Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Empfehlungen, Kritik oder Rezensionen von christlichen Büchern und Medien

Moderator: Joschie

Jörg
Moderator
Beiträge: 2359
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps23

Beitragvon Jörg » 20.08.2019 13:07

Erläuterungen und Kernworte

Es sei an die unvergleichliche Schilderung des Tals des Todesschattens in Bunyans Pilgerreise erinnert, die dem angefochtenen Christen so reichen, aus der Erfahrung geschöpften Trost bieten kann. -- J. M.

Der Tod hat in der Menschheit Jesu seinen Stachel gelassen und hat nun keine Macht mehr, Gottes Kinder zu verletzen. Vicomtesse Powerscourt 1830.

Dein Stecken und Stab. Der Hirtenstab dient zu dreierlei Zwecken. Erstens zählt der Hirt die Schafe damit, indem er sie, eins nach dem andern, unter ihm durchgehen lässt (3. Mose 27,32). Man denke daran bei diesen Worten. "Ob ich auch durch die Bosheit der Menschen in so großer Gefahr bin, ist doch dies mein Trost, dass ich von dir nicht vergessen bin, denn du kennst die Deinen und sorgst dafür, dass dir nicht eines fehle." Zweitens treibt der Hirt mit seinem Stab die Schafe an, wenn sie lässig sind und nicht vorwärts wollen. Mag es unserm Fleisch auch unangenehm sein, wenn der Herr uns aus der Trägheit und aus einem lauen Gewohnheits-Christentum aufrüttelt, so führt er uns doch gerade dadurch, dass er uns antreibt, unsere Schritte zu beschleunigen und in seinem Dienst tätiger und eifriger zu werden, zur wahren geistlichen Freude. Drittens treibt der Hirt mit seinem Stabe die Schafe zurück , wenn sie müßig und unachtsam von der Herde wegschweifen, ihre eignen Wege gehen und auf andern Weiden grasen, ohne die Gefahren zu beachten, die ihnen bei solchem Abirren drohen. Ist das nicht ein großer Trost, dass der Herr seine Schafe nicht dem Verderben überlässt, sondern von den Irrwegen zurückbringt, die sie stets den größten Gefahren und Nöten aussetzen ? So enthalten also diese Worte eine Hinweisung auf Gottes treue Fürsorge für seine Herde. Obadiah Sedgwick † 1658.

Der Hirt hat stets einen Stab bei sich, wenn er mit seiner Herde auf die Weide zieht. Dieser Stab ist oft an seinem obern Ende gebogen oder mit einem Haken versehen, woher der Bischofsstab seine bekannte Form hat. Mit diesem Stab regiert der Hirt die Herde, leitet er sie auf die Weide und verteidigt er sie gegen die Feinde. Mit ihm züchtigt er sie auch, wenn sie unfolgsam sind, und bringt er sie zurück, wenn sie von der Herde weglaufen. Man kann sich einen Hirten so wenig ohne diesen Stab denken, als einen Pflüger ohne den Ochsenstachel (1. Samuel 13,21; Apg. 9,5). W. M. Thomson 1859.

Stecken, womit du leitest, schützest und treibst, dass es fortgeht; diesen regiert der Eifer des Herrn. Stab , worauf du dich lehnest, um Halt zu machen, dass es nicht zu schnell geht und die Schafe nicht übertrieben werden: diesen regiert die Langmut des Herrn. K. H. Rieger † 1791.

Der Sänger unseres Psalms traut auf den Herrn, wiewohl er sich im tiefsten Dunkel befindet und keinen Schritt breit vor sich sehen kann. Das ist wahrlich großer Glaube! Wir haben vor dem geheimnisvollen Unbekannten viel größere Furcht, als vor allem, was wir sehen können Ein geringes Geräusch erschreckt uns in der Dunkelheit, während selbst große Gefahren, die sichtbar sind, uns nicht die Geistesgegenwart rauben. Was aber entzieht sich so völlig der menschlichen Erfahrung und Berechnung und selbst seiner Einbildung, als das Tal des Todesschattens mit allem, was dazu gehört? Aber auch angesichts dieses finstern Tales und in demselben wankt die Zuversicht des Psalmisten nicht. Er glaubt, ohne zu sehen. Wie oft setzt uns etwas, das wir nicht kennen, in Schrecken. Sogar die Jünger erschraken, als sie die Wolke überzog auf dem Verklärungsberg (Lk. 9,34). Wie oft ist uns die Ungewissheit der Zukunft eine härtere Glaubensprobe als die Drangsal, in die uns ein gegenwärtiges Übel versetzt! Viele teure Gotteskinder können dem Herrn in allen ihnen bekannten Übeln vertrauen: aber warum diese Furcht, diese bösen Vorahnungen, diese Mutlosigkeit, wenn sie wirklich auch das ihnen Unbekannte und Ungewisse dem Herrn in gleicher Weise anvertrauen? Statt uns kindlich an das Wort des Herrn zu halten, es sei genug, dass jeder Tag seine eigne Plage habe, umgeben wir das Unbekannte mit den Schreckgespenstern unserer Einbildungen und Berechnungen und vergessen nur zu oft das einfältige Vertrauen auf den Herrn. Phil. Bennett Power 1862.

Lasst uns beachten, dass David mitten auf der grünen Aue an das Elends- und Todesschattental denkt, durch das sein Weg ihn bald führen mag, wenn es der Herr so will. Das ist wahre Weisheit, bei heiterem Wetter für den Sturm Vorsorge zu treffen, in Tagen der Gesundheit ans Kranken- und Sterbebett zu denken, in Glück und Frieden sich auf das Schlimmste gefasst zu machen und gleich der klugen Ameise im Sommer sich Speise auf den Winter zu sammeln. John Prime 1588.

Die Frau des Missionars Hervey in Bombay lag im Sterben. Ein Freund sagte ihr, er hoffe, der Heiland werde jetzt bei ihr sein auf dem Gang durch das finstere Tal des Todesschattens. Sie erwiderte: "Wenn dies das finstere Tal ist, dann ist kein dunkler Fleck darin; es ist lauter Licht." Es waren ihr fast während ihrer ganzen Krankheit lichte Blicke in die göttlichen Vollkommenheiten geschenkt. "Die Heiligkeit des Herrn", sagte sie einst, "erscheint mir als die lieblichste aller seiner Eigenschaften." Und ein andermal bezeugte sie, dass es ihr an Worten fehle, ihre Eindrücke von der Herrlichkeit und Erhabenheit Christi wiederzugeben. "Es ist mir", sagte sie, "als ob, wenn alles andere, so herrlich es sein mag, sich in ein Nichts auflöste und nur Er selber bliebe, meine Seele volle Genüge hätte; es würde dennoch ein unermessliches All von Herrlichkeit sein. C. H. Spurgeon 1869.

Gerade die Bereitschaft für Leiden und Tod befähigt den Christen zu wahrem Lebensgenuss. Wessen Herz bereit ist, dem schmecken die Freuden dieses Lebens nie lieblicher, als wenn er sie mit Todes- und Ewigkeitsgedanken würzt. Die Aussicht, dass die irdischen Freuden ihm einst genommen werden, macht ihm nicht mehr Kummer, als wenn jemand, der bei einem Festmahl sitzt, sieht, dass der erste Gang, nachdem er sich an ihm zur Genüge erlabt hat, abgetragen wird, um dem zweiten, noch köstlicheren, Platz zu machen. David freute sich an Gottes Tisch (V. 5) und war zum Gang durchs finstere Tal bereit (V. 4). Und war Petrus nicht ein Mann, der wahrhaft das Leben genoss, da er so friedlich im Gefängnis (keinem begehrenswerten Orte!) schlafen konnte, gebunden zwischen zwei Kriegsknechten, und das in der Nacht, ehe Herodes ihn hinrichten wollte? Nicht gerade eine geeignete Zeit, sollte man denken, um eine gute Nachtruhe zu erwarten! Und doch schläft er so fest, dass der Engel, der ihn aus dem Kerker zu führen gesandt ist, ihn an die Seite schlagen muss, um ihn zu wecken! (Apg. 12,6 f.) Ich bezweifle, dass Herodes selber in jener Nacht so gut geschlafen habe, wie dieser sein Gefangener. Was für ein Schlaftrunk war es denn, der den Mann Gottes zu so süßem Schlummer gebracht hatte? Ohne Zweifel das Evangelium des Friedens. Er war zum Sterben bereit, darum konnte er schlafen. Warum sollte die drohende Hinrichtung seine letzte Nachtruhe in dieser Welt stören, da sie ihn doch nur zu der ewigen Ruhe in der andern Welt einführen konnte? William Gurnall † 1679.

V. 5. Nxfl:$u ist der Esstisch mit den Speisen, Jes. 21,5 . Übergang zum Bilde eines gütigen Gastgebers, der zugleich so mächtig schirmt, dass seine Gäste die Freuden, die er bietet, sorglos genießen können. Lic. H. Keßler 1899.

Gott ist beim Segnen seiner Knechte durchaus unabhängig von den gottlosen Menschen. Diese mögen sich darüber ärgern und es zu vereiteln suchen, so ist doch ihre Wut viel zu ohnmächtig Gottes Rat und Wohlgefallen zu hindern. Ein Tropfen Wasser löscht kein Feuer. Obadiah Sedgwick † 1658.

Ich habe dem Papst viel zu schaffen gemacht, dieweil ich mein Torgauer Bier trank. Martin Luther † 1546.

Im Angesicht meiner Feinde, so dass sie es sehen und vor Neid und Ingrimm fast vergehen, ohne es hindern zu können. Mt. Polus † 1679.

Im Morgenland ist es Sitte, dass man Gäste, die man ehren will, mit kostbaren wohlriechenden Ölen salbt und ihnen einen Becher auserlesenen Weines reicht, den man mit Bedacht bis zum Überfließen gefüllt hat. Das erstere soll ein Zeichen der Liebe und Hochachtung sein, das andere andeuten, dass der Gast, solange er im Hause weile, an allem Überfluss haben solle. Samuel Burder 1812.

Eine englische Dame besuchte ein arabisches Schiff, das bei Trincomali auf Ceylon angelegt hatte, um sich die Ausrüstung des Schiffes anzusehen und einige kleine Einkäufe zu machen. Als sie eine Weile in der Kajüte gesessen hatte, kam eine Araberin und goss ihr wohlriechendes Öl auf das Haupt. Joseph Roberts 1835.

Du hast die Erweisungen deiner Güte nicht auf die notwendigen Dinge des Lebens beschränkt, sondern du hast mich auch mit den Annehmlichkeiten des Lebens, ja mit Überfluss überschüttet. Erklärung schwieriger Psalmstellen 1831.

Die Balsamwürzen Ägyptens mögen unsere Leiber vor der Verwesung schützen und ihnen eine jahrtausendelange Erhaltung in dem düstern Grabesdunkel sichern; aber das köstlich duftende Öl deiner Gnade, Herr, das du in geheimnisvoller Weise auf unsere Seelen träufelst, schmückt sie, stärkt sie und legt in sie den Keim der Unsterblichkeit und sichert sie so nicht nur vor zeitweiligem Verderben, sondern erhebt sie aus diesem Haus der Knechtschaft in die ewige Seligkeit an deinem Herzen. Jean Baptiste Massillon † 1742.

Mein Becher fließt über. David hatte nicht nur die Fülle, sondern Überfluss. Solche, die dies Glück genießen, müssen ihren Becher sorgsam in der Hand tragen und zusehen, dass sein Überfluss nicht auf die Erde verschüttet werde, sondern in die weniger vollen Gefäße ihrer ärmeren Brüder fließe. "Gebt, so wird euch gegeben", das ist ein Grundsatz, an dessen Richtigkeit wenige im Ernst glauben. John Trapp † 1669.

Mit dem vollgeschenkten Becher rühmt David seinen königlichen Reichtum, der ihm nach den Berichten der heiligen Schrift in ungewöhnlicher Fülle geschenkt war. Wenn Gott die Gläubigen reich macht, so bändigt er zu gleicher Zeit bei ihnen die zügellosen Begierden des Fleisches durch den Geist der Enthaltsamkeit. Wenn David sich auch in seinen Verhältnissen mit Recht mehr erlaubte, als wenn er einer aus dem gewöhnlichen Volke gewesen oder in der Väterlichen Hütte geblieben wäre, so hütete er sich doch bei allen reichen Genüssen, dass er nicht bloß sein Fleisch fütterte und fett machte: Er wusste den Tisch, den ihm der Herr bereitete, von einem Futtertrog zu unterscheiden. Jean Calvin † 1564.

Mein Becher ist hyfwfr:, bis zum Berauschen sättigende Fülle . (Vergl. die Übers. der Vulgata.) Von diesem Becher waren die Märtyrer trunken, die auf dem Wege zur Todesmarter weder ihr schluchzendes Weib, noch ihre Kinder, noch ihre andern Angehörigen und Freunde sahen und kannten (vergl. 5. Mose 33,9), aber von Dank und Freude überströmten und sprachen: Ich will den Kelch des Heils erheben (Ps. 116,13). Aurelius Augustinus † 430.

V. 6. Nur Glück und Gnade werden mir folgen usw., wörtlich: mich verfolgen, wie gute Geister an Stelle der Feinde; nur durch die Beziehung auf letztere erklärt sich der harte Ausdruck. Lic. H. Keßler 1899.

David sagt nicht, da sein Becher immer voll sein werde und sein Haupt immer mit Öl gesalbt, sondern er schließt nur im Allgemeinen, dass Gott, weil er unermüdlich ist, Gutes zu tun, auch bis ans Ende wohltätig gegen ihn sein werde. Jean Calvin † 1564.

Und werde wohnen im Hause des Herrn immerdar. Dieser Schluss zeigt deutlich, dass David durchaus nicht bei den irdischen Vergnügungen und Annehmlichkeiten stehen bleibt, sondern dass der Himmel sein Ziel ist, auf das er alles bezieht. Jean Calvin † 1564.

Auch ein gottloser Mensch mag etwa in Gottes Haus einkehren, ein Gebet sprechen usw., der Prophet aber will dort bleiben immerdar. Seine Seele kniet allezeit am Thron der Gnade und bringt dort Anbetung, Dank und Bitte dar. William Fenner † 1640.

Dass wir im Hause des Herrn bleiben werden immerdar, das sollte sowohl die höchste aller unsrer Zukunftshoffnungen sein, als die eine große Lektion, die uns die Wechsel des Lebens lehren. Sorgen und Freuden, Wanderschaft und Ruhe, die zeitweiligen Erquickungszeiten und die immer wiederkehrenden Kämpfe, all dies soll uns gewiss machen, dass es ein Ende gibt, das allen den Erdenwechseln die rechte Auslegung geben wird, worauf uns diese alle hinweisen und wozu sie uns bereiten sollen. Der Tisch wird uns hier schon in der Wüste gedeckt: Aber das Beste kommt noch in Gottes Haus. Es ist, als wenn der Sohn eines großen Königs aus fremden Landen in das Reich seines Vaters heimkehrt und auf jedem Haltepunkt seiner Reise nach der Residenz durch herrliche Festlichkeiten und durch Gesandte des Thrones willkommen geheißen wird, bis er endlich das heimatliche Königsschloss betritt, wo er das Reisegewand beiseite legt und sich mit seinem Vater an der königlichen Tafel niedersetzt. Alexander Maclaren 1863.

Durch alle die reichen Gnadenerweisungen, womit der Herr ihn überschüttet hatte (V. 1-5), kam David zu der Überzeugung, dass Gottes Huld gegen ihn ewig währen werde (V. 6). William Perkins † 1602.

Homiletische Winke

V. 1. Man führe das Bild vom Hirten und den Schafen im Einzelnen aus. (Vergl. Joh. 10,11-16. 27-29 .) Der Hirt regiert, führt, weidet und beschützt die Schafe. Diese folgen ihm nach, gehorchen seiner Stimme, lieben ihn und vertrauen ihm. Man lege prüfend die Frage vor, ob wir zu den Schafen gehören, und schildere das endliche Los der Böcke, die jetzt noch mit den Schafen zusammen weiden.
V. 1b. Der Glückliche, der für Zeit und Ewigkeit allem Mangel entrückt ist.
V. 2a. Die Ruhe des Glaubens. 1) Sie kommt von Gott: Er lässt mich lagern. 2) Sie ist tief: Er lässt mich lagern. 3) Sie gibt volle Befriedigung: auf saftig grünen Auen. 4) Sie veranlasst zu stetem Lobpreis.
Die Nährkraft und der Wohlgeschmack des Wortes Gottes. (Auen saftig grünen Grases, Grundt.)
V. 2. Geistliche Nahrung und Erquickung, beides uns vom Herrn in seinem Wort dargeboten.
V. 2b. Vorwärts ! Der Führer, der Weg, die Erquickungen des Weges, der Wanderer. (Zu den Erquickungen gehört beides, die Lieblichkeit des Weges und die gute Weide.)
V. 3. Freundliche Erquickung und heilige (darum sichere) Leitung. Der göttliche Beweggrund zu beidem.
V. 3-4. Die selige Stille im gläubigen Herzen (Joh. 14,27). 1) Er erquickt. 2) Er führt a) auf rechter Straße b) um seines Namens willen. 3) Er ist nahe auch im finstern Tal.
V. 4. Gottes Gnadennähe der einzig sichere Halt im Tode.
Leben im Tode und Licht im Dunkel.
Die gottselige Ruhe des Gläubigen im Sterben.
V. 4c. Gottes Stecken und Stab, als Zeichen seiner Leitung, der Trost derer, die Gott gehorsam sind.
V. 5. Der gottgewirkte Trutz des Glaubens, die Salbung mit dem Öl der Freuden, die fürstliche Bewirtung.
V. 5c. Zeiten überströmender Gnade und welche Pflichten sie uns auferlegen.
V. 6a. Das Glück des in Gott Zufriedenen.
V. 6. Auf dem Wege und daheim, oder: Himmlische Begleiter und himmlische Wohnungen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2359
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps24

Beitragvon Jörg » 07.09.2019 12:18

PSALM 24 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Ein Psalm Davids. Obwohl uns die Überschrift nichts sagt, als wer der Verfasser des Psalms gewesen ist, so ist doch gerade dies uns von Interesse, indem es uns anleitet, zu beachten, in welcher Mannigfaltigkeit der Geist Gottes auf das Gemüt des großen Sängers Israels einwirkte, so dass dieser in Psalm 22 seiner Harfe jene überwältigend traurigen Töne entlocken, in Psalm 23 eine so liebliche, friedevolle Weise anstimmen und dann diesen majestätischen Jubelpsalm dichten konnte. Wir vermögen sehr vielseitige Aufgaben zu erfüllen, wenn der Herr in uns und durch uns wirkt.
Wir halten es mit vielen Auslegern für wahrscheinlich, dass David diesen Psalm gedichtet habe, damit er an dem frohen Tage gesungen werde, da die Bundeslade aus dem Hause Obed-Edoms in das auf Zion erbaute Zelt gebracht wurde. Die Worte passen gar wohl zu dem heiligen Freudentanz, mit welchem David bei diesem hochfestlichen Anlass dem Volke voranging. Der Blick des Psalmsängers war jedoch, über das vorbildliche Hinaufziehen der Bundeslade hinaus, auf die glorreiche Himmelfahrt des Königs der Ehren gerichtet.1

Inhalt und Einteilung


Der mit Psalm 15 verwandte Psalm preist zuerst den wahren Gott und singt von seiner Allmacht und Weltherrschaft; er beschreibt sodann das wahre Israel, das mit Gott trauter Gemeinschaft pflegen darf; er schildert endlich den Gott Israels als den wahren Helfer und Erlöser, der die Seinen von der Erde emporzieht und ihnen die Tore der himmlischen Herrlichkeit auftut, weshalb dieser Psalm schon von den Kirchenvätern als Himmelfahrtspsalm angesehen worden ist.

Auslegung

1. Die Erde ist des Herrn und was drinnen ist;
der Erdboden und was drauf wohnt.
2. Denn Er hat ihn an die Meere gegründet
und an den Wassern bereitet.


1. Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle, d. h. alles, was auf ihr und in ihr ist, alle Erdenkreatur, der Erdkreis und die darauf wohnen. (Wörtl.) Wie sehr verschieden ist doch diese Gotteserkenntnis von der unwissenden Meinung der Heiden, dass jedem Gott nur das Land gehöre, in dem er verehrt werde, aber auch von dem Aberglauben der Juden zur Zeit Christi, die das Wort, dass das heilige Land das Eigentum Jahwes sei, in sehr fleischlichem Sinn auffassten und dachten, nur der Same Abrahams sei Gottes Volk. David, der größte König, den sie je gehabt hatten, hatte sie schon lange zuvor unterwiesen: Nein, sagt er, die ganze Erde gehört Jahwe, und alle, die darauf wohnen, sind seine Untertanen. Wenn wir bedenken, wie sehr das jüdische Volk zur Zeit Christi von religiöser Selbstüberschätzung erfüllt war und wie sie im Zorn entbrannten, als der Herr ihnen sagte, dass viele Witwen in Israel gewesen seien zu Elias Zeiten und der Prophet doch zu deren keiner gesandt worden sei als allein zu der heidnischen Witwe zu Sarepta, und dass viele Aussätzige in Israel gewesen seien zu des Propheten Elisa Zeiten und doch deren keiner gereinigt worden sei als allein Naeman aus Syrien; - wenn wir uns ferner erinnern, welcher Ingrimm die Juden erfasste, als Paulus ihnen eröffnete, dass er sich göttlichem Auftrag gemäß zu den Heiden wende, so staunen wir, dass sie in solcher Blindheit verharrten, trotzdem sie diesen Psalm so oft, ja nach einer zusätzlichen Überschrift der LXX und nach andern jüdischen Überlieferungen an jedem ersten Wochentag sangen. Dies Wort zeigt ja so klar, dass Gott nicht allein der Juden, sondern auch der Heiden Gott ist. Wie schlägt es aber auch jene eingebildeten Leute unserer Tage, die z. B. die Schwarzafrikaner für eine schlechte und verächtliche Menschenrasse halten, um die Gott sich nicht kümmere. Aber wer immer Mensch ist, den beansprucht Gott als sein Eigentum: Wer darf es wagen, ihn als ein bloßes Stück Ware zu behandeln? Jesus Christus hat vollends der Sonderstellung der Nationen ein Ende gemacht. Vor Gott gilt nicht Rasse noch Geschlecht noch Stand, sondern nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.
Der Mensch lebt auf der Erde und verteilt seine Scholle unter seine Scheinkönige und Herrscher; aber die Erde gehört nicht dem Menschen. Er ist nur ein Pächter, dem der Eigentümer zu jeder Zeit kündigen kann; sein vermeintlicher Besitz ist durchaus unsicher, er kann jederzeit davon vertrieben werden. Das Schloss des großen Grundeigentümers ist droben über den Wolken und er hat für die stolzen Eigentumsurkunden der Würmer des Staubes nur ein Lächeln. Ein unumschränktes, ewiges Besitzrecht hat weder der Bauer noch der adelige Gutsherr, sondern einzig der Schöpfer. Sein ist die Erde und ihre Fülle, all der Reichtum an Tieren und Pflanzen und mineralischen Schätzen, die sich auf und in ihr finden. Gott hat dem Menschen Macht gegeben, sich diese Fülle zunutze zu machen und sie sogar mit geschickter Hand zu mehren. Aber alles ist des Herrn, das Feld und seine Frucht, die Erde und alle ihre Wunder. Und wir sehen einer Zeit entgegen, wo die Erde eine noch größere und edlere Fülle tragen wird, wenn die zu Gott geschaffene Welt im Tausendjährigen Reich ihrer Bestimmung entgegengeführt sein wird. Dann wird es herrlich in Erscheinung treten, dass die Erde des Herrn ist und was sie erfüllt. Diese Worte stehen jetzt an der großen Londoner Börse; einst werden sie in leuchtender Schrift am Firmament zu lesen sein.
Das Wort Erdboden oder Erdkreis im folgenden Versglied bezeichnet im Grundtext die Erde als fruchtbare und bebaute, also die bewohnten Teile der Erde, wo Jahwe in besonderer Weise als Herrscher anerkannt werden sollte. Ihm, der über die Fische im Meer und die Vögel in der Luft herrscht, sollte der Mensch, sein edelstes Geschöpf, die Huldigung nicht verweigern. Jahwe ist der Allherr, alle Völker stehen unter seinem Zepter. Er ist der wahre "Selbstherrscher" über alle Nationen; die Kaiser und Zaren sind nur seine leibeigenen Knechte. Der Mensch gehört nicht sich selbst, noch darf er Herz und Hand und Leib und Leben sein eigen nennen. Wir sind Jahwes rechtmäßige Knechte. Dies gilt zwiefach von denen, die durch ihn ein neues, himmlisches Leben empfangen haben. Weder Welt noch Satan haben einen Anspruch auf uns, sondern durch unsere Erschaffung wie durch unsere Erlösung sind wir das Eigentum des Herrn.
Paulus benutzt diesen Vers 1. Kor. 10,26 um zu zeigen, dass keine Speise unrein und nichts Geschaffenes ein Eigentum der erdichteten falschen Götter sei. Alles gehört Gott: Auf der Natur liegt kein Bann, nichts ist gemein oder unrein, was mit Danksagung genossen wird. Die Welt ist Gottes Welt und was auf dem Fleischmarkt feilgeboten wird, ist dadurch, dass es meines Vaters ist, geheiligt, so dass ich es ohne Gewissensbedenken genießen darf.

2. Der zweite Vers gibt den Grund an, warum die Erde Gott gehört: Er ist ihr Schöpfer. Das begründet ein unbestreitbares Besitzrecht. Denn er hat sie über Meeren gegründet und auf Strömen stellte er sie fest. (Grundtext) (Unter den Strömen verstehen hier manche die Meeresströmungen, vergl. Jona 2,4.) Gott ist es, der einst die Erde aus dem Meer hat hervortreten lassen (1. Mose 1,9), und er erhält sie in dieser Lage, so dass das Festland vor den Fluten bewahrt wird, die es sonst sofort, wie in den Tagen Noahs, verschlingen würden. Erschaffung und Vorsehung sind die beiden rechtsgültigen Siegel auf die Besitzurkunde des erhabenen Eigentümers aller Dinge. Der das Haus gebaut hat und seine Fundamente aufrecht hält, hat unbestreitbar das erste Recht darauf. Aber lasst uns auch beachten, auf welch unsicheren Grundlagen alle irdischen Dinge ruhen: Gegründet auf Meeren, befestigt auf Strömen! Der Christ weiß, gottlob, von einer andern Welt, nach der er ausschauen darf, und baut seine Hoffnungen auf eine festere Grundlage, als diese armselige Welt hat. Wer auf die Dinge dieser vergänglichen Welt sein Vertrauen setzt, baut aufs Wasser; wir aber haben durch Gottes Gnade unsre Hoffnung auf den ewigen Fels gegründet. Wir stützen uns auf die Verheißungen des unwandelbaren Gottes und verlassen uns auf die Beständigkeit unseres getreuen Heilands. Ihr armen Kinder dieser Welt, die ihr die Burgen eurer Zuversicht, die Paläste eures Reichtums und die Schlösser eurer Lust auf die Meere erbaut und auf die Ströme befestigt habt, wie bald werden eure fundamentlosen Bauten gleich Schaum auf dem Wasser vergehen! Der Sand ist trügerisch genug: Was aber soll man von dem noch weit unsteteren Meere sagen?

Fußnote
1. Siehe hierzu die Erläuterungen und Kernworte S. 451 f
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2359
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps24

Beitragvon Jörg » 10.09.2019 15:07

3. Wer wird auf des Herrn Berg gehen?
und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte?
4. Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist;
der nicht Lust hat zu loser Lehre
und schwört nicht fälschlich:
5. Der wird den Segen vom Herrn empfangen
und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.
6. Das ist das Geschlecht, das nach ihm fraget,
das da suchet dein Antlitz, Gott Jakobs. Sela.

In diesen Versen haben wir eine Beschreibung des wahren Israel. Die gewürdigt werden, als Edelknappen im Palast des himmlischen Königs zu stehen, zeichnen sich nicht durch blaues Blut, sondern durch den Adel ihres Charakters aus. Es sind weder ausschließlich Juden noch ausschließlich Heiden noch irgendein besonderer Zweig der Menschheit, sondern eine aus allen Völkern erlesene Schar solcher, die geheiligt und tauglich gemacht sind, auf des Herrn heiligem Berg zu wohnen.

3. Wer wird (oder darf) auf des Herrn Berg gehen? Um zu seinem Schöpfer zu gelangen, muss das Geschöpf hoch emporklimmen. Wo findet sich der kühne Bergsteiger, der diese schwindligen Höhen erklimmen kann? Und es handelt sich nicht nur um unersteigbare Höhen, sondern auch um eine dem Sünder unerträgliche Herrlichkeit. Wessen Auge wird den König in seiner Schönheit sehen und in seinem Heiligtum wohnen? Im Himmel thront Jahwe im höchsten Glanz seiner Herrlichkeit: Wer wird es wagen dürfen, seiner Majestät zu nahen? Nur die auserwählte Schar der Erlösten des Herrn wird die einzigartige Ehre haben, bei ihm in seinem himmlischen Palast zu weilen. Diese hochadligen Seelen sind voll Verlangens, mit Gott Gemeinschaft zu haben, und ihr Herzenswunsch wird ihnen gewährt werden. Das zweite Versglied wiederholt die feierliche Frage in anderer Form. Wer wird dort, an seiner heiligen Stätte, stehen können und dürfen? Wer wird dem Heiligen ins Antlitz schauen, wer die Feuerflammen seiner Herrlichkeit ertragen? Auf Grund des Gesetzes kann wahrlich niemand mit Gott vertrauten Umgang haben; aber die Gnade vermag uns tüchtig zu machen, Gott ins Auge zu blicken und seine Gegenwart zu ertragen. Die Frage, die unser Text aufwirft, sollte jeder mit Bezug auf sich selbst an Gott richten und nicht ruhen, bis er eine gnädige Antwort erhalten hat. In sorgfältiger Selbstprüfung lasst uns fragen: Herr, bin ich’s?

4. Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist. Heiligkeit in Handel und Wandel ist ein köstliches Zeichen des Gnadenstandes. Mit Pilatus seine Hände in Wasser waschen, heißt nichts; aber sie in Unschuld waschen, das ist von höchster Wichtigkeit. Es ist zu befürchten, dass manche die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben so verkehren, dass sie die guten Werke verächtlich beiseite setzen; wer das tut, wird an jenem großen Tage ewige Verachtung zum Lohn haben. Es ist nichts als blauer Dunst, von innern Erfahrungen zu schwatzen, wenn das tägliche Leben nicht von Unreinigkeit, Unredlichkeit, Gewalttätigkeit und Bedrückung frei ist. Die zu Gott nahen wollen, müssen reine Hände haben. Welcher Fürst möchte sich wohl von Dienern, die schmutzige Hände haben, an der Tafel aufwarten lassen? Israeliten, die nach dem Zeremonialgesetz unrein waren, durften nicht in das Haus Gottes gehen, das doch mit Händen gemacht war: Wie viel weniger wird es solchen, an denen sittlicher Makel klebt, gestattet sein, geistliche Gemeinschaft mit dem heiligen Gott zu genießen? Sind unsere Hände von Schuld befleckt, so lasst uns sie jetzt, in der Zeit der Gnade, waschen in dem Born des Heils, in dem teuren Blut Christi, damit wir beim Gebet heilige Hände (1. Tim. 2,8) zu Gott aufheben können. Aber es würde nicht genügen, wenn unsere Hände nur rein wären und wir sie nicht auf ein reines Herz legen könnten. Echte Frömmigkeit ist Herzenssache. Wir mögen die Becher und Schüsseln auswendig waschen, solange wir wollen; bleibt die Innenseite schmutzig, so sind wir selber durch und durch unsauber in Gottes Augen; denn unsere Herzen sind ein viel wesentlicherer Teil unseres Ich als unsere Hände. Diese mögen wir verlieren und dennoch am Leben bleiben; aber Herz und Leben sind unzertrennlich. Unser wahres Leben liegt im innern Menschen, darum ist Herzensreinheit eine unumgängliche Notwendigkeit. Die innersten Falten des Herzens müssen ebenso sehr die reinigende Kraft der Gnade erfahren, wie die innere Fläche unserer Hände rein sein muss; sonst ist unsere Frömmigkeit ein Trug. Gebe Gott, dass unsere verborgensten Triebe und Kräfte durch die heiligende Kraft des Geistes entsündigt werden, damit wir die Heiligkeit lieben und alle Sünde verabscheuen. Die reines Herzens sind, werden Gott schauen: Alle andern sind Nachtvögel, die das Licht nicht erfragen können. Stockblind zu werden ist das Los derer, die ihre Herzen verstocken. Schmutz im Herzen wirft Staub in die Augen.
Der seine Seele nicht zum Nichtigen erhebt (wörtl.), d. h. nicht sein Begehren darauf richtet.2 Unsre Seele muss davon frei werden, an den niedrigen Tändeleien der Erde Ergötzen zu finden. Der Mensch, der für den Himmel geboren ist, hat nicht Lust zum Eiteln. Jedermann hat seine Freuden, auf die sein Dichten und Trachten geht. Der Weltmensch richtet sein Verlangen auf fleischliche Ergötzungen, die nichts als leere Eitelkeiten sind; wer aber Ewigkeitsleben in sich trägt, begehrt kräftigere Speise. Wer mit den Trebern3 zufrieden ist, wird zu den Schweinen gerechnet. Wenn wir an den Brüsten der Welt unser Labsal suchen, erweisen wir uns damit als ihre Kinder. Findest du in dem, was die Welt dir bietet, Befriedigung? Dann hast du deinen Lohn und dein Teil in diesem Leben; dann genieße es aber auch, so gut du kannst, denn es ist das einzige, was du an Freude je erleben wirst!
Und schwöret nicht fälschlich. Der Gottesfürchtige ist ein Ehrenmann und bleibt es unter allen Umständen. Dem Christenmenschen ist sein Ja der einzige Schwur; aber dieser ist so gut wie zwanzig Eide anderer Leute. Unwahrhaftigkeit schließt jedermann, er sei, wer er wolle, vom Himmel aus; denn kein Lügner wird in Gottes Reich eingehen, wie fromm auch sein äußerliches Bekenntnis oder Gebaren sein möge. Gott wird mit Lügnern nie etwas zu schaffen haben, außer dass er sie einst in den Feuerpfuhl werfen wird (Off. 21,8) Jeder Lügner ist ein Teufelskind und wird zu seinem Vater heimgeschickt werden. Falsche Anklagen, betrügerische Zeugenaussagen, gefärbte Berichte, endlich Verleumdungen und Lügen, - alle diese Dinge mögen für die Gesellschaft der Gottlosen passen; von Gottes Kindern werden sie verabscheut. Wie könnten diese mit dem Gott der Wahrheit Gemeinschaft haben, wenn sie nicht alles Falsche hassten?

5. Es wäre aber ganz irrig zu meinen, dass die Leute, welche im vierten Vers nach ihrer inneren und äußern Heiligkeit beschrieben sind, durch das Verdienst ihrer Werke des V. 3 genannten Vorrechts teilhaftig werden: Vielmehr sind ihre Werke die Wahrzeichen, woran man sie erkennen kann. Der jetzt uns vorliegende Vers zeigt, dass in den wahren Heiligen die Gnade, und die Gnade allein, regiert. Sie tragen den Rock des himmlischen Königs, aber weil der König sie aus freier Liebe damit bekleidet hat. Der echte Christ ist mit dem hochzeitlichen Kleid (Mt. 22,11) geschmückt: Aber er bekennt frei, dass der reiche Festgeber es ihm verliehen hat, ohne Geld und umsonst. Der wird den Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils. So bedürfen also auch diese in V. 4 genannten heiligen Leute des Heils; sie empfangen die Gerechtigkeit und der Segen, der auf ihnen ruht, ist ein Geschenk Gottes, ihres Heilandes. Sie gehen auf des Herrn Berg nicht als Leute, die Gott etwas zu bringen haben, sondern als solche, die alles von ihm zu empfangen erwarten: Sie sind nicht mit ihren Verdiensten geschmückt, sondern mit einer Gerechtigkeit, die sie geschenkt erhalten haben. Ein Leben in Heiligkeit und Gerechtigkeit sichert uns Segen zu als den Lohn des dreimalheiligen Gottes: Aber dies heilige Leben ist selbst ein Segen, der aus der freien Gnade Gottes stammt und eine Frucht der Arbeit des heiligen Geistes am Menschenherzen ist. Erst gibt Gott uns gute Werke, dann belohnt er uns für sie. Die Gnade wird dadurch, dass Gott Heiligkeit fordert, nicht verdunkelt; vielmehr erweist sie sich gerade darin in ihrer Herrlichkeit, dass wir wahrnehmen, wie sie den Menschen mit köstlichem Schmuck ziert und mit feinem weißem Leinen bekleidet.

6. Das ist das Geschlecht, das nach ihm fraget, das da suchet dein Antlitz, - Jakob.4 Sie sind das wahre Gottesvolk, der rechtmäßige Same. Doch ist es für den Standpunkt der Gläubigen im alten Bunde bezeichnend, dass diese als solche dargestellt werden, die nach Gott fragen, d. i., deren Geist nach Gott ringt, ihn mit herzlichem Verlangen sucht (darasch). Man vergleiche, wie der Apostel bei der Anführung von Jes. 64,3 in 1. Kor. 2,9 das alttestamentliche "die auf ihn harren" nach dem Geist des neuen Bundes sinnig umwandelt in: "die ihn lieben". Aus unserm Psalmwort ersehen wir aber, dass solche, die aufrichtig nach Gott fragen, in Gottes Augen wert geachtet sind und in das Geschlechtsregister seines Volks eingetragen werden. Hat schon das Suchen des Herrn einen so starken sittlichen Einfluss (V. 4), welche heiligende Macht muss dann im Finden des Herrn liegen! - Das Antlitz des Herrn suchen heißt, Gemeinschaft mit dem Herrn begehren. O dass wir immer mehr darnach hungerten und dürsteten, das Angesicht des Herrn in seiner ganzen Herrlichkeit zu schauen! Das wird uns antreiben, uns von aller Unsauberkeit zu reinigen und vorsichtig zu wandeln. Wer seinen Freund sehen will, wenn er vorbeikommt, ist darauf bedacht, die beschlagenen Fensterscheiben zu putzen, es möchte sonst sein Freund vorübergehen, ohne dass er ihn bemerkt. Wirklich erweckte Seelen suchen den Herrn mehr als alles andre. Und da dies nicht die gewöhnliche Art der Menschen ist, bilden sie ein Geschlecht für sich, ein Volk, das von den Menschen verachtet, von Gott aber geliebt wird.
Dieser erste Teil des Psalms geht mit dem maßlosen Selbstruhm jener Juden ins Gericht, die sich als die Günstlinge des Himmels gebärdeten. Ihnen wird ins Gewissen gerufen, dass der Gott Israels der Gott der ganzen Erde ist und dass er der Heilige ist und nur solche, die in der Heiligung stehen, zu sich nahen lassen wird. Mögen solche, deren Bekenntnis nur ein äußerliches ist, beim Lesen dieser Verse der Stimme Gehör schenken, die da spricht: Ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen.
Sela. Stimmt die Harfe, erhebt eure Stimme, denn ein hochedler Gesang kommt jetzt an die Reihe, ein Lied von dem Freund unserer Seele.

Fußnoten
2. Vergl. 25,1 im Hebr. An Luthers Übersetzung ist nur die willkürliche Begrenzung auf die Lehre zu bemängeln. Andere (Schnitz, Kautzsch u.) fassen )w:$f hier in der oft vorkommenden engeren Bedeutung Lüge, Falschheit. Das Keri "meine Seele" erscheint unbrauchbar.

3. Spurgeon sagt Hülsen, in Anspielung auf Lk. 15,16, wo die engl. Bibel dieses Wort braucht. Allerdings ist an jener Stelle nicht an leere Hülsen, sondern wohl an die fleischigen Hülsen des Johannesbrotbaums zu denken.

4. In unsern hebräischen Bibeln steht nur: Jakob. Die revid. Lutherbibel schiebt nach dem Vorgang der LXX. und vieler Ausleger "Gott" ein (vergl. 20,2), und dieses Wort findet sich in der Tat in zwei hebr. Handschriften. Doch halten es viele Ausleger für einen Zusatz und übersetzen: (Das ist) Jakob, d. h. das wahre Gottesvolk. Luther selbst hat ebenfalls stets nur: Jakob.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2359
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps24

Beitragvon Jörg » 14.09.2019 12:06

7. Machet die Tore weit .
und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe!
8. Wer ist derselbige König der Ehren?
Es ist der Herr, stark und mächtig,
der Herr, mächtig im Streit.
9. Macht die Tore weit
und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe!
10. Wer ist derselbige König der Ehren?
Es ist der Herr Zebaoth,
Er ist der König der Ehren. Sela.

7. Dieser zweite Teil des Psalms enthüllt vor unsern Blicken unsern großen Stellvertreter, dessen Persönlichkeit vollkommen den göttlichen Anforderungen entspricht und der darum kraft seiner eigenen Würdigkeit zur heiligen Höhe des himmlischen Zion aufgestiegen ist. Unser Herr Jesus konnte auf den Berg des Herrn gehen, weil er unschuldiger Hände und reines Herzens war, und wenn wir durch den Glauben ihm gleich gestaltet werden, so wird sich auch uns das Himmelstor öffnen. Wir finden in diesen Versen ein Bild der glorreichen Himmelfahrt unseres Herrn.5 Wir sehen ihn mitten aus der kleinen Schar der Jünger dort auf dem Ölberg zur Höhe auffahren und nachdem die Wolken ihn von unsern Blicken hinweggenommen, geleiten ihn die Engel ehrfurchtsvoll zu den Pforten des Himmels.
Die uralten Pforten des erhabenen himmlischen Tempels 6 werden hier personifiziert und von der den Herrn begleitenden Schar seliger Geister im Liede angeredet. Es wird ihnen zugerufen: Erhebt, ihr Tore, eure Häupter (d. h. eure Oberschwellen), und erhöhet euch, ihr uralten Pforten (Grundtext), - als ob sie bei all ihrer Herrlichkeit und erhabenen Größe doch nicht groß genug wären, da der Herr der Herrlichkeit nun durch sie einziehen will. Möge alle Kreatur ihr Äußerstes tun, einen solch erlauchten Fürsten zu ehren. Er, der jetzt, unmittelbar von Kreuz und Grab, durch die Tore des himmlischen Jerusalem einzieht, ist höher denn die Himmel: Die Perlentore der obern Gottesstadt sind, so uralt und so erhaben sie sind, doch sein nicht würdig, vor dem selbst die Himmel nicht rein sind und der selbst seine Engel des Irrtums anklagt (Hiob 15,15; 4,18). Darum auf, macht euch weit, ihr Tore, dass der König der Ehren einziehe!

8. Die Wächter an dem Tore hören den Gesang der heranziehenden Scharen; sie schauen über die heiligen Zinnen und fragen: Wer ist der König der Ehren? Diese Frage ist voll der tiefsten Bedeutung und des Nachsinnens in Ewigkeit wert. Wer ist diese erhabene Persönlichkeit? Welcher Art ist seine Natur, sein Charakter, sein Amt und sein Werk? Welches ist sein Stammbaum? Welchen Rang bekleidet er und zu welcher Art von Wesen gehört er? In mächtiger Woge himmlischer Musik braust die Antwort der Engelscharen daher: Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit. Wir kennen die Macht unseres Jesus von den Schlachten, die er geschlagen, und den Siegen, die er über Sünde, Tod und Hölle errungen hat, und wir jauchzen ihm zu, da wir sehen, wie er das Gefängnis gefangen führt (Eph. 4,8) in der Macht seiner Stärke. Ach, dass unsere Herzen fähig wären, würdig sein Lob zu singen! Du mächtiger Held, sei ewig erhoben! Wohl uns, dass du auf ewig gekrönt bist zum König aller Könige und Herrn aller Herren! (Off. 17,14)

9. Erhebet, ihr Tore, eure Häupter, und erhöhet euch, ihr Pforten der Urzeit, dass der König der Ehren einziehe. (Grundtext) Der Zuruf an die Tore wird wiederholt. Es gibt Zeiten tief ernster Empfindungen, in denen Wiederholungen nicht müßig, sondern voller Kraft sind. Man sagt, es sei im Orient nicht selten gewesen, dass man, um einem Gast zu zeigen, wie willkommen sein Einzug sei, die Türen aus den Angeln gehoben habe. Und manche Tore wurden, wie die Fallgitter unserer alten Stadttore, auf- und niedergezogen und hatten vielleicht oben einen Vorsprung, so dass sie buchstäblich ihre Häupter erhoben. Das Bild ist hochpoetisch und zeigt uns, wie weit die Tore des Himmels durch die Auffahrt unseres Erlösers geöffnet worden sind. Gott sei Dank, diese Tore sind seither nie geschlossen worden. Die offenen Türen des Himmels laden auch den schwächsten Gläubigen zum Eintritt ein.
Lieber Leser, du sagst vielleicht: Ich werde nie in Gottes Himmel eingehen, denn ich habe weder unschuldige Hände noch ein reines Herz. Ich bitte dich, blicke auf Jesus! Er hat den heiligen Berg des Herrn schon erstiegen und ist in das himmlische Heiligtum eingegangen als der Vorläufer (Hebr. 6,20) derer, die auf ihn ihr Vertrauen setzen. Folge seinen Fußstapfen nach (1. Petr. 2,21) und stütze dich auf seinen Verdienst. Er ist im Triumph gen Himmel gefahren und auch du sollst zu den Perlentoren einziehen, wenn du an ihn glaubst. Aber wie kann ich die Eigenschaften erlangen, die zum Himmel tauglich machen? Der heilige Geist wird sie dir geben. Er wird in dir ein neues, reines Herz schaffen. Der Glaube an Jesus ist das Werk des heiligen Geistes und dieser echte Glaube hat alle Tugenden als Keime in sich. Stehst du im Glauben, so bist du an dem Born des Heils: In ihm werden deine Hände und dein Herz rein und auch dein Mund wird entsündigt werden, dass er von Herzen die Wahrheit redet.

10. Der Schlussvers ist erhaben. Wer ist derselbige König der Ehren? Jahwe Zebaoth, der Herr der Heerscharen im Himmel und auf Erden, der Gebieter des Weltalls, Er ist der König der Ehren oder der Herrlichkeit. Alle wahre Herrlichkeit trifft wie in einem Brennspiegel in dem alleinwahren Gott zusammen; denn alle andere Herrlichkeit und Ehre ist nur ein vergängliches Schaugepränge, eine Pracht von Schminke und Dekoration, die nur eine Stunde währt. Der erhöhte Heiland ist das Haupt und die Krone des Weltalls, er ist der König der Ehren. Unserem Immanuel jauchzen die himmlischen Heerscharen zu und besingen sein Lob in den höchsten Tönen. Er, der einst verachtete Jesus von Nazareth, ist der Herr der Heerscharen: Denn ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Halleluja!

Fußnoten
5. Siehe hierzu die Erläuterungen u. Kernworte S. 451 f.

6. Hält man, entgegen der jetzt üblich gewordenen Auffassung, die Zusammengehörigkeit der beiden Teile des Psalms und die Abfassung des Ganzen durch David fest, so ist bei den uralten oder ewigen Pforten nicht an die des (erst später erbauten) Tempels, sondern an die altersgrauen Tore der Zions-Königsburg zu denken.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2359
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps24

Beitragvon Jörg » 17.09.2019 15:32

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Dieser Psalm wurde ohne Zweifel abwechselnd von Chören und Einzelstimmen gesungen. In der Verteilung der Rollen mögen wir uns irren, in der Sache selbst schwerlich. Wir denken uns, der Vorsänger, der in diesem Falle vermutlich der König selber war, habe begonnen mit dem feierlichen Rezitativ:

Jahwes ist die Erde und was sie füllt,
der Erdkreis und die darauf wohnen;
denn Er hat ihn auf Meere gegründet
und auf Fluten festgestellt.

Wahrscheinlich hat dann, nach der morgenländischen Sitte, der Chor der Sänger, ja vielleicht das ganze Volk (1. Chr. 15,28), diesen Gesang aufgenommen und unter Musikbegleitung, vielleicht auch in einander antwortenden Doppelchören, wiederholt, bis der feierliche Zug am Fuße des Zion angekommen war. Dann mag der König, während er vor allem Volk die ersten Schritte zur Höhe hinaufging, wieder in ernstem, feierlichem Tone begonnen haben:
Wer darf den Berg Jahwes betreten
und wer stehen an seiner heiligen Stätte?

Worauf der erste Chor antwortete:
Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist:
Wer nicht nach Eitlem trachtet
und nicht betrügerisch schwört.

Und alsbald fuhr der zweite Chor fort:
Der wird Segen von Jahwe empfangen
Und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.

Dieser zweite Teil des Gesanges mag gedauert haben, bis der Zug die alten Tore der Zionsburg erreicht hatte, worauf der Vorsänger mit erhobener Stimme wieder begann:
Erhebt, ihr Tore, eure Häupter!
Ja, erhöht euch, ihr uralten Pforten,
dass der König der Ehren einziehe!

Wir denken uns diese Worte vom Gesamtchor in gleicher Weise wie zuvor wiederholt. Darauf erschallt eine Stimme als von den Toren: Es sind die Wächter, die feierlich fragen:
Wer ist denn der König der Ehren?

Worauf der Chor antwortet:
Jahwe, gewaltig und ein Held,
Jahwe, ein Held im Kriege.

Der ganze Festzug wiederholt dann unter Leitung des Vorsängers die Aufforderung an die Tore:
Erhebt, ihr Tore, eure Häupter,
ja, erhöht euch, ihr uralten Pforten,
dass der König der Ehren einziehe!

Worauf diese wieder fragen:
Wer ist denn der König der Ehren?

Und die ganze Menge des Volks, unter fortwährender Steigerung der Musik, die Antwort gibt:
Jahwe der Heerscharen,
Er ist der König der Ehren!
Nach John Kitto † 1854.

Nach der LXX. und dem Talmud wurde dieser 24. Psalm am ersten Wochentag im Gottesdienst des (zweiten) Tempels gesungen, in Erinnerung an den ersten Schöpfungstag. Am 2. Wochentag wurde der 48., am 3. der 82., am 4. der 94., am 5. der 81., am 6. der 93. und am Sabbat der 92. gesungen. R. H. Ryland 1853.

V. 1. Die Erde ist des Herrn. Dieser Anfang des Psalms zeigt den Juden, dass sie in sich selbst nichts haben, was sie berechtigen könnte, Gott näher zu stehen oder vertrauter mit ihm umzugehen als die andern Völker. Gott ist es, der durch seine Vorsehung die von ihm erschaffene Welt erhält, und seine Herrschaft erstreckt sich in gleicher Weise über alle, so dass er ein Recht hat, von allen verehrt zu werden, wie er ja auch allen Menschen ohne Ausnahme seine väterliche Fürsorge angedeihen lässt. Jean Calvin † 1564.

Es wird uns berichtet, dass Chrysostomus († 407), als er sich durch seine scharfen Predigten den Zorn der Kaiserin Eudoxia zugezogen hatte, sich seinem Freund Cyriacus gegenüber ausgesprochen habe, wie er sich beizeiten innerlich darauf gerüstet habe, wenn die Kaiserin ihn etwa in die Verbannung schicken wolle. "Ich dachte, wenn sie mich nun verbannt? -- Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. Will sie mir mein Hab und Gut nehmen? -- Nackt bin ich von meiner Mutter Leibe kommen, nackt werde ich wieder dahinfahren (Hiob 1,21). Wenn sie mich aber steinigt? Da dachte ich an Stephanus. Will sie mich töten? Da trat mir Johannes der Täufer vor Augen." John Spencer † 1654.

Als Johann Mathesius (der älteste Biograph Luthers, Prediger zu Joachimstal in Böhmen, † 1565) durch seine Predigten einen großen Herrn so erzürnte, dass er ins Elend gejagt werden sollte, spricht seine Frau Sibylle zu ihm: "Sei getrost, lieber Hauswirt, ich will mit dir über Berg und Tal: Man wird uns unsers Herrgotts Boden nicht verbieten können, denn die Erde ist des Herrn und was drinnen ist . Er wird uns nach seiner Zusage nicht Waisen lassen, sondern ein Hüttlein und Unterschlupf geben." Der Zorn des großen Herrn ist auch wieder verraucht und Mathesius im Frieden in Joachimstal gestorben. -- Nach seiner Lebensbeschreibung von Balth. Mathesius 1705.

Katharina von Navarra, Schwester Heinrichs IV., durfte unverboten reformierten Gottesdienst halten lassen: Nur Psalmen zu singen war auch ihr untersagt -- war dies doch das eigentliche Zeichen des Abfalls vom katholischen Glauben. Kaum war sie nach Paris gekommen, am 6. Juni 1598 -- nach der Verkündigung des Edikts von Nantes --, so ließ sie im Louvre Gottesdienst halten. Zwei- bis dreitausend Personen wohnten ihm bei. "Brüder, aus dem Feuer gerissen, Trümmer der Bartholomäusnacht" singen in dem Palast, wo so viel evangelisches Blut geflossen war, den 24. Psalm: Die Erde ist des Herrn, und was darinnen ist. Felix Bovet 1872.

Auch Monika, die Mutter Augustins, hat diese Worte angewendet in ihrer Weise, als sie in Ostia, fiebernd und ihren baldigen Tod ahnend, ihrem wieder gefundenen Sohne, den sie nicht mehr sollte heimbegleiten dürfen nach Afrika, gebot, ihren Leichnam getrost an der europäischen Küste zu lassen und zu bestatten, denn "die Erde ist des Herrn, und was darinnen ist!" Er werde sie auch da zu finden wissen am Tage der Auferstehung. -- Und mit diesen Worten entließ Prof. Balthasar Schuppius als Professor zu Marburg nach der Zerstörung der Stadt im dreißigjährigen Kriege seine Theologiestudierenden, indem er unter sie gleichsam die europäischen Länder und See- und Reichsstädte verteilte; denn "Messieurs, die Erde ist des Herrn, und mir scheint, unser Herrgott habe mich zu einem Quartiermeister angenommen." Nach A. von Salis 1902.

Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt. Als David in seinen Jünglingsjahren die Herden seines Vaters auf Bethlehems fruchtbaren Weideplätzen hütete, kam der Geist des Herrn über ihn; das Ohr wurde ihm geöffnet und sein Verständnis erleuchtet, dass er die Gesänge der Nacht verstehen konnte. Die Himmel verkündigten die Ehre Gottes und die funkelnden Sterne antworteten dem Himmel im Chor; ihre harmonischen Weisen erfüllten die Luft und ihre vollen und doch so zarten Stimmen drangen bis an die Enden der Erde.
"Das Licht ist der Glanz des Ewigen", sang die untergehende Sonne. "Und ich bin der Saum seines Gewandes", antwortete das zarte, rosige Zwielicht. Die Wolken zogen sich zusammen und sagten: "Wir sind sein nächtliches Gezelt". Und die Wasser in den Wolken und die tiefe Stimme des Donners fielen ein und sangen im Chor: "Die Stimme des Ewigen ergehet über den Wassern, der Gott der Ehren donnert im Himmel, der Herr über großen Wassern" (Ps. 29,3).
"Auf meinen Fittichen schwebt Er einher", lispelte der Wind, und die sanft bewegte Luft fügte hinzu: "Ich bin Gottes Hauch, der Odem des gütigen Allnahen". "Ach, ich höre die Lobgesänge", sagte die ausgedörrte Erde, "alles um mich her ist ein Lobpreis: Ich allein bin traurig und schweige!" Da antwortete ihr der Tau: "Ich will dich laben, dass du frisch und fröhlich werden sollst und deine Kinder sollen blühen wie die Rosen". "Ja, fröhlich blühen wir", sangen die erquickten Fluren, und die Ähren beladenen Kornfelder wogten vor Freuden, indem sie sangen: "Wir sind Gottes Segen, das Streitheer des Herrn wider den Mangel".
"Wir preisen dich aus der Höhe", sagte der milde Mond. "Und auch wir benedeien dich", ergänzten die Sterne. Und der lustige Grashüpfer zirpte: "Auch mich hat er erquickt mit dem perlenden Tau". "Er stillte meinen Durst", sagte das Reh. "Und erfrischte mich", fiel der Hirsch ein. "Und versorgt uns mit Speise", sagten die Tiere des Waldes. "Und kleidet meine Lämmer mit weicher Wolle", fügte voll Dankes das Schaf hinzu.
"Er hörte mich", krächzte der Rabe, "da ich verlassen und einsam war." "Er hörte mich", sprach die wilde Ziege auf den Felsen, "da meine Zeit gekommen war und ich Junge gebar." Und die Turteltaube girrte, und die Schwalben und die andern Vöglein stimmten in den Lobgesang ein: "Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, da sie Junge hecken: Wir wohnen auf den Altären des Herrn und schlummern unter dem Schatten seiner Flügel in Ruhe und Frieden." "Und Frieden!", wiederholte die Nacht und das Echo nahm den Ton auf und ließ ihn immer wieder erschallen; -- da dämmerte es und der Hahn wachte auf und krähte fröhlich: "Öffnet die Tore, macht weit die Pforten, der König der Ehren naht! Erwacht, steht auf, ihr Menschenkinder! Lasst dem Herrn Dank und Preis erschallen, denn der König der Ehren naht!"
Da stieg die Sonne empor und David erwachte aus seiner Entzückung: Aber solang er lebte, klangen die melodischen Akkorde der Schöpfungsharmonien in seiner Seele nach und Tag um Tag entlockte er einer Harfe die süßen Töne, so gut er’s vermochte. -- Aus den Sagen des Talmud über die Gesänge der Nacht. D. F. A. Cox 1852.

Das fromme Gemüt sieht alle Dinge in ihrer Beziehung zu Gott und Gott in allen Dingen. Ingram Cobbin 1839.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast