreizen? (1. Mose 49,9 Grundt.) Die jüdischen Obersten frohlockten schadenfroh über den Gekreuzigten und riefen; "Da, da !" Aber als sich die Gassen Jerusalems in Ströme Blutes wandelten und der Tempel in Feuer ausging, da fasste die Verächter Entsetzen, und nach ihrem eigenen Begehren kam das Blut des letzten der Propheten über sie und über ihre Kinder. Sollten diese Zeilen je einem gottlosen Menschen zu Gesicht kommen; möge er sich hüten, Christus und die Seinen zu verfolgen und zu verhöhnen; denn Gott wird gewiss seine Auserwählten an ihren Feinden rächen. Schadenfreude über das Ungemach von Kindern Gottes ist ein allzu kostspieliges Vergnügen. Euer "Da, da!" wird euch gereuen!

17. Es müssen dein sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen. Vom Ebal wenden wir uns nun zum Garizim.10 In dem vorliegenden Vers spricht der Herr den Segen über sein Volk aus. Man beachte, wer der Gegenstand seiner Fürbitte ist: nicht alle Menschen, sondern gewisse. "Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt." (Joh. 17,9.) Er tritt ein für solche, die nach dem Herrn fragen , für die Kleinsten im Himmelreich, für die Kindlein der heiligen Familie; für solche, die mit ernstem, heißem Flehen Lebensgemeinschaft mit Gott begehren. Mögen suchende Seelen sich ein Herz fassen, wenn sie das lesen. Der Reichtum von Huld und Liebe offenbart sich darin, dass Jesus in den bittersten Stunden der Lämmlein seiner Herde gedenkt! Und was erfleht er für sie? Dass sie zwiefach fröhlich, unermesslich glücklich seien; denn das liegt doch in der Wiederholung des Ausdrucks. Es ist der Wille des Heilands, dass jede suchende Seele von Freude und Frohlocken überwalle, indem sie findet, was sie sucht, und um seines bittern Leidens und Sterbens willen mit dem Frieden Gottes erfüllt wird. So tief seine Leiden waren, so hoch soll ihre Freude sein. Er stöhnte, damit wir jubilieren könnten, und wurde mit blutigem Schweiß bedeckt, damit wir mit dem Öl der Freuden gesalbt würden. Und die dein Heil lieben, müssen sagen allewege; "Der Herr sei hoch gelobt!" Eine andere Frucht der Leiden des Erlösers ist die Verherrlichung Gottes durch alle diejenigen, die sich dankbar seines Heiles freuen. Das Begehren, das unser Heiland in diesen Worten ausspricht, sollte uns zur Richtschnur dienen. Wir lieben von ganzem Herzen die wunderbare Erlösung, die er uns erwirkt hat; so lasst uns denn auch mit unsrer Zunge die Herrlichkeit Gottes verkündigen, die in derselben erstrahlt. Lasst nie den Preis seines Namens verstummen. Ist unser Herz von heiliger Freude durchglüht, so entzünde es die Zunge zu beständigem Lobpreis. Wenn wir für die Ausbreitung des Reiches Gottes nicht tun können, was wir möchten, so lasst uns wenigstens nach ihr verlangen und dafür beten. O möge es bei uns dazu kommen, dass die Verherrlichung Gottes der letzte Zweck jedes Atemzuges, jedes Pulsschlags sei! Der sterbende Erlöser achtete es für eine der vornehmsten Wirkungen seines Sühnleidens, dass die Seinen zum Dienst Gottes geweiht werden würden; das war eine der höchsten Freuden, die ihm in seinem Leiden vor Augen stand. Dass Gott verherrlicht wird, ist der Lohn seiner Arbeit.

18. Ich bin elend und arm. (Grundt.) Der Mann der Schmerzen schließt mit einem abermaligen Hilferuf, den er mit seiner Trübsal und Bedürftigkeit begründet. Der Herr aber sorget für mich, wörtl.: wird mein gedenken . Das war dem heiligen Herzen des großen Dulders ein süßer Trost, dass er wusste, Gott wende seine Gedanken in fürsorgender Liebe ihm zu und werde das allezeit tun. Dass Gott an uns denkt, daran sollen auch wir gedenken und uns daran erquicken; denn seine Gedanken über uns sind Gedanken der ewigen Liebe. Von seinen Jüngern wurde Jesus verlassen und von seinen Freunden vergessen; aber er wusste, dass Jahwe nie sein Herz von ihm wenden würde, und das hielt ihn aufrecht in der Stunde der Not. Du bist mein Helfer und Erretter. Die unbewegliche Zuversicht Jesu gründete sich allein auf Gott. Ach, dass alle Gläubigen ihrem großen Apostel und Hohenpriester mehr in diesem festen Gottvertrauen nachahmen würden, in dem er nicht wankend wurde, auch als die Trübsale übermächtig wurden und das Licht sich hinter den Wolken verbarg. Mein Gott, verziehe nicht! Die Gefahr war drohend, die Not dringend, der Beter konnte keinen Aufschub der Hilfe ertragen; aber er wurde auch nicht aufs Warten verwiesen, denn der Engel kam, ihn zu stärken und das tapfere Jesusherz erhob sich, den Feinden zu begegnen.
Herr Jesus, gib, dass wir in allen unseren Trübsalen gleich dir im Glauben bewährt erfunden werden und, dir nach, in allem weit überwinden mögen!

Erläuterungen und Kernworte

V. 2. Ich harrte des Herrn. Die starke Betonung des Harrens (im Grundt.) hat paränetische Bedeutung; sie weist den Leidenden darauf hin, wie auf das Harren alles ankomme. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.

Wir ersehen aus diesem Vers, dass der Herr, ob er auch je und dann verzieht, das Gebet seiner Knechte zu erhören, es dennoch hört. Ich will dir ein Zeichen zeigen, daran du erkennen kannst, dass Gott dein Gebet hört, ob er dir auch nicht so bald zu erkennen gibt, dass dein Flehen wirksam ist. Hältst du mit Beten an? Wird dir Kraft dargereicht, im Flehen auszuharren? Dann kannst du gewiss sein, dass der Herr dich hört; denn unserer Natur nach führt uns unsere Ungeduld bald zum Verzagen. Unser Ungestüm ist viel zu groß, besonders auch in geistlichen Anfechtungen, als dass wir in unsrer Kraft im Gebet ausharren könnten. Robert Bruce † 1631.

V. 4. Die Begriffe fürchten und hoffen oder vertrauen scheinen auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen, aber David hat sie nicht unpassend zusammengestellt; denn kein Mensch wird je aus Gottes Huld wahrhaft trauen, dessen Inneres nicht vorher von der Furcht Gottes erfüllt worden ist. Ich halte dafür, Gottesfurcht bezeichne die Empfindung der Pietät gegen Gott, die durch die Erkenntnis seiner Macht, Gerechtigkeit und Gnade in uns gewirkt wird. Jean Calvin † 1564.

V. 6-9. Durch diese eine Erfahrung (V. 2 ff.) geht dem Dichter der Blick in die Wunder der göttlichen Gnade überhaupt auf. Wer kann sie lebhaft empfinden, ohne damit den Drang zu fühlen, ein Prediger derselben vor der blinden Welt zu werden, die Tag für Tag daran vorübergeht und nicht sieht und nicht hört! Auch David fühlt diesen Drang, aber gehört nicht zu denen, die meinen, dass es mit Worten allein getan sei. Zunächst erkennt er, wie unzulänglich menschliche Rede in dieser Sache, sodann weiß er, dass Dankbarkeit auch die Tat neben dem Worte verlangt. Und zwar, er begnügt sich in seinem Verhältnisse zu Gott nicht mit den Taten, über die der große Haufe nicht hinauskommt. Er hat das Wort Samuels, seines väterlichen Freundes, nicht vergessen, dass Gehorsam gegen Gott besser sei als Opfer, und hat es auch nicht bloß aus menschliche Autorität angenommen, nein, innerlich hat ihm der Geist des Herrn denselben Ausspruch bestätigt: Wie auch die verschiedenen Opfergattungen heißen mögen - sie sind nur Bild und Gleichnis für das Selbstopfer des Menschen, es bringt sie der Mensch in dem dunkeln Gefühle, dass das Opfer seines Willens immer noch unvollkommen sei. Darum bezeugt David vor Gott, seinen eigenen Willen habe er daran gegeben, den göttlichen Willen habe er zu dem seinigen gemacht, ja, Gottes Gesetz stehe nicht bloß auf den steinernen Tafeln, es sei für ihn in sein Herz gegraben. Aber, fragt man, wie mag das der sagen, der gleich darauf wieder spricht, dass seiner Sünden mehr sei als Haare auf seinem Haupt? Allerdings hat ihm hier der Geist Gottes in einem heiligen Momente überschwängliche Worte in den Mund gegeben, die im vollen Sinne niemand hat sprechen können als der Sohn Gottes, der da sagen konnte: "Ich tue allerwege den Willen meines Vaters," und: "Das ist meine Speise, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat." Gerade in diesem Augenblick, während seines Aufschwunges im Gebet, mochte wohl das Wort für David eine Wahrheit sein - im Gebete vollzieht auch der unvollkommene Mensch solche Selbstopfer - aber es war nur eine werdende Wahrheit im Leben. Christus dagegen, da er Mensch geworden ist, um in vollkommener Hingabe seines eigenen Willens sein Leben zu lassen für viele, mochte geradezu sagen: "Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, den Leib aber hast du mir (zum Opfer) zubereitet," - denn alles, was er gelebt hat in Leibesleben, und seinen Leib selbst hat er Gott zum Opfer gebracht. Prof. D. Aug. Tholuck 1843.

Die Gedankenverknüpfung ist klar: Groß und viel sind deine Gnadenerweise - wie soll ich dir dafür danken? Auf diese Frage gibt er erst eine negative Antwort: Der kundgetane Wille Gottes geht nicht auf äußere Opfer. Die Opfer werden doppelt benannt; a) nach ihrem Material; Tieropfer und Mehlopfer; b) nach ihrem Zweck, wonach sie entweder, wie hauptsächlich das Brandopfer, Zuwendung des göttlichen Wohlgefallens, oder, wie hauptsächlich das Sündopfer , Abwendung des göttlichen Missfallens vermitteln. Wenn von Gott gesagt wird, dass er solch unpersönliche Opfer nicht möge und verlange, so ist wie Jer. 7,22, vergl. Amos 5,21 ff., nicht gemeint, dass das Opfergesetz nicht göttlichen Ursprungs sei, sondern dass der wahre, wesentliche Gotteswille nicht auf solche Opfer gehe. Mit dem Zwischensatz; "Ohren hast du mir gegraben", beginnt die Antwort nach ihrer positiven Seite. Grundstelle für diese Worte ist 1. Samuel 15,22 . Gott will, sagt David, nicht äußere Opfer, sondern Gehorsam; Ohren hat er mir gegraben, d. i., den Gehörsinn ausgebildet, die Fähigkeit zu hören verliehen und eben damit die Weisung zu gehorchen gegeben. (Ähnlich im tamulischen Kural: Ein Ohr, das nicht durch Hören gehöhlt wurde, hat, wenn auch hörend, Nichthörensart. Das "Höhlen" bedeutet hier Öffnung des inneren Gehörsinns durch Unterricht. In vielen assyrischen Texten rühmt sich Asurbanipal als einen König, dem Nebo und Tasmit weit geöffnete Ohren verliehen hat.) Nicht Opfer will Gott, sondern hörend Ohren und also Hingabe der Person selber in willigem Gehorsam. Daraufhin hat David gesprochen: Siehe, ich komme. Mit diesem Wort stellt sich der Diener auf den Ruf seines Herrn (4. Mose 22,38; 2. Samuel 19,21). Die Buchrolle ist die auf Tierhaut geschriebene zusammengerollte Tora, besonders das Deuteronomium, das nach dem Königsgesetz (5. Mose 17,14-20) das Vademekum des Königs Israels sein soll. Weil Jahwe vor allem Gehorsam gegen seinen Willen fordert, kommt der hier Redende mit der Urkunde dieses Willens, der Tora, die ihm, dem Menschen und insbesondere dem König, das rechte Verhalten vorschreibt. "Sieh, ich komme mit der Rolle des Buchs des über mich Geschriebenen." So dem Gott der Offenbarung sich darstellend, kann er V. 9 sagen, dass williger Gehorsam gegen Gottes Gesetz seine Freude ist, wie er denn das geschriebene Gesetz sich auch ins Herz oder, wie der noch stärkere Ausdruck hier lautet, in die Eingeweide geschrieben weiß. Das Wort bedeutet eigentlich die Weichteile des Körpers, die auch sonst vorzugsweise als Sitz des Mitleids, aber auch der Angst und des Schmerzes erscheinen, nur hier als Ort geistigen Besitzes, wohl aber mit dem Nebenbegriff liebender Aufnahme und Bewahrung. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Fußnote
10. Auf dem Berge Ebal wurde bekanntlich der Fluch, auf dem Berge Garizim der Segen verkündigt. 5. Mose 11,29; Jos. 8,30 ff.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps40

Beitragvon Jörg » 20.10.2020 14:53

Erläuterungen und Kernworte

V. 9. Deinen Willen, mein Gott, tu ich gerne. Der Wille Gottes, durch seines Sohnes Menschwerdung und Tod die Sünder zu erlösen, war Christus eine Lust, und aller Kränkungen der Menschen ungeachtet führte er ihn mit Freuden aus. Und es geziemte sich also, damit Christi Hingabe ein freiwilliges Opfer sei, ferner damit seine Liebe im hellsten Licht erstrahle, und schließlich, damit wir an seinem Gehorsam das höchste Vorbild hätten. Was den Herrn Jesus das schwere Werk mit solcher Freude tun ließ, war erstens der Blick darauf, dass sich in seinem Leiden die wunderbaren Eigenschaften Gottes so glorreich enthüllen würden, sodann die Aussicht aus die köstliche Frucht seiner Hingabe, die Rettung der Sünder, drittens seine eigene ewige Verherrlichung durch die Erlösten. - Hat nun Christus solche Freude darin gefunden, sich für mich zu erniedrigen, für mich alle Qualen zu erdulden, und sollte ich es nicht meine Lust sein lassen, mir das für mich erworbene Heil anzueignen, die köstliche Frucht seines Todes zu genießen, mit meinem Heiland traute Gemeinschaft zu pflegen und dann auch mit Christus und für Christus zu leiden? Was haben wir, im Vergleich zu ihm, hinter uns zu lassen und zu verlieren? Was sind unsere Leiden gegen die seinen? Unsere Willigkeit und Bereitschaft zum Gehorsam ist der Maßstab unserer Heiligung. Joh. Flavel † 1691.

Tu ich. Jesus ist es, der das Werk getan hat. Der Vater fasste den Ratschluss der Erlösung, Jesus führte ihn aus. Das Werk ist getan; es ist vollbracht. Wir brauchen keinen Versuch zu machen, es zu tun. Wir können nicht tun, was bereits getan ist; wir könnten es nicht tun, wenn es auch noch nicht getan wäre. Der Mensch kann viel; aber er kann weder sich noch seinen Bruder erlösen. (Ps. 49,8 f.) James Frame 1869.

Dein Gesetz hab ich in meinem Herzen. Es genügt nicht, dass wir das Gesetz im Buch haben. Martin Geier † 1681.

V. 10.11. Ich will predigen - ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen - ich verberge nicht - rede - verhehle nicht : ein Ausdruck wird auf den anderen gehäuft, um die eifrige Bereitwilligkeit eines Herzens zu zeigen, das vor Verlangen brennt, seinen Dank zu beweisen. Keine noch so kunstvolle Beschreibung hätte uns so treffend das Bild dessen vor Augen stellen können, dessen ganzes Leben ein Dank war. J. J. Stewart Perowne 1864.

Ich brachte Freudenkunde von Gerechtigkeit usw. Es ist alles Rückblick. bedeutet ursprünglich; jemand freundlich und froh machen, insbesondere durch eine gute Nachricht erfreuen, im Hebräischen geradezu eu)aggeli/xein [eu)aggeli/xesuai] (und nur missbräuchlich einmal, 1. Samuel 4,17, von unerfreulicher Meldung). Er hat das Evangelium von Jahves rechtfertigendem und gnädigem Walten, das nur gegen die Verächter seiner Liebe in ein strafgerechtes umschlägt, dem ganzen Israel verkündigt und kann sich auf den Allwissenden berufen (Jer. 15,15), dass er seinen bekennenden Lippen weder aus Menschenfurcht noch aus Scham und Trägheit Einhalt tat. Das heilsordnungsmäßige Verhalten Gottes als Tatbestand heißt und als Eigenschaft so wie seine die gegebenen Verheißungen erfüllende, die Hoffnung nicht zuschanden werden lassende Treue und seine tatsächliche Heilserweisung ist. Diesen reichen Stoff evangelischer Verkündigung, der sich in (Gnade und Wahrheit), das A und O der heilsgeschichtlichen Selbstbezeugung Gottes, fassen lässt, hat er nicht wie ein totes, unfruchtbares Wissen tief und verborgen im Herzen schlummern lassen. Das neue Lied, das Jahve ihm in den Mund gab (V. 4), hat er auch wirklich gesungen. So ist er denn für die Zukunft ohne Bangen, V. 12: Du deinerseits, Jahwe, wirst nicht verschließen usw. Die beiden V. 10 und hier stehen in Wechselbeziehung: Er hemmte seine Lippen nicht, so möge denn Jahve nicht sein Erbarmen hemmen, so dass es sich nicht gegen ihn redete. Eben so korrelat sind Gnade und Wahrheit V. 11 und hier: Er wünscht, beständig unter dem Schirm dieser beiden Heil schaffenden Mächte zu stehen, die er dankbar vor ganz Israel verkündigt hat. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 11. Deine. Die Wiederholung ist nachdrücklich. Es war deine Gerechtigkeit, deine Wahrheit, dein Heil, deine Güte, deine Treue, die zu verkündigen ich beauftragt war; du bist an allem, was ich geredet habe, eben so beteiligt wie ich. Ich würde als Lügner, du als ungerecht und unbarmherzig und untreu dastehen, wenn nicht alles, was ich gesagt habe, in Erfüllung ginge. Da es deine Vorschrift war, die ich beobachtete, und deine Verherrlichung, auf die ich zielte, so entehre nicht dich und mich zugleich, wie es geschehen würde, wenn du die Bitte eines Flehenden weigern würdest, der auf mein Wort traut, das ich in deiner Vollmacht geredet habe. Stephen Charnock † 1680.

Verberge, verhehle ich nicht. Dies deutet an, dass beim Verkündigen des Evangeliums Christi die Versuchung nahe liegt, es zu verbergen und zu verhehlen, weil es unter viel Kampf und Widerstand gepredigt werden muss. Matthew Henry † 1714.

Was Gott an uns getan hat, das sollen wir zwar zu Herzen nehmen, aber nicht im Herzen verschließen. Generalsup. D. K. B. Moll 1869.

V. 12f. Eine oberflächliche Betrachtung möchte in diesen Versen einen Widerspruch sehen mit V. 9 ff. Es stimmt aber hierin die Lehre der heiligen Schrift überein, dass eben da, wo die Erkenntnis und das Zeugnis von der Gerechtigkeit und Gnade Gottes ist, zu gleicher Zeit die tiefste Sündennot sich findet. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 5-18. 5-11 die Willigkeit des Geistes, 12-18 die Ohnmacht des Fleisches. Es lässt sich aus diesen und ähnlichen Stellen vielleicht am klarsten der Beweis führen, dass David ein Organ des göttlichen Geistes gewesen und dass der in ihm gelebt hat, der sagt, dass seine Kraft in den Schwachen mächtig sei. Ein Heiliger und Gerechter wird von Heiligkeit reden können aus eigenem Geist; soll aber ein Sünder und in sich gänzlich Ohnmächtiger das Zeugnis der Wahrheit trotz allen Widerstandes aufrecht halten, so kann es nur durch den Geist von oben geschehen. Das ist auch das Merkmal der wahren und falschen Propheten. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 14-18. steht mit wenigen Abweichungen als Ps. 70 noch einmal im Psalter. V. 15. Schämen müssen sich usw. Sogar diese Bitte hat Wohlwollen in sich. Sie erbittet von Gott eine solche Enthüllung seiner Herrlichkeit, die allen Empörern Arm und Herz in Schrecken fesselt. Vielleicht, dass dann doch das Gute noch bei ihnen durchbricht. Man vergleiche mit diesem Verse das Zurückweichen der Schar, die gekommen war, um Jesus gefangen zu nehmen (Joh. 18,6). James Frame 1869.

V. 17. Es müssen dein sich freuen usw. Wie jede irgendeinem Gläubigen erwiesene Gnade ein Erweis davon ist, dass Gott jedem Gläubigen eben solche Gnade, wenn er ihrer bedarf, zu erzogen bereit ist, so sollte auch jede Gnadentat Gottes gegen ein Glied des Leibes Christi von allen Gliedern dieses Leibes, wenn sie davon hören, als Anlass der Verherrlichung und des Preises Gottes benutzt werden. David Dickson † 1662.

Die dein Heil lieben. Gottes Heil lieben heißt, Gott den Heiland (1.Tim. 2,3) selber lieben. Martin Geier † 1681.

Man sollte meinen, schon die Liebe zu uns selbst müsste uns dazu führen, das Heil zu lieben. Ja, aber Gottes Kinder lieben das Heil vor allem, weil es Gottes Heil ist. Thomas Goodwin † 1679.

V. 15-17. Gegenübergestellt sind hier diejenigen, die Davids Unglück suchen, und diejenigen, die das Heil Jahwes lieben. Davids Person und Sache als des Gesalbten, des Dieners und Propheten Jahwes war also mit der Sache Jahwes und seiner Wahrheit hier ein und dasselbe. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 18. Der Herr aber sorgt für mich - seine Liebes- und Heilsgedanken (vergl. das Hebräische hier und V. 6) sind mir zugewandt. Die heilige Geschichte führt die Freundlichkeit eines Abimelech gegen Abraham, eines Laban und Esau gegen Jakob, der Ruth gegen Naemi, des Boas gegen Ruth, des Jonathan gegen David auf Gottes Freundlichkeit gegen seine Kinder zurück. Lasst auch uns die Fürsorge und Gütigkeit, die uns durch Menschen zuteil wird, auf Gottes Walten zurückführen. Es wird uns das auch helfen, an Gottes Herz zu eilen, wenn irgendein früherer Freund sich von uns abwendet oder ein treuer Jonathan von unsrer Seite genommen wird. Es war ein gutes Wort, das Hobson, der Bote der Universität von Cambridge, einem jungen Studenten zurief, der eben die Nachricht bekommen hatte, dass sein Onkel, der ihn bisher unterhalten hatte, gestorben sei: "Wer gab Ihnen diesen väterlichen Freund?" Dieser Zuruf tröstete den tief betrübten Studenten aufs Kräftigste und war ihm auch nachher in seinem Amtsleben noch vielfach eine Stärkung. Der Ewiglebendige ist das Teil derer, die wahrhaft glauben, und er, in dessen Hand der Könige Herz ist wie Wasserbäche, dass er’s neiget, wohin er will (Spr. 21,1), der leitet auch all die kleinen Wasserbächlein der Welt in die ausgedörrten Gründe nach seinem Wohlgefallen. Samuel Lee † 1691.

Homiletische Winke
V. 2. 1) Was ich tun soll: beten und harren. 2) Was Gott tun wird: sich zu mir neigen und antworten.
V. 2-4. Predigt von C. H. Spurgeon; "Aus der grausamen Grube gezogen." Schwert und Kelle, 4. Jahrg., 1884, S. 305. Baptist. Verlag, Kassel.
V. 3. 1) Die Tiefe, in die Gottes Güte hinabsteigt. Gott findet seine Kinder oft in einer Grube des Verderbens und im kotigen Schlamm . Es gibt ein Insekt (den Ameisenlöwen), das eine Grube im Sand aushöhlt und sich dann auf deren Grund verbirgt, um andere Insekten zu fangen, die hineinstürzen. So suchten Davids Feinde ihn in eine Grube zu bringen. 2) Die Höhe der Güte Gottes: Er zog mich heraus und stellte meine Füße auf einen Fels . Dieser Fels ist Christus. Die Füße, auf denen wir stehen, sind Glaube und Hoffnung. 3) Die Weite seiner Güte gab mir weiten Kaum. Er ließ mich in seiner Liebe wieder meinen vorigen Platz einnehmen und zeigte mir, dass ich auch in der tiefen Erniedrigung sein eigen war. 4) Die Allmacht seiner Güte machte meine Tritte fest, dass ich nach dem Fall fester stehe als zuvor. George Rogers 1870.
In der Lage befindet sich der Sünder von Natur und wie errettet ihn die Gnade daraus?
V. 3.4. Durch eine und dieselbe Tat wirkt Gott unsere Errettung, der Feinde Beschämung, der Gemeinde Erbauung. Generalsup. D. K. B. Moll † 1878.
V. 4. Das neue Lied. Wer singt es und wer lehrt es singen?
V. 5c. 1) Wer sind die, die zur Lüge abfallen (Grundt.)? Gottes- und Christusleugner, andere Irrlehrer, Selbstgerechte (diese belügen sich selbst) und alle, die die Sünde lieb haben. 2) Die Torheit ist es, von Gott und der Wahrheit abzufallen und solchen trügerischen Lehren und Dingen anzuhängen, die doch zum Tode führen! 3) Wie können wir vor gleicher Torheit bewahrt bleiben? Indem wir die Wahrheit erwählen, solchen anhangen, die die Wahrheit lieben, und vor allem, indem wir Gott gehorsam dienen.
V. 6. 1) Gott tut Werke an seinem Volk und für sein Volk - als da sind das Werk der Schöpfung, der Vorsehung und der Erlösung und auch das Gnadenwerk Gottes, das er in seinen Kindern wirkt durch den heiligen Geist, um sie her wirkt, indem er alles zu ihrem Besten lenkt, und für sie wirkt durch seinen Sohn. 2) Diese Werke Gottes sind wunderbar - wunderbar in ihrer Vielfältigkeit, wunderbar in der zarten Liebe, die sie beweisen, wunderbar darin, dass sie unseren Bedürfnissen so entsprechen, wunderbar in ihrem Zusammenwirken mit den äußeren Mitteln, und wunderbar in ihrer Macht. 3) Sie sind das Ergebnis der göttlichen Gedanken gegen uns. Sie werden nicht gewirkt durch den Zufall, noch durch Menschen, sondern durch Gottes Hand und diese Hand wird bewegt durch Gottes Willen und dieser sein Wille durch die Gedanken, die er gegen uns hat. Jede, auch die kleinste Gnadenerweisung ist die Verkörperung eines solchen Liebesgedankens Gottes gegen uns. Gott denkt an jedes seiner Kinder und das jeden Augenblick. 4) Sie sind unzählbar. Könnten wir alle Gnadenerweisungen Gottes gegen uns sehen und alle die Wunderwerke, die er für jedes seiner Kinder wirkt, so würden sie für uns unermesslich sein wie der Sand am Meer; und alle diese unzähligen Liebesbeweise stellen eben so unzählige Gedanken des Herzens Gottes gegen jedes einzelne seiner Kinder dar. George Rogers 1870.
Die Menge der Liebesgedanken Gottes und seiner Gnadenwunder. In der Ewigkeit haben sie begonnen und sie reichen in die Ewigkeit der Ewigkeiten.
V. 7. I. Die Opfer, die Gott nicht begehrt : die Tier- u. Speisopfer des Gesetzes. Und doch hatte Gott selbst sie verordnet. 1) Wann hatte Gott sie begehrt? Von Adam bis zu Christi Kommen. 2) Warum hatte er sie damals begehrt? a) Als Bekenntnis, dass der Mensch das Opfer seines Herzens und Lebens nicht bringe, b) als Vorbild auf das vollkommene Opfer Christi. 3) Warum begehrt Gott sie jetzt nicht? Weil das vollgültige Opfer nun gebracht ist. II. Das Opfer, das Gott begehrte ; das Opfer auf Golgatha. Es war erforderlich 1) um der Gerechtigkeit, Weisheit, Treue, Liebe und der Verherrlichung Gottes willen; 2) um des Menschen willen, diesen zu erlösen und ihm gewissen Grund des Glaubens darzureichen; 3) um Gottes Ehre in Bezug auf die Sittlichkeit seiner Weltregierung vor aller Weit klarzulegen. III. Von wem wurde das Opfer gebracht? Von Christus. Die Ohren hast du mir aufgetan. 1) Christus hatte volle Erkenntnis von der Art des Opfers, das Gott begehrte. 2) Er folgte dieser Erkenntnis, indem er sich selber im Gehorsam bis zum Tode am Kreuz Gott darbrachte. George Rogers 1870.
V. 7-11. Der Herr gibt uns ein Ohr, sein Wort zu hören, einen Mund, es zu verkündigen, ein Herz, es zu lieben, und Kraft, nach seinem Worte zu tun.
V. 8. 1) Die Zeit, da Christus kam. "Da sprach ich ." Als die Vorbilder erschöpft waren, die Fülle der Weissagungen ihrer Erfüllung entgegensahen, die Weltweisheit ihr Äußerstes getan hatte, fast die ganze Welt unter einem Zepter vereint war und die vom Vater vorbestimmte Zeit gekommen war. 2) Art und Zweck seines Kommens. In dem Buch stand geschrieben: a) die Beschaffenheit seiner Person, b) seine Lehre, c) seine Lebensweise, d) der Zweck seines Todes, e) seine Auferstehung und Himmelfahrt, k) das Reich, das er aufrichten sollte. 3) Die Freiwilligkeit seines Kommens. "Siehe, ich komme" Obwohl er vom Vater gesandt war, kam er doch willig und freiwillig. "Christus Jesus ist gekommen in die Welt." (1.Tim. 1,15) Die Menschen kommen nicht in die Welt, sie werden zur Welt gebracht. "Siehe, ich komme"; der so spricht, muss vor seinem Kommen existieren, sich vorher zu demselben bestimmen und sein Kommen vorbereiten. George Rogers 1870
V. 9. Deinen Willen. 1) Der Wille Gottes ist zu sehen in der Tatsache der Erlösung. Diese hat ihren Ursprung im Willen Gottes. 2) Der Wille Gottes ist zu sehen in dem Plan der Erlösung. Alles, was geschehen ist, geschieht und noch geschehen wird, richtet sich nach diesem Plan. 3) Der Wille Gottes ist zu sehen in der Vorbereitung der Erlösung, in der Bestimmung des eigenen Sohnes Gottes zum Mittler, zum Sühnopfer, zum Erfüller des Gesetzes, zum Haupt der Gemeinde, die dieser Plan erforderte. 4) Der Wille Gottes ist zu sehen in der Ausführung der Erlösung.
V. 10. Angewandt auf Christus: Der große Prediger, sein großes Thema, seine große Gemeinde und seine große Treue in der Ausführung seines Amts.
V. 11a. Der Prediger muss seine ganze Botschaft ausrichten. Er darf keinen Teil derselben verbergen: 1) nichts von der Gerechtigkeit Gottes, wie sie sich in Gesetz und Evangelium kundtut; 2) nichts von der Güte oder Gnade Gottes; 3) nichts von irgendeinem andern Teil der Wahrheit. -Wir verbergen die Wahrheit : 1) wenn wir ein Stück derselben auslassen; 2) wenn wir die Wahrheit mit menschlichen Vernünfteleien vermengen; 3) wenn wir sie mit rhetorischen Phrasen bedecken; 4) wenn wir sie von einem einseitigen Parteistandpunkte aus darstellen; 5) wenn wir einem Stück der Wahrheit den Platz geben, der einem andern gebührt! 6) wenn wir den Buchstaben ohne den Geist geben. George Rogers 1870.
Welch große Sünde, das zu verbergen, was wir von Gott wissen.
V. 13. Man vergleiche die unzählbare Menge unserer Sünden mit der unzählbaren Menge der göttlichen Liebesgedanken gegen uns (V. 6).
V. 13b. 14. 1) Die Seele gefangen; "ergriffen". 2) Die Seele ohne Aussicht auf Rettung. 3) Der Seele einzige Zuflucht: Gebet zu Gott.
V. 14. 1) Die Sprache gläubigen Flehens: Errette mich, hilf mir. David blickt zum Herrn allein um Hilfe. 2) Die Sprache dringenden Flehens; Eile usw. 3) Die Sprache gottergebenen Flehens: Lass dir’s gefallen, Herr. 4) Die Sprache ernst gemeinten Flehens. Dass David sagt: Komm mir zu Hilfe, zeigt, dass er die Hände nicht in den Schoß legt.
V. 17c. Der Herr sei hochgelobt! Ein oft gehörtes Wort. Wer kann es in Wahrheit brauchen? Welchen Sinn hat es? Warum sollen die es sagen, die Gottes Heil lieben? Und warum es allewege sagen?
V. 18. Das kleine Ich - das große Du.
Der Herr sorget für mich. Ein verheißener, praktisch fruchtbarer, köstlicher und in der Gegenwart zu genießender Segen.
1) Je weniger wir im Unglauben sorgen, desto mehr wird der Herr für uns sorgen. 2) Je weniger wir auf uns selber trauen, desto mehr können wir auf Gott trauen. 3) Je weniger wir mit Bitten zögern, desto weniger wird Gott mit seiner Hilfe verziehen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)


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