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C.H. Spurgeon: Wie der Drache besiegt wird (Offb 12,11)


Eine Predigt am Morgen des Tages des Herrn, 30. Mai 1875, von C.H. Spurgeon, Metropolitan Tabernacle, London

Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und sie haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod! (Offb 12,11)



Zu lesende Schriftstellen: Jesaja 51,9-16; Offenbarung 12


Ich möchte jetzt nicht in erster Linie dieses Kapitel näher erklären. Ich halte mich wohl kaum für geeignet, irgendeinen Teil der Offenbarung zu erklären, und keine der Auslegungen, die ich je gesehen habe, würde mich reizen, mich an diese Aufgabe heranzuwagen. Denn die meisten von ihnen bemühen sich vor allem darum, alle vorherigen Auslegungen zu widerlegen, und scheinen tatsächlich sehr erfolgreich zu beweisen, dass die anderen rein gar keine Ahnung von der Materie haben. Unterm Strich führen fast alle Kommentare über die Offenbarung zu dem Schluss, dass unser himmlischer Vater in seinem Wort einige geheimnisvolle Dinge gesagt hat, die bisher nur wenige seiner Kinder begreifen können. Und genau das würden wir auch erwarten, wenn der unendliche Gott zu endlichen Menschen spricht, und das ist zweifellos dazu gedacht, uns zu demütigen und unsere ehrfurchtsvolle Bewunderung hervorzubringen. Glücklicherweise gibt es eine Verheißung für diejenigen, die die Worte dieser Weissagung lesen und hören und bewahren. Denn wäre diese Verheißung beschränkt auf jene, die sie verstehen, würden nur wenige ihren Segen empfangen. Die Offenbarung ist ein sehr segensreiches Buch, aber seine letztendliche Entfaltung steht noch aus.

Wenn wir die Ausleger befragen, werden wir feststellen, dass sie in diesem Abschnitt die Drachen-Insignie des heidnischen Rom entdecken, die durch Kaiser Konstantin von ihrer Position entfernt und durch das Zeichen des Kreuzes ersetzt wurde. Aber ich glaube nicht, dass der Herr sich für Konstantin mehr interessiert hat als für irgendeinen anderen Sünder, und mir scheint es nahezu lästerlich zu sagen, Konstantin sei der Knabe, der alle Nationen mit eisernem Stab beherrschen und zu Gott und seinem Thron entrückt werden sollte. Dass er das Christentum als Staatsreligion annahm, war für die verherrlichten Seelen kein Grund zur Freude, sondern eine schreckliche Katastrophe, die nur dem Pandämonium Vorschub leistete. Niemand hat je der Kirche etwas Schlimmeres angetan als der, der sie als erster mit dem Staat verknüpfte. Diese Tat war nur ein Meisterstück der Staatspolitik, ein Geschäft, das absolut unwürdig ist, von einem göttlich inspirierten Schreiber erwähnt zu werden.

Es würde nichts nützen, den großen Auslegern durch die Geschichte des Römischen Reiches zu folgen, die sie in den Visionen des Johannes sehen. Diese Übung wäre an einem anderen Tag angebrachter und würde dann eher unter dem Thema Geschichte stehen als unter Theologie. Ich kann euch nur das weitergeben, was meiner Ansicht nach ihr und ich aus der Vision verstanden hätten, wenn sie uns zuteil geworden wäre. Mir scheint es kein Teil einer fortlaufenden Offenbarung zu sein, sondern eine Art Zusammenfassung oder Einleitung der darauffolgenden Visionen. Man bedenke, dass es eine Vision ist und nicht stur wortwörtlich interpretiert oder so gelesen werden sollte, als lägen Zusammenhang und Bedeutung stets auf der Hand. In diesem Kapitel sehen wir panoramagleich den ganzen Kampf zwischen den Prinzipien von Gut und Böse, zwischen Gott und Satan. Wir haben den alten Urkonflikt zwischen der Frau und der Schlange vor uns, mit dem das inspirierte Buch beginnt, sowie eine klare Entwicklung der ersten Verheißungen: „Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem.“

Die Frau wurde in ihrer Unschuld angegriffen von „der alten Schlange, genannt der Teufel und Satan“, und sie wurde schon bald eine Beute seiner Verführungen, was den völligen Ruin unseres Menschengeschlechts über uns brachte. Am Ende jenes ersten listigen Angriffs und raschen Sieges wurde der Drache mit diesen Worten zurückgewiesen: „Der Same der Frau wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen.“ Diese Verheißung erklärte, dass der Nachkomme der Frau zwar sehr zu leiden hat unter Satan und in Folge der Sünde, aber dass er letztendlich siegen und die Macht des Bösen zerstören wird. In der Offenbarung wechselt der Schauplatz von Eden in den Himmel. Dort sehen wir wiederum die Frau und die Schlange. Die Feindschaft ist dieselbe wie zuvor; die Schlange ist immer noch der Angreifer, nun jedoch ganz unverhohlen. Man beachte, wie sich sowohl die Frau als auch die Schlange entwickelt haben: Die Frau ist zu einer Königin geworden, geschmückt mit himmlischem Glanz, und die Schlange ist ein Monsterdrache, dessen Schwanz so mächtig ist, dass er droht, mit einem einzigen Streich die Sterne vom Himmel zu fegen. Die Frau ist keine einfache, kindliche Person mehr, sondern ein Wunder. Sie wandelt nicht zwischen Blumen und Bäumen, sondern inmitten des himmlischen Orbits: bekleidet mit der Sonne, den Mond zu ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone aus zwölf Sternen. In ihr sehen wir den Grund der Wahrheit und Gerechtigkeit verkörpert – sie ist, in der Tat, die Gemeinde Gottes aller Zeitalter, die Frau, deren Same zum Segen aller Nationen der Erde ist. Der glorreiche Grund der Heiligkeit und Göttlichkeit, Verkörpert in der Gemeinde, ist bekleidet mit dem Glanz von Licht und Wahrheit und Majestät. Wir werden uns nicht mit den Details dieser herrlichen Erscheinung aufhalten, denn in einer solchen Sache ist es beinahe respektlos, ins Detail zu gehen. Die Gemeinde hat ihr großes und ihr kleines Licht: Sie ist bedeckt mit dem unmittelbaren Glanz der ihr innewohnenden Gottheit, und sie wandelt im Licht des strahlenden Glanzes der Heiligkeit, während ihr vollkommener Dienst, repräsentiert durch die apostolischen Zwölf, ihre Freudenkrone bildet. Sie ist schön wie der Mond, klar wie die Sonne und erhaben wie eine Armee mit Bannern. Schaut das Bild dieser Frau und schaut, wie herrlich der Grund der Wahrheit und Heiligkeit ist.

In dieser Vision steht die königliche Frau im Begriff, den verheißenen Samen zu gebären. Sie schreit in ihrer Pein, in ihren Geburtswehen, sie „ist in Schmerzen und soll gebären“. Das mag natürlich die Gemeinde repräsentieren, die schon in vergangenen Zeiten Tag und Nacht zu Gott gerufen hat, damit der verheißene Erlöser kommen möge – ein Rufen und Weinen, das mit der Zeit immer heftiger und sehnlicher wurde. Aber das mag auch den ständigen Zustand der wahren Gemeinde beschreiben, die sich stets in Geburtswehen müht, bis Christus in den Herzen der Menschen Gestalt genommen hat, bis Christus, der Menschensohn, hienieden unter den Menschenkindern so ausgeprägt ist, dass er mit all jenen, die durch Gnade befähigt sind, den Bösen zu überwinden, die Nationen mit eisernem Stab hüten wird (Offb 2,26-27).

Dann sehen wir in der Vision die Frau, die Gemeinde, und vor ihr steht ein anderes Zeichen, die Schlange, die sich mächtig entwickelt hat. Sie wird als großer feuerroter Drachen bezeichnet: ein Sinnbild des Bösen von enormer Größe und schrecklicher Erscheinung, bekleidet mit einem nur ihm eigentümlichen, abscheulichen Glanz, ein Glanz tödlichen Hasses und herrischer Rebellion. Leuchtend wie glühende Feuerflammen und schrecklich anzusehen ist die große Schlange. Sie ist rot vor Zorn und verfolgender Arglist. Rot ist die Farbe Edoms, des Widersachers des Herrn und seines Israel, und es ist dennoch die erlesene Farbe der ungeheuerlichen Macht des Antichristen, der in Rom residiert. Hat er nicht als jüngste üble Gabe an unser eigenes Land den roten Hut seiner Kardinäle gegeben? Dieser große rote Drache ist voller Gerissenheit, denn er hat sieben Köpfe. Ein einziger teuflischer Kopf wäre bereits genug, aber unser großer Feind besitzt nahezu vollkommen geniale Schlechtigkeit, er versucht mit nahezu unbegrenzter Weisheit den Untergang der Gemeinde Gottes, die Vernichtung Christi und aller vom Himmel geborenen Menschen zu erwirken! Diese sieben Köpfe werden durch zehn Hörner ergänzt, ein Sinnbild der Macht, denn der Herrscher der Luft ist keineswegs schwach; seine Macht ist größer als seine Weisheit, da er nur sieben Köpfe im Vergleich zu zehn Hörnern hat. Und dennoch: da ein Kopf normalerweise zwei Hörner hat, können wir wohl sagen, dass seine Macht nicht ausreicht, um all das auszuführen, was seine boshafte List ihm auszudenken erlaubt. Durch seine Macht verleitet der Drache Menschen dazu, sich gegen das Gesetz des Herrn aufzulehnen und die Gemeinde zu verfolgen. Die Macht des Bösen ist in allen Ländern groß, und eine wehrlose Frau in diesem beklagenswerten Zustand scheint unmöglich dagegen standhalten zu können. Die Köpfe sind zudem gekrönt, denn mit geradezu königlicher Macht beeinflusst Satan das Denken der Menschen; er ist der Gott dieser Welt, die „in dem Bösen liegt“ (1Jo 5,19). Gern stellt er diese Macht zur Schau und verlässt sich ganz auf sein äußeres Gepränge, darum trägt er sieben Kronen auf seinen sieben Häuptern, als würde ein einziges Diadem seine Herrschaft nicht genug ausdrücken. Seine gewaltige Kraft wird auch dadurch deutlich, dass er in seiner Wut um sich schlägt und den dritten Teil der Sterne vom Himmel herunterreißt. Er versucht unablässig, die Finsternis noch finsterer zu machen und alles Licht auszulöschen, und in diesem seinem liebsten Zeitvertreib war er außerordentlich erfolgreich.

Behalten wir also die Frau in ihrer Pracht und Anmut sowie den Drachen in seiner Rage im Blick. Der Drache erwartet die bevorstehende Geburt. Er ist erpicht darauf, das Kind direkt nach der Geburt zu verschlingen. Den vollkommenen Menschen, den Nachkommen des göttlichen Lebens, will er vernichten. So trug es sich zu, als unser Herr Jesus geboren war: Satan stachelte Herodes auf, das kleine Kind zu suchen und unter den Unschuldigen ein Blutbad anzurichten. Aber das Vorhaben des Drachen wurde vereitelt. Jesus lebte, bis seine Stunde gekommen war, und dann wurde er zu Gott und seinem Thron aufgenommen. So trachtete Satan auch danach, den neugeborenen Samen zu vernichten, als erst wenige an Christus glaubten und der Leib der Gemeinde auf Erden wie der eines kleinen Kindes war. Satan verfolgte das Kind, als das Evangelium anfänglich verkündigt wurde, aber je mehr seine Diener die Heiligen verfolgten, desto mehr haben sie sich vermehrt. Die Methode des Pharao in Ägypten war listig, aber erfolglos. Verfolgung wird ihr beabsichtigtes Ziel immer verfehlen.

Heute, liebe Brüder, ist der Menschensohn, unser Herr Jesus, in den Himmel aufgenommen, und sitzt auf seinem Thron; und der Leib Christi, die Gemeinde, ist zum Teil ebenfalls schon dort, weit außerhalb der Reichweite des Drachen. Jesus herrscht mit seinen Heiligen in einem Bereich, in dem es keinen Zutritt mehr für den Drachen gibt, ein Bereich, aus dem er für immer verbannt und auf die Erde geworfen wurde. Alle Macht, die Satan je in geistlichen Dingen hatte, ist beendet durch das vollendete Werk unseres verherrlichten Herrn. Der Kopf der Schlange ist zertreten, verschlungen ist der Tod in Sieg, und Christus hat Gefangenschaft gefangen geführt.

Satan hat uns aufgrund unserer Sünde und seiner Macht über den Tod den Himmel verschlossen, aber nun ist der Kampf in der Höhe zwischen dem Drachen und dem Samen der Frau beendet; wir sind versetzt in die himmlische Stellung und Satan ist von dort für immer ausgewiesen. Für uns gibt es keine Verdammnis, und jetzt, da wir in Christus sind, hat der Böse keine Handhabe mehr. Wenn hier vom „Himmel“ die Rede ist, verstehen wir darunter nicht den Ort der Vollendeten, wo Gott wohnt, sondern die geistliche Region, die Sphäre der geistlichen Dinge. Der erste Kampf zwischen Wahrheit und Lüge war eine rein geistliche Angelegenheit, in jenen himmlischen Regionen, in die Christus seine Gemeinde erhoben hat. Es ist ein Ringen zwischen guten und bösen Geistern und kein Kampf mit Fleisch und Blut. Zuerst waren die Engel in diesen Kampf eingetreten. Wir wissen nur wenig darüber, aber es scheint, dass der große böse Drachen sowohl mit Engeln als auch mit Menschen Krieg führt. John Milton hat über solche Engel-Konflikte erhabene Lieder gesungen, aber Milton war nicht inspiriert und somit nicht unfehlbar, und wir müssen uns hüten, Dichter mit Propheten zu verwechseln. Es ist eindeutig, dass gute und böse Geister zwangsläufig miteinander in Widerstreit liegen, und es ist ebenfalls klar, dass Satan in den vergangenen Zeitaltern die Engel in Versuchung führte. Jene Engel, die ihre Vorrangstellung bewahrten (Jud 1,6), waren ein für allemal siegreich über ihn. Sie wiesen sein sündiges Ersinnen ab, und er hat nun keine weitere Macht mehr über sie. Auch wenn er sie immer wieder versuchen würde, werden sie doch für immer standhaft bleiben, gefestigt in ihrem heiligen Stand.

Neben den Engeln sind auch unsere verstorbenen Glaubensgeschwister, die Heiligen früherer Zeiten und die Gläubigen der ersten Gemeinden, in den geistlichen Regionen. Sie befinden sich ebenfalls dort, wo Satan ausgeschlossen ist. Er kann sie nicht länger belästigen. Hier finden wir den Lobgesang des Sieges über Satan, der für immer aus dem Bereich der Heiligen vertrieben ist und dort niemals wieder Zutritt hat um sie zu belästigen. „Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus gekommen; denn hinabgeworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte“ (Offb 12,10). Richten wir unser Augenmerk auf die Sänger dieses Liedes, besonders auf einen bestimmten Punkt. Beachten wir, dass sie Satan besiegt haben und schauen wir uns vor allem die Waffen an, mit denen sie überwunden haben.

Wir lassen nun den übrigen Text beiseite und konzentrieren uns auf die Überwinder und auf die Waffen, mit denen sie den Sieg errangen. Wir stellen fest, dass erstens, die Heiligen vor dem Thron alle sowohl Kämpfer als auch Sieger waren, zweitens kämpften sie alle mit den gleichen Waffen und drittens kämpften sie alle gegen den gleichen Geist.


I. alle Heiligen, die im Himmel Loblieder singen, waren hier einst Kämpfer.

Dies ist eine einfache Wahrheit, aber wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass auch die Glaubenshelden vor uns ihre Kämpfe unter Zweifeln und Tränen auszustehen hatten. Allzu oft stellen wir uns die Gläubigen, die bereits heimgegangen sind, als Menschen einer anderen Gattung vor als wir; als seien sie zu erhabeneren Dingen imstande und ausgestattet mit unerreichbaren Eigenschaften und uns unerreichbarer Heiligkeit. Die Künstler des Mittelalters pflegten die Heiligen mit strahlenden Aureolen über ihren Köpfen zu malen, aber in Wahrheit hatten sie keinen solchen Heiligenschein; ihre Stirne waren von Sorgenfalten zerfurcht wie auch die unsrigen, und ihr Haar wurde grau vor Gram. Ihr Leuchten kam von innen, und auch wir können das haben. Ihre Herrlichkeit war aus Gnade, und die gleiche Gnade gilt uns. Sie waren Menschen von gleicher Leidenschaft wie wir, „unsere Brüder“, wenn auch etwas früher geboren. Aus unserem Text wird deutlich, dass ausnahmslos alle im Himmel befindlichen Gläubigen von Satan angegriffen wurden. Wie konnte es aber einen Sieg ohne Kampf gegen? Sie alle wurden von einem der Köpfe und Hörner des Drachens angegriffen. Erachte es nicht als etwas Ungewöhnliches, wenn du unter einer furchtbaren Anfechtung leidest, die dich fast aufwühlt. Sei nicht bestürzt darüber, als hätte dich eine gänzlich neue Versuchung getroffen. Dieser feurige Pfeil wurde schon vorher auf die Herzen anderer abgeschossen, bevor er deinen Schild traf. Wenn er dich arg lästerlich und verletzend getroffen hat, so dass du dich selbst verurteilst und sagst: „Kein anderer Mensch kann jemals mit so einer widerlichen Einflüsterung besudelt worden sein“, dann verzage nicht, denn solche Einflüsterungen hatten bereits die „besten Christen“, gerade so wie der übelste Dieb in das Haus des ehrwürdigsten Bürgers der Stadt einzudringen sucht. Selbst diejenigen, die in diesem Moment vollkommen vor dem Thron Gottes stehen, wurden hier unten durch solch schreckliche Versuchungen angegriffen. Satan war seit seinem Fall immer ein Verführer der schlimmsten Art, und seit er zuerst Eva im Paradies betrog, hat er nicht aufgehört, die Seelen der Menschen mit der gleichen List zu verführen, mit der gleichen Grausamkeit, Falschheit, und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Herrn. Es wird dir helfen zu wissen, dass du nicht allein bist, und dass der Weg, den du gehst, schon von den rechtschaffensten der Erwählten Gottes beschritten wurde. Paulus, der ganze Provinzen für Christus gewann, hatte nichtsdestoweniger mit Boten Satans zu tun, die ihn schlugen (2Kor 12,7), und er musste gegen Zweifel und Entstellungen der alten Schlange standhalten, genau so wie du standhalten musst. Wenn du die himmlischen Überwinder einen nach dem anderen untersuchen könntest, während sie durch die Perlentore eingehen, würdest du viele Narben an ihnen finden. Obwohl sie jetzt weder Flecken noch Runzeln noch dergleichen haben, hatten sie all dies in den Tagen ihres Fleisches und bekamen die schrecklichen Zähne und Fänge dieser teuflischen Schlange zu spüren. Auch nicht einer von ihnen wandelte auf einer geraden Bahn und nahm seinen Thron unangefochten ein; so wirst auch du nicht ohne Kampf siegen. Denn auch für dich gibt es keine Krone ohne Kreuz; darum wundere dich nicht, wenn du auf alle mögliche Weise angegriffen wirst.

Die Heiligen wurden nicht nur angegriffen, sondern ihnen wurde gegeben, dass sie dem Bösen widerstehen konnten, denn niemand überwindet einen Gegner kampflos. Die Sache muss zwei Seiten haben, wie bei einem echten Kampf, aber ich fürchte, es gibt sicher einige Bekenner, die viel darüber wissen, was es bedeutet, versucht zu werden, die aber nicht wissen, wie man widersteht. Nun, Brüder, so groß unsere Versuchung auch sein mag, muss unser Widerstehen größer sein. Versucht zu werden ist nichts Außergewöhnliches, selbst für die schlechtesten und lasterhaftesten Menschen. Aber das Kennzeichen der Kinder Gottes ist es, der Versuchung zu widerstehen.

Die Heiligen hatten nicht nur, wie ein Liederdichter sagt, „Sünde, Zweifel und Ängste“, das mögen alle haben, sondern sie kämpften entschlossen, sie wollten nicht niedergeworfen werden, sie wollten nicht einen Zentimeter zurückweichen, sie waren wachsam, bis sie dem Widersacher das Schwert des Geistes Mitten ins Herz stießen. „Sie widerstanden im Kampf gegen die Sünde bis aufs Blut“ (nach Hebr 12,4). Verlasst euch darauf, liebe Freunde, dass man die Sünde nicht überwinden kann ohne zu widerstehen. Wenn wir mit verschränkten Armen annehmen, wir würden den Sieg einfach dadurch erringen, dass wir glauben, wir hätten ihn bereits zugesprochen bekommen, dann irren wir uns gewaltig. Wir müssen wachsam sein und beten, kämpfen und ernsthaft ringen und vorwärts streben. „Diese Art aber fährt nicht aus außer durch Gebet und Fasten“ (Mt 17,21). Errettung geschieht nicht durch Werke, aber Sieg über Sünde erfordert tagtäglichen Kampf; der Sieg kommt nicht, wenn wir passiv liegen bleiben, sondern wir müssen wachgerüttelt werden mit der ganzen Kraft des ewigen Geistes, um das Böse zu überwinden. Diese Kanaaniter müssen mit Waffengewalt aus dem Land getrieben werden, ehe wir unser Erbe voll in Besitz nehmen können. Lasst uns deshalb wie Josua unsere Waffenrüstung anlegen und unsere Schwerter zur Hand nehmen.

Wir stellen fest, dass diese Kämpfer allesamt überwunden haben, denn der Himmel ist nicht für jene, die lediglich kämpfen, sondern für die Überwinder. „Wer überwindet, wird dies erben“ (Offb 21,7). „Aber ich kämpfe doch gegen meine Sünde“, sagt vielleicht jemand. Aber überwindest du sie auch, Bruder? Ist das zu hart, wenn ich gerade fragte, „widerstehst du“? Ich muss aber eine noch härtere Frage stellen. „Überwindest du?“ Denn wenn die Sünde dich überwindet, wenn die Sünde gewohnheitsmäßig über dich herrscht, dann musst du erst noch lernen, was wahrer Glaube ist, denn von den Heiligen heißt es: „Die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). Es gibt ein Seufzen und Jammern, das für Heilige üblich ist. „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Dies ist keine Einzelerfahrung, die sich nie wiederholt; sie zieht sich mehr oder weniger durch das ganze Leben. Doch bedenke, sie ist verbunden mit dem hoffnungsvollen Vertrauen auf die Kraft der Gnade Gottes, denn der Apostel fährt fort: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (Röm 7,25). Der Gläubige erfährt den Kampf, aber er erfreut sich auch des Sieges. Er kämpft und siegt gleichzeitig. Wir sind siegreich, aber es geht nicht ohne Kampf. Unser Sieg muss errungen werden, und dazu sind wir auch gesetzt, aber dennoch gehen wir immer wieder auf neue Kämpfe zu und legen niemals unser Schwert beiseite. Die Situation eines Christen ist vergleichbar mit der von Napoleon, der zu sagen pflegte „Die Eroberung hat mich zu dem gemacht, was ich bin, nur die Eroberung kann mich erhalten“. So ist es auch mit uns Christen: Wir haben in Christus gesiegt, aber wir haben wie er beständig Siege zu erringen, „siegend und um zu siegen“ – und das alles in der Kraft des Heiligen Geistes. Auch wenn ich heute durch seine Gnade befähigt wurde, irgendeine Gewohnheitssünde zu überwinden, kann es sein, dass noch bevor eine Stunde vergangen ist, eine andere Sünde mein Herz aufwühlt. Auch der darf ich nicht nachgeben; ich bin gehalten jeder Versuchung zu widerstehen, sobald sie mich bestürmt. Wenn ich Satan durch das Blut des Lammes überwinde, dann bin ich ein Christ, sonst nicht. Denn wenn irgendeine Sünde mich ständig überwindet, kann ich nicht in den Himmel eingehen. Wenn ich die eine Sünde durch die Kraft des Heiligen Geistes überwinde, muss ich acht geben, dass ich auch gegen weitere Sünden kämpfe, denn zwischen hier und dem Himmel darf ich mir keine Atempause gönnen oder auf ein Ende der Angriffe hoffen. Niemals darf der Christ seine Waffenrüstung ablegen, sich niemals sagen, „der Kampf ist vorüber und der Sieg errungen, es gibt nichts mehr zu tun“. Du bist in einem lebenslangen Kampf eingebunden, mein Bruder: Erst wenn du im Grab liegst, ist der Kampf vorüber, aber solange du hier lebst, befindest du dich in Reichweite des Feindes. Es ist sogar möglich, dass dich der heftigste Kampf auf dem Sterbebett ereilt, wie bei John Knox, der, nachdem er den Teufel auf alle mögliche Weise und Gestalt besiegt hatte, im Sterben den hartnäckigsten Kampf seines ganzen Lebens führte. So könnte es auch dir ergehen, aber du bist gehalten zu überwinden. Angriff, Widerstand und Sieg müssen dein Leben kennzeichnen.

So werden sie sich also alle im Himmel freuen, weil sie überwunden haben, wie wir es im nächsten Vers lesen: „Darum seid fröhlich, ihr Himmel, und die ihr in ihnen wohnt!“ (Offb 12,12). Ihr Kämpfen und Widerstehen und Überwinden ist im Himmel ein Freudenthema. Die weißen Kleider wie auch die Palmzweige bedeuten Sieg; aber ohne vorherige Kämpfe kann es keine Siege geben. Es herrscht Freude unter den Engeln, denn sie hatten bereits ihren Kampf, als sie gegen die Versuchung widerstanden und nicht abwichen, als der Schwanz des Drachen ein Drittel der Sterne vom Himmel fegte; aber unser Sieg wird besonders süß sein, unser Lied besonders harmonisch klingen, weil unser Kampf besonders hart war. Wir fielen, wir standen wieder auf, wir wurden bewahrt, aufrecht gehalten, gestützt und schließlich befähigt zu überwinden, und deshalb werden wir für immer vor Gottes Thron jubeln.

Ich möchte es dabei bewenden lassen, aber ich möchte, dass ihr die persönliche Anwendung daraus zieht – widerstehst Du? Kämpfst Du? Behält in dir das Leben Gottes die Oberhand über die Sünde? Lasst uns nicht uns selbst betrügen. Wenn die Sünde über uns herrscht, werden wir umkommen; die Gnade muss in uns herrschen, sonst sind wir in einer erbärmlichen Lage. Lasst uns den Sieg über die Sünde nicht als Luxus betrachten, den nur diejenigen genießen, die eine höhere Stufe erreicht haben. Wir alle müssen dahin gelangen, sonst sind wir nicht gerettet. Heiligung ist kein Luxus für Einzelne, sondern eine Notwendigkeit für alle Gläubigen; und was heute als Errungenschaft einer „zweiten Erfahrung“ gepredigt wird, ist in Wirklichkeit ein notwendiger Teil der „ersten“ Bekehrung, wenn sie denn wirklich vom Herrn gewirkt ist. Die Sklaven der Sünde sind keine Kinder Gottes. Wenn die Sünde in euren sterblichen Leibern herrscht, bist du darin tot. Wenn der Satan Herrschaft über dich hat, dann bist du nicht in Christus, denn „die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (Gal 5,24). Wo immer die Gnade herrscht, da regiert sie entweder, oder sie kämpft um den Thron; sie kommt mit dem Ziel in unser Leben, gegen das Böse zu kämpfen und es zu besiegen. Wo die Bundeslade des Herrn ist, da muss Dagon auf sein Gesicht fallen und zerbersten (1Sam 5). „Jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt“, sagt der Apostel Johannes (1Jo 3,6), und er hat Recht. „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt“ (1Jo 5,4), und wenn du der Welt erlaubst, die Herrschaft zu übernehmen, dann kannst du nicht aus Gott geboren sein. Dabei lasse ich es bewenden und hoffe, dass wir als gute Streiter Jesu Christi harte Zeiten ertragen können und letztendlich die Krone des Lebens empfangen werden.


II. Die Überwinder haben allesamt mit den gleichen Waffen gekämpft.

Sie hatten zwei Waffen, die zusammen gehören: das Blut und das Wort. „Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen“ (Offb 12,11). Zunächst haben wir das Blut des Lammes: Es war ihnen zugeeignet. Das Blut des Lammes wird uns nichts nützen, es sei denn, es wird uns angerechnet. Sie kamen im Glauben zu Jesus und empfingen Versöhnung, das reinigende Blut wurde auf sie gesprengt, es sprach ihren Gewissen Frieden zu, es nahm ihre Sünde weg, sie wurden durch das Blut gewaschen, sie wurden weiß wie Schnee. „Das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde“ (1Jo 1,7). Sie waren fern, „jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern ward, durch das Blut des Christus nahe geworden“ (Eph 2,13). Dieses Blut eröffnete ihnen den ungehinderten Zugang zu Gott, denn es verlieh ihnen Freimütigkeit, sich dem Thron der Gnade zu nahen. Dieses Blut war ihnen so sehr zueigen, dass es ihr geistliches Lebenselixier war. Es war für sie wie vollmundiger Wein und wurde zur höchsten Freude ihrer Seelen. Mein Bruder, wenn du und ich jemals unter diesen Überwindern sein werden, dann muss das Blut uns durch den Glauben zueigen werden. Wie steht es mit dir heute Morgen? Bist du durch das Blut gereinigt, mein Bruder? Ist das Blut deine Lebensgrundlage? Hast du durch das Blut Gemeinschaft mit Gott und hat es dich ihm nahe gebracht? Wenn ja, dann bist du dabei, durch das Blut zu überwinden.

Unserer Schriftstelle zufolge hat das Blut des Lammes ihnen alles gegeben, was sie brauchten, weil sie darin das Heil hatten. Sie wurden gerettet, vollständig errettet. Jesus Christus erlöste sie von all ihrer Ungerechtigkeit, als sie ihn erfassten und die Kraft seines Blutes spürten, und entriss sie dem Reich des Satans. Außerdem empfingen sie Kraft: Beachte dieses Wort. Sie waren tot, aber sie empfingen Leben; sie waren schwach, aber sie wurden stark im Herrn, denn derjenige, der die Kraft des Blutes Jesu kennt, wird stark gemacht für große Taten. Schließlich empfingen sie das Reich, denn das Reich kommt zu uns durch das siegreiche Blut Jesu, und er hat uns zu Königen und Priestern Gottes gemacht, weil er geschlagen wurde. Und dann wird uns noch gesagt, dass sie Macht oder Vollmacht hatten. Unser Herr, der von den Toten auferstanden ist, bekleidete alle seine Jünger mit Vollmacht, als er sagte: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr sie tauft …“ Ihr Lieben, wenn wir am Blut Jesu Christi teilhaben, dann bedeutet uns das Blut hoffentlich diese vier Dinge: Errettung von Sünde, Kraft aus der Schwachheit, ein Reich in der Gemeinschaft mit Christus und Vollmacht, in seinem Namen zu reden. Es ist das Bundesblut, und es sichert uns alle Bundesgaben Gottes zu. Es ist das Leben unseres Lebens, das Alles in Allem für alles, was wir besitzen. So war ihnen nun das Blut des Lammes zugeeignet, und sie besaßen die Vorrechte, die das Blut mit sich bringt.

Aber der Kern des Textes liegt darin, dass sie durch das Blut des Lammes mit dem Satan kämpften und darin überwanden. Wie? Das ist leicht zu sehen. Sie überwanden Satans Gewaltherrschaft mit dem Blut der Versöhnung. Satan ist der große rote Drachen, eine abscheuliche siebenköpfige Schlange, schrecklich anzusehen, gehörnt wie die Hornviper. Der Mensch fürchtet alle Schlangen und würde ein derart grässliches Monster, das so voller Gift ist, so rot vor Zorn, noch mehr fürchten. Der Kampf zwischen dieser schrecklichen Missgestalt und dem Samen einer furchtsamen Frau ist so ungleich. Wenn wir jedoch mit dem Blut Jesu besprengt sind, dann sind wir unverwundbar und fürchten den Drachen nicht, denn wir erinnern uns and das Versprechen, „auf Löwen und Ottern trittst du, Junglöwen und Schlangen trittst du nieder“ (Ps 91,13). Wenn durch die Versöhnung Frieden in unsere Herzen kommt, dann schrumpft der Drache zu einer bloßen Schlange mit einem zerbrochenen Kopf, von dem es heißt „Auf deinem Bauch sollst du kriechen, und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens!“ (1Mo 3,14). Auf seinem zertretenen Haupt können wir den Fersenabdruck Christi sehen, und wir gehen davon aus, dass wir unsere eigene Ferse dorthin setzten werden, denn uns ist gesagt, dass der Herr den Satan „in Kürze unter unseren Füßen zermalmen“ wird (Röm 16,20). Ich bin auf das Geräusch gespannt, wenn der Herr sie unter meinem Fuß zertreten wird! Das wird das heftigste Zermalmen aller Zeiten werden, das kann ich euch garantieren. Die Schlange hat uns alle so sehr versucht und angefochten, sodass unser Sieg Jesus viel Ruhm bringen wird, und wir werden ihn loben und preisen solange wir sind. So schwindet unsere Furcht vor Satan, wenn wir sehen, dass Christus uns von dem Fluch erlöst und Satan wie einen Feind unter unsere Füße getan hat. Unsere Herzen triumphieren in deiner Gegenwart, o Zerstörer des Teufels und seiner Werke, und wir triumphieren in dir.

Durch das Blut des Lammes überwinden wir Satan als Ankläger der Brüder. Das Kapitel sagt uns ausdrücklich, dass er die Brüder Tag und Nacht anklagt. Unter den Juden gibt es die lehrreiche Überlieferung, die besagt, Satan klage die Erwählten Gottes alle Tage und alle Nächte unaufhörlich an, außer am Großen Versöhnungstag, dann verstumme er. Ehre sei dem gestorbenen Lamm; die Sühnung stopft dem Löwen für immer das Maul, denn die Sühnung währt das ganze Jahr über. Des Feindes Klage kann uns weder im Gericht des Himmels noch im Gericht des Gewissens schaden, denn das Blut unseres Stellvertreters weist alle Anklagen gegen uns zurück. Wenn wir durch Glauben die Gewissheit haben, dass Jesus unsere Sünden hinweggetan hat, was kann uns dann noch schrecken? Wenn sowohl die geziemende Strafe für unsere Sünde als auch die Sünde selbst von unserem großen Bürgen fortgeschafft und in die Tiefen des Meeres versenkt und hinter Gottes Rücken geworfen worden sind, wer bleibt dann noch, der uns schaden sollte? Meine Brüder, tut das eine und erfasst die Lehre der Sühne und begreifet euren Anteil daran, dann wird der Verkläger der Brüder durch die Stimme des Blutes zum Schweigen gebracht werden.

Die Mittel, durch die wir Satan überwinden, entsprechen seinem Geschick. Er hat sieben Köpfe, aber wir sagen ihm von Jesu Tod, und das zerbricht alle seine sieben Häupter und zerstört die siebenfache Tücke seiner Fallstricke. Wenn möglich, würde er sogar die Auserwählten verführen, doch das Geheimnis des für uns vergossenen Blutes besteht darin, dass es die Erwählten davon abhält, sich jemals von ihm irreführen zu lassen. Wer wird sie von der Liebe Christi scheiden? Werden sie nicht durch die Erlösung durch Blut fest an ihren Erlöser gehalten? Wer bezüglich der Erlösung falsch liegt, wird nirgends richtig liegen. Aber wenn du die gesunde Lehre über das stellvertretende Opfer hast, ist kaum zu befürchten, dass du an anderer Stelle in schweren Irrtum fällst. So wie die Kompassnadel, wenn sie einmal magnetisiert ist, sich stets nach dem Pol richtet, so werden sich jene, die einmal von der Liebe ihres gestorbenen Bürges angerührt worden sind, gewisslich immer daran erinnern und können in keine andere Richtung abgewendet werden.

Was die Kraft der Drachenhörner anbelangt, ist die Kraft des Blutes weit größer. Da wir von Christus aus der Macht Satans erlöst worden sind, kann er die Macht über uns niemals zurück erlangen. Seine Macht ist gebrochen. Und was seine Kronen betrifft – was kümmern sie uns? Wir sind aus seinem Machtbereich gerettet durch die Erlösung durch Christi Blut. Niemals kann Satan wieder über uns regieren. Was die Wirkmacht betrifft, die durch seinen Schwanz dargestellt ist, mag er die Sterne vom Himmel holen, die populärsten christlichen Bekenner niederreißen und sie als Abtrünnige auf die Erde werfen, doch uns kann er nicht schaden, denn aufgrund des Blutes Jesu werden wir durch die Macht Gottes zum Heil bewahrt. Haltet am Kreuz fest, liebe Brüder, denn dort seid ihr außerhalb der Reichweite des Schlangengifts. Die Schlange mag fauchen, doch mehr vermag sie nicht. Keine Welle kann einen armen Sünder jemals vom „Fels der Zeiten“ spülen, kein Sturm kann einen Bußfertigen von den Klippen dieses Felsen stürzen. In den Wunden Jesu sind wir vor der Wut Satans in Sicherheit. In unserer Schlacht gegen Satan brauchen wir keine andere Artillerie als das Sühneblut. Es trifft und besiegt ihn an allen Stellen.

Die andere Waffe dient zur Verbreitung des Evangeliums und schlägt den Teufel in seiner Macht, die er über unsere Mitmenschen ausübt. Die Heiligen überwinden ihn durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses. Nun, meine Brüder, was ist das Zeugnis der Heiligen? Es ist ein Zeugnis über das Blut des Lammes. Wann immer wir Satan in dieser Welt überwinden wollen, müssen wir das Sühungsblut verkündigen. In dem Maße, in dem die Lehre der Sühne in der Kirche verdunkelt wurde, in demselben Maße ist die Vollmacht der Kirche geschwunden. Und anders herum gilt: Wenn die Rechtfertigung durch Glauben an Jesus klar verkündet wird, dann tritt die Gemeinde in ihrer Herrlichkeit zutage und zertritt des Drachen Haupt. Liebe Brüder, wenn ihr Seelen aus der Macht Satans retten wollt, dann müsst ihr das Opfer Jesu verkündigen und seine Macht, Sünden wegzunehmen. Wenn der Satan die Menschen kettet mit Trunkenheit, Unreinheit oder Selbstgerechtigkeit, dann verkündet, dass das Blut Jesu der einzige Weg zum Heil ist. Zeigt den Sündern, wie die Sünde in Christus gestraft wurde und wie bereit der Herr ist, ihnen zu vergeben. Dann erden sie aufstehen und sich zu ihrem Vater begeben. Sagt ihnen, dass Gott ihre Sünden fortschaffen kann, weil Jesus gestorben ist. Dann wird der Sünder von Buße berührt, vom Heiligen Geist belehrt und aus dem Machtbereich des Teufels befreit werden. Wenn dieser Sünder vor Verzweiflung zittert und von seinem Gewissen verklagt wird, das ihn wie ein großer roter Drache in Schrecken versetzt, dann kannst du ihn trösten durch die alte, uralte Geschichte von Gottes erlösender Gnade und seiner Liebe, die seinen Sohn in den Tod gab. Das Blut Jesu ist das Gegenmittel für Verzweiflung. Es gibt keine andere Waffe wie das Zeugnis von dem reinigenden Blut, mit dem alle Mutlosigkeit aufgelöst wird. Sag dem Sünder, dass es keine von Menschen begangene Sünde gibt, die das Blut Jesu nicht abwaschen könnte. Geh bis an die Pforten der Hölle mit deinem Zeugnis der Vergebung durch das Blut, und dort wirst du jemanden finden, der dankbar ist, dass ihm dort am Rande des Verderbens geholfen wird. Sag den Dieben im Gefängnis und den zum Tode verurteilten Kriminellen und allen Schurken auf ihren Sterbebetten, dass ein Blick auf den Gekreuzigten immer noch Leben geben kann. Dann wirst du sie aus ihrer Herzenshärtigkeit retten, die ihnen sagt, es gäbe keine Hoffnung. Wenn Satan Sünder mit falschen Hoffnungen verführt und sie auf Priester und Sakramente vertrauen lässt, dann gibt es keinen anderen Weg, Satan zu überwinden, als durch die Verkündigung des Blutes Christi. Ich bin überzeugt, meine Brüder, wenn das Erlösungswerk Christi vor einigen Jahren in den Kirchen Englands klarer verkündet worden wäre, dann würden wir jetzt nicht von diesem wiederbelebten Katholizismus verpestet werden. Doch die Lehre der Erlösung wurde arg mystifiziert und die großartige Lehre des stellvertretenden Opfers wurde hinterm Berg gehalten. Und da die Menschen einen Retter und ein Opfer wünschen, finden sie falsche Retter und Opfer bei den Priestern der römischen und anglikanischen Kirche, wenn wir ihnen nicht den wahren Retter und das wahre Opfer zeigen. Predige unablässig das vollbrachte Opfer, dann muss der Drache fliehen. So wie von St. Patrick gesagt wird, er habe alle Schlangen aus Irland vertrieben, so werden durch Jesus Christus alle Schlangen und ihre Abkömmlinge die Flucht ergreifen, denn sie können nicht die glorreiche Wahrheit des Sühnetodes des Sohnes Gottes ertragen. Erhebe das Kreuz, junger Mann, wenn du an den Straßenecken stehst. Du magst über vieles in Unkenntnis sein, aber kenne die Lehre der Erlösung. Du magst viele Hemmungen haben, aber habe keine Hemmung, den Menschen von Jesus zu erzählen, der für Sünder am Kreuze hing. Mache ihn zum Hauptthema all deiner Gespräche. Wenn du Traktate schreibst und die Offenbarung nicht erklären kannst – was die wenigsten von uns können –, dann erkläre Golgatha, denke viel über Golgatha und Gethsemane nach. „Wenn ich erhöht bin“, sagte Christus, „werde ich alle zu mir ziehen.“ Halte fest am Kreuz, es ist die Hauptattraktion, es ist der Baum, dessen Blätter zur Heilung der Nationen sind, es ist die zentrale Sonne des Evangeliums und sein Licht – und nur sein Licht – wird die Finsternis vertreiben. Israel kam erst aus Ägypten, als das Blut des Lammes auf den Türsturz und die Pfosten gestrichen war. Sie überwanden durch das Blut des Lammes. Die Welt der Sünde wird niemals bekehrt sein, wenn wir nicht das größte aller Wunder verkünden: das Passahlamm und das Blut, das im Glauben an die Tür gestrichen wurde. Lasst uns umso mehr die Erlösung durch das geschlachtete Lamm verkünden und dadurch die Macht Satans bis auf die Grundfeste erschüttern.


III. Sie alle kämpften mit demselben Geist

Noch eine letzte Bemerkung, bevor ich schließe: Sie kämpften nicht nur alle mit denselben Waffen, sondern auch mit demselben Geist, denn wir lesen: „Sie haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod“ (Offb 12,11). Was bedeutet das? Ich wünschte, wir könnten dahin gelangen und es durch unser Leben deuten.

Der Begriff drückt unerschrockenen Mut aus. Sie fürchteten sich niemals vor der Lehre von dem Blutenden Heiland, noch schämten sie sich zu rufen: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Lasst uns niemals beschämt über unsere Hoffnung sein. Heute ist man so erpicht auf rhetorisch anspruchsvolle Predigten, man liebt Wortspielereien und neue Theorien; aber lasst uns Narren um Christi Willen sein und am alten Evangelium festhalten. In unserem Kampf tragen wir keinen anderen Banner als nur die erhöhte eherne Schlange, Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt. Lasst uns niemals Hohn und Spott nachgeben. Manche von uns sind als alte Puritaner karikiert worden. Ja, der ehrbare Titel „Ultimus Puritanorum“, der letzte Puritaner, ist uns verliehen worden. Das ist gut so, wir wollen keine höhere Auszeichnung, denn die alte Theologie ist uns sehr lieb. Wir bekennen Farbe. Das Erlösungsblut ist das Leben, die Seele und das Herz unseres Dienstes, und das wird so sein, solange wir leben.

Diese Menschen hatten nicht nur unerschrockenen Mut, sondern auch unerschütterliche Treue. Sie „liebten ihr Leben nicht bis in den Tod“. Sie erachteten es besser zu sterben, als den Glauben zu leugnen. Sie waren weder bestechlich noch käuflich, und als es um den Preis ihres Lebens ging, zögerten sie nicht, sondern hielten am Kreuz fest. Meine Brüder, ich wünsche, dass ihr alle dies tut, dass ihr den Mut habt, euch zu euren Überzeugungen von Christus zu bekennen und die Treue, um in bösen Zeiten standhaft zu sein.

Darüber hinaus waren sie vollkommen in ihrer Hingabe. „Sie liebten ihr Leben nicht bis in den Tod.“ Sie gaben sich selbst auf, ihren Leib, ihre Seele und ihren Geist, für die Sache, deren Symbol das kostbare Blut ist. Diese Hingabe führte sie zu vollkommener Selbstaufopferung. Kein wahrer Christ zählt irgendetwas als sein Eigentum. Wer wirklich die Kraft des Blutes Christi kennt, der sagt: „Ich gehöre nicht mir selbst, denn ich bin um einen Preis erkauft worden“ (nach 1Kor 6,19-20). Für einen solchen ist es keine Frage der freien Wahl, ob er leben oder sterben sollte, ob er arm oder reich, krank oder gesund, geehrt oder verachtet sein sollte. Er gehört seinem Meister und hat sich ihm vorbehaltlos hingegeben. Er liebt sein Leben nicht bis zum Tod. Ich denke, das ist der Geist, in welchem das Evangelium Christi verkündet werden sollte. Meine Brüder, wir werden das Evangelium erst dann auf dem Vormarsch und den Drachen besiegen sehen, wenn wir es in diesem Geist vorbringen. Wenn Gott unter uns Männer und Frauen aufstehen lässt, die nur dazu leben, um die Kraft des Blutes Jesu zu beweisen und für nichts anderes leben, die den Heilandsnamen verkünden und in ihrem Leben zeigen, was das Blut für sie getan hat, und die bereit sind zu sterben und ihren Herrn zu verherrlichen, dann werden die Zeiten kommen, da das Siegeslied erklingen wird. Dann wird die Frau, die in Geburtswehen schreit, ihren Lohn bekommen, und dann wird der Drachen mit ewiger Schande bedeckt sein. Möge Gott euch heute Morgen segnen und euch die Kraft des Blutes kennen lassen, in Jesu Namen, Amen.


Übersetzung: Doris Jording, Hans-Werner Deppe
© Betanien Verlag, 2006

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Vom unfreien Willen

Martin Luther
Vom unfreien Willen

Paperback, 341 Seiten
erschienen am 15.12.2016

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