Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps50

Beitragvon Jörg » 20.04.2021 12:47

16. Aber zum Gottlosen spricht Gott:
Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund,
17. so du doch Zucht hassest
und wirfest meine Worte hinter dich?
18. Wenn du einen Dieb siehest, so läufest du mit ihm
und hast Gemeinschaft mit den Ehebrechern.
19. Deinen Mund lässest du Böses reden
und deine Zunge treibet Falschheit.
20. Du sitzest und redest wider deinen Bruder;
deiner Mutter Sohn verleumdest du.
21. Das tust du, und ich schweige:
da meinest du, ich werde sein gleich wie du. Aber ich will dich strafen und will dir’s unter Augen stellen.


Nun wendet sich der HERR an diejenigen unter seinem Volk, welche offenkundig gottlos sind. Solche Leute gab es sogar unter den Würdenträgern des Heiligtums. Traf schon sittlich ehrbare Formendiener scharfer Tadel, wieviel mehr diese sittenlosen Leute, welche trotz all ihrer Lasterhaftigkeit mit dem Himmel in Gemeinschaft zu stehen behaupten. Wenn der Gottesdienst der Anständigeren und Tugendhafteren wegen des Mangels an Innerlichkeit seinen Zweck nicht erreichen konnte, wieviel mehr müssen die vorsätzlich verübten Gesetzesübertretungen der Gottlosen deren Opfer völlig wirkungslos machen!

16. Aber zum Gottlosen spricht Gott. An die Übertreter der Gebote der zweiten Tafel wendet er sich jetzt, nachdem er zuerst zu denen gesprochen hat, welche die der ersten Tafel vernachlässigen. Was verkündigest du meine Rechte, oder: Was hast du meine Anordnungen herzuzählen? Ihr verletzt offenkundig mein Sittengesetz und eifert trotzdem gewaltig für meine zeremoniellen Gebote! Was habt ihr damit zu schaffen? Was für ein Interesse könnten sie für euch haben? Wie, ihr wagt es, andere mein Gesetz zu lehren, während ihr selbst es entweiht? Welche Anmaßung, ja Gotteslästerung, selbst wenn ihr euch dabei auf euer Vorrecht als Kinder Levis beruft! Eure Gottlosigkeit macht euch zu meinem Dienst noch viel untüchtiger, als wenn ihr ein körperliches Gebrechen hättet; euer profaner Sinn stößt euch aus dem Erbe und nimmt euch das Recht der Sukzession (der erblichen Nachfolge im Amt). Euer Sündendienst sollte euch im Gottesdienst Schweigen auferlegen, und das wäre auch der Fall, wenn mein Volk so geistlich gesinnt wäre, wie ich es haben möchte; denn dann würden sie sich weigern, auf euch zu hören und euch den Anteil an zeitlichen Gütern zu geben, der nur meinen treuen Knechten zukommt. Ihr zählt eure heiligen Tage auf, ihr streitet für die Kirchengebräuche, ihr kämpft um Äußerlichkeiten und lasst dahinten das Schwerste im Gesetz! Ihr verblendeten Leiter, die ihr Mücken seihet und Kamele verschlucket! (Mt. 23,24.) Eure Heuchelei steht euch auf der Stirn geschrieben und ist allen offenbar. Und nimmst meinen Bund in deinen Mund. Ihr schwatzt davon, dass ihr mit mir im Bunde stehet, und tretet doch meine Heiligkeit mit Füßen, wie die Schweine Perlen zertreten! Meint ihr, ich werde solches dulden? Eure Mäuler sind voller Lüge und Verleumdung, und dazu nehmt ihr meine Worte in den Mund, als vertrüge sich beides ganz trefflich! Welch schreckliches Übel ist es doch, dass wir es bis auf diesen Tag sehen müssen, wie sich gewisse Leute als Lehrer der göttlichen Wahrheit aufspielen, die doch Gottes Gebote verachten! Sie machen aus der Gnade einen Deckmantel der Sünde und halten sich für gesund im Glauben, obgleich ihr Leben faul ist bis ins Mk. So gut wie die Lehre von der Gnade brauchen wir aber die Gnade, von der die Lehre handelt und welche erst zum Lehren derselben befähigt. Ohne diese ist auch ein Apostel nur ein Judas und ein noch so orthodoxer und wohlberedter Prediger ein Erzfeind des Kreuzes Christi.

17. So du doch Zucht hassest. Solch ungeistliche Maulchristen sind oft viel zu weise um noch etwas zu lernen, allzu betört vom Selbstbetrug, als dass sie von Gott belehrt werden könnten. Was für eine Ungeheuerlichkeit ist es doch, dass solche Leute sich erdreisten die göttlichen Ordnungen zu lehren, welche sie selbst mit dem Herzen nicht kennen und mit dem Leben offen verleugnen. Ja, wehe den Menschen, welche selber die Unterweisung hassen, die sie andern zu geben sich anmaßen. Und wirfest meine Worte hinter dich. Sie verachten sie, werfen sie als etwas Wertloses weg, tun sie wie etwas Schädliches aus den Augen. Viele, die sich des Gesetzes rühmten, waren tatsächlich in ihrem Leben Gesetzesverächter. Und auch in diesen letzten Tagen gibt es der Leute genug, welche sich aus Gottes Wort auslesen und auswählen, was ihnen gerade passt, aber die sittlichen Forderungen der Schrift nicht ertragen können; sie haben an allem, was Pflicht heißt, einen Ekel, sie verabscheuen alle Verantwortlichkeit, und zu dem Ende verstehen sie es, solche Schriftstellen, die ihnen unbequem sind, ihrer schlichten Bedeutung zu entkleiden und die darin enthaltenen Wahrheiten zu ihrem eigenen Verderben zu verdrehen. Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn ein Mensch nicht wagen darf der Schrift ins Angesicht zu sehen, und es beweist eine heillose Unverschämtheit, wenn man versucht, das Verdammungsurteil des Wortes Gottes über seine eigene Sünde zu mildern, und sich Mühe gibt zu beweisen, die Bibel nehme es mit ihren Anforderungen nicht so genau. Wie unwiderleglich ist diese Beweisführung, dass solche Leute kein Recht haben, den Bund Gottes in den Mund zu nehmen, deren Leben nicht von seinem Geiste geleitet wird!

18. Wenn du einen Dieb siehest, so läufest du mit ihm, oder (nach der Masora): so hältst du es mit ihm.3 Sittliche Ehrbarkeit kann da nicht fehlen, wo wirklich Gnade im Herzen ist. Wer die Kniffe anderer entschuldigt, beschuldigt sich selbst; und wer vollends andere dazu benutzt, dass sie ungerechte Handlungen zu seinem Vorteil begehen, verfällt zwiefach dem Gericht. Ein Mensch sei noch so religiös, wenn sein ganzer Handel und Wandel nicht einen stillen Tadel gegen jede Unehrlichkeit enthält, so ist er selber ein Diebsgeselle. Wenn wir in irgendetwas Krummes einwilligen können, so sind wir selbst unaufrichtig, und unsere Frömmigkeit ist eine Lüge. Und hast Gemeinschaft mit den Ehebrechern. So übertreten also die Sünder in Zion eine der sittlichen Vorschriften nach der andern. Unter dem Deckmantel der Frömmigkeit verbergen sie ihr unreines Leben. Gemeinschaft mit den Ehebrechern betätigen wir schon, wenn wir zu unkeuschen Scherzen lächeln, unziemlichen Reden unser Ohr leihen und gegen Menschen, die sich in unserer Gegenwart zuchtlos benehmen, Nachsicht üben. Wenn wir aber so handeln, wie können wir es wagen, zu predigen oder der Gemeinde im Gebet voranzugehen, ja auch nur den Christennamen zu beanspruchen? Man beachte, wie genau der HERR unsere Rechtschaffenheit mit seinem Richtblei untersucht. Wie klar geht aus dem allem hervor, dass ohne Heiligung niemand den HERRN sehen wird! Nichts, weder die skrupulöseste Beobachtung frommer Gebräuche noch die Orthodoxie und Schriftmäßigkeit unseres theologischen Systems können Unehrlichkeit und Unkeuschheit zudecken; von diesen schmutzigen Dingen müssen wir uns entweder durch das Blut Jesu läutern lassen, oder sie werden ein Feuer des göttlichen Zornes entflammen, das bis zum Höllengrund brennen wird.

19. Deinen Mund lässest du ungezügelt4 Böses reden. Nun werden die Sünden wider das neunte (achte) Gebot aufs Korn genommen. Wer sich gewohnheitsmäßig dem Verleumden hingibt und sich trotzdem dem Volke Gottes zugesellt, ist ein gemeiner Heuchler. Die Gesundheit eines Menschen wird vom Arzt leicht nach der Zunge beurteilt. So zeigt auch im Geistlichen die Zunge an, was im Innern ist. Ein loses Maul, ein loser Mensch. Es gibt Leute, die andere fast bei jedem Atemzug verunglimpfen und sich dennoch als Säulen der Kirche und als Verfechter oder gar Vorkämpfer für die Lehre von der Heiligung gebaren. In was für Tiefen des Bösen mögen die nicht geraten, welche sich daraus ein Vergnügen machen, Böses mit ihren Zungen zu verbreiten? Und deine Zunge treibet (Grundtext: flicht) Falschheit oder Betrug. Damit ist ein noch schlimmerer Grad dieser Sünde gemeint, das absichtliche und vorbedachte Verleumden, wo man mit List und Geschick falsches Zeugnis aufbringt und die Entehrung anderer methodisch betreibt. Manche Menschen haben es im Verleumden zu einer fast genialen Fertigkeit gebracht, und ach, unter diesen sind sogar Leute, die als Nachfolger des Herrn Jesus gelten! Sie stellen die Lügen fabrikmäßig auf ihrem vom Teufel patentierten Webstuhl her und treiben dann in jeder Gesellschaft mit ihrer Ware Handel. Sollten solche Menschen bei Gott angenehm sein? Wenn sie auch ihren Reichtum auf den Altar legen und von der Wahrheit und dem Weg zur Seligkeit noch so beredt reden, wäre es möglich, dass sie in seinen Augen Gnade fänden? Wir würden den Heiligen lästern, wenn wir das dächten. Sie sind verderbt in seinen Augen und ein Gestank in seiner Nase. Der HERR wird alle Lügner in die Hölle werfen. Mögen sie predigen und beten und opfern, soviel sie wollen, solange sie nicht wahrhaftig werden, verabscheut der Gott der Wahrheit sie aufs äußerste.

20. Du sitzest und redest wider deinen Bruder. Er setzt sich dazu hin, macht es zu seiner liebsten Beschäftigung, zu seinem Studium, zum Gegenstand seines Sinnens und seiner Entschließungen und wird so endlich ein Meister in der Beschimpfung anderer und führt den Vorsitz in der Gesellschaft der Verleumder. Sein bester Freund ist nicht sicher vor ihm, seine nächsten Verwandten kommen nicht ungeschoren durch. Deiner Mutter Sohn verleumdest du. Selbst über den redet er Übels, den er am meisten lieben sollte. Das verwandtschaftliche Verhältnis zu dem Sohn der eigenen Mutter war für den Orientalen bei der herrschenden Vielweiberei ein besonders inniges; der elende Verleumder kennt aber keine Rücksicht auf die Bande des Bluts. Meuchlings bringt er seinem leiblichen Bruder mit dem Dolch seiner Zunge einen Stich bei und sucht dem einen tödlichen Stoß5 zu versetzen, der aus demselben Mutterleib hervorgegangen ist. Dennoch hüllt er sich heuchlerisch in das Gewand der Unschuld und bildet sich wirklich ein, er stehe bei Gott in Gunst und sein gottesdienstlicher Eifer sei dem HERRN wohlgefällig. Ob man denn auch heutzutage noch solche Scheusale von Menschen antrifft? Ach, leider ja; noch immer beflecken sie unsere Gemeinden und sind bittere Wurzeln, Schandflecken unserer Versammlungen, Irrsterne, welchen behalten ist das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit. Vielleicht kommen dem einen oder andern von ihnen diese Zeilen zu Gesicht - ob er sie aber mit Nutzen lesen wird? Ihre Augen sind zu trüb, als dass sie ihren eigenen Zustand erkennen könnten, ihre Herzen sind verstockt, ihre Ohren sind taub geworden. Gott hat sie in kräftige Irrtümer dahingegeben, damit sie der Lüge glauben und der gerechten Verdammnis verfallen.

21. Das hast du getan, und ich habe (bisher) geschwiegen. (Wörtl.) Nicht vernichtete ein schnelles Strafgericht den Sünder - die Langmut waltete über ihm. Es ließ sich weder das Rollen des Donners vernehmen, noch ward ein feuriger Pfeil auf ihn hinabgeschleudert. Da meinest du, ich werde sein (oder besser: ich sei wirklich) gleich wie du. Ganz niederträchtig war der Schluss, welchen der freche Sünder aus der Geduld Gottes zog. Aus Gnaden war seine Hinrichtung noch eine Weile aufgeschoben; er aber hielt diese Verzögerung des Urteils für ein Zeichen, dass sein Richter von der gleichen Art sei wie er selbst. Er brachte Opfer dar und hielt dafür, Gott nehme sie an. Er fuhr fort in der Sünde und blieb ungestraft; deshalb sagte er gerade heraus: "Wozu soll man diesen Narren von Unglückspropheten glauben? Gott kümmert sich nicht darum, wie wir leben, solange wir ihm unsre Zehnten bringen. Er kehrt sich nicht daran, auf welche Art wir ein Geschäftchen machen, wenn wir nur ihm einen Farren opfern." Was bilden sich die Leute nicht alles über Gott ein! Das eine Mal verwandeln sie Jehova, die Herrlichkeit Israels, in ein Gleichnis eines Ochsen, der Gras isset (Ps. 106,20), das andere Mal in ihr eigenes viehisches Ich. Aber ich will dich strafen, dich zur Rechenschaft ziehen. Endlich werde ich dennoch mein Schweigen brechen und dich wissen lassen, wie ich über diese Dinge denke. Und will dir’s unter Augen stellen. Ich will deine Sünden in Schlachtordnung gegen dich aufstellen. Ich will dir die Augen öffnen und sie vor dir aufmarschieren lassen, eine nach der andern, nach ihrer Art und Menge. Du sollst erfahren, dass ich, ob ich auch eine Weile schwieg, doch weder blind noch taub war. Ich will dir das klar vor Augen legen, was du zu leugnen versucht hast, dass du es nimmer leugnen kannst. Ich werde den Gnadenstuhl verlassen und mich auf den Richterthron setzen; da sollst du einsehen, wie groß der Unterschied sei zwischen dir und mir.

Fußnoten
3. Die LXX und andere alte Übersetzungen lasen wohl CrftIfwa von CWr, laufen, danach Luther. Die Vokalisation der Masora dagegen geht auf das Verb h(frf, an jemand Gefallen haben. Die beiden Lesarten sind gleichwertig.

4. hla$f loslassen, Gegensatz von zügeln. Also wörtl.: Deinem Mund lässest du die Zügel schießen im Bösen.

5. ypÆidI eigentl. Stoß, doch nach den Rabbin. bildlich von der (den Nächsten stürzenden) Verleumdung.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps50

Beitragvon Jörg » 24.04.2021 08:17

22. Merket doch das, die ihr Gottes vergesset,
dass ich nicht einmal hinraffe und sei kein Retter da.


O merket doch! Ein Wort dringender Bitte; denn es fällt dem HERRN schwer, sogar den Gottlosesten gegenüber, Menschen ins gewisse Verderben rennen zu sehen. Merket doch das, nehmt diese Wahrheit zu Herzen, sowohl ihr, die ihr euer Vertrauen auf Zeremonien setzt, als ihr, die ihr ein offenbares Lasterleben führt; ihr beide seid ja in einem Stück gleich: ihr vergesset Gottes. Bedenket, wie missfällig ihr in seinen Augen seid, und bekehret euch zum HERRN. Erkennet, wie ihr des Ewigen gespottet habt, und traget Leid über eure Sünden. Dass ich nicht einmal hinraffe, so rasch, gewaltig und unwiderstehlich, wie ein Löwe seine Beute erfasst und in Stücke reißt, und sei kein Retter da, kein Heiland, keine Zuflucht, keine Hoffnung! Ihr verwerft jetzt den Mittler; seht wohl zu, was ihr tut, denn ihr werdet ihn schwer vermissen am Tage des Zorns, und es wird kein anderer da sein, um für euch zu bitten. Wie schrecklich, wie umfassend, wie peinlich und schmachvoll wird die Verdammnis der Gottlosen sein! Gott nimmt keine süßen Worte in den Mund und gebraucht keine sammtweichen Umhüllungen, und auch seine Knechte dürfen das nicht tun, wenn sie von dem kommenden Zorn reden. O mein Leser, bedenke dies!

23. Wer Dank opfert, der preiset mich;
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.


Wer Dank opfert, der preiset (wörtl.: ehret) mich. Lobpreis ist das beste Opfer; nämlich aufrichtiger und herzinniger Dank aus einem erneuerten Gemüte. Nicht das Brüllen an den Altar gebundener Farren, sondern die Lobgesänge erlöster Menschen sind die Musik, an der sich Jehovas Ohr ergötzt. Bringe deine Liebe und Dankbarkeit Gott als Opfer dar, so ehrst du ihn. Und wer (seinen) Weg (recht) richtet,6 dem will ich zeigen das Heil Gottes (Grundtext: den will ich seine Lust sehen lassen an dem Heil Gottes). Ein heiliger Wandel ist ein vortrefflicher Erweis des erfahrenen Heils. Wer seinen ganzen Weg der göttlichen Leitung unterstellt und darauf bedacht ist, mit seinem Leben Gott zu ehren, der bringt ein Opfer dar, welches Gott durch seinen lieben Sohn annimmt; und ein solcher wird immer mehr zunehmen an Erkenntnis und Erfahrung des Heils des HERRN. Auch er braucht Heil, Rettung, denn die beste Ordnung unsers Lebens kann uns nicht retten; aber ihm wird dies Heil zuteil. Nicht dem Zeremonieneifer, nicht unreinem Lippendienst ist der Segen verheißen, sondern dem dankbaren Herzen und heiligen Wandel.
Lass uns, o HERR, im Gericht auf der Seite derer stehen, deren Anbetung dir wohlgefällig gewesen ist und die dein Heil erfahren haben und sich mit stets zunehmender Wonne ewiglich an deinem Heil weiden!

Erläuterungen und Kernworte

Zu den Asaphpsalmen. Dass Asaph auch Psalmendichter gewesen, bestätigt die Geschichte. Denn Hiskia brachte laut 2. Chr. 29,30 die "Worte Davids und Asaphs" wieder in gottesdienstlichen Gebrauch. Und im Buch Nehemia werden David und Asaph als Häupter der Sänger in Israels Vorzeit nebeneinandergestellt.
Es ist ein eigentümlicher Psalmentypus, welcher in den 12 Psalmen mit der Aufschrift "des Asaph", Ps. 50; 73-83, vorliegt. Sie sind sämtlich elohimisch. Neben Elohim sind Adonai und El beliebt, und mit besonderer Vorliebe wird auch Eljon (der Höchste) gebraucht. Von zusammengesetzten Gottesnamen ist ihnen im Psalter El Elohim Jahve (nur noch Jos. 22,22) und überhaupt in der alttestamentlichen Schrift Elohim Zebaoth ausschließlich eigen. Inhaltlich unterscheiden sie sich von den korahitischen Psalmen durch ihren prophetisch-richterlichen Charakter. Wie bei den Propheten wird Gott häufig redend eingeführt; wir treffen auf ausführliche prophetische Gemälde der Erscheinung Gottes des Richters mit ziemlich langen ritterlichen Ansprachen, Ps. 50; 75; 82. Der visionäre Charakter der asaphischen Psalmen hat zur Kehrseite den historischen; wir begegnen öfter schildernden Rückblicken auf urgeschichtliche Tatsachen, Ps. 74,13-15; 77,15 ff.; 80,9-12; 81,5-8; 83,10-12; und Ps. 78 ist ganz damit beschäftigt, der Gegenwart den Spiegel der alten Volksgeschichte vorzuhalten. Liest man die 12 Asaphpsalmen hintereinander, so wird man außerdem die auffällige Eigentümlichkeit merken, dass hier häufiger als sonst Josephs und der josephitischen Stämme Erwähnung geschieht, Ps. 77,16; 78,9.67 f.; 81,6; 80,2 f., und nicht minder eine andere, dass nämlich das Wechselverhältnis Jahves zu Israel am liebsten unter dem Bilde des Hirten und der Herde aufgefasst wird, Ps. 74,1; 77,21; 78,52.70-72; 79,13; 80,2; Auch sonst gefallen sich diese Psalmen darin, mit den mannigfachsten Benennungen des Volkes Gottes zu wechseln. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Zum ganzen Psalm. Der Psalm ist voll evangelischer, protestantischer Wahrheit, das Programm der Reformation. Prof. Johannes Wichelhaus † 1858.

Psalm 50 gilt uns als ein asaphischer Originalpsalm. In Prophetenweise wird hier die doppelte Wahrheit vorgetragen, dass Gott Tieropfer ohne das Herzensopfer des Gebets nicht mag und dass das Bekenntnis zu seinem Worte ohne das Leben nach seinem Wort ihm ein Gräuel ist. Es ist derselbe Grundgedanke, welcher Ps. 40,7-9; 69,31 f.; 51,18 f. ausgesprochen wird und der Ps. 24 (1-6) und Ps. 15 unterliegt, - alles Nachklänge des großen Wortes Samuels 1. Samuel 15,22, des Vaters der Psalmenpoesie. Dass diese Verwerflichkeit herzlosen Werkdienstes gerade in der davidischen Zeit so vielstimmig betont wird, kann nicht befremden; die Nichtigkeit des opus operatum ist ja auch weiterhin das Losungswort der Propheten in Zeiten, wo wohlgeordneter, gesetzmäßiger Kultus in Juda herrschend ist. Auch das darf nicht befremden, dass Asaph, der Levit, der bei dem Heiligtum auf Zion angestellt war, sich so ausspricht; denn auch Jeremia war Levit und sogar Kohen (Priester), und doch hat niemand ein kühneres, schneidenderes Wort gegen den äußerlichen Opferdienst gesprochen, als er Jer. 7,22 f. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 2. Gott strahlt hervor. Die eigentliche Bedeutung des hebr. Zeitworts ist: aus der Ferne und Höhe Strahlen werfen, glänzen, leuchten. "Es ist ein Wort von hohem Klang und wird immer von prachtvoll glänzendem Licht gebraucht," sagt Albert Schultens († 1750). Offenbar deutet es hier auf das glänzende Sinnbild der göttlichen Gegenwart wie in 5. Mose 33,2, wo es heißt, Gott sei hervorgebrochen oder vielmehr hervorgestrahlt vom Berge Pharan. Es bezieht sich demnach auf die Wolken- und Feuersäule, den Thronsitz der göttlichen Majestät, die auf dem Berge Sinai, über der Stiftshütte und dem Allerheiligsten des Tempels zu sehen war. Herm. Venema † 1787.

V. 3. Unser Gott kommt und schweiget nicht. Jetzt schweigt er; er schweigt als Richter, aber nicht als Ermahner. Denn was sind die Evangelien, was die Stimmen der Apostel, die Gesänge der Psalmen und die erhabenen Weissagungen der Propheten? Fürwahr, in diesen allen ist Christus nicht untätig, nicht schweigsam. So hält er an sich mit der Rache, schweigt aber nicht mit Warnungen. Er wird aber kommen in blendender Herrlichkeit, um Rache zu nehmen, und dann werden ihn alle sehen, auch die jetzt nicht an ihn glauben. Aurelius Augustinus † 430.

Fressend Feuer usw. Wie Gott im Feuer und Wetter das Gesetz gab, so wird er es auch einst im Feuer und Wetter fordern. John Trapp † 1669.

V. 4. Er rufet Himmel und Erde, damit diese stummen Werke der Schöpfung als sprechende Beweise gegen sein unwürdiges Volk auftreten und Zeugen seines gerechten Verfahrens gegen sie werden. Siehe 5. Mose 32,1; Jes. 1,2; Micha 6,2. Die chaldäische Paraphrase lautet: Er wird die hohen Engel droben und die Gerechten auf der Erde unten rufen. John Trapp † 1669.

V. 5. Versammelt mir meine Heiligen, die Gegenstände meines Erbarmens, diejenigen, welche ich berufen, ausgesondert und als mein Eigentum bezeichnet habe. Das Wort "Heilige" beschreibt hier aber ein Verhältnis und nicht eine innere Eigenschaft. - Die den Bund mit mir gemacht haben beim Opfer. Diese Bezugnahme auf den feierlichen Vorgang am Sinai, da der Bund beim Opfer geschlossen wurde (2. Mose 24,4-8), zeigt deutlich, dass das Folgende das dem alttestamentlichen Haushalt wesentliche Symbol nicht umstoßen sollte. Joseph Addison Alexander 1850.

Die Beklagten, welche vor das göttliche Tribunal gebracht werden sollen, werden mit Namen genannt, welche, ohne dass diesen ihr innerer Zustand entspricht, das Verhältnis ausdrücken, in welches sie Gott zu sich gestellt hat. (Vergl. 5. Mose 32,15; Jes. 42,19.) Dieser Widerspruch des Verhältnisses und Verhaltens gibt eine unbeabsichtigte bittere Ironie. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 8. Deines Opfers halben strafe ich dich nicht. Nicht wegen Vernachlässigung der Opfer, sondern weil du dich auf sie verlässt, weil du an der Rinde hangen bleibst und mir die bloße Schale ohne Kern darbringst, weil du nicht an den rechten Gebrauch und Zweck denkst, sondern dir an dem äußerlich vollbrachten Werk genügen lässt. John Trapp † 1669.

Genau denselben Vorhalt musste unser Herr den Pharisäern seiner Tage machen, dass sie so großes Gewicht auf die äußerliche Beobachtung der Gebote und Aufsätze legten, auf das Waschen der Geräte, das Verzehnten von Minze, Dill und Kümmel, die Aufsehen erregende Erfüllung zeremonieller Vorschriften vor den Augen der Leute, die Aufbauschung des Formenwesens, so dass dieses die innerliche Frömmigkeit mehr und mehr überwucherte und erstickte. Und sehen wir nicht das gleiche in unseren Tagen, dass man das Wesen der Religion in Äußerlichkeiten legt, bis auf die Kleidung des Predigers, das Beugen der Knie und andere Gebärden? Als ob das Äußerliche, das Materielle an der Kirche alles wäre und Gott nicht ein Geist, der will, dass, die ihn anbeten, es im Geist und in der Wahrheit tun; als ob das Gold und die Zierate am Tempel weit wichtiger wären als der verborgene Mensch des Herzens! Barton Bouchier 1855.

Fußnote
6. Luther las mit LXX und Syr. M$f statt M&f. - Nach Jes. 43,19 heißt KredIe MW& einen Weg anlegen oder zurichten. Von dieser Bedeutung aus kommen etliche, so auch die engl. Bibel, zu der in der Auslegung gegebenen Übersetzung, die einen sehr passenden Sinn gibt, da sich dann die zweite Vershälfte auf die V. 16-22 Angeredeten beziehen würde, wie die erste auf die in V. 7-15 Angeredeten. Doch könnte man dann OkIr:dIa, seinen Weg, erwarten. Delitzsch und andere fassen KredIe M&fw: als Fortsetzung des vorhergehenden: und der bahnt einen Weg, dass ich usw. Diese Übers. stimmt dem Sinne nach mit Luther überein.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps50

Beitragvon Jörg » 27.04.2021 07:20

V. 12f. Wenn wir insgeheim irgendwelchen religiösen Handlungen und Werken einen verdienstlichen Wert beimessen, so dass Gott dadurch unser Schuldner wird, so zeigen wir damit, dass wir im Grunde geringschätzig von Gott denken. Als ob unsere Andacht die Seligkeit des allein seligen Gottes vermehren könnte! Dienen wir doch mit unseren Gottesdiensten vielmehr uns selbst und mehren dadurch unser eigenes Glück, nicht das Gottes. Diese Meinung, als erwürben wir uns durch Beten, Singen, Opfer usw. ein Verdienst bei Gott, ist ein Grundfehler des Menschen. Eine geheime Selbstgefälligkeit verleitet uns, nach irgendeiner gottesdienstlichen Übung zu denken, nun müsse uns Gott entsprechend dafür entschädigen, weil wir ihm ja genutzt haben. Unser Vers weist uns auf den unendlichen Reichtum Gottes hin, dessen unermessliche Bedeutung wir vollständig verkennen, wenn wir meinen, er bedürfe etwas von uns, er habe unsre Opfer und Gottesdienste irgendwie nötig und werde uns deshalb durch unsere Anbetung verpflichtet. Jedes Verdienst, jeder Lohn setzt ja eine geistige oder natürliche Unzulänglichkeit der Person voraus, bei der wir etwas verdienen, indem wir etwas für sie tun, das sie nicht oder wenigstens nicht so gut selber tun könnte. Dasselbe ist bei unserm Murren über Gottes Führungen der Fall, wenn wir diese als eine Reihe widriger Verfügungen der göttlichen Vorsehung ansehen und meinen, wir hätten durch unser Verhalten etwas Besseres von ihm verdient. So sind wir auch im Glück leicht geneigt insgeheim zu denken, Gott sei uns diese Freuden schuldig, statt dass wir sie als freie Gaben seiner Güte ansehen. So kommt es, dass die Menschen im Allgemeinen noch eher ihre Sünden als ihre Selbstgerechtigkeit fahren lassen und geneigt sind, die Seligkeit als eine Schuld Gottes an sie einzufordern, statt sie als eine Gabe der göttlichen Gnade zu erbitten. Stephen Charnock † 1680.

Wo mich hungerte. Die heidnischen Opfer wurden als Festmahle der Götter angesehen. Daniel Creßwell † 1844.

V. 14. Der Ausdruck "Bezahle dem Höchsten deine Gelübde" wird sich, da hier überhaupt nicht Unterlassen des Opfers gerügt wird, vergl. V. 8, nicht auf gewöhnliche Gelübdeopfer, sondern nur auf das eine große, immer wieder zu bringende (darum Plural) Gelübdeopfer beziehen, das Israel am Tage der Bundesschließung gelobt hatte: Alles, was Jahve befohlen hat, wollen wir tun und gehorchen, vergl. 2. Mose 24,3.7; - also auf Gehorsam. Dank, Gehorsam und Bitte sind also, was Gott fordert, aber nicht anstatt der Opfer, sondern als Kern und Inhalt derselben. Er will diese Dinge durch die Opfer ausgedrückt und gleichsam verkörpert wissen und fordert sie deshalb mit Ausdrücken, welche der Opfersprache entlehnt sind. G. T. 1881.

V. 15. Rufe, sagt er; spricht nicht: Laufe hie, laufe da, tue dies, tue das. Klage mir’s doch und rufe mir, will ich’s doch gern tun. Man soll Anfechtung und Unglück nicht im Herzen behalten, sondern von sich werfen und zu Ihm fliehen. Er heißt Wohltäter zur rechten Zeit. Denn Gott pflegt also zu handeln, dass er schlägt, ehe er heilt, tötet, ehe er lebendig macht, stößt in die Hölle, ehe er gen Himmel hilft, lässt uns anfechten und wohl ganz erliegen, ehe er uns tröstet. Das tut er alles darum, dass wir Ursache haben, zu ihm zu schreien und rufen, seufzen und sehnen, um Hilfe und Trost bitten. Er will uns erretten. Wo die Sprüche nicht wären, wer wollte und könnte beten? Wo wir aber nicht hören sein Gebot, so höret er unser Gebet nicht. Martin Luther †1546.

Dies alte gute Wort wird wohl seinen Wert und seine Kraft behalten. Erfahrungen gelten hier mehr als Theorien. Oft versperrt der Scharfsinn und der Dünkel der Theorie der Erfahrung den Weg, namentlich in jungen Jahren. Ich möchte das nicht verschulden. Heilige Dinge wollen mit frommem Zartsinn behandelt sein. Friedrich Wilhelm III., nach Bischof R. F. Eylert † 1858.

Diese Aufforderung zum Bitten mit der folgenden Verheißung ist dem Ring zu vergleichen, den die Königin Elisabeth dem Grafen von Essex gab mit dem Befehl, ihr diesen Ring zu senden, wenn er in irgendwelche Not komme. George Swinnock † 1673.

Der HERR hat verheißen, seine Kinder mit allem, was ihnen frommt, zu versorgen; doch will er gebeten sein. Er gibt selbst den jungen Raben Speise, die ihn anrufen (Ps. 147,9). Aber auch die jungen Raben rufen ihn zuerst an. Gott versagt seine Gaben denen, die nicht Bitten, sagt Augustinus († 430). damit sie nicht etwa solchen zukommen, die sie gar nicht begehren. Thomas Adams 1614.

V. 16. Aber zum Gottlosen spricht Gott usw. Origenes, der große Alexandriner, soll auf einer Reise in Jerusalem in Tränen ausgebrochen sein, als er im öffentlichen Gemeindegottesdienste über diese Stelle sprechen sollte. Nach Bischof Epiphanius † 403.

Die mittelalterlichen Ausleger erinnern hier, darin dem Origenes († 258) folgend, an das, was Gott im Gesetz in Betreff der Aussätzigen geboten hatte, dass sie nämlich die Lippen verhüllt haben mussten. (3. Mose 13,45) Wer selbst unreiner Lippen ist, sehe wohl zu, dass er nicht andere lehre. Deshalb wollte auch Jesaja nicht den göttlichen Auftrag ausführen, ehe seine Lippen mit der Kohle vom Altar berührt waren. James Millard Neale 1860.

Weil es dir nun an einem rechtschaffenen Wandel fehlt, so höre (nach Ps. 50,16) auf, zu disputieren, damit du nicht etwa Schuld daran habest, dass die Lehre unterliegen müsse, weil ihrer viele über die Sachen aus dem Zustand derer zu urteilen pflegen, welche sie vorbringen. Abt Isidor von Pelusium (am Nil) † 440 an den Diakon Chäremon.
Für wen anders ist der Bund denn gemacht als für die Gottlosen, denen er Gnade und volle Vergebung entgegenbringt? Wie kann denn Gott zu ihnen sagen: Was nimmst du meinen Bund in den Mund? Dies wird durch das Folgende erklärt: So du doch Zucht hassest. Als ob Gott sagen wollte: Du Gottloser nimmst deine Sünde in Schutz und hältst sie fest, du weigerst dich umzukehren und hassest den Gedanken an eine Besserung; was machst du dir denn mit meinem Bunde zu schaffen? Lass deine schmutzigen Hände davon! Wer sich vornimmt, an seiner Sünde festzuhalten, hält sich umsonst an den Bund, oder vielmehr, er hat ihn schon fahren lassen, während es noch den Anschein hat, als halte er sich daran. Wehe denen, welche um Gnade bitten und doch den Gehorsam nicht lernen wollen. Joseph Caryl † 1673.

Wie es sich nicht reimt, einem Narren Ehre anzutun (Spr. 26,1), so fordert die göttliche Weisheit von uns, erst den alten Menschen abzulegen, ehe wir das hohe Amt auf uns nehmen, Sünde zu strafen, eine Aufgabe, die wie keine zweite Gott Ehre macht und den Menschen nützt. Können auch schmierige Spülmägde vor Königen stehen oder kann man Gassenkehrer zu Botschaftern und Gesandten gebrauchen? Schickt ein Fürst unreine Tiere, um die Zeichen seiner königlichen Gunst zu übermitteln, oder sind Schweine brauchbar, um Perlen auszuteilen, ja, die reichsten Perlen aus Gottes königlichem Wort? Niemand lässt sich so etwas träumen! Ebenso kann sich auch niemand für geeignet oder beauftragt halten Sünden zu strafen, bis er selbst gewaschen und geheiligt ist durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi und den Geist unsers Gottes. Daniel Burgeß † 1713.

Wenn ein Prediger das nicht tut, was er lehrt, ist er verächtlich, ja lächerlich; gleich jenem Apotheker, von welchem der griechische Satiriker Luzian erzählt, dass er Arzneien gegen den Husten angepriesen habe und selbst von diesem Übel arg geplagt gewesen sei. Wie kannst du mit frecher Stirn auf der Kanzel stehen, die Gebote Gottes verkündigen und die Aufsicht über die Seelen führen, wenn deine Erbärmlichkeit offen am Tag ist und dein Wandel deine Lehren Lügen straft? Da stiftest du mehr Unheil als hundert andere. William Fenner † 1640.

V. 17. So du doch Zucht hassest. Ein solcher war Ahab. Der konnte sich so fromm stellen; aber da ihn Elia straft, flucht er und trachtet dem Propheten nach dem Leben. Das macht, er war ein Heuchler und wollte für fromm gehalten werden. Aber was rechte fromme Leute sind, die ohne Heuchelei und denen Gottes Wort ein Ernst ist, die können sich wohl strafen lassen und erkennen ihre Sünde wie David. Da ihn der Prophet Nathan straft, ward er nicht zornig, sondern sprach: "Ich habe wider den HERRN gesündigt." Daran erkennt man die, so keine Heuchler sind. Johann Arnd † 1621.

Und wirfst meine Worte hinter dich - mit Verachtung, Ekel und Abscheu. Martin Geier † 1681.

Meine Worte, offenbar die zehn Worte, von denen es oft heißt, dass Gott in ihnen den Bund mit Israel gemacht habe. Herm. Venema † 1787.

V. 18. Man vergleiche Jes. 1,15; Hes. 22,25; Mt. 23,14 und viele Stellen.
So läufest du mit ihm, hilfst ihm seine Beute tragen und entwischen. Sam. Horsley † 1806.

Und hast Gemeinschaft mit den Ehebrechern. Wenn man solchen, die als ausschweifend bekannt sind, ein Gastmahl bereitet, hat man teil an ihren Sünden. Thomas Adams 1614.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps50

Beitragvon Jörg » 01.05.2021 06:47

V. 20. Du sitzest und redest wider deinen Bruder. Man kann Böses reden und tun, während man dasitzt und nichts tut. Joseph Caryl † 1673.

Wenn man nichts sonst zu tun hat, gerät man auf irgendeine Weise in diese Sünde. Beispiel dessen sind viele Tischgespräche. Müßiggang ist auch dieses Lasters Anfang. Samuel Horsley † 1806.

V. 21. Das hast du getan, und ich habe (bisher) geschwiegen. (Grundtext) Weil Gott selten sofort ein Zerstörungsgericht über die Sünder verhängt, folgern die Lästerer in vermessener Weise: "Sollte sich Gott auch um solche Kleinigkeiten kümmern?", wie schon die Heiden von ihrem Jupiter sagten: Non vacat exigius rebis adesse Jovem. Was für eine beschränkte Vorstellung von Gott ist das doch! Obwohl es scheinen mag, dass er auf etwas nicht achte, so entgeht seinen Augen doch nichts. David ließ den Simei nicht auf der Stelle erschlagen; aber fluchen hatte er ihn doch gehört, und die Stunde der Abrechnung kam (1. Könige 2,8 f.; 36-46). Thomas Adams 1614.

Da meinest du, ich werde sein gleich wie du. So groß ist unsere natürliche Blindheit, dass wir solch verkehrte Gedanken von Gott hegen, bis wir mit dem Glaubensauge ein Antlitz im Spiegel seines Wortes erkennen. Deshalb sagt man wohl mit Recht, dass alle Adamskinder geborene Atheisten seien, weil sie die Macht, Gegenwart und Gerechtigkeit des Gottes, den sie mit dem Munde bekennen, mit ihrem Leben verleugnen. In der Tat ist es nur natürlich, dass der Mensch wünscht, Gott seinen Lüsten anzupassen. Die Sünder machen es mit Gott wie die Äthiopier mit den Engeln, die sie mit schwarzem Gesicht malen, damit sie ihnen ähnlich seien. William Gurnall † 1679.

Ich will dir’s unter Augen stellen. Du dachtest, alle deine Sünden seien zerstreut und verweht, so dass kaum eine aufgefunden werden könne; wie nun, wenn sie dir, zu einem Heere vereinigt, entgegentreten! Wenn ein Heer von Schrecken Gottes so fürchterlich ist, was wird erst ein Heer von schwarzen, höllischen Sünden sein, wenn Gott da ein Regiment Schwüre, dort ein Regiment Lügen, dort ein drittes von Betrügereien, da ein Bataillon schmutziger Handlungen und dort eine Legion unreiner oder gemeiner Gedanken alle zumal gegen dein Leben und deinen Frieden kämpfend ins Gefecht führt! Joseph Caryl † 1673.

Es ist für Gott nicht schwerer, in dem vergesslichen Gemüt eines Ungläubigen die Erinnerung wieder anzufachen, als es für ihn war, dieses Gemüt zu erschaffen. William Struther 1633.

O wie hat Gott an den Juden gezeigt, wie er ihren fleischlichen Ruhm und ihr Vertrauen auf das Gesetz, Tempel und Opferdienst so für nichts achte, wie hat er ihnen ihr Haus so wüste gelassen! Wie wollen wir entfliehen, so wir an Jesu Einsetzungen einen neuen Dienst im Buchstaben machen und den Geist dabei nicht erreichen, noch uns darum bekümmern? Karl Heinrich Rieger † 1791.

V. 23. Wer Dank opfert, der preiset mich. Obwohl nichts der majestätischen Herrlichkeit Gottes auch nur einen Finger breit hinzufügen kann, so erhöht ihn doch unser Dank in den Augen anderer. Das Lob erhöht die Ehre seines Namens, entfaltet das Banner seiner Güte, breitet seinen Ruhm aus; es erbricht die Salbenbüchse, damit sich der liebliche Wohlgeruch des Namens Gottes in der ganzen Welt verbreite. Thomas Watson 1660.

Die glaubenslosen Heiligen wollen immer Gott geben, als bedürfte er ihres Dienstes, so er doch Gott ist und gibt und alles geben will; denn wir seiner Güter bedürfen. Allein begehrt er, dass wir dankbar seien und halten ihn für unseren Gott. Dank opfern gibt ihm seine göttliche Ehre, es macht ihn zum Gott und behält ihn zum Gott, gleichwie die Werkopfer ihm seine göttliche Ehre nehmen und machen ihn zum Götzen. Gott verlangt nicht das Unsrige, sondern uns. Martin Luther † 1546.

Homiletische Winke

V. 1. Wo Gott redet, ist es aller Menschen Pflicht, zu hören. 1) Wer redet? Der Allmächtige, nicht Menschen noch Engel, sondern Gott selbst. 2) Zu wem redet er? Zu allen Menschen, welches Volks, Standes oder Charakters sie seien. Dies soll bei uns wecken: a) ehrerbietige Aufmerksamkeit, denn es ist Gottes Stimme; b) Hoffnung, denn es ist Gnade, dass Gott sich herablässt, ein empörerisches Geschlecht anzureden. 3) Wo vernehmen wir Gottes Stimme? a) In der Schöpfung, b) in der Vorsehung, c) in seinem Wort. George Rogers 1870.
V. 1-6. 1) Der Gerichtshof wird im Namen des Königs aller Könige berufen. 2) Die Sitzung wird eröffnet, der Richter nimmt feierlich seinen Sitz ein. (V. 2 f.) 3) Die Beklagten und die Zeugen werden geladen. (V. 4 f.) 4) Das Ergebnis des Prozesses wird feierlich vorhergesagt (V. 6). Matthew Henry † 1714.
V. 2. Zion die vollkommene Schöne. (Grundtext) 1) Die innere Schönheit Zions: a) schön: Die Schönheit der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Liebe: b) schöner als die Schönheit des Paradieses und des Engelhimmels: c) unvergleichlich schön, weil sie alle Vollkommenheiten Gottes umfasst. 2) Diese Schönheit Zions bricht aber auch, weil Gott aus Zion hervor strahlt, nach außen durch. Sie wirft ihre Strahlen a) auf diese Welt, b) auf die begnadigten Seelen, c) auf die Engel, welche gelüstet, in diese Herrlichkeit hineinzuschauen (1. Petr. 1,12; Eph. 3,10), d) auf alle Kreatur (Off. 5,13). George Rogers 1870.
V. 3 f. Das Gericht über die sichtbare Kirche. Gott selbst wird es ausüben, und zwar öffentlich, mit durchdringender Schärfe (Feuer und Sturmwind), nach voller Gerechtigkeit, zu einem unabänderlichen Urteilsspruch.
V. 5. Zweierlei Versammeln zu Christo: 1) zu ihm als dem Heiland (Joh. 11, 52), 2) zu ihm als dem Richter.
Wer wird versammelt? Wie? Zu wem? Wann?
Der grelle Gegensatz, der bei vielen besteht zwischen dem Verhältnis zu Gott, zu dem sie berufen sind und dessen sie sich rühmen, und ihrem tatsächlichen Verhalten.
V. 5b. 1) Der Bund. 2) Das Opfer, über welchem Gott ihn beschlossen hat. 3) Wie wir in diesen Bund eintreten.
V. 6b. Gott ist Richter. Da wird es der Verleumdung nicht gelingen, das Urteil zu verdrehen; nicht wird unbillige Härte es verbittern; nicht wird Parteilichkeit das Böse in Schutz nehmen, noch die Falschheit Betrug üben können, sondern es wird gewisslich volle Gerechtigkeit walten.
V. 7. Sünden, mit denen wir uns ganz vornehmlich an Gott selbst verschulden und die nur ihm bekannt sind. Ein in die Tiefe der Herzen dringendes Thema.
V. 13-15. Welche Opfer finden bei Gott keine Annahme, und welche wohl?
V. 15. 1) Der Anlass: Not. 2) Der Befehl: Rufe mich an. 3) Die Verheißung: Ich will dich erretten. 4) Die Absicht: Du sollst mich preisen. George Rogers 1870.
1) Eine besondere Einladung an bestimmte Personen auf eine bestimmte Zeit 2) eine besondere Verheißung für diejenigen, welche der Einladung folgen. 3) Eine besondere Pflicht derjenigen, welche die Erfüllung dieser Verheißung erfahren.
V. 15c. Wir preisen oder ehren Gott schon durch unser Bitten, dann durch das Danken für die gewährte Erhörung, wie auch dadurch, dass wir auf seine Verheißungen bauen, uns unter seine Züchtigungen beugen, um seine Ehre eifern, für seine Sache treu einstehen, seinen Befehlen unwandelbar gehorchen und sein Volk lieben.
V. 16 f. I. Das Verbot. 1) Die Dinge, die hier verboten werden: Gottes Rechte verkündigen, seinen Bund in den Mund nehmen, also a) predigen, b) lehren (wie z. B. in Sonntagsschulen), c) beten, d) an den Gnadenmitteln teilnehmen. 2) Die Personen, welche dies Verbot trifft: gottlos lebende Prediger, Sonntagsschullehrer usw., solange sie in ihrer Gottlosigkeit verharren. II. Der Grund zu diesem Verbot, V. 17: weil sie 1) die Wahrheit nicht auf sich selber anwenden, 2) sie im Innersten hassen und 3) sie schließlich auch äußerlich verwerfen. George Rogers 1870.
V. 17. 1) Ein schlimmes Zeichen: wenn jemand Zucht hasst. 2) Was zeigt es an? a) Stolz, b) Verachtung Gottes, c) Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit, d) eine in Wirklichkeit gottesleugnerische Gesinnung, und e) Erstorbenheit des Gewissens. 3) Wozu führt solches? Siehe V. 22.
V. 16-21. 1) Der Mensch redet (V. 16-20), und Gott schweigt. 2) Gott redet, und der Mensch muss verstummen.
V. 21. 1) Gott überlässt die Menschen oft eine Zeit lang sich selbst. 2) Sie beurteilen dann vielfach Gott nach sich selbst. 3) Aber zu seiner Zeit wird er ihnen ihr ganzes Wesen enthüllen.
V. 22. 1) Die Anklage: Die ihr Gottes vergesset, seiner Allwissenheit, Macht und Gerechtigkeit, seiner Güte, seiner in Christo dargebotenen Gnade, seines Wortes, das Tod und Leben vorhält. 2) Die Ermahnung: Merket doch das; rüttelt euch zu ernstem Nachdenken auf. 3) Die drohende Gefahr: Dass ich nicht einmal hinraffe. a) Wie schrecklich das Los: hingerafft zu werden nach Leib und Seele, wie die Beute vom Löwen zerrissen wird, und b) wie unwiderstehlich: und sei kein Retter da. George Rogers 1870.
V. 23. 1) Das Heil ist Gottes. 2) Der Erweis der erfahrenen Rettung ist Heiligung des Herzens und Lebens. 3) Wo die erfahrene Rettung sich in der Heiligung erweist, wirkt sie immer erneutes Danken und Loben. 4) Dieses Danken und Loben zielt auf Gottes Verherrlichung. Nicht durch Zweifel, Befürchtungen und Murren wird Gott verherrlicht, sondern dadurch, dass sein Volk ihn preist. George Rogers 1870.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 04.05.2021 13:45

PSALM 51 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Vorzusingen. Diese Übergabe an den Sangmeister des Heiligtums zeigt, dass der Psalm nicht nur der privaten Erbauung dienen, sondern im öffentlichen Gottesdienst gesungen werden sollte. So sehr dieses unvergleichliche Bußgebet vor allem geeignet ist, der in einsamer Kammer mit Gott ringenden reumütigen Seele als passendster, vom heiligen Geiste geprägter Ausdruck ihrer Bitten und Gelübde zu dienen, so schickt es sich doch ebensowohl als Gemeindegebet einer Versammlung geistlich Armer. Ein Psalm Davids. Es ist ein wunderlich Ding, aber nichtsdestoweniger eine Tatsache, dass es Ausleger gibt, welche bestreiten, dass David der Verfasser dieses Psalmes sei. Aber ihre Einwürfe scheinen uns unbegründet; auch die beiden letzten Verse, um derentwillen man den Psalm in die Zeit der babylonischen Gefangenschaft setzen will, dünken uns, recht verstanden, keinen stichhaltigen Grund für diese Annahme zu gewähren. Der Psalm hat von Anfang bis zu Ende davidisches Gepräge. Eher noch könnte man einen Milton, Shakepeare oder Goethe nachahmen, als diesen königlichen Sänger. Davids Stil ist, bei aller Mannigfaltigkeit, ganz eigenartig; er ist so bestimmt zu erkennen wie der Pinsel eines Raphael oder Rubens. Da der Prophet Nathan zu ihm kam, als er war zu Bath-Seba eingegangen. Der König schrieb den Psalm, als der von Gott zu ihm gesandte Prophet sein schlafendes Gewissen aufgeweckt und ihm den Blick für die Größe seiner Sünde geöffnet hatte. David hatte das Psalmensingen vergessen, da er dem Fleische frönte; aber er griff wieder zur Harfe, sobald sein geistlicher Mensch aufs Neue zum Leben erweckt war. Als sich sein Herz nun wieder im Lied ergoss, mussten ihm freilich Seufzer und Tränen vor allem zur Begleitung dienen. Die große Sünde Davids wollen und dürfen wir nicht entschuldigen; doch wird es gut sein, daran zu erinnern, wie in diesem Fall eine ganze Reihe außerordentlicher Besonderheiten zusammentrafen. David war ein Mann von starken Neigungen und Gemütsbewegungen; er war ein Kriegsmann und, was vor allem zu bedenken ist, ein orientalischer Fürst von unumschränkter Macht. Es würde keinem König seiner Zeit eingefallen sein, sich wegen solcher Handlungen, wie David sie begangen hatte, schwere Gewissensbedenken zu machen. Um David waren also nicht jene Schranken der Sitte und der gesellschaftlichen Ordnungen, die, wo sie durchbrochen werden, das Vergehen desto scheußlicher machen. Man beachte aber, dass der König selber weder in diesem Psalm noch sonstwo auch nur mit der leisesten Andeutung seine Frevel zu entschuldigen sucht. So führen wir denn auch die eben erwähnten Tatsachen nicht an, um Davids Sünde zu beschönigen, die vielmehr im höchsten Grade verabscheuungswürdig war, sondern um andere zu warnen, damit sie bedenken, dass sie sich noch weit schwerer verschulden würden als der abgeirrte israelitische König, wenn sie sich zu äußerlich ähnlichen Vergehen hinreißen ließen. Wenn wir der Sünde Davids gedenken, so lasst uns vor allem auch seiner Buße eingedenk sein, sowie der langen Kette von Heimsuchungen, welche die Geschichte seines späteren Lebens so traurig gestaltete.

Einteilung

In V. 3-14 bekennt der bußfertige Psalmdichter seine Sünde und fleht um Vergebung. In den letzten sieben Versen, V. 15-21, spricht er zum Voraus von dem Dank, den er Gott bringen wolle, und von der Art und Weise, wie er denselben zu bezeigen entschlossen sei.

Auslegung

3. Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
4. Wasche mich wohl von meiner Missetat
und reinige mich von meiner Sünde.
5. Denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
6. An dir allein hab ich gesündigt
und übel vor dir getan,
auf dass du Recht behaltest in deinen Worten
und rein bleibest, wenn du gerichtet wirst.
7. Siehe, ich bin in sündlichem Wesen geboren,
und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.
8. Siehe, du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgnen liegt;
du lässest mich wissen die heimliche Weisheit.
9. Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde;
wasche mich, dass ich schneeweiß werde.
10. Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
11. Verbirg dein Antlitz von meinen Sünden
und tilge alle meine Missetaten.
12. Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz
und gib mir einen neuen gewissen Geist.
13. Verwirf mich nicht von deinem Angesichte
und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.
14. Tröste mich wieder mit deiner Hilfe
und mit einem freudigen Geist rüste mich aus.
.

3. Gott, sei mir gnädig. David wendet sich alsbald an Gottes Gnade, noch ehe er seine Sünde erwähnt. Das Erste, was aus seinem Munde kommt, ist (nach der Wortstellung des Grundtextes) die Bitte: Sei mir gnädig! O wie wohl tut dieser Blick auf Gottes Erbarmen den brennenden rotgeweinten Augen! Die Vergebung der Sünden kann stets nur eine Tat der freien Gnade sein; darum nimmt der erweckte Sünder mit Recht zu dieser Eigenschaft Gottes seine Zuflucht. Nach deiner Güte. Handle, HERR, deinem ureigensten Wesen gemäß. Sei mir gnädig nicht nach der Menschen, sondern nach Gottes Weise. Und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Lass sich die ganze Flut deiner erbarmenden Liebe über mich ergießen; lass deine Vergebungsgnade so groß werden wie es deine unergründliche Barmherzigkeit dir ins Herz gibt. Offenbare du in meinem Fall deine ganze Menschen- und Sünderliebe, nicht nur in ihrem Wesen, sondern auch ihrer überströmenden Fülle nach. Zahllos sind von Anfang des Menschengeschlechts die Erweisungen deiner Güte gewesen, und deine Gnade ist unermesslich; so lass denn mich jetzt Gegenstand dieser deiner unendlichen Barmherzigkeit sein. Mache meinen Fall zu einem Exempel dessen, was du an den Sündern allen tun willst. Meine Vergehungen, meine Frevel stehen in deinem Buche aufgeschrieben und zeugen da wider mich; aber, HERR, lösche du diese Schrift aus. Nimm deine Feder und mache einen Strich durch das ganze Sündenverzeichnis. Tilge du meine Übertretungen, ob sie jetzt auch unaustilgbar in Stein gemeißelt zu sein scheinen. Es mag dir viel Mühe machen, die tief eingegrabenen Schriftzüge wieder wegzubringen; aber du hast ja überreiche Gnade, darum flehe ich dich an, lösche das Gedächtnis meiner Sünden für immer aus.

4. Wasche mich wohl. Es ist nicht genug, dass die Schuld getilgt werde; der Beter fühlt tief, dass er selber durch die Missetat verunreinigt ist, und möchte gern gereinigt sein. Er bittet, Gott selber möge ihn waschen, da niemand außer ihm dies erfolgreich tun könne. Die Waschung muss gründlich sein, sie muss ganz und gar durchdringen; darum ist es an einem einmaligen Waschen nicht genug, es muss wieder und wieder geschehen. So ruft er denn: Wasche mich wohl (buchstäblich: mache es viel). Der Schmutz, der mich befleckt, ist an sich untilgbarer Art, und ich Sünder habe so lange darin gelegen, dass sich die blutrote Farbe meiner Missetaten tief eingezogen hat. Aber, HERR, o wasche mich; wasche, wasche, bis auch der letzte Fleck verschwunden und auch nicht eine Spur meiner Verunreinigung mehr zu finden ist. Der Heuchler ist damit zufrieden, dass seine Kleider gewaschen werden; wer aber aus tiefer Not zu Gott schreit, bittet: Wasche mich. Gleichgültige Seelen lassen sich an einer zeremoniellen Waschung genügen (vergl. 2. Samuel 11,4); wem aber das Gewissen wirklich aufgewacht ist, der begehrt eine reale Reinigung, und zwar der gründlichsten Art. Und reinige mich von meiner Sünde. Hier ist die Sünde als ein Aussatz gedacht, der das ganze Wesen verunreinigt. Man beachte das Wörtlein mein: meine Missetat, meine Sünde. Welch trauriges Eigentum! Es ist dem Psalmdichter, als sei nichts so sehr sein eigen wie seine Sünde; so tief ist diese in sein Innerstes eingedrungen. Bemerkenswert ist auch, dass er in diesem Vers die Einzahl setzt: meine Sünde. Das eine Vergehen an der Bath-Seba hat ihm die ganze Tiefe seines Verderbens geoffenbart. Diese schlechte Tat ist nur ein einzelner Stein, der von dem Berg seiner Sünde abgebröckelt ist. Er begehrt sehnlich, all des Unflats, der an ihm ist, loszuwerden; denn seine Sündhaftigkeit, die er einst wenig beachtet hatte, ist ihm jetzt zu einem Schreckgespenst geworden, das ihn Tag und Nacht verfolgt. - Wäre es nicht an dem einmaligen Aussprechen der Bitte um Reinigung von der Sünde genug? Warum bringt David in immer neuen Worten das gleiche Anliegen vor? Weil ihn die tiefe Erkenntnis seines Verderbens und seine große Seelenangst dazu drängen. Es ist, als hörten wir ihn sagen: "HERR, mache mich rein von meiner Sünde, auf welche Weise du willst. Wenn’s das Waschen nicht tut, so wende ein anderes Mittel an. Wenn Wasser nicht hinreicht, so versuch’s mit Lauge, oder mit Feuer, oder auf irgendeine andere Weise, nur mache mich ganz rein, lass auch nicht die geringste Schuld an meiner Seele haften bleiben." Merken wir wohl: es ist nicht die Strafe, sondern die Sünde, die ihn so zu unablässigem Flehen drängt. Manchem, der wie David einen Mord auf dem Gewissen hat, macht der Galgen mehr Unruhe als die Bluttat, die ihn zu jenem führt. Der Dieb hat den Raub gern, wiewohl er das Zuchthaus scheut. Nicht so David: ihm graut vor der Sünde selbst. Sosehr ihn die Folgen seiner Freveltaten schmerzen, sind doch nicht sie das, was ihn so laut zu Gott schreien lässt, sondern die Schlechtigkeit seiner Handlungen erschüttert ihn am stärksten. Wenn wir unsere Sünde ernst behandeln, wird Gott mit uns freundlich handeln. Hassen wir dasselbe, was Gott hasst, so wird Gott bald damit aufräumen, uns zur Freude und zum Frieden.

5. Denn ich erkenne meine Missetat. Meine Missetaten (Grundtext Mehrzahl) sind so groß und zahlreich, dass ich selbst (Grundtext) sie anerkennen muss, und willig bekenne ich sie in tiefem Schuldbewusstsein. Damit will David nicht sowohl seine Würdigkeit, Vergebung zu erlangen, dartun, als vielmehr erweisen, wie sehr er der Gnade bedürftig sei, da ihm aus solcher Sündennot nichts anderes als Gottes allmächtiges Erbarmen helfen könne. Da ich mich selber schuldig fühle und bekenne, HERR, so ist mir jede Berufung gegen den Spruch der Gerechtigkeit abgeschnitten; darum muss ich mich ganz auf deine Gnade werfen. O HERR, weise mich nicht ab, stoße mich nicht von dir! Du selber hast mich willig gemacht, meine Missetat zu bekennen. So kröne denn dies Werk der Gnade mit voller, freier Vergebung! Und meine Sünde ist immer vor mir. Meine Sünde - er blickt jetzt wieder auf sie als ein Ganzes - kommt mir nie aus dem Sinn; sie drückt unablässig schwer auf mein Gemüt. Ich bringe sie vor dich, weil sie beständig vor mir ist; HERR, schaffe sie weg, aus deinen und aus meinen Augen! Wer aus dem Sündenschlafe gründlich aufgerüttelt ist, der empfindet nicht nur gelegentlich und vorübergehend Schmerz über die Sünde; seine Reue dringt bis ins Mark, sein Herzweh ist unstillbar. Und das ist nicht sosehr ein Zeichen von Gottes Zorn als vielmehr ein sicherer Vorbote überströmender Huld.

6. An dir allein hab ich gesündigt. Das Gift der Sünde liegt in ihrem Gegensatz gegen Gott. Das Bewusstsein, sich gegen seine Mitmenschen verfehlt zu haben, schwächte Davids Schuldgefühl Gott gegenüber nicht ab, verstärkte es vielmehr. All sein mannigfaltiges Übeltun lief in einem Punkt zusammen; es gipfelte in dem Ungehorsam und der Empörung wider Gott. Das machte alle seine Sünden so überaus sündig. Das Unrecht, das wir unserem Nächsten antun, ist Sünde vor allem deshalb, weil wir dadurch Gottes heiliges Gesetz brechen. Das Herz des bußfertigen Beters war so erfüllt von der Empfindung, wie schmählich er sich an Gott vergangen habe, dass alles, was er an Schuld gegen Menschen zu bekennen hatte, gleichsam verschlungen ward von dem einen, alles umfassenden Bekenntnis seiner Sünde gegen den HERRN, das er zerbrochenen Herzens ablegt. Und übel vor dir getan.1 Mitten im Palast des Königs und vor des Königs Augen Hochverrat üben, das heißt wahrlich die Frechheit auf die Spitze treiben. David fühlte, dass er seine Sünde in all ihrer Unflätigkeit begangen hatte, während Jehova selber zuschaute. Nur ein Kind Gottes kehrt sich an das Auge Gottes; wo aber Gnade im Herzen ist, fällt ein grelles Licht auf jede böse Tat, wenn wir des gedenken, dass der Gott, an dem wir uns verfehlt haben, gegenwärtig war, als wir die Übertretung vollbrachten. Auf dass du recht behaltest in deinem Sprechen (in deinem richterlichen Spruch) und rein bleibest in deinem Richten (in der Ausführung des Urteils). (Grundtext) David könnte keinerlei Einspruch gegen die göttliche Gerechtigkeit vorbringen, wenn diese alsbald dazu schreiten wollte, über ihn das Urteil zu fällen und ihn für seine Verbrechen zu bestrafen. Da er sich selber schuldig bekannt hat und der Richter Augenzeuge des ganzen Vorgangs gewesen ist, ist die Übertretung über allen Zweifel erwiesen, kein Wort ist darüber zu verlieren. Es ist unbestreitbar, dass die Tat geschehen, und außer aller Frage, dass dieselbe verdammungswürdig ist; daher ist es sonnenklar, welchen Weg die Gerechtigkeit nehmen muss.

Fußnoten
1. Nach dem Grundtext gehört das "vor dir" zu "übel". Wörtl. also: und was in deinen Augen böse ist, getan.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 08.05.2021 05:46

7. Siehe, ich bin in sündlichem Wesen geboren. Er ist erschüttert durch die Entdeckung seiner angeborenen Sündhaftigkeit, und er geht dazu über letztere darzulegen. Dabei liegt ihm die Absicht ganz fern, die Schuld von sich abzuwälzen; vielmehr will er damit das Bekenntnis seiner Sündhaftigkeit vertiefen und vervollständigen. Es ist, als sagte er: Ich habe nicht nur dies eine Mal gesündigt, sondern bin in meinem innersten Wesen ein Sünder. Meine Neigungen entbehren von Geburt an des rechten Gleichgewichts; ich habe von Natur einen Hang zu verbotenen Dingen. Ich leide nicht an einer zufälligen, vorübergehenden Krankheit, sondern an einem konstitutionellen, meiner ganzen Leibes- und Gemütsbeschaffenheit von Geburt an innewohnenden Übel, das dir meine ganze Person aufs höchste widerwärtig machen muss. Und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. David geht auf den allerersten Anfang seines Daseins zurück, nicht, wie etliche meinen, um seine Mutter zu brandmarken, sondern um die tiefe Herzwurzel seiner Sünde bloßzulegen. Nur mittelst Verdrehung des klaren Sinnes kann man leugnen, dass in dieser Schriftstelle die Erbsünde und die natürliche Verderbnis des Menschen gelehrt wird. Wer diese Lehre bekrittelt, hat wahrlich nötig, vom heiligen Geist in den allerersten Grundlehren unsers Glaubens unterwiesen zu werden. Die Mutter Davids war des HERRN Magd (Ps. 86,16), er war der in rechtmäßiger Ehe erzeugte Sohn eines biederen Vaters und selber der Mann nach dem Herzen Gottes; und doch war er ebenso sehr von Natur sündhaft wie irgendein Adamssohn, und es bedurfte nur der günstigen Gelegenheit, so ward diese traurige Tatsache vor jedermann offenbar. Wir alle sind als Missgeburten zur Welt gekommen, und als wir empfangen wurden, empfing unsere Natur die Sünde. Ach, die arme Menschheit! Mag, wer dazu Lust hat, ihr Lob singen; - glücklicher ist doch, wer gelernt hat, aus tiefer Brust ihren verlorenen Zustand zu beklagen.

8. Siehe. Das ist eine Sache, die ganz besonders Beachtung erfordert. Gott begehrt nicht bloß äußerliche Tugendhaftigkeit, sondern innere Reinheit, und die Sündenerkenntnis des bußfertigen Beters ist eben dadurch sehr vertieft worden, dass er mit Erstaunen diese Wahrheit erkannt hat, und zugleich, wie weit er davon entfernt sei, der göttlichen Forderung zu entsprechen. Dies zweite Siehe ist sehr passend dem ersten (in V. 7) gegenübergestellt; wie groß ist die Kluft zwischen beiden! Du hast Lust an Wahrheit im Verborgenen (Innern2 Tiefinnerliche Wahrheit und Aufrichtigkeit, echte Frömmigkeit, ganze Treue, das ist’s, was Gott begehrt. An frommem Schein ist ihm nichts gelegen; er sieht auf das, was im Verborgenen des Menschenherzens ist. Allezeit hat der Heilige Israels die Menschen nach ihrem innersten Wesen gewertet und nicht nach ihrem äußeren Gebaren. Ihm liegt das Innere so offen zutage wie das Äußere, und er urteilt richtig, dass der Wert oder Unwert einer Handlung in den Beweggründen des Handelnden liege. So tue mir denn im Verborgenen (meines Herzens) Weisheit kund. (Grundtext) David wurde, das merkte er, in Betreff seiner Natur jetzt von Gottes Geist in Wahrheiten eingeführt, die er früher nicht erkannt hatte, und er begehrte herzlich, solche Weisheit völlig zu empfangen. Die sündliche Neigung unseres Herzens, das Geheimnis seines verderbten Zustandes und den Weg, auf dem es gereinigt werden kann, zu erkennen, diese "heimliche Weisheit" (Luther) müssen wir alle erlangen. Und es ist eine große Gnade, glauben zu können, dass der HERR sie uns kundtun wolle. Niemand außer ihm kann uns in unserm innersten Wesen belehren; aber wenn er uns unterweist, so haben wir reichen Gewinn. Der Heilige Geist kann Gottes Gesetz in unser Herz schreiben, und das ist die Hauptsumme der Lebensweisheit. Er kann uns die Furcht des HERRN ins Herz geben, und das ist der Anfang der Weisheit. Er kann uns Christum verklären, und der ist selber die wesentliche Weisheit. Solch armselige, törichte und verderbte Herzen, wie wir sie haben, sollen noch zurechtgebracht werden, so dass Wahrheit und Weisheit in uns herrschen.

9. Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde. Sprenge das Sühnblut über mich. Gib mir das Reale, welches die gesetzlichen Zeremonien abbilden. Nichts anderes als Blut kann meine Blutflecken tilgen, nur die gründlichste Entsündigung mich wirklich rein machen. Lass das vollgültige Sühnopfer, welches die mosaischen Opfer abschatten, meine Sünde ausmerzen. Was kein levitischer Priester vermag, das tu du selber, HERR, an mir; denn keiner bedarf dessen mehr als ich. Wir können auch übersetzen: so werde ich rein; dann tritt der Glaube des Psalmisten in diesen Worten herrlich zutage. So durch und durch ich verderbt bin, ist doch in der göttlichen Gnade eine solche Macht, dass meine Sünde vor ihr verschwinden wird. Gleich dem Aussätzigen, an dem der Priester die Reinigungsvorschriften vollzogen hat, werde ich wieder zur Versammlung deines Volks zugelassen werden und die Vorrechte des wahren Israel aufs Neue genießen, während ich zugleich auch in deinen Augen wohlgefällig sein werde. Wasche mich. Die Wiederholung zeigt an, wie sehr es dem Beter daran lag, dass er nicht nur eine sinnbildliche, sondern eine wirkliche, geistliche Reinigung empfange, welche die Unflätigkeit seines Innern hinwegtilge. Lass beide, die Vergebung und die Heiligung, an mir ihr Werk vollenden. Hilf mir von allem Bösen, das meine Sünde in mir erzeugt und genährt hat. Dass ich schneeweiß, oder nach dem noch kühneren Ausdruck des Grundtextes: weißer als Schnee werde. Auch diese Worte können wir als Erklärung des Glaubens fassen: so werde ich weißer als Schnee. Niemand als du selber kannst mich weiß machen; aber du vermagst es in deiner Gnade so vollkommen zu tun, dass das Reinste, das die Natur kennt, übertroffen wird. Der Schnee wird bald von Staub und Rauch geschwärzt, er schmilzt und schwindet; du aber kannst mir eine Reinheit geben, die da bleibt. Der Schnee ist unter der Oberfläche so weiß wie oben; du kannst in mir die gleiche innere Reinheit wirken, ja mich so rein machen, dass die menschliche Sprache sich einer Hyperbel (einer Übertreibung) bedienen muss, um solche Makellosigkeit zu bezeichnen. HERR, tue das! Ich weiß, du kannst es, und ich glaube, du willst es tun.
Es gibt in der ganzen heiligen Schrift kaum einen Vers, der solchen Glauben atmet wie dieser. Wenn wir erwägen, welcherart die Sünde Davids war und wie tief dieser von der Schlechtigkeit seiner Tat überzeugt war, so staunen wir über den herrlichen Glauben an die allvermögende Gnade Gottes, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt. Wenn wir dazunehmen, dass David so tiefe Blicke in die angeborene Verderbnis seines ganzen Wesens getan hatte, so ist es ein wahres Wunder des Glaubens, dass er sich der Hoffnung auf völlige Reinigung auch seines Innersten freuen kann. Und doch dürfen wir auf Grund der vollendeten Offenbarung hinzufügen: Dieser Glaube geht nicht um ein Haarbreit über das hinaus, was das göttliche Wort uns verbürgt und wozu uns das geflossene Sühnblut ermutigt. O dass doch der eine oder andere der Leser, der unter der Last seiner Sünden seufzt, sich ein Herz fasse, eben jetzt den HERRN dadurch zu ehren, dass er so zuversichtlich auf das auf Golgatha vollbrachte Opfer und die dort enthüllte unendliche Gnade vertraut!

10. Lass mich hören Freude und Wonne. Erst jetzt gedenkt David im Gebet seines Kummers. Die Schrecklichkeit seiner Sünde und nicht die traurige und trostlose Gemütsstimmung, welche diese in ihm hervorgerufen hatte, war es, was ihn zu allererst ins Flehen getrieben hatte. Aber er weiß, dass mit der Gewissheit der Vergebung auch Freude und Wonne wieder in sein Herz einziehen werden. Er sucht Trost zur rechten Zeit und an der rechten Quelle. Keine andere Stimme konnte seine erstorbene Fröhlichkeit wieder ins Leben rufen, als die, welche die Toten erweckt. Er hat Recht, wenn er von der göttlichen Vergebung nicht einen trüben Schimmer von Freude, sondern gleichsam zwiefache Freude, ein voll, gerüttelt und geschüttelt und überströmend Maß von Seligkeit erwartet. Ja, er soll Freude und Wonne nicht nur haben, sondern hören: ihr Jubellied soll ihm in die Ohren klingen. Es gibt eine Freude, die man fühlt, aber nicht hört; sie ist stumm, denn sie ringt mit der Furcht. Die Freude der Vergebung aber hat einen Jubelklang, der die Stimme der Sünde übertönt. Süßere Musik kann unser Ohr nicht hören, als wenn Gott der Seele Frieden zuspricht. Dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast. Er kam sich so elend vor, als seien ihm alle Gebeine zerschmettert, und zwar durch den Allmächtigen selbst. Die Wunden, unter denen er stöhnte, gingen bis ins Mark der Knochen; all seine Kraft war wie in tausend Stücke zerbrochen, seine Männlichkeit einer krankhaft überreizten Empfindsamkeit gewichen. Doch wenn der gleiche Gott, der ihn zermalmt hatte, ihn heilen wollte, so musste jede Wunde ein Anlass neuen Lobes werden und jedes der Gebeine, das jetzt so von Schmerzen durchwühlt war, ebenso stark von Freude durchdrungen werden. Das Bild ist kühn, und kühn der Glaube, der sich darin ausspricht. David bittet um große Dinge: um Freude und Wonne für ein schuldbeladenes Herz, um himmlische Musik für zerschlagene Gebeine! Eine unsinnige Bitte - nur nicht vor Gottes Thron! Nirgends unsinniger als gerade da, wenn nicht der Gottmensch Jesus unsre Sünden selbst hinaufgetragen hätte an seinem Leibe auf das Holz (1. Petr. 2,24). Der reuige Sünder braucht nicht zu bitten, dass er als Tagelöhner bei dem Vater angenommen werde (vergl. Lk. 15,19.21), und muss sich nicht mit der Genügsamkeit der Verzweiflung in ewiges Trauern schicken; er darf um Fröhlichkeit bitten und soll sie empfangen. Denn wenn der Vater sich freut und die Freunde und Nachbarn bei Musik und Reigen fröhlich und gutes Muts sind, weil der verlorene Sohn wiedergefunden ist, was für eine Notwendigkeit könnte dann für den Heimgekehrten selber noch vorliegen, unglücklich und elend zu sein?

11. Verbirg dein Antlitz von meinen Sünden. Blicke nicht auf sie; verhülle dein Richterauge vor ihnen. Sie drängen sich dir in den Weg; aber weigere dich, HERR, sie zu sehen, damit nicht dein Zorn entbrenne und mich verzehre. Und tilge alle meine Missetaten. Er wiederholt die schon zu Anfang (V. 3b) ausgesprochene Bitte; doch verstärkt er sie, indem er das Wörtlein alle hinzufügt. Wer in tiefer Seelennot ist, hat nicht Muße, nach Abwechslung in der Sprache zu suchen; der Kummer ist eintönig und muss sich mit eintöniger Rede begnügen. David konnte sein Antlitz nicht vor seiner Sünde verbergen, ob es auch noch so schamrot ward über ihr, und kein Versuch, seine Gedanken von ihr abzulenken, hätte sie aus seinem Gedächtnis tilgen können; aber er bittet den HERRN, das zu tun, was er selber nicht tun konnte, nämlich seine Sünde wegzuschaffen. Wenn Gott sein Antlitz nicht von unseren Sünden verbirgt, so muss er es ewig von uns verbergen, und wenn er nicht unsre Missetaten tilgt, so muss er unsre Namen aus seinem Buch des Lebens tilgen.

12. Schaffe. Wie, hat die Sünde ein solches Zerstörungswerk in uns angerichtet, dass der Schöpfer wieder auf den Plan treten muss? Welches Licht wirft dies Wort auf das Unheil, das die Sünde in dem Menschen stiftet! Schaffe in mir. Das Gefäß, der Leib, ist da; aber innerlich fühle ich mich wüst und leer. So komm denn und offenbare abermals deine Schöpfermacht, indem du in meinem alten, durch die Sünde verstörten Ich eine neue Kreatur hervorbringst. Am Anfang der Welt schufst du einen Menschen; HERR, schaff in mir einen neuen Menschen! Ein reines Herz. Im neunten Vers hatte David um Reinigung gebeten; nun begehrt er ein Herz, das dieser Reinheit entspricht. Er sagt aber nicht: "Mache mein altes Herz rein"; dazu ist er von dem hoffnungslosen Verderben seiner Natur zu tief überzeugt. Er möchte den alten Menschen als toten Leichnam begraben sehen und durch eine neue Kreatur ersetzt wissen. Niemand als Gott kann ein neues Herz schaffen, so wie niemand außer ihm eine neue Welt zu schaffen vermag. Das Heilswerk ist eine wunderbare Entfaltung höchster Macht. Das, was in uns geschieht, ist ebenso sehr wie das, was für uns geschehen ist, ein Werk, das einzig die Allmacht vollbringen kann. Das Erste und Notwendigste ist, dass die Neigungen unsers Herzens zurechtgebracht werden, wenn nicht alles fehlschlagen soll. Das Herz ist das Steuer der Seele, und solange der HERR dies nicht in der Hand hat, segeln wir einen falschen Kurs, der ins Verderben führt. O du gnadenreicher Gott, der du mich einst geschaffen hast, schaffe mich neu, und zwar in meinem tiefsten Innern. Und einen festen Geist erneuere3 in meinem Innern. (Grundtext) Einst war ich in Gottes Gnade fest gegründet und wandelte ohne Wanken auf den Wegen des HERRN; gib du mir wieder solche Gewissheit und Beständigkeit. Einst war mir dein Gesetz fest ins Herz geschrieben, aber diese Schrift des Geistes ist durch die Sünde verwischt worden, dass sie nur noch undeutlich zu lesen ist; so schreibe du sie neu, mein gnadenvoller Schöpfer. Tu das Böse von mir, wie ich dich gebeten habe; aber ersetze es auch durch Gutes, es möchten sonst in mein gereinigtes und geschmücktes, aber leeres Herz, aus dem der unsaubere Geist ausgegangen ist, sieben andere Geister, ärger denn der erste, einkehren und daselbst wohnen bleiben. (Lk. 11,24 ff.) - Die beiden Bitten dieses Verses ergänzen sich: Schaffe in mir, was noch nicht da ist; erneuere, was da ist, aber in todesschwachem, siechem Zustand.

13. Verwirf mich nicht von deinem Angesichte. Wirf mich nicht als wertlos weg; verbanne mich nicht wie den Kain aus deiner Nähe. Lass mich ein Plätzlein unter denen haben, die sich deiner Huld erfreuen, ob ich auch nur der Tür hüten dürfte in deinem Hause. Ich verdiene es, auf ewig von deinen Vorhöfen ausgeschlossen zu werden; und doch wollest du, HERR, in deiner Freundlichkeit mir das Vorrecht gewähren, das mir teuer ist wie das Leben. Und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Entziehe mir nicht seinen Trost und Rat, seinen Beistand und seine belebende Kraft; ich bin sonst ohnmächtig wie ein Toter. Weiche nicht von mir, wie du von Saul gewichen bist, so dass du ihm weder durchs Licht und Recht, noch durch Propheten, noch durch Träume mehr antwortetest (1. Samuel 28,15). Dein Geist ist’s, der mich weise macht; überlass mich nicht meiner Torheit. Er ist meine Stärke; o überantworte mich nicht meiner eigenen Schwäche. Treib mich nicht von dir weg und geh du nicht von mir. Halte du das Band fest, das mich mit dir verknüpft; ist doch die Verbindung mit dir meine einzige Rettungshoffnung. Wohl wird es ein wunderbar Ding sein, wenn ein so reiner Geist in einem so unwürdigen Herzen, wie dem meinen, zu wohnen geruht; aber ist nicht dein ganzes Gnadenwerk, HERR, von Anfang bis zu Ende ein Wunder? Darum tu auch dies, HERR, um deiner Barmherzigkeit willen!

14. Gib mir zurück die Freude an deinem Heil. (Grundtext4 Er hatte in der Erfahrung des Heils gestanden und war davon tief überzeugt, dass das Heil Gottes sei; auch hatte er die Freude empfunden, welche aus der Heilserfahrung quillt. Aber er hatte dies köstliche Gut verloren und verlangte darum sehnlich, dass es ihm neu geschenkt werde. Nur Gott kann solche Freude wiedergeben. Er aber vermag es. Wir dürfen ihn darum bitten und er wird es tun, zu seinem Ruhm und unserm ewigen Gewinn. Diese Freude kommt nicht zuerst, sondern folgt auf die Vergebung und Reinigung; in solcher Ordnung ist sie ungefährlich und segensreich, in jeder anderen Anmaßung oder Einbildung. Und mit einem freudigen (willigen) Geist rüste mich aus. Wir sind von Natur unwillig und verdrossen zu allem Guten; und doch gehört es zum Wesen des Guten, dass es willig geschehe, nicht aus Zwang oder Furcht, sondern aus innerstem Trieb des Herzens. Darum bittet David, dass der HERR ihn mit dem Geist der Willigkeit ausrüsten möge. Der Geist des HERRN macht uns nicht zu Sklaven, er befreit uns vielmehr von der Knechtschaft der niederen Triebe unserer Natur und allem Gesetzeszwang. Heiligkeit ist Freiheit; der Heilige Geist gibt uns den wahren Adel, dass wir als Könige und Priester auf Erden wandeln. Das hier gebrauchte Zeitwort bedeutet wörtlich unterstützen: Unterstütze mich mit einem Geist der Willigkeit. Das mag (nach 1. Mose 27,37 hebr.) so viel heißen wie: rüste mich damit aus; aber wir dürfen dabei dennoch den Gedanken der Grundbedeutung festhalten. David war sich seiner Schwachheit wohl bewusst; hatte er doch, als Gott ihn einen Augenblick sich selber überließ, einen so schweren Fall getan. Darum fleht er, durch eine höhere Macht auf den Füßen gehalten zu werden. Auf den rauesten und gefährlichsten Wegen sind wir sicher, wenn Gottes Geist uns aufrecht hält; ohne diesen Führer und Erhalter straucheln und stürzen wir auf ebener Bahn. Die Bitten um Freude und um Aufrechterhaltung passen gut zusammen. Es ist aus mit aller Freude, wenn unser Fuß nicht vor dem Gleiten bewahrt wird; und anderseits ist gerade die Freude eine aufrechterhaltende Kraft und ein mächtiges Fördernis der Heiligkeit. Und beides verdanken wir demselben freien, heiligen und königlichen Geist des HERRN.

Fußnoten
2. Ob man unter tOxtu nach der rabbin. Tradition die Nieren (als in Fett eingehüllt) verstehe oder das Wort mit "das Verborgene" übersetze, jedenfalls bezeichnet es (wie das parallele Mtusf = das Verschlossene) das Innere des Menschen.

3. erneuern, kann heißen: etwas wiederherstellen (z. B. 2. Chr. 24,4.12; 15,8). So fassen mit Spurgeon manche Ausleger den Sinn des Wortes an unserer Stelle auf. Vergl. dazu V. 13b. 14a. Es kann aber auch der Begriff des Neuen stärker hervortreten: etwas zu etwas Neuem umschaffen. Diese Bedeutung nehmen andere Ausleger auch hier an und ziehen daher die Übersetzung Luthers vor: Und gib mir einen neuen gewissen Geist.

4. Andere übersetzen. Wende mir wieder deines Heiles Wonne zu.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 11.05.2021 06:41

15. Ich will die Übertreter deine Wege lehren,
dass sich die Sünder zu dir bekehren.
16. Errette mich von den Blutschulden, Gott, der du mein Gott und Heiland bist,
dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.
17. Herr, tue meine Lippen auf,
dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
18. Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir’s sonst wohl geben;
und Brandopfer gefallen dir nicht.
19. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist;
ein geängstet und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten.
20. Tue wohl an Zion nach deiner Gnade;
baue die Mauern zu Jerusalem.
21. Dann werden dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit,
die Brandopfer und ganzen Opfer;
dann wird man Farren auf deinem Altar opfern.
.

15. Ich will die Übertreter deine Wege lehren. David ist fest entschlossen, wenn Gott ihm Gnade widerfahren lässt, ein Lehrer anderer zu werden; und ohne Zweifel kann niemand so gut andere unterweisen, als wer selber von Gott gelehrt worden ist. Gebesserte Wilddiebe sind die besten Wildhüter. Das erste Erfordernis eines Verkündigers des Evangeliums ist, dass er selbst sich aus Gnaden gerettet wisse; dies Zeugnis der Begnadigung ist zur Gewinnung von Menschenseelen nötiger als alle Universitätsgrade. Besitzt der Prediger die Vergebung seiner Sünden, so wird der Inhalt seiner Rede gut sein, denn er hat die Unterweisung des Heiligen Geistes genossen; und seine Redeweise wird überzeugend und gewinnend sein, denn er redet voll Mitleids, als einer, der selber das empfunden hat, wovon er redet. Denkwürdig ist auch, was für Zuhörer der Psalmist sich wünscht: er will Übertreter oder Abtrünnige, wie er selbst einer gewesen ist, unterweisen. Mögen andere auf solche Leute mit Verachtung hinabblicken, er kann das nicht. Die Liebe zieht ihn zu denen, welche gleich ihm erfahren müssen, was es für Jammer und Herzeleid bringt, den HERRN zu verlassen. Ist er unwürdig, die Heiligen zu erbauen, so möchte er sich zu den Sündern in den Staub neigen und ihnen in demütiger Herzenseinfalt von Gottes Liebe zeugen. Die Gnade, welche Gott einem Sünder erweist, wirft ein Licht auf seine Gesinnung gegen alle Übertreter, so dass unsere eigene Erfahrung uns Gottes Wege, d. i. seine allgemeine Handlungsweise, verstehen hilft. Vielleicht meint David aber unter diesem Ausdruck die Wege, welche Gott dem Menschen verordnet hat, also die Gebote des HERRN. Er selber hat diese gebrochen, und zu seinen tiefsten Schmerzen gehörte sicherlich dies, dass durch sein einflussreiches schlechtes Beispiel die Achtung vor Gottes heiligen Verordnungen bei vielen schwer gelitten hatte; desto mehr musste er von Eifer brennen, fortan all seinen Einfluss aufzubieten, um Gottes Gesetz dem Herzen des Volks einzuprägen. Dass sich die Sünder (wörtl.: und Sünder sollen sich) zu dir bekehren. Mein tiefer Fall wird andern zur Aufrichtung dienen. Du wirst mein Zeugnis dazu segnen, dass viele, die gleich mir auf krumme Wege abgewichen sind, zu dir zurückkehren. Es ist kein Zweifel darüber, dass gerade der vorliegende Psalm nebst den andern aus derselben Zeit, wie besonders Ps. 32, sowie dieses ganze Erlebnis Davids durch die Jahrhunderte hindurch bis auf unsre Tage ganz vornehmlich in Gottes Hand ein Mittel zur Bekehrung von Sündern geworden ist. So ist in wunderbarer Weise das Böse zum Guten gelenkt worden.

16. Errette mich von den Blutschulden. Er war an dem Tode Urias, des Hethiters, dieses treuergebenen Knechtes, schuld gewesen und bekennt jetzt diese Tatsache. War schon sein Ehebruch ein todeswürdiges Verbrechen, so hatte der Mord doppelte Schuld auf sein Haupt geladen. Wem es mit seiner Buße Ernst ist, der macht keine Umschweife, sondern legt ein unumwundenes Bekenntnis ab. Er sucht nicht nach feinen Redensarten, um seine Sünde in möglichst gutem Lichte darzustellen, sondern nennt das Ding beim rechten Namen und schüttet sein Herz gründlich aus. Welch anderes Vorgehen ist vernünftig, da wir es doch mit dem Allwissenden zu tun haben? Gott, du Gott meines Heils. (Wörtl.) So nahe hat sich David in diesem Psalm bisher nicht gewagt. Sein Glaube erstarkt während des Gebets. Er bekennt seine Sünde in diesem Vers deutlicher noch als zuvor, und doch wendet er sich zuversichtlicher und vertraulicher an Gott: zu gleicher Zeit in die Höhe und in die Tiefe wachsen verträgt sich wohl miteinander. Niemand als der König kann einen zum Tode verurteilten Verbrecher begnadigen; darum freut sich der Glaube, dass Gott in königlicher Machtvollkommenheit der Anfänger und Vollender unsrer Rettung ist. Dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme oder jubelnd preise. Wir würden eher erwarten, dass er Gottes Gnade zu preisen gelobe; aber die Gerechtigkeit Gottes fasst an vielen Stellen der Schrift die Gnade Gottes in sich. Man vergleiche besonders 1. Joh. 1,9. Der HERR hatte ja dem David durch Nathan die Zusage der Vergebung zukommen lassen (2. Samuel 12,13). Stand er zu diesem seinem Wort, so erwies sich darin seine Gerechtigkeit und Treue. So erfuhr David denn auch schon an sich wenigstens einen Vorschmack jener wunderbaren Erweisung der göttlichen Gerechtigkeit in der Rechtfertigung des Sünders, welche hernach im Neuen Testament in ihrer allumfassenden Bedeutung geoffenbart worden ist. Man beachte, dass David im vorhergehenden Vers zu predigen gelobt hatte, jetzt aber davon spricht, über die Gerechtigkeit Gottes jubeln zu wollen. Das ist nicht zum Verwundern; ist doch eben die Gerechtigkeit der göttlichen Gnade deren größtes Wunder. Wir können nie zu viel tun in der Dankbarkeit gegen den HERRN, dem wir mehr denn alles schulden. Wem viel vergeben ist, der liebt viel. Niemand kann fröhlicher jubeln als ein großer Sünder, der Vergebung erlangt hat. Unsre Sünde schreit zum Himmel; so soll denn auch unser Dank laut emporschallen. Sind wir errettete Menschenkinder, so werden wir nicht mehr unseren eigenen Ruhm singen, sondern das Thema unsrer Lobgesänge wird sein "der HERR unsere Gerechtigkeit" (Jer. 23,6).

17. Herr, tue meine Lippen auf. Er hat sich vor sich selber fürchten gelernt, so dass er bange ist zu reden, bis der Allherr selber ihm die vor Scham verstummten Lippen auftut. Er übergibt sein ganzes Wesen der göttlichen Hut. Wie wunderbar kann der HERR unsre Lippen öffnen, und was für göttlich erhabene Dinge können wir einfältigen Tröpfe aussprechen, wenn Gottes Geist uns die Worte in den Mund legt! Diese Bitte eines Bußfertigen ist ein köstliches Gebet für jeden Verkündiger des Evangeliums. HERR, auch ich bringe sie vor deinen Thron für mich und meine Brüder! Aber sie mag jedem gute Dienste leisten, der vor Scham wegen seiner Sünde nur stotternd beten kann. Wo dieser Seufzer völlig erhört wird, da beginnt der Stummen Zunge zu jauchzen (Jes. 35,6). Dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Wenn Gott einem Menschen den Mund auftut, so ist’s gewiss, dass des HERRN Lob ertönt. Je nachdem welcher Pförtner an der Lippen Tür steht, richtet sich’s auch, was aus des Menschen Munde gehet. Wenn Eitelkeit, Zorn, Falschheit oder böse Lust das Tor aufriegeln, so kommen die niederträchtigsten Schlechtigkeiten in Haufen heraus; aber wenn der Heilige Geist die Pforte öffnet, so gehen Holdseligkeit, Barmherzigkeit, Friede und alle Tugenden hervor in lieblichem Reigen, gleich den Töchtern Israels, die David entgegengingen, da er mit dem Haupt des Philisters aus der Schlacht wiederkam (1. Samuel 18,6).

18. Denn du hast nicht Lust zum (Schlacht-)Opfer. Davon handelt der vorhergehende Psalm. David war so erleuchtet, dass er weit über die sinnbildlichen Gebräuche und Ordnungen des Gesetzes hinaussah. Sein Glaubensauge haftete mit Wonne an dem wirkungskräftigen Sühnopfer.5 Ich wollte dir’s sonst wohl geben. Er hätte mit Freuden Zehntausende von Opfern dargebracht, wenn er damit seine Frevel hätte sühnen können. Ja, jede Leistung, die der HERR von ihm gefordert hätte, würde er willig vollbracht haben. Wir sind bereit, alles hinzugeben, wenn wir nur von unsrer Schuld gereinigt werden; und haben wir die Vergebung der Sünden aus freier Gnade, umsonst und ohne Geld empfangen, so ist unsere fröhliche Dankbarkeit vollends zu jedem Opfer bereit. Und Brandopfer gefallen dir nicht. David wusste, dass keinerlei Brandopfer seine Sünde hinwegnehmen konnte. Das brünstige Verlangen seiner Seele nach einer wirksamen Sühne ließ ihn vom schattenhaften Vorbild auf das wahrhaftige Gegenbild, von dem äußerlichen Ritus auf die inwendige Wirkung der Gnade blicken.

19. Die (Schlacht-)Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter (wörtl.: zerbrochener) Geist. Alle Opfer in einem bringt der Mann dar, der nichts zu bringen hat als sein zerbrochenes Herz, das einzig auf Gottes Gnade traut. Wenn das Herz um die Sünde trauert, das gefällt dem HERRN besser, als wenn der Farre unter dem Schlachtmesser blutet. Die Ausdrücke: zerbrochener Geist, zerbrochenes Herz, weisen auf tiefen, beinahe tötenden Schmerz im innersten Sitz des Lebens hin. So köstlich ist vor Gott ein wahrhaft gebeugter, von dem Bewusstsein, wie sehr er der empfangenen Gnade unwert ist, zermalmter Geist, dass er nicht nur ein Opfer sondern der Inbegriff aller Dankopfer (man beachte die Mehrzahl des Textes) ist; er ist vorzugsweise das Gott wohlgefällige Opfer. Ein geängstet (wörtl.: zerbrochen) und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten. Der Geruch der Narde strömt nur aus, wenn das Gefäß zerbrochen wird; so ist gerade ein zerbrochenes Herz Gott ein süßer Geruch. Menschen verachten solche, die in ihren eignen Augen verächtlich geworden sind; aber der HERR sieht nicht, wie ein Mensch sieht. Er verachtet, was bei den Menschen hochgehalten wird, und hält wert, was sie verachten. Noch nie hat Gott einen zerknirschten Sünder verschmäht und von sich gestoßen, noch wird er’s je tun, solange Gott die Liebe ist und es von Jesus heißen kann: Dieser nimmt die Sünder an. Farren und Böcke begehrt er nicht, wohl aber verlangt ihn nach zerbrochenen Herzen; ja, ein solches ist ihm mehr wert als all die mannigfaltigen Opfer des alten israelischen Heiligtums.

20. Tue wohl an Zion nach deiner Gnade. Lass, wie es ja deine Lust ist, Segnungen sich ergießen über deinen heiligen Berg und die Stadt, die du erwählt hast. Zion war Davids liebste Stätte; dort hatte er gehofft, einen Tempel erbauen zu dürfen, und, als ihm dieser Herzenswunsch abgeschlagen war, wenigstens ein Zelt für die heilige Lade aufgerichtet. Sein Herz hängt so sehr an dieser geweihten Stätte, dass er, sobald er sein Gewissen vor Gott entlastet hat, für sie ein Wort einlegen muss. Er fühlt es tief, wie unwürdig er nach seinem schweren Fall ist, noch irgendwie die Ausführung dieses Planes vorzubereiten, Gott durch einen Tempelbau zu ehren; aber er fleht, Gott möge dennoch die Stätte, da er über den Cherubim der Bundeslade thront, herrlich sein lassen, den Gottesdienst dort bestätigen und das Volk, das ihn da verehrt, segnen. Baue die Mauern zu Jerusalem. Auch das war David ein liebes Werk gewesen, die heilige Stadt mit Mauer und Wall zu umgeben, und es ist ihm ein herzliches Anliegen, dass es ganz vollendet werde, wie es hernach unter Salomo geschehen ist (1. Könige 3,1). Wir sind aber der Meinung, David habe bei diesen Worten Tieferes im Sinn gehabt und für das Wohlgedeihen von Gottes Reichssache und Gottes Volk gebetet. Er hatte durch seine Sünde viel Unheil angerichtet und gleichsam Zions Mauern niedergerissen; er fleht daher zum HERRN, er möge den durch ihn angerichteten Schaden in Gnaden wiedergutmachen und seine Gemeinde befestigen. Gott kann machen, dass seine Kirche wohlgedeiht, und er will und wird es tun, wenn wir darum beten. Wo er nicht baut, da arbeiten wir umsonst; darum lasst uns brünstig und unablässig zu ihm flehen. Es wäre ein sicheres Zeichen, dass die Gnade nicht in uns regiert, wenn wir kein warmes Empfinden für das Wohl oder Wehe der Gemeinde des HERRN hätten.

21. Dann werden dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die Brandopfer und ganzen Opfer; dann wird man Farren auf deinem Altar opfern. In den heilvollen Tagen, die David herbeisehnt, da werden die Heiligen in reicher Fülle die besten Opfer darbringen, und du, Gott, wirst geruhen sie anzunehmen. Begnadigte Seelen erwarten, ihre Bitten um Neubelebung der Gemeinde Gottes erfüllt zu sehen, und sind des gewiss, dass der HERR dann hoch verherrlicht werden wird. Wiewohl wir jetzt keine Tieropfer mehr zu bringen haben, weihen wir doch als Priester Gottes unsere Anbetung und die gelobten Gaben als die rechten Dankopfer, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus (1. Petr. 2,5). Wir bringen dem HERRN nicht etwa das Geringste, unsere Tauben und Turteltauben, sondern weihen ihm das Beste, was wir haben, unsere Farren. Wir freuen uns, dass wir in dieser gegenwärtigen Zeit des Heils schon die Opfer der Gerechtigkeit bringen können, von denen der Psalmdichter hier redet, d. h. solche Opfer, die nicht nur äußerlich den Vorschriften des Gesetzes entsprechen, sondern vor allem ein Ausfluss der rechten Gesinnung sind. Aber wir harren auch noch künftiger Tage der Heilsvollendung, in denen die Gemeinde des HERRN mit unaussprechlicher Freude auf Gottes Altar Gaben opfern wird, die alles weit übertreffen werden, was wir in diesen kümmerlichen Zeiten Gott darbringen. HERR, lass die Tage bald kommen!

Fußnote
5. Gegen diese Deutung auf das Sündopfer spricht erstens der Zusammenhang mit V. 17, wonach nur von Dankopfern die Rede sein kann. V. 18 begründet ja (mit denn beginnend), warum der Psalmist nicht mit Tieropfern, sondern mit Lob der Lippen Gott für die Begnadigung preisen wolle. Ferner waren für "Blutschulden", für Kapitalverbrechen, im alten Bunde ja keine Sündopfer vorhanden. Der Beziehung auf Sündopfer sind aber auch die für die Opfer hier gebrauchten Ausdrücke nicht günstig. Es ist nicht nachweisbar, dass xbz, Schlachtopfer, mag es auch an einzelnen Stellen in weiterer Bedeutung vorkommen, je vom Sündopfer speziell gebraucht werde. Unter den Schlachtopfern sind bekanntlich diejenigen Opfer zu verstehen, welche nach Darbringung gewisser Teile zu fröhlichen Opfermahlzeiten vor dem HERRN dienten, also eigentlich den Gegensatz zu den Sündopfern bildeten, da sie den Stand der Versöhntheit mit Gott zur Voraussetzung hatten. Das Brandopfer hat allerdings allgemein-sühnende Bedeutung, aber diese tritt zurück vor der andern, dass der Darbringer damit seiner Anbetung und seiner Hingabe an Gott Ausdruck gibt. - Der folgende 19. Vers scheint freilich dieser Auffassung zu widerstreiten. Denn wie kann ein zerbrochenes Herz der Inbegriff aller Gott wohlgefälligen Dankopfer genannt werden? Man wird (mit Moll) darauf antworten dürfen, dass nur der wahrhaft Gott danken könne, dessen Herz von der Gnade zermalmt sei und sich in wahrer Demut dessen nicht wert achte, was Gott an ihm getan habe.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 15.05.2021 06:42

Erläuterungen und Kernworte

Zu Ps. 50; 51; Von den 2 asaphitischen Psalmen, die im Übrigen als eine Gruppe für sich im Psalter beieinander stehen (73-83), ist einer, der 50., abgetrennt und der zweiten größeren Gruppe von Davidspsalmen (den elohimischen) 51 ff. vorangestellt, offenbar wegen der innern Verwandtschaft des 50. (asaphischen) mit dem 51. (davidischen) Psalm. Beide "entwerten das dingliche tierische Opfer gegen das persönliche geistliche" (Delitzsch). Diese Reihenfolge ist ein Beispiel davon, dass neben der Ähnlichkeit in hervorstechenden äußeren Merkmalen, die bei vielen Psalmen die Anordnung bestimmt haben wird, auch die innere Verwandtschaft für die Anordnung des Psalters manchmal maßgebend gewesen ist. - James Millard

Zur Überschrift. Als er war zu Bath-Seba eingegangen. Das war das Ei, das der Teufel ins Nest gelegt hatte, damit ihrer viele dazu gelegt würden. John Trapp † 1669

Zum ganzen Psalm. (Aus der Vorrede zu dem zweiten englischen Band der Schatzkammer Davids, welcher Ps. 27-52 umfasst.) In diesem Band sind mehrere der hervorragendsten und köstlichsten Zionslieder enthalten. Bei etlichen derselben wurde ich, als ich daranging, sie auszulegen, von heiliger Scheu übernommen, so dass ich mit Jakob ausrief: "Wie heilig ist diese Stätte! Hie ist nichts anders denn Gottes Haus". Insonderheit war dies beim einundfünfzigsten der Fall. Ich verschob es Woche um Woche, die Erklärung dazu zu schreiben, da ich immer stärker mein Unvermögen fühlte. Oft setzte ich mich hin, um ans Werk zu gehen, und stand wieder auf, ohne auch nur eine Zeile geschrieben zu haben. Der Psalm ist ein Busch, der mit Feuer brennt und doch nicht verzehrt wird, und es war mir, als rufe mir aus ihm eine Stimme zu: "Tritt nicht herzu, zeuch deine Schuhe aus von deinen Füßen." Der Psalm ist so menschlich, seine flehentlichen Bitten und Seufzer sind ganz die eines vom Weibe Geborenen, und doch trägt er so stark das Gepräge göttlicher Inspiration, dass es uns ist, als habe der himmlische Vater selber seinem Kinde jedes Wort in den Mund gelegt. Solch einen Psalm mag man mit Zähren benetzen, mag ihn ganz in sich aufnehmen und dann wieder als ganz persönliches Gebet vor dem HERRN ausschütten; aber ihn auslegen - wo ist jemand, der das versucht hätte und nicht ob dem Misslingen erröten müsste? C. H. Spurgeon 1870.

Davids Buße war sehr gründlich. Gott wirkte sie in seiner Seele. Es gingen gewaltige Zermalmungen in seiner Seele vor. Seine Traurigkeit hielt eine Zeit lang an. Er vertrieb sie nicht durch zerstreuende Geschäfte, durch Lustbarkeiten und durch einen selbstgemachten Trost. Er wusste, dass seine Sache bei dem höchsten Gericht Gottes anhängig sei, und wollte sich nicht zufrieden geben, bis er innerlich überzeugt war, dass ihm von daher eine Absolution widerfahren sei. Er erlangte sie auch und konnte Gott Ps. 103 fröhlich darüber danken. Die erlangte Gnade stärkte auch seine Gebeine und richtete seine Gesundheit wieder auf. Seine Buße war so gründlich, dass er hernach sein Leben lang vor dem Ehebruch, Totschlag und allen vorsätzlichen Sünden einen Abscheu hatte und gegen neue Sündenfälle gesichert war. Eine tiefere Einsicht in das Verderben der menschlichen Natur und in die wahre Beschaffenheit der Rechtfertigung und Heiligung begleitete seine Buße, und diese Einsicht setzte ihn instand, andere zu lehren, und war also ein Pfund, welches viel gewann. Keines Menschen Buße ist in der heiligen Schrift so ausführlich beschrieben, von keinem Menschen vor David wird gemeldet, dass er die Sünde und die Vergebung der Sünden so hoch gerechnet habe wie er. Sein Sündenfall hat viele Nachfolger; ach, dass seine Buße auch viele hätte! Prälat Magnus Fr. Roos 1773.

Der Psalm ist schon vielen Sündern ein Führer gewesen, der sie zu Gott zurückgebracht hat. Athanasius († 373) empfiehlt in einem Briefe an etliche Christen, ihn zu beten, wenn sie des Nachts erwachten. Luther sagt von diesem Bußpsalm, man habe ihn in der Kirche öfter als irgendeinen im Psalter gesungen und gebetet. Beachtenswert ist, dass dieser Psalm der erste ist, in welchem der Geist der heilige Geist genannt wird. William Swan Plumer 1867.

Wie oft ist Psalm 51 mit seiner Bitte um Vergebung, um ein reines Herz und einen neuen gewissen Geist gesprochen und gesungen worden in den furchtbarsten und ergreifendsten Stunden und Lagen! Im Gefängnis zu Florenz schrieb Savonarola (1479) eine Auslegung davon, sich selbst anklagend und tröstend damit! Ökolompad sprach sterbend (1531) den ganzen Psalm von Anfang bis zu Ende; Jane Grey noch auf dem Schafott. Seinem Könige, Henry IV., verfasste dessen treuer Stallmeister, Agrippa d’Aubigne, um ihn vorzubereiten auf seine Wiederaufnahme in die protestantische Kirche, eine sehr ernste Meditation über den Psalm, die der König freundlich aufnahm und mehrmals betete mit reumütigem Sinn. Luther tröstete damit einen armen Studenten, der auf die Frage, was er sterbend Gott bringen wollte, geantwortet hatte: "ein geängstet und zerschlagen Herz!" Huß sang den Psalm zu Konstanz auf dem Scheiterhaufen (1415); ebenso der arme Pierre Milet, als er auf der Place Maubert unter Franz II. in Ketten übers Feuer gehängt wurde; und wie viele der französischen Wüstenprediger im 18. Jahrhundert stiegen unter dem Gesang dieses Psalms die Stufen zum Galgen hinan! A. von Salis 1902.

Dieser Psalm ist wohl der ergreifendste von allen; jedenfalls ist er einer von denen, die ich am unmittelbarsten auf mich anwenden kann. Er ist offenbar der Erguss einer Seele, die schwer unter dem Schuldgefühl einer vor kurzem begangenen großen Übertretung leidet. Mein Gott, gib du auch mir Gnade, die Abscheulichkeit meiner mannigfaltigen Missetaten, ob alt oder neu, zu erkennen, und gedenke nicht der Sünden meiner Jugend. Welch eine reiche Fundgrube ist dieser Psalm fürs Gebet, an Inhalt und Ausdrücken! Wasche, reinige mich, HERR, und lass meine Sünde und meine sündliche Beschaffenheit immer vor mir sein. Lass mich meine Verfehlungen vornehmlich als Sünde gegen dich erkennen, damit mein Schmerz göttliche Traurigkeit sei. Gib mir zu erkennen, wie bösartig meine angeborene Verderbnis ist, säubere mich gründlich davon, und pflanze du Wahrheit in mein verborgenes Innere, damit meine Bekehrung eine wirkliche Abkehr von der Sünde und Zukehr zum Heiland sei. Schaffe mich neu, Gott. Entziehe mir nicht deinen Geist. Verleihe mir, dass ich mich deines Heils freuen könne. Errette mich, Gott, von den Blutschulden, die ich mir durch Ärgern deiner Kleinen aufgeladen habe. Und tu mir so die Lippen auf, dass ich von den Wundern der Gnade reden könne, die du an meiner Seele getan hast. Möge ich wahre geistliche Opfer opfern. Und ach, lass nicht durch irgendwelche von mir geschehende Übeltaten Schande über deine Gemeinde kommen, sondern läutere und erbaue diese, so dass auch ihre äußeren Gottesdienste, rein von aller Bosheit und Heuchelei, dir wohlgefallen können. Thomas Chalmers † 1847.

Der Psalm hat gewiss auch eine weissagende Bedeutung für das Volk Israel. In den letzten Tagen werden die Kinder Israel ihre Wege überdenken, und bittere Reue und Selbstverabscheuung werden die Folge sein. Noch weit schrecklichere Blutschuld als die, welche David auf dem Gewissen hatte, muss von ihnen genommen werden. Wenn sie aber von der Missetat ihrer Sünde gereinigt sein werden, dann werden sie die Lehrer der Heiden werden. Arthur Pridham 1869.

V. 3. Gott, sei mir gnädig. Ich scheue und schäme mich, meinen Namen zu nennen, denn meine frühere Vertrautheit mit dir macht es mir jetzt, nach meinem schweren Fall, nur um so schrecklicher, dass ich weiß, du erkennst mich wieder. Darum sage ich nicht: Herr, gedenke an David, auch nenne ich mich nicht, wie ich in glücklicheren Stunden getan, deinen Knecht oder deiner Magd Sohn. Ich will nichts andeuten, was an meine früheren Beziehungen zu dir erinnern könnte und so meine Schändlichkeit nur in grelleres Licht stellen würde. Darum frage nicht, HERR, wer ich sei, sondern vergib mir als einem Sünder, der seine Missetat bekennt, sich selber verdammt und um Erbarmen fleht. Ich wage nicht zu sagen: "mein Gott" denn das wäre Anmaßung. Ich habe dich verloren durch meine Sünde, habe mich dir entfremdet, indem ich dem Feind folgte; darum bin ich unrein, dass ich dir nicht nahen darf, sondern nur von fern stehen und zerknirschten Herzens rufen kann: Gott, sei mir Sünder gnädig! Bischof A. P. Forbes 1857.

Gott, sei mir gnädig. Er spricht nicht: Siehe an meinen Sack, mein Fasten, mein Opfer. Nach deiner Güte, nicht: nach meiner Genugtuung. Und tilge usw. Das sind alles Worte einer gründlichen Reue, die da groß macht und viel die Gnade Gottes, in dem, dass sie groß und viel macht ihre Sünde. Denn, als der Apostel sagt (Röm. 5,20), wo die Sünde groß ist, da ist Gnade auch groß. Darum schmecket die Gnade nicht wohl denen Hoffärtigen; denn ihnen schmecken noch nicht übel ihre Sünden. Martin Luther † 1546.

Sei mir gnädig: nicht nur dem Affekt nach, sondern den Effekt miteingeschlossen, da man in der Tat und im Werk selbst sich gnädig erweist. Die Gnade soll die Norm und Richtschnur des Prozesses sein; so, wie sie von der Welt her berühmt ward. Johann David Frisch 1719.

Tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Der erweckte Sünder entsetzt sich ob der Größe und Menge seiner Sünden; aber er braucht nicht zu verzagen, denn bei Gott ist große Barmherzigkeit, eine Fülle von Erbarmen. Ob unsrer Sünden mehr sind denn Haare aus unserm Haupt (Ps. 40,13), so übertrifft die göttliche Gnadenfülle das Heer der Sterne am Himmel. Gott ist unendlich, so ist auch seine Gnade unermesslich. Ja, so hoch ist seine Gnade über unsere Sünde erhaben, wie er selber über uns arme Sünder. Damit, dass der Psalmist sich auf die Größe der göttlichen Barmherzigkeit beruft, zeigt er die Tiefe seiner Sündenerkenntnis. Solange wir unter dem Betrug des Satans dahingehen, erscheinen uns unsere Sünden klein und wenig; aber wenn wir uns in Gottes Licht stellen, werden die vorher so unbedeutenden Sünden riesengroß und ihre Zahl wird Legion. Archibald Symson 1638.

Tilgen heißt etwas völlig ausmerzen, so dass davon keine Spur mehr zurück bleibt und man sein nicht mehr gedenkt. Vergl. 2. Mose 17,14 (Amalek); 32,32 f. (jemand aus dem Buch des Lebens); Jes. 43,25; 44,22 (Sünden). Charles de Coetlogon 1775.

Meine Sünden. Ist das Gewissen gesund, so spricht es stets so: meine Sünden. Schieb deine Schuld nicht auf diejenigen, welche dich in Versuchung gebracht haben. Ein jeglicher muss seine Last tragen (Gal. 6,5): Sie haben ihre Schuld; aber deine Sünde ist dein, dein allein, ein schreckliches Besitztum, in das du dich mit niemand teilen kannst, das dir allein unter allen Geistern des Weltalls anhängt. Fr. W. Robertson † 1853.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 18.05.2021 13:10

V. 3.4. Drei Ausdrücke für Sünde: Übertretungen, Missetat, Sünde. Die Sünde ist 1) ($apIe%: Losreißung von Gott, Treubruch, Empörung; 2) NO(f: Verkehrung, verkehrtes Handeln, Missetat; 3) t)+Ifxa: Abirrung von dem, was vor Gott wohlgefällig ist. Adam Clarke † 1832.

V. 4. Von meiner Missetat, meiner Sünde. Beachte: von der Schuld, nicht von der Strafe begehrt er los zu werden. Dass das Schwert nicht von seinem Hause lassen solle ewiglich, dass die Sünde, die doch heimlich begangen war, vor dem ganzen Israel und an der lichten Sonne an ihm gestraft werden solle, dass das dem Elternherzen so teure Kind um des Vaters Sünde willen hatte sterben müssen - von alle dem spricht David in diesem Psalm gar nicht, sondern ausschließlich von seiner Sünde als Missetat wider Gott und (wenn auch nicht so ausdrücklich) davon, dass er Gottes Heiligtum durch seine Unreinigkeit befleckt habe. Bischof Ambrosius von Mailand † 397.

Reinige mich von meiner Sünde. Die Sünde ist ein schmutziges Ding; schmutzig, davon zu reden, schmutzig, davon zu hören, schmutzig vor allem, zu tun. Archibald Symson 1638.

V. 5. Meine Sünde. Das ist unser natürliches Besitztum. Von den Gütern dieser Erde haben wir nichts mitgebracht, hungrig und nackt sind wir in die Welt gekommen; unsre Sünde aber haben wir mitgebracht, wie David hernach bekennt. Samuel Page 1646.

Ist immer vor mir. Der Schmerz über die Sünde übertrifft an Dauer und Beständigkeit den Schmerz wegen der Züchtigung. Dieser kommt und geht wie eine Springflut; jener ist einem beständig fließenden Bache zu vergleichen. Die Trauer über die Sünde ist in der Seele eines Gotteskindes am Morgen, am Abend, bei Tag, bei Nacht, in gesunden und kranken Tagen, in Freude und Leid, daheim und draußen, allezeit. Dieser Kummer beginnt mit unserer Erweckung, währt durchs ganze Leben hindurch und hört erst auf, wenn wir in das Land eingehen, wo keine Sünde mehr ist. Thomas Fuller † 1661.

Der ermordete Uria, die geschändete Bath-Seba, die befleckte Krone, das geärgerte Volk, das verletzte Gewissen, der Fluch des Gesetzes und andere Suiten (Folgen) der Sünden lagen ihm immer im Sinn. Sie schwebten ihm ohne Unterlass vor Augen als so viel ängstende Furien; sie setzten ihm als so viel Henker und Peiniger zu mit ihren Drohungen, dass er davor niemals Ruhe hatte. Johann David Frisch 1719.

Meine Sünde ist immer vor - dem Volke: Schande für David; vor den Frommen: Kummer für sie; vor den Feinden: Freude für sie. Wenn aber etwas auf wahre Reue und Besserung hoffen lässt, so ist es dies, wenn der Sünder sagen kann: Meine Sünde ist immer vor mir. Da lernt er seinen ganzen Jammer kennen. Samuel Page 1646.

V. 6. An dir allein ab ich gesündigt. Alle Sünde ist Sünde gegen Gott, weil gegen seinen Willen. Gott zieht sie an sich, macht die Schuld zu einer bei ihm zu bezahlenden, so dass wir für alles mit ihm allein zu tun haben, ihm allein Sünder sind. Das brauchte nicht so ausdrücklich gesagt zu werden, wenn es sich hier nicht um Sünde handelte, welche zunächst nicht an Gott direkt begangen zu sein schien; womit also die vielfach laut gewordene, auch von Bäthgen wiederholte Rede hinfällig wird, es lasse sich dieser Satz nicht mit Davids Ehebruch und Mord vereinigen. Selbstverständlich will der Dichter hier seine Schuld nicht abschwächen, sondern im Gegenteil ihr Schwergewicht bezeuge. Lic. Hans Keßler 1899.

Dieser Vers ist von vielen auf mancherlei Weise ausgelegt worden, und man hat allezeit dafür gehalten, dass dieser Vers der schwerste wäre in diesem ganzen Psalm. Wiewohl ich nun einem jeglichen seine Meinung gut lasse sein, hoffe ich doch, wir wollen des rechten, gewissen Verstandes nicht fehlen. Des muss aber ein jeglicher Leser wohl eingedenk sein, dass David hier in allen Heiligen und Gläubigen, nicht allein in seiner Person oder allein als ein Ehebrecher hier rede. Wiewohl ich zugebe, dass ihm diese Sünde Ursach gegeben hat, dass er zu sein selbst und der ganzen menschlichen verderbten Natur Erkenntnis gekommen ist, dass er also bei sich gedacht: "Siehe, ich, der so ein heiliger König war, der mit großem Ernst das Gesetz gehalten, den Gottesdienst gemehret und ernstlich darüber gehalten, bin nun durch die Bosheit und Gift der Sünde, welche der ganzen menschlichen Natur angeboren, also überschüttet und überfallen, dass ich den unschuldigen frommen Mann, Uriam, habe lassen ermorden und ihm durch den Ehebruch sein Weib genommen. Ist das nicht eine helle, klare Anzeigung, dass die Natur des Menschen heftiger durch die Sünde vergiftet und verderbet ist, denn ich mein Leben lang hätte können gedenken? Gestern war ich keusch, heute ein Ehebrecher; gestern rein ohne Blutschuld, nun aber bin ich des unschuldigen Blutes schuldig." Auf solche Weise kann es geschehen sein, dass David aus solcher Sünde des Ehebruchs und des Totschlags zur Erkenntnis der ganzen sündlichen Natur gekommen sei und habe daraus also geschlossen, dass weder der Baum noch die Früchte der menschlichen Natur gut, sondern dass alles durch Sünde verderbet ist, dass nichts Gutes in der ganzen Natur mehr vorhanden sei. Martin Luther 1532.

Habe ich gesündigt. Me, me, adsum qui feci (Virgil): Ich, ich hab getan; ich, den du von den säugenden Schafen geholt, dem du für den Hirtenstab das Zepter, an Stelle der Schafe dein eigenes Volk Israel gegeben und auf dessen Haupt du eine güldene Krone gesetzt hast. Ich, dem du vor noch nicht langer Zeit die volle Königsherrschaft über das ganze Volk gegeben; ich, den du Jerusalem hast von den Jebusitern erobern lassen; ich, der ich dem Volke den Frieden errungen, der ich den Gottesdienst hergestellt und Gerichtshöfe eingesetzt habe in Jerusalem, damit du geehrt werdest; ich, der ich dir so gern ein Haus erbaut hätte; ich, dem du Regiment und Gericht anvertraut hast, den Guten zu Nutz, den Bösen zur Strafe; ich, dem du die verantwortliche Aufgabe gegeben hast, als Prophet die Seelen mit deinem Wort zu leiten, mit heilsamem Rat zu unterstützen, mit deinen Verheißungen zu locken und deinen Drohungen zu schrecken; ich, der ich sowohl als König wie als Prophet dem ganzen Israel ein Vorbild der Heiligkeit und Rechtschaffenheit hätte sein sollen - ich habe an dir so furchtbar gesündigt! Nathan sprach zu David als gerechter Ankläger: "Du bist der Mann", und nun antwortet David mit herzlichem Bekenntnis: "Ja, ich bin der Mann". Samuel Page 1646.

Die Erfahrung lehrt, dass es viele Leute gibt, die keinen Anstand nehmen, sich im Allgemeinen als Sünder zu bekennen, und sich doch kaum irgendeiner speziellen Sünde schuldig geben. Wenn man sie auf die zehn Gebote hinweist, so wissen sie jedes derselben so zu wenden, dass sie von Übertretung frei sind. Wer sie so in Bezug auf das einzelne reden hört, wird ihnen auch ihr allgemeines Sündenbekenntnis nicht glauben können; denn sobald man sie der Sünde wider die verschiedenen Gebote anklagt, erklären sie sich nichtschuldig. Solange ein Mensch ohne Gefühl und Erkenntnis seiner einzelnen Sünden ist, kann man keine Hoffnung haben, dass er zurechtkomme. Wohl dem, dessen Herz von Schmerz über die Sündlichkeit einer seiner Taten durchbohrt ist. Empfindet er wegen dieser einen wahre Reue, so wird ihn das zu einer gründlichen Erkenntnis seines ganzen verlorenen Zustands führen. Die eine Sünde brachte David auf die Knie, zerbrach sein Herz, zerschmelzte sein Innerstes und brachte ihn dazu, dass er um allumfassende Vergebung, Reinigung und Erneuerung flehte. Samuel Hieron † 1617.

Auf dass du Recht behaltest in deinem Spruch usw. Die Sünde, obwohl dem Willen Gottes widersprechend, muss trotzdem seiner Verherrlichung dienen (vergl. Röm. 3,4 f.), insofern seine Heiligkeit und Gerechtigkeit an dem über sie ergehenden Gericht offenbar wird. Eine hierüber hinausgehende Kausalität Gottes bezüglich der Sünde wird hier nicht gelehrt. Lic. Hans Keßler 1899.

Man darf dieses "auf dass" nicht in ein "so dass" abschwächen, es nicht vom Erfolge statt von der Absicht verstehen. Es schließt sich an das in "an dir allein" und "das in deinen Augen Böse " ausgesprochene sittliche Verhältnis des Menschen zu Gott an, welches darauf angelegt ist, dass Gott, wenn er nun den Sünder verurteilt, als der Gerechte und Heilige erscheine, der, wie der Sünder selbst anerkennen muss, nicht anders als ihn verdammend entscheiden kann. Indem die Sünde dem Menschen als solche offenbar wird, muss er selber zu dem göttlichen Strafurteil, wie David zu dem durch Nathan über ihn ergangenen, Amen sagen; so sich selber Unrecht geben, damit Gott Recht habe und behalte, ist eben das Wesen der Buße. Wenn aber des Sünders Selbstanklage die göttliche Gerechtigkeit rechtfertigt, wie andererseits alle Selbstrechtfertigung des Sünders (die aber eher oder später enttäuscht wird) Gott der Ungerechtigkeit anklagt (Hiob 40,8): so muss alle menschliche Sünde zuletzt der Verherrlichung Gottes dienen. In diesem Sinne wird V. 6b von Paulus Röm. 3,4 verwendet, indem er, was hier im Psalter geschrieben steht, als das Ziel ansieht, auf welches die ganze Geschichte Israels hinstrebt. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 7. Dies "Siehe" richtet sich nicht an die Menschen; aber es ist auch nicht eigentlich zu Gott gesprochen wie das folgende (V. 8), sondern eher vor Gott. Es drückt das Staunen des Dichters über seine Verderbnis, die er im Licht der göttlichen Gegenwart in ihrer Tiefe erkennt, aus. Thomas Goodwin † 1679.

Siehe, ich bin in Verschuldung geboren usw. (Grundtext) Noch hat er sich nicht genug gebeugt; er muss noch tiefer hinunter in den Staub. Es genügt nicht, dass er anerkannt hat, das Wasser im Teich sei schmutzig; er geht bis zu der Quelle hinaus und bekennt, der ganze Strom sei unrein vom Ursprung an; die Quelle selber sei unsauber und sprudle trübes Wasser aus. Thomas Alexander 1861.

Infolge des Sündenfalles erscheint die Sünde als Zustand in der Menschheit, nämlich als ein Hang, der den Menschen beherrscht, und als ein sündiges Gesamtleben, welches sich vererbt, teils in der Menschheit im Allgemeinen, teils in besonderm Maße in einzelnen Geschlechtern, und diese so einem Schuld und Gerichtsbann unterwirft.
Dass dieser sündige Hang ein sich forterbender ist, liegt, wenn es auch nicht ausdrücklich gesagt ist, doch indirekt bereits in Stellen wie 1. Mose 8, 21: "Das Gebilde des Herzens des Menschen ist böse von seiner Jugend an." Daneben kommt in Betracht, dass der Mosaismus, ungeachtet er die Fortpflanzung des Menschengeschlechts von dem göttlichen Segen ableitet, doch alle Vorgänge und Zustände, welche sich auf Erzeugung und Geburt beziehen, als einer Reinigungssühne bedürftig betrachtet, vergl. die Gesetze 3. Mose 12; 15; worin der Gedanke liegt, dass alle diese Zustände mit sündiger Trübung behaftet seien. Hiernach hat Ps. 51,7 eben den Gedanken des Gesetzes ausgesprochen: "Siehe, in Verschuldung bin ich geboren usw." Auch wenn diese Stelle nach der jetzt gewöhnlicheren Erklärung nur von einer Verschuldung und Sünde der Eltern reden würde, würde doch daraus, dass schon die Entstehung des Menschen mit Sünde behaftet ist, die weitere Konsequenz sich ergeben, dass auch der Neugeborene von Sünde nicht frei sei, wie Hiob 14,4 es ausspricht: "Wie käme ein Reiner von einem Unreinen? Nicht einer!" - ein Gedanke, der jedenfalls im Zusammenhang der Psalmstelle liegt. Aber es steht in der Tat nichts im Wege, Verschuldung und Sünde in der Psalmstelle (so Hitzig) bereits auf das empfangene und geborene Kind selbst zu beziehen, wonach die Stelle direkt ausspricht, dass das Böse mit dem Menschen vom ersten Moment seiner Entstehung an verwachsen ist. - Von in Heiligkeit geborenen Kindern weiß wohl der Talmud, nicht aber das alte Testament. Die göttliche Ausrüstung einzelner Männer in Mutterleib (Jer. 1,5 usw.) schließt die allgemeine Sündhaftigkeit nicht ans. Prof. Gustav Fr. Ohler † 1872.

Kinder sind keine Unschuldsengel, sondern kommen mit Sünde behaftet zur Welt. Die erste Windel, die sie einhüllt, ist ein Gewebe von Sünde, Schande, Blut und Unflat. (Vergl. Hes. 16,4-6) Sie haben, da sie noch in den Lenden Adams waren, gesündigt, gerade wie Hebr. 7,9 f. von Levi gesagt wird, er habe dem Melchisedek den Zehnten gegeben, da er in den Lenden Abrahams gewesen sei. Sonst würden keine Kinder sterben; denn der Tod ist der Sünde Sold und die Herrschaft des Todes eine Folge der Herrschaft der Sünde. Christopher Neß 1700.

Eine eigentümliche Unterstützung findet der Begriff der Erbsünde durch den Darwinismus, in dessen Theorie ja der Begriff der Vererbung eine Hauptrolle spielt und ebenso auf geistige und moralische wie auf physische Erscheinungen angewendet wird, ohne dass übrigens die Theologie bis jetzt eingehenderen Gebrauch von dieser Unterstützung gemacht hätte. Th. Hermann im Calwer Kirchenlexikon 1893.

Die Mutter wird synekdochisch (als Teil für das Ganze) statt der Eltern genannt, nicht etwa, weil sie sündhafter wäre als der Vater, sondern weil im ersten Glied von seiner Geburt die Rede ist und überhaupt der Anteil der Mutter an der Hervorbringung des Menschen der in die Augen fallendste ist. Prof. Hermann Hupfeld 1860.

V. 6-8. Da er an Gott sich versündigt hat, so kann er nicht anders, als dem verdammenden Urteil Gottes über sich Recht geben. Und das ist der Punkt, wohin es mit jedem Sünder kommen muss, welcher der Vergebung teilhaftig zu werden begehrt, wie der Apostel sagt: Richteten wir uns selbst, so würden wir nicht gerichtet (1. Kor. 11,31). Da aber ferner zur rechten Erkenntnis der Sünde auch dies gehört, dass sie nicht bloß in unseren einzelnen Werken, sondern vielmehr in unserm Wesen erkannt werde, so bekennt David, dass schon mit dem Anfange eines Menschenlebens die Sündhaftigkeit anfängt und dass nicht bloß einzelne seiner Werke, sondern der Mensch selbst schuldig ist vor Gott. Er ist es sich wohl bewusst, wie hart es dem selbstgefälligen Menschenherzen falle, ein solches Geständnis abzulegen; aber da Gott vor allem anderen Wahrheit gegen uns selbst fordert, ohne welche wir nicht wahr gegen ihn zu sein vermögen, so darf sich ihm der Mensch nicht entziehen. Ja, so deutlich fühlt der Sänger das Widerstreben der sündlichen Natur, sich unter ein solches Geständnis gefangen zu geben, dass er seine Einsicht göttlicher Erleuchtung zu verdanken bekennt. Prof. August Tholuck 1843.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 22.05.2021 05:54

V. 8. Du begehrst Wahrheit, nicht Schatten und Schein, sondern Wirklichkeit. Du begehrst Wahrheit im Innern, im Verborgenen des Herzens, ein aufrichtiges Herz, ein lauteres Gewissen. Das ist ein echter Israelit, ein echter Christ, der’s inwendig verborgen ist (Röm. 2,29). John Ball † 1640.

Eine große französische Birne heißt le bon Chrétien, der gute Christ, weil sie, wie man sagt, nie im Herzen faul wird. George Swinnock † 1673.

So tue mir denn im verborgenen (Herzen) Weisheit kund. (Grundtext) Einen klugen Kopf und eine kluge Zunge haben ist ganz etwas anderes, als ein kluges oder weises Herz haben; darum schreibt die Schrift die wahre Weisheit sehr oft dem Herzen zu. Von Gott selber wird gesagt, er sei weise von Herzen. (Hiob 9,4 Grundtext) Törichte Menschen gleichen wie Ephraim "einer einfältigen Taube ohne Herz", d. i. ohne Verstand (Hos. 7,11). Sie mögen große irdische Klugheit haben, Gedankenblitze in Fülle sprühen und den Kopf voll haben von Gelehrsamkeit; aber das Herz ist der Weisheit bar. Sie mögen ein glänzendes und scheinbar begeistertes Bekenntnis ablegen; aber das Herz ist finster, tot und kalt. Wer sich mit einem solchen Zustand zufrieden gibt, ist ein Tor. John Murcot 1657.

Hiezu (zu der Erwartung V. 7.8, dass Gott ihn nicht verwerfen und die Macht der Sünde in ihm doch dämpfen wolle) hat er aus dem die Hoffnung gefasst, dass Gott Lust habe zur Wahrheit und ihn daher in dem Verborgenen seines inwendigen Menschen die Weisheit werde wissen lassen: wie zwar die Sünde sich von der Zeugung und Empfängnis an so festgesetzt, so weit und tief eingefressen habe, wie aber auch Gott seine Kur dagegen eben so tief und gründlich bei dem Menschen anfange. Er legt durch seine göttliche Zeugung die Wahrheit und die Lust zur Wahrheit eben so tief und lässt es sich gefallen, wenn daraus wieder eine wahrhaftige Lust zur ersten Unschuld erwächst. O wie tut es so wohl, wenn uns Gott die Weisheit, die er zu unserm Heil, zu unserer gründlichen Hilfe aus der Sünde verordnet hat, einsehen lässt. Aus Wahrheit und Weisheit entsteht in der Seele eine solche reine Wollust, die aller Lust des Leibes weit vorzuziehen ist. Karl Heinrich Rieger † 1791.

V. 9. Entsündige mich mit Ysop. Der Psalmdichter deutet auf die Reinigung vom Aussatz (3. Mose 14,52) oder von der Berührung eines Leichnams (4. Mose 19,18) hin. In beiden Fällen wurde beim Besprengen der Ysop gebraucht. Samuel Chandler † 1766.

Weißer als Schnee. Die Geschichte kennt kaum ein größeres Beispiel der Wandlung blutroter Sünden in blendend Weiß als die, dass aus der nachmaligen Ehe Davids und der Bath-Seba Salomo, der gesegnetste aller Könige, hervorgegangen. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

In der hebräischen Sprache gibt es zwei Wörter für waschen (skI"kIi und Cxarf), die aber verschiedene Bedeutung haben und auch stets genau ihrem Sinn gemäß angewandt werden. Das eine, eigentlich durchkneten, walken, bezeichnet ein Waschen, welches den Stoff des zu Säubernden durchdringt und es so innen wie außen, durch und durch, reinigt. Das andere bezeichnet das Reinigen der Oberfläche einer Materie, durch welche das Wasser nicht dringen kann. Jenes wird vom Waschen der Kleider, dieses vom Waschen des Leibes gebraucht. Mittelst einer schönen und kräftigen Übertragung wendet David das erstere Wort hier in diesem wie im vierten Vers an. So wird auch Jer. 4,14 das gleiche Wort aufs Herz angewendet. Richard Mant †1849.

V. 10. Darin zeigt sich so recht die große Liebe des HERRN zu den Menschen, dass er ihnen nicht nur eine gewisse Erlösung in der Vergebung ihrer Sünden um Christi willen bereitet hat, sondern in den Herzen der Gläubigen auch das Zeugnis ihrer Begnadigung durch den Geist der Kindschaft besiegelt, und zwar zu ihrem gegenwärtigen Troste, damit sie nicht dem Druck der beständig sie anfechtenden Versuchungen unterliegen. Wiewohl Gott nicht zu allen seinen Kindern wie zu Daniel durch einen Engel sagt: "Du bist lieb und wert", oder wie zu der Jungfrau Maria: "Gegrüßet seist du, Begnadigte!", so bezeugt er dennoch allen Gläubigen ebendasselbe durch inneren Zuspruch. Und wenn sie dies Zeugnis des Geistes hören, dann haben sie Freude und Wonne; wenn sie es missen, sind sie wie tot und wollen von keinem andern Trost etwas wissen. Bischof William Cowper † 1619.

Wie ein Christ viel größere Traurigkeit kennt als ein Weltmensch, so auch unvergleichlich größere Freude. Er weiß, wie groß sein Elend war und welch mächtiger Errettung es bei ihm bedurfte; so ist denn auch seine Freude dementsprechend. Er sucht diese Freude bei Gott: Lass mich hören Freude und Wonne. Gott ist die Quelle aller wahren Freude; denn alle gute und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab. Sinnliche Freuden kommen aus natürlichen, irdischen Quellen; geistliche, ewige Freuden haben ihren Ursprung einzig in Gott. Wer solche Freuden in den Dingen dieser Erde sucht, sucht heißes Wasser unter kaltem Eis. Archibald Symson 1638.

Gott züchtigt seine Kinder zu ihrem Besten; und sogar der Ausdruck "die Gebeine, die du zerschlagen hast " hat, wiewohl er auf großes Elend und qualvolle Schmerzen hinweist, doch etwas Hoffnungverheißendes an sich, denn zerbrochene Knochen können von kundiger Hand wieder eingerichtet werden und ihre frühere Gebrauchsfähigkeit und Kraft erlangen. So ist auch ein zerschlagene Gewissen nicht unheilbar. Doch wird kein verständiger Mensch auf die Hoffnung hin sündigen, dass er wieder zurechtgebracht werden könne. Wer dazu geneigt wäre, der bedenke erstens, wer der ist, der dem Sünder die Gebeine zerschlägt: Du, derselbe, der unsre Gebeine gemacht, zu einem Ganzen gefügt, mit Gelenken verbunden und mit Fleisch überkleidet hat. Es muss etwas Sonderliches sein, das ihn bestimmt, irgendeinem von uns die Gebeine zu zerbrechen. Wenn der Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal, dazu übergeht, uns zu betrüben und zu zerschlagen, das gibt schwere Trübsal. Darum bedenke man zweitens, als wie schmerzvoll die Seelenpein eines von Gottes Zorn innerlich zermalmten Sünders eben mit diesem Bilde dargestellt wird. Drittens erwäge man, wie schmerzlich das Einrichten gebrochener Knochen ist. Denn wiewohl ausgerenkte Glieder wieder eingerenkt und zerbrochene Gebeine wieder aneinander gefügt werden können, so geschieht dies doch nicht, ohne dass der Patient dabei die heftigsten Schmerzen leidet. Es ist wahr, dem Bußfertigen werden alle die zerbrochenen Gebeine wieder zurechtgebracht, und seine Seele wird aus aller Angst erlöst. Wer aber einmal den Schmerz wahrer Buße gefühlt hat, wird sagen, die zeitlichen Ergötzungen der Sünde seien der schlechteste Handel, der teuerste Kauf, den er je gemacht habe; sie kosten Tränen, welche sanguis vulnerati cordis, Blutstropfen eines verwundeten Herzens sind, kosten unsagbar wehvolle Seufzer und Schmerzenslaute, kosten Wachen und Fasten, Zähmen und Bläuen des Leibes, um ihn zu unterwerfen, ja ein Kreuzigen des Fleisches samt den Lüsten und Begierden. Darum wage niemand seine Knochen dran auf die Hoffnung hin, dass sie wieder eingerichtet werden können! Samuel Page 1646.

Das Missfallen, das Gott gegen die Sünden bezeugte, deren David sich schuldig gemacht hatte, und die tiefe Erkenntnis, die dieser von der überaus bösen Art seiner Verfehlungen hatte, erfüllten ihn innerlich mit solch bittern Schmerzen, dass er diese mit den Qualen vergleicht, welche er empfunden haben würde, wenn ihm alle seine Gebeine zermalmt worden wären; denn das Wort des Grundtextes besagt mehr als zerbrochen, nämlich: ganz und gar zerschmettert oder zermalmt. Und er vergleicht die Freude, die sein Herz erfassen würde, wenn Gott ihn für völlig versöhnt erklärte, mit jener unfassbaren Wonne, die den ergreifen würde, welchem die so zerschmetterten Gebeine in einem Nu zurechtgebracht und geheilt würden. Samuel Chandler † 1766.

V. 11. Wenn wir unsere Sünden im Auge behalten (V. 5), wird Gott sie hinter sich werfen; wenn wir ihrer gedenken und sie bereuen, wird Gott sie vergeben und vergessen. Sonst aber wird’s nach dem Spruche gehen: peccatum unde homo non avertit, advertit Deus; et si advertit, animadvertit: Sünde, von der sich der Mensch nicht abwendet, der kehrt Gott sein Angesicht zu; und tut Gott dies, so bleibt auch die Strafe nicht aus. Bischof William Cowper † 1619.

V. 12. Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz. Reine Hand und schöne Worte im äußern Scheine ist leichtlich zu tun und Menschenkraft; aber ein reines Herze, von aller Dinge Liebe gesondert, das ist des Schöpfers und göttlicher Gewalt Werk. Martin Luther 1517.

David setzt hier das gleiche Wort, welches Mose von der Erschaffung des Himmels und der Erde braucht. Unsere Erneuerung in Christo Jesu ist nicht eine bloße Unterstützung unserer Kräfte, nicht nur eine Stärkung unserer natürlichen Schwachheit durch die Macht der Gnade Gottes, nicht eine Besserung und Vervollkommnung unserer Natur, sondern eine Neuschöpfung. Der "alte Mensch" verwandelt sich nicht in den "neuen Menschen", sondern wird abgetan. Er ist nicht die Grundlage des neuen Lebens, vielmehr ein Hindernis desselben. Er muss "ausgezogen" und der neue in Christo Jesu geschaffene Mensch "angezogen" werden. E. B. Pusey † 1882.

Man erzählt, dass, als Voltaire diesen Psalm 51 travestieren (in eine Posse umdichten) wollte, ihn bei V. 12 eine solche Angst überkam, dass er von seinem Versuch abstand. Prof. Franz Delitzsch 1890.

Goethe aber schrieb unter dem Einfluss desselben Verses in seinem "Wilhelm Meister" das schöne Wort: "Große Gedanken und ein reines Herz, das ist’s, was wir von Gott erbitten sollten." A. von Salis 1902.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps51

Beitragvon Jörg » 26.05.2021 14:35

V. 13. Es ist gerechte Strafe, wenn Gott den Sünder von seinem Angesicht verwirft: und das mag uns zeigen, wie teuer den Menschen die sündliche Lust zu stehen kommt, wenn er, wie David, um sich an dem schönen Gesicht eines Geschöpfes zu vergnügen, sich des trostreichen Antlitzes seines Schöpfers beraubt. Wenn ein Mensch bei allen Versuchungen des Satans des eingedenk wäre, was es ist, das ihm der Verführer anbietet und was er ihm dafür nehmen will, er würde sich gewiss weigern, die vergängliche Lust der Sünde um den Preis zu kaufen, zu welchem der Satan sie feilbietet. Bischof William Cowper † 1619.

Wiewohl ich dich, HERR, aus den Augen getan habe, verwirf du mich doch nicht von deinem Angesicht; verbirg dein Antlitz nicht vor mir, wiewohl ich mich so oft geweigert habe, auf dich zu sehen; lass mich nicht hilflos in meinen Sünden untergehen, wiewohl ich dich verlassen habe! Fra Thome de Jesu † 1582.

Deinen Heiligen Geist. $dqh xwr mit einem auf Gott bezogenen Suffix ("dein") findet sich nur noch Jes. 63,10.11. Eine Vergleichung beider Stellen ergibt, dass der "Heilige Geist" nicht sowohl der Geist der Offenbarung (Bäthgen u. a.), sondern vielmehr der Vermittler der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ist. Eine solche Gemeinschaft kann aber der Natur der Sache nach nur stattfinden bei erfolgender Heiligung des natürlichen menschlichen Wesens; der Geist heißt also sowohl wegen seines Ursprungs als auch wegen seiner Wirkungen der Heilige. Lic. Hans Keßler 1899.

V. 14. Gib mir zurück die Freude an deinem Heil. (Wörtl.) Es ist kein geringer Trost für jemand, der die Quittung einer bezahlten Schuld verloren hat, wenn er sich des erinnert, dass der Mann, mit dem er es zu tun hat, ein redlicher und gütiger Mann ist, der die Schuld nicht noch einmal fordern wird, wiewohl der Zahlungsschein augenblicklich nicht vorgewiesen werden kann. So ist es auch ein Großes für den Christen, dem das Bewusstsein der Begnadigung abhanden gekommen ist, dass er es mit einem gnädigen und treuen Gott zu tun hat, der bereit ist, ihm das Zeugnis der Kindschaft wiederzugeben, das er so schmerzlich vermisst. Ja, der Glaube spricht: Und wenn es wahr wäre, was du fürchtest, dass deine Bekehrung nie rechter Art gewesen sei, so ist bei Gott Gnade genug, dir all deine frühere Heuchelei zu vergeben, wenn du jetzt mit aufrichtigem Herzen zu ihm kommst. So beredet der Glaube die Seele, sich mit einem kühnen Sprung in Gottes Arme zu werfen, die sich in Christus dem Sünder entgegenstrecken. Willst du nicht von Gott so viel Güte erwarten, als du sogar bei Menschen findest? William Gurnall † 1679.

V. 15. Ich will die Übertreter deine Wege lehren. Haben wir bei Gott Gnade der Vergebung gefunden, so fordert die Pflicht, dass wir daraus zur Erbauung anderer Nutzen ziehen. Mit jedem Pfund, das wir von Gott empfangen haben, müssen wir Wucher treiben, ganz besonders aber mit diesem Pfund der Begnadigung. Es ist das Größte, das Gott uns anvertrauen kann; so verlangt er aber auch um so mehr Frucht davon, sowohl zu seiner Verherrlichung als zum Heil unserer Brüder. Das Vorrecht eines Christen ist der Glaube, der durch die Liebe tätig ist (Gal. 5,6). Wie kannst du aber deine Liebe besser betätigen als dadurch, dass du deinen Nächsten zu dem Genuss desselben Heils zu führen suchst, das Gott dir beschert hat? Das Gesetz verlangte, dass ein Israelit, der seines Bruders Ochsen oder Schaf sah irregehen, es diesem wieder zuführe; wieviel mehr denn ist es Pflicht, den Bruder selber, wenn er von dem HERRN, seinem Gott, irregeht, zurecht zu bringen! Wenn zwei Menschen, die desselben Weges gehen, beide in eine Grube fielen und der eine, vom Tode errettet, seine Straße zöge und des andern vergäße, würde man ihn nicht mit Recht einen Unmenschen nennen? Bischof William Cowper † 1619.

V. 16. Das Wort Blutschulden kann jedes Kapitalverbrechen bezeichnen; und meiner Meinung nach deutet David hier mit diesem Wort auf das Todesurteil, dem er sich nach dem Gesetz verfallen wusste und von dem er errettet zu werden bittet. Jean Calvin † 1564.

Gott, du Gott meines Heils. (Wörtl.) Gott: der du Gebet erhörst. Gott des Heils: der du mächtig bist zu erretten; dessen Natur und Ehre und Lust es ist, ein Heiland der Menschen zu sein. Um aber diesen Trost seinem eigenen Herzen nahezubringen, fügt David hinzu: meines Heils. Denn die Gnade Gottes ist kein Trost für uns, es sei denn, dass wir sie uns zueignen können. Samuel Page 1646.

V. 17. Herr, tue meine Lippen auf, d. i. gib mir Anlass, dich zu preisen. Man versteht zwar die Worte meist so, als bitte David, Gott möge durch den Geist seine Zunge so leiten, dass er befähigt werde, seinen Ruhm zu verkündigen. Aber wiewohl es wahr ist, dass Gott uns die Worte geben muss und wir, wenn er das nicht tut, sein Lob nicht singen können, so scheint mir David doch vielmehr das anzudeuten, dass sein Mund geschlossen bleiben müsse, bis Gott ihn durch Verleihung der Vergebung zum Danken aufrufe. Jean Calvin † 1564.

Davids Undankbarkeit, sein Ehebruch, seine Mordtat schrien zu Gott um Rache; er selber aber war stumm, bis Gott in seiner großen Barmherzigkeit diesen seinen schreienden Widersachern den Mund stopfte und ihm zu reden Freiheit gab. John Boys † 1643.

V. 19. Da David in diesem Zusammenhang von dem Dank redet, den er Gott bringen möchte, würden wir erwarten, dass er sage, ein fröhliches Herz oder ein dankbares Herz werde Gott angenehm sein; stattdessen redet er von einem zerbrochenen Herzen. Die Freude über die Vergebung verbannt den Schmerz und die Zerknirschung über die Sünde nicht; diese bleiben vielmehr. Und je tiefer die Erkenntnis der Sünde und je wahrer der Schmerz der Reue ist, desto herzinniger wird auch die Dankbarkeit für die empfangene Vergebung und Versöhnung sein. Das weiche, demütige, zerbrochene Herz ist darum das beste Dankopfer. J. J. Stewart Perowne 1864.

Aber können wir denn Gott als so leicht zu befriedigen ansehen, dass er ein zerschlagenes Herz annehmen werde? Ist denn ein zerbrochenes Ding zu irgendetwas nütze? Können wir aus einem zerbrochenen Glase trinken oder uns auf einen zerbrochenen Stab lehnen? Aber mögen andere Dinge wertlos sein, wenn sie zerbrochen sind, ein Herz hat erst den vollen Wert, wenn es zerbrochen ist. Denn ehe es zerbrochen ist, können wir nicht sehen, was darin ist: ehe es zerbrochen ist, kann es seinen süßen Duft nicht ausströmen. Darum begehrt Gott, wiewohl er, wenn es sich um unsre Liebe handelt, das Herz ganz will, doch als Opfer das zerbrochene Herz. Sir Richard Baker 1639.

V. 20. Baue du die Mauern, welche deine Gemeinde von der Welt trennen, dass die Deinen, ob auch in der Welt, doch nicht von der Welt seien; bewahre sie vor dem Übel. Baue du die Mauern, welche dein Volk in eine Stadt zusammenfassen (vergl. Ps. 122,3 Grundtext), dass sie alle eins seien. Baue, und reiß nieder; schleife all die inneren Mauern, welche dein Volk in sich zerteilen; lass die Zeit eilend kommen, da nur eine Herde unter dem einen Hirten sein wird. Thomas Alexander 1861.

V. 20f. Die Bitte: "Mögest du bauen die Mauern Jerusalems" ist an sich in Davids Munde nicht unstatthaft, da hnb (bauen) nicht bloß Zerstörtes aufbauen, sondern auch im Bau Begriffenes fortbauen und ausbauen bedeutet, Ps. 89,3, und übrigens der salomonische Ringmauerbau 1. Könige 3,1 als Erfüllung der Bitte Davids angesehen werden kann. Indes lässt sich nicht leugnen. was schon Theodoret († um 457) gefühlt: "Die Worte passen für die Juden in Babylon". Durch Buße ging der Weg der Exulanten nach Jerusalem zurück. Die Vermutung liegt nahe, dass V. 20 f. ein liturgischer Zusatz der Gemeinde des Exils sei. Der Stil des Zusatzes ist glücklich dem Psalm angepasst, welcher durch Wegdenkung dieser Schlussverse an äußerer Rundung nichts verliert und an innerer Einheit gewinnt. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 18-21. Frömmigkeit der Gesinnung will Gott so sehr, die Forderung dieser ist so sehr die Hauptsache, dass er, verglichen damit, das Opfer nicht will; Brandopfer und Schlachtopfer will er also nicht in dem Sinn, in welchem ein selbstgerechtes Geschlecht sie ihm darbringt, das Gott durch solches äußerliche Tun abfinden zu können meint (in der Voraussetzung, als ob Gott solcher Opfer bedürfte). Wo aber die rechte Gesinnung ist (und darum Gott der Gemeinde sich in Gnaden zukehrt), da sind auch die äußeren Opfer, als Betätigung der frommen Gesinnung, Gott wohlgefällig. Daher schließt derselbe Psalm 51, der V. 18 f. das Opfer des gebrochenen Herzens als das rechte bezeichnet hat, doch mit V. 20 f. Eben darum setzen auch die Propheten für die Heilsgemeinde der Zukunft einen äußeren Kultus ausdrücklich voraus, nur ohne Sündopfer (weil die Sünde vergeben ist). Prof. G. Fr. Oehler † 1872.

Homiletische Winke

Der Psalm bietet eine solche Fülle homiletischen Stoffes dar, dass wir uns auf einige Winke von Prof. George Rogers (George Rogers) und andern beschränken.
V. 3. 1) Bitte: a) um Gnade, nicht um Gerechtigkeit; b) um Vergebung, nicht nur um Mitleid. 2) Berufung: den zahlreichen und großen Sünden gegenüber auf die Fülle und Größe der göttlichen Barmherzigkeit. George Rogers
V. 5. Wahre Sündenerkenntnis ist kein totes Wissen um die Sünde (und frostiges Bekennen derselben), sondern ein tiefschmerzliches, durch nichts als die Vergebung zu stillendes Bewusstsein der Sünde, ihrer Schuld, Unflätigkeit und notwendigen Folgen für Zeit und Ewigkeit. George Rogers
V. 6a. An dir: 1) dem heiligen Gott, dessen Augen so rein sind, dass er Übels nicht sehen mag (Hab. 1,13); 2) dem gerechten Gott, der die Sünde nicht ungestraft lässt; 3) dem allmächtigen Gott; 4) dem gnädigen Gott. Thomas Horton † 1673.
V. 6b. 1) Der Täter: Ich. 2) Die Begehung: getan. 3) Die Beurteilung der Tat: böse. 4) Die Spezialisierung des Bekenntnisses: das (bestimmte) Böse. 5) Die Frechheit der Tat: vor dir. Samuel Page 1646.
V. 6. l) Selbstverurteilung. a) Wegen der Größe der Sünde: Nicht nur an mir selbst oder meinen Mitmenschen habe ich gesündigt, sondern an dir, Gott. Dies Bekenntnis schließt alle Schuld ein; denn jede Sünde ist im letzten Grunde Sünde gegen Gott. b) Wegen der Unverschämtheit der Sünde: vor dir. 2) Rechtfertigung Gottes hinsichtlich a) der Zulassung, b) der Bestrafung, c) der Vergebung der Sünde. (Es bedarf einer Rechtfertigung, wenn Gott den Gottlosen gerecht spricht.) George Rogers
V. 9. Hier finden wir 1) Glauben an das Vorhandensein einer Sühne für Sünden, welche durch die alttestamentlichen Opfer unsühnbar waren. (So werde ich rein.) 2) Glauben an die Art der Anwendung dieser Sühne. Entsündige mich mit Ysop. Besprengung wie mit Opferblut. 3) Glauben an die Wirksamkeit dieser Sühne. So werde ich rein, weißer als Schnee. George Rogers
V. 12. 1) Welche Umwandlung begehrt der Beter? a) Ein reines Herz, b) einen gewissen Geist. 2) Durch welche Macht ist diese zu bewirken? a) Durch eine schöpferische Macht gleich derjenigen, welche die Welt im Anfang erschaffen hat; b) durch eine erneuernde Macht gleich derjenigen, welche die Gestalt der Erde stetig erneuert. 3) Wie sind diese Segnungen zu erlangen? Durch bußfertiges, gläubiges Gebet. George Rogers
V. 13a. Ich bin noch nicht verworfen und möchte dafür dankbar sein. Ich verdiente es, verworfen zu werden, und sollte bußfertig sein. Ich fürchte, verworfen zu werden, und muss daher an dem Gebet anhalten: Verwirf mich nicht! -: verstoß mich nicht a) aus deiner schützenden Gegenwart in die Gefahr, b) aus deiner liebreichen Gegenwart in den Zorn, c) aus deiner freudevollen Gegenwart in die Traurigkeit, d) aus deiner hilfreichen Gegenwart in die Verlassenheit, e) aus deiner gnädigen Gegenwart in die Verzweiflung. - Die Sünde jagt uns von Gott weg, die Gnade treibt uns ihm in die Arme; jene trennt, diese verbindet Gott und die Seele. William Jackson 1870.
V. 13. 1) Es ist oft viel Trost bei großem Kummer. Verwirf mich nicht usw. Diese Bitte wird dem Psalmisten eingegeben sowohl von dem Bewusstsein, noch in der göttlichen Gnadennähe zu sein, als auch von der Furcht, aus ihr verstoßen zu werden. 2) Es ist oft viel Glaube bei großer Furcht. Nimm nicht usw. Diese Worte zeugen ebenso von seinem Glauben, dass der Heilige Geist noch in ihm wirksam sei, als von seiner Furcht, der Geist könnte von ihm weichen. George Rogers
V. 14f. Ein dreifaches Begehren: 1) getröstet, mit Freude am Heil Gottes erfüllt zu werden; 2) aufrecht erhalten zu werden (vergl. die Auslegung); 3) nützlich zu werden. (Ich will usw.) George Rogers
V. 15. 1) Es gebührt uns nicht, uns mit der Bekehrung anderer zu beschäftigen, ehe wir selber bekehrt sind. 2) Je größere Freude wir selber an Gottes Wegen (d. h. seinen Verordnungen) haben, desto treuer und ernstlicher werden wir sie andere lehren. 3) Und je treuer und ernstlicher wir dies tun, desto gesegneter wird unser Einfluss sein. George Rogers
V. 17. 1) Das Bekenntnis: Meine Lippen sind verschlossen a) infolge meines Falles, und das mit Recht; b) aus natürlicher Zaghaftigkeit; c) aus Mangel an Eifer. 2) Die Bitte: Tue sie auf. Nicht nur mein Verständnis und mein Herz, sondern meine Lippen. 3) Der Entschluss: Dann will ich freimütig Gottes Ruhm verkündigen. George Rogers
1) Wenn Gott uns nicht die Lippen auftut, halten wir sie besser geschlossen. 2) Wenn er sie aber auftut, sollen wir sie nicht schließen. 3) Wenn er sie auftut, geschieht es nicht, damit wir unser, und selten, damit wir anderer Lob singen, hingegen stets, damit wir seinen Ruhm verkündigen. 4) Sooft wir im Begriff sind, in des HERRN Namen zu reden, sollten wir diese Bitte sprechen: HERR, tue du usw. George Rogers
V. 18f. 1) Die Menschen würden gern etwas zu ihrer Rettung beitragen, wenn sie es könnten. Ich wollte dir’s sonst wohl geben. 2) Alles, was sie tun können, ist nicht vom geringsten Nutzen. Du begehrst nicht usw. Alle Zeremonien jüdischen oder heidnischen Gottesdienstes konnten nicht die Tilgung der geringsten Übertretung des Sittengesetzes bewirken. 3) Das einzige Opfer des Menschen, das Gott nicht verachtet, ist ein zerbrochenes Herz. 4) Für alles, was sonst zur Erlösung des Menschen nötig ist, sorgt Gott selber. George Rogers
V. 21. 1) Wenn wir selber bei Gott Annahme gefunden haben, dann sind auch unsre Opfer ihm angenehm. 2) Dann sollten wir aber auch die besten Opfer bringen, die wir vermögen, unsere Zeit, Gaben, Einfluss usw. a) Willigen Gehorsam. b) Selbstopfer, nicht halbe, sondern "ganze Opfer"; nicht Lämmer nur, sondern "Farren". c) Eifer für die göttlichen Verordnungen: auf deinem Altar. 3) An solchem Gottesdienst wird Gott Gefallen haben, a) weil er ihm von seinen Erlösten gebracht wird, und zwar b) im Namen des Erlösers. George Rogers
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps52

Beitragvon Jörg » 29.05.2021 11:18

PSALM 52 (Auslegung & Kommentar)



Überschrift

Eine Unterweisung Davids, vorzusingen. Sogar die Bosheit eines Doeg kann einem David zur Belehrung dienen und Anlass zu einem viel Unterweisung in sich bergenden Psalme werden. Da Doeg, der Edomiter, kam und sagte Saul an und sprach: David ist in Ahimelechs Haus kommen. Mit dieser hinterlistigen Angeberei führte Doeg den Tod der sämtlichen Priester von Nob herbei. Es wäre ja ein todeswürdiges Verbrechen gewesen, einem Empörer und Hochverräter Beihilfe zu leisten; aber David war kein solcher, und Ahimelech wusste nichts von der Wandlung, die sich in dem Verhältnis Sauls zu David vollzogen hatte. Der Priester hatte also dem David das Schwert Goliaths und die Schaubrote im guten Glauben gegeben. David empfand lebhaft, wie schurkisch dieser Doeg gehandelt hatte, und klagt ihn in diesem Psalm scharf an. Es mag aber auch sein, dass er nicht Doeg, sondern Saul dabei im Auge hat.

Einteilung

Wir richten uns nach den Pausen, die der Dichter selbst durch die Sela V. 5.7 kenntlich macht.

Auslegung

3. Was trotzest du denn, du Tyrann, dass du kannst Schaden tun,
so doch Gottes Güte noch täglich währet?
4. Deine Zunge trachtet nach Schaden
und schneidet mit Lügen wie ein scharf Schermesser.
5. Du redest lieber Böses denn Gutes,
und Falsches denn Rechtes. Sela.



3. Was rühmst du dich der Bosheit, du Held?1 (Grundtext) Doeg hatte wahrlich wenig Grund, sich des zu rühmen, dass er die Hinschlachtung von fünfundachtzig wehrlosen Priestern nebst ungezählten friedlichen Einwohnern Nobs auf dem Gewissen hatte. Ein Held fürwahr, der darin seinen Ruhm sucht, Leute hinzumorden, die nie ein Schwert berührt hatten! Er hätte sich vielmehr seiner Feigheit schämen sollen. Ehrentitel werden zu Spottnamen, wenn ihre Träger niederträchtig und unbarmherzig sind. Wenn David aber diese Worte etwa nicht auf Doeg, sondern auf Saul gemünzt haben sollte, so will er damit wohl nicht spottend, sondern mitleidsvoll sagen: Wie kann ein Mann, der von Natur zu edeln Taten so berufen und befähigt ist, sich so weit erniedrigen, dass er in einem grausamen und unheilvollen Gemetzel einen Anlass sich zu rühmen findet? So doch Gottes Güte noch täglich (wörtl.: den ganzen Tag, d. i. allezeit) währet. Ein herrlicher Gegensatz. Die Glut des Hasses des Tyrannen kann den ewig fließenden Strom der göttlichen Gnade nicht auftrocknen, und die Stärke des gewaltigsten Recken vermag doch nichts gegen den starken Gott (El) der die Seinen schützt. Ob Priester erschlagen werden, der HERR, dem sie gedient haben, bleibt, und er bleibt derselbe in Ewigkeit. Ob Doeg eine Weile triumphiert, Jehova wird ihn überleben und das Unrecht rächen, das er den Frommen zugefügt hat. Das sollte wahrlich das übermütige Frohlocken der Gottlosen mäßigen oder in Weinen verkehren; denn dieweil Jehova lebt, hat die Bosheit wenig Ursache, auf ihre Taten zu pochen.

4. Deine Zunge trachtet nach Schaden, wörtl.: sinnt Verderben. Du sprichst mit argen Hintergedanken. Die Berichterstattung Doegs über das, was er zu Nob gesehen hatte, sollte dem Anschein nach nur für Saul eine Hilfe sein; aber in Wahrheit hasste der Edomiter die Priester des Gottes Jakobs. Es ist ein Zeichen tiefer Verkommenheit, wenn das Böse, das jemand spricht, listig darauf berechnet ist, noch Schlimmeres herbeizuführen. Wie ein scharf Schermesser, du Ränkemacher. (Grundtext) Du gehst mit deiner glatten, schmeichlerischen Zunge darauf aus, andern die Ehre abzuschneiden, ja sie ums Leben zu bringen, wie ein zum Meuchelmörder gedungener Barbier, der einem Manne unversehens mit seinem haarscharfen Messer den Hals abschneidet. Die Bosheit war Doegs Wetzstein gewesen, und Schlauheit hatte ihm die Hand geführt; so hatte er sein unmenschliches Werk mit fluchwürdiger Meisterschaft vollbracht.

5. Du liebest Böses vor Gutem, d. h. statt des Guten. Der Sinn ist, dass er das Gute gar nicht liebte. Wäre beides, das Gute und das Böse, gleich zweckdienlich und angenehm gewesen, so hätte er doch das Böse vorgezogen. Redest lieber Falsches denn Rechtes. Er war im Lügen mehr daheim als im Wahrheitreden. Er sprach die Wahrheit nicht, außer ganz zufällig; Lügen und Trügen aber war ihm eine Herzenslust. Sela. Lasst uns einen Augenblick innehalten und den hochmütigen, prahlerischen Lügner und Verleumder betrachten. Doeg ist dahin, aber sein Geschlecht ist nicht ausgestorben. Dieser dämonische Verfolger der Heiligen ist begraben; aber dem Teufel fehlt es auch heute nicht an Treibern, welche die Frommen am liebsten alle miteinander wie Schafe zur Schlachtbank hetzen würden.

6. Du redest gerne alles, was zu verderben dienet, mit falscher Zunge.
7. Darum wird dich Gott auch ganz und gar zerstören
und zerschlagen und aus deiner Hütte reißen und aus dem Lande der Lebendigen ausrotten. Sela.


6. Du liebst alle verderblichen (wörtl.: verschlingenden) Reden. (Grundtext) Nichts entspricht so deinem Geschmack wie Worte, die andern zum Verderben dienen. Es gibt Reden, die gleich einer boa constrictor (einer Riesenschlange) die Menschen bei lebendigem Leibe verschlingen oder gleich einem Löwen sie in Stücke reißen, dass nichts übrigbleibt. Den Bösewichtern sind solche Worte die liebsten. Sie werden um so beredter, je freier sie ihren Hass und ihre Blutgier auslassen können. Man kann darauf gehen, dass sie stets die Mittel anwenden, welche am besten geeignet sind, die niedrigsten Leidenschaften zu entflammen, und sie halten diese ihre kupplerischen Verführungskünste, mit denen sie die Toren ihren Zwecken dienstbar machen, sogar für eine Beredsamkeit höherer Art. Du falsche Zunge. (Grundtext) Solche Menschen bringen es fertig, die schändlichsten und schädlichsten Dinge zu sagen und dennoch alles in den Schein der Rechtlichkeit zu hüllen. Sie behaupten, für Recht und Wahrheit zu eifern; aber die Wahrheit ist, dass sie entschlossen sind, alle Wahrheit und Heiligkeit niederzutreten und auszurotten, und dass jene angebliche Gerechtigkeitsliebe nur eine Maske ist, die sie sich aufsetzen, um mit solcher List ihre Zwecke desto sicherer zu erreichen.

7. So wird dich denn Gott auch niederreißen für immer. (Wörtl.) Am liebsten risse der ruchlose Verfolger die Kirche Gottes ganz und gar und für immer nieder; darum wird Gott ihn zerstören, sein Haus einreißen, seinen stolzen Bau zertrümmern, dass es für immer mit ihm vorbei ist, ohne alle Hoffnung der Wiederaufrichtung. Er wird dich wegraffen (Grundtext), wie man etwa Kohlen mit der Zange fasst und aus dem Feuer holt, oder (nach andern) wegschaufeln, wie man Trümmer entfernt. Und aus (deiner) Hütte reißen, gleich einer Pflanze, die von dem Ort, da sie gewachsen ist, ausgerissen wird, oder gleich einem Verbrecher, der aus seinem Hause geschleppt wird. Wie Ahimelech und seine priesterlichen Brüder aus ihrem Heim herausgerissen worden waren, gerade so soll es denen ergehen, welche ihre Ermordung geplant und betrieben hatten. Und aus dem Lande der Lebendigen ausrotten. Der Verfolger soll ausgewurzelt, mit der Wurzel ausgegraben, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Er suchte den Tod anderer; so soll ihn selber der Tod überfallen. Er war eine Landplage im Lande der Lebendigen; so soll er in das Land verbannt werden, wo die Gottlosen mit Toben aufhören müssen (Hiob 3,17). Wer andern nicht das Leben gönnt, hat selber auch kein Recht, zu leben. Gott wird das Blatt wenden und den Boshaftigen mit ihrem eigenen Scheffel Unheil zumessen. Sela. Halt abermal inne und sieh, wie sich die göttliche Gerechtigkeit der menschlichen Bosheit gewachsen zeigt.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps52

Beitragvon Jörg » 01.06.2021 14:37

8. Und die Gerechten werden’s sehen und sich fürchten
und werden sein lachen:
9. Siehe, das ist der Mann, der Gott nicht für seinen Trost hielt,
sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum, und war mächtig, Schaden zu tun.
10. Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes,
verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewiglich.
11. Ich danke dir ewiglich, denn du kannst’s wohl machen;
und will harren auf deinen Namen, denn deine Heiligen haben Freude dran.


8. Und die Gerechten - eben diejenigen, welche der Tyrann so hasste - werden seine Feindschaft überleben: sie werden’s sehen, werden zuschauen, wie der ruchlose Unterdrücker mit Schrecken ein Ende nimmt. Gott erlaubt Mardochai, Haman am Galgen hangen zu sehen. David brachte die Gebeine seines Feindes Saul an sich (2. Samuel 21,13). Und sich (vor dem heiligen Gott) fürchten. Heilige Scheu wird die Rechtschaffenen erfassen; sie werden ehrfurchtsvoll den Gott anbeten, der sich so majestätisch als der Gerechte erweist. Und werden sein - des gestürzten Wüterichs - lachen: nicht mit Schadenfreude (Spr. 24,17), aber mit heiliger Verachtung. Sind doch all die so künstlich geschmiedeten Ränke vernichtet, die listigen geheimen Pläne durchkreuzt und zuschanden gemacht! Mephistopheles ist übertrumpft, die alte Schlange in ihrer eignen List gefangen! Da ist wohl Anlass zu jenem innerlichen Lachen, das dem heiligen Ernst näher verwandt ist als ausgelassener Fröhlichkeit.

9. Siehe. Schaut her und leset die Grabschrift des Mannes, der sich während der kurzen Stunde, da er die Macht in Händen hatte, so tyrannisch gebärdete und den Auserwählten des HERRN seinen Fuß auf den Nacken setzte. Das ist der Mann, der Gott nicht zu seiner Schutzwehr machte. (Wörtl.) Seht, da liegt er, der eitle, ruhmredige Mann. Wohl meinte er, eine starke Feste zu haben; aber er betrog sich damit, weil er nicht Gott zu seiner Burg machte. Er rühmte sich seiner Macht, vergaß aber, dass Gottes allein die Macht ist. Wo ist er nun? Wie ist’s ihm ergangen in der Stunde der Not? Schaut, wie er untergegangen ist, und nehmt eine Lehre daraus. Sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum und dünkte sich stark in seiner Bosheit, wörtl. in seiner Gier, Schaden zu tun. Das Vermögen, das er sich gesammelt, und die Freveltaten, die er begangen hatte und noch plante, waren sein Ruhm. Sein Dünkel schwoll immer mehr an. Reichtum und Ruchlosigkeit sind schreckliche Gefährten; wo sie sich verbinden, erzeugen sie ein Ungeheuer. Wenn der Teufel über gespickte Geldbörsen verfügen kann, übertrifft er sich selbst in Teufelei. Wo Beelzebub und Mammon miteinander für Gottes Kinder den Ofen schüren, da wird er siebenmal heißer denn sonst; aber zuletzt müssen sie doch nur sich selber zum Vererben helfen. Wo immer wir in unseren Tagen einen Menschen wahrnehmen, der an Gold und Freveln reich ist, werden wir gut tun, auf sein Ende vorauszublicken und diesen Vers als die göttliche Denkschrift anzusehen, die einst in Flammenschrift über seinen modernden Gebeinen zu lesen sein wird.


10. Ich aber werde, wiewohl ich jetzt so von Feinden gehetzt bin, bleiben wie ein grüner Ölbaum. Ich werde nicht ausgewurzelt oder zerstört werden (V. 7), sondern allezeit einer in saftig frischem Lebenstrieb stehenden Olive gleichen, die aus dem Felsen süßes Öl gewinnt und auch bei großer Dürre lebt und gedeiht. Im Hause Gottes. David war ein Glied der Familie Gottes, und aus der konnte ihn niemand ausstoßen; sein Platz war in der Nähe seines Gottes, und da war er sicher und glücklich, trotz all den Ränken seiner Feinde. Er brachte Frucht und seine Blätter verwelkten nicht, und er wird auch dann noch grünen und blühen, wenn alle seine stolzen Widersacher gleich abgehauenen Zweigen verdorrt sein werden. Verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewiglich. Die ewige Gnade ist meine Zuversicht. David wusste, dass Gottes Gnade aus der Ewigkeit stammt und in alle Ewigkeit währt; darum wusste er auch, dass er mit vollkommener Ruhe auf sie trauen durfte. Wohl dem, der sich auf diesen Fels gründet und in dieser Feste Zuflucht sucht.

11. Ich will dich ewiglich preisen. (Grundtext) Wie deine Gnade ewig währt, so soll auch mein Dank nimmer schweigen. Rühmen andere ihre Reichtümer, so will ich meinen Gott rühmen; und wenn das Prahlen jener auf ewig in der Grube verstummt ist, soll mein Lied noch ohne Aufhören verkündigen, wie freundlich der HERR ist. Dass du es wohl gemacht, wörtl. (wie 22,32) dass du es getan hast. Das alles ist nicht Menschenwerk sondern dein Werk. Du hast dem Gerechten zu seinem Recht verholfen und den Gottlosen gestraft. Gottes denkwürdiges Walten, sowohl den Heiligen als den Sündern gegenüber, hat Anspruch auf unsere Dankbarkeit. David sieht sein Flehen als schon erhört, Gottes Verheißungen als schon erfüllt an2; darum hebt er sofort den Dankpsalm an. Und will harren auf deinen Namen, weil er gut (gütig) ist. (Grundtext) Der Psalmist gelobt, auch ferner auf Gott zu hoffen und nirgendwo anders Hilfe zu suchen. Das ist eine gute Art, seine Dankbarkeit zu erweisen. Es ist recht und billig, dass wir für alle Zukunft Gutes erwarten von dem, dessen Name, d. i. dessen Selbstoffenbarung, sich schon bisher so herrlich als vollkommen gut und wunderbar gütig erwiesen hat. Angesichts deiner Frommen. (Grundtext) Diese Worte, nachdrücklich an den Schluss gestellt, gehören zu den beiden Zeitwörtern preisen und harren. Angesichts aller, die Gott treugesinnt sind, will David dem HERRN danken und auf ihn harren, ihnen wie sich selber zur Stärkung und Freude. Er will den Heiligen im Lobpreisen der Wohltaten Gottes wie im stillen Warten auf seine Hilfe vorangehen. Der HERR wird sich zur rechten Stunde erweisen als der, der er ist. Über die Menschen sollen wir uns nicht zu sehr aufregen; unsere Kraft liegt im Stillesein. Mögen die Mächtigen prahlen und wüten, wir wollen des HERRN harren; und wenn sie sich jetzt auch mit ihrem hastigen, hitzigen Treiben zu Ehren aufschwingen, so wird doch die Reihe an uns kommen, und die Ehre, die wir mit stillem Harren erlangen, wird besserer Art sein als die, welche sie jetzt eine Weile genießen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Die beiden Vershälften von V. 3 enthalten das Thema des Psalms: V. 3a wird V. 4-7 ausgeführt, V. 3b dagegen V. 8-11. Prof. Friedr. Bäthgen 1892.

V. 3. Es ist kein Wunder, dass der oberste Hirt (1. Samuel 21,7) eine so glänzende Rolle spielte. Nach unseren heutigen Begriffen kommt dieses Amt den Oberstallmeistern gleich, die sich an königlichen Höfen befinden. Jean Calvin †1564.

Ist es etwas Großes, sich der Bosheit zu rühmen? Ein Haus zu bauen, das bringen nur wenige Menschen fertig; aber niederreißen kann es jeder noch so Unverständige. Einen Acker bearbeiten, Korn säen, die reife Frucht mähen und dreschen, das ist eine Kunst, die gelernt sein will; aber jeder beliebige Schuft kann mit einem Funken die ganze Hoffnung des Landmanns in Flammen aufgehen lassen. Was bist du im Begriff zu tun, du Mächtiger (Saul)? Du gehst darauf aus, einen Menschen zu töten - das Heldenstück kann auch ein Skorpion, ein Fieber, ein giftiger Schwamm vollbringen. Ist das deine ganze Größe? Aurelius Augustinus † 430.

V. 4. Dass jemand einen ruchlosen Anschlag geschickt und glatt ausführt, macht die Sache nicht weniger frevelhaft. Einen Menschen mit einem kunstfertigen Schnitt eines haarscharfen Schermessers töten ist gerade so entsetzlich, wie wenn man ihn mit einer Axt oder einem Knüttel hinmordet. Eine scharfsinnig erdachte und mit glatter Zunge vorgebrachte Lüge ist zum wenigsten eine ebenso große Sünde wie der plumpste Versuch, jemand zu täuschen. William S. Plumer 1867.

V. 4-6. Dem Obdachlosen, welchem ungerechter Hass und Verdacht nach dem Leben trachtet, lässt wohl auch der rohe Mensch Wohlwollen angedeihen. Als Saul den Aufenthalt des gescheuchten David von seinen Dienern erfragt, als er Verheißungen bietet, bleiben sie wenigstens alle stumm. Es hätte sich wohl ein Wort der Besänftigung, der Verteidigung geziemt; denn in Blindheit wähnt Saul, dass ihm David nach dem Leben stehe. Sie schweigen, aber Doeg redet; doch statt zu besänftigen, nährt er mit trügerischer Rede den Verdacht. Er hat es gesehen, wie der mitleidige Priester dem Gesalbten des HERRN, der gar ans Israels Grenzen fliehen muss, eine Wegzehrung und eine Waffe gegeben. Das Werk der Menschenliebe schwärzt er als ein Werk des Verrates an. Er kann wohl ahnen, was auf dieses Wort des Verrates folgen wird, aber - das Wort fällt, und es schneidet wie das Schermesser. Fünfundachtzig unschuldige Menschen, wehrlose Priester Gottes in leinenen Schulterkleidern, befiehlt der König zu töten. Des Königs Diener schaudern vor der Tat zurück - nicht so der Verräter; zum Verrate fügt er den Mord. Prof. August Tholuck 1843.

V. 7. Hier sind quot verba tot tonitrua, so viel Worte, so viel Donnerschläge. John Trapp † 1669.

Der Dichter häuft schwere, schreckliche Worte und reiht verschiedene Bilder aneinander, um die Verstörung dieses Mannes in recht lebhaften Farben zu schildern. Hermann Venema † 1787.

Wäre noch eine weitere Erklärung dieser Bilder nötig, so könnten wir sie finden in der Geschichte der Feinde Davids und derer, welche den Davidssohn ans Kreuz geschlagen haben; aber die erschütterndste, letzte Auslegung wird die Stelle einst in der schrecklichen Zerstörung finden, welche am jüngsten Tage über die gesamte gottlose Welt ergehen wird. Bischof George Horne † 1792.

Fußnoten

1. Man kann zwar rwbg Starker auch im bösen Sinne nehmen = Gewalttätiger, Tyrann (Luther, Bäthgen, Kautzsch u. a.); ebenso möglich aber ist, dass es wie Jes. 5,22 sarkastisch gemeint ist: Du Held! (Spurgeon, Delitzsch u. a.)

2. Das Perf. des Grundtext blickt nicht auf Vergangenes zurück, sondern nimmt das noch Zukünftige als gewisse Tatsache voraus.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps52

Beitragvon Jörg » 05.06.2021 05:34

V. 8. Und die Gerechten werden’s sehen usw. Es wird, wie M. Geier († 1681) bemerkt, nicht ein Gericht sein, das sich im Geheimen vollzieht oder nur wenigen bekannt wird, sondern die Kunde von dieser furchtbaren Züchtigung der Gottlosen wird sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und das ganze Reich verbreiten. Die Gerechten werden an diesem denkwürdigen Ereignis auch nicht gleichgültig vorbeigehen, sondern es ernstlich betrachten. Ich füge hinzu: und werden daraus Trost und Freude schöpfen und es sich dazu dienen lassen, desto mehr den HERRN zu fürchten. Hermann Venema † 1787.

Freilich wird Doegs Untergang auch für die Verworfenen und Gottesverächter ein Schauspiel sein; aber um eines doppelten Grundes willen wird gesagt, dass vornehmlich die Gerechten ihn sehen sollen. Denn die Verworfenen zeigen sich auch offenbaren Erweisungen Gottes gegenüber blind, so dass man sich nicht wundern darf, wenn sie aus seinen Gerichten keinen Nutzen ziehen. Aber die Gerechten werden es sehen, denn sie haben sehende Augen. Der zweite Grund ist, da Gott zugunsten der Seinen ein Zeugnis dafür ablegen will, wie eifrig er für sie sorgt: so verwandelt er ihre Schmerzen in Freude, indem er die stolze Macht der Gottlosen zerbricht. Dass aber die Gerechten, denen Gott insbesondere ein Schauspiel vor Augen stellt, sich fürchten, damit schreibt er ihnen nicht einen Schrecken zu, wie er die Menschen angesichts der Rache Gottes oft niederschlägt und erzittern lässt, sondern deutet auf die freudige und willige Ehrfurcht, mit welcher die Gläubigen anerkennen, dass Gott sie wert achtet, sich ihrer anzunehmen und ihren Feinden zu widerstehen. Jean Calvin † 1564.

Und werden sein lachen. Solches Frohlocken über eines Menschen Untergang scheint unserm modernen Empfinden schrecklich, weil wir es uns kaum ohne eine Beimischung persönlicher Rachsucht denken können. Aber es gibt wirklich einen heiligen Hass und einen heiligen Spott. Es gibt wirklich ein heiliges Frohlocken angesichts des Sturzes von Tyrannen und Unterdrückern und des Triumphes von Gerechtigkeit und Wahrheit über Unrecht und Falschheit. J. J. Stewart Perowne 1864.

Es ist zweierlei Lachen. Eines, wenn man aus bösem, rachgierigem Herzen des Unglücks seines Feindes lacht. Das tut kein christlich tugendhaft Gemüt, sondern sie haben Mitleid auch mit ihrem Feinde. Das andere Lachen aber kommt aus Betrachtung der wunderlichen Gerichte und Gerechtigkeit Gottes, als wenn sich ein Mensch so hoch vermisst, er frage weder nach Gott noch Menschen, und will mit Gott streiten, wie Pharao sagt: "Ich frage nichts nach dem HERRN, ich will auch Israel nicht ziehen lassen," und musste bald darauf im Roten Meer ersaufen. Ist das nicht lächerlich, dass ein Mensch wider Gott will streiten, und Gott schlägt ihn an ein Ohr mit einem Knipplein, dass er umfällt, oder Gott befiehlt den Läusen, dass sie solche große Könige plagen müssen wie den Pharao? Herodes wollte Gott selbst sein und ward von Würmern gefressen; ist das nicht ein großer Gott? Sollte man des nicht lachen und Gottes Gericht anbeten? Johann Arnd † 1621.

V. 9. Siehe, das ist der Mann usw. Es geht einem reichen Frevler wie einem Bären. Wenn er noch im Walde geht, so darf ihm niemand begegnen; wenn er aber gefangen wird, so legt man ihm einen Ring in die Nase, legt ihn an eine Kette und bricht ihm die Zähne aus und verhauet ihm die Klauen, und dann lachet man seiner und spricht: Du armer Schalk, ist dir’s dahin kommen? Johann Arnd † 1621.

V. 10. Das Wort, welches grün übersetzt ist, hat in Wirklichkeit nichts mit der Farbe zu tun, sondern bezeichnet den gedeihlichen, kräftigen, saftig frischen Zustand der Pflanze. Die Blätter des Ölbaums sind ja bekanntlich gar nicht grün zu nennen; ihre Farbe ist vielmehr ein mattes Grau. Richard Mant † 1849.

Manche Ausleger nehmen an, es hätten im Vorhof des Heiligtums Ölbäume gestanden, wie heute in der Tat auf dem Platz des Haram (dem alten Tempelplatz) einige Oliven wachsen. Aber es dünkt uns, in jenen Zeiten wären Bäume beim Heiligtum eine zu gefährliche Annäherung an die heidnische Sitte der Götzenhaine gewesen, als dass sie, wenigstens zu Davids Zeiten, geduldet worden wären. Wir verbinden wohl richtig "im Hause Gottes" nicht mit "Ölbaum", sondern mit "ich werde bleiben." C. H. Spurgeon 1870.

David vergleicht sich mit einem Ölbaum, einem immergrünen, sehr ausdauernden und fruchtbaren Baume, dessen Frucht höchst nützlich und angenehm ist. Damit schildert er seinen zukünftigen Stand als fröhlich, herrlich, dauernd und den Menschen wohlgefällig und nutzbringend. Er scheint uns damit sowohl auf seinen königlichen wie seinen prophetischen Beruf hinzuweisen; durch seine Regierung und Unterweisung wird er andere gleich einem Ölbaum mit Öl versorgen. Er verstärkt dies Bild, indem er sich mit einem (grünen, d. h.) wohlgedeihenden, mächtig wachsenden, weit sich ausbreitenden, reiche Frucht tragenden Ölbaum vergleicht. Aber warum fügt er hinzu: im Hause Gottes? Damit will er, irre ich mich nicht, anzeigen: a) dass er eine Stätte haben werde dort, wo das Haus Gottes war, von dem er jetzt durch die Verleumdungen Doegs und die Angriffe Sauls verbannt war; b) dass er dem Hause Gottes Dienste leisten werde, indem er es schmücken und den nun vernachlässigten Gottesdienst wiederherstellen werde; c) dass er all sein Wohlgedeihen der Gnade des Gottes, des dies Haus war, zu verdanken haben werde; d) dass er, als Sohn im Hause Gottes, traute Gemeinschaft mit Gott pflegen und Erbe seiner Güter und Verheißungen sein werde. Hermann Venema † 1787.

Homiletische Winke

V. 3. Die Zuversicht des Glaubens. 1) Die Umstände waren sehr entmutigend. a) David wurde falsch beurteilt. b) David war verbannt. c) Ein schlechter Mann stand in Macht. d) Gottes Priester waren erschlagen. 2) Dennoch war David guten Muts, denn es blieb ihm der Trost: a) Es gibt einen Gott. b) Gott ist gut. c) Seine Güte währt allezeit. d) Darum muss das Gute den Sieg erringen. 3) Davids Antwort war triumphierend: Was rühmst du dich der Bosheit, du Held? a) So groß das angerichtete Unheil ist, berührt es doch nicht das höchste Gut. b) Das Böse wird zum Guten gelenkt werden. c) Es wird auf die Unheilstifter zurückfahren und sie d) dem Hohnlachen preisgeben.
V. 5. In welchen Fällen lieben Menschen offenbar das Böse mehr als das Gute?
V. 7-10. Die Zukunft des Weltmenschen und des Gläubigen: jener ein ausgewurzelter Baum, dieser ein immergrüner, kräftig gedeihender, fruchtbarer, wohlgepflegter Ölbaum.
V. 11. Zwei Pflichten des Gläubigen und ihre Begründung.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps53

Beitragvon Jörg » 08.06.2021 05:46

PSALM 53 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Vorzusingen. Hat der Leiter des heiligen Chors das Vorrecht, in so manchem Psalm ein Jubilate der göttlichen Gnade anzustimmen, so darf er sich auch nicht weigern, das Miserere der menschlichen Verderbnis zu singen. In dem folgenden Wort der Überschrift, finden manche der alten Übersetzer eine Hinweisung auf den Reigen, wonach Luther übersetzt: Im Chor umeinander (zu singen). Andere Sprachforscher raten auf ein Musikinstrument. Ansprechend ist der Vorschlag von Delitzsch, zu übersetzen: Nach schwermütiger Weise. Keil übersetzt: Über die Krankheit; und in der Tat ist ja dieser Psalm ein Lied von der schrecklichsten Krankheit der Menschheit, dem tödlichen Erbübel der Sünde. Die Bedeutung des Wortes ist ungewiss. Eine Unterweisung Davids. Beim vierzehnten Psalm enthielt die Überschrift nur den Namen des Verfassers, sowie die Widmung an den Musikvorsteher. Die Erweiterungen der Überschrift mögen die Bedeutung des Psalms hervorheben.

Inhalt

Die verderbte Natur des Menschen wird uns hier ein zweites Mal, großenteils fast mit denselben Worten wie in Ps. 14, vor Augen geführt. Die Heilige Schrift wiederholt sich nicht zwecklos; es sind vielmehr triftige Gründe vorhanden, warum sie uns zweimal mit diesem Psalm das Bild des Geschlechts, dem auch wir angehören, vorhält. Lasst uns den Psalm denn in dieser etwas veränderten Gestalt mit noch tiefer eindringender Aufmerksamkeit lesen. Wenn unsere Jahre von vierzehn zu dreiundfünfzig vorgerückt sind, wird uns die Wahrheit des Lehrinhalts dieses Psalms weit überzeugender einleuchten als in unserer Jugend.

Auslegung

2. Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.
Sie taugen nichts und sind ein Gräuel worden in ihrem
bösen Wesen.
Da ist keiner, der Gutes tut.
3. Gott schauet vom Himmel auf der Menschen Kinder,
dass er sehe, ob jemand klug sei,
der nach Gott frage.
4. Aber sie sind alle abgefallen und allesamt untüchtig.
Da ist keiner, der Gutes tue,
auch nicht einer.
5. Wollen denn die Übeltäter sich nicht sagen lassen,
die mein Volk fressen, dass sie sich nähren?
Gott rufen sie nicht an.
6. Da fürchten sie sich aber, da nichts zu fürchten ist;
denn Gott zerstreuet die Gebeine derer, die dich belagern.
Du machest sie zuschanden; denn Gott verschmähet sie.
7. Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme
und Gott sein gefangen Volk erlösete!
So würde sich Jakob freuen und Israel fröhlich sein.


2. Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott. Und das tun sie, eben weil sie Toren sind. Sie sind Toren, darum reden sie wie Toren; sie sind große Toren, darum versteigen sie sich zu Dingen, die ihnen zu hoch sind, und kommen zu wahnwitzigen Folgerungen. Gottesleugner sind Menschen ohne Geist und inneren Gehalt, sind Toren in moralischer wie in intellektueller Beziehung; töricht ist ihr Herz wie ihr Kopf, töricht ihre Sittenlehre wie ihre Philosophie. Wer die Leugnung des lebendigen Gottes zum Ausgangspunkt nimmt, bei dem mögen wir wohl schließen, dass sein Weg ihn rasend schnell abwärts führen werde. Wer die Gottlosigkeit zur Grundlage seines Handelns macht, ist zu allem fähig. Kein Gott, das will sagen: kein Gesetz, keine Ordnung, kein Zügel der Wollust, keine Schranken der Leidenschaften. Wer anders als ein Tor könnte das wünschen? Welch ein Tollhaus, ja welch ein Hakeldama (Blutacker) würde die Welt werden, wenn solch zügellose Grundsätze allgemein würden! Wer in Wissen und Gewissen Gott den Abschied gibt und seine gottesleugnerische Gesinnung folgerichtig im Leben durchführt, der ist ein heilloser Mann, dem Gemeinwesen gefährlich, unvernünftig und verachtenswert. Aber jeder natürliche Mensch hat mehr oder weniger von der gottesleugnerischen Art an sich. Der praktische Atheismus ist die Religion unseres Geschlechts. Sie taugen nichts. Sie sind grundverdorben. Es hilft nichts, ihnen als aufrichtigen Zweiflern und liebenswürdigen Denkern zu schmeicheln - ihre sittliche Fäulnis macht sich zu stark bemerkbar. Man geht heutzutage mit dem gottesleugnerischen Wesen viel zu zimperlich um. Der Atheismus ist kein harmloser Irrtum, sondern abscheuliche Sünde, und rechtschaffene Leute sollten ihn in diesem Licht betrachten. Wie alle Menschen von Natur mehr oder weniger das Gift der gottesleugnerischen Gesinnung in sich haben, sind sie auch in eben dem Grad verderbt; ihr Herz ist schlecht, ihre sittliche Natur zerrüttet. Und sind ein Gräuel worden in ihrem bösen Wesen, wörtlich (mit dem Vorhergehenden): Verderbt und abscheulich (treiben sie ihr) Freveln. Schlechte Grundsätze führen unvermeidlich zu schlechtem Wandel. Die Tugend ist wahrlich durch das Beispiel eines Voltaire oder Tom Paine nicht gefördert worden. Leute, die sich nicht entblöden, so gräuliche Worte in den Mund zu nehmen, dass sie ihren Schöpfer leugnen, werden auch nicht davor zurückschrecken, schändliche Handlungen zu begehen, wenn das ihren Zwecken dient. Eben die überhandnehmende Gottesleugnung und Gottvergessenheit sind die Quelle der Ungerechtigkeit und der Verbrechen, die wir überall wahrnehmen. Wenn nicht alle Menschen äußerlich lasterhaft sind, so haben wir das dem noch immer mächtigen Einfluss anderer, besserer Grundsätze zuzuschreiben; wäre aber der in der Menschheit so allgemein verbreitete gottesleugnerische Geist seiner Entwicklung ungehemmt überlassen, so würde er nichts als die scheußlichsten Taten hervorbringen. Da ist keiner, der Gutes tut. Ohne Ausnahme haben die Menschen den richtigen Weg verlassen. Diese Anklage, zweimal in unserm Psalm ausgesprochen und auf Antrieb des Geistes ein drittes Mal des Apostels Paulus (Röm. 3,12) bezeugt, ist eine überaus schwere, allen Tugenddünkel vernichtende Beschuldigung; aber der Geist Gottes, der sie erhebt, kann nicht irren, denn er weiß, was im Menschen ist, und legt dem Menschen nicht mehr zur Last, als er beweisen kann.

3. Gott schauet vom Himmel auf der Menschen Kinder. Er hat also getan in vergangenen Zeiten (Grundtext Perf.), und auch heute noch schaut er unverwandten Blicks von seiner alles übersehenden Warte auf das Tun und Treiben der Adamskinder. Dass er sehe, ob jemand klug sei, der nach Gott frage. Wäre ein Verständiger auf Erden, einer, der seinen Schöpfer wirklich liebt, so hätte Gottes scharfes Auge ihn entdeckt. Jene unschuldigen Heiden und scharmanten Wilden, von denen man manchmal reden hört, scheinen für das Auge des Allsehenden unsichtbar zu sein; die Sache ist die, dass sie überhaupt nicht vorhanden sind, außer im Reich der Einbildung. Nicht nach hervorragenden Tugenden sah der HERR aus, nur nach Aufrichtigkeit und herzlichem Verlangen nach Gott; aber auch diese fand er nicht. Er richtete seine Blicke auf alle Völker und auf jeden einzelnen Menschen in den Völkern, auf alle Herzen und auf jede Regung in den Herzen; aber er mochte so scharf zusehen wie er wollte, er sah nirgends weder einen hellen Kopf noch ein lauteres Herz. Wo Gottes Augen kein günstiges Zeichen entdecken, da mögen wir sicher sein, dass keins zu finden ist.

4. Aber sie sind alle abgefallen. Jeder einzelne aus der Gesamtheit der Menschen ist von Gott abgewichen. "Dies Volk hat ein abtrünniges, ungehorsames Herz; sie bleiben abtrünnig und gehen immerfort weg und sprechen nicht einmal in ihrem Herzen: Lasset uns doch den HERRN, unseren Gott, fürchten, der uns Frühregen und Spätregen zu rechter Zeit gibt und uns die Ernte treulich und jährlich behütet." (Jer. 5,23 f.) Das Leben der nicht wiedergeborenen Menschen ist eine offene Fehde wider Gott und seine Gebote. Und allesamt untüchtig. Die ganze große Masse ist durchsäuert mit einem bösen Sauerteig, ist ranzig und stinkend geworden von alles durchdringender Fäulnis. Unsere gottesleugnerische Natur ist demnach in Gottes Augen nicht so verzeihlich, wie viele denken. Irrtümer, die das Wesen Gottes antasten, sind nicht kleine Fehler, sondern wahre Gräuel. Schön sind die Menschen nur für blinde Augen; der Allsehende urteilt gar anders. Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. Wie könnte es auch anders sein, da das ganze Geschlecht vom Gift der Sünde durchdrungen ist. Die sentimentalen Schwärmereien eines Rousseau, eines Bernardin de St. Pierre von den unschuldsvollen Naturmenschen, den unverdorbenen Inselbewohnern usw. lösen sich vor der Wirklichkeit in Dunst auf. Das gefallene Menschengeschlecht hat aus sich selbst, in eigener Kraft, nicht einen einzigen hervorgebracht, der Gott liebte und heilig lebte, und wird das nie vermögen. Die Gnade muss ihre umschaffende Kraft entfalten; ohne sie würde die Menschheit auch nicht ein Beispiel eines Erdgeborenen ausweisen, der dem Guten und Wahren folgte. So lautet Gottes Urteil auf Grund seines alle Herzen durchforschenden Niederschauens. Wer will es widerlegen?

5. Wollen denn die Übeltäter sich nicht sagen lassen? Weisheit fehlt ihnen; aber sind sie denn so unvernünftig, dass sie sich gar nicht wollen sagen und durch die Erfahrung belehren lassen? Sind sie so ohne Verstand, dass sie nicht sehen können, dass es einen Gott gibt, dass es um die Sünde eine schreckliche Sache ist und dass die Feindschaft gegen Gottes Auserwählte auf der Verfolger eigenes Haupt zurückfährt, dass sie also ihre eigenen Feinde sind und sich selber zugrunde richten? Die mein Volk fressen, wie man Brot isset. Merken sie nicht, dass ihnen die Mahlzeit schlecht bekommen wird und sie sich scheußlich werden erbrechen müssen, wenn Gott diese Speise aus ihrem Bauche stößt? (Hiob 20,15) Bilden sie sich denn wirklich ein, dass der HERR sie ungestraft sein Volk werde verzehren lassen? Sie müssen in der Tat von Sinnen sein. Gott rufen sie nicht an. Sie betreiben ihre grausamen Anschläge wider die Heiligen mit einem Eifer, der einer bessern Sache würdig wäre, und bedienen sich dazu aller Mittel außer dem einen, das in jeder Sache zum Gelingen unentbehrlich ist - nämlich der Anrufung Gottes. In dieser Hinsicht handeln die offenbaren Verfolger der Heiligen in der Tat folgerichtiger als die Pharisäer, die der Witwen Häuser fraßen und dazu beteten. Der natürliche Mensch liebt, gleich dem Ismael, den geistlichen Samen nicht, ist eifersüchtig auf ihn und möchte ihn am liebsten ausrotten, weil derselbe bei Gott in Huld steht; aber die gleiche Gunst bei Gott zu suchen liegt ihnen fern. Fleischlich gesinnte Menschen neiden solche, die Gnade erlangen, und doch wollen sie nicht selber Gnade suchen. Die Sünder suchen aus boshafter Eifersucht die betenden Menschen zu zerreißen und zu verzehren; aber selber beten wollen sie nicht.

6. Da fürchten sie sich aber, da nichts zu fürchten ist. David schaut das Ende der Gottlosen und den schließlichen Sieg des geistlichen Samens. Die Empörer gehen voller Wut auf die Frommen los; aber plötzlich werden sie, ohne dass eine äußere Ursache vorhanden ist, von Schrecken ergriffen. Die einst so trotzigen Prahler zittern wie Espenlaub, ihr eigener Schatten jagt sie. Wer Gottes Dasein oder Vorsehung leugnet, ist im tiefsten Herzensgrunde ein Feigling und ähnelt in der Beteurung seines Unglaubens jenem Knaben, der auf dem Kirchhof pfiff, um seinen Mut aufrecht zu halten. - In diesem Satz und dem ganzen Vers unterscheidet sich der vorliegende Psalm bedeutend von dem vierzehnten. Der Psalmsänger sieht einen Anschlag der Feinde auf Zion von Gott vereitelt. Der veränderte Text ist nicht matter, im Gegenteil lebhafter und schwungvoller. Denn Gott zerstreuet die Gebeine derer, die dich belagern. Wohl mögen die Gottlosen verzagen, wenn sie sehen, wie ihre Genossen vom Verderben ereilt werden. Mächtig waren die Heere des Feindes, welche Zion belagerten; aber sie wurden vernichtet und ihre unbegrabenen Gebeine erwiesen vor aller Welt die Macht des Gottes, dessen Dasein sie zu leugnen sich erdreistet hatten. Du machest sie zuschanden, denn Gott verschmähet sie. Gottes Volk mag billig mit Hohn und Verachtung auf seine Widersacher blicken, da diese der Gegenstand der göttlichen Verachtung sind. In seines Gottes Macht vereitelt Israel die Anschläge der so siegesgewissen, aber von Gott verworfenen und darum schon vor der Schlacht unrettbar verlorenen Feinde. Sie spotten unser; wir aber haben viel mehr Ursache, sie zu verlachen, weil der HERR der Heerscharen sie für weniger denn nichts achtet.

7. Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme. Wollte Gott, dass der letzte Kampf vorüber wäre! Wann wird der HERR seine Auserwählten an ihren Feinden rächen? Wann wird die so lang währende Bedrückung der Frommen ein Ende nehmen für immer und ewige Freude das Haupt der Heiligen krönen? Das Wort Hilfe oder Heil steht hier in der Mehrzahl, die Größe dieses Heils zu zeigen. Es ist das ganze, volle, ewige Heil, das Gottes Volk zuteil wird. Wenn Gott das Gefängnis (oder das Elend) seines Volkes wendet, wird Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein. (Grundtext) Das Joch ist schwer, die Gefangenschaft unmenschlich hart; desto herrlicher wird die Freiheit, desto fröhlicher der Siegesjubel sein. Die zweite Zukunft des Messias und die Wiederherstellung Israels sind unsre Hoffnung und Erwartung.

Den Feinden Zions wankt der Mut,
Vor Furcht erbebt ihr Herz;
Das mächt’ge Schwert, sie kennen’s gut,
Das dringt durch Stahl und Erz.

Denn Gott zerbrach der Stolzen Schild
Und dämpfte ihren Speer;
Ihr bleich Gebein auf dem Gefild
Zerstreuet liegt umher.

Es muss der Zionsfeinde Rott’
Von Scham erfüllt vergehn;
Doch Zions Söhne segnet Gott,
Ob Spötter jetzt sie schmähn.

O dass der HERR nicht säumte lang
Und kehrt’ in Zion ein!
Dann würd’ bei heller Harfen Klang
Sein Erbteil fröhlich sein.

(Nach C. H. Spurgeon.)
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)


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