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Ist man „judenfeindlich“, wenn man den Dispensationalismus ablehnt?


Von Hans-Werner Deppe



Einer der unschönsten Einwände, mit denen ich konfrontiert werde, ist der Vorwurf, ein Ablehnen des Dispensationalismus – und damit ein Zweifeln an einer künftigen Wiederherstellung des jüdischen Systems – sei letztlich judenfeindlich. Abgesehen davon, dass dieser Einwand nicht auf Schriftauslegung gründet, ist dies ein sehr eklatanter Vorwurf, den man nicht so stehen lassen möchte und auf den ich deshalb hier gesondert eingehe.

1. Die neutestamentliche Sicht
Als Christen sollen wir das jüdische Volk schätzen und lieben im Sinne von Römer 11,18 und wohlwollend die heilsgeschichtlichen Vorrechte dieses Volkes anerkennen, die z.B. in Joh 4,22; Röm 3,1-2 und 9,4-5 genannt sind. Die Existenz des Volkes Israel ist elementar für die Gemeinde, die stets aus Juden und Heiden gebaut wird (Römer 11,23-24). Andererseits dürfen wir auch nicht die Gerichtsworte über das nationale Israel ignorieren wie z.B. Mt 21,43; Mt 23 und 1Thes 2,16. Wenn wir diese zwei Seiten von Schriftaussagen ausgewogen sehen und weder über- noch unterbetont annehmen, sind wir weder mehr noch weniger „judenfeindlich“ als Christus und Paulus es waren.

2. Unparteiisch gegenüber dem Zionismus
Ich befürworte nicht den politischen Zionismus. Ich bin weder dagegen noch dafür, sondern möchte hier unparteiisch sein, so wie die „Wahrheit von oben“ unparteiisch ist (Jak 3,17). Dies gilt für den politischen Aspekt der Rückkehrbewegung der Juden ins „Heilige Land“. Aber auch was den geistlichen Aspekt betrifft, möchte ich mich aufgrund der Tatsache, dass wir als Christen „Himmelsbürger“ sind, nicht für die Auffassung einsetzen, die Juden hätten ein durch die Bibel begründetes Anrecht auf dieses Land. Ich möchte mich da heraushalten. Geistlicherweise brauchen die Juden Christus viel nötiger als das Land.

3. Anerkennung einer hohen, himmlischen Stellung alttestamentlicher Gläubiger
Wenn wir nun zu den geistlichen Rechten Israels kommen, müssen wir fragen, ob nicht vielmehr die Dispensationalisten die geistlichen Privilegien Israels schmälern, und zwar bezüglich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Zunächst zur Vergangenheit Israels: Dispensationalisten verkennen oft, dass alttestamentliche Gläubige eine ebenso hohe himmlische Heilshoffnung haben wie wir Christen der Jetztzeit. Alttestamentliche Gläubige waren nicht so irdisch orientiert, wie Dispensationalisten vielfach behaupten. Schon Abraham hat die künftige „Stadt“ erwartet, „die Grundlagen hat“ (Hebr 11,10) und auch die anderen alttestamentlichen Gläubigen erstrebten kein irdisches „Vaterland“, sondern ein „himmlisches“ (Hebr 11,13-16). Sie werden „nicht ohne uns“ denselben ewigen Segen erben wie wir (Hebr 11,40).

4. Anerkennung der Privilegien des Volkes Israel in der Jetztzeit
Das Heil, das jetzt im Evangelium verkündet wird, ist aus den Juden und gilt „den Juden zuerst“. Diese Tatsache wird von den Dispensationalisten dadurch geschmälert, dass sie die jetzige Heilszeit als einen Einschub ohne Zusammenhang zum Volk Israel sehen. Gott greife sein Handeln mit Israel demnach erst wieder in der Zukunft auf. Manche Dispensationalisten gehen sogar so weit zu behaupten, Juden dürfe man gar nicht das Evangelium verkünden.
Biblische Lehre ist jedoch, dass das Evangelium „den Juden zuerst“ gilt (Röm 1,16). Sie haben also einen gewissen Vorrang in der Evangeliumsverkündigung. Außerdem muss unser christlicher Glaube stets eine Wertschätzung der Tatsache beinhalten, dass die Wurzeln unseres Glaubens jüdisch und unser Heiland selbst aus dem Judentum ist (Röm 11,19-28; Joh 4,22). So gilt das Heil des Evangeliums zunächst den Juden. Als Heidenchristen sind wir lediglich „Miteinverleibte“ und „Miterben“ und „Mitbürger“ (Eph 2,14; 3,6), die aus reiner Gnade und bloßem Erbarmen Gottes seinem erwählten Volk zugerechnet werden und in den jüdischen Ölbaum als wilde Zweige „eingepfropft“ wurden.
Auch wurzeln die geistlichen Segnungen des jetzigen Gottesvolkes in den Vorschattungen im Volk Israel: Begriffe wie „auserwähltes Geschlecht“, „königliches Priestertum“ und „Volk zum Besitztum“ (1Petr 2,10f) gelten den jetzigen Gläubigen und sind Erfüllungen alttestamentlicher Bezeichnungen für das Volk Israel. Es ist jedoch nicht so, dass dies einfach auf uns Heiden übertragen wurde (die von den Dispensationalisten gelehrte Diskontinuität), sondern das jetzige Gottesvolk ist die Fortsetzung Israels unter dem neuen Bund. Dabei wurden nach Römer 11 einige Zweige herausgebrochen und dafür wilde Zweige eingepfropft (die neutestamentliche Kontinuität).
Das Judentum ist und bleibt auch in der Jetztzeit der Ausgangspunkt des Evangeliums: Sein Segen ist der an Abraham verheißene Segen, der von ihm aus durch seinen Samen, Christus, an alle Nationen ergehen sollte (1Mo 12,3; vgl. auch 5Mo 28,13; Sach 8,23; Röm 11,26-28).

5. Anerkennung der künftigen ewigen Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen
Der Dispensationalismus lehrt, dass viele alttestamentlichen Prophezeiungen in dem zeitlichen und irdischen tausendjährigen Reich erfüllt werden, einem „Zwischenreich“ zwischen Jetztzeit und Ewigkeit. Aus unserer Sicht gelten diese Verheißungen an Israel aber nicht im zeitlichen Sinne für künftige begrenzte 1000 Jahre. Denn das AT verheißt ein ewiges messianisches Reich. In Offb 20, der einzigen Erwähnung von 1000 Jahren in der Schrift, ist keine Rede von der Erfüllung atl. Prophezeiungen. Die Prophezeiungen an Israel werden z.T. in geistlicher Weise jetzt (z.B. die Wiederherstellung des davidischen Königtums auf Christi himmlischen Thron, Apg 2,34f; 13;34; 15,16f u.a.) und z.T. buchstäblich auf der ewigen neuen Erde erfüllt. Der Vorwurf, wir würden Israel ihre Verheißungen rauben und deren Erfüllung leugnen, ist eine sehr unfaire Unterstellung. Denn wir glauben an eine Erfüllung aller noch ausstehenden alttestamentlichen Verheißungen (außer jenen, die an die Bedingung des Gehorsams geknüpft sind oder bereits erfüllt sind), jedoch auf ewige und neuschöpfliche Weise, wenn diese Erde „in Brand aufgelöst“ ist (2Petr 3). Das ist fraglos die qualitativ bessere Erfüllung, kein zeitlicher Schatten, sondern ewige Wirklichkeit.

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Vom unfreien Willen

Martin Luther
Vom unfreien Willen

Paperback, 341 Seiten
erschienen am 15.12.2016

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