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Wann beginnt die Endzeit?


von Roland Hardmeier


Auszug aus dem Buch Zukunft. Hoffnung. Bibel.

Die Apostel wussten sich mitten in den letzten Tagen, von denen die Propheten gesprochen hatten. Die Endzeit begann mit dem ersten Kommen Christi und endet mit seiner Wiederkunft. Die Endzeit kann nicht auf die letzten Jahre vor der Wiederkunft eingegrenzt werden.

Im Alten und im Neuen Testament ist von den „letzten Tagen“, „am Ende der Tage“, „in jenen Tagen“, „am Ende der Zeiten“ oder von „späteren Zeiten“ die Rede. Diese Begriffe sind deckungsgleich und meinen das, was wir allgemein als „Endzeit“ bezeichnen. Die Frage, wann die Endzeit beginnt, lässt sich am Besten beantworten, wenn man sich mit der Lehre der Apostel über die „letzten Tage“ befasst.


Die Ankündigung der „letzten Tage“

Wenn die Apostel von den „letzten Tagen“ sprachen, bezogen sie sich auf die Ankündigungen der alttestamentlichen Propheten. Der Prophet Joel sprach von der Ausgiessung des Heiligen Geistes in den „letzten Tagen“ (Joel 3,1-5; Apg 2,17), Amos von „jenem Tag“, an dem der Herr die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichtet (Amos 9,11), Micha von der Weisung, die „am Ende der Tage“ von Zion ausgehen wird (Micha 4,1), und Maleachi kündigte das Kommen Elijas an, bevor der „Tag des Herrn“ kommt (Mal 3,23). Mit diesen verschiedenen Begriffen sprachen die Propheten alle von der gleichen Zeit: Es ist die Zeit, die wir allgemein die Endzeit nennen. Die Apostel nannten diese Zeit die „letzten Tage“. Wenn man die Stellen untersucht, in denen im Neuen Testament von den letzten Tagen die Rede ist, wird klar, dass die ersten Christen mitten in den letzten Tagen lebten, von denen die Propheten gesprochen hatten. In seiner Pfingstpredigt zitierte Petrus den Propheten Joel, der von der Ausgiessung des Heiligen Geistes und dem Tag des Herrn gesprochen hatte:

Jetzt geschieht, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, / so spricht Gott: / Ich werde von meinem Geist ausgiessen / über alles Fleisch. / Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, / eure jungen Männer werden Visionen haben, / und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde / werde ich von meinem Geist ausgiessen / in jenen Tagen, und sie werden Propheten sein. Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel / und Zeichen unten auf der Erde: / Blut und Feuer und qualmenden Rauch. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln / und der Mond in Blut, / ehe der Tag des Herrn kommt, / der grosse und herrliche Tag. Und es wird geschehen: / Jeder, der den Namen des Herrn anruft, / wird gerettet“ (Apg 2,16-21).

Touto estin („jetzt geschieht“) war eine allgemein übliche Formel, um die Auslegung eines Bibelabschnitts einzuleiten. Paulus gebrauchte sie etwa, um die Bedeutung alttestamentlicher Aussagen einzuleiten (Röm 9,8; 10,6-8). Touto estin bedeutet wörtlich „dies ist das Gesagte“. Die Elberfelderübersetzung gibt die Formel ziemlich wörtlich mit „dies ist es“ wieder, die Einheitsübersetzung übersetzt sinngemässer mit „jetzt geschieht“.

Dispensationalisten sind der Auffassung, dass es Petrus an Pfingsten nicht um die Erfüllung der Prophetie Joels ging, sondern lediglich um deren Erklärung. Heide sieht im Pfingstwunder lediglich einen „Vorgriff“ auf das messianische Zeitalter. Petrus sei nicht der Meinung gewesen, dass sich Joels Prophetie an Pfingsten erfüllt habe, touto estin sei im Sinne von „dies bedeutet“ zu verstehen. Es darf die Frage gestellt werden, was Pfingsten denn war, wenn nicht die Erfüllung der Prophetie Joels? Ist der Heilige Geist nicht „die Verheissung des Vaters“ (Apg 1,4), die Jesus den Jüngern aufgrund der alttestamentlichen Geistankündigungen versprochen hatte? Wussten sich Petrus und die anderen Apostel nicht im Zeitalter der messianischen Erfüllung? Lebten sie nicht mitten in den letzten Tagen, zu denen gemäss der Joelprophetie eben gerade die Geistausgiessung und die prophetische Rede gehört? In Petrus’ Briefen wird klar, dass Petrus sich in den letzten Tagen wusste:

„Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen“ (1Petr 1,18-20).

“Das ist schon der zweite Brief, den ich euch schreibe, liebe Brüder. In beiden will ich eure klare Einsicht wachrufen und euch erinnern: Denkt an die Worte, die von den heiligen Propheten im voraus verkündet worden sind, und an das Gebot des Herrn und Retters, das eure Apostel euch überliefert haben. Vor allem sollt ihr eines wissen: Am Ende der Tage werden Spötter kommen, die sich nur von ihren Begierden leiten lassen und höhnisch fragen: Wo bleibt denn seine verheissene Ankunft?“ (2Petr 3,3).


Der Beginn der „letzten Tage“

Die „letzten Tage“ waren nicht etwas, das die ersten Christen für die ferne Zukunft erwarteten. Die letzten Tage sind durch die Sendung Christi und die Ausgiessung des Heiligen Geistes bereits da. Der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen von den Gefahren der letzten Tage. An seinen Mitarbeiter Timotheus schrieb er:

„Der Geist sagt ausdrücklich: In späteren Zeiten werden manche vom Glauben abfallen; sie werden sich betrügerischen Geistern und den Lehren der Dämonen zuwenden, getäuscht von heuchlerischen Lügnern, deren Gewissen gebrandmarkt ist“ (1Tim 4,1-2).

Paulus spricht in nicht von einer Zeit, die in der fernen Zukunft liegt, sondern von der Zeit, in der er selbst und Timotheus lebten. So ermahnt er Timotheus im Anschluss an seine Beschreibung der letzten Tage: „Dies trage den Brüdern vor!“ (1Tim 4,6). Timotheus sollte die Warnungen des Apostels über die letzten Tage weitergeben, weil diese schon begonnen haben. Im zweiten Brief an Timotheus tritt die Warnung vor den letzten Tagen noch deutlicher hervor. Paulus wies Timotheus an, die scheinheiligen Menschen der letzten Tage zu meiden, da er bereits mitten in den letzten Tagen lebte:

„Das sollst du wissen: In den letzten Tagen werden schwere Zeiten anbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, prahlerisch, überheblich, bösartig, ungehorsam gegen die Eltern, undankbar, ohne Ehrfurcht, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht, rücksichtslos, roh, heimtückisch, verwegen, hochmütig, mehr dem Vergnügen als Gott zugewandt. Den Schein der Frömmigkeit werden sie wahren, doch die Kraft der Frömmigkeit werden sie verleugnen. Wende dich von diesen Menschen ab“ (2Tim 3,1-5).

Der Apostel Johannes schreibt in seinen Briefen von der „letzten Stunde“ und dem Aufkommen des Antichristen. Aus seinen Briefen geht deutlich hervor, dass die letzte Stunde sich auf seine eigene Zeit bezog. Er sagte nicht, dass die letzte Stunde kommt, sondern dass es die letzte Stunde ist. Im ersten Brief spricht Johannes besonders deutlich von der letzten Stunde:

„Meine Kinder, es ist die letzte Stunde. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste gekommen. Daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist“ (1Joh 2,18).

Der Schreiber des Hebräerbriefs wusste, dass er in der Endzeit lebte. Er schreibt von „dieser Endzeit“, also der Zeit, in der er selbst lebte:

„Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1-2).

„Jetzt aber ist er [Jesus] am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen“ (Hebr 9,26).

Auch Judas schreibt in seinem Brief davon, dass er und seine Briefempfänger in der Endzeit lebten, deren Zeichen von den Aposteln vorausgesagt worden waren. Judas erinnerte an die Warnungen in den Briefen von Paulus und Petrus:

„Ihr aber, liebe Brüder, denkt an die Worte, die von den Aposteln Jesu Christi, unseres Herrn, im voraus verkündet worden sind, als sie euch sagten: Am Ende der Zeit wird es Spötter geben, die sich von ihren gottlosen Begierden leiten lassen“ (Judas 17-18).

Der neutestamentliche Befund ist eindeutig: Die Endzeit begann mit dem ersten Kommen Jesu (Hebräer 1,1-2). Die Apostel (1Tim 4,1-5; 1Petr 1,20; 1Joh 2,18) und die übrigen Schreiber des Neuen Testamentes (Hebr 1,1-2; Judas Vers 18) standen mitten in den letzten Tagen, die von den Propheten vorausgesagt worden waren.


Was bedeutet Endzeit?

Endzeit bedeutet nicht das Ende der Geschichte, sondern zunächst einmal das Ende des alten Bundes. In Christus kam der alte Bund zu seinem Ziel und Ende. Gleichzeitig brach die von den Propheten angekündigte messianische Zeit an. Der alte Bund mit Israel wurde vom neuen, durch Christus gestifteten Bund abgelöst.

Mit dem Kommen Jesu haben die letzten Tage begonnen, von denen das Alte Testament spricht. Die Apostel wussten sich mitten in den letzten Tagen. Damit stellt sich die Frage, inwiefern die Zeit der Apostel eine Zeit des Endes war. Wie war es möglich, von der Zeit der Apostel als der Endzeit zu reden, wenn danach die Geschichte weiterging? Warum reden wir vom Neuen Testament, wenn Jesus das Ende brachte?


Das Ende des alten Bundes

Endzeit bedeutet nicht das Ende der Geschichte, sondern zunächst einmal das Ende des alten Bundes. Das Kommen Jesu, sein Sterben, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt bedeuteten das Ende des alten Bundes. Durch die Ereignisse von Karfreitag und Ostern erfüllte sich die gesamte alttestamentliche Ordnung mit ihren Opfern und Riten. In diesem Sinn konnte der Apostel Paulus sagen, dass Christus das Ende des Gesetzes ist (Röm 10,4). Im Galaterbrief legt Paulus dar, dass das Gesetz als Lebensordnung eine zeitlich beschränkte Funktion hatte. Gott erklärte Abraham aufgrund seines Glaubens für gerecht. Alle, die glauben, sind Söhne Abrahams (Gal 3,6-7). Von Anfang an war der Glaube der Weg zur Gerechtigkeit vor Gott. Das Gesetz als Lebensordnung wurde wegen der Sünde des Menschen dem bei Abraham offenbarten Grundsatz der Glaubensgerechtigkeit hinzugefügt (Gal 3,19). Das Gesetz hatte die Funktion eines Erziehers auf Christus hin und galt nur so lange, bis Christus kam (Gal 3,19.23-24). Der alte Bund, den Gott mit Israel am Sinai gemacht hatte, war demnach von Anfang an zeitlich beschränkt. Durch Christus kam die gesamte alttestamentliche Ordnung zu ihrem unwiderruflichen Ende (Hebr 7,18-19). Jesus führte eine neue, bessere Ordnung ein, nämlich den Bund in seinem Blut. Aus der Sicht Israels bedeutete das Kommen Jesu deshalb eine Zeit des Endes. Es war die Endzeit des Alten Testamentes.

Vom Alten Testament her gesehen sind die letzten Tage nicht nur eine Zeit der Rettung, sondern auch des Gerichts. Gemäss den Propheten werden nicht nur die Völker Gottes Rettung und Gericht erfahren, sondern insbesondere das erwählte Volk Israel. Dieser Gedanke wird im Neuen Testament mehrmals aufgenommen, am ausführlichsten bei Paulus.

Paulus befasst sich in Römer 10 mit der Tatsache, dass Israel nicht auf Gott hörte und so dem Gericht verfiel. Israels Unglaube wog so schwer, dass der Apostel siebenmal die Frage stellt, ob Israel nicht hören und verstehen konnte und darum in Unglauben versank. Paulus will in Römer 10,14-21 herausstreichen, dass Israel hätte umkehren können, aber nicht wollte. Paulus fragt ein erstes Mal: “Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben?“ (Vers 14). Israel hatte zahlreiche Möglichkeiten zu glauben, aber es lehnte seinen Messias ab und wählte den Weg der Selbstgerechtigkeit. Zum zweiten Mal fragt Paulus: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?“ (Vers 14). Die Israeliten hatten gehört! Sie hatten das Alte Testament, das Zeugnis vom Messias ablegte, und sie hatten von den Aposteln von der Auferstehung des Messias vernommen. Paulus fragt zum dritten Mal: „Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“ (Vers 14). Immer wieder wurde Israel die Botschaft Gottes verkündigt, doch ohne Erfolg. Paulus fragt zum vierten Mal: „Wie soll aber jemand verkündigen, wenn er nicht gesandt ist?“ (Vers 15). Wie viele Verkündiger hatte Gott seinem Volk gesandt! Die Propheten, den Messias selbst, die Apostel, die ersten Christen! Sie alle verkündigten Israel die Botschaft der Umkehr. Aber Israel hörte nicht. Paulus fragt mit den Worten Jesajas zum fünften Mal: „Herr, wer hat unserer Botschaft geglaubt?“ (Vers 16). Wie zur Zeit Jesajas stiess die Botschaft Gottes auch zur Zeit Jesu und der Apostel weit gehend auf taube Ohren. Paulus fragt zum sechsten Mal: „Haben sie die Boten etwa nicht gehört?“ (Vers 18). Paulus könnte nun auf seine Missionsreisen hinweisen, die beweisen, dass die Juden überall die Gelegenheit gehabt hatten, das Evangelium zu hören. Aber Israel sollte nicht durch menschliches, sondern durch göttliches Urteil für schuldig befunden werden. So nimmt Paulus auf Gottes Offenbarung in der Natur Bezug, indem er Psalm 19,5 anführt. Aber auch auf dieses Zeugnis hörte Israel nicht. Und schliesslich fragt Paulus zum siebten und letzten Mal, um jeder Entschuldigung Israels zuvorzukommen: „Hat dann Israel, so frage ich, die Botschaft nicht verstanden?“ (Vers 19). Israel hatte willentlich den Weg Gottes abgelehnt und konnte darum keine Entschuldigung vorbringen.

Gottes Gericht kam mit Recht über das ungläubige Israel. Die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. war ein göttlich verordnetes Gericht, das bedeutete, dass Gott das Reich von Israel genommen und der Gemeinde übergeben hat. Der zerrissene Vorhang und der zerstörte Tempel waren das Zeichen, dass der alte Bund zu seinem unwiderruflichen Ende gekommen war. Weil Israel am Alten festhielt und den Messias verwarf, musste Gott das Alte mit Gewalt nehmen, um dem Neuen Platz zu machen. Historisch gesehen war das Jahr 70 n.Chr. das Ende des Alten Testamentes.


Der Beginn einer neuen Zeit

Die Endzeit des Alten Testamentes war zugleich der Beginn einer neuen Zeit. Es begann die Zeit des Neuen Testamentes. An die Stelle des alten Bundes, den Gott mit Israel am Sinai geschlossen hatte, trat der neue Bund im Blut Jesu. Wir haben bereits davon gesprochen, dass es im Leben und Dienst Jesu drei Zeichen gab als Erweis für die Gegenwart des Reiches Gottes. Das erste ist die Verkündigung des Evangeliums, das zweite das Vollbringen von Wundern und das dritte die Austreibung von Dämonen. Es gibt noch zwei weitere Zeichen, mit denen wir uns nun beschäftigen müssen. Das vierte und wichtigste Zeichen für den Beginn der neuen, messianischen Zeit ist die Auferstehung Christi. Sie ist das eschatologische Ereignis schlechthin.

Um die eschatologische Bedeutung der Auferstehung Christi zu verstehen, muss man sich der Auferstehungshoffnung des Alten Testamentes bewusst sein. Die Zukunftserwartung der Propheten war über weite Strecken eine Diesseitshoffnung. Die Propheten kündigten an, dass Jahwe zum Gericht über die Völker und zur Aufrichtung seiner Herrschaft kommt. Diese Zukunftshoffnung wurde als Eingriff in den Lauf der Geschichte und als totale Umwälzung der Ereignisse verstanden. Erst die Apokalyptiker redeten klar und deutlich von einer leiblichen Auferstehung und einem darauf folgenden jenseitigen Leben. So ist beim Propheten Daniel zu lesen: „Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu. Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt; und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben, werden immer und ewig wie die Sterne leuchten“ (Dan 12,2-3).

Im Alten Testament gibt es keine klare Verheissung dafür, dass Gott einen einzelnen Menschen auferwecken wird. So können Psalm 16,10-11 (vgl. Apg 2,27-31) und Jesaja 53,10-12 im Rückblick als Andeutungen auf die Auferstehung Jesu verstanden werden, aber vom alttestamentlichen Standpunkt aus sind sie keine Verheissungen für eine individuelle Totenauferweckung zur Herrlichkeit. Die Auferstehungshoffnung des Alten Testamentes besteht darin, dass es am Ende der Zeit eine allgemeine, kollektive Auferstehung der Toten geben wird. Die Auferstehung zur Herrlichkeit eines einzelnen Menschen im Lauf der Geschichte ist im Alten Testament nicht im Blickfeld.

Die Auferstehung ist vom Alten Testament her gesehen der Auftakt zur Vollendung, sie führt an das Ende der Geschichte. Wenn sie sich ereignet, bricht Gottes neue Welt an und das Alte vergeht. Künneth folgert: „Wird die Auferstehung Jesu als das eschatologische Ereignis verstanden, so ist damit weiterhin zum Ausdruck gebracht, dass in dem auferweckten Kyrios der Anbruch des Auferstehungsäons gesetzt ist und damit die letzte und ewige Wirklichkeit ihren Anfang nimmt... Damit gewinnt die Auferstehung Jesu den Charakter einer Wende der Zeiten, derart, dass der alte Äon immer noch da ist, wenn der neue Äon anhebt.“ Mit der Auferstehung Christi ist die zukünftige Vollendung, die aufgrund des Alten Testamentes am Ende der Zeit erwartet wurde, bereits mitten in die Geschichte hereingebrochen. Das ist gegenüber der alttestamentlichen Erwartung etwas völlig Neues. In der Auferstehung Christi ereignet sich das Ereignis, das die Vollendung und die Ewigkeit herbeiführt, mitten im Lauf der Zeit! Mit der Auferstehung ist der Kreuzestod Christi als Heilsereignis göttlich beglaubigt. Aber die Auferstehung ist mehr als das, sie ist der Garant für die Vollendung aller Dinge. In der Auferstehung Christi ist der letzte Feind, der Tod, bereits besiegt und die Erneuerung alles Geschaffenen deshalb nur noch eine Frage der Zeit. In diesem Sinn nennt der Apostel Paulus Jesus die „Erstlingsfrucht“ der Entschlafenen (1Kor 15,20). Das Wort „Erstling“ geht auf das Gebot zurück, die erste Garbe der Ernte Gott darzubringen (Lev 23,9-11). Die erste Garbe durfte in der Gewissheit eingebracht werden, dass die Ernte folgt. So ist Christus als die Erstlingsfrucht der Entschlafenen von den Toten auferweckt worden. Seine Auferstehung bringt die Gewissheit der allgemeinen Auferstehung am Ende der Zeit und die Einlösung der Verheissungen Gottes mit sich. Durch seine Auferstehung hat Jesus dem Tod die Macht genommen (2Tim 1,10). Der Tod, der letzte Feind, konnte Jesus nicht zurückhalten, und damit ist die Macht des Todes über die Menschen gebrochen. Was Gott in der Kraft des Geistes an seinem Sohn tat, das wird Gott am Ende an den Gläubigen tun: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt“ (Röm 8,11). In der Auferstehung Christi ist die Vollendung sozusagen greifbar nahe. „Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist“, sagt der Apostel Paulus, „kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1Kor 15,21-22). Das leere Grab ist ein eschatologisches Zeichen, der Ostermorgen ist der Silberstreifen am Horizont, der die Vollendung ankündigt.

Cullmann hat in seinem Buch Christus und die Zeit gezeigt, dass das Kreuz und das leere Grab das Zentrum der Heilsgeschichte sind. Im Judentum liegt das Zentrum der Heilsgeschichte in der Zukunft und ereignet sich im Kommen des Messias. Im Neuen Testament ist nicht mehr der Kommende, sondern der schon Gekommene das Zentrum der Heilsgeschichte. Cullmann weist auf den durch die Auferstehung veränderten biblischen Zeitbegriff hin:

„Das chronologisch Neue, das Christus für den Glauben des Urchristentums gebracht hat, besteht nun darin, dass für den gläubigen Christen die Mitte seit Ostern nicht mehr in der Zukunft liegt... Die Mitte der Zeit ist nicht mehr das zukünftige Kommen des Messias, sondern das schon in der Vergangenheit abgeschlossene historische Leben und Wirken Jesu Christi... Das Zentrum ist erreicht, aber das Ende steht noch aus... Die Entscheidungsschlacht in einem Krieg kann in einer verhältnismässig frühen Phase des Krieges schon geschlagen sein, und doch geht der Krieg noch lange weiter. Obwohl die entscheidende Tragweite jener Schlacht vielleicht nicht von allen erkannt ist, bedeutet sie doch bereits den Sieg. Aber der Krieg muss noch auf unbestimmte Zeit weitergeführt werden bis zum ‚Victory Day’.“

Am Kreuz hat Jesus die Entscheidungsschlacht geschlagen. Satan ist besiegt, für die Sünde ist gesühnt, Gott ist mit der Welt versöhnt. Die Auferstehung bedeutet bereits den Sieg, denn die Macht des Todes ist gebrochen. Der Kampf geht weiter, doch die Vollendung ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Das hat Konsequenzen für unsere eschatologische Schau: Nicht die Wiederkunft ist das Zentrum der Heilsgeschichte, sondern Tod und Auferstehung Christi. Vom Kreuz und vom leeren Grab aus wird im Neuen Testament die gesamte Eschatologie begriffen und entfaltet. Das alles Entscheidende liegt nicht in der Zukunft, es ist bereits geschehen.

Nun muss noch von einem fünften Zeichen die Rede sein. Das fünfte Zeichen für den Beginn der neuen Zeit ist die Ausgiessung des Heiligen Geistes. Mit der Auferstehung Christi und der Ausgiessung des Geistes ist die verheissene messianische Zeit Wirklichkeit. Als Israel in die babylonische Gefangenschaft geführt wurde, verkündeten die Propheten, dass der Herr sein Volk nicht aufgibt. Er werde es reinigen und wieder in das Land der Väter zurückführen, wo sich die Zusagen an die Glaubensväter in noch grösserem Mass erfüllen werden, als in den Tagen des vereinigten Königreichs (Jes 54,1-17). Das war die überaus hoffnungsvolle Botschaft der Propheten in den dunklen Tagen des Exils gewesen. Die Propheten riefen Israel zur Umkehr, und das Volk durfte damit rechnen, dass das messianische Zeitalter bald anbricht. Als Zeichen dafür gab Gott die Verheissung des Geistes. Jesaja sprach davon, dass Gott den Geist aus der Höhe über das Volk ausgiessen wird (Jes 32,15). Die Ausgiessung des Geistes wird wie Wasser auf dürstenden Boden sein (Jes 44,3). Und Joel sprach sogar davon, dass der Herr seinen Geist auf alle, nicht nur einzelne ausgiessen wird (Joel 3,1-2). In Israel wusste man daher: Wenn Gott seinen Heiligen Geist ausgiesst ist, das messianische Zeitalter da! Die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten (Apg 2,1ff) war für das jüdische Volk deshalb so bedeutsam, weil sie das prophetische Zeichen für den Anbruch des messianischen Zeitalters war. Endlich hatte Gott die messianische Zeit, die er durch seine Propheten angekündigt hatte, herbeigeführt! Die Verkündigung des Evangeliums, das Vollbringen von Wundern, die Austreibung von Dämonen, die Auferstehung aus den Toten und die Ausgiessung des Heiligen Geistes waren der Erweis dafür, dass die neue Zeit begonnen hatte.

Pfingsten bildet den Abschluss des Erlösungswerkes Christi. An Karfreitag starb Jesus den Tod für die Sünden der Welt, an Ostern auferstand er in Herrlichkeit, und in seiner Himmelfahrt setzte er sich zur Rechten Gottes und trat seine Herrschaft an. Als der erhöhte Herr, empfing er vom Vater den Geist und goss ihn aus. Petrus betonte, dass es Jesus war, der den Heiligen Geist ausgegossen hatte (Apg 2,33). Die Ausgiessung des Geistes war das Zeichen dafür, dass Jesus zum Herrn und König erhöht und sein Reich angebrochen war (Apg 2,33). Nun sollte in Übereinstimmung mit dem Versprechen an Abraham, dass durch ihn alle Völker Segen erlangen werden, das Evangelium verkündet und Gottes Herrschaft zu den Völkern ausgedehnt werden. Nun können nicht mehr nur einige an Gottes Heil teilhaben, alle sind ins Reich Gottes gerufen. Der Heilige Geist wurde auf alles Fleisch ausgegossen (Apg 2,1ff). Im Alten Testament war er Priestern, Königen und Propheten für ihre Aufgabe vorbehalten. Nun werden alle Gläubigen, ungeachtet ihrer sozialen Stellung oder Volkszugehörigkeit mit dem Heiligen Geist erfüllt. Gottes Gaben gelten nicht länger ausgewählten Menschen, im neuen Zeitalter können alle Visionen und Träume haben, alle können Propheten sein (Apg 2,17-18; 1Kor 14,5). Durch die Kraft des Heiligen Geistes ist die Gemeinde in der Lage, in aller Welt das Evangelium zu verkünden. Nicht nur Israel, alle Menschen sind jetzt zum Glauben gerufen (Mt 28,18-20), alle sollen umkehren (Apg 17,30). Das Lob Gottes, das am Pfingsttag aus jüdischen Kehlen in fünfzehn verschiedenen Sprachen zu Gott aufstieg (Apg 2,7-11) machte deutlich: Der Geist war ausgegossen worden, das Heil sprengte die Grenzen Israels. Die Zeit des alten Bundes war zu Ende, eine neue Zeit hatte begonnen!

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Marius Timmermans
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Paperback, 338 Seiten, 13,90 Euro
erschienen am 01.06.2016

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