Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Empfehlungen, Kritik oder Rezensionen von christlichen Büchern und Medien

Moderator: Joschie

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 05.01.2021 09:20

PSALM 45 Auslegung & Kommentar


Überschrift

Dass der Psalm eine so reiche Überschrift hat, gilt uns als ein Zeichen seiner königlichen Würde, seiner tiefen und erhabenen Bedeutung und der besondern Freude, die der Verfasser desselben an ihm hatte. Ein Brautlied oder ein Liebeslied. So übersetzen noch heute manche. Doch ist es nicht ein sinnlich sentimentales Liebeslied, sondern ein himmlisch hehrer Gesang von einer ewigen Liebe, ein Lied, das sich auch für Mund und Ohr von Engeln ziemt. Es ist eine Unterweisung der Kinder Korah, nicht ein leichtes oder gar albernes Erzeugnis weltlicher Minne, nicht eine schwärmerische Romanze, sondern ein Psalm voll heiligen Wahrheitsgehaltes. Als Unterweisung will das Lied geistlich verstanden sein. Wohl denen, die den tiefen Sinn seiner wonnigen Klänge verstehen. Das Lied war, wie die Widmung an den Sangmeister (vorzusingen) zeigt, für die heiligen Gottesdienste im Hause des HERRN bestimmt und sollte fein in Musik gesetzt und wohl eingeübt werden. Der König ohnegleichen, von dem der Psalm singt, ist es wert, dass er mit der lieblichsten Musik gepriesen werde. Statt von den Rosen muss es heißen: nach oder auf "Lilien ". Manche verstehen dies von einem Instrument, einem lilienförmigen Glockenspiel, zu dem es hätte gesungen werden sollen. Viel näher liegt es, an die Weise eines mit "Lilien" beginnenden Volksliedes zu denken, nach welcher der Gesang dieses Psalmes sich richten sollte. (Man vergl. die Überschrift von Ps. 60; 80) Oder sollte das Wort ein dem Liede selbst gegebener Name sein, so dass es wegen seiner erhabenen Schönheit und Keuschheit den Lilien verglichen wäre, deren Schmuck die Herrlichkeit Salomos überstrahlte? Wenn sich nicht sprachliche Bedenken (das "nach" oder "auf") gegen diese Fassung erhöben, würden wir ihr den Vorzug geben.

Inhalt

Manche erblicken, von andern Meinungen zu schweigen, in diesem Liede nur Salomo und Pharaos Tochter - sie sind sehr kurzsichtig; andere sehen darin beide, Salomo und Christus - uns dünkt, ihre Augen schielen; wir vermögen hier niemand anders zu sehen denn Jesus allein, oder, wenn Salomo überhaupt in diesem Liede zu schauen ist, so muss es etwa in der Art sein, wie wenn bei der photographischen Aufnahme einer Landschaft ein Wanderer im fernen Hintergrund vorüberzieht, so dass seine Gestalt nur als ein kaum erkennbarer Schatten auf dem Bilde erscheint. Der König von göttlicher Hoheit, dessen Stuhl immer und ewig bleibt (V. 7), ist nicht vom sterblichen Geschlecht, und sein ewiges Reich ist nicht begrenzt von dem Libanon und dem Bach Ägyptens. Nein, nimmer ist der Psalm ein Brautlied auf eine irdische Ehe, sondern dies hehre Epithalamium (Hochzeitsgedicht) gilt der Verbindung des himmlischen Bräutigams mit seiner auserkorenen Braut.

Einteilung

V. 2 ist ein Vorwort, worin der Dichter sein Vorhaben kundtut. V. 3-10 wird der Messias, dem das Lied gilt, angeredet, und zwar wird V. 3 seine unvergleichliche Schönheit bewundert, V. 4-10 seine Herrlichkeit in genauerer Schilderung gepriesen. In V. 11-13 wendet sich der Dichter an die Braut, und von ihr handeln ferner die Vers 14-16. Zum Schluss wendet sich der Psalm in V. 17. 18 noch einmal an den König, dessen ewigen Ruhm weissagend.

Auslegung

2. Mein Herz dichtet ein feines Lied;
ich will singen von einem Könige; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers.


Mein Herz. Nie lässt sich’s so fein schreiben, als wenn das Herz die Feder führt. Lieder, die nicht des Herzens Sprache sind, beleidigen Gottes Ohr. Dichtet ein feines Lied. Das Lied ist fein nach Form und Inhalt. Es ist ein gutes Wort (wörtl.), von dem das Herz des Dichters überwallt. Ein edles Herz hat nur an edeln Gedanken seine Freude. Aus einer klaren Quelle fließen klare Wasser. Die Sprachforscher sagen uns, das hier mit dichten übersetzte Zeitwort heiße wallen, sieden, aufsprudeln. Demnach würde es anzeigen, wie tief und stark die innere Erregung, die Begeisterung des Dichters war, wie sehr ihn der Gegenstand erfüllte, den er besingen wollte; wie hinreißend muss daher das Lied sein, das so gleichsam ein Überwallen seines von Liebe und Begeisterung durchglühten Herzens ist! Wir haben hier nicht eine Reihe kühler Aussagen, und der Dichter gehört nicht zu jenen, welche frostigen Herzens die Regeln und Feinheiten der Poesie studieren; seine Verse sind der natürliche Erguss seiner Seele, vergleichbar den heißen Springquellen Islands. Traurig ist’s, wenn sich ein Herz für eine gute Sache nicht erwärmt, und schlimmer noch, wenn es für etwas Schlechtes entbrennt; aber köstlich, wenn ein warmes Herz und eine gute Sache zusammentreffen. O dass wir dem HERRN recht oft ein liebliches Lied als wohlgefälliges Speisopfer, frisch aus der Pfanne, frisch aus einem von Dank und Anbetung warmen Herzen darbrächten! Ich spreche: Mein Werk1 (das Erzeugnis meines dichterischen Schaffens) gilt dem König2. Das Lied hat den König ohnegleichen zu seinem einzigen Gegenstand, allein zu dieses Königs Ehre ward es verfasst; wohl konnte es daher sein Verfasser ein feines Lied nennen. Der Dichter schrieb nicht nachlässig; er bezeichnet sein Gedicht als ein Werk: er hat sein bestes Können daran gewendet. Wir sollen dem HERRN nicht Opfer bringen, die uns nichts gekostet haben. Edles Material will gut bearbeitet sein. Wenn wir von einem so erhabenen und herrlichen Wesen, wie es unser himmlischer König ist, reden oder dichten wollen, so gebührt es sich, dass wir uns liebend in den Gegenstand versenken und ihm all unser Sinnen und Denken zuwenden. Wir sollen uns die Wahrheit mit allen Mitteln, die uns Gott gegeben hat, innerlich zu eigen machen, damit unser Mund dann übergehe von dem, des das Herz voll ist. Meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers. Die meisten übersetzen: eines gewandten Schreibers, d. i. eines Schnellschreibers, und suchen demnach den Vergleichungspunkt in der Schnelligkeit, mit der des Dichters Zunge sich bewegen muss, um die ihm aus dem Herzen zuströmendem Gedanken auszusprechen. Allein der Vergleich dünkt uns matt, da an Schnelligkeit die Zunge doch stets der Feder überlegen ist. Wir möchten daher lieber übersetzen: eines geübten Schreibers, d. i. eines geschickten Schriftstellers, so dass die Sorgfalt und wohlüberdachte Klarheit, die künstlerische Ausgefeiltheit und Schönheit der Darstellung hervorgehoben wären.3 Es ist ja selten, dass die in der Erregung der Begeisterung gesprochenen Worte an gediegenem Wert und Genauigkeit an die verba scripta (die geschriebenen Worte) eines jedes Wort wägenden, geübten und gedankenvollen Meisters der Feder hinanreichen; in unserm Psalm aber spricht der Schreiber desselben in der Tat, wiewohl er ganz von Begeisterung erfüllt ist, doch so genau und wohlbedacht wie ein geübter Schriftsteller. Seine Worte sind daher auch nicht menschlich geistvolle Einfälle von Eintagswert, sondern tiefe Reden, wie sie aus der Seele eines Mannes geboren werden, der in stillem Sinnen für die Ewigkeit schreibt. Auch die ausgezeichnetsten Menschen sind nicht allezeit in solcher Gemütsverfassung. Wenn es der Fall ist, sollten sie den Strom ihrer heiligen Empfindungen nicht zurückhalten. Denn solche Herzensstimmung schafft jene glücklichen Stunden, da sich die Dichtkunst gottbegnadeter Seelen in den klangvollen Weisen ergießt, die die Gottesdienste im Hause des HERRN bereichern.

Fußnoten
1. Fraglich ist, ob y&a(Ama als Sing. oder Plur. zu fassen ist. Plural liegt freilich sprachlich näher. Zur Bedeutung vergl. man poi/hma = Poem.

2. Diese Übers. ist immerhin möglich, da Klm wie ein Eigenname behandelt sein kann und der seltenere Gebrauch des Artikels überhaupt eine Eigentümlichkeit des poetischen Stils im Hebräischen ist.

3. Für ryhimf ist durch Esra 7,6 die Bedeutung geübt, bewandert erwiesen. Und da dort (wie überhaupt später) rp"so sogar Schriftgelehrter heißt, wird man es wagen dürfen, hier nicht an die Schriftzüge, sondern an den Stil zu denken. Näher liegt freilich die gewöhnl. Übers.: eines hurtigen Schreibers.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 09.01.2021 12:51

3. Du bist der Schönste unter den Menschenkindern,
holdselig sind deine Lippen;darum segnet dich Gott ewiglich.

Du. Als ob der König selber plötzlich vor ihn getreten wäre, bricht der Psalmdichter, in Bewunderung der Person dieses Königs ganz versunken, die einleitenden Worte ab, um seinen erhabenen Herrn unmittelbar anzureden. Ein von Liebe erfülltes Herz hat die Fähigkeit, sich den Gegenstand seiner Liebe zu vergegenwärtigen. Die Augen des Herzens sehen mehr als die Augen des Kopfes. Überdies offenbart sich Jesus selbst uns, wenn unser Herz ihm verlangend entgegenschlägt. Gewöhnlich ist es so, dass Jesus uns seine Gegenwart erfahren lässt, wenn wir ihn zu empfangen bereit sind. Ist uns das Herz warm, so beweist das, dass die Sonne scheint, und wenn wir ihre Wärme erfahren, so werden wir auch bald ihr Licht wahrnehmen. Du bist der Schönste unter den Menschenkindern. An Herrlichkeit, vor allem aber an sittlicher Schöne ist der König der Heiligen unvergleichlich. Der Grundtext hat hier eine eigentümliche Form des Zeitworts, die jedenfalls dazu dienen soll, den Begriff der Schönheit aufs Höchste zu steigern.4 Jesus ist von so wunderbarer Schönheit, dass wir es recht empfinden, wie alle gewöhnlichen Worte, überhaupt alle Menschenworte nimmer hinanreichen. Unter den Menschenkindern hat die Gnade nicht wenigen das Gepräge hoher sittlicher Schönheit verliehen, doch ist nicht einer unter ihnen ohne Flecken oder Tadel; in Jesus aber sehen wir alle Züge eines vollkommenen Charakters in harmonischem Ebenmaß vereinigt. Er ist ganz Lieblichkeit (Hohelied 5,16), wir mögen ihn betrachten, von welcher Seite wir wollen. Vor allem aber ist er schön, wenn wir ihn in der ehelichen Verbindung mit seiner Gemeinde betrachten; dann verleiht die Liebe seiner Schönheit einen hinreißenden Zug. Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen. (Grundtext) Wo sich sittliche, aus dem Angesicht strahlende Schönheit und Beredsamkeit in einem Manne vereinigen, verleihen sie ihm Majestät; beide sehen wir in höchster Vollendung in Jesus. Lieblichkeit der Person und Lieblichkeit der Rede erreichen in ihm ihren Gipfelpunkt. Holdseligkeit war in reichster Fülle ausgegossen über Jesu Lippen wie über sein ganzes Wesen, denn es war des Vaters Wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte; so ergossen sich denn auch holdselige Worte (Lk. 4,22) von seinen Lippen zu Nutz und Freude der Seinen. Die Zeugnisse der Wahrheit, die Verheißungen, die Worte lockender und tröstender Liebe entströmen den Lippen unsers Königs in solch übersprudelnder Fülle, dass wir nicht umhin können, diese Wasserfälle der Gnade der Rede eines Mose gegenüberzustellen, die nur gleich Regentröpflein niederrieselte. Wer in trautem Umgang mit dem Geliebten seiner Stimme gelauscht hat, fühlt es tief, dass nie ein Mensch also geredet hat wie dieser Mensch (Joh. 7,4). Die Braut sagt recht von ihm: Seine Lippen sind wie Lilien, die mit fließender Myrrhe triefen (Hohelied 5,13). Ein Wort aus seinem Munde zerschmolz das Herz Sauls von Tarsus und wandelte den schnaubenden Feind in einen Apostel, ein anderes Wort richtete Johannes den Theologen von der Erde auf, da dieser wie ein Toter zu seinen Füßen dalag (Off. 1,17). Und wie oft haben wir selbst die belebende und erquickende Macht seiner holdseligen Worte erfahren! Darum segnet dich (oder: hat dich gesegnet) Gott ewiglich. Wir würden gerne mit Calvin übersetzen: Darum dass Gott dich gesegnet hat ewiglich.5 Denn es will uns nicht einleuchten, dass die Schönheit, die doch von Gott verliehen ist, der Grund des göttlichen Segens sein solle. Vielmehr umgekehrt: dass Christus der Gesegnete des HERRN ist, gesegnet auf immer und ewig, das gerade macht ihn zum Schönsten unter den Menschenkindern, und dieser Segen ist der Quell der holdseligen Reden, die von seinen Lippen fließen. Allein der Grundtext berechtigt schwerlich zu dieser Fassung. Mehrere Ausleger nehmen nach Delitzsch’ Vorschlag an, mit dem Darum sei nicht der Sachgrund, sondern der Erkenntnisgrund angegeben: Darum (ist klar, dass) Gott dich gesegnet hat auf ewig. Sie nähern sich damit sachlich der vorigen Erklärung. Wenn man jedoch mit B. Moll († 1878) den Nachdruck darauf legt, dass die Schönheit des Königs hier als eine übermenschliche bezeichnet wird, so kann man bei dem nächsten Wortsinn (vergl. Luthers Übersetzung) bleiben. Eine solche alles Menschliche überstrahlende Herrlichkeit der Person und Begabung weist auf eine große und eigentümliche Bestimmung hin, und zwar darauf, dass Gott diesen König eben um dieser seiner Beschaffenheit willen zum geschichtlichen Träger und Vermittler des Segens Abrahams und Davids, der eine ewige Dauer und Kraft besitzt, gemacht hat. Ist dieser unser König so von Gott gesegnet, so wollen auch wir ihn benedeien, und dies umso mehr, als alle seine Segensfülle auf uns überfließt.

4. Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held,
und schmücke dich schön!
5. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck. Zeuch einher,
der Wahrheit zugut, und die Elenden bei Recht zu erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen.
6. Scharf sind deine Pfeile, dass die Völker vor dir niederfallen,
sie dringen ins Herz der Feinde des Königs.
7. Gott, dein Stuhl bleibt immer und ewig;
das Zepter deines Reichs ist ein gerad Zepter.
8. Du liebest Gerechtigkeit und hassest gottlos Wesen;
darum hat dich Gott, dein Gott, gesalbet mit Freudenöl mehr denn deine Gesellen.
9. Deine Kleider sind eitel Myrrhe, Aloe und Kasia,
wenn du aus den elfenbeinenen Palästen dahertrittst in deiner schönen Pracht.
10. In deinem Schmuck gehen der Könige Töchter;
die Braut stehet zu deiner Rechten in eitel köstlichem Golde.



4. Gürte dein Schwert an deine Seite. Wer seinen König Jesus wahrhaft liebt, ist auf dessen Ehre und Herrlichkeit eifersüchtig bedacht und sehnt die Zeit herbei, da er seine Macht anziehen wird, um seine heilige Sache zum Sieg zu führen und seine Feinde auszurotten. Warum sollte das Schwert des Geistes still in der Scheide ruhen und müßig am Nagel hangen gleich den Waffen im Zeughaus? Es ist scharf und kräftig, beides zum Hauen und zum Stechen. Ach, dass Jesu göttliche Kraft sich recht offenbare zur Bekämpfung alles Irrtums! Die vorliegenden Worte dringen in den erhabenen König, dass er sich zum Kampfe rüste; er möge das Schwert an seine Hüfte gürten, um es jeden Augenblick ziehen zu können. Christus ist der rechte Herzog und Vorkämpfer der Kirche; das ganze Heer der Streiter ist ohne seine Führung ein kopfloser, ohnmächtiger Haufe. Wir sind nicht Helden, sondern Schwächlinge, die nur seine Kraft zum Sieg führt. Das Schwert Immanuels ist die einzige Hoffnung derer, die ihm Heerfolge leisten. Wir haben es dringend nötig, die Bitte dieses Verses zu der unsrigen zu machen. Wir können uns nicht verhehlen, dass der Herr seine Macht in der gegenwärtigen Zeit nicht so wie in früheren, zumal in den ersten Zeiten der christlichen Kirche, offenbart; darum gilt es, dass wir ihn mit dringendem Flehen zum Kampf herbeirufen, denn gleich den Griechen sind wir ohne unseren Achilles bald vom Feind überwunden, ja wir sind nicht mehr nütze als tote Leichname, wenn Jesus nicht in unserer Mitte ist. Du Held. Wahrlich, dieser Titel gebührt unserm Feldherrn. Er wird ihm nicht aus bloßer Höflichkeit beigelegt wie so manche der Ehrennamen, die sterblichen Erdensöhnen nur zur Befriedigung ihrer eitlen Ruhmsucht gegeben werden. Jesus ist der Held, der den gewaltigsten Kampf der Menschheit ausgefochten hat. In diesem und nur in diesem einen Falle ist Heroenkultus kein Götzendienst. Er ist der Gott-Held, von dem Jesaja 9,5 redet. Und schmücke dich schön, wörtl.: (gürte um dich) deine Herrlichkeit und Majestät. Die Liebe verlangt danach, den göttlichen Freund in seinem ihm gebührenden Hoheitsglanz und Schmuck zu schauen; sie trauert, wenn sie ihn im Gewand der Niedrigkeit sehen muss, und frohlockt, wenn er in dem Schmuck seiner Majestät erscheint. Für unseren König kann keine Pracht zu groß sein. Der Himmel selbst ist nur eben gut genug für ihn; ja all die Pracht, welche Engel und Erzengel und Throne und Herrschaften und Fürstentümer und Obrigkeiten (Kol. 1,16) ihm zu Füßen legen können, ist zu gering für ihn. Nur seine eigene wesentliche Herrlichkeit entspricht völlig dem, was die Seinen für ihn begehren.

5. Und in deiner Majestät fahre glückhaft dahin. (Grundtext6 Der fürstliche Held wird nun gebeten, in seinem ganzen Hoheitsglanz den Siegeswagen zu besteigen. Ja, gebe Gott, dass unser Immanuel bald hervorbreche, um unsere geistlichen Feinde zu besiegen und die Seelen an sich zu nehmen, die er mit seinem Blut erkauft hat. Das Folgende wird von etlichen älteren Auslegern eng mit dem Vorhergehenden verbunden und übersetzt: Fahre dahin auf dem Wort der Wahrheit und Sanftmut und Gerechtigkeit. Wahrlich, drei edle Rosse, die den Kriegswagen des Evangeliums ziehen. Andere übersetzen: für die (Sache der) Wahrheit und der Sanftmut-Gerechtigkeit. Er, der selber in seinem Wesen die Wahrheit und die herablassende. milde Gerechtigkeit ist, würde demnach gedrängt, für die Sache der Wahrhaftigen, der Sanftmütigen und Gerechten einzutreten. Die Wahrheit wird verlacht, die Sanftmut unter die Füße getreten und die Gerechtigkeit ausgerottet werden, es sei denn, dass der Gottmensch, in welchem diese Tugenden leibhafte Gestalt angenommen haben, sich zu ihrer Rettung aufmacht. Es sollte allezeit unser ernstes Flehen sein, dass Jesus in seiner allmächtigen Kraft das Gnadenwerk auf Erden hinausführe, damit nicht die gute Sache unterliege und die Gottlosigkeit die Überhand bekomme. So wird deine rechte Hand Wunder vollbringen, wörtlich: dich furchtbare (Taten) lehren. Der Psalmist weissagt, dass die erhobene Rechte des Messias vor dessen eignen Augen die schreckliche Niederlage seiner Feinde enthüllen werde. Jesus bedarf keines anderen Führers als seiner eigenen Hand, keines andern Lehrmeisters als seinem eigenen Macht. Möge er uns alle lehren, wie große Dinge er vollbringen kann, indem er sie eilend vor unseren Augen ausrichtet.

Fußnoten
4. Wahrscheinlich ist tfypiyf ypiyF oder tfypiyf hpoyf zu lesen.

5. In diesem Fall wird für r$e)A NkI"-l(a genommen.

6. Andere übersetzen: Ja, deine Majestät. Glück zu. Fahre hin für die Wahrheit usw.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 12.01.2021 16:18

6. Scharf sind deine Pfeile. Unser König ist in allen Waffen geübt; er kann mit gleicher Kraft treffen die, welche nahe, und die, welche ferne sind. Und er hat keine stumpfen Pfeile; nicht einem seiner Wurfgeschosse fehlt die Spitze. Dass die Völker vor dir (Grundtext: unter dich) niederfallen. Allüberall sind der Erschlagenen des HERRN viele, wenn Jesus die Schlacht anführt. Ganze Völker erfahren seine Siegesmacht, wenn er die Pfeile seiner Wahrheit schießen lässt. Unter der Macht seiner Gegenwart fallen die Menschen zu Boden, wie wenn sie durchbohrt wären. Niemand kann stehen vor des Menschen Sohn, wenn er den Bogen seiner Allmacht in der Hand hat. Schrecklich wird jene Stunde sein, da seine Flammenpfeile auf seine Widersacher niederprasseln; dann werden Fürsten fallen und Nationen umkommen. Sie dringen ins Herz der Feinde des Königs. Unser Feldherr zielt nicht sowohl auf das Haupt als auf das Herz der Menschen. Und er trifft; jeder Schuss ist ein Treffer und dringt tief in den Lebensmittelpunkt des Menschen ein. Seien es nun Liebes- oder Rachepfeile, die Christus auf die Menschen abschießt, er verfehlt nie sein Ziel; und wenn seine Pfeile im Herzen stecken, verursachen sie einen Schmerz, der nicht leicht vergessen wird, und Wunden, die nur er heilen kann. Scharf sind die Pfeile der göttlichen Wahrheit, die uns von der Sünde überführen sollen, im Köcher des Wortes; scharf sind sie auf dem Bogen der Pfeilschützen, der Prediger des Worts; aber am empfindlichsten wird ihre Schärfe kund, wenn sie den Weg in Herzen finden, die bisher gleichgültig waren. Es sind seine Pfeile; er hat sie gemacht, und er schleudert sie. Er macht sie so scharf, er lässt sie in die Herzen dringen. Möge keiner von uns je unter den Zornespfeilen seines Gerichts hinsinken; denn kein Geschoss tötet so sicher wie sie.

7. Gott, dein Stuhl bleibt immer und ewig. Nach dem unmittelbar Folgenden ist es der König, der hier als Gott angeredet wird. Wer anders denn als unser Herr kann der König sein, von welchem dieser Psalm handelt? Der Sänger kann die Gefühle der Anbetung nicht zurückhalten. Sein erleuchtetes Auge schaut in dem königlichen Bräutigam der Gemeinde Gott, Gott selbst, und er sinkt vor diesem ewigen Monarchen in die Knie. Welch wunderbarer Geistesblick! Blind sind die Augen, die nicht Gott in Christus Jesus sehen können. Wie tief unser König sich herabließ, indem er mit seiner Gemeinde ein Fleisch ward und sie zu seiner Rechten auf den Königsthron erhob, das können wir erst dann recht ermessen, wenn wir seine ihm ureigne Herrlichkeit und Göttlichkeit begriffen haben. Welche Gnade für uns, dass unser Heiland göttlichen Wesens ist; denn wer anders als Gott selbst hätte das Heilswerk vollbringen können? Und wie herrlich, dass er auf einem Thron regiert, der niemals wanken und stürzen wird; denn wir bedürfen beider, einer königlichen Gnade und einer ewigen Liebe, wenn unsere Seligkeit gewiss sein soll. Könnte Jesu Herrschaft ein Ende nehmen, so würde unser Heil hinfällig sein; und wäre er nicht Gott und als solcher ewig, dann müsste jenes der Fall sein, denn kein Thron währt ewig außer dem, auf welchem Gott selber sitzt. Das Zepter deines Reichs ist ein gerad Zepter. Er ist der rechtmäßige Herrscher über alles, was ist. Seine Herrschaft ruht auf dem Recht, alle seine Gesetze sind recht, und das Ziel seiner Herrschaft ist ein Reich der Gerechtigkeit. Unser König ist kein Usurpator (der sich die Herrschaft anmaßt) und kein tyrannischer Bedrücker. Selbst wenn er einst seine Feinde mit der eisernen Rute zerschmeißen wird, wird er niemandem unrecht tun. Seine Rache wie seine Gnade sind beide in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit. Darum trauen wir ihm ohne Argwohn. Er kann nicht irren. Keine Trübsal ist zu schwer, denn er sendet sie; keine Züchtigung zu hart, denn er verordnet sie. O ihr gesegneten Jesushände, in euch ist die Herrschergewalt wohlgeborgen! Alle Gerechten freuen sich des Zepters dieses Königs, der in Gerechtigkeit regiert.

8. Du liebest Gerechtigkeit und hassest gottlos Wesen. Christus Jesus ist nicht neutral in dem großen Kampfe zwischen dem Guten und dem Bösen. So warm er das eine liebt, eben so heftig verabscheut er das andere. Wie befähigt ihn dies zum Herrscher und wie getrost dürfen die Untertanen auf einen solchen Fürsten trauen! Das ganze Erdenleben unseres Herrn hat die Wahrheit dieser Worte bestätigt, und er besiegelte sie damit, dass er in den Tod ging, um die Sünde hinwegzutun und das Reich der Gerechtigkeit aufzurichten. Ein tieferer Einblick in die Art, wie er jetzt auf dem Mittlerthron das Zepter führt, enthüllt uns dasselbe, und wenn er einst das Endgericht halten wird, wird es vor aller Welt offenkundig werden, wie er das Gute liebt und das Böse hasst. Wir sollten ihm in beidem nachahmen; beides ist notwendig zur Bildung eines rechschaffenen Charakters. Darum hat dich Gott7, dein Gott, gesalbet mit Freudenöl mehr denn deine Gesellen. Jesus erkannte als Mittler Gott als seinen Gott an, dem er, an Gebärden als ein Mensch erfunden, Gehorsam leistete. Auf Grund seines vollkommen heiligen Erdenlebens wird unserm Herrn und Heiland jetzt die höchste Freude als Lohn zuteil. Es gibt andere, welche die Gnade zu trauter Gemeinschaft mit ihm geführt und zu seinen Gesellen (Genossen, Teilhabern) gemacht hat; aber sie alle erkennen ihm die fürstliche Würde unter ihnen zu, wie es seinem Verdienst gebührt, und er ist der froheste von ihnen allen, weil er selber die Ursache ihrer Fröhlichkeit ist. Bei morgenländischen Festen goss man Öl auf das Haupt solcher Gäste, die man besonders ehren und willkommen heißen wollte. Gott selber salbt den Menschen Christus Jesus bei dem himmlischen Freudenfest, salbt ihn zur Belohnung für sein vollbrachtes Werk mit Freudenöl, überschüttet ihn mit einer höheren und volleren Freude, als sie irgendjemand sonst kennt. Das ist der Lohn, der dem Gottessohne für seine Schmerzen zuteil wird. Man beachte, wie V. 7 die Gottheit des Messias bezeugt wird und nun in diesem Vers seine Menschheit. Von wem anders könnte dies geschrieben sein als von Jesu von Nazareth? Unser Messias ist unser Gott. Jesus ist Immanuel, Gott mit uns.


9. Alle (Grundtext) deine Kleider sind (eitel) Myrrhe, Aloe und Kasia. Der Wohlgeruch der göttlichen Salbung durchdringt ganz die Gewänder des königlichen Bräutigams und strömt daraus hervor. Jesus ist ganz lieblich: dem geistlichen Auge ist er der Schönste unter den Menschenkindern, das geistliche Ohr wird entzückt von seinen holdseligen Reden und dem geistlichen Geruch duftet sein ganzes Wesen. Die Vortrefflichkeiten Jesu sind alle äußerst kostbar, vergleichbar den feinsten Spezereien; sie sind sehr mannigfaltig und daher vergleichbar, nicht der Myrrhe allein, sondern einem wohlbemessenen Gemenge der auserlesensten Wohlgerüche. Der Vater hat an ihm sein Wohlgefallen, und allen Wiedergeborenen ist er die höchste Wonne, denn er ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Merke: nicht nur Jesus selbst ist köstlich und lieblich, sondern sogar seine Kleider: alles, womit er es zu tun hat, wird von dem Wohlgeruch seiner Person durchduftet. Alle seine Kleider (Grundtext) sind also wohlriechend: sein königliches Purpurgewand ist uns so köstlich wie sein priesterliches Linnen, sein Prophetenmantel uns so wert wie der ungenähte Rock, worin er als Freund an unserer Seite wandelt. Seine Kleider sind eitel Myrrhe, Aloe und Kasia, übersetzt Luther: sie sind so davon durchduftet, dass sie gleichsam aus eitel Spezereien zu bestehen scheinen. Mit unfruchtbaren Versuchen, die einzelnen hier genannten Spezereien geistlich auszudeuten, wollen wir uns nicht aufhalten; der Sinn ist offenbar, dass alles Liebliche und Köstliche in Jesus vereinigt ist und von ihm ausströmt, wo immer er gegenwärtig ist. Wenn du aus den elfenbeinenen Palästen dahertrittst in deiner schönen Pracht.7 Jesus wohnt jetzt in königlicher Pracht; Elfenbein und Gold und alles Herrliche der Erde ist nur ein schwacher Vergleich. O dass er bald hervorträte, um seine Braut heimzuholen! Aus weiter Ferne strömt uns der köstliche Duft seiner himmlischen Herrlichkeit entgegen; was muss es sein, jenseit der Perlentore zu weilen, in den elfenbeinenen Palästen, mitten in den Zionshallen, die vom Gesang der Engel und der Seligen widerhallen, dort, wo der Thron Davids ist und Freude die Fülle vor dem Angesicht des Gesalbten ewiglich!

10. In deinem Schmuck gehen der Könige Töchter.8 Die Hofhaltung unseres himmlischen Königs entbehrt nicht des Hofstaates, und zwar des schönsten und edelsten. Jungfräuliche Seelen sind die Ehrenjungfrauen in den elfenbeinenen Palästen, die hehren Himmelslilien. Demütige und keusche Seelen schätzt der Herr als seine trauten Freunde, und sie haben in seinem Palast ihren Platz nicht unter dem Gesinde, sondern ganz nahe seinem Thron. Der Tag kommt, wo solche, die im buchstäblichen Sinn Königstöchter sind, es sich zur größten Ehre rechnen werden, der Gemeinde des HERRN zu dienen, und in der Zwischenzeit mag jede gläubige Schwester sich des freuen, dass sie eine Tochter des großen Königs, ein Glied der fürstlichen Familie des Himmels ist. Die Braut stehet zu deiner Rechten in eitel köstlichem Golde. Der Platz zur Rechten, den die königliche Gemahlin einnimmt, ist der Ehrenplatz auf dem Thron, zu dem des Königs Liebe sie erhebt, zum Zeichen, dass sie seine Macht und Herrlichkeit teilt. So hat auch die Gemeinde teil an der Ehre und Freude ihres Bräutigams, er erhebt sie zu der höchsten Würde. Und ihrer Würde entspricht das Gewand, in das sie gekleidet wird: nichts ist zu gut für sie, die Auserkorene; mit dem Besten des Besten schmückt der König sie. Gold ist das edelste Metall, und zwar ist’s Feingold (Grundtext), und Feingold von Ophir (Grundtext), das reinste, köstlichste Gold, das nur zu finden, womit sie bekleidet wird. Jesus hat seine Gemeinde nicht mit Gütern untergeordneten Wertes beschenkt. Seine Gerechtigkeit, mit der er sie bekleidet, ist von lauterstem Golde, ein Gewand, um das uns Engel beneiden könnten. Wohl denen, welche Glieder dieser so geehrten, so hoch geliebten Brautgemeinde sind. Wehe aber denen, die die Geliebten Gottes verfolgen. Wie kein Ehemann es duldet, dass sein Weib beleidigt oder misshandelt wird, so wird auch der himmlische Bräutigam die Unbill rächen, die der Erwählten seines Herzens zugefügt wird. - Lasst uns noch einmal die hehre Pracht überschauen, die in den betrachteten Versen vor unser Auge getreten ist. Die Schönheit des Königs hat unser Herz hingerissen; sodann haben wir gesehen, wie er sich als Held zum Kampfe rüstet, sich als König mit göttlicher Glorie schmückt, seinen Kriegswagen besteigt, seine Pfeile abschießt und die Feinde besiegt. Dann besteigt er den Thron, das Zepter in der Hand; der Wohlgeruch seiner Kleider erfüllt den ganzen Palast, sein Gefolge umgibt ihn, sein Auge aber ruht auf der Schönsten der Schönen, der Königin zu seiner Rechten, der die Töchter unterworfener Könige huldigen. Der Glaube ist’s, vor dessen Auge sich all diese Herrlichkeit enthüllt. Er liebt es, sich daran zu weiden, und wird, sooft er seinen Blick dieser Wunderpracht zuwendet, hingerissen zu liebender Anbetung und freudiger Erwartung.

Fußnote
7. Während die früher gebräuchlichen Lutherbibeln vor dem ersten Gott einen Beistrich setzen, es also als Anrede an den Messias fassen, nimmt die revid. Lutherbibel Gott, dein Gott als Subjekt. Luther selbst schwankt. Beide Auffassungen sind sprachlich gleichberechtigt. Natürlicher scheint aber die Fassung der revid. Bibeln Sogar Hebr. 1,9 kann man es als fraglich ansehen, ob der Verfasser das erste o(qeo/j als Vokativ oder als Subjektsnominativ auffasst. Dagegen ist das MyhiÆl)E (Gott) in V. 7 (Hebr. 1, 8) Anrede an den König.

8. Wir haben Luthers ganz unhaltbare Übersetzung stehen lassen, weil sich Spurgeons Bemerkungen daran anfügen lassen. Die jetzt allgemein beliebte Übers.: Aus elfenbeinenen Palästen (den königlichen Wohnungen des Vaters der Braut) erfreut dich Saitenspiel ist ansprechend; ganz über allen Zweifel erhaben ist es freilich nicht, dass ynImi eine abgekürzte Pluralform oder ein Schreibfehler statt MynImi Saitenspiel (Ps. 150,4), ist.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 16.01.2021 14:10

11. Höre, Tochter, siehe, und neige deine Ohren;
vergiss deines Volks und deines Vaterhauses,
12. so wird der König Lust an deiner Schöne haben;
denn er ist dein Herr, und sollst ihn anbeten.
13. Die Tochter Tyrus wird mit Geschenk da sein;
die Reichen im Volk werden vor dir flehen.



11. Höre, Tochter, und sieh. Als väterlicher Berater und Lehrer redet der Dichter nun die königliche Braut an und bittet sie, auf sein liebevolles Mahnwort zu hören und mit dem rechten Blick das neue Verhältnis zu besehen, in das die Liebe des Königs sie erhoben hat. Und neige dein Ohr, dass dir keines der wichtigen Worte entgehe. Nichts kann mehr der ungeteilten Aufmerksamkeit derer würdig sein, welchen die Ehre zuteil wird, mit Christus vermählt zu werden, als die nun folgenden Mahnungen. Vergiss deines Volks und deines Vaterhauses. Der Welt abzusagen ist nicht leicht; aber es muss geschehen von allen, welche dem großen König angetraut sind, denn ein geteiltes Herz ist ihm unerträglich. Es wäre ja für die Geliebten selbst ein Elend und für ihren Herrn eine Schmach. Alle böse Gesellschaft, ja selbst die Gemeinschaft mit solchen, denen der Heiland nur gleichgültig ist, muss abgebrochen und gemieden werden; sie kann uns keinen Nutzen, wird uns sicher Schaden bringen. Unsre Wiege stand im Haus der Sünde - wir sind in Sünden empfangen und geboren. Fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott; wir müssen aus dem Hause unserer gefallenen Natur ausgehen, denn es ist erbaut in der Stadt des Verderbens. Nicht die natürlichen Bande werden durch die Gnade zerrissen, wohl aber die Bande unserer sündlichen Natur, die Fesseln der Verwandtschaft mit dem Bösen. Wir haben viel zu vergessen wie auch viel zu lernen, und das Verlernen geht so schwer, dass es dazu des sorgfältigsten Hörens und Erwägens und der Hingebung der ganzen Seele bedarf. Und wir würden damit doch noch nicht das Ziel erreichen, wenn die göttliche Gnade uns nicht beistünde. Doch was könnte uns eigentlich bewegen, des Diensthauses Ägyptens zu gedenken, davon wir ausgezogen sind? Können uns die Gurken und Zwiebeln und der Knoblauch noch reizen, wenn wir der eisernen Fesseln und der Geißel des Treibers und der Mordgier des höllischen Pharaos eingedenk sind? Wir entsagen der Torheit, um die Weisheit zu gewinnen, nichtigen Tändeleien für ewige Freuden, der Lüge für die Wahrheit, dem Elend für Wonne und Seligkeit, den Götzen für den lebendigen Gott. O dass die Christen die Mahnung unseres Verses recht lebhaft im Herzen bewegten! Aber ach, die Weltförmigkeit nimmt überhand, die Kirche ist befleckt, die Herrlichkeit des großen Königs verschleiert. Nur wenn die gesamte Kirche die Scheidung von der Welt in allen Stücken durchführt, wird die volle Herrlichkeit und Macht der Christenheit zutage treten.

12. So wird der König Lust an deiner Schöne haben. Ungeteilte Liebe ist Pflicht und Wonne der Gatten in jeder Ehe, ganz besonders aber in dieser erhabenen mystischen Verbindung zwischen Christus und seiner Braut. Die Gemeinde des HERRN muss an Jesus allein hangen; sonst wird sie ihm nicht gefallen, noch die volle Offenbarung seiner Liebe genießen. Kann er sich mit weniger begnügen und darf sie es wagen, ihm weniger anzubieten, als dass sie ganz sein eigen sein wolle? In Jesu Augen ist seine Gemeinde schön, und er hat je mehr Lust an ihrer Schönheit, je keuscher sie sich von allem Weltwesen rein hält. Die Innigkeit seiner Liebe haben die Seinen allezeit am köstlichsten erfahren, wenn sie willig sein Kreuz auf sich genommen und außen vor dem Lager seine Schmach getragen haben. Sein Geist wird betrübt, wenn sie sich unter die Leute dieser Welt mengen und derselben Werke lernen. Eine allgemeine und dauernde religiöse Neubelebung kann unserer armen Christenheit nicht geschenkt werden, bis diejenigen, welche Jesu anzugehören bekennen, ihre Liebe zu ihm dadurch beweisen, dass sie sich von der ungöttlichen Welt scheiden und nichts Unreines anrühren. Denn er ist dein Herr, und sollst ihn anbeten (ihm huldigen). Er ist und bleibt der König; seine herablassende Gnade schwächt seine Autorität und Würde nicht, verstärkt sie vielmehr. Unser Heiland ist auch unser Gebieter. Der Mann ist des Weibes Haupt; die Liebe, die er ihr entgegenbringt, entbindet sie nicht von der Pflicht, ihm zu gehorchen, sie macht ihr diese Pflicht nur süß. Die Gemeinde soll in heiliger Ehrfurcht zu Jesus aufblicken und sich in tiefer Demut anbetend vor ihm niederwerfen. Die traute Gemeinschaft mit ihm, zu der er sie erhebt, berechtigt sie zu edler Freiheit, nicht aber zu eigenwilliger Ungebundenheit. Er macht sie frei von allem Druck und aller Knechtschaft, doch legt er sein sanftes Joch auf ihren Nacken. Wer wollte, dass es anders wäre? Gott dienen zu dürfen, das macht den Himmel zum Himmel, und wenn wir dieses selige Vorrecht hienieden voll ausnützten, hätten wir schon den Himmel auf Erden. Jesus, du bist es, den deine Gemeinde preist in nimmer endendem Lobgesang und den sie anbetet in ununterbrochenem Gottesdienst. Lehre uns völlig dein sein. Habe Geduld mit uns und lass nicht nach, durch deinen Geist an unseren Herzen zu wirken, bis dein Wille geschieht auf Erden wie im Himmel!


13. Die Tochter Tyrus wird mit Geschenk da sein. Wenn die Gemeinde mit ganzer Treue an ihrem Herrn hängt und mit Heiligkeit geschmückt ist, wird es ihr an Huldigung nicht fehlen. Ihre Herrlichkeit wird auf die Menschheit tiefen Eindruck machen und auch die Heiden locken, dass sie ihr, und mit ihr ihrem Herrn, huldigen. Die Macht der Mission in den fernen Ländern beruht auf der Missionsgemeinde der Heimat. Eine heilige Kirche ist eine einflussreiche Kirche. Auch soll es der Gemeinde des HERRN nicht an Schätzen in ihren Kasten fehlen, wenn sie an Gnade reich ist; die freiwilligen Gaben fröhlicher Geber sollen die, welche für den HERRN arbeiten, in den Stand setzen, ihr heiliges Werk, ungehemmt durch Mangel an Mitteln, mit Eifer und Lust zu treiben. Die Tochter Tyrus, die Handelswelt, soll ihren Tribut der Brant des großen Königs darbringen, und das nicht unter dem Druck des Steuereintreibers, sondern aus Drang der Verehrung und Liebe. Die Reichen im Volk werden vor dir flehen. Nicht dadurch sollen die Hohen dieser Welt für den Glauben an Jesus gewonnen werden, dass wir ihren Torheiten schmeicheln, sondern dadurch, dass wir wider ihre Sünden zeugen. Nicht sollen sie der Kirche Gunst erzeigen, sondern sich um der Kirche Gunst bewerben. Diese soll nicht um die Gnade der Großen buhlen, sondern als Königin ihre Gnadengüter den Reichen im Volk austeilen, die sich flehend um sie drängen. Wir erniedrigen uns, wenn wir für Christi Sache betteln gehen wie Bettler um ein Almosen. Viele, die es besser wissen sollten, bequemen sich den Verhältnissen an und schweigen von unbeliebten Wahrheiten, um den Großen der Erde zu gefallen. Aber die wahre Braut Christi kann sich nicht so erniedrigen, wenn sie in der Heiligung fortschreitet; und je mehr ihre Heiligkeit offenbar wird, desto mehr werden die Herzen sich ihr zuneigen und freigebig werden, und reiche Opfergaben werden von allen Enden am Thron des Friedensfürsten niedergelegt werden.

14. Des Königs Tochter drinnen ist ganz herrlich;
sie ist mit güldnen Gewändern gekleidet.
15. Man führet sie in gestickten Kleidern zum König;
und ihre Gespielen, die Jungfrauen, die ihr nachgehen, führt man zu dir.
16. Man führet sie mit Freuden und Wonne,
und sie gehen in des Königs Palast.



14. Des Königs Tochter drinnen ist ganz herrlich. In ihrem stillen Gemach, in ihrer verborgenen Kammer ist ihre Pracht groß. Den Menschenaugen ist sie verborgen, aber der Herr sieht sie und preist sie. "Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden." Die Gemeinde des HERRN ist von königlichem Geblüt, von fürstlicher Würde, sie ist eine Königstochter. Eitel Herrlichkeit ist ihr Teil. Von ihrem Bräutigam war gesagt, dass seine Kleider eitel Wohlgeruch seien, und von ihr heißt es, sie sei eitel Pracht und Herrlichkeit. In Jesus ist keine Beimischung von Üblem und Unschönem; so wird er auch seine Gemeinde ihm selbst darstellen ganz herrlich, ohne Flecken oder Runzel oder des etwas. Aus Goldwirkerei besteht ihr Gewand. (Grundtext) Es ist aus dem edelsten Material aufs feinste gewirkt. Mit welcher Kunst und Mühe hat unser Heiland das kostbare Gold seiner Gerechtigkeit zu einem Kleid für uns gewirkt! Solch köstliches Gewand ziemt der Braut, die zu so trauter Gemeinschaft mit dem großen König berufen ist. Der Herr selber sorgt dafür, dass an der vollen Herrlichkeit und Schönheit seiner Auserwählten nichts mangelt.

15. Man führet sie in gestickten Kleidern zum König. Der Tag kommt, da die himmlische Hochzeit öffentlich gefeiert werden wird, und diese Worte beschreiben den feierlichen Zug, in welchem die Königin, von ihren Freundinnen begleitet, ihrem fürstlichen Gemahl zugeführt wird. An jenem Tag der Herrlichkeit, wenn alles vollendet werden wird, da wird das ganze Weltall mit Bewunderung die Schönheit der Braut des Lammes sehen. Als sie noch in der Verborgenheit der Kammer war, war sie schon herrlich; was wird ihre Pracht sein, wenn sie an dem Tage, da ihr Herr offenbar wird, in seiner Herrlichkeit erscheint! Die feinste Stickerei ist nur ein schwaches Bild von der vollkommenen Schönheit der durch Gottes Geist ganz geheiligten Gemeine. Der vorliegende Vers sagt uns, wo die Kirche ihren Ruheort finden wird: an des Königs Busen; wie sie dorthin kommen wird: geführt durch die Macht der Gnade; und in welch fürstlichem Gepränge: aufs herrlichste gekleidet und begleitet von lichten, herrlichen Wesen. Und ihre Gespielen, die Jungfrauen, die ihr nachgehen, führt man zu dir. Alle, welche die Gemeinde des Herrn lieben und ihr dienen, werden an jenem Tage deren Seligkeit teilen. Sie machen ja selber einen Teil der Gemeinde aus; in dem Bilde unseres Psalms aber werden sie als die Ehrenjungfrauen der Braut dargestellt. Sie gehen mit der Braut in den Besitz des Königs über, erfreuen sich mit ihr seiner Gunst und genießen alle Herrlichkeit des Hofes. Man beachte, wie sie beschrieben werden: sie sind reines Herzens, Jungfrauen, sie stehen als Freundinnen in innigem Umgang mit der Braut, und sie folgen ihr nach, dienen ihr mit ganzer Treue. Niemand hoffe, am Ende in den Himmel eingeführt zu werden, der sich nicht jetzt durch die Gnade dafür zubereiten lässt.

16. Man führet sie mit Freuden und Wonne. Freude ziemt sich für ein Hochzeitsfest. Welche Wonne wird herrschen bei den Festen im Paradies, wenn alle Erlösten heimgebracht werden! Die Freude der Seligen selber und das Frohlocken der Engel wird die Hallen des neuen Jerusalem von Jubel ertönen lassen. Und sie gehen in des Königs Palast. Ihre Wohnungen voll Friede und Freude werden dort sein, wo Jesus, der König, für immer in Herrlichkeit regiert. Sie werden freien Zugang zum Throne haben. Schon auf dem Wege zum himmlischen Palast, da die Gnade sie leitet, ist Freude und Wonne; was muss es sein, wenn sie nun in die Herrlichkeit eingehen, und zwar, um ewig dort zu bleiben! Die Seligen sind nicht Tagelöhner, die in den Gefilden des Himmels arbeiten müssten, sondern Söhne, Prinzen fürstlichen Geblüts, die im königlichen Palast daheim sind. O selige Stunde, da wir dies alles genießen und über den Freuden der Ewigkeit die Leiden der Zeit vergessen werden!
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 19.01.2021 14:54

17. An deiner Väter Statt werden deine Söhne sein;
die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt.
18. Ich will deines Namens gedenken von Kind zu Kindeskind;
darum werden dir danken die Völker immer und ewiglich.


17. An deiner Väter Statt werden deine Söhne sein. Die ehrwürdigen Heiligen, welche wie Väter in dem Dienst des großen Königs gestanden haben, sind alle dahingegangen; aber ein geistlicher Same füllt ihre Stelle ans. Die Veteranen scheiden aus, aber jugendliche Kräfte treten in die Lücken ein. Der Stammbaum derer von Gottes Gnaden stirbt nie aus. Die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt. Christi Diener sind Könige. Knechte des HERRN, die das Wort mit Erfolg verkündigt und einen Stamm oder ein Volk für das Evangelium gewonnen haben, erwerben sich mehr als königliche Ehren, und ihr Name ist gleich dem Namen der Großen auf Erden. Jesus setzt sie zu Fürsten. In Christi Heer wird der edelste Ehrgeiz befriedigt; unverwelkliche Kronen werden den treuen Streitern ausgeteilt. Alle Welt soll noch Christus unterworfen werden, und hochgeehrt werden die sein, welche kraft der Gnade an der Eroberung mitgewirkt haben; sie werden mit Christus herrschen, wenn er kommt.

18. Ich will deines Namens gedenken (sein Gedächtnis stiften) von Kind zu Kindeskind. Jehova selber verheißt durch den Mund des Propheten dem Friedensfürsten sowohl ewigen Ruhm als auch beständige Nachkommenschaft. Sein Name, das ist sein Ruhm, sein Charakter, seine Person. Diese sind seinem Volke teuer, es kann ihrer nicht vergessen, und so wird es sein, solange es Menschen gibt. Namen, die unter einem Geschlecht hochberühmt waren, sind oft im nächsten Zeitalter schon unbekannt; aber Jesu Lorbeeren werden allezeit frisch, sein Ruhm stets neu sein. Gott wird dazu sehen; seine Vorsehung und seine Gnade werden es also machen. Der Ruhm des Messias ist nicht menschlicher Hut übergeben; der Ewige selber bürgt für ihn, und seine Verheißungen wanken nicht. Auf alle Zeiten wird das Gedächtnis von Gethsemane und Golgatha in unvergänglichem Licht erglänzen; weder die Länge der Zeit noch der Nebel des Irrtums, noch die Bosheit der Hölle werden die Herrlichkeit des Namens dieses Königs trüben können. Darum werden dir danken (dich preisen) die Völker immer und ewiglich. Sie werden dich anerkennen als den, der du bist, und werden dir ohne Aufhören die schuldige Huldigung darbringen. Ja, Dank und Preis gebührt von aller Herzen dem, der uns geliebt und mit seinem Blut erkauft hat. Dieser Dank wird nie völlig bezahlt sein, sondern stets eine schwebende und sich immer vergrößernde Schuld bleiben. Unseres Königs tägliche Wohltaten mehren täglich unsere Verpflichtungen gegen ihn; so mögen sie denn auch die Zahl unserer Loblieder vermehren. Ein Zeitabschnitt nach dem andern enthüllt seine Liebe herrlicher. So mögen denn auch fort und fort die Wogen des Dankes auf Erden und im Himmel höher und höher schwellen und die Lieder des Lobpreises in vollen Akkorden zum Thron dessen aufsteigen, der tot war, und siehe, er ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und hat die Schlüssel des Todes und der Hölle.



Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Zu beachten ist, dass der Psalm nicht eigentlich dem Brautpaar gilt, sondern genauer als ein Loblied auf den König (vergl. V. 2) bei Gelegenheit seiner Hochzeit wird bezeichnet werden müssen (van Oosterzee). Denn auch mit dem, was er von der Braut sagt, will er eigentlich den König ehren.
Es gibt drei Auslegungen des Psalms: Erstens die messianische Auslegung, welche gewöhnlich mit der allegorischen verbunden wird, und die geschichtliche, welche annehmen muss, dass der Psalm gleich dem Hohenlied erst durch eine Umdeutung seines Sinnes in späterer Zeit in den Kanon Aufnahme gefunden haben.
Bei der geschichtlichen Auslegung können wir im Ernst jedenfalls nur an einen israelitischen König und einen Davididen denken; denn dem von dem König Ausgesagten muss 2. Samuel 7 zugrunde liegen. Aber welcher König mag es sein? Jedenfalls müsste der Psalm in einer Glanzepoche des davidischen Hauses gesungen worden sein. Salomo, an den man sonst am ehesten denken würde, kann nicht der gefeierte König sein, weniger wegen der V. 4-6 diesem zugeschriebenen kriegerischen Eigenschaften - der Sänger könnte bei der Schilderung des Königs ja idealisieren -, als deswegen, weil der 17. Vers eine Reihe von Ahnen auf dem königlichen Stuhl voraussetzt. Die Deutung des Psalms auf Joram und Athalja (!) durch Delitzsch will wenig befriedigen. Wir müssten also die Frage, welcher der Könige aus Davids Haus in dem Liede gefeiert werde, als eine bei dem Stande unserer Kenntnis der Geschichte derselben nicht zu beantwortende bezeichnen. Man wird aber, selbst wenn man zunächst von V. 7 (der Anrede des Königs als Elohim - wozu man die Erläuterungen zu diesem Verse, S. 79 ff., vergleiche) absieht, zugeben müssen, dass dem König Eigenschaften beigelegt werden, die kein König in Israels Geschichte je in ihrer Gesamtheit besessen haben kann. Und der König wird in so hohen Ausdrücken gepriesen - vergl. V. 3: "Du bist schöner gestaltet als Menschenkinder" und dann die Vers 7.8, mit denen man sich doch auseinandersetzen muss, - dass man sich in der Tat fragt, ob ein König, der "Gerechtigkeit liebet und gottlos Wesen hasst" (V. 8), sich solche Huldigung gefallen lassen konnte und ob der Sänger, der in solchem Zusammenhang eine solche Anrede, wenn auch an den vortrefflichsten König, richtete, es nicht eher verdient hätte, wegen Übertretung des ersten Gebots gesteinigt zu werden, als dass sein Gedicht später die Ehre erlebt hätte, in den heiligen Vorhöfen des Tempels zu den Tönen gottgeweihter Musik angestimmt zu werden.
Wir begreifen also gut, dass man sich gerade durch den Inhalt dazu gedrängt sah, das Lied als unmittelbar den künftigen Messias besingend aufzufassen.
Man hat dann meist, was ja sehr nahe lag, die einzelnen Züge des Psalms oder doch die Hauptzüge allegorisch gefasst, also geistlich gedeutet. Dass diese allegorische Auffassung aber Absicht des Dichters gewesen sei, das deutet dieser mit nichts an, und es widerspricht dem manches, z. B. dass dann Israel (das ja unter der Braut verstanden werden müsste) aufgefordert würde, Volk und Vaterhaus zu vergessen (V. 11), und anderes mehr.
Van Oosterzee hat in seiner "Christologie van het Oude Verbond" (1855) noch eine andere Erklärung vorgeschlagen. Der Dichter schildere in dem Psalm allerdings den künftigen Messias, aber ohne Absicht der Allegorie, mit Farben, die er seiner Zeit (Salomos glanzvollen Tagen) entlehne. Vielleicht sei er gerade durch den schmerzlichen und anstößigen Abfall Salomos dazu geführt worden, sich in dichterisch-prophetischem Geist in die Zukunft zu erheben und den Messias am Tage seiner Hochzeit zu besingen. Dabei denke er also nicht an eine geistliche Ehe, sondern sehe wirklich in Entzückung den heißersehnten König der Zukunft an dem schönsten Tag seines Lebens. Die Königin seiner Wahl steht neben ihm; ein Teil des Brautschatzes wird ihm aus dem Tribut fremder Völker gebracht. Was, fragt van Oosterzee, wäre wohl mehr morgenländisch und zugleich echter israelitisch? Findet man darin nichts Anstößiges, dass David seinen großen Nachkommen so abmalt, dass sein Schwert von Blut trieft und das rauchende Schlachtfeld mit den Schädeln der Feinde bedeckt ist, - ohne dass es jemand einfallen würde, in dieser Form den buchstäblichen Ausdruck der Wahrheit zu finden, - warum sollte es uns dann ärgern, wenn nach ihm ein anderer Sänger den Messias uns als einen Fürsten vor Augen stellt, der in die Ehe tritt? Was könnte man dem Thronfolger Davids von diesem Gesichtspunkte aus Besseres wünschen, als dass er seine zahlreichen Söhne als Fürsten über zahlreiche Völker setzen könne, auf dass die ganze Welt sich seines göttlichen Segens und des Heils Israels erfreue? Die Beschreibung der Braut ist dann nichts anderes als eine ideale Vorstellung weiblicher Schönheit und Pracht, und auch der Zug, der sonst ungeziemend erscheint, dass die Gespielen der Braut bei der Hochzeit als ebenfalls dem Könige zugeführt dargestellt werden, konnte in diesem Zukunftsgemälde seinen Platz finden. Es ist dem Dichter offenbar darum zu tun, seinen Helden als so schnell wie nur möglich mit einer zahlreichen Nachkommenschaft gesegnet darzustellen. Der Messias stände nach dieser Auffassung also vor uns als ein anderer Salomo am Tage seiner Hochzeit, dem Tag der Freude seines Herzens (Hohelied 3,1). - Diese Erklärung lässt allerdings auch noch Fragen offen, scheint uns aber immerhin der Erwägung wert. - James Millard

V. 2. Mein Herz wallet über von feiner Rede. (Grundtext) Der Geist der Weissagung hat das Herz des Dichters ganz mit dem herrlichen Gegenstand erfüllt, und nun arbeitet und gärt es in starker innerer Bewegung und ist eben im Begriff sich Luft zu machen, überzusprudeln. Wir sehen hier ein wenig in die Art und Weise hinein, wie der Heilige Geist in den Propheten und Dichtern wirkte. George Harpur 1862.

Merket nun hier und lernet hier das neue Herz der Gläubigen, darin Christus wohnt durch den Glauben, welches des Herrn Christi voll ist, dass es überläuft wie ein Brunnen und kann nicht schweigen, es muss hervorbrechen. Johann Arnd † 1621.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 23.01.2021 14:17

Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Du bist der Schönste unter den Menschenkindern. Gerade dieser unmittelbare Übergang in die Anrede ist von hoher Schönheit. Der Dichter nimmt seine Feder in die Hand, um von dem König zu schreiben. Aber als ob ihm eben in dem Augenblick die glorreiche Person dessen, von welchem er zu reden gedachte, vor die Augen träte, bricht er plötzlich ab, um diesen König selber anzureden. Und seine Worte zeigen, dass er ganz von der Schönheit des Messias hingerissen ist. Erst beschreibt er die Herrlichkeit, die Schönheit und wunderbare Lieblichkeit seiner Person. Wiewohl an Jesus für das Auge fleischlich gesinnter Menschen keine begehrenswerte Schönheit zu entdecken war, ja seine Gestalt hässlicher war, denn anderer Leute, und sein Ansehen, denn der Menschen Kinder, so ist er doch für das erleuchtete Auge der König von unvergleichlicher Schönheit, und schöner noch ist er als Mittler, als Haupt und Bräutigam seiner Gemeinde. Und in den Augen des Vaters war er so gelebt, so wahrhaft herrlich, dass Huld ausgegossen ward auf seine Lippen. Man beachte den Ausdruck: Gnade ist nicht nur in sein Herz ausgegossen, sondern über seine Lippen, damit diese Gnade gleich Honig auf die Seinen niederträufle und sich für immer allen seinen Erlösten mitteile in einem immerfließenden Strom von Segnungen zu dieser Zeit und von Herrlichkeit hernach. Robert Hawker † 1827.

Schön war er in seinem Niederkommen auf die Erde. Schön war er in seiner Kindheit: er wuchs auf in Gottes Gnade, und die Lehrer waren im Tempel von ihm hingenommen. Schön war er in seinem Mannesalter; wäre dem nicht so gewesen, sagt Hieronymus, wäre nicht etwas Wunderbares, eine himmlische Schönheit, in seinem Angesicht und ganzen Wesen gewesen, so würden nicht die Apostel und alle Welt (wie die Pharisäer selber eingestehen) ihm alsbald nachgefolgt sein. Schön war er in seiner Verklärung, weiß wie der Schnee, sein Antlitz leuchtend wie die Sonne (Mt. 17,2), so dass Petrus vor Entzücken nicht mehr wusste, was er redete. Schön war er in seinem Leiden, nichts Unziemliches war an ihm in seiner tiefsten Erniedrigung, dass selbst der heidnische Hauptmann zu dem Bekenntnis gedrängt ward: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. Schön war er in seiner Auferstehung; schön in seiner Himmelfahrt. Mark Frank † 1664.

O schöne Sonne, schöner Mond, schöne Sterne, schöne Blumen, schöne Rosen, schöne Lilien; aber o zehntausendmal schönerer Herr Jesus! Doch nein, mit dieser Vergleichung bin ich ihm nicht gerecht geworden. O schwarze Sonne, aber o schöner Jesu; o schwarze Blumen, schwarzer Himmel, schwarze Engel, aber o schöner, unvergleichlich schöner, ewig schöner Herr Jesus! Samuel Rutherford † 1661.

Man vergleiche das schöne alte Volkslied: Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden usw. - Ferner sei hingewiesen auf die Züge des Bildes Jesu in Prof. Franz Delitzsch’ Büchlein "Ein Tag in Kapernaum", aus dem wir folgendes Bruchstück (von Seite 70) anführen: Bei diesen Worten war sein auf einige Augenblicke verdüstertes Angesicht wie verklärt, indem der göttliche Grund seines menschlichen Wesens hindurchbrach, und Mirjam (die Mutter Jesu), alle Strahlen dieses Angesichts in sich saugend, fühlte sich wie von überirdischen Wonneschauern durchdrungen. Es entstand eine lange Pause. Mirjam schwieg, aber sie war, wie immer, ganz und gar Gebet. Schön - so sprach ihre in Gott entsunkene Seele - war die aufgehende Sonne, schön das grüne Gelände, schön der blaue See, schön dieses Liebesmahl im traulichen Kreise, aber schöner als alles ist Er. Welch eine Stunde ist dies! Meine Augen sehen den König in seiner Schöne. (Jes. 33,17.) - James Millard

In dem einen, Christus, können wir alle Schönheit und Lieblichkeit, beides des Himmels und der Erde, bewundern. Die Schönheit des Himmels ist Gott, die Schönheit der Erde ist der Mensch; die Schönheit Himmels und der Erden miteinander ist dieser Gottmensch. Edward Hyde 1658.

Du. "Ich habe eine Passion", sagte Zinzendorf in einer seiner Ansprachen an die Gemeinde in Herrnhut, "und die ist Er, nur Er".
Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen. (Wörtl.) Aus dem Ganzen seiner Schönheit werden die Lippen besonders hervorgehoben. Über seine Lippen ist ausgegossen, von oben nämlich, Huldreiz oder Holdseligkeit, indem, auch schon ohne dass er spricht, die Bildung seiner Lippen und jede ihrer Regungen Liebe und Vertrauen erweckt; es leuchtet aber ein, dass von solchen Lippen voll ca/rij (Huld) auch lo/go/i th=j ca/ritoj (holdselige Reden) ausgehen. (Lk. 4,22; Pred. 10,2) Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Diese Worte lauten gerade, als ob der Herr mit dieser Holdseligkeit als einer Gabe von oben ausgerüstet worden wäre. Und stimmt das nicht gerade mit dem, was die Evangelisten berichten? Der Geist kam auf ihn herab, und mit dem Geist alle Gnadengaben des Geistes. George Harpur 1862.

Holdselig war, was Jesus redete und wie er’s redete. Seine Worte waren Honigseim, trösteten die Seele und erfrischten die Gebeine (Spr. 16,24). Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit durch Jesum Christum geworden (Joh. 1,17). Nicht mit Donnern Sinais, sondern mit Seligpreisungen begann er die Bergpredigt. Er kam zu seinem Volke mit dem Wort der Gnaden, - mit dem Kuss der Gnaden, sagt Augustin. Und auch die ganze Art seines Redens war holdselig und mächtig zugleich; sein ganzes Wesen zog die Seelen mit Macht zu ihm, und selbst feindlich gesinnte Menschen wurden von seiner Holdseligkeit gefesselt (Joh. 7,46). Es wird in der Schrift berichtet, dass aus allen Völkern gekommen seien, zu hören die Weisheit Salomos, von allen Königen auf Erden (1. Könige 5,14), und dass die Königin von Reicharabien ausgerufen habe: Selig sind deine Knechte, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören. Darin war Salomo Vorbild auf Christus. John Boys † 1643.

V. 4. Gürte dein Schwert um die Hüfte, du Held. Uns will bedünken, der Psalmist rufe den König hier auf, seine königliche Würde anzulegen. "Wenn ein persischer oder ottomanischer Prinz," sagt J. P. Morier (1801), "den Thron besteigt, so gürtet er das Schwert um sich. So wurde z. B. Mohammed Jaffer, als er von dem Khan für die Zeit bis zur Ankunft seines Bruders zum Regenten ernannt wurde, dadurch mit dieser Würde bekleidet, dass ihm ein Schwert um die Hüfte gegürtet ward, eine Ehre, die er, vielleicht nicht bloß zum Schein, nur mit Widerstreben annahm." Und Dr. Davey sagt in der Beschreibung einer morgenländischen Krönung: "Ehe der Prinz wirklich als König gelten konnte, musste noch eine Zeremonie vor sich gehen: er hatte sich einen neuen Namen zu wählen und das königliche Schwert anzulegen. Der Fürst begab sich in großem Staat zum Tempel, wo er Oper darbrachte, und nachdem ihm das Schwert um die Hüfte gegürtet worden war, bot ihm der Priester ein Gefäß mit Sandelpulver, in das der Prinz, der jetzt erst König genannt werden durfte, seinen Finger tauchte." George Paxton † 1837.

Dein Schwert. Das Wort Gottes wird solcher Waffe verglichen. Doch braucht das Schwert auch einen Helden, es zu führen. Mit dieser Waffe ausgerüstet, bahnt sich der Herzog unsrer Seligkeit seinen Weg mitten durch die Feinde; niemand kann ihm widerstehen. Edward Payson † 1827.

V. 5. Für die Sache der Wahrheit und der Sanftmut-Gerechtigkeit. Man darf nicht übersetzen: der Sanftmut und Gerechtigkeit; die beiden Wörter bilden vielmehr eine Art von Nomen copositum. Sanftmut-Gerechtigkeit ist aber nicht Gerechtigkeit mit Sanftmut gepaart oder durch sie gemildert - ein solcher Gegensatz der Gerechtigkeit und der Sanftmut ist dem alttestamentlichen Sprachgebrauch fremd - sondern Gerechtigkeit, die sich zuerst und hauptsächlich in der Sanftmut äußert. Die Sanftmut ist der Kern der Gerechtigkeit. Vergl. Zeph. 2,3: "Suchet den HERRN, all ihr Sanftmütigen des Landes, die ihr sein Recht tut, suchet Gerechtigkeit, suchet Sanftmut", wo die Sanftmütigen diejenigen sind, die das Recht des HERRN tun, und wo das Streben nach Gerechtigkeit sich vor allem in dem Streben nach Sanftmut äußert. Prof. E. W. Hengstenberg 1843.

V. 6. Scharf sind deine Pfeile. His sagittis, sagt Hieronymus, totus orbis vilneratus et captus est: Mit diesen Pfeilen (den Aposteln) ist die ganze Welt verwundet und gefangen genommen worden. So war Paulus ein Pfeil des Herrn, der von Jerusalem bis Illyrien und von Illyrien bis Spanien flog und Christi Feinde niederwarf. Christopher Wordsworth 1868.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 26.01.2021 10:57

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Dein Thron, o Gott, (währt) immer und ewig. Alle alten Übersetzungen haben das Wort Elohim (Gott) in diesem Vers als Vokativ aufgefasst. Der Vers böte keine Schwierigkeit, wenn er ohne das Folgende (V. 8b) dastände, man also Jahve als angeredet ansehen dürfte. Die erwähnten Eigenschaften - Ewigkeit des Throns, Liebe der Gerechtigkeit, Hass des Bösen - werden ja auch sonst Gott im Besondern beigelegt. Auch für die Anführung des Verses im Hebräerbrief (1,8 f.) mit: "Betreffend den Sohn aber heißt es: Dein Thron, o Gott, ist in alle Ewigkeit" würde dieser Sinn des Psalmworts genügen; der Verfasser würde, gerade wie bei dem folgenden Zitat V. 10 ff., das im alten Testament von Gott oder Jahve Gesagte ohne weiteres auf den Sohn anwenden, und das von seinem neutestamentlichen Standpunkt aus mit Berechtigung, da der Sohn ja der offenbare Gott ist. Aber - in V. 8b ist unzweifelhaft (ob man dort "Gott" als Anrede oder als Subjektsnominativ auffasst, ist dafür gleichgültig) der König angeredet, und es scheint ganz unnatürlich, bei V. 8b einen plötzlichen Wechsel in der Person des Angeredeten anzunehmen, da ein solcher durch nichts angedeutet ist. Die mit "dich" V. 8b gemeinte Person muss dieselbe sein wie die mit "du" in V. 8a und mit "dein Thron" in V. 7 angeredete, also der König. Auch der Hebräerbrief wird die Vers so verstanden haben. Vom neutestamentlichen Standpunkte aus macht die Anrede des Königs als Gott ja auch keine Schwierigkeit. Anders stellt sich jedoch die Sache, wenn wir sie von dem Standpunkt des Psalmisten aus betrachten. Da erhebt sich die Frage, ob und wie wir es uns nach der Analogie des übrigen alttestamentlichen Gottesworts zurechtlegen können, dass der Psalmist hier den von ihm besungenen König als Elohim anredet.
Allerdings wird an mehreren Stellen des alten Testaments die irdische Obrigkeit als "Gottes Stellvertreterin und Bildträgerin" (Delitzsch) Elohim genannt (vergl. 2. Mose 21,6; 22,7 f.; 1. Samuel 2,25; Ps. 82,1.6, vielleicht auch Ps. 138,1). Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob die Könige oder Richter Elohim (Götter) genannt werden oder ob hier ein König unmittelbar als Elohim (Gott) angeredet wird. Manche Ausleger haben eben darum den ganzen Psalm als eine unmittelbare messianische Weissagung aufgefasst. (Vergl. dazu die Erläuterungen zum ganzen Psalm, S. 75 f.) Aber selbst wenn man (nicht einen theokratischen König, sondern unmittelbar) den künftigen Messias als in dem Psalm weissagend gepriesen ansieht, würde die Anrede als Gott auf alttestamentlichem Standpunkt ganz einzig dastehen. Es fällt dabei noch ins Gewicht, dass der Psalm der elohimischen Dichtungsweise angehört, welche das Wort Elohim im Werte von Jahve zu gebrauchen gewohnt ist. Die Weissagung würde sich hier mit einem gewaltigen Sprung auf die Höhe von Joh. 20,28 (den Gipfel der Vollendung des Glaubens der Jünger) erheben, und das in einem Psalm, der teilweise mit sehr irdischen Farben malt. Es könnte dann zur Vergleichung höchstens die einer viel höheren Stufe der Weissagungsentwicklung angehörende Stelle Jes. 9,5 herbeigezogen werden, wo der Prophet, der doch sonst die Schranke zwischen Gott und Mensch eifersüchtig wahrt, das hehre Königskind, den Immanuel, mit Namen begrüßt, die diesem mit voller Absicht göttliche Eigenschaften beilegen. Aber Ps. 45 kann nach seiner ganzen Haltung nicht mit Jes. 9 gleichgestellt werden; und doch würde der Psalm mit der direkten Anrede des Messias als Gott noch über Jes. 9 hinausgehen. Vollends unbegreiflich wird diese Anrede, wenn man mit den meisten Auslegern annimmt, dass der Psalm die Hochzeit eines geschichtlichen Königs besinge.
Man hat den V. 7 daher auf verschiedene Weise anders zu deuten gesucht, indem man Elohim entweder als Prädikat oder als Subjekt des Satzes aufzufassen versuchte. Als Prädikat: Dein Thron ist Gott (= göttlich) auf immer und ewig; - eine Redeweise, die ganz ohne Beispiel ist. Als Subjekt: Dein Thron (das, was dir Herrschaft verleiht, worauf dein Thron sich gründet) ist Gott, mit vorausgestelltem Prädikat, was eine höchst missverständliche Ausdrucksweise wäre und auch nicht in den Zusammenhang passt, weil der Satz nach dem Parallelglied nicht eine Aussage darüber enthält, was Gott für den König sei, sondern, welche Bewandtnis es mit seinem Thron habe (Riggenbach, zu Hebr. 1,8, Kommentar 1913). Andere haben Gott als abgekürztes Prädikat (als gen. poss.) = Gottesthron gefasst: Dein Thron ist (ein Thron) Gottes. Sachlich ließe sich 1. Chr. 29,23; 28,5 gut vergleichen; sprachlich aber ist diese Ellipse (Auslassung) nicht zu rechtfertigen.
Man hat zwar diese Auffassungen damit sprachlich zu stützen gesucht, dass das d(ewf MlfO( (für immer und ewig) dann wie gewöhnlich als adverbialer Satzteil stehe, während man, wenn es Prädikat wäre, das dann übliche d(ewf MlfO(l: erwarten würde. Delitzsch hat dagegen bemerkt, dass das d(w Mlw( an unserer Stelle auch bei der gewöhnlichen Auffassung akkusativisch gedacht sei: ... ist für immer und ewig. Endlich hat man die Anfangsworte MyhÆil)E Kf)As:kIi als einen Begriff zusammengenommen: Dein Gottesthron ist immer und ewig. Gegen diese Auffassung spricht u. a., dass die Aussage ja eine Tautologie enthalten würde.
Man sieht sich also doch auf die vokativische Auffassung der alten Übersetzungen angewiesen, wenn man nicht etwa zu sogenannten Verbesserungsversuche greifen will. Diese bieten sich unschwer, sind aber doch wohl Verlegenheitsauskünfte. Olshausen ergänzt vorne Nykih": Gott hat befestigt usw.; Lagarde will d(ewf in d(asf umwandeln: Gott stützt deinen Thron ewiglich; aber ... steht hinter ... zu gewöhnlich, als dass der Vorschlag Gewicht haben könnte. Am ehesten ließe sich mit Nöldeke annehmen, das Wort Elohim (Gott) sei eine Glosse (spätere Einfügung) eines Lesers oder Abschreibers, sei es, dass derselbe die in V. 7-8a enthaltenen Aussagen für einen König zu erhaben fand, diese Sätze also trotz dem dann bei V. 8b anzunehmenden schroffen Personenwechsel von Jahve verstehen zu müssen und durch die Einschiebung des Elohim diesen Sinn gegen Missverstand schützen zu sollen glaubte, sei es, dass die Einschiebung mit dem späteren, seine Aufnahme in den Psalter vermittelnden religiösen Gebrauch des Liedes zusammenhängt. Aber auch dieser Versuch, durch Annahme einer Glosse die Schwierigkeit zu umgehen, hat seine ernsten Bedenken.
Delitzsch, von Orelli und andere halten darum an der Echtheit de vokativischen Elohim fest. Beide ziehen dabei in Betracht, dass der Psalm auch sonst den gefeierten König mit hohen, über das Empirische (die Wirklichkeit bei den geschichtlichen Königsgestalten des Volks) weit hinausgehenden Worten preist. Siehe die folgenden Auszüge. - James Millard

Der in unserm Psalm gefeierte König kann umsomehr Elohim heißen, als er in seiner himmlischen Schöne, seiner unwiderstehlichen Macht, seiner sittlichen Reinheit und Hoheit dem Sänger als die vollendete Wirklichkeit des engen Verhältnisses erscheint, in welches David und sein Same zu Gott gestellt ist. Er nennt ihn so, weil er in dem durchsichtigen Gefäße seiner schönen Menschlichkeit Gottes Herrlichkeit und Heiligkeit zu heilwärtiger Sichtbarkeit unter den Menschen gelangt sieht. Zugleich aber sichert er diese Benennung des Königs mit Elohim dadurch vor einem Missverständniss, dass er sofort auch mit KfyhÆel)E MyhÆil)E (Elohim, dein Gott), welches in den korahitischen und überhaupt den elohimischen Psalmen so viel wie "Jahve, dein Gott" ist, von dem göttlichen Könige den Gott, der über ihm steht, unterscheidet. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Hier (V. 7) ist eine gewisse Identität mit der Gottheit nicht bloß dem derzeitigen Träger eines Amtes, sondern der Person des Königs, beziehungsweise seinem Hause, seiner Dynastie, zugesprochen, so dass sie ewig (wie Gott) herrschen wird. Vergl. V. 17 f. 3. Wie in der Zeit diese Herrschaft dank ihrem göttlichen Charakter alle sonstige Erdengröße weit überragt, so verbreitet sich ihr Glanz auch im Raume ins Ungemessene. Die Völker können diesem herrlichen Fürsten nicht widerstehen (V. 6); die fremden Könige suchen seine Gunst und senden ihm ihre Töchter (V. 10); die Schätze der reichsten Städte werden ihm und seiner Gemahlin dargebracht (V. 13), welche freudig den Glanz ihres heimischen Hofes mit dem höheren des davidischen vertauschen soll. Die Söhne werden so ruhmvoll herrschen wie die Vorfahren und als Unterkönige, solange sie nicht regieren, überall auf Erden die Majestät des Hauses vertreten (V. 17). Das setzt jedenfalls eine großartige Erweiterung des bescheidenen israelitischen Gebietes voraus, denn auf das israelitische bezogen, zumal das halbierte, wären die "Fürsten auf der ganzen Erde" lächerlich. Selbst in unglücklicher Zeit erhebt der davidische König höhere Ansprüche (Ps. 60). Denken wir vollends an Ps. 2,8; 72,11, so ist die unabsehbare Aussicht auf Herrlichkeit in der Zukunft keineswegs ungereimt. Aber allerdings lässt sie sich nur verstehen, wenn dem gefeierten Königtum nach des Sängers Bewusstsein eine aller Erdenmacht überlegene Herrlichkeit innewohnte. So wurde eine glänzende Epoche in der Geschichte des davidischen Hauses besungen. Die Nachwelt hat das Lied von dem mit gottesbildlicher Doxa (Herrlichkeit) umgebenen (Delitzsch) gerechten König auf den künftigen Herrscher auf Davids Thron bezogen, der mit vollerem Recht Gottheit für sie in Anspruch nehmen durfte (vergl. Jes. 9,5). Prof. Conrad von Orelli 1882.

Der Thron des Messias unterscheidet sich von den Thronen dieser Welt durch seine ewige Dauer, und sein Zepter von demjenigen der weltlichen Machthaber dadurch, dass es stets richtig gehandhabt wird. Bischof G. Horne † 1792.

Der Krummstab ist von jeher etwas anderes gewesen als jener Stab, von dem es heißt: Das Zepter deines Reichs ist ein gerades Zepter. Christ. G. Barth in Piepers Jahrbuch 1859.

V. 8. Mancher liebt Gerechtigkeit, würde aber nicht für sie in den Kampf gehen. Solcherart war Christi Liebe zur Gerechtigkeit nicht. Mancher hasst gottlos Wesen, aber nicht, weil ihm das gottlose Wesen in der Seele zuwider wäre, sondern weil es üble Folgen mit sich bringt. Solcherart war der Hass Christi nicht. Um Christo ähnlich zu sein, müssen wir die Gerechtigkeit lieben, wie er sie liebte, und das gottlose Wesen hassen, wie er es hasste. Lieben und hassen wie er, das heißt vollkommen sein, wie er vollkommen ist. Die Vollendung dieser Liebe und dieses Hasses ist die sittliche Vollendung. George Harpur 1862.

Darum. Man beachte, wie oft in der Schrift die Verherrlichung Christi als Folge seiner Verdienste dargestellt wird. G. Harpur 1862.

Gott, dein Gott. Gott war der Bundesgott Christi, damit er auch unser Bundesgott sein könne. Der Bund wurde zuerst mit dem Haupte geschlossen und in ihm zugleich mit uns, den Gliedern. William Troughton 1656.

Öl der Freuden. Man pflegte bei festlichen Anläsen das Haupt mit wohlriechenden Ölen zu salben. Vergl. Ps. 23,5; 104,15; Jes. 61,3. Der Heilige Geist, mit dem Jesus gesalbt ward, ist ein Geist der Freude. Giovanni Diodati † 1649.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 30.01.2021 11:34

Erläuterungen und Kernworte

V. 9. Deine Kleider sind eitel Myrrhe, Aloe und Kasia. Er ist in überfließender Fülle gesalbt mit dem köstlichsten Salböl. Die hier genannten Spezereien waren wegen ihres edeln Wohlgeruches berühmt. Myrrhe und Kasia werden 2. Mose 30,23 f. unter den Gewürzen genannt, aus welchen das heilige Salböl bereitet ward, das von niemand nachgemacht und zu keinen andern als den vorgeschriebenen heiligen Zwecken gebraucht werden durfte. Aaron ward damit gesalbt, desgleichen die Stiftshütte mit ihren Geräten. Die Salbung des göttlichen Heilands beschränkte sich nicht darauf, dass ihm etliche zeremonielle Tropfen aufs Haupt geschüttet worden wären, sondern es wird von ihr gesagt, sie sei so reichlich, dass gleichsam alle seine Kleider eitel Myrrhe, Aloe und Kasia seien. David Pitcairn 1846.

Aus elfenbeinenen Palästen usw. Der letzte Teil des 9. Verses hat den Auslegern viel Mühe gemacht. Ein Ausweg scheint mir der zu sein, dass man minni (was andere gleich minnim, Saitenspiel, fassen) als Eigenname der Minäer fasst, deren Land, in Reich-Arabien gelegen, nach dem Geographen Strabo an Myrrhen und Weihrauch überaus reich war. Nun ist es merkwürdig, dass nach dem Geschichtsschreiber Diodor Siculus die Einwohner von Reich-Arabien sehr kostbare, mit Elfenbein und Edelsteinen verzierte Häuser hatten. Dann würde die Stelle also lauten: Aus elfenbeinenen Palästen der Minäer erfreut man dich. Wir erinnern uns, dass im vorhergehenden Vers das Öl, womit Christus gesalbt sei, Öl der Freuden genannt wurde. Wenn nun hier von Christus ausgesagt wird, dass er erfreut werde, so ergänzen wir wohl mit Recht: mit den in der ersten Vershälfte genannten Spezereien Myrrhe, Aloe und Kasia, mit denen jenes Salböl gewürzt war. Diese wenden aus den elfenbeinenen Palästen Minäas, aus dem reichen Gewürzland, und zwar aus den Wohnungen der Großen, wo die feinsten Wohlgerüche aufgespeichert sind, dem König als kostbare Gabe gebracht. George Harpur 1862.

V. 11. Vergiss deines Volks und deines Vaterhauses. In dreierlei Beziehung müsst ihr allem absagen, spricht Christus. 1) All euern sündlichen Lüsten, dem alten Adam, eures Vaters Hause. Seit Adams Abfall wohnen Gott und der Mensch nicht mehr beisammen, und von jener Zeit an ist unser Vaterhaus eine Heimstätte schlechter Sitten, ein Haus voller Sünde und Gottlosigkeit. 2) All euern weltlichen Vorzügen. "So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, der kann nicht mein Jünger sein." (Lk. 14,26.) Wer all dies hat, muss bereit sein, sich von dem allem zu trennen; nicht vom einen oder andern, sondern von allem. 3) Eurem eignen Leben, allem Eigenwillen, aller Eigengerechtigkeit, aller Selbstgenügsamkeit, allem Selbstvertrauen, aller Selbstsucht. Lewis Stuckley † 1687.

Bist du auf dem Berge, so sieh nicht hinter dich nach Sodom. Bist du in der Arche, so schweife nicht nach der Welt zurück wie der Rabe. Bist du auf dem Wege nach Kanaan, so vergiss die Fleischtöpfe Ägyptens. Streitest du gegen Midian, so fall nicht auf die Knie, dir am Wasser gütlich zu tun. Bist du auf dem Dach, so lass fahren, was im Hause ist (Mk. 13,15). Hast du die Hand an den Pflug gelegt, so sieh nicht zurück (Lk. 9,62). Themistokles begehrte mehr die Kunst des Vergessens zu lernen als die des sich Erinnerns. Die erste Lektion, welche Sokrates seine Jünger lehrte, war: "Gedenke"; denn er meinte, erkennen sei nichts anderes, als dass man sich das in Erinnerung rufe, was die Seele bereits gewusst habe, ehe sie sich mit dem Leibe verbunden habe. Aber die erste Lektion, welche Christus seine Jünger lehrt, ist: Vergiss dein Volk und Vaterhaus, oder: Tu Buße, ändere deinen Sinn, wende dich vom Bösen. Thomas Adams 1614.

V. 11f. Tobias Kießling, der bekannte gottesfürchtige Kaufmann in Nürnberg († 1824), war in seiner Jugend voll innerer Unruhe; er fühlte, dass ihm etwas fehle, und seine Seele verlangte heftig nach dem Frieden in Gott. Durch einen Salzburger wurde er mit Andreas Rehberger, Prediger bei St. Jakob, bekannt. Er ward nun noch strenger gegen sich selbst; er fing an, so gesetzesstreng zu leben wie der strengste Israelit, aber er fühlte, mir fehlt die Hauptsache. Er sagte von sich: Ich komme mir vor wie einer, dem Arme und Finger fest verbunden oder verwachsen sind, und der sich nun vergebens abmüht, eine künstliche Maschine zu erfinden, die dasselbe leistet, was Hand und Arm durch die Kraft des Lebens ganz leicht leisten. Eine Christenlehre Rehbergers über Röm. 4,4 hatte ihn, der so viel mit Beten, Kirchengehen, Wohltun und Almosen umging, so sehr geärgert, dass er vor Zorn weinte und gegen Rehberger ganz aufgebracht war. Da half nun wieder der Herr, auf dass sich niemand rühme. Er ging 1766 eines Nachmittags wieder zu St. Jakob in die Kirche; da predigte Rehberger über Ps. 45,11.12: Höre usw. Da kam es vollends zum Brechen der letzten Eisrinde, und nach vielen ernsten Tränen hieß es bei ihm: Rein ab und Christo an. Von da an wurde er gesetzt zum Segen für viele in Nürnberg, in Franken, in Österreich. Rudolf Kögel 1895.

V. 12. So wird der König Lust an deiner Schöne haben. Das ist eine sehr liebliche, tröstliche Verheißung. Denn der heilige Geist merkt und weiß wohl, dass die Heuchelei in unserm Herzen stecket, dass wir gerne rein und ohne alle Befleckung vor Gott sein wollten. Also war im Papsttum eine gemeine Anfechtung, dass wir gerne zum Sakrament gehen wollten, wenn wir darzu würdig wären. Also suchen wir von Natur Reinigkeit in uns, erforschen unser ganz Leben und wollten gern etwas Gutes und Reines in uns finden, dass wir der Gnade nicht bedürften, sondern aus unserm Verdienste vor Gott fromm und gerecht geachtet und erkannt würden. Eben also gedenken wir auch, wenn wir beten sollen: Ich betete wohl gerne, bin aber nicht würdig, dass mich Gott erhöre. Diese Gedanken kommen von diesem großen Mönche (der Selbstgerechtigkeit), welcher in uns steckt und uns vergiftet. Mit der Weise wirst du nimmer nicht beten müssen, wenn du so lange warten willst, bis du würdig werdest. Darum spricht der heilige Geist: Ich will dir einen sehr guten Rat geben, durch welchen, so du mir folgest, wirst du überaus schön werden. Denn wenn du vor Gott schön sein willst, dass ihm alle deine Werke gefallen und er also zu dir sagen solle: "Dein Gebet gefällt mir, ich habe ein Gefallen an allem dem, so du redest, tust und gedenkest," so tue ihm also: Höre und schaue drauf, und neige deine Ohren. Also wirst du sehr schöne werden, wenn du hören, drauf schauen und aller vorigen Gerechtigkeit und Frömmigkeit ganz und gar vergessen und gläuben wirst. Alsdann bist du schön; nicht aber von dir selbst, sondern des Königs halben, welcher dich mit seinem Worte geschmücket hat, durch welches er dir verkündigen lässt und anbeut seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit, Wahrheit, Stärke und alle Gaben des heiligen Geistes. Er braucht aber sehr herrliche Worte, in dem, dass er spricht: Der König wird Lust an deiner Schönheit haben, das ist, du wirst ihn durch diesen deinen Glauben dahin dringen, dass er tue, was du willst, dass er, aus großer Liebe beweget, selbst dir nachlaufen wird, auf dass er bei dir sei und Wohnung bei dir mache. Denn wenn Gott sein Wort gegeben hat, lässt er sein Werk nicht liegen, das er in dir angefangen hat, sondern gestattet, dass du vom Teufel, von der Welt und von deinem eigenen Fleisch angefochten werdest, auf dass er dich dadurch wacker mache. Und eben auf diese Weise nimmt er seine Braut für großer Liebe in die Arme. Martin Luther 1532.

V. 13. Unter der Tochter Tyrus sind die Heiden gemeint, indem ein Teil statt des Ganzen steht. Tyrus, eine Stadt an den Grenzen desjenigen Landes, in welchem diese Weissagung erging, dient als Typus der Nationen, welche an Christum glauben sollten. Von dort stammte jene kananäische Frau, die zuerst, nach ihrem "Vaterhaus" und ihrem "Volk", ein Hund war; als sie aber zu dem König kam und ihm nachschrie, da war sie durch den Glauben schön geworden, so dass sie das große Wort hören durfte: O Weib, dein Glaube ist groß! Der König hat Lust an deiner Schöne! Aurelius Augustinus † 430.

Mit Geschenk. Diejenigen, welche ihre Güter und Habe verkauften (Apg. 2,45; 4,34 f.), kamen mit Geschenken, das Antlitz dieser Königin zu suchen, "und legten’s zu der Apostel Füßen." Ja, damals brannte die Liebe in der Gemeinde. Aurelius Augustinus † 430.

Die Reichen. Die sind wahrlich reich an Gnade, deren inneres Leben durch ihren äußeren Reichtum nicht gehindert wird. Es ist ein seltener Anblick und ein besonderes Werk der Gnade, wenn die Reichen ihre Gaben bringen und, was auch in unserm Text die Hauptsache ist, sich selber Christo und seiner Gemeinde ergeben. Joseph Caryl † 1673.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps45

Beitragvon Jörg » 02.02.2021 16:07

Erläuterungen und Kernworte

V. 14. Des Königs Tochter drinnen ist ganz herrlich. Der Sinn der Stelle mag sein: 1) dass ihre größte Herrlichkeit darin bestehe, dass sie solch trauter Gemeinschaft mit dem König gewürdigt sei. Oder 2) dass sie am herrlichsten sei, wenn sie in den innersten Gemächern des Königspalastes weile, weil diese am prächtigsten waren. Oder 3) dass sie in köstlichem Schmuck erstrahle, nicht nur wenn sie vor dem Volk erscheine, sondern auch, wenn sie drinnen im Palast sei; denn sie schmücke sich für den König, damit er Lust an ihrer Schöne habe, und nicht, damit andere sie anstaunen. Oder endlich 4) dass die inwendige Herrlichkeit ihrer Tugenden und Gaben ihr größter Schmuck sei. Arthur Jackson † 1666.

Drinnen. Am Tempel war von außen nichts zu sehen als Holz und Steine, innen aber war er ganz herrlich; zumal das Allerheiligste war ganz golden. Selbst der Fußboden war, ebenso wie die Decke, mit Gold überkleidet. John Sheffield 1654.

V. 15. Ihre Gespielen, die Jungfrauen, die ihr nachgehen. Auch der gereifteste Christ kann zu der Gemeinde des HERRN nicht sagen: Ich bedarf dein nicht. Die Königin mag keine ihrer Gefährtinnen missen. Vergl. Eph. 4,16; Kol. 2,19. William Troughton 1656.

V. 16. Man führet sie mit Freude und Wonne. Nie ist eine Vermählung mit solch feierlichem Freudengepränge gefeiert worden, wie dies einst bei der Hochzeit Christi mit seiner Brautgemeinde im Himmel der Fall sein wird. Gott der Vater wird frohlocken ob der herrlichen Ausführung und Vollendung seines wunderbaren Liebesratschlusses. Christus, der Bräutigam, wird frohlocken ob des Lohnes seiner Schmerzensarbeit, seines Leidens und Todeswehs (Jes. 53,11). Der Heilige Geist wird frohlocken, weil die Heiligung und Zubereitung der Gläubigen, die ihm anvertraut war (2. Kor. 5,5), zur Vollendung gekommen ist. Die Seelen, die er als rohe Steinblöcke vorgefunden hat, glänzen nun als herrlich behauene und polierte Bausteine am geistlichen Tempel. Die Engel werden frohlocken. Groß war schon ihre Freude, als in der Menschwerdung Christi der Grundstein dieses Bauwerks gelegt wurde; wie groß muss dann erst die Freude sein, wenn der Schlussstein eingefügt wird unter vieltausendstimmigem Lobpreis der Gnade, welche das Werk vollführt hat! Gottes Kinder selber werden sich freuen mit unaussprechlicher Freude, wenn sie in des Königs Palast eingehen, um auf ewig bei dem Herrn zu sein (1. Thess. 4,17). So wird Freude sein überall, nur nicht bei den Teufeln und den Verdammten, die vor Neid mit den Zähnen knirschen werden ob der Herrlichkeit, die den Gläubigen zuteilwird. Joh. Flavel † 1691.

V. 17. An deiner Väter Statt werden deine Söhne sein. O Kirche Gottes, so meine denn nicht, du seiest verlassen, weil du weder Petrus noch Paulus siehst, - die nicht siehst, von denen du gezeugt worden. Aus der eigenen Frucht deines Leibes sind dir Väter erstanden. Aurelius Augustinus † 430.

Auch für den König selbst ist solches neue Band ein seliges Band. Viel herrliche und königliche Ahnen hat er gehabt bis auf Isai zurück, nun aber werden ihm, dem ewigen Könige, Kinder geboren wie der Tau aus der Morgenröte (Ps. 110,3; vergl. Jes. 53,10), und diese werden als Fürsten sitzen auf Thronen in aller Welt. Gleichwie der Herr seinen Jüngern verheißen hat: Wahrlich, ich sage euch, dass ihr, die ihr mir seid nachgefolgt, in der Wiedergeburt (aller Dinge), da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, werdet ihr auch sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Geschlechter Israels. (Mt. 19,28) Und wie Paulus sagt: Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? (1. Kor. 6,2.) Prof. A. Tholuck 1843.

V. 18. Darum werden dich preisen die Völker immer und ewiglich. Dass Christus sich seine Gemeinde zur Braut erwählt hat und ihr von Jahr zu Jahr durch sein Wort und seinen Geist mehr Seelen hinzufügt, die er bekehrt und denen er königlichen Sinn, königliche Gedanken und Neigungen gibt, das mehrt stets und auf ewig seine majestätische Herrlichkeit. David Dickson † 1662.

Homiletische Winke

V. 2. Drei für den christlichen Prediger wichtige Stücke: 1) Dass seine Predigt "ein gutes Wort" sei, was sie vor allem dann sein wird, wenn sie von dem besten Gegenstande, dem König ohnegleichen, handelt. 2) Dass seine Sprache fließend sei, durch natürliche Begabung, durch Bildung und Übung, vor allem aber durch das Wirken des Heiligen Geistes. 3) Dass sein Herz von dem Gegenstand überwalle. George Rogers 1870.
V. 3. Jesus der Schönste unter den Menschenkindern.
Jesus, seine Person, sein Evangelium und seine Segensfülle.
1) Wir dürfen und sollen Christum rühmen. Die Engel, Gott, die Schrift, die Heiligen des alten und des neuen Bundes rühmen ihn, so sollen auch wir es tun. 2) Weswegen sollen wir ihn rühmen? a) Wegen einer Schönheit. Sind Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe, Sanftmut nicht echte Schönheit? Alle Züge sittlicher Schönheit sind in ihm in höchster Fülle, Vollendung und Harmonie. b) Wegen seiner Holdseligkeit. Gottes Huld ist über ihn ausgegossen und in ihm verkörpert. c) Wegen des ewigen göttlichen Segens, der auf ihm ruht. George Rogers 1870.
V. 3-6. In diesen Versen wird der Herr Jesus dargestellt: 1) als höchst liebenswert; 2) als der Liebling Gottes; 3) als der Besieger aller seiner Feinde. Matthew Henry † 1714.
V. 4. Christus der Held.
Dass der himmlische Heerführer am Kampfe teilnimmt, ist die Ehre, die Freude, die Sicherheit, die Kraft, der Sieg und der Lohn seiner Streiter.
V. 4-6. Der Sieg des Messias vorhergesagt und ersehnt.
V. 6. 1) Die Pfeile des göttlichen Zornes sind scharf, 2) noch schärfer die Pfeile der gütigen Vorsehung; 3) am allerschärfsten aber die Pfeile der die Herzen überwältigenden Gnade Gottes in Christo. Der Köcher des Allmächtigen ist mit diesen Pfeilen wohlgefüllt. George Rogers 1870.
Wie sind diese Pfeile beschaffen? Was sind sie? Wen treffen sie? Wohin treffen sie? Was richten sie aus? Was kommt danach?
V. 7. Der göttliche König, sein Thron, dessen Dauer, sein Zepter. Lasst uns diesen König anbeten, ihm gehorchen, auf ihn trauen, uns bei seinem weisen Regiment und sichern Schutz beruhigen und uns seiner freuen.
V. 8. Christus hasste das Böse, als es bei der Versuchung an ihn selber herantrat, er hasste es an andere, enthüllte seine Gottlosigkeit, starb, um es zu zerstören, und wird einst kommen, es ewig zu verdammen.
Christi Liebe und Hass.
"Das Freudenöl", Predigt von C. H. Spurgeon, Botschaft des Heils, 11. S. 225. Baptist. Verlag, Kassel.
V. 9. Die Kleider unsers Königs - seine Ämter, seine beiden Naturen, seine Bundesverordnungen, seine Ehren usw. - sind voll köstlichen Wohlgeruchs.
V. 10.11. Die Brautgemeinde soll ihrer Verbindung mit dem königlichen Bräutigam gedenken, ihrer früheren Verbindungen vergessen.
V. 12. Christi Lust an der Schönheit seiner Braut.
V. 14-16. 1) Der neue Name der Braut: Des Königs Tochter. Sie ist dies a) als aus Gott geboren, b) als dem Sohne Gottes vermählt. 2) Das Wesen der Braut: Sie ist drinnen ganz herrlich, a) weil Christus in ihrem Herzen regiert, b) weil sie der Tempel des Heiligen Geistes ist. 3) Das Gewand der Braut: mit Gold durchwirkt, gestickt. Dies Kleid ist die Gerechtigkeit Christi, mit anderen Worten sein vollkommener Gehorsam und sein sühnender Tod. 4) Die Gefährten der Braut: Jungfrauen, die ihr nachgehen. 5) Der Einzug (die Heimfahrt) der Braut. (V. 15 u. 16) a) Sie wird den König sehen in seiner Schöne. b) Der König wird seine Liebe zu ihr vor aller Kreatur erklären. Duncan Macgregor 1869.
V. 15. 1) Die Zuführung der Braut zu Christus. a) Wenn die Seelen zuerst zu ihm gebracht werden ("Ich habe euch vertraut einem Manne", 2. Kor. 11,2). b) Wenn sie beim Tode vor ihn treten. c) Wenn die vollendete Gemeinde ihm dargestellt wird (Eph. 5,27). 2) Wie sie ihm zugeführt wird: a) in herrlichem, von ihm selber gewirktem Gewande; b) mit allen ihren Nachfolgern. Diese sind (a) Jungfrauen, (b) ihre Gefährten, (c) ihre Diener (sie gehen ihr nach). George Rogers 1870.
V. 17. "Die ununterbrochene Linie mehrerer Adliger". Pred. von C. H. Spurgeon, Botschaft des Heils, 11. S. 81. Baptist. Verlag, Kassel.
V. 18. Der ewige Ruhm Christi.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 06.02.2021 11:19

PSALM 46 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Vorzusingen, wörtl.: Dem Vorsteher (der Tempelmusik). Mit unbedeutenden Liedern mögen sich mittelmäßige Sänger abgeben; um dies hehre Lied in Musik zu setzen bedarf es des tüchtigsten Meisters. Der soll es die Schar auserlesener Chorsänger lehren, deren köstliches Vorrecht es ist, den HERRN in seinem Hause mit lieblichen Liedern zu preisen. Eines Menschen Stimme ist zu schwach, das Lob Gottes würdig erschallen zu lassen. Ein Lied der Kinder Korah. Vergl. die Vorbemerkung zu Ps. 42. Statt "von der Jugend" übersetzen manche: im hohen Ton oder nach Mädchenweise, d. i. im Sopran1 (zu singen oder zu spielen) und vergleichen als Gegensatz den Ausdruck "in der achten", Ps. 6,1, den sie "in der tiefen Stimme" deuten. Siehe beide Ausdrücke einander gegenübergestellt 1. Chr. 15,20 f. Aus der Zeit des zweiten Tempels wenigstens wissen wir, dass Levitenknaben in den Gottesdiensten die höhere Stimme sangen. Vielleicht dürfen wir aber auch an den Gesang israelitischer Jungfrauen denken. Als David die Philister geschlagen hatte, gingen ihm die Weiber aus allen Städten Israels entgegen mit Gesang und Reigen; sollten sie nicht noch viel lieber ihre hellen Stimmen haben erklingen lassen, da es galt, Jehovas Ruhm zu singen? Möge es nie an jungfräulichen Seelen und reinen Herzen fehlen, die sein Lob verkündigen. Man hat bei dem Wort auch an hellklingende Instrumente gedacht, zu denen dieser Psalm hätte gesungen werden sollen. Wir sollen, wie in allen Teilen des Gottesdienstes, so auch im Gesang alle Eintönigkeit meiden; unsere Lieder und Melodien sollen, in reicher Abwechslung, jeweils der passende Ausdruck dessen sein, was unser Herz bewegt. Diese alten musikalischen Bezeichnungen lassen sich fast sämtlich nicht mit Gewissheit deuten; immerhin zeigen sie uns, dass Sorgfalt und Kunst auch im Gemeindegesang nicht fehlen sollen.

Inhalt

Mag da kommen, was will, Gottes Volk ist im Glauben getrost und wohlgesichert. Das ist die Lehre unseres Psalms, den wir darum gern als das Lied heiligen Gottvertrauens bezeichnen würden, wenn es uns um des aus ihm geborenen welterschütternden Reformationsliedes willen nicht noch näher läge, ihn den Lutherpsalm zu nennen.

Einteilung

Der Psalm zerfällt in drei Teile, deren Schluss jedesmal durch ein Sela bezeichnet ist.

Auslegung

2. Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
3. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
4. wenn gleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Sela.ewiglich.



2. Gott ist unsre Zuversicht (wörtl.: Zuflucht) und Stärke (oder: Feste). Nicht unsre Heere, nicht unsre Festungen sind der Grund unserer Zuversicht, sondern Jehova, der allein wahre und lebendige Gott. Mögen andere mit stolzem Prahlen auf ihre unbezwingbaren Burgen hinweisen, die auf unnahbaren Felsen erbaut und durch eiserne Tore gesichert sind, - Gott ist eine bessere Zuflucht in der Not als die gewaltigsten Festungen. Und wenn es gilt, den Krieg in Feindesland zu tragen, so ist uns die Allmacht des einen Herrn Himmels und der Erde eine bessere Hilfe als die Tapferkeit von Legionen und die vielgerühmte Macht der Kriegswagen und Streitrosse. Kreuzeskämpfer, denke daran, sei getrost und stark in dem HERRN! Übersieh aber auch nicht das den persönlichen Besitz anzeigende Fürwort unser; ruhe nicht, bis du deines Anteils an Gott gewiss geworden bist, dass du sagen kannst: Er ist meine Zuflucht und meine Stärke. Desgleichen sollst du nicht vergessen, dass Gott eben jetzt in diesem Augenblick deine Zuflucht sein will, ebenso wie er es für den Psalmsänger war, da dieser die Worte schrieb. Gott will uns alles sein, und er allein kann es. Jeder andere Bergungsort ist ein Trug, und jede andere Stärke ist im Grunde Schwäche, denn Gottes allein ist die Macht (Ps. 62,12). Da aber Gott allgenügend ist, ist er allen unseren Bedürfnissen und Nöten völlig gewachsen. Er ist als Hilfe in Nöten erfunden sehr. (Wörtl.) Die Gottesfürchtigen haben ihn in vielen Drangsalen ernstlich erprobt, und stets hat er sich als Helfer bewährt. Niemals läßt er die Seinen im Stich, wenn sie von Unglück betroffen werden. Er selber ist ihre wahrhaftige, wirksame und beständige Hilfe; er ist ihnen stets zur Seite, allezeit bereit, ihnen beizustehen. Das Wörtlein sehr verleiht der Behauptung starken Nachdruck. Mögen die nächsten Freunde und Verwandten und die mächtigsten irdischen Helfer sich als treulos oder ohnmächtig erweisen, er macht unser Vertrauen nie zuschanden. Seine Macht hat keine Grenzen, und seine Treue ist unwandelbar. Er wird als Freund in der Not erprobt. Er macht es nicht wie die Schwalben, die uns im Winter verlassen. Seinen Beistand erfahren wir gerade dann am herrlichsten, wenn wir ihn am dringendsten bedürfen. Wenn es dunkel ist um uns her, so lasst uns mit Luther sprechen: Kommt. Magister Philipp, wir wollen den 46. Psalm anstimmen:

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.

3. Darum. Wie oft begegnen wir in den Psalmen diesem Darum. Es liegt der heiligen Dichtkunst der Bibel nicht daran, uns zu gedankenloser poetischer Begeisterung hinzureißen; sie will uns überzeugen, darum führt sie in strenger Logik Vernunftgründe ins Feld, wie wenn es sich um einen mathematischen Beweis handelte. Und so bilden die folgenden Worte eine natürliche Schlussfolgerung aus den ersten. Darum fürchten wir uns nicht. Wie unvernünftig wäre es, wenn wir uns fürchten wollten, da doch Gott auf unserer Seite ist! Wo er ist, da sind die Allmacht und die ewige Liebe; - was sollten wir denn zagen? Wenn gleich die Welt unterginge, wörtlich: die Erde sich wandelte2 - ob auch die Grundlage aller sichtbaren Dinge so erschüttert würde, dass sie selbst und alles, was sie trägt, sich völlig veränderte. Und die Berge wankten (und) mitten ins Meer (sänken): selbst wenn die festesten aller geschaffenen Dinge in Trümmer sänken und in völliger Zerstörung ganz verschwänden. Die beiden Sätze nennen die furchtbarsten Katastrophen, die wir uns vorzustellen vermögen. Sie schließen alle anderen Umwälzungen und Schrecknisse ein, wie den Sturz von Dynastien, die Vernichtung von Völkern, den Untergang von Familien, die Verfolgungen der Gemeinde des Herrn, die Herrschaft des Unglaubens und Irrglaubens und was sonst je das Gottvertrauen der Gläubigen auf die Probe stellen mag. Und wenn Unglück über Unglück hereinbräche und wenn es zum Alleräußersten käme, soll doch ein Kind Gottes nie dem Kleinmut Raum geben. Da Gott treu bleibt, kann seiner Sache und seinem Volke keine Gefahr drohen. Wenn einst die Elemente vor Hitze zerschmelzen und Himmel und Erde im letzten, großen Brande vergehen, werden wir das Zusammenkrachen der Welten und den Untergang alles Sichtbaren getrosten Mutes betrachten können, weil Er, der unsre Zuflucht ist, auch dann uns vor allem Übel bewahren, und der Gott, der unsre Stärke ist, uns für die kommende Herrlichkeit zubereiten wird.

4. Mögen toben, mögen schäumen seine Wasser. (Wörtl.) Wenn die Elemente, entfesselten Furien gleich, ihre ganze zerstörende Macht offenbaren, so kann doch der Glaube mit ruhig heiterem Blick all dem Wüten und Toben zuschauen. Ihn erschreckt das Lärmen nicht, noch fürchtet er sich vor wirklicher Gewalt; denn er weiß, dass der HERR das Brausen des Meeres stillt und die Wasser des Ozeans mit der hohlen Hand misst. Und von seinem Ungestüm die Berge erbeben. Alpen und Anden mögen zittern und beben, aber der Glaube ruht auf einem sicheren Grunde und kann von dem Ungestüm des Meeres nicht erschüttert werden. Das Böse mag gären, die Wut der Feinde kochen und der Stolz schäumen; das mutige Herz zittert in seinem heiligen Vertrauen dennoch nicht. Große Männer, die wie Berge dastehen, mögen in Zeiten schweren Unglücks vor Furcht beben; aber dem Mann, der auf Gott vertraut, braucht nie das Herz zu entsinken.



Sela. Inmitten solchen Wirrwarrs mag die Musik wohl eine Pause machen, dass die Sänger Atem schöpfen und wir selber Zeit gewinnen, jene ernsten Dinge sinnend zu erwägen. Wir sind nicht in nervöser Hast, sondern können mit Muße niedersitzen und warten, während das Weltmeer tobt und die Erde zergeht und die Berge hinstürzen. Unsere Art ist nicht jene kopflose Überstürzung, die man oft für Tapferkeit ansieht: wir können ruhig der Gefahr ins Auge schauen und das, was andern die Haare zu Berge stehen lässt, zum Gegenstand stillen Nachsinnens machen. So ist denn diese Pause nicht ein Erstummen vor Schrecken, sondern ein stilles Ausruhen. Wir unterbrechen unser Lied, um unsere Harfe mitten im Tosen des Unwetters neu zu stimmen. Es wäre zu wünschen, dass wir in den Stürmen der Anfechtungen stets solch ein Sela heiliger Stille einschalten könnten; aber ach, nur zu oft reden wir in wirrer Hast, lassen unsere zitternden Hände in wilder Aufregung in die Saiten fahren, schlagen die Leier mit roher Faust, dass ihre Töne in schriller Disharmonie durcheinander schwirren, und verderben so die Melodie unseres Lebensliedes!

Fußnoten
1. Allerdings will es gerade zu dem wuchtigen Psalm 46 nicht recht passen, dass er in der zarteren Sopranstimme sollte gesungen worden sein.

2. Oder, wenn man "ihre Stätte" ergänzt: ob auch die Erde ihre Stätte veränderte, also wiche.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 09.02.2021 15:40

5. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,
da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
6. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben;
Gott hilft ihr frühe am Morgen.
7. Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen;
das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.
8. Der HERR Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz. Sela.


5. Ein Strom (ist). (Grundtext3 Gottes Gnade spendet gleich einem mächtigen und doch sanften, das Land befruchtenden, nimmer versiegenden Strome den Gläubigen Erquickung und Trost. Das ist der kristallhelle Strom von Wasser des Lebens (Off. 22,1), daran sich die obere Gemeinde wie die hienieden erlabt. Die Gottesstadt ist nicht dem ungestümen, Zerstörung anrichtenden Weltmeer (V. 4) ausgesetzt; sie wird bewässert von einem friedlichen Strom, der nicht von Erdbeben erschüttert und von einstürzenden Bergen (V. 3) gehemmt wird, sondern seinen Lauf ohne Störung in majestätischer Ruhe fortsetzt. Wohl denen, die aus eigener Erfahrung wissen, dass es einen solchen Strom gibt! Dessen Arme - ihrer sind viele, und jeder hat seine eigentümlichen Schönheiten und seinen besonderen Zweck und Nutzen - erfreuen die Stadt Gottes, und zwar indem sie für die Bürger der Gottesstadt der klare Beweis sind, dass der himmlische Zionskönig all ihre Bedürfnisse stillt. Diese Bäche des Stroms der Gnaden vertrocknen nicht wie der Krith (1. Könige 17,7), sind nicht schlammig und trüb wie der Nil, nicht reißend wie der Kison (Richter 5,21), nicht trügerisch wie die Bäche, über welche Hiob (6,15-17) klagt, nicht ungesund wie das Wasser Jerichos (2. Könige 2,19), sondern klar und kühl, erquickend und heilsam und allezeit überströmend voll. In Kriegszeiten war die größte Sorge einer morgenländischen Stadt, dass ihr das Wasser während der Belagerung ausgehen könnte; war sie davor geschützt, so vermochte sie die Angriffe der Feinde lange Zeit auszuhalten. In unserm Vers nun wird Jerusalem, das die Gemeinde des HERRN versinnbildlicht, als mit Wasser wohl versehen beschrieben, um uns damit die herrliche Wahrheit vorzuführen, dass uns in Zeiten der Prüfung genügsame Gnade (2. Kor. 12,9) werde dargereicht werden, also dass wir beharren können bis ans Ende. Die Gemeinde des HERRN gleicht einer wohleingerichteten Stadt. Wahrheit und Gerechtigkeit umgeben sie als Mauer und Wall; ihre Verteidigungsmacht ist die Allmacht des Höchsten; sie ist schön gebaut und geschmückt nach dem Plan unendlicher Weisheit; ihre Bürger, die Heiligen, genießen hohe Vorrechte; sie treiben gewinnreichen Handel mit fernen Landen; sie leben in der beseligenden Gegenwart des Königs; und wie ein großer Fluss für eine Stadt der schönste Schmuck und eine Quelle des Reichtums ist, so ist der mächtige Strom der ewigen Liebe und Gnade Zions Freude und Wonne. Die Gemeinde des HERRN ist im besonderen Sinn die Stadt Gottes: sie ist von ihm entworfen, gebaut, erwählt und erkauft; er wohnt in ihr, sie ist seinem Ruhm geweiht und wird durch seine Gegenwart verherrlicht. Die heilige Wohnung des Höchsten. Das war Jerusalems einzigartige Herrlichkeit, dass Jehova in seiner Mitte eine Stätte hatte, wo er sich in besonderer Weise offenbarte, und eben dies ist ja in noch höherer Weise das köstliche Vorrecht der Heiligen des neuen Bundes, ein Vorrecht, das uns wohl eine ähnliche Frage auf die Lippen drängen mag, wie Judas Jakobi sie an Jesus richtete: Herr, was ist’s, dass du uns willst dich offenbaren und nicht der Welt? (Joh. 14,22) Ein Tempel des Heiligen Geistes zu sein ist das selige Teil jedes Gläubigen; und eben dies ist die hohe Ehre der Gemeinde des HERRN in ihrer Gesamtheit, dass sie die lebendige Behausung des dreieinigen Gottes sein soll. Des Höchsten. Das ist ein hehrer Name, der Gottes Macht, Majestät, Erhabenheit und Einzigartigkeit anzeigt, und es ist bemerkenswert, dass Gott eben in solcher Eigenschaft, als der Höchste, in seiner Gemeinde wohnt. Wir haben nicht einen Gott, der groß wäre im Reich der Natur, aber klein im Reich der Gnade. Nein, in der Gemeinde offenbart sich Gott so klar und überzeugend wie in den Werken der Schöpfung; ja noch wunderbarer ist der Glanz der Herrlichkeit Gottes, der zwischen den Cherubim hervorbricht, welche den Gnadenthron überschatten, um den sich die Gemeinde des lebendigen Gottes versammelt. Dass der Höchste schon hienieden in den Gliedern seines Leibes wohnt, das macht die irdische Gemeinde der himmlischen ähnlich.

6. Gott ist bei ihr drinnen. Seine Hilfe ist darum gewiss und allezeit nahe zur Hand. Wird die Gottesstadt belagert, so wird auch er, der in ihr wohnt, miteingeschlossen; und wir dürfen des gewiss sein, dass er hervorbrechen wird seine Widersacher zu vernichten. Wie vertraut ist der HERR doch mit allem, was seine Kinder trifft, und zugleich wie hilfsbereit, da er mitten unter ihnen wohnt! Mögen wir uns hüten ihn zu betrüben; lasst uns solche Ehrfurcht vor ihm hegen, wie sie Mose beseelte, da er fühlte, dass auch der Sand der Wüste am Horeb heilig sei, und er seine Schuhe auszog, als der HERR zu ihm redete aus dem brennenden Busch. Darum wird sie fest bleiben. Wie sollte sie wanken (Grundtext), es wäre denn, dass ihre Feinde Gott selber erschütterten? Doch damit hat’s keine Not. Die Gegenwart des Allmächtigen macht alle Hoffnung der Feinde, die Gottesstadt zu erobern und zu zerstören, lächerlich. Der Herr ist in dem Schifflein, darum kann es nicht zerschellen. Gott hilft ihr - nach innen durch reichliche Versorgung und nach außen, indem er ihre Feinde um die Mauern her in Haufen niederstreckt, wie es mit Sanheribs Heer geschah, als der Engel ausfuhr und die ganze gewaltige Streitmacht schlug (Jes. 37,36). Frühe am Morgen, wörtlich: um die Morgenwende. Sowie der erste Lichtstrahl das Kommen des Tages verkündigt, mit des Morgens Anbruch, ist auch Gottes Rechte schon erhoben, um seinem Volke beizustehen. Der HERR ist beizeiten auf. Wir sind träge ihm zu begegnen; er aber zögert nie uns zu helfen. Unsere Ungeduld klagt wohl, dass Gott säumig sei; aber in Wahrheit verzieht er nicht die Verheißung (2. Petr. 3,9). Der Menschen Eile ist oft große Torheit; Gottes scheinbare Verzögerungen aber sind stets weise und, recht betrachtet, überhaupt keine Verzögerungen. Mag die Rotte der Bösen heute die Kirche Gottes umringen und mit Verwüstung bedrohen, - es wird nicht lange währen, so werden sie vergehen wie der Schaum auf dem Wasser, und der Lärm ihres Aufruhrs wird in Grabesstille verstummen. Gerade wenn die dunkelste Stunde der Nacht geschlagen hat, wendet sich’s wieder dem Morgen zu, und dann, ja dann wird der HERR auf den Plan treten als der allmächtige Verbündete seines Volks. So war es am Roten Meer: Um die Morgenwende kam das Meer wieder in seinen Strom und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht des Pharaos, dass nicht einer aus ihnen überblieb. (2. Mose 14,27 f.) So war’s mit Sanheribs Heer: Am Morgen, siehe, da lag’s alles eitel tote Leichname (Jes. 37,36). Um den Abend, siehe, da ist Schrecken da; und ehe es Morgen wird, sind sie nimmer da (Jes. 17,14). Am Abend kehret Weinen ein, aber am Morgen ist Jubel! (Ps. 30,6.)


7. Völker tobten. (Grundtext) Der Psalm blickt offenbar auf eine besondere Rettungstat Jehovas zurück, durch welche Jerusalem aus großer Gefahr befreit worden war. Die Völker waren in wildem Aufruhr, sie scharten sich um die heilige Stadt, wie heißhungrige Wölfe um ihre Beute; sie schäumten und heulten vor Wut wie ein tobender Ozean und ihre Zahl ward größer und größer gleich den Wogen der schwellenden See. Es wankten Königreiche. Schrecken ergriff die Lande; die Unmenschen brachten Unglück über ihr eigenes Land, indem sie Reichtum und Manneskraft des Volkes verzehrten durch die schweren Steuern an Gut und Blut, welche der Eroberungskrieg forderte, und sie entvölkerten und zerstörten fremde Gebiete auf ihrem verheerenden Zuge nach Jerusalem. Manchem königlichen Haupt entfiel die Krone, uralte Throne wankten wie vom Sturm gepeitschte Bäume, mächtige Reiche stürzten gleich Tannen, die der Orkan entwurzelt. Alles geriet aus Rand und Band und Entsetzen ergriff alle, die den HERRN nicht kannten. Er ließ seine Stimme erschallen, da zerschmolz die Erde. Durch ein Wort stillte der Allmächtige den Sturm. Er ließ seine gewaltige Stimme hören - und der Mut der Tapfersten zerschmolz, das stolze Heer war vernichtet, die siegreiche Weltmacht zerbrochen und ohnmächtig. Im ersten Augenblick zwar schien sich die Verwirrung durch das Erscheinen der göttlichen Macht noch zu steigern. Es war, als sei die Erde ein Wachsklumpen geworden; die festesten, unwandelbar scheinenden Dinge der Menschenwelt schmolzen wie das Fett der Widder auf dem Altar. Aber alsbald ward eine große Stille. Die Wut der Menschen legte sich; die, welche der Reue fähig waren, zerschmolzen in Bußtränen, und die Unversöhnlichen mussten verstummen. Wie gewaltig ist ein Wort aus Gottes Munde! O dass solch ein Wort voll Majestät heute noch herabführe, um alle Herzen in Liebe zum Heiland zu zerschmelzen und allen Verfolgungen, Kriegen und Revolutionen der Menschen auf immer ein Ende zu machen!

8. Der HERR Zebaoth ist mit uns. Das ist der Grund, weshalb Zion ewig sicher ist und es ihren Feinden nie und nimmer gelingen kann sie zu stürzen. Gott ist Jehova Zebaoth, der HERR der Heerscharen; er herrscht über die Engel, die Sterne, die Elemente, kurz über all die Heerscharen, die Gottes Befehle ausrichten, ja selbst der Himmel Himmel stehen unter seinem Zepter. Und auch die Armeen der Reiche dieser Erde müssen, ob sie es auch nicht ahnen, seinem Willen dienen. Der oberste Befehlshaber aller Streitkräfte zu Wasser und zu Land ist auf unsrer Seite, ist unser erlauchter Verbündeter. Wehe denen, die wider ihn streiten; sie werden vergehen wie der Rauch vor dem Wind, wenn der Befehl des Höchsten erschallt sie zu zerstreuen. Der Gott Jakobs ist unser Schutz, wörtl.: ist uns eine Burg. Immanuel, Gott-mit-uns, ist der HERR der Heerscharen, und Jakobs Gott ist unsere feste Burg. Sela. Wenn dieser hehre Vers in Tönen, die eines solchen Jubilate würdig sind, gesungen worden ist, mögen wohl die Sänger Atem holen und die Spielleute einen Augenblick innehalten um ihre Instrumente zu stimmen. Gilt es doch, sogleich mit neuer Kraft den Ruhm des Höchsten zu besingen.

Fußnote
3. Wörtl.: Ein Strom - seine Bäche (d. i. seine Arme) erfreuen die Stadt Gottes, die heiligen Wohnungen = die heilige Wohnung (der Plur. des Hebr. amplifiziert hier) des Höchsten. Andere übersetzen: Ein Strom ... ist die Heiligkeit der Wohnungen des Höchsten.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 13.02.2021 14:40

9. Kommt her und schauet die Werke des HERRN,
der auf Erden solch Zerstören anrichtet,
10. der den Kriegen steuert in aller Welt,
der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.
11. Seid still und erkennt, dass Ich Gott bin.
Ich will Ehre einlegen unter den Heiden, ich will Ehre einlegen auf Erden.
12. Der HERR Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz. Sela.


9. Kommt her (oder: gehet hin) und schauet die Werke des HERRN. Die beglückten Einwohner Jerusalems werden eingeladen, hinauszugehen und die Leichname der Feinde zu besehen, damit sie innewerden, welch große Tat Jehova vollbracht und welch reiche Beute seine Rechte dem Volke seiner Wahl erobert hat. Es wäre zu wünschen, dass auch wir das Walten der Vorsehung so aufmerksam verfolgten und ein so scharfes Auge hätten zu beobachten, wie die Hand unsers Bundesgottes in die Kämpfe seiner Gemeinde eingreift. Dieser Vers sollte uns in den Ohren tönen, sooft wir im Buch der Geschichte blättern, und wenn wir die Zeitung lesen, sollte unser Blick darauf gerichtet sein zu sehen, wie das Haupt der Gemeinde die Nationen zum Heil seines Volkes regiert, gleichwie Joseph einst Israel zugut über Ägypten herrschte. Der auf Erden solch Zerstören4 anrichtet. Die Zerstörer zerstört er, die Verwüster verwüstet er. Wie eindringlich predigt doch dieser Vers noch in unseren Tagen! Die zerstörten Städte Assyriens, Babyloniens, Basans und Kanaans sind unsere Lehrmeister und reden zu uns in der Sprache der Steine. Überall, wo man sich um Gottes Herrschaft nicht gekümmert und seine königliche Majestät geringgeschätzt hat, ist der Verachtung Gottes das Verderben auf dem Fuße nachgefolgt. Wie ein Brand hat die Sünde ganze Völker verzehrt und ihre Paläste in Trümmerhaufen verwandelt. Als der Psalmdichter die furchtbare Niederlage der heidnischen Heerscharen sah, rief er seine Mitbürger auf, hinauszugehen und achtsam die schrecklichen Taten der göttlichen Gerechtigkeit zu betrachten, die um ihretwillen an jenen geschehen waren. Geschleifte Burgen und zerstörte Klöster stehen auch in unseren Landen da als Denkmäler der Siege des HERRN über Tyrannei und Aberglauben. Mögen bald die letzte Lügenfeste und das letzte Bollwerk des Unglaubens und Aberglaubens gefallen sein!

10. Der den Kriegen steuert in aller Welt (wörtl.: bis ans Ende der Erde). Seine Stimme bringt den Kriegslärm zum Schweigen und ruft der Stille des Friedens. Auch die fernsten und wildesten Völker schüchtert er ein und zwingt sie, Ruhe zu halten. Er zermalmt die gewaltigen Weltmächte, dass ihnen die Lust zum Kriegführen vergeht; er schenkt seinem Volke tiefen Frieden. Der Bogen zerbricht, dass sie keinen der leichtbeschwingten Todesboten mehr entsenden können, Spieße zerschlägt, dass die mächtigen Kriegshelden eine wehrlose Beute werden, und Wagen mit Feuer verbrennt, die stolzen Streitwagen samt ihren todbringenden Sicheln den Flammen preisgibt. Alle Waffenarten türmt er in Haufen auf und vernichtet sie gänzlich. So geschah es in Judäa in vergangenen Zeiten; so wird es einst in aller Welt geschehen. Gesegnetes Werk des Friedensfürsten, wann wirst du buchstäblich vollendet sein? Schon sind die geistlichen Feinde des Volkes Gottes ihrer zerstörenden Macht beraubt; aber wann wird der allgemeine Weltfriede gefeiert werden, wann werden alle Werkzeuge des Massenmordes schmählicher Vernichtung anheimfallen? Wie glorreich wird der letzte Sieg Jesu am Tage seiner Erscheinung sein, da alle seine Feinde im Staube liegen werden!


11. Lasset ab. (Grundtext) So erschallt das Donnerwort Gottes an die Völker. Lasst ab von eurem freveln Plan, die Stadt des lebendigen Gottes zu zerstören, und erkennt, dass Ich Gott bin, ihr, die ihr die Schrecken des Zornes des Allmächtigen fühlt! Erkennt seine Majestät und betet ihn an, ihn allein! Und da niemand würdig sein Wesen verkünden kann, so ehrt ihn durch ehrfurchtsvolles Schweigen. Das Prahlen sollte den Gottlosen in der Tat vergehen angesichts dessen, was der HERR in vergangenen Zeiten getan hat. Ich will Ehre einlegen5 unter den Heiden. Die Heiden vergessen Gottes und beten die Götzen an, aber der HERR will noch durch sie geehrt werden. Lieber Leser, die Aussichten der Mission sind glänzend, so glänzend wie die Verheißungen Gottes. Entfalle keinem Menschen das Herz, die feierliche Erklärung dieses Verses muss in Erfüllung gehen. Ich will Ehre einlegen5 auf Erden, unter allen Völkern, wie groß ihre Bosheit und Verkommenheit auch sein mag. Gott will sich alle Herzen, sei es in Furcht oder Liebe, untertänig machen. Das ganze Erdenrund soll noch vom Glanze seiner Majestät widerstrahlen. Die Sünde, die Hartnäckigkeit und der Stolz der Menschen müssen nur dazu dienen, dass Gott umso mehr verherrlicht wird, wenn einst die Gnade herrscht und die Gerechtigkeit zum ewigen Leben bis an die Enden der Erde.

12. Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Solcher Vers lässt sich wohl zweimal singen! Bezeugt er doch eine Wahrheit, deren kein Gotteskind je müde wird, eine Tatsache, die nur zu oft vergessen wird, und ein köstliches Vorrecht, dessen man nicht genug gedenken kann. Lieber Leser, steht der HERR auf deiner Seite? Ist Immanuel, Gott mit uns, dein Heiland? Besteht zwischen Gott und dir ein Bund wie zwischen Gott und Jakob? Wenn dem so ist, so bist du dreimal selig zu preisen. Zeige deine Freude in heiligem Gesang, und in Stunden der Trübsal beweise dich als Mann, indem du trotz allem Leid deinem Gott singst! Sela. Hier gilt es, wie zuvor, das Herz zu erheben. Nach dem Lobe sollst du in heiliger Andacht ruhen. Es ist leichter, ein Loblied zu singen, als ohne Unterlass in der Stimmung des Lobens und Rühmens zu bleiben; und doch soll das unser Ziel sein, die Stimmung des Dankes festzuhalten und jedes unserer Loblieder also zu enden, als ob es nimmer enden sollte.


Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Als unter Josaphat Moabiter, Ammoniter und Edomiter das davidische Reich mit Krieg überzogen und längs der Westseite des Toten Meeres heranziehend Jerusalem bedrohten, überkam in der vom Könige zusammenberufenen Tempelversammlung Jahaziel, den Asaphiten, der Geist des HERRN, und er weissagte auf morgen eine wunderbare Heilstat. Da priesen levitische Sänger den Gott Israels mit jubelnder Stimme, Sänger nämlich vom Geschlechte Kehats, und zwar von der Familie Korahs. Levitische Sänger zogen am andern Tage in heiligem Schmuck und unter Gesang vor dem Heere Josaphats her. Die Feinde, durch den Angriff einer beutelustigen Schar anderer Söhne der Wüste überrumpelt, hatten, in wilde Flucht aufgelöst, die Waffen gegeneinander gekehrt, und das Heer Josaphats fand das feindliche Lager in ein Leichenfeld verwandelt. Bei dem Siegesdankfeste darauf in Emek ha-Beracha (im Lobetal) waren auch wieder levitische Sänger tätig; denn unter Musik der Nablas, Zithern und Trompeten bewegte sich von da der beutebeladene Heereszug nach Jerusalem und dem Tempel Jahves. So 2. Chr. 20 erzählend, reicht uns der Chronist den Schlüssel zu dem asaphitischen Psalm 83 (76?) und zu den korahitischen Psalmen 46; 47; 48; Die Beziehung dieser drei korahitischen Psalmen auf die Niederlage des Heeres Sanheribs unter Hiskia ist zwar gleich statthaft, hat aber nicht gleichen historischen Halt. Jenseits des Jahres 701 der Regierung Hiskias musste die Gemeinde bei diesen Psalmen freilich an die jüngst erlebte assyrische Katastrophe denken, zumal da Jesaja diese mit engem Anschluss an diese Psalmen geweissagt hatte. Denn Jesaja und diese Psalmen sind wundersam verkettet. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

"Jahve der Heerscharen ist mit uns; die Stadt Gottes kann nicht untergehen! " - Wann hätte der Glaube Israels kühner so triumphieren können als damals, da die assyrische Weltmacht vor den Mauern Jerusalems zuschanden ward und der Großkönig Sanherib sein Heil in eiligem Rückzuge suchen musste! Liegt die Beziehung des Psalms auf dieses Ereignis schon an und für sich nahe (Ewald, Hengstenberg, Hupfeld, Nowack), so wird sie außerdem noch sehr erheblich unterstützt durch die zahlreichen Berührungen mit den Gedanken und Ausdrücken des großen prophetischen Zeitgenossen jener Kämpfe, des Jesaja: vergl. V. 2 mit Jes. 4,6; V. 4.6 mit Jes. 17,12-14; V. 2.6 mit Jes. 33,2.6; V. 5 mit Jes. 8,6; 33,21; V. 8.12 mit Jes. 7,14; 8,8.10; V. 9 mit Jes. 5,9; V. 11 mit Jes. 8,9 f. Diese Berührungen reichen freilich nicht dazu aus, die Abfassung des Psalms durch Jesaja sicherzustellen (Hitzig und früher Cheyne); aber immerhin schließen sie den Gedanken an den Sieg Josaphats über die verbündeten Ammoniter und Moabiter (2. Chr. 20 - Delitzsch) aus. Lic. Hans Keßler 1899.

"Wunderbar," sagt der spanische Karmeliter Thomas a Jesu († 1582), "wie so gewaltig die Lieder Luthers die lutherische Sache förderten! Nicht nur die Kirchen und Schulen hallen davon wider, sondern auch die Privathäuser, die Werkstätten, die Märkte, die Straßen, die Felder." - Als Calvin, aus Genf vertrieben, von 1538 bis 1541 in Straßburg weilte, fand er hier bereits einen gottesdienstlichen Gesang vor; und ganz besonders gefielen ihm die deutschen Melodien, die er hier kennen lernte, wie die von Luthers gewaltiger Bearbeitung des 46. Psalms: "Ein’ feste Burg" und andere mehr. Er versuchte nun selbst, auf solche Melodien eine französische Übersetzung der Psalmen (vorerst von Ps. 46; 25;) zu verfassen. Als er aber dann Clemens Marots erste Psalmen kennen lernte, verzichtete er auf weitere eigene poetische Bearbeitung derselben. Nach A. von Salis 1902.

Fußnoten
4. Andere übersetzen: solchen Schrecken.

5. Grundtext: Ich bin (oder: will sein) erhaben.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 18.02.2021 13:14

Erläuterungen und Kernworte

V. 2-4. Wen wollte dieser herzliche Trost, dieses goldene Wort nicht lustig und fröhlich, mutig und trotzig machen wider alle Feinde, ja wider den Teufel und die Pforten der Hölle selbst? Wo der große und schreckliche Gott ist, warum sollte da nicht Glück und Sieg wider alle Feinde sein? Ist Gott unsre Zuflucht, Schloss und Wohnung, was bekümmern wir uns denn, wo wir endlich bleiben wollen? Ist doch Gott größer denn alle Welt! Wo der Schöpfer bleibt, da bleibt auch sein Gemächt. Wo der Herr, Meister und Vater bleibt, da bleibt auch der Knecht, Jünger und Sohn. Martin Luther † 1546.

Die Dinge der Welt sehen uns an, wie wir sie ansehen. Es kommt auf den Glauben an, mit dem man sie ansieht. Prof. August Tholuck 1848.

V. 3. Die Worte dieses Verses führte John Wesley († 1791) an, als er aus Anlass des Erdbebens, das am 8. März 1750 London in Schrecken versetzte, im Hyde-Park predigte.

V. 2-5. "Schrecken Elohims", so schließt der Chronist 2. Chr. 20,29 die Erzählung der Niederlage der verbündeten Nachbarvölker vor Josaphat, "überkam hierauf alle Reiche der Länder, als sie hörten, dass gestritten Jahve mit Israels Feinden." Der Psalmist aber ruft infolge eben dieses Ereignisses nicht zum Schrecken, sondern zur Freude auf; denn Schrecken ist unwillkürliche, abgezwungene, Freude aber willige innere Bewegung. Der rechte letzte Sieg Jahves besteht nicht in blutiger Unterwerfung und dumpfer Bestürzung, sondern in Umstimmung der Völkerherzen zu freudiger Anbetung. Um so aller Völker Gott zu werden, ist er vorerst Israels Gott geworden, und Israel sehnt sich, dass dieser Zweck seiner Erwählung erreicht werde. Aus dieser Sehnsucht geht die Aufforderung V. 2 hervor. Die Völker sollen dem Gott der Offenbarung in Gebärden und Worten ihre Freude bezeigen, denn Jahve ist schlechthin erhaben ("der Allerhöchste"), furchtbar, und sein Herrschaftsgebiet hat Israel zum Mittelpunkt, aber nicht zur Schranke, sondern erstreckt sich über die ganze Erde. Alles muss ihm in seinem Volke huldigen, sei es williglich oder gezwungen. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 4. Viele Ausleger nehmen an, hinter V. 4 sei der Kehrvers aus Versehen ausgefallen. Der rhythmische Bau des Psalms würde dann ganz regelmäßig sein: je drei Strophen zu je drei Versen und dem die Strophe so wirkungsvoll abschließenden Refrain. Auch fügt sich bei jener Annahme der V. 4. trefflich mit dem Kehrvers zu einem Ganzen zusammen. Der Vers würde dann nicht von V. 3 ("Darum fürchten wir uns nicht") abhängen, sondern den hypothetischen Vordersatz zu dem Kehrvers bilden:

Mögen toben, mögen schäumen seine Wasser,
Von seinem Ungestüm die Berge erdröhnen:
Jahve der Heerscharen ist mit uns,
Eine Burg ist uns der Gott Jakobs. Sela. - James Millard

V. 5. Kein Feind kann der Kirche Christi diesen Strom abschneiden. Man beachte die Beziehung auf Jes. 36,2; 37,25, vergl. mit 2. Chr. 32,2-4. T. C. Barth 1865.

Das Bild spielt wohl auf die Wasser Siloah an, die in verschiedenen Kanälen durch die Stadt flossen und diese mit Wasser versorgten. Aber die Worte sind offenbar tieferen Sinnes und auch auf die Zeit des neuen Bundes zu deuten. Man mag dabei an das Evangelium denken, diesen mächtigen und doch sanften Strom, dessen Arme, die Heilswahrheiten, als lebendige Wasser von Jerusalem ausgegangen sind; oder an den heiligen Geist und dessen Gnadenströme, oder endlich an Gott selbst und seine Liebe. John Gill † 1771.

Unser Brünnlein bleibt eine lebendige Quelle, da jener Sümpfe, Tümpel und Kölke faul und stinkend werden und versiegen müssen. Martin Luther 1531.

V. 6. Gott ist bei ihr drinnen. Die wahrhafte Gegenwart Christi und die übernatürliche Kraft seines Geistes ist das Geheimnis der welterobernden Macht der Gemeinde des HERRN. So oft die Kirche vergaß, wie völlig sie von dem unsichtbaren Gott und dem Gnadenwirken seines Geistes abhängig ist, musste sie entdecken, dass ihr die Locken ihrer Kraft abgeschnitten waren und sie den Philistern zum Gespött diente. William Binnie 1870.

Das Schiff der Kirche Gottes mag von wütenden Wogen hin und her geschleudert werden; aber an einem Felsen scheitern soll es nicht. Es mag ins Wasser getaucht werden wie eine Feder; aber wie Blei untersinken soll es nicht. Er, der in der Stadt Gottes ist als der Brunnquell lebendigen Wassers, um sie vor dem Verschmachten zu bewahren, wird sich auch als eine feurige Mauer um sie her erweisen, die sie vor den Feinden schützt. In schwere Prüfungen mag sie kommen; aber erobert und zerstört werden kann sie nicht. Ihr fester Grund ist der unwandelbare Fels, und ihr Bollwerk sind die ewigen Arme. Nur ein Gebäude, das auf Sand erbaut ist, kann vom Wind über den Haufen geworfen werden. Die Widersacher des Volkes Gottes werden alle ihre Kraft zusammennehmen, um die Stadt Gottes vom Erdboden hinwegzufegen; aber sie fegen nur als scharfe Besen alles Unreine aus ihr heraus, und wenn diese Besen ihr Werk getan haben, wird Gott sie ins Feuer werfen. William Secker 1660.

Wenn die Anhänger des Papstes wüteten und es Melanchthon angst ward, das Kindlein der Reformation möchte bei der Geburt erstickt werden, tröstete Luther diesen wohl mit den Worten: Si nos ruemus, ruet Christus una, scilicet ille regnator mundi, esto ruat, malo ego cum Christo ruere quam cum Caesare stare, das ist: Wenn wir fallen. muss auch Christus, der Herrscher der ganzen Welt, fallen (denn er ist mitten unter uns), und wenn es so sein soll, wohlan, dann will ich lieber mit Christo umkommen, als mit der Weltmacht gedeihen. John Collinge † 1690.

Frühe am Morgen. Man beachte, wie manche der Errettungen, von denen die Schrift erzählt, früh am Morgen oder in der Nacht geschahen. So kam Gideon zu Anfang der mittelsten Nachtwache mit seinen Krügen und Fackeln über die Midianiter (Richter 7,19). Saul drang ins Lager der Ammoniter um die Morgenwache (1. Samuel 11,11). Josua zog die ganze Nacht herauf von Gilgal, um den Gibeonitern zu Hilfe zu eilen, und kam plötzlich über die Feinde (Jos. 10,9). Des Morgens frühe (2. Könige 3,22) war es auch, als Joram und Josaphat auf Elisas Geheiß wider Mesa, den König der Moabiter, zogen und ihn mit all seinem Volk in die Flucht schlugen. Michael Ayguanus 1416.

Auch die Wiederherstellung Israels wird eines der ersten Ereignisse zur Zeit der zweiten Zukunft des Herrn sein. Sie wird mit dem Anbruch des Tages geschehen, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird und Heil unter ihren Flügeln. (Mal. 3,20; [4,2]) Samuel Horsley † 1806.

V. 7. 8. Die Präterita V. 7 sind nicht rückblickend, sondern hypothetisch: Wenn Völker und Reiche in feindliche Erregung und Umwälzung geraten, so dass die Gemeinde in diese Katastrophe hineingezogen zu werden Gefahr läuft, - es kostet Gott nur ein Dröhnen mit seiner allmächtigen Donnerstimme, sofort gerät in Fluss die Erde, d. h. ihr titanischer Trotz wird feig, die Fugen ihrer Liguen locker, ihre aufgebotene Kraft zunichte - es zeigt sich, dass Jahve Zebaoth mit seinem Volke ist. Dieser Gottesname ist in den korahitischen Psalmen heimisch, denn er ist der eigentliche Gottesname der Königszeit, an deren Schwelle er zuerst im Munde Hannas vorkommt (1. Samuel 1,11), und die korahitischen Psalmen sind königlichen Gepräges. Prof. Franz Delitzsch † 1890.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 20.02.2021 08:24

Erläuterungen und Kernworte

V. 8. Der HERR Zebaoth ist mit uns. Wir können drei Arten der besonderen Gegenwart Gottes unterscheiden, die alle zu den Vorrechten der Kirche Gottes gehören. Erstens Gottes glorreiche Gegenwart. Diese enthüllt sich im Himmel und wird sich der Gemeinde des HERRN auch erst dann zu genießen geben, wenn sie droben um seinen Thron versammelt ist. Zweitens Gottes Gnadengegenwart, da er sich den Seinen durch sichtbare oder geistige Zeichen seiner Güte zu erkennen gibt. (2. Mose 29,45; Mt. 18,20) Drittens Gottes providentielle Gegenwart, da er zur Rettung oder Verteidigung seines Volkes in seiner Macht und Weisheit auf den Plan tritt, z. B. 2. Mose 14,20. Diese Art der Gegenwart des HERRN unter seinem Volke ist auch in unserm Psalmwort gemeint. John Strickland † 1670.

Der Gott Jakobs. Der Gnadenbund war mit Abraham und Jakob feierlicher und öffentlicher geschlossen und bestätigt worden als mit Isaak; darum wird der HERR, wenn er als der Bundesgott des auserwählten Volkes bezeichnet werden soll, häufiger der Gott Abrahams oder der Gott Jakobs genannt, als der Gott Isaaks. Jean Calvin † 1564.

V. 9. Kommt her und schauet die Werke des HERRN. Gott will, dass seine Taten beachtet werden, und zumal, wenn er irgendeine große Erlösungstat für sein Volk gewirkt hat. Gott duldet vor allem eines nicht: dass er vergessen werde. John Trapp † 1669.

Der auf Erden solch Zerstören anrichtet. Wir werden aufgefordert, ein großes Leichenfeld zu überblicken. Welch ein Zerstören hat auf Erden gewaltet! Kriege haben die Felder mit Blut getränkt, Hungersnot hat Tausende erwürgt, Seuchen haben Millionen in ein frühes Grab gebettet. Überschwemmungen haben die Erde entvölkert, Erdbeben Städte und Länder verschlungen, und Engel, Menschen und Tiere haben als Werkzeuge Gottes furchtbare Züchtigungen ausrichten müssen. Von alledem gibt uns die Heilige Schrift manch ernstes Beispiel. So treffen wir allerorten Zerstörungen, gewirkt durch die mannigfaltigsten Ursachen, aber alle im Grunde ausgehend von Gottes Hand. Bischof Joseph Hall † 1656.

Blickt in die Geschichte Israels; da seht ihr’s deutlicher als irgend sonst: wenn auch der Mensch die Weltgeschichte schreibt, die Kapitelüberschriften macht Gott; die Leidenschaften schütteln die Würfel, aber fallen müssen sie nach Gottes Willen und Gesetz. Menschen rüsten zum Kriege, Menschen schlagen Schlachten, durch Menschenhand sieht man Throne fallen und auferstehen; der Psalmist aber sieht doch mit dem Glaubensauge die Hand, die durchgreift und darübergreift, er nennt das alles, das Zerstören wie das Aufbauen, das Werk des HERRN. Prof. August Tholuck 1848.

V. 10. Wenn die Römer einem Volke das, was sie Frieden nannten, gebracht hatten, dadurch, dass sie den größten Teil der Einwohner ausgerottet hatten, trugen sie die erbeuteten Kriegswaffen zusammen und verbrannten sie zu Asche. So hat z. B. auf einer unter dem Kaiser Vespasian, der den Kriegen in Italien und andern Weltteilen steuerte, geprägten Münze die Friedensgöttin einen Ölzweig in der einen Hand und in der andern eine brennende Fackel, womit sie einen Haufen von Waffen in Brand steckt. Auf diesen Brauch spielt auch Virgil an Aen. lib. 3, wo es heißt: "O dass Jupiter mir die vergangenen Jahre wiederbrächte, wie ich war, als ich bei Präneste die vorderste Reihe der Feinde niederwarf und als Sieger die Haufen erbeuteter Waffen entzündete." Die gleiche Sitte bestand in Israel auf Grund göttlichen Gebotes. Wir finden sie z. B. Jos. 11,6. George Paxton † 1837.

V. 11. Seid stille, ruft unser Psalm, und erkennet, dass ich Gott bin! Das heißt zuerst: Lasst alles eigenmächtige Wollen und Wirken! Wollet, wirket - o ich beschwöre euch, gerade euch, die ihr Gott erkennet, verwechselt das Stillesein zu Gott nicht mit dem Lässigsein! Es ist ein Fluch über die Guten unserer Zeit und in allen Ländern, dass sie sich im Wollen und Wirken von den Bösen übertreffen lassen. Nicht nichts wollen und wirken heißt stille sein zu Gott, sondern nichts eigenmächtig wollen und wirken. Nicht einen Finger breit dürft ihr von dem von Gott vorgeschriebenen Wege weichen. Festiglich zu glauben, dass in Gottes Weltordnung auf keinen anderen als den rechten Mitteln das Gedeihen ruht, das gehört mit zu dem: "Erkennet, dass ich Gott bin." Wer auf Gottes Wegen untergeht, wenn uns dann der Untergang bestimmt ist, der geht selig unter! Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin, das heißt ferner: Lasst alles unruhige Harren und Hoffen. Bei Gott ist’s ewig entschieden, was hier langsam in der Zeit sich abwickelt. In Gottes Herz wollen wir uns bergen und flüchten, mit seinem Siegerauge der Ewigkeit auf die Kämpfe in der Zeit blicken. Geht ihm nichts verloren, wenn gleich die Geschicke der Zeit sich so langsam abwickeln, wie sollte es uns? Hinge der letzte Ausgang nur von Menschen ab und wärest du mit deiner Hilfe nur an dich selbst gewiesen, dann könntest du unruhig werden; so aber sollst du sprechen: Meine Seele ist stille zu Gott, zu dem Gott, der mir hilft. - Endlich: Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin, das heißt: Sprecht nicht mit den Menschen auf den Gassen über solche Zeitereignisse, sprecht in der Stille des Kämmerleins darüber mit Gott. O teure Christen, wie verklingt alles Lebens Unruh’, wenn man sie in die Stille seines Kämmerleins vor Gott nimmt! In solchen Zeiten werdet ihr’s erfahren, was Gebete wert sind zu des Herzens Stillung. Prof. August Tholuck 1848.

Über diesen Text, der so eindringlich vor aller Auflehnung, allem Hadern und Murren gegen Gott warnt, predigte Archibald Cameron am 16. Juli 1680, drei Tage vor seinem Tode in der Schlacht bei Airs-Moß. (Cameron war mit Cargill Anführer in den Kämpfen gegen den von Karl II. der schottischen Kirche aufgezwungenen Episkopalismus.) C. H. Spurgeon 1872.

Ich will Ehre einlegen. Ihr seht sie als weltliche Geschichten an, diese Kriege, diesen Aufbau und diesen Umsturz von Thronen und Geschlechtern. Nein, sage ich euch, weltliche Geschichten sind sie vor dem weltlichen Auge nur; vor dem göttlich erleuchteten Auge sind es Geschichten göttlicher Gerechtigkeit, welche den Gottlosen sich erwürgen lässt in der Schlinge, die er selbst gedreht hat, den Übermütigen hoch hinaufsteigen lässt, um ihn desto tiefer zu stürzen, die gerechte Sache unterliegen und untergehen lässt, nur um sie desto höher hinaufzuführen. Ich will Ehre einlegen, so ruft der HERR in Schwertgeklirr und Schlachtgetümmel, in Mord und Aufstand hinein. Euer Fleischesgelüste wollt ihr ködern, eurer eignen Ehre wollt ihr Tempel bauen; aber seiner Ehre werdet ihr dienen müssen. Eure Brandfackeln werden seine Ehrenfackeln, eure eigenen Ehrentempel seine Triumphbogen werden. Prof. August Tholuck 1848.

V. 12. Der HERR Zebaoth ist mit uns. Am Dienstag konnte man den sterbenden Wesley († 1791) kaum mehr verstehen, wiewohl er wiederholt zu reden versuchte. Endlich rief er mit Aufbietung aller Kräfte: "Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist". Und indem er seine Hand erhob und wie zum Zeichen des Sieges in der Luft schwenkte, rief er abermals mit durchdringender Stimme: "Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist". Diese Worte spiegeln in der Tat sein Leben wider. Gott war mit ihm gewesen von seiner frühen Kindheit an, seine Vorsehung hatte ihn durch alle Gefahren des Mannesalters geleitet, und nun, da er in das finstere Tal des Todes eintrat, fühlte er sich von derselben sichern Hand gehalten. - Aus John Wesleys Leben, von W. C. Larrabee 1851.

Wir sollen bei solchem Psalm nicht nur an das denken, was Gott schon in vorigen Zeiten getan oder auch uns selbst hat sehen lassen, sondern immer auch einen Blick hinaustun auf das, was noch in Gottes Schätzen aufbehalten ist. Es ist noch manches zurück, wie manches Erdbeben, Hagel, Brausen des Meeres, Umsturz der Berge, mancher Krieg und manches Toben der Völker wider den HERRN und seinen Gesalbten. Da wird Gott noch Ehre einlegen. Karl Heinrich Rieger † 1791.

Homiletische Winke

V. 2-12. Wir sollen Bewegungen des Völkerlebens, wie sie jetzt um uns tosen und wie wir ihnen entgegengehen, ansehen 1) in dem Glauben, dass durch alles Tun menschlicher Hand die Hand göttlicher Allmacht dazwischengreift; 2) in dem Glauben, dass alle Erschütterungen des Völkerlebens in ihren Ausgängen zu nichts anderem dienen als zu Gottes Ehre; 3) dass alle Drangsale der Kirche in ihren Ausgängen zu nichts anderem führen, als zu der Kirche Bestem. Prof. August Tholuck 1848.
V. 2. Wovon der Glaube singen kann in schwerer Zeit: 1) Unsre Zuflucht, und zwar unsere einzige, den Feinden unnahbare, dem Glauben aber zugängliche, selige Zufluchtsstätte ist unser Gott. 2) Unsre Stärke, und zwar unsere allgenügsame, unbesiegbare, ruhmvolle, den Schwächsten zum Helden machende Stärke ist unser Gott. 3) Unsre Hilfe, unser allezeit naher, mitleidsvoller, treuer, mächtiger, kurz, unser wohlerprobter Helfer ist unser Gott.
Man lernt Gott nie besser schätzen als in Drangsalszeiten.
V. 3.4. Die Gründe, die Vorteile und der Ruhm heiligen Mutes.
1) Die vielen gewichtigen Gründe zur Furcht. a) Was könnte alles kommen? Bergstürze, Meereswüten usw., Verfolgungen, Seuchen usw. b) Was muss kommen? Trübsale, Tod, Weltuntergang, Gericht. 2) Der eine wichtige Grund, aller Furcht abzusagen. Nach dem unter 1) Gesagten muss die Furchtlosigkeit unter solchen Umständen wohl begründet sein, wenn sie nicht Tollkühnheit sein soll. Aber Gott selbst ist unsre Zuflucht, und die Furchtlosigkeit, die sich auf ihn gründet, wird nicht zuschanden werden. George Rogers 1870.
V. 5. Die Brünnlein der Gottesstadt. Frohe Kunde für trübe Zeiten, oder: Wie die Gottesstadt sich in Drangsalszeiten an dem Strom der göttlichen Tröstungen erfreut.
Die stolze Ruhe und heilige Sicherheit der Kirche Gottes inmitten aller Stürme. 1) Ihr Glaubenstrost; 2) ihr Glaubensgrund; 3) ihr Glaubensgewinn. E. Taube 1858.
Die Gemeinde des HERRN kann Gottes Stadt genannt werden, 1) weil er in ihr wohnt (V. 6), 2) weil er sie gegründet und erbaut hat, 3) weil sie alle ihre Vorrechte und Gerechtsame von ihm erhalten hat, 4) weil er in ihr regiert, 5) weil sie sein besonderes Eigentum ist, und 6) weil er von ihr Zinsen (Anbetung usw.) genießt. Ralph Erskine † 1752.
V. 6. Die Hilfe um die Morgenwende.
V. 8. Der Glaube ergreift Gott sowohl als einen HERRN der Heerscharen, als auch nach seiner Barmherzigkeit als einen gnädigen Helfer (Gott Jakobs). Chr. Starcke † 1744.
V. 9. Schauet die Werke des HERRN. 1) Sie sind aller Betrachtung wert, denn sie sind alle ihm ähnlich und seiner unendlichen Macht, Weisheit und Gerechtigkeit würdig. 2) Gott hat uns dazu die Augen gegeben, dass wir sie betrachten. 3) Es freut Gott, wenn wir dies tun, weil seine Ehre dadurch gefördert wird. 4) Nur wir können sie betrachten, und 5) wir haben den Nutzen davon, wenn wir es tun. Bischof Joseph Hall † 1656.
Die Gerichte des HERRN ein Trost der Gläubigen. Der Vers ist 1) eine Aussage dessen, was geschehen ist, 2) eine Verheißung dessen, was geschehen wird.
V. 10. Der große Friedestifter, oder: Die Grundsätze des Evangeliums der alleinige Hoffnungsgrund, dass einst noch aller Krieg abgeschafft werden wird.
V. 11. Ich bin Gott. Da Gott Gott ist, ist er 1) schlechthin vollkommen; 2) so groß, dass er über alle Begriff unsrer Fassungskraft unendlich erhaben ist; 3) der Eigentümer aller Dinge und Wesen. Darum ist er 4) dessen würdig, der unumschränkte Herrscher über alles zu sein, will er 5) der Oberherr sein und wird er sich als solcher erweisen und ist er 6) wohl vermögend, die zu züchtigen, welche sich wider seine Oberherrlichkeit auflehnen. Jonathan Edwards † 1758.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2525
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps46

Beitragvon Jörg » 23.02.2021 16:08

PSALM 47 (Auslegung & Kommentar)



Überschrift

Ein Psalm, vorzusingen, oder: dem Musikmeister. Viele herrliche Lieder wurden diesem Chorleiter übertragen; aber er fühlte sich dadurch nicht überbürdet. Gott zu dienen ist solche Wonne, dass es uns nie ermüden kann, und dieser köstlichste Teil des Gottesdienstes, das Singen seines Lobes, bietet so viel Befriedigung und Genuss, dass wir sein nie überdrüssig werden. Der Kinder Korah. Es ist uns nicht möglich, denen beizupflichten, welche diese Überschrift so verstehen, dass darin den Kindern Korah die Urheberschaft1 dieser Psalmen zugeschrieben werde. Wir meinen zu deutlich die Handschrift des Sohnes Jesse in ihnen zu entdecken. Oder sollten wir uns so sehr irren? Als Sänger aber eigneten sich die Söhne Korah, diese lebendigen Beweise der Gnade Gottes, trefflich.

Inhalt

Die alten Ausleger beziehen diesen Psalm auf die Überführung der Bundeslade aus dem Hause Obed-Edoms nach dem Berge Zion. Andere nehmen einen hervorragenden Sieg Israels als Anlass an. Wo die Gelehrten uneins sind, wer will sich da zum Schiedsrichter aufwerfen? So viel ist klar, dass der Psalm sowohl die gegenwärtige Weltherrschaft Jehovas, als auch die großen letzten Siege von Jehova-Jesus besingt. Auch weist der Psalm prophetisch auf die Himmelfahrt Jesu als seine Erhöhung zum Königsthron hin.

Einteilung

Der kurze Psalm bedarf keiner andern Teilung als derjenigen, welche durch die Musikpause am Ende von V. 5 angedeutet ist.

Auslegung

2. Frohlocket mit Händen, alle Völker,
und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall!

Frohlocket mit Händen, d.i., klatscht in die Hände. Im Blick auf die Siege des HERRN und seine die ganze Welt umfassende Herrschaft mag sich der Jubel wohl auf solch begeisterte Weise äußern. Unsre Freude am HERRN darf übersprudeln; Gott wird uns deswegen nicht rügen. Alle Völker. Das Frohlocken soll sich allen Nationen mitteilen. Das auserwählte Volk mag den Vortritt haben, aber alle Völker sollen sich dem herrlichen Triumphzug anschließen und in das Lob des großen Königs miteinstimmen; haben sie doch gleichen Anteil an diesem Reich, wo weder Grieche ist noch Jude, sondern alles und in allen Christus (Kol. 3,11). Schon in dieser Zeit ist das (ach, dass sie es erkennten!) die beste Hoffnung aller Nationen, dass der Ewige über sie regiert. Noch ist der Tag nicht gekommen, da alle Volker in einer Sprache Gott preisen werden; aber dieser symbolischen Sprache der Hände können sie sich alle bedienen, um Gott als ihrem König zuzujauchzen (vergl. 2. Könige 11,12). In den letzten Tagen wird der HERR über alle Völker herrschen, und alle werden fröhlich sein über seinem Regiment; wären sie klug, so würden sie sich ihm jetzt schon unterwerfen und sich freuen, das tun zu dürfen, ja sie würden schon bei dem bloßen Gedanken, dass ein so weiser, gütiger und mächtiger Fürst ihr König sein will, voller Begeisterung in die Hände klatschen. Und jauchzet. Lasst eure Stimme mit euren Händen wetteifern. Gott. Ihm gebührt die Ehre des Tages; lasst sein Lob laut und fröhlich aus aller Mund und Herzen erklingen! Mit fröhlichem Schall, mit lautem Jubel, wie es sich zu Ehren eines so großen Königs und zum Preise so glänzender Siege und eines so herrlichen Regiments im Munde so glücklicher Untertanen geziemt. Es sind der menschlichen Sprachen viele, und doch sollen die Völker als mit einer Stimme ihm lobsingen. Blicken wir mit dem Auge des Glaubens auf Gottes Weltregierung, so können wir nicht anders als fröhlich sein, und der Ausblick auf die allgemeine Herrschaft des Friedensfürsten ist so herrlich, dass auch der Stummen Zunge dadurch zum Singen gebracht werden kann. Wie wird erst die volle Wirklichkeit sein?

3. Denn der HERR, der Allerhöchste, ist erschrecklich,
ein großer König auf dem ganzen Erdboden.


Denn der HERR, d. i. Jehova, der ewige, schlechthin freie und allein wahre Gott, der Allerhöchste, unvergleichlich an Macht, Reichtum, Weisheit und Herrlichkeit, ist erschrecklich: niemand vermag seiner Macht zu widerstehen oder seiner Rache zu trotzen. Da der himmlische König sich mit solchen Schrecken aber zum Schutz und Heil seiner Untertanen gürtet, sind diese Schrecken für sie ein Grund der Freude. Dieselbe Allmacht, welche den einen so entsetzlich ist, weil sie von ihrer Wucht zermalmt werden, ist der Trost der andern, die sich in ihrem Schule bergen. Wenn ein mächtiger Fürst eine große Musterung seiner Truppen abhält, freuen sich alle getreuen Untertanen, dass ihr Kriegsherr zur Verteidigung seines Volkes so wohl gerüstet und bei seinen Feinden so gefürchtet ist. Ein großer König auf dem ganzen Erdboden. Nicht über Judäa allein, sondern bis zu den fernsten Inseln erstreckt sich sein Reich. Israels Gott ist nicht eine Landesgottheit und nicht ein Stammeshäuptling; er herrscht in unbegrenzter Majestät über ein Reich ohnegleichen als der unbedingt freie Lenker der Geschicke, als der allerhabene Monarch über alle Lande, als der König aller Könige und Herr aller Herren. Nicht ein kleiner Weiler, nicht ein noch so unbedeutendes Eiland ist von seiner Herrschaft ausgeschlossen. Welch goldenes Zeitalter wird das sein, wenn alle sein Zepter küssen und in Jesus die Herrlichkeit des HERRN schauen werden!

4. Er zwingt die Völker unter uns
und die Leute unter unsere Füße.

Er, des die Allmacht ist, zwingt die Völker unter uns. Der Streit ist nicht unser sondern des HERRN. Er wartet seine Stunde ab, aber er wird es gewisslich zum Sieg hinausführen zum Heil seines Volkes. Wahrheit und Gerechtigkeit werden durch Gottes Gnade doch die Oberhand behalten. Wir stehen nicht in einem Kampfe, dessen Ausgang zweifelhaft wäre. Auch das widerstrebende Herz und der eigensinnigste Wille soll sich noch vor der alles bezwingenden Gnade beugen. Deswegen mögen wohl alle, die zu dem Volk des HERRN gehören, seien sie von Geburt Juden oder Heiden, jubeln und jauchzen, denn Gottes Sieg ist ihr Sieg; naturgemäß haben aber die Propheten, Apostel und Evangelisten, überhaupt diejenigen, welche für Gottes Sache am meisten gelitten und gestritten haben, auch den größten Anteil an dieser Freude. Noch werden wir allen Götzendienst, allen Unglauben und Aberglauben unter unsere Füße treten, wie man die Steine auf der Landstraße in die Erde stampft. Und die Leute unter unsere Füße. Die Gemeinde des HERRN wird einst noch das größte Königreich auf Erden werden, und ihr Sieg wird der wunderbarste sein, der je erstritten worden. Und dieser Sieg wird entscheidend sein. Christus wird sich mit seiner Macht gürten und das Reich einnehmen, und alle Geschlechter der Menschen werden dann zugleich seine und seines Volkes Herrlichkeit anerkennen. Welch ein Umschwung wird zu jener Zeit vor sich gehen. Lange ist das Volk Gottes unter den Füßen der Menschen gewesen, grausam ist es verfolgt und täglich geschmäht worden; aber Gott wird die Sache umkehren, so dass die von Charakter Edelsten auch die größte Ehre empfangen.

5. Er erwählet uns unser Erbteil,
die Herrlichkeit Jakobs, den er liebet. Sela.

Noch sehen wir nicht, dass ihm, dem großen Könige, alles untertan sei; doch freuen wir uns, schon jetzt uns selbst und unser ganzes Geschick seiner Hand anvertrauen zu dürfen. Er erwählet uns unser Erbteil. Wir fühlen uns unter seinem Zepter so wohl, dass wir keinen anderen Wunsch haben, als ihm im vollsten Maße untertan zu sein. Wir unterwerfen ihm gänzlich unseren Willen; nicht wir wollen wählen, er soll für uns wählen, was ihn gut dünkt; alle unsere Wünsche sollen in seinem Willen aufgehen. Wir überlassen es ihm ganz, welches Erbteil er uns jetzt und hernach geben will; er tue mit uns, was ihm beliebt. Die Herrlichkeit Jakobs, wörtl.: den Stolz Jakobs, d. h. das (herrliche Land), worauf Jakob stolz sein kann, den er liebet. Seinem alten Bundesvolk teilte er das Erbe zu, und wir sind’s zufrieden, wenn er uns ebenso behandelt. Er selber war der Stolz und Ruhm Israels, er ist und soll sein auch der unsrige. Er liebte sein Volk und ward seine schönste Zier; er liebt auch uns und wird in Ewigkeit unsre Freude und Herrlichkeit sein. Was die zukünftige Weltzeit betrifft, so begehren wir nichts Besseres, als dass uns das vom HERRN bestimmte Los zufalle; denn wenn wir nur an Jesus teilhaben, so ist das schon genug, unsre höchsten Wünsche vollauf zu befriedigen. Unsre Herrlichkeit, unser Ruhm und Reichtum bestehen darin, dass wir einen solchen Gott unser eigen nennen, dessen liebender Fürsorge wir uns vertrauensvoll überlassen dürfen.
Sela. Ja, haltet ein wenig inne, ihr eifrigen Sänger; fehlt es hier doch wahrlich nicht an Stoff zu heiligem Sinnen!

Fußnote

1. Vergl. dazu die Anm. zu Ps. 42,1.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste