Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Empfehlungen, Kritik oder Rezensionen von christlichen Büchern und Medien

Moderator: Joschie

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 22.06.2019 12:30

23. Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern;
ich will dich in der Gemeine rühmen.
24. Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet;
es ehre ihn aller Same Jakobs,
und vor ihm scheue sich aller Same Israels.
25. Denn er hat nicht verachtet, noch verschmähet das Elend
des Armen,
und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und da er zu ihm schrie, hörte er’s.
26. Dich will ich preisen in der großen Gemeine;
ich will meine Gelübde bezahlen vor denen, die ihn fürchten.
27. Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden;
und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.
28. Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden,
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
29. Denn des Herrn ist das Reich,
und er herrschet unter den Heiden.
30. Alle Fetten auf Erden werden essen, und anbeten;
vor ihm werden Knie beugen alle, die im Staube liegen,
und die, so kümmerlich leben.
31. Er wird einen Samen haben, der ihm dient;
vom Herrn wird man verkündigen zu Kindeskind.
32. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem
Volk, das geboren wird,
dass er’s getan hat.


Der Wechsel ist stark. Auf den furchtbaren Sturm folgt plötzlich große Stille. Wie die Finsternis ringsum in der Natur weicht, so auch in der Seele des Erlösers, und ein freundliches Lächeln erhellt sein Antlitz, da er die ersten Lichtstrahlen des Sieges und seiner weit reichenden Folgen erblickt. 9 Wir sind unserm Heiland durch das Dunkel gefolgt; so lasst uns ihn auch begleiten, da das Licht wiederkehrt. -- Wir werden gut tun, auch die nun folgenden Verse als einen Teil des Selbstgesprächs des am Kreuze hangenden Erlösers aufzufassen, als den Ausdruck seiner Gedanken in den letzten Augenblicken vor seinem Tode.

23. Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern. Jesu Herzenslust ist seine Gemeinde; darum kehren seine Gedanken, die vordem durch so vieles in Anspruch genommen waren, sofort, da Erleichterung eintritt, in ihre gewohnte Bahn zurück: Er fasst neue Pläne zum Besten der Seinen. Er schämet sich nicht, sie Brüder zu heißen, und spricht: Ich will verkündigen deinen Namen meinen Brüdern und mitten in der Gemeine dir lobsingen. (Hebr. 2,11 f.) Eins der ersten Worte des Auferstandenen war: "Gehe hin zu meinen Brüdern" (Joh. 20,17). In dem vor uns liegenden Verse freut sich Jesus zum voraus auf die Gemeinschaft mit den Seinen. Er nimmt sich vor, ihr Prediger und Lehrmeister zu sein, und richtet seine Gedanken auf den Gegenstand, über den er zu ihnen reden will. Der Name Gottes, d. i. sein Wesen und sein Walten, wird durch das Evangelium Jesu Christi der ganzen heiligen Bruderschaft kundgemacht. Sie nehmen die Fülle der Gottheit wahr, die in ihm leibhaftig wohnt, und freuen sich hoch, alle die unermesslichen Vollkommenheiten des Ewigen in einem Wesen sich offenbaren zu sehen, das da ist Bein von ihrem Bein und Fleisch von ihrem Fleisch. Welch köstliches Predigtthema ist der Name Gottes! Es ist einzigartig des eingebornen Sohnes würdig, dessen Speise und Trank es war, den Willen seines Vaters zu tun. Aus diesem Entschluss unseres Heilands mögen wir die Lehre entnehmen, dass eine der vorzüglichsten Weisen, uns für die erfahrene Errettung dankbar zu erzeigen, die ist, unsern Brüdern kundzumachen, was der Herr an uns getan hat. Unsere Kümmernisse andern zu erzählen, sind wir schnell genug bereit; warum sind wir denn so säumig, wenn es gilt, die uns widerfahrene Hilfe zu rühmen? Inmitten der Gemeinde (Grundt.) will ich dich rühmen . Nicht nur in kleiner häuslicher Zusammenkunft will der Herr seines Vaters Liebe lobpreisend verkündigen, sondern in der großen Gemeinde der Seinen. Das tut er auch jetzt fortwährend durch seine Stellvertreter, die Herolde des Heils, deren Wirken dahin zielt, dass Gott gepriesen werde. In der großen allgemeinen Kirche ist Jesus der eine maßgebende Lehrer; alle andern Prediger sind, sofern sie diesen Namen überhaupt verdienen, nur der Widerhall seiner Stimme. In diesem zweiten Satz legt Jesus den Zweck klar, den er bei dem Verkündigen des göttlichen Namens im Auge hat, nämlich, dass Gott gepriesen werde . Die Gemeinde des Herrn lobpreist Jahwe beständig dafür, dass er sich in Jesu geoffenbart hat, und Jesus selbst hebt den Lobgesang an: Er ist beides, der Vorsänger und der Prediger, in seiner Gemeinde. Das sind genussreiche Stunden, wenn Jesus unsern Herzen die göttliche Wahrheit enthüllt. Da kann es nicht anders sein, als dass Frohlocken und Lobgesang folgen.

24. Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet. Der Leser muss sich hier den Heiland als die Versammlung der Seinen anredend vorstellen. Er fordert die Gläubigen auf, sich mit ihm im dankenden Lobpreis zu vereinigen. Die Beschreibung der Gläubigen als solcher findet sich häufig in der Schrift und ist höchst lehrreich. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang und ein wesentliches Merkmal des Gnadenstandes. "Ich bin ein Hebräer und fürchte Jahwe", war Jonas Glaubensbekenntnis (Jona 1,9). Heilige, demütige Scheu vor dem Ewigen ist so notwendig zur rechten Bereitung auf den Lobpreis Gottes, dass niemand tauglich ist, des Herrn Ehre zu besingen, als wer sein Wort ehrt. Diese Furcht aber ist vereinbar mit der höchsten Freude und darf nicht mit der knechtischen Furcht verwechselt werden, die vielmehr von der völligen Liebe ausgetrieben wird (1.Joh. 4,18). Heilige Ehrfurcht sollte den Sängern allezeit ihre Kirchenstühle ausschließen. Wo Jesus den Gesang anhebt, dürfen nur heilige Lippen es wagen, mit einzustimmen. Es ehre ihn aller Same Jakobs. Alle, die durch die freie Gnade Gottes errettet sind, Juden und Heiden, sollen in dem beseligenden Dienste geschäftig sein, den Gott ihres Heils zu ehren. Und vor ihm scheue sich aller Same Israels. Es gibt eine Scheu des Misstrauens gegen Gott, die uns von Gott ferne wegtreibt; die Gottesfurcht aber, welche hier gemeint ist, ist sowohl die Vorbedingung als auch die Frucht des Glaubens und knüpft uns fest an Gott. Sie findet sich bei allen, die zu dem geistlichen Israel gehören, und wir hoffen, der Tag werde bald anbrechen, wo auch das Israel nach dem Fleisch desselben Sinnes wird. Je mehr wir Gott preisen, desto ehrerbietiger wird unsere Furcht vor ihm sein, und je tiefer unsere Ehrfurcht, desto lieblicher wird unser Gesang sein. So hoch schätzt Jesus das Lobpreisen Gottes, dass wir es hier von seiner sterbenden Hand versiegelt sehen, dass alle Heiligen Jahwe ehren und verherrlichen sollen.

25. Denn er hat nicht verachtet, noch verschmäht (Grundt. stärker: verabscheut) das Elend des Elenden (Grundtext). Wahrlich, hier bietet sich uns reicher Stoff zum Preise Gottes. Die Erfahrungen unseres Bundeshauptes und Stellvertreters sollten uns alle ermuntern, den Gott aller Gnade zu erheben. Nie sind einem Menschen solche Leiden Leibes und der Seele, von Freund und Feind, aus Himmel und Hölle, im Leben und im Sterben widerfahren, wie unserem Erlöser. Er war der Vorderste in der Reihe der Dulder. Aber trotz all des Elends, worin er sich befand, war er dennoch der Geliebte Gottes. Die Liebe sandte ihm das Leiden, und nicht etwa wurde er deshalb damit überhäuft, weil sein Vater ihn verachtet oder verabscheut hätte. Wohl erforderte es die Gerechtigkeit, dass Christus völlig die Bürde trage, welche er als unser Stellvertreter auf seine Schultern genommen hatte; aber Jahwe liebte ihn allezeit und legte ihm aus Liebe diese Last auf, mit dem Blick auf seine schließliche Verherrlichung und auf die Erfüllung seines eigenen teuersten Herzenswunsches. Bei allem Elend war unser Heiland in den Augen des Vaters hochgeehrt, ja das unvergleichliche Kleinod seines Herzens. Und hat sein Antlitz vor ihm nicht verborgen. Das will sagen: Das Verbergen währte nur eine kleine Zeit und wurde bald aufgehoben; es war nicht ewig und endgültig. Und da er zu ihm schrie, hörte er’s. Jesus wurde erhöret von dem Zagen. Er schrie zu Gott in extremis und de profundis (im äußersten Elend, aus tiefer Not), und eilends wurde ihm Antwort. Darum fordert er die Seinen auf, mit ihm vereint das gloria in excelsis (Ehre sei Gott in der Höhe) anzustimmen.
Jedes Gotteskind darf und soll seinen Glauben an diesem Zeugnis aus dem Munde des Mannes der Schmerzen erfrischen. Was Jesus hier als seine Erfahrung bezeugt, ist heute so wahr, wie damals, als es zuerst niedergeschrieben wurde. Nie wird man sagen können, dass Leiden und Elend für irgendjemand ein Hindernis sei, an Jahwes Gnadenthron Erhörung zu finden. Auch der geringste Bittsteller findet ein freundliches Willkommen; keiner, der sich Gottes Thron naht, wird Gott untreu oder ungütig finden.

26. Von dir geht mein Lobpreis aus (Grundt.) in der großen Gemeine . Der echte Lobpreis ist himmlischen Ursprungs. Die wunderbarsten Harmonien der Tonkunst haben im Hause Gottes keinen Wert, wenn sie nicht aufrichtig Gott geweiht sind von Herzen, die der heilige Geist geheiligt hat. Der Pfarrer sagt wohl: "Lasst uns zum Preise Gottes das und das Lied anstimmen", aber der Sängerchor singt nur zu oft zu seinem eigenen Preise. Ach, wann werden unsere Gesänge ein reines Opfer sein! Man beachte in diesem Verse, welches Wohlgefallen der Herr Jesus an den öffentlichen Lobgesängen seines Volkes hat und mit welcher Freude er an die "große Gemeine" denkt. Es würde unsrerseits ein Verbrechen sein, die "zwei oder drei", die sich hier oder da im Namen des Herrn versammeln, zu verachten. Mögen aber auf der andern Seite auch die kleinen Häuflein nicht die größeren Gemeinden scheel ansehen, als wären diese mit Naturnotwendigkeit weniger rein und weniger gottgefällig; denn der Herr Jesus erfreut sich an dem Lobpreis Gottes in der großen Gemeine. Ich will meine Gelübde bezahlen vor denen, die ihn fürchten. Aufs Neue weiht sich Jesus zur Ausführung des göttlichen Vorsatzes in Erfüllung der Gelübde, welche er in der Angst seiner Seele gelobt hatte. Hat der Herr etwa, als er gen Himmel fuhr, unter den Erlösten, die schon in die Herrlichkeit eingegangen waren, den Ruhm Jahwes verkündigt? Ist dies das Gelübde, welches er hier meint? Jedenfalls ist die Verkündigung des Evangeliums die fortwährende Erfüllung der Bundesverpflichtungen, welche unser Bürge in den Ratsversammlungen der Ewigkeit übernommen hat. Der Messias hat es gelobt, dem Herrn einen geistlichen Tempel aufzubauen, und er wird sein Wort halten.

Fußnote
9. Delitzsch meint, die Wahl der Melodie "die Hirschkuh der Morgenröte" sei vielleicht im Blick auf den sich in dem Psalm vollziehenden Durchbruch des Lichts durch die Leidensnacht erfolgt.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 25.06.2019 15:12

27. Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden. Siehe, wie die sterbende Liebe sich an der Frucht ihres Todes erquickt! Den geistlich Armen ist in Jesus ein Fest bereitet; sie nähren sich an ihm, seiner Person und seinem Werk, bis zur vollen Herzenssättigung. Sie waren am Verhungern, ehe er sich für sie dahingab; jetzt aber werden sie mit königlicher Kost bewirtet. Der Gedanke an die Freude der Seinen stärkte den Erlöser bei seinem Verscheiden. Beachten wir aber auch, welcher Art Leute die Frucht seines Leidens genießen: die innerlich Gebeugten, die Demütigen, die geistlich Armen. Herr, mache uns zu solchen! Man beachte ferner, dass das Lebensbrot, das Gott im Evangelium darbietet, nicht umkommen soll: Sie sollen essen und welch gute Wirkung dieses Essen hat: dass sie satt werden. -- Und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen . Eine Weile mögen sie fasten und trauern müssen; aber der Tag soll und wird kommen, wo freudiger Dank ihre Herzen höher schlagen lässt. Euer Herz soll ewiglich leben --: es lebe auf (Grundt. Optativ) in geistlicher, unzerstörbarer Freude und labe sich auf ewig an der Frucht meines Leidens! Keine Trübsal wird hinfort eure Lebensgeister dämpfen, kein Kummer euch töten können, unsterbliche Freude wird euer Teil sein. So spricht Jesus vom Kreuze herab den Betrübten zu, die nach Gott fragen. Wenn seine Sterbensworte so ermutigend sind, welch reichen Trost mögen wir erst in der Wahrheit finden, dass er immerdar lebt, um für uns einzutreten! Die an Jesu Tisch essen, erfahren die Erfüllung der Verheißung: Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit (Joh. 6,58).

28. Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden. Beim Lesen dieses Verses tritt einem in überwältigender Weise entgegen, wir sehr der Messias vom Missionsgeist erfüllt war. Das ist augenscheinlich sein großer Trost im Leiden, dass durch dasselbe die Erkenntnis Jahwes in seinem ganzen Reiche ausgebreitet werden wird. Von dem kleinen Kreise des Jüngerhäufleins aus soll sich der Segen mit immer zunehmender Macht ergießen, bis sich die Bewohner der entferntesten Erdteile ihrer Götzen schämen, indem sie des allein wahren Gottes, den sie vergessen haben (Ps. 9,18), gedenken , für ihre Missetaten Buße tun und sich einmütig mit Gott zu versöhnen suchen. Dann wird aller falsche Gottesdienst ein Ende haben: Und vor dir, heißt es weiter (nach dem Grundt.), dem einen lebendigen und wahren Gott, werden sich niederwerfen und anbeten alle Geschlechter der Heiden . Diese Aussicht war für Jesus der Lohn seiner Schmerzen. Er kann in seiner Glaubenserwartung nicht getauscht werden. Das ist ein mächtiger Ansporn für alle, welche gewürdigt werden, als seine Krieger im Felde zu stehen.
Wir wollen nicht außer Acht lassen, wie hier die Ordnung der Bekehrung angedeutet ist: Sie werden gedenken -- nämlich Gottes, den sie vergessen haben, wie der verlorene Sohn, da er zur Selbstbesinnung kommt, des gütigen Vaters wieder gedenkt (Lk. 15,17), den er schnöde verlassen hatte; sodann werden sie sich wieder zu Jahwe kehren in aufrichtiger Buße, wie Manasse, der die Götzen wegtat (2. Chr. 33,15); und endlich werden sie sich vor Jahwe niederwerfen, ihn anbeten und sich ihm zu heiligem Dienste weihen, wie Paulus sich vor Jesus, den er früher verabscheut hatte, niederwarf und ihm mit Wort und Tat fortan huldigte.

29. Denn des Herrn ist das Reich -- ihm allein gebührt das Zepter. Als unterwürfiger Sohn freute sich der sterbende Erlöser in der Gewissheit, dass durch sein Leiden der Vater geehrt und dessen Königreich ausgebreitet werden würde. Jahwe ist König: Das war sein Freudengesang und ist auch der unsere. Er, der kraft seiner eigenen Machtvollkommenheit in Majestät herrscht im Reich der Schöpfung und der Vorsehung, hat ein Gnadenreich aufgerichtet, und dies Reich wird sich durch die siegreiche Kraft des Kreuzes ausbreiten, bis alle Völker sich zu seinem Zepter bekennen und verkündigen, dass er herrscht (Gebieter ist) über die Heiden, d. h. die Nationen . Bei all dem Getümmel und Gewirr der gegenwärtigen Zeit sitzt der Herr dennoch im Regiment; es kommt aber eine stille Zeit des Friedens, wo die reiche Frucht seiner Herrschaft für aller Augen sichtbar sein wird. Großer Hirte, lass dein herrliches Reich bald anbrechen!

30. Alle Fetten auf Erden werden essen und anbeten : Die Reichen und Großen sind nicht ausgeschlossen. Jetzt findet die Gnade die meisten ihrer Kleinode unter den Armen; aber in den letzten Tagen werden auch die Reichen und Mächtigen der Erde, die sonst nur an dem, was ihren Gaumen kitzelte, Geschmack fanden, an Gottes Tisch essen, ihre bei aller Wohlhäbigkeit des Leibes ausgehungerten Seelen an der erlösenden Gnade und der bis in den Tod getreuen Liebe sättigen und von ganzem Herzen den Gott anbeten, der uns in Christus Jesus so überreiche Gnade zuteil werden lässt. Wir dürfen das hier Gesagte vielleicht auch auf die geistlich Fetten anwenden, die innerlich wohl gedeihen. Die sollen an dem fetten Mark der Gemeinschaft mit dem Herrn sich ergötzen und mit besonderer Inbrunst den Herrn anbeten. In dem Bund der Gnade hat Jesus uns für die guten Tage ein reiches Mahl bereitet und er hat gleich gute Vorsorge getroffen, um uns in der Erniedrigung zu trösten, wie die folgenden Worte zeigen: Vor ihm werden Knie beugen alle, die in den Staub sinken, und wer sein Leben nicht fristete . (Wörtl.) In der Beugung vor Gott finden wir Erleichterung und Trost, wenn unsere Sachen am schlechtesten stehen; sogar inmitten des Grabesstaubs zündet das Gebet die Lampe der Hoffnung an. Aber freilich nur, wer sich huldigend beugt, empfängt das Leben; es gibt keine andere Weise, wie wir uns das Leben fristen und das ewige Leben gewinnen können.

31. Ein Same (Grundt.) wird ihm dienen; vom Herrn (Adonai) wird man verkündigen zu Kindeskind. Die Nachkommenschaft wird die Anbetung des Hocherhabenen beständig fortpflanzen. Das Königreich der Wahrheit wird niemals untergehen. Sowie ein Geschlecht zur Ruhe des Volkes Gottes eingeht, wird ein anderes an seiner Stelle aufstehen. Um die wahre apostolische Sukzession brauchen wir uns keine Sorge zu machen; die ist sicher genug.

32. Sie werden kommen. Die souveräne Gnade wird aus der Menschheit alle die bluterkauften Seelen hervorkommen lassen. Nichts wird den göttlichen Vorsatz durchkreuzen. Die Erwählten werden zum geistlichen Leben, zum Glauben, zur Vergebung, zur himmlischen Herrlichkeit kommen. In dieser Aussicht findet der sterbende Erlöser heilige Befriedigung. Du Diener Gottes, der du dich um die Seelen mühst und dabei zuzeiten denkst, du arbeitetest vergeblich (Jes. 49,4), fasse frohen Mut: Der ewige Ratschluss Gottes kann durch nichts gehemmt oder gar zunichte gemacht werden. Und sie werden seine Gerechtigkeit predigen dem Volke, das geboren wird . Keiner von allen denen, die durch die unwiderstehliche Anziehungskraft des Kreuzes zu Gott geführt werden, wird stumm sein. Sie werden im Stande sein, von der Gerechtigkeit des Herrn zu zeugen, so dass die zukünftigen Geschlechter die Wahrheit kennen werden. Die Väter werden ihre Söhne unterweisen, und diese werden die selige Kunde wieder ihren Kindern überliefern. Und der Refrain (der immer wiederkehrende Schluss) der heiligen Erzählung wird stets sein: dass er’s getan oder ausgeführt, vollbracht hat. Das herrliche Heilswerk ist getan; nunmehr ist Friede auf Erden und Ehre in der Höhe. Es ist vollbracht: dieser letzte Ruf des sterbenden Erlösers au die Welt (Joh. 19, 30) klingt an den letzten Gedanken dieses Kreuzespsalmes an. Möge es uns gegeben werden, durch den lebendigen Glauben unsere Erlösung als in Jesu Tod vollbracht zu schauen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 29.06.2019 08:40

Erläuterungen und Kernworte

Zur Überschrift. Die Hirschkuh der Morgenröte. Es wird sich nicht leugnen lassen, dass die Hirschkuh ein sehr passendes Emblem (Sinnbild) des leidenden und verfolgten Gerechten ist, der uns in dem Psalm entgegentritt. Dass unter der Hirschkuh die leidende Unschuld zu verstehen ist [wofür Hengstenberg manche Belege aus arabischen Schriftstellern anführt], wird dadurch über allen Zweifel erhoben, dass die Bösen und Verfolger in diesem Psalm, zu dessen eigentümlicher Physiognomie gerade die Tiersymbolik gehört, unter dem Bilde der Hunde, der Löwen, der Stiere, der Büffel erscheinen. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.

Einer früh gejagten Hirschkuh oder (wörtl.) einer Hirschkuh der Morgenröte wird er (Christus) verglichen, weil die letzte Todesjagd frühmorgens mit ihm vorgenommen wurde, sobald es Tag wurde (Lk. 22, 66). Ja schon an dem frühen Morgen seines Lebens angegangen, da er von Herodes zum Tod gesucht wurde (Mt. 2). J. D. Frisch 1719.

Die Alten, wie z. B. Hieronymus, haben über die Hirschkuh mancherlei merkwürdige Dinge zu sagen gewusst. Nach ihrer seltsamen Naturgeschichte besteht eine tödliche Feindschaft zwischen dem Hirsch und der Schlange. Der Hirsch soll durch seinen warmen Odem die Schlangen aus ihren Löchern locken, um sie zu vertilgen. Gewisse alte Grammatiker leiteten "Hirsch" harmlos von "die Schlangen vertreiben" ab. Sogar das Verbrennen eines Stückes von einem Hirschgeweih vertreibt der Sage nach alle Schlangen. Wenn eine Schlange dem Hirsch entkommt, nachdem er sie durch seinen Hauch aus der Erde hervorgeht hat, sei sie noch viel giftiger als zuvor. Die Schüchternheit des Hirsches wird der absonderlichen Größe seines Herzens zugeschrieben, in dem man einen Knochen voll der Gestalt eines Kreuzes wähnte. Nach J. G. Wood 1869.

Die Worte "Hirschkuh der Morgenröte" werden einfach eine bekannte Melodie angeben; so bedarf es keiner allegorischen Künsteleien. Jean Calvin † 1564.

Zum ganzen Psalm. Dieser Psalm scheint eher Geschichte als Weissagung. M. A. Cassiodorius † um 675.

Eine Prophezeiung von den Leiden Christi und der Berufung der Heiden. Bischof Eusebius von Cäsarea † 340.

Dieser Psalm muss Wort für Wort, ganz und in jeder Hinsicht, allein von Christus ausgelegt werden, ohne Allegorie, Tropologie oder Anagoge. Reinhard Bake (Bakius) † 1657.

Wie dieser Psalm die Leiden des Messias wunderbar klar darstellt, so auch seine drei Ämter. Vom Anfang des Psalms bis zu V. 22 werden die Leiden Christi weitläufig beschrieben; das prophetische Amt Christi von V. 23-26. Was V. 26 von seinen Gelübden gesagt ist, hat Bezug auf sein priesterliches Werk; und im letzten Teil des Psalms wird das königliche Amt Christi enthüllt. D. William Gouge † 1653.

Als Luther diesen Psalm ergründen wollte, schloss er sich bei Salz und Brot drei Tage lang in seinem Zimmer ein. Die Seinen fragen, klopfen, rufen; der Tischler wird geholt und bricht die Tür auf. Zürnend fragt Luther, weshalb man ihn bei so wichtiger Arbeit störe. "Meinet ihr denn, es sei etwas Schlechtes, was ich vorhabe?" Reinhard Bake † 1657.

Hat David den 18. Psalm auf dem Gipfel seiner königlichen Macht und Herrlichkeit gedichtet, so hat er den 22. Psalm wahrscheinlich geschrieben zu jener Zeit, wovon er Ps. 18, V. 5-7 spricht, in einem Augenblick, wo das Leiden aufs Höchste gestiegen war und der Glaube zu erliegen drohte. - Wie hat David aber diesen Psalm beten und niederschreiben können? Dass diese Frage nicht so leicht zu beantworten sei, ergibt sich daraus, dass fast alle Exegeten für diesen Psalm ein anderes Subjekt suchen, orthodoxe sowohl wie heterodoxe. Alle diese Konjekturen beweisen nur, dass man Davids Leiden nicht zu würdigen versteht, weil man die Leiden des Exils oder die Leiden eines Jeremia zu Hilfe nimmt, um den Psalm zu erklären: dass man ebenso wenig den Glauben Davids versteht, weil man nicht begreifen kann, dass er an seine Errettung so große Hoffnungen geknüpft habe, wie sie im dritten Teil ausgesprochen sind, und dass man in David die vor Gott geltende Gerechtigkeit nicht erkennt, indem man zu dem Phantom eines "idealen Gerechten" die Zuflucht nimmt. Laut der Überschrift ist aber der 22. Psalm ein Lied von David und der alttestamentliche Exeget hat die Aufgabe, den ganzen Psalm Vers für Vers so zu erklären, wie er aus Davids Munde hervorgegangen ist. - Was von den Gläubigen des neuen Testaments gilt, dass sie gleich gestaltet sind dem Sohne Gottes (Röm. 8, 29), dass Christus in ihnen lebt und eine Gestalt gewinnt; was Paulus von sich sagt, dass er die Ertötung des Herrn Jesu an seinem Leibe trage, auf dass auch das Leben desselben an ihm offenbar werde (2.Kor. 4, 11), dasselbe gilt von den Gläubigen des alten Testaments. Paulus bedient sich Kol. 1, 24 des eigentümlichen Ausdrucks, dass er auf der andern Seite das vollmache, was noch fehlt an den Trübsalen Christi in seinem Fleisch: Damit gibt er zu verstehen, dass alle Leiden um des Wortes der Gerechtigkeit willen "Leiden Christi" sind, dass die Propheten solche Leiden nach ihrer Seite hin getragen haben, dass sie in ihrem ganzen Wesen und Umfang hervorgetreten sind an Jesus Christus, und dass nun nach Christi Erscheinung dieselben Leiden sich aufs Neue wiederholen. So fremd der modernen Betrachtungsweise der Satz erscheinen mag, dass in David der Geist Christi gewesen und durch ihn geredet hat, so ist doch ohne diese Anerkennung ein Verständnis der Psalmen unmöglich. Ohne diesen Geist hätte David kein Typus von Christus sein können, so wenig wie Mose ohne diesen Geist hätte sagen können: Einen Propheten wie mich usw. Denn es hat kein Mensch an und für sich selbst irgendeine Ähnlichkeit mit Christus, dem Sohne Gottes, wenn nicht der Geist Gottes in ihm wohnt. Die Antwort auf obige Frage ist demnach gegeben durch folgende Schriftstellen: 2. Samuel 23,1.2; 1. Petr. 1,11.12; 2. Petr. 1,20.21; Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Wie kann ein vom Geiste Gottes beseeltes Buch ohne diesen Geist verstanden werden? Kann doch ohne poetischen oder musikalischen Sinn niemand die Schönheit der Poesie würdigen oder edle Musik wahrhaft verstehen; eben so unmöglich ist es, dass ein psychischer (seelischer, natürlicher) Mensch (1.Kor. 2, 14), der Gottes Geist nicht hat, sein Wort verstehen sollte. Er mag mit den Grundsprachen, der Geschichte und den Altertümern der Bibel wohl vertraut sein, - dies alles bezieht sich nur auf ihren äußeren Leib. Er mag fähig sein, ihre hehre Schönheit zu würdigen, und von dem echt menschlichen Element in ihr, auch im Unterschied zu der griechischen und römischen klassischen Literatur, entzückt werden: ihre so treue, wahre Schilderung der mannigfachen Lebenserfahrungen mag sein Gemüt tief ergreifen, - dies alles geht gleichsam nur ihre Seele an; der Geist der Schrift ist Gottes Geist, der heilige Geist. Deshalb betete der Psalmist, wiewohl er mit der Sprache und den Ordnungen des Pentateuchs wohl vertraut war: Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz! (Ps. 119, 18 .) Und daraus folgt, dass der "geistliche Mensch gerade das Wesentliche der Schrift wohl verstehen kann, auch wenn ihm in anderer Hinsicht, in Bezug auf das Verständnis dessen, was wir das Leibliche und das Seelische der heiligen Schrift nennen können, vieles mangelt, und ferner, dass alles bloß kritische (das Äußere erforschende), sprachliche, historische, ästhetische und menschliche Verständnis der Schrift - so wertvolle Dienste es dem geistlichen Verständnis derselben leisten kann - außer Stande ist, den wahren Gehalt des Wortes zu erfassen.
Ein unstudierter, einfältiger Christ wendet z. B. den 22. Psalm ohne weiteres auf Christus an und beachtet vielleicht kaum seine nächste Beziehung zu David. Er meint wahrscheinlich, David habe ohne irgendwelche vermittelnde Umstände und ohne Einschränkung einfach im Geiste die Leiden Christi gesehen. Eine solche Anschauung ist unvollkommen, aber sie ist nicht falsch; sieht sie die Sache doch gerade von dem Hauptgesichtspunkt aus an. Sie ist die vornehmste und wahre Anschauung, auf die Gottes Plan und Wille schließlich abzielt, wohingegen eine rein historische Erklärung dieses Psalms (wie treffend immer die psychologische Analyse ausfallen möge), die nicht den leidenden und triumphierenden Christus darin sieht, oberflächlich ist und ein falsches Bild gibt. Ohne Zweifel hat schon mancher unstudierte, aber vom Geist gelehrte Mann eine richtigere Exegese gegeben, als wohl unterrichtete, aber unerleuchtete Gelehrte. Doch müssen wir da ein Wort beifügen. Es gibt eine Gefahr der die Wahrheit vergewaltigenden Herrschsucht und des Eigendünkels bei Ungelehrten ebenso wie bei Gelehrten. Jemand kann ohne gelehrtes Wissen und zugleich ohne geistliche Einsicht und ohne Demut sein. Die Männer, die am demütigsten und am meisten geistlich gesinnt sind, werden höchst wahrscheinlich zugleich fleißige und gewissenhafte Forscher sein und sich mit Dankbarkeit alles dessen bedienen, was über die Schrift nach ihren verschiedenen Seiten Licht verbreiten kann. Und diejenigen, welche das tiefste Interesse für das wahre Wohlergehen der Gemeinde des Herrn haben, begehren in erster Linie eine wahrhaft geistliche, dann aber auch gleich in zweiter Linie eine gründlich unterrichtete und geistig regsame Predigerschaft. D. Adolph Saphir † 1891.

Es gibt eine Überlieferung, dass unser Herr am Kreuz diesen Psalm sowie die nächstfolgenden durchgebetet habe und dass er seinen Geist aufgegeben habe, als er bis zum sechsten Vers des 31. Psalms gekommen war. Wie dem immer gewesen sein mag, das ist klar, dass Christus, indem er die ersten Worte dieses 22. Psalms in seinen Mund nahm, den Psalm als auf ihn sich beziehend gestempelt hat. Ludolph der Kartäuser, um 350.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 02.07.2019 14:46

Erläuterungen und Kernworte

V. 2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wir stellen dem Joh. 16, 32 gegenüber: "Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir", und Joh. 8, 29 : "Der mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater lässt mich nicht allein. Beides, die Worte hier wie die dort in Johannes, sind Worte Christi; und doch, wie scheinen sie sich zu widersprechen! William Streat 1654.

Dies Wort kann kein Mensch gründlich ausdenken und auslegen, sagt der selige Arnd, weil dergleichen Angst und Seelennot nie kein Mensch erfahren hat. J. D. Frisch 719.

Dass ein sonderlicher Verstand oder Meinung in diesen Worten ist, ist ein gewisses Zeichen, dass die Evangelisten mit Fleiß den Anfang dieses Verses anziehen, wie er in hebräischer Sprache steht, eine sonderliche Kraft dieser Worte anzuzeigen. Darüber kann ich mich nicht erinnern, dass ich irgend an einem andern Orte der Schrift gefunden hätte, dass dies Wort Eli, Eli, mein Gott, mein Gott, zweimal nacheinander wiederholt wäre. Martin Luther 1519.

Die Evangelien geben uns nur hie und da einen Wink, dass Jesus in der (palästinensisch-aramäischen) Volksmundart redete. Wir haben etliche Stellen, wo die Macht des aramäischen Wortes so unabweislich sich geltend machte, dass der in griechischer Sprache schreibende Verfasser nicht anders kann, als das wirklich gesprochene Wort wiederzugeben. So Talita kumi, Ephphata u. Das letzte Wort, dessen Markus am Kreuz gedenkt, ist: Eloi, Eloi, lima sabachtani (15,34). Es ist, um einen Stein erweichen zu machen, schon bloß diese Worte zu hören. Malerischeres, Majestätischeres ist nie über die Erde hingerufen worden. Auch Matthäus 27,46 gibt den verbis ipsis (den ureignen Worten) von Jesus Ausdruck. Von diesem (Gebrüll des Löwen aus Juda erzittert die Welt, - und keine andere Sprache kann solches in sich fassen, als eben die auf solche erschütternden Wirkungen allein angelegte hebräische Sprache. Eine Sprache, in der so viel gerungen und die so vielen Leidenden sich anpasst, ist allein weit genug, um die Größe der Schmerzen Jesu in sich aufzunehmen. Prof. D. Eduard Böhl 1873.

Warum. Der Dichter fragt nicht nach dem Grund oder Zweck seines Leidens, sondern drückt die Unbegreiflichkeit desselben aus. Obwohl er Gott festhält, ihn "mein Gott" anredend, und ihn nicht entbehren kann, hat doch Gott ihn zeitweilig verlassen, d. i. der Macht der Leiden preisgegeben, - nicht scheinbar, sondern wirklich, alle Erweisungen seiner hilfreichen Gemeinschaft einstellend und dadurch die Not und die Anfechtung aufs äußerste Steigernd. Lic. Hans Keßler 899.

Dies Warum ist nicht das der Ungeduld oder der Verzweiflung, nicht das sündige Fragen eines Menschen, der sich gegen seine Züchtigung auflehnt, sondern gleicht eher dem Schrei eines verlorenen Kindes, das nicht begreifen kann, warum der Vater es allein gelassen hat, und das sehnlich seines Vaters Angesicht wieder zu sehen begehrt. J. J. Stewart Perowne 1864.

Während die Heftigkeit seines Schmerzes und die Schwachheit des Fleisches dem David die Klage auspressten: "Ich bin von Gott verlassen" - gab der Glaube ihm ein, damit er dem Druck nicht unterliege, den Gott, von dem er sich verlassen fühlte, getrost als seinen Gott anzurufen. Ja wir sehen, dass er dem Glauben den Vorzug gibt; denn bevor er seiner Klage freien Lauf lässt, bricht er ihr schon die Spitze ab, indem er sich trotzdem zu seinem Gott flüchtet. Hätte er nur gesagt: "Warum hast du mich verlassen, Gott?" - so konnte es den Anschein haben, als mache er dem Herrn Vorwürfe und murre wider ihn. Ja dann wäre zu fürchten gewesen, dass die unmäßige Bitterkeit seines Schmerzes sein Herz vergifte. Nun legt er sich aber durch den Glauben einen Zügel an und nimmt sich zusammen, damit er das rechte Maß nicht überschreite. Es ist keine überflüssige Wiederholung, wenn er Gott zweimal seinen Gott nennt und auch zum dritten Male (V. 3) diese Anrede wiederholt. Der Glaube gewinnt nicht gleich beim ersten Ansturm den Sieg, sondern er geht erst nach langem, hartem Ringen als Sieger aus diesem Kampfe hervor. Jean Calvin † 1564.

Dies Wort "mein Gott" hat mehr in sich, als alle Weisen in aller Welt daraus herausbringen können. Alexander Wedderburn 1701 .

Wenn Christus hier klagt, dass er von Gott verlassen sei, so haben wir das nicht so zu verstehen, als ob er wirklich von der ersten Person der Dreieinigkeit verlassen oder die hypostatische (Wesens-) Gemeinschaft zwischen der ersten und zweiten Person aufgehoben gewesen wäre oder Christus die Huld und Freundschaft des Vaters verloren hätte; sondern er zeigt uns damit, dass Gott es zugelassen habe, dass seine menschliche Natur jene schrecklichen Qualen durchmachte und einen schimpflichen Tod erlitt, wovon er ihn, wenn es ihm beliebt hätte, so leicht hätte erlösen können. Auch gingen diese Klagen nicht aus Ungeduld hervor, noch haben wir anzunehmen, dass Christus etwa Grund und Zweck seiner Leiden nicht gewusst hätte oder nicht voll Herzen willig gewesen wäre, solch Verlassensein in seinem Leiden zu tragen. Mit diesen Klagen will der Erlöser vielmehr nur die Bitterkeit seiner Leiden bezeugen. Und während der Herr im ganzen Verlauf seines Sühnleidens alles mit solcher Geduld ertrug, dass ihm nicht ein einziger Laut des Murrens oder Seufzens entfuhr, erklärt er nun, da sich seine letzten Augenblicke nahen, damit nicht etwa die Umstehenden denken, er sei durch eine höhere Macht gegen das Leiden unempfindlich gemacht, durch den Klageruf feierlich, dass er wahrer Mensch sei und als solcher wirklich leidensfähig, von seinem Vater verlassen in seinem Leiden, dessen Bitterkeit und Heftigkeit er aufs Stärkste empfand. Kardinal Robert Bellarmin † 1621.

Hat Gott wirklich Jesus am Kreuze verlassen? Dann entspringt aus dieser Verlassenheit Christi dem Volke Gottes einzigartiger und mannigfaltiger Trost, vornehmlich in zwei Beziehungen. 1) Weil Christus eine Zeitlang vom Vater verlassen war, werden wir nicht auf ewig verstoßen werden: denn um unsertwillen wurde er verlassen. 2) Christus’ zeitweilige Gottverlassenheit und sein Verhalten während derselben ist ein trostreiches Vorbild für betrübte Seelen, die sich auch von Gott verlassen fühlen. Mögen solche dies Vorbild gläubig anschauen. Wiewohl Gott den Herrn Christus verließ, stützte er ihn dennoch zur selben Zeit mächtig. Gottes freundlichen Blick musste er entbehren, nicht aber seine tragende Kraft. So wird es auch bei dir sein, lieber Christ. Dein Gott mag sein Angesicht von dir wenden, seinen Arm wird er dir nicht entziehen. Als jemand einen Knecht Gottes (Baines) fragte, wie es ihm innerlich gehe, antwortete er: "Dass Gott mich hält, erfahre ich, wiewohl ich alle lieblichen Gefühle entbehre." Unser himmlischer Vater verfährt darin mit uns, gerade wie wir manchmal mit einem Kinde, das eigensinnig und widerspenstig ist. Wir setzen es vor die Tür und befehlen ihm, uns aus den Augen zu gehen, und wiewohl es da draußen nun schluchzt und weint, rufen wir es doch nicht gleich wieder herein, bezeigen ihm nicht alsbald wieder Freundlichkeit, sondern lassen es zu seiner Demütigung eine Weile draußen. Trotzdem ordnen wir an oder lassen wir wenigstens zu, dass die Dienstboten es mit Speise und Trank versorgen. Da ist väterlich fürsorgliche Liebe, wiewohl kein freundlicher Blick wie früher. - Wiewohl Gott Christus verließ, vermochte dieser doch zur selben Zeit Gottes Tun als gerecht zu bezeugen (V. 4). Bist du nach deinem Maße in ähnlicher innerer Verfassung, wie Christus es in dieser Lage war? Kannst du nicht, auch wenn Gott dich tief verwundet, bekennen, dass er trotz alledem ein heiliger, treuer und guter Gott ist? Ich bin verlassen, aber ich bin nicht ungerecht behandelt. Nicht ein Tropfen von Ungerechtigkeit ist in dem ganzen Meer meiner Schmerzen. Wiewohl er mich verurteilt hat, muss und will ich ihm Recht geben. Siehe, wenn du so sprichst, - das ist auch Christus ähnlich. Joh. Flavel † 1691.

Durch den Glauben war es Christus möglich zu wissen, dass er von Gott geliebt war, und er wusste es, obwohl er den Sinnen und Gefühlen nach Gottes Zorn kostete. Glaube und Mangel an Empfindung der Nähe und Liebe Gottes sind miteinander nicht unvereinbar. Es mag jemand in gewissen Augenblicken und Zeiten nichts von Gottes Liebe fühlen, ja er mag Gottes Zorn empfinden, und doch kann zur selben Zeit Glaube vorhanden sein. John Row 1680.

Verlassenheit ist an sich nicht unbedingt ein Zeichen besonderer Sünde; denn Christus selbst erfuhr ihre ganze Bitterkeit. Eine gänzliche, ewige Verlassenheit ist die unsere nicht; eine zeitweilige haben die Besten dann und wann durchgemacht. Der Gerechte wird seines Glaubens leben, nicht seiner Gefühle. Richard Capel † 1656.

O wie müssen unsere Herzen vor Liebe schmelzen, wenn wir dessen gedenken, in welchen Seelennöten Christus für uns war! Gott hob die Wirkungen seiner Gnade in jener Stunde so auf, dass Jesus nichts von ihrer Kraft verspürte. Er empfing keinerlei Trost von seinem himmlischen Vater, keinen von seinen Engeln, keinen von seinen Freunden, und das in jener Stunde der größten Betrübnis, da er des Trostes so hoch bedürftig war. Timothy Rogers 1729.

Herr, du weißt, was es für ein Menschenherz bedeutet, verlassen zu sein: Du hast es selbst einst durchgemacht, als du klagen musstest: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ! Wohl hattest du in der Tat göttlichen Beistand, aber wie es scheint, nicht jene innere Freude, die dich sonst erfüllte. Jetzt, da du in der Herrlichkeit bist, hab’ Erbarmen mit einem elenden Wurm, der nach dir mehr verlangt, als nach irgendetwas anderem. Herr, du hast schwer gebüßt zu meinem Besten; lass mir reichen Segen daraus zufließen! Joseph Symonds 1658.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 06.07.2019 12:00

Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Der königliche Prophet sagt: Mein Gott, des Tages rufe ich. Manchen würde es als eine große Torheit erscheinen, zu jemand zu rufen und zu schreien, der sich die Ohren zuhält und nicht zu hören scheint. Dennoch ist diese Torheit des Glaubens weiser als alle die Weisheit der Welt. Denn wir wissen gut genug, dass der Herr, mag er zuerst noch so sehr nicht zu hören scheinen, eine sichere Zuflucht ist in der Not. Thomas Playfere 1604.

Wie kindlich ist dieser Ruf! Nur kindliche Herzen können ihn zu dem ihren machen. Das Kind weiß, dass des Vaters Herz sich sein erbarmen muss. Gerade das Vertrauen auf die Liebe des Vaters macht sein Bitten ungestüm. Es schweigt nicht , es lässt dem Vater keine Ruhe, weil es unbedingtes Vertrauen hat zu seiner Macht und seiner Willigkeit, die begehrte Hilfe zu gewähren. Das ist natürlich. Es ist die Schlussfolgerung des Herzens, die Berufung auf die innersten Naturempfindungen. Es ist auch schriftgemäß, nach den Worten des Heilands Lk. 11, 13 : So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! John Stevenson 1842.

V. 3-4. Was hört Gott nun aus seinem Munde, jeztz, da Gott nichts von sich hören lässt, trotz allem Flehen um Erlösung? Kein Ton des Murrens über Gottes seltsames Verhalten entfährt ihm: Nein, Gott vernimmt ganz das Gegenteil, der edle Dulder rechtfertigt und rühmt den Herrn: Aber Du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels! William Gurnall † 1679.

Hier sehen wir den Triumph des Glaubens . Der Heiland stand in dem wild bewegten Meer der Anfechtung fest wie ein Fels. Mochten sich die Wogen auch türmen, sein Glaube wuchs dennoch, gleich einem Korallenriff inmitten der Brandung, und wurde immer größer und stärker, bis er zu einer Rettungsinsel wurde für unsere schiffbrüchigen Seelen. Es ist, als sagte er: Es macht nichts, was ich auch leide: Mögen Stürme mich umtosen, die Menschen mich verschmähen, der Teufel mich versuchen, die Umstände mich überwältigen, ja Gott selbst mich verlassen: Gott ist und bleibt dennoch der Heilige, und ist kein Unrecht an ihm. John Stevenson 842.

Wer die Wasserleitung im Hause hat, denkt, wenn das Wasser einmal ausbleibt, nicht, dass die Quelle versiegt sei, sondern dass die Röhren irgendwo verstopft oder zerbrochen sein müssen. Wenn unser Beten erfolglos ist, können wir sicher sein, dass der Fehler nicht bei Gott, sondern bei uns liegt. Wären wir innerlich reif für die Gnade, um die wir bitten, so würde er ohne allen Zweifel sie uns zu gewähren bereit sein; wartet er doch darauf, dass er uns gnädig sei. John Trapp † 1669.

V. 4. Erscheint es nicht seltsam, dass das Herz mitten in Dunkelheit und tiefer Bekümmernis in der Heiligkeit Gottes Trost finden sollte? Nein, denn Gottes Heiligkeit ist nur gleichsam eine andere Ansicht seiner Treue und Gnade. Und der bemerkenswerte Name "der Heilige Israels", der Gott so oft in der Schrift beigelegt wird, lehrt uns, dass er, der der Heilige ist, auch der Gott ist, der mit seinen Erwählten einen Bund geschlossen hat. Es wäre einem rechten Israeliten unmöglich gewesen, an Jahwes Heiligkeit zu denken, ohne sich auch dieser Bundesgemeinschaft mit Jahwe zu erinnern. "Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig, Jahwe, euer Gott", das waren die Worte, durch die die Kinder Israel an ihr Verhältnis zu Gott erinnert wurden, vergl. besonders 3. Mose 19, 2 Wir merken etwas von dieser Empfindung in solchen Stellen wie Ps. 89,16-19; 99,5-9; Hos. 11,8 f.; Jes. 41,14; 47,4; J. J. Stewart Perowne 1864.

Mögen die Versuchungen noch o fürchterlich sein, so wird der Glaube dennoch nie einem bösen Wort wider Gott Gehör schenken, sondern Gott allezeit rechtfertigen. David Dickson † 1662.

Die kühne Metapher "der auf den Lobliedern Israels thront" knüpft an die ständige Benennung Jahves als des auf den Cherubim Thronenden an, 80,2; 99,1 . Die Loblieder Israels auf seinen hilfreichen Gott sind der Thron, von welchem Jahve getragen wird. Eine richtige Sinnerklärung gibt die Nachbildung in 71,6: Von dir ertönt mein Loblied stets. Dem Flug des hochpoetischen Ausdrucks konnten allerdings schon die LXX nicht folgen. Prof. D. F. Bäthgen 1904.

V. 6. Zu dir schrieen sie und wurden errettet: in der Wüsten- und Richterzeit, für die das Schreien und Erhörtwerden charakteristisch war, vergl. Ps. 78. Lic. Hans Keßler 899.

V. 7. Ich aber bin ein Wurm - so unter die Füße getreten, ja zerstampft, misshandelt und gemartert, verspottet und verspien, dass ich mehr einem Wurm als einem Menschen gleiche. O Christ, nimm es zu Herzen, welch schmähliche Behandlung der Herr der Herrlichkeit erduldet hat, auf dass aus seiner Pein unser Heil, aus seiner Schmach unsere Herrlichkeit, aus seinem Strafleiden unsere ewige Wonne erwachse! Ohne Unterlass präge dieses Schauspiel deiner Seele ein. Dionysius der Kartäuser 1471.

Wenn unter den Hindus jemand über sich wehklagen und seinem Abscheu vor sich selber Ausdruck geben will, sagt er: "Was bin ich? Ein Wurm, ein Wurm! Ähnliche Redensarten sind: "Ha, der Stolze! Er verachtet mich wie einen Wurm: Ich möchte wohl zu ihm sagen: Wir alle sind Würmer." "Wurm, kriech aus meinem Gegenwart! Joseph Roberts, Bilder aus dem Morgenland 1835.

V. 8. Alle, die mich sehen, spotten mein . Stelle dir die schreckliche Szene vor Augen. Siehst du diesen buntscheckigen Haufen von Vornehmen und Geringen, von Juden und Heiden? Die einen stehen in Gruppen um das Kreuz und gaffen; andere sitzen gemächlich da und betrachten ebenfalls höhnisch den Gekreuzigten; wieder andere gehen hin und her: die Freude über das Geschehene lässt ihnen keine Ruhe. Ein Zug der Befriedigung ist auf jedem Antlitz zu lesen. Keiner schweigt; ja das schnellste Sprechen erscheint noch zu langsam. Des Redestoffs ist viel zu viel, als dass ein Glied ihn bewältigen könnte: Jede Lippe, jeder Kopf, jeder Finger ist jetzt eine Zunge. O ihr grausamen Römer, und ihr Juden, die ihr euern König mordet: Ist euch sein Tod nicht genug? Müsst ihr auch noch Spott und Hohn hinzufügen? An diesem Tage seid ihr eins geworden! Schreckliche Einheit, die euch als die vereinten Mörder des Herrn der Herrlichkeit brandmarkt! John Stevenson 1842.

Es hat in unsern Tagen Menschen gegeben, deren Verbrechen solche Entrüstung erregten, dass der Pöbel sie in Stücke zerrissen hätte, wenn er sie in seine Gewalt bekommen hätte. Doch wenn diese nämlichen gemeinschädlichen Verbrecher dem Urteilsspruch gemäß hingerichtet wurden, so fand sich, wenn auch nicht einer der Zuschauer gewünscht hätte, dass sie der gerechten Vergeltung entrinnen würden, doch auch keiner, der so alles Gefühl verloren gehabt hätte, dass er sie in ihren letzten Augenblicken noch verhöhnt hätte. Aber da Jesus leidet, spotten sein alle, die ihn sehen, verziehen die Lippe, nicken mit dem Kopf, lästern ihn, den Heiligen, als Übeltäter und verhöhnen sein Gottvertrauen! John Newton † 1807.

Verziehen die Lippe. Das Vorstrecken der Unterlippe gilt im Morgenlande als ein starkes Zeichen der Verachtung. In der Regel gebrauchen nur einfache Leute diese Gebärde. C. H. Spurgeon 1869.

V. 8-9. Wiewohl alle Qualen, die der Herr erduldete, sehr groß waren, so dass jede derselben die größte zu sein scheint und ein Vergleich zwischen ihnen nicht wohl angestellt werden kann, so scheint es doch vielen, und mit Recht, als sei diese Art des Leidens, nämlich die Marter, den Hohn und Spott zu sehen und zu hören, den man mit seiner Person und seiner Lehre trieb, die allerschmerzlichste gewesen; denn im Allgemeinen werden die Dinge als am schwersten zu tragen angesehen, für die wir das feinste Gefühl haben. Diese Leiden aber mussten das Zartgefühl des Herrn am tiefsten verwunden. Andere Leiden mögen wir begehren, um darin unsere Liebe zu beweisen; denn sie sind oft ein Mittel, Gottes Ehre zu vermehren, und diese geht dem Gläubigen über alles. Aber Gott gelästert, die ewige Wahrheit in Lüge verkehrt und die höchsten Erweisungen der Göttlichkeit und Majestät des Sohnes Gottes entstellt und geschändet zu sehen, das sind ihrer Natur nach Dinge, die, wenn sie auch etwa ertragen werden müssen, doch eben, weil sie die Ehre Gottes so stark angreifen, nie von jemandem zu leiden begehrt werden können, sondern von allen verabscheut werden müssen. Unser Erlöser, der von Eifer für Gottes Ehre beseelt war wie sollst keiner, fand demnach in dieser Art Leiden, mehr als in allen andern, viel zu verabscheuen und nichts zu begehren. Darum mag dieses Leiden für das größte von allen gehalten werden und für das, worin er die allergrößte Geduld erwiesen hat. Fra Thomé de Jesu † 1582.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2345
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 09.07.2019 15:05

Erläuterungen und Kernworte

V. 8-19. Von jeher hat die christliche Kirche in dem Psalm die Stimme ihres leidenden Herrn und Heilands gehört. Sie hatte gegründete Veranlassung dazu, weil der Dulder ohnegleichen seinen Schmerz am Kreuz in das Anfangswort des Psalms ausgeschüttet hat und weil außerdem die Einzelheiten der Leidensgeschichte mit den Schilderungen V. 8-19 so frappierend übereinstimmen, dass David Strauß in den letzteren das im Voraus fertige "Programm der Kreuzigung Christi" hat sehen können. Mag für die nachgeborenen Generationen in der Kirche der Zusammenhang der weissagenden "Schrift" mit den Einzeltatsachen der Erfüllungsgeschichte selbst in scheinbar geringfügigen Äußerlichkeiten ihres Vollzugs nicht so wichtig sein wie die großartige Harmonie im Gesamtverlauf der Heilsgeschichte, - die Anfangsjahrhunderte der Kirche, welche den letzteren zu übersehen weniger als wir im Stande waren, haben mit gutem Recht ihr Glaubensleben mehr an dem ersteren genährt und gestärkt. Das Neue Testament aber, das der Gemeinde Gottes auf allen Stufen ihres Lebens- und Entwicklungsganges zur Leuchte gegeben ist, enthält eben darum zahlreiche Hinweise auf beides, unterlässt also auch nicht, die Beziehungen des 22. Psalms zu Jesus’ Erlösungswerk aufzudecken: Mt. 27, 35 ff.: Mk. 15, 34; Joh. 19, 24; Hebr. 2, 11 ff. Lic. Hans Keßler 1899.

V. 9. Da sind ja genau die Worte angeführt, womit die Widersacher des Herrn ihrem Spott und ihrer Verachtung gegen ihn Ausdruck gaben (Mt. 27, 43). Wie merkwürdig, die selben Worte in einem viele Jahrhunderte zuvor geschriebenen Psalm zu finden! John Stevenson 1842.

V. 10. Ja, Du bist ’s, der mich hervorzog aus dem Schoße usw. Was die Feinde (V. 9) höhnend rieten, nimmt die Glaubenserfahrung des Dichters ernsthaft an und auf. V. 10 begründet letzteres; so gewinnt ykIi affirmative Bedeutung: Ja. Lic. Hans Keßler 1899.

V. 10-11. In den Worten "Auf dich wurde ich geworfen gleich vom Mutterschoß" finden manche Ausleger (Keßler, Bäthgen) eine Anspielung auf den Brauch, ein neugeborenes Kind auf die Knie des Vaters zu legen, der es dadurch anerkannte, Hiob 3, 12; 1. Mose 50, 23: also so viel als: "Auf deine Vatersorge und -liebe bin ich angewiesen". J. M

Zweimal nennt er seine Mutter. Überhaupt ist im Alten Testament nie von einem menschlichen Vater, d. i. Erzeuger, des Messias, immer nur von seiner Mutter oder Gebärerin die Rede. Und die Worte des hier Betenden, dass er vom Mutterschoße an mit all seinem Bedürfnissen und Anliegen einzig und allein auf Jahve gewiesen gewesen sei, besagen, dass sein Lebensanfang, auf die äußeren Umstände gesehen, ein armseliger war, was gleichfalls mit dem alt- wie neutestamentlichen Christusbilde übereinstimmt. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Fortgesetzte Erweise der göttlichen Huld stärken den Glauben mächtig. Damit hielt auch Er sein Vertrauen aufrecht, der zu Gott sprach: Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen usw. Man vergleiche Ps. 71,5 f.: "Du bist meine Zuversicht, Herr, Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Auf dich hab ich mich verlassen von Mutterleibe an: Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen . Mein Ruhm ist immer von dir." Und was Obadja bewog, so zuversichtlich zu Elia zu sagen: "Ich fürchte den Herrn von meiner Jugend auf", 1.Kön. 18, 12), war nicht nur seine Gesinnung gegen Gott, sondern auch die Gewähr für Gottes Gunst gegen ihn, die darin für ihn lag. Wo altbewährte Freundschaft und Huld beharrlich fortdauert, kommt es zu mannigfaltigen Erweisen starker und standhafter, ja unauslöschlicher Liebe, so dass, auch wenn uns infolge voll Versuchungen der eine oder andere Beweis fraglich werden sollte, noch andere bleiben und den Glauben aufrecht halten. Es ist, als wenn ein Haus von vielen Säulen getragen wird: Werden auch etliche weggenommen, so bleibt es doch mit Hilfe der übrigen stehen. D. William Gouge † 1653.

Dankbar erkennt David Gnadenerweisungen an, die ihm vor langer Zeit erwiesen worden. Sie waren noch frisch in seinem Gedächtnis. Das ist ja gerade die Eigentümlichkeit und die Neigung eines dankbaren Herzens, solcher Wohltaten zu gedenken, welche anderen ganz aus dem Gedächtnis entschwinden oder für die sie überhaupt kein Auge haben. Die Wohltaten, welche Gott ihm in seinem ersten Lebensanfang, dann in seiner Kindheit und seinen jungen Jahren erwiesen hatte, und von denen man denken könnte, dass sie ihm jetzt, in seinem reifen Alter, ganz aus dem Sinn wären, die frischt er hier wieder in seiner Erinnerung auf. "Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen": Wie lange mochte das her sein? Vielleicht waren, als David den Psalm schrieb, schon sechzig Jahre seither vergangen. Er gedenkt der Gnadenerweisungen, die Gott ihm gewährt hatte, als er noch gar nicht zu denken oder die ihm erwiesene Güte zu erkennen fähig gewesen war. Das lehrt uns, in Nachahmung dieses heiligen Beispiels, die Wohltaten, die Gott uns, da wir noch unmündig waren, erzeigt hat, in den reiferen Jahren uns ins Gedächtnis zu rufen und dankbar anzuerkennen. D. Thomas Horton † 1673.

Hier beginnt nun die Anfechtung nachzulassen und gelinder zu werden und die Hoffnung sich auf den Sieg zu wenden, doch also, dass er einen sehr geringen und mit großer Mühe ersuchten Behelf und Aufenthalt gefunden hat. Denn weil er fühlte, dass sein Leiden ganz anders beschaffen war als aller Väter Leiden, so vor ihm gewesen, und er gar kein Exempel gleichen Leidens vor sich hatte, also, dass ihm dazumal nichts halfen die wunderlichen Taten Gottes, die er denen Vätern erzeigt hatte, kommt er auf sein eigen Tun, was ihm Gott sonderlich etwan hat getan, darinnen spürt er Gottes Gnade und Güte: Auf dass auch der sonderlich errettet würde, der da etwas Sonderliches gewesen wäre vor dem ganzen Israel unter allen andern auch sonderlich gelitten hätte. Darum findet er zuletzt, da er alles durchsichtet hat, Gottes wunderbare Taten an ihm selbst, mit denen er sich stärkt und einen Mut fasst, mit einem großen Vertrauen zu bitten und zu flehen, wie folgen wird. So scharf und genau lernt die Angst und Not zu suchen, auch die allerkleinsten Risse und Spältchen. Martin Luther 1519.

Alle die heftigen Schmähungen, womit die Feinde über unsern Herrn Jesus herfielen, hatten keine andere Wirkung als die, dass sie ihn bewogen, sich unmittelbar an seinen Vater zu wenden. Diese Berufung auf den Vater in den vorliegenden beiden Versen ist merkwürdig. Der Beweis, auf dem sie ruht, ist stark und folgerichtig. Er ist zugleich der vernunftgemäßere und der passendste, der nur geltend gemacht werden kann. Wir können ihn so umschreiben : Es ist jetzt mit mir als Menschen aufs Äußerste gekommen. Man sagt, Gott verleugne mich : Aber das kann nicht sein. Über dem ersten Augenblick meines Daseins waltete er mit zarter Fürsorge. Als ich ihn noch nicht einmal um Erweise seiner Güte bitten, noch gar nicht an solche denken konnte, überschüttete er mich schon damit. Hat er mich rein aus seinem Wohlgefallen ins Leben gerufen, so wird er mich sicher nicht im Stich lassen, da ich nun aus diesem Leben scheide. An ihren Schmähungen zum Trotz darf und will ich mich daher an ihn wenden. O Gott, meine Feinde erklären, du habest mich von dir gestoßen: Aber Du bist es, der mich aus meiner Mutter Leibe gezogen hat. Sie versichern, ich traute nicht auf dich und dürfe es auch nicht: aber Du bist es, der mich auf dich vertrauen ließ, da ich noch an meiner Mutter Brüsten war. Sie wollen mir eingeben, du erkenntest mich nicht als deinen Sohn an: Aber auf dich bin ich geworfen gleich vom Mutterschoß: Du bist mein Gott von meiner Mutter Leibe an. John Stevenson 1842.

Bei dem Kirchenvater Euseb von Cäsarea († 340) findet sich eine schöne Stelle, worin er zeigt, welch inniger Zusammenhang zwischen der Menschwerdung und dem Leiden des Herrn bestand und mit welch gutem Grunde der Heiland, als er am Kreuze hing, aus dem Gedanken Trost schöpfte, dass der Leib, dessen Gestalt jetzt hässlicher war, als der anderer Leute, und sein Ansehen wie der Menschen Kinder (Jes. 52, 14), eben derselbe war, der durch den Vater mit solch einziger Ehre verherrlicht worden war, als der heilige Geist über Maria gekommen war und die Kraft des Höchsten sie überschattet hatte, und dass dieser jetzt so zerfleischte und entstellte Leib, wie er einst die Verwunderung der Engel gewesen war, so auf immer die Freude der Engel und, nachdem er die Unsterblichkeit angezogen, die Lebenskraft der Seinen bis ans Ende der Zeiten sein würde. John Mason Neale 1860.

V. 11. Vom Mutterleibe an bist Du mein Gott. In Israel erhalten schon Kinder den Namen "Ella"mein Gott ist Jahve". Prof. D. F. Bäthgen 1904.

V. 12. Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe . Profanen Menschen scheint das ein seltsamer Grund, sagt ein lateinischer Ausleger; aber es ist ein trefflicher. Das wusste der Prophet, und darum machte er ihn geltend. John Trapp † 1669.

Diese Bitte, Ergebnis und Abschluss alles Vorhergehenden und insbesondere auf den Anfang zurückblickend, bereitet in ihrer Begründung (denn Drangsal ist nahe) den folgenden Abschnitt vor, der fast ausschließlich eine Schilderung der "nahen Drangsal" ist. Im Zusammenhang des Ganzen stellt sie sich als ein momentanes Aufatmen des Bedrängten dar. Lic. Hans Keßler 1899.

V. 2-12. Die Hauptwendungen des Gedankens in diesem 1. Teil zeichnen sich ab V. 4 durch das "Und du", V. 7 "Und ich", und V. 10 ein abermaliges "Ja, du". Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 13. Zu dem Ausdruck "die Starken = die Stiere Basans" vergleiche man, wie Amos (4,1) die üppigen Frauen Samarias mit "ihr Kühe Basans" anredet. - Unter den Stieren Basans verstand der Prälat Ötinger die "dicken, fetten Hohenpriester". - J. M.

V. 13-14. Ein hilfloses Kind oder ein harmloses Lamm, von wütenden Stieren und heißhungrigen Löwen umgeben, - das ist ein passendes Bild des Erlösers, da er von seinen blutdürstigen Feinden umringt war. Thomas Scott † 1821.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste