Lesung aus Arthur W. Pink "Das Leben des Elia"

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Joschie
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Kapitel.24 Niedergeschlagen

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Kapitel.24 Niedergeschlagen

In Zusammenhang mit Elias Flucht vor Isebel erfahren wir als erstes, dass er „nach Beerscheba in Juda“ kam (1.Kön. 19,3). Dort, so hätte man denken können, könnte er gewiss Zuflucht finden, denn jetzt war er außerhalb des von Ahab regierten Gebietes, doch er kam nur, wie man sagt, vom Regen in die Traufe. Denn zu der Zeit wurde das Königreich Juda von Joschafat regiert, und dessen Sohn hatte Ahabs Tochter geheiratet (2.Kön. 8,18), und die beiden Häuser Joschafats und Ahabs waren so eng miteinander vereint, dass, als der erstere vom letzteren gebeten wurde, ihn auf einen Feldzug gegen Ramot in Gilead zu begleiten, Joschafat antwortete: „Ich will sein wie du und mein Volk wie dein Volk, und meine Rosse wie deine Rosse“ (1.Kön. 22,4). So hätte Joschafat wohl keine Bedenken gehabt, den, der in sein Land geflüchtet war, auszuliefern, sobald er von Ahab und Isebel dazu aufgefordert wäre. So wagte Elia nicht, in Beerscheba zu bleiben, sondern setzte seine Flucht fort.

Beerscheba lag im äußersten Süden von Judäa und gehörte zum Erbteil Simeons; man schätzt, dass Elia und sein Gefährte auf ihrer Reise von Isebel dorthin nicht weniger als neunzig Meilen zurückgelegt haben. Als nächstes erfahren wir, dass er „seinen Diener dort ließ“. Hiehr sehen wir die Rücksichtnahme und das Mitleid des Propheten mit seinem einsamen Gefolgsmann: Er war darauf bedacht, ihm die Strapazen der öden arabischen Wüste, in die er jetzt gehen wollte, zu ersparen. In diesem fürsorglichen Akt war er allen Meistern ein Vorbild, nicht von ihren Untergebenen zu verlangen, sich unvernünftigen Gefahren aus zusetzten oder Dienste zu erfüllen, die jenseits ihrer Kräfte liegen. Obendrein wünschte Elia jetzt mit seinen Sorgen allein zu sein und nicht in Anwesenheit eines anderen seiner Verzweiflung Luft zu machen. Auch dies ist der Nacheiferung wert. Wenn Furcht und Unglaube sein Herz füllen und er kurz davor steht, seiner Niedergeschlagenheit Ausdruck zu geben, dann sollte der Christ sich aus der Gegenwart anderer zurückziehen, um sie nicht mit seiner Morbidität und Verdrießlichkeit anzustecken möge er sein Herz dem Herrn ausschütten und die Gefühle seiner Brüder schonen.

„Aber er ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit“ (V. 4). Hier können wir eine weitere Wirkung von Angst und Unglauben sehen: Sie erzeugen Unruhe und Aufgeregtheit, so dass ein Geist der Rastlosigkeit die Seele ergreift. Wie könnte es anders sein? Seelenruhe ist nirgendwo als nur in dem Herrn zu finden, dadurch, dass wir mit Ihm Gemeinschaft haben und Ihm vertrauen. „Die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann“ (Jes. 57,20); das ist zwangsläufig so, denn der Ruhegeber ist ihnen gänzlich unbekannt „den Weg des Friedens kennen sie nicht“ (Röm. 3,17). Wenn der Christ keine Gemeinschaft mit Gott hat, wenn er die Dinge selbst in die Hand nimmt, wenn Glaube und Hoffnung nicht länger wirksam sind, dann ergeht es ihm nicht besser als den Unerneuerten, denn er hat sich selbst von allem Trost ausgeschlossen und ist durch und durch elend. Zufriedenheit und Freude an Gottes Willen sind nicht länger sein Teil: stattdessen ist sein Verstand in Aufruhr, er ist völlig demoralisiert und sucht jetzt vergeblich nach Linderung in endlosen Zerstreuungen und fiebrigen Aktivitäten des Fleisches. Er muss unterwegs sein, denn er ist vollkommen aus der Fassung geraten: er reibt sich auf mit nutzlosen Übungen, bis seine natürlichen Kräfte erschöpft sind.
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Joschie
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Kapitel.24 Niedergeschlagen

Folgen wir dem Propheten mit unserem inneren Auge. Stunde um Stunde geht er dahin unter der brennenden Sonne, seine Füße wund vom glühenden Sand, allein in der Ödnis der Wüste. Schließlich übermannen Müdigkeit und Seelenschmerz seine drahtigen Kräfte, und er „setzte sich unter einen Ginsterstrauch und bat, dass seine Seele stürbe“ (V. 4; Elberf.). Das erste, das ich in diesem Zusammenhang herausstellen möchte, ist, dass Elia, so entmutigt und verzweifelt er auch war, dennoch keinen Versuch unternahm, Hand an sich zu legen. Wenn auch Gott für eine Zeitlang Seine tröstende Gegenwart entzogen hatte und in einem gewissen Maß Seine zügelnde Gnade versagte, so hat Er doch weder damals noch jemals eines Seiner Kinder gänzlich in die Macht des Teufels gegeben.

„Und er bat, dass seine Seele stürbe.“ Das zweite, auf das ich hinweisen möchte, ist die Inkonsequenz seines Charakters. Der Grund, weshalb Elia Jesreel so hastig verließ, als er Isebels Drohung gehört hatte, war, dass er „um sein Leben lief“, und jetzt wünschte er, dass ihm sein Leben genommen würde. Hieran erkennen wir eine weitere Wirkung, wenn Unglaube und Furcht vom Herzen Besitz ergreifen. Nicht nur, dass wir närrisch und falsch handeln, nicht nur, dass ein Geist der Rastlosigkeit und Unzufriedenheit uns erfasst, sondern wir geraten völlig aus dem Gleichgewicht, die Seele verliert ihre Ballance, und jede Beständigkeit der Lebensführung kommt zum Erliegen. Die Erklärung hierfür ist einfach: Die Wahrheit ist einheitlich und harmonisch, wohingegen Irrtum vielgestaltig und widerspruchsvoll ist; jedoch damit die Wahrheit uns wirksam leiten kann, muss der Glaube in ständiger Ausübung sein sowie der Glaube nicht mehr tätig ist, werden wir launenhaft und unzuverlässig und, wie man sagt, ‚ein Bündel von Widersprüchen‘. Zuverlässigkeit des Charakters und der Lebensführung ist abhängig von einem beständigen Wandel mit Gott.

Es gibt vermutlich nur wenige Knechte Gottes, die nicht bisweilen gern ihren Harnisch abwerfen und sich aus dem Kampf zurückziehen würden, besonders, wenn ihre Mühen vergeblich scheinen und sie sich selbst nur noch als eine Belastung sehen können. Als Mose ausrief, „Ich vermag all dies Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer“, fügte er sogleich hinzu: „Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber“ (4.Mose 11,14-15). So betete auch Jona: „So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben“ (4,3). Dieser Wunsch, aus dieser Welt des Leidens fortgenommen zu werden, ist auch nicht auf die besonderen Diener Christi beschränkt. Viele der schlichten Kinder Gottes sind auch von Zeit zu Zeit geneigt, mit David zu sagen: „O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöge und Ruhe fände“ (Ps. 55,7). So kurz unsere Durchreise hier unten ist, so lang scheint sie uns, einigen sogar zu lang, und wenn ich auch Elias Verdrießlichkeit und Gereiztheit nicht entschuldigen kann, kann ich doch ganz gewiss mit ihm dort unter dem Ginsterstrauch sympathisieren, denn ich selbst bin oft dort gewesen.
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Der Hinweis sei jedoch gestattet, dass ein radikaler Unterschied besteht zwischen dem Wunsch, von einer Welt der Enttäuschungen und der Sorgen befreit zu werden, und der Sehnsucht, von diesem Leib des Todes erlöst zu werden, um bei dem Herrn zu sein. Letzteres war bei dem Apostel der Fall, als er schrieb: „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre“ (Phil. 1,23). Ein Wunsch, von bitterer Armut oder langer Krankheit befreit zu werden, ist nur zu natürlich, doch ein Verlangen, von einer Welt der Ungerechtigkeit und einem Leib des Todes erlöst zu werden, auf dass wir ungetrübte Gemeinschaft mit dem Geliebten haben mögen, ist wahrhaft geistlich. Eine der größten Überraschungen meines christlichen Lebens war die Feststellung, wie wenige Menschen eine solche Sehnsucht in ihrem Leben sichtbar werden lassen. Die Mehrheit derer, die sich Christen nennen, scheint so mit diesem Schauplatz verheiratet, so in dieses Leben verliebt, so in Angst vor dem physischen Aspekt des Sterbens zu sein, dass sie sich ebenso zäh an diesem Leben festklammern wie die Nichtchristen. Der Himmel kann für sie wohl nicht sehr real sein. Gewiss, wir sollen Gottes Zeit abwarten, aber das sollte nicht die Sehnsucht ausschließen oder überlagern, „abzuscheiden und bei Christus zu sein“.

Doch wir wollen nicht übersehen, dass Elia sich an Gott wandte mit den Worten: „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter“ (V. 4). Ganz gleich, wie niedergeschlagen wir sind, wie schmerzhaft unsere Trauer ist, es ist das immer gültige Privileg des Glaubenden, sein Herz vor Ihm auszuschütten, der „fester anhängt als ein Bruder“, und unseren Kummer Seinem mitfühlenden Ohr anzuvertrauen. Sicher, Er wird die Augen nicht verschließen vor dem, was falsch ist, doch unsere Schwachheit weckt Sein Erbarmen. Sicher, Er wird unsere Bitten nicht immer erfüllen, denn oft „bitten wir in übler Absicht“ (Jak. 4,3); doch wenn Er uns etwas vorenthält, worum wir gebeten haben, dann deshalb, weil Er etwas Besseres für uns hat. Das war bei Elia der Fall. Der Herr nahm zu diesem Zeitpunkt nicht sein Leben: Er tat es auch später nicht, denn Elia wurde in den Himmel aufgenommen, ohne den Tod zu sehen. Elia ist einer der beiden Menschen, die in den Himmel gekommen sind, ohne durch die Pforte des Grabes zu gehen: Doch für Gottes feurigen Wagen musste Elia Gottes festgesetzten Zeitpunkt abwarten.

„Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“ Er war durch den pausenlosen Widerstand, der ihm begegnete, ermüdet und vom Kampf erschöpft. Er war mutlos geworden in all seinen Mühen, deren Nutzen er nicht mehr erkennen konnte. Ich habe gekämpft, aber es war vergeblich, ich habe die ganze Nacht geschuftet und nichts gefangen. Es war die Sprache der Enttäuschung und der Verdrießlichkeit: „Es ist genug“ ich mag nicht mehr weiterkämpfen, ich hab genug getan und gelitten: lass mich fortgehen. Ich weiß nicht genau, was er meinte mit „ich bin nicht besser als meine Väter“. Möglicherweise wollte er seine Schwachheit und Kampfunfähigkeit geltend machen: Ich bin nicht stärker als sie und kann auch nicht besser mit Schwierigkeiten fertig werden als sie. Vielleicht spielte er auf die mangelnde Frucht seines Dienstes an: Bei meinen Mühen ist nichts herausgekommen, ich bin nicht erfolgreicher als sie es waren. Oder er brachte seine Enttäuschung zum Ausdruck, weil Gott seine Erwartungen nicht erfüllt hatte. Er war völlig verzweifelt und sehnte sich danach, die Bühne zu verlassen.
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Kapitel.24 Niedergeschlagen

Hier sehen wir einmal mehr, was dabei herauskommt, wenn wir Furcht und Unglauben in uns Raum geben. Der arme Elia steckte nun im Sumpf der Verzweiflung und machte damit eine Erfahrung, die jedes Gotteskind gelegentlich macht. Er hatte den Ort verlassen, an den der Herr ihn gebracht hatte und musste jetzt die bitteren Folgen seines selbsterwählten Weges schmecken. Alle Schöne war aus seinem Leben gewichen: Die Freude des Herrn war nicht länger seine Stärke. O, welch eine Rute schaffen wir für unseren eigenen Rücken, wenn wir absichtlich vom Pfad der Pflicht abweichen. Indem wir die Wege der Gerechtigkeit verlassen, schneiden wir uns selbst von den Quellen geistlicher Erfrischung ab, und deshalb ist die „Wüste“ jetzt unser Wohnort. Und dort sitzen wir in tiefster Niedergeschlagenheit, allein mit unserem Elend, denn solange wir uns in einem solchen Zustand befinden, kann uns niemand trösten. Wir wünschen uns nur noch den Tod, damit unser Leiden ein Ende hat. Wenn wir versuchen zu beten, so kommt dabei nur das Murren unseres Herzens zum Ausdruck, in dem Sinne: mein, nicht Dein Wille geschehe.

Und wie lautete die Antwort des Herrn? Wandte Er sich mit Abscheu von einem solchen Anblick fort und ließ Er Seinen abgeirrten Knecht die Frucht seiner Saat ernten und die vollen und endgültigen Strafen für seinen Unglauben erleiden? Ja, wird der gute Hirte sich weigern, für eines Seiner verirrten Schafe zu sorgen, das hilflos am Wegesrand liegt? Wird der große Arzt es ablehnen, einem Seiner Patienten zu helfen, wenn dieser Ihn am meisten braucht? Gepriesen sei Sein Name, der Herr „ist langmütig gegen euch, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen“. „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten“ (Ps. 103,13). So war es auch hier: Der Herr zeigte Sein Erbarmen mit Seinem überstrapazierten, unglücklichen Knecht auf höchst anmutige Weise, denn als nächstes lesen wir, dass er unter dem Ginsterstrauch einschlief (V. 5; Elberf.). Doch das Gewicht dieser Aussage wird in dieser Gott verunehrenden Zeit oft übersehen, denn nur noch wenige erkennen, was das bedeutet: „also gibt er seinem Geliebten Schlaf“ (Ps. 127,2; Elberf.). Es war mehr als ‚der Lauf Natur‘: Es war der Herr, der den erschöpften Propheten erquickte.

Wie oft wird heute übersehen, dass der Herr für die Leiber Seiner Heiligen ebenso sorgt wie für ihre Seelen. Für die Bereiche Nahrung, Kleidung, Gesundheit und Kraft wird dies von den Gläubigen ja noch mehr oder weniger gesehen und anerkannt, doch für den Punkt, den wir hier behandeln, wird es von vielen weithin ignoriert. Schlaf ist für unser körperliches Wohlbefinden so notwendig wie Essen und Trinken, und das eine ist ebenso eine Gabe unseres himmlischen Vaters wie das andere. Wir können uns nicht durch unsere Willensanstrengung in Schlaf versetzen, wie Menschen, die unter Insomnie leiden, schnell feststellen werden. Auch garantieren Sport oder körperliche Arbeit an sich noch keinen Schlaf: Wer kennt nicht die Erfahrung, dass man sich völlig erschöpft hinlegt und feststellt, man ist „zu müde zum Einschlafen“? Schlaf ist ein göttliches Geschenk, und die allnächtliche Routine macht uns blind für diese Tatsache.
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Kapitel.24 Niedergeschlagen

Wenn es Ihm gefällt, versagt Er den Schlaf, und dann müssen wir mit dem Psalmisten sagen: „Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen“ (Ps. 77,4). Doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel, und darüber sollten wir zutiefst dankbar sein. Tag für Tag nährt Er uns, und Nacht für Nacht „gibt er seinen Geliebten Schlaf“. So sollten wir in diesem kleinen, unscheinbaren Detail dass Elia unter dem Ginsterstrauch einschlief – die gnädige Hand Gottes wahrnehmen, der einfühlsam für die Bedürfnisse eines Menschen sorgt, der Ihm lieb und wertvoll ist. Ja, „der HERR erbarmt sich über die, die ihn fürchten“, und warum? „Denn er weiß, was wir ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind“ (Ps. 103,14). Er nimmt Rücksicht auf unsere Schwäche und mildert Seine Stürme entsprechend ab; Er merkt, wenn unsere Energien verbraucht sind und erneuert gnädig unsere Kräfte. Es ist nicht Gottes Absicht, dass Sein Knecht nach seiner langen Flucht vor Isebel vor Erschöpfung in der Wüste sterben soll, und so ist Er barmherzig und erfrischt seinen Leib durch Schlaf. Und so mitleidvoll handelt Er auch an uns.

Ach, wie wenig lassen wir uns durch die Güte und Gnade, die der Herr uns erweist, anrühren. Die verlässliche Zuführung sowohl Seiner zeitlichen wie Seiner geistlichen Barmherzigkeiten bringen uns dazu, sie für selbstverständlich hinzunehmen. Angesichts unseres verfinsterten Verstandes und unserer zu Gott hin kalten Herzen muss man befürchten, dass wir die meiste Zeit über gar nicht wahrnehmen, wessen liebende Hand es ist, die uns dient. Ist das nicht der Grund, weshalb wir erst dann unsere Gesundheit wirklich zu schätzen beginnen, wenn sie uns genommen wird, und den Wert regelmäßigen Schlafes, mit dem wir vormals gesegnet waren, erst zu würdigen wissen, wenn wir uns Nacht für Nacht vor Schmerzen in unserem Bett hin und herwerfen? Und solche niederträchtigen Kreaturen sind wir, dass wir, wenn Krankheit und Schlaflosigkeit uns befallen, anstatt dieselben zu nutzen, um für unsere vormaligen Undankbarkeit Buße zu tun und sie demütig Gott zu bekennen, stattdessen über die Härte unseres gegenwärtigen Loses murren und jammern und fragen, womit wir eine solche Behandlung verdient haben. Mögen jene, die noch mit Gesundheit und regelmäßigem Schlaf gesegnet sind, nicht versäumen, täglich für solche Privilegien zu danken, und mögen sie ernstlich die Gnade erflehen, die Kraft, die ihnen daraus erwächst, zu Gottes Ehre nutzen zu können.
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Kapitel.25 Erfrischt

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Kapitel.25 Erfrischt

„Keine Versuchung [Anfechtung: sei es in der Form von Verführung oder von Leiden, von Belästigungen, von Sünde, oder von Härten] hat euch ergriffen als nur eine menschliche“ (1.Kor. 10,13; Elberf.) Keine Anfechtung ist euch begegnet, die nicht für die menschliche Natur üblich ist und der sie nicht schon oft ausgesetzt war: Ihr seid nicht berufen, eine übernatürliche, nie dagewesene Versuchung zu erleben. Doch wie oft verlieren wir diese Tatsache aus dem Blick, wenn die dunklen Wolken des Unglücks unseres Weges ziehen! Dann wir neigen zu dem Gedanken, dass nie zuvor jemand so schwer angefochten war wie wir es gerade sind. Wir tun gut daran, in solchen Momenten an diese Tatsache zu denken und über die Berichte derer nachzusinnen, die vor uns den Weg gegangen sind. Sind es qualvolle körperliche Leiden, die dich denken lassen, dass deine Not größer ist als die jedes anderen? Dann denk an Hiob „mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel“! Ist es Trauer, der unerwartete Verlust eines geliebten Menschen? Dann sei daran erinnert, dass Hiob auch all seine Söhne und Töchter an einem einzigen Tag verlor. Ist es eine Folge von Schwierigkeiten und Verfolgungen im Dienst des Herrn? Dann lies 2. Korinther 11,24-27 und beachte die vielen schmerzlichen Erfahrungen, durch die der größte der Apostel zu gehen berufen war.

Doch vielleicht ist ein Leser am allermeisten von der Schmach überwältigt, die er angesichts seines Zusammenbruchs empfindet. Er weiß, dass andere ebenso hart geprüft wurden wie er selbst, ja sogar noch viel härter, doch sie ertrugen die Anfechtungen mit Mut und Gelassenheit, während er von ihnen zerschmettert wurde; anstatt Trost aus den göttlichen Verheißungen zu gewinnen, hat er einem Geist der Verzweiflung nachgegeben; anstatt die Rute sanftmütig und geduldig zu ertragen, hat er sich aufgelehnt und gemurrt; anstatt den Pfad der Pflicht weiterzugehen, hat er ihn verlassen. Hat es jemals einen so kläglichen Versager wie mich gegeben? so laute jetzt sein Klagelied. Zu Recht sollten wir gedemütigt und traurig sein über ein solches Versäumnis, „männlich und stark“ zu sein (1.Kor. 16,13). Reumütig sollten wir vor Gott diese Sünde bekennen. Doch wir sollen nicht meinen, nun sei alles verloren. Selbst diese Erfahrung ist nicht ohne Parallele in dem Leben anderer. Wenn Hiob auch nicht Gott verfluchte, so doch den Tag seiner Geburt. Ebenso wie Jeremia (20,14). Elia verließ den Weg seiner Pflicht, legte sich unter den Ginsterstrauch und bat um den Tod. Welch ein Spiegel ist die Schrift, in dem wir uns selbst erkennen können!

„Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt“ (1.Kor. 10,13). Ja, Gott ist treu, auch wenn wir untreu sind. Er ist Seinen Bündnisverpflichtungen treu, und wenn Er auch unsere Übertretungen mit Schlägen heimsucht, so wird Er doch Seine Güte und Gnade nicht gänzlich von den Seinen abwenden (Ps. 89,33-34). Gerade in der Stunde der Anfechtung, wenn die Wolken am schwärzesten sind und ein Geist der Niedergeschlagenheit uns erfasst hat, zeigt sich Gottes Treue am deutlichsten. Er kennt unsere Gemütsverfassung und wird uns nicht über die Maßen versuchen, sondern „mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen“ (Elberf.). Das bedeutet, Er wird entweder die Last vermindern, oder zusätzliche Kraft geben, sie zu tragen, so dass wir nicht völlig davon überwältigt werden. „Gott ist treu“ das heißt nicht, dass Er uns bewahrt, wenn wir uns vorsätzlich in Versuchungen gestürzt haben. Nein, sondern wenn wir bemüht sind, der Versuchung zu widerstehen, wenn wir Ihn am Tag der Not anrufen, wenn wir Seine Verheißungen in Anspruch nehmen und auf Ihn vertrauen, dass Er sich für uns einsetzt, dann wird Er uns mit Gewissheit nicht enttäuschen. Wenn wir also einerseits nicht anmaßend und leichtfertig handeln dürfen, sollten wir andererseits auch nicht verzweifeln und den Kampf aufgeben. Das Weinen mag den Abend lang währen, aber des Morgens ist Freude.
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Kapitel.25 Erfrischt

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Kapitel.25 Erfrischt
Die Aussage von 1. Korinther 10,13 wird in wunderbarer Weise durch Elias Erfahrung erläutert und veranschaulicht. Es war eine besonders bittere Versuchung oder Anfechtung, als nach all seiner Treue im Dienst des Herrn sein Leben durch die böse Isebel bedroht war und als all seine Bemühungen, Israel zur Anbetung des wahren Gottes zurückzuführen, vollends gescheitert zu sein schienen. Es war mehr, als er ertragen konnte: er war des ungleichen Kampfes, den er verloren glaubte, müde und bat darum, aus der Arena genommen zu werden. Aber Gott war treu und schaffte mit der bitteren „Versuchung auch den Ausgang“ (Elberf.), damit er es ertragen konnte. Elias wie so oft auch unsere Erfahrung war, dass Gott die Last nicht wegnahm, sondern frische Zufuhr Seiner Gnade gab, so dass der Prophet sie tragen konnte. Weder nahm Er Isebel fort, noch wirkte Er in den Herzen der Israeliten ein mächtiges Werk der Gnade, sondern Er erneuerte die Kraft Seines überlasteten Knechtes. Wenn Elia auch von seinem Gefechtsstand geflohen war, so ließ doch der Herr den Propheten jetzt, in der Stunde der Not, nicht im Stich. „Sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2.Tim. 2,13). Welch ein Gott ist unser Gott! Nicht nur ein Schönwetter-Freund ist Er, der Sein Blut vergoss, um uns zu erlösen, sondern „ein Bruder, für die Not geboren“ (Spr. 17,17). Er hat feierlich geschworen: „Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen“, und deswegen dürfen wir siegesgewiss verkünden: „Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?“ (Hebr. 13,5-6).

Wie wir im letzten Kapitel sahen, war das Erste, das der Herr tat, um Elias Kraft zu erneuern, dass Er Seinem Geliebten Schlaf gab und dadurch seinen von der Reise erschöpften Leib erfrischte. Wie wenig würdigen wir diese göttliche Segnung, nicht nur wegen der Ruhe, die sie unseren Körpern gibt, sondern auch wegen der Entlastung, die sie unseren überstrapazierten Gedanken gewährt! Welche Barmherzigkeit ist es für so manche gequälte Seele, dass sie nicht alle vierundzwanzig Stunden des Tages wach ist! Die unter uns, die gesund und ehrgeizig sind, mögen die im Schlaf verbrachten Stunden als ‚erzwungene Zeitvergeudung‘ beklagen, doch andere, die betrübt oder von Schmerz gequält sind, müssen ein paar Stunden der Bewusstlosigkeit jede Nacht als eine große Wohltat empfinden. Niemand von uns ist so dankbar, wie er es sein sollte für dieses ständig wiederkehrende Privileg, und niemand zeigt sich beim Geber dieser Gabe durch herzliche Danksagung angemessen erkenntlich. Dass dies tatsächlich eine der Gaben des Schöpfers an uns ist, ist schon aus dem ersten Vorkommen des Wortes in der Heiligen Schrift ersichtlich: „Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen“ (1.Mose 2,21).

„Und er legte sich nieder und schlief ein unter dem Ginsterstrauch. Und siehe da, ein Engel rührte ihn an“ (1.Kön. 19,5; Elberf.). Dieser zweite Beweis für Gottes liebevolle Fürsorge ist von besonderer Schönheit. Jedes einzelne Wort verlangt andächtige Aufmerksamkeit. „Siehe“: Ein Ausdrucks der Verwunderung, um unser Interesse zu wecken und uns zu ehrfürchtigem Staunen anzuregen. „Siehe“ was? Ein Zeichen von Gottes Missfallen, wie wir erwartet hätten: ein Regenguss zum Beispiel, um den Verdruss des Propheten noch zu steigern? Nein, etwas ganz anderes. „Siehe“ und dann folgt eine Veranschaulichung jener Wahrheit, „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken“ (Jes. 55,8-9). Diese Worte werden oft zitiert, doch nur wenige im Volk Gottes sind mit den Worten vertraut, die unmittelbar vorausgehen und für die sie eine Bekräftigung sind: „Der Gottlose ... bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserem Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“ So geht es hier also weniger um die Erhabenheit Seiner Weisheit als vielmehr um die Unendlichkeit Seiner Barmherzigkeit.
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Kapitel.25 Erfrischt

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Kapitel.25 Erfrischt

„Siehe da“. Dieser Zeit- oder Ortshinweis legt zusätzliche Betonung auf das erstaunliche Phänomen, von dem hier berichtet wird. Nicht auf dem Gipfel des Karmel, sondern hier in der Wüste erlebte Elia diesen bewegenden Beweis für die Fürsorge des Meisters. Diese besondere Gunst empfing er nicht unmittelbar nach seiner Auseinandersetzung mit den Baalspropheten, sondern auf seiner Flucht vor Isebel. Die lebenserhaltenden Kräfte wurden ihm nicht in einer Situation zugeführt, in der er Gott beharrlich um Versorgung anflehte, sondern als er entmutigt darum gebeten hatte, dass ihm sein Leben genommen würde. Wie oft ist Gott besser zu uns, als wir es zu hoffen wagen! Wir warten auf Gericht, und siehe da Barmherzigkeit! Hat es nicht auch in unserem Leben schon solch ein „siehe da“ gegeben? Gewiss doch, mehr als einmal in meiner Erfahrung, und ohne Zweifel in der Erfahrung jedes meiner christlichen Leser. Nun, mögen wir gemeinsam in das Bekenntnis einstimmen: „Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat“ (Ps. 103,10). Vielmehr handelt Er mit uns nach Seiner Bündnistreue und nach Seiner alle Erkenntnis übersteigenden Liebe.

„Siehe da, ein Engel rührte ihn an.“ Es war nicht ein anderer Wanderer, den der Herr jetzt zu jenem Ginsterstrauch führte und dessen Herz Er bewegte, Mitleid mit dem erschöpften Mann zu haben, der darunter lag. Auch das wäre eine außerordentliche Barmherzigkeit gewesen, doch hier geschah etwas weitaus Erstaunlicheres. Eine jener himmlischen Kreaturen, die Gottes Thron in der Höhe umgeben, entsandte Er, dass er den niedergeschlagenen Propheten tröstete und für sein Wohl sorgte. Wahrlich, das war nicht „nach Menschenweise“, sondern gepriesen sei Sein Name, es war nach der Weise Dessen, der „der Gott aller Gnade“ ist (1.Petr. 5,10). Und Gnade, liebe Leser, achtet nicht auf unsere Würdigkeit oder Unwürdigkeit, nicht darauf, was wir verdient oder nicht verdient haben. Nein, Gnade ist frei und souverän und sucht die Gründe ihrer Existenz nicht außerhalb ihrer selbst. Der Mensch behandelt seine Mitmenschen oft grob; er übersieht ihre Zerbrechlichkeit und vergisst,dass er selbst ebenso leicht am Wegesrand liegenbleiben kann wie sie, und deshalb behandelt er sie achtlos, launenhaft und unfreundlich. Bei Gott ist es anders: Er handelt immer geduldig an Seinen umherirrenden Kindern und zeigt tiefstes Mitleid und zärtliches Erbarmen.

„Siehe da, ein Engel rührte ihn an“, weckte ihn sanft aus dem Schlaf, damit er die Erfrischung, die er ihm gebracht hatte, sehen und zu sich nehmen konnte. Werden wir nicht an jenes Wort erinnert: „Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer Willen, die das Heil erben sollen?“ (Hebr. 1,14). Das ist etwas, wovon wir in unserem materialistischen, skeptischen Zeitalter wenig hören, wovon uns jedoch die Schrift zu unserem Trost viel offenbart. Ein Engel war es, der zu Lot kam und ihn aus Sodom rettete, bevor die Stadt durch Feuer und Schwefel vernichtet wurde (1.Mose 19, 15-16). Ein Engel war es, der „den Löwen den Rachen zugehalten hat“, als Daniel in die Grube geworfen war (Dan.6,23). Es waren Engel, die die Seele des Bettlers in „Abrahams Schoß“ geleiteten (Lk. 16,22). Es war ein Engel, der Petrus im Gefängnis besuchte, der die Ketten von seinen Händen schlug und bewirkte, dass das eiserne Tor „sich von selber auftat“ (Apg. 12, 7; 10) und der ihn so von seinen Feinden befreite. Und es war ein Engel, der Paulus versicherte, dass niemand auf dem Schiff umkommen würde (Apg. 27,23). Wir dürfen auch nicht einen Augenblick lang glauben, dass der Dienst der Engel Vergangenheit ist, wenn sie sich auch nicht mehr wie in alttestamentlicher Zeit sichtbar offenbaren Hebräer 1,14 schließt diesen Gedanken aus. „Ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah um sich, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug Wasser“ (V. 5-6). Dies war die dritte Vorkehrung, die der Herr in Seiner Gnade zur Versorgung Seines erschöpften Knechtes traf. Erneut finden wir das zum Nachdenken anregende „Siehe“. Und es tut gut, das Geschehen aufmerksam zu betrachten und darüber ins Staunen zu kommen, ins Staunen über die wunderbare Gnade von Elias Gott und unserem Gottes. Schon zweimal hatte der Herr den Propheten übernatürlich mit Nahrung versorgt; durch die Raben am Bach Krit, durch die Witwe in Zerpat; doch diesmal diente ihm kein Geringerer als ein Engel! Beachte die Beständigkeit der Liebe Gottes, an die ihrem Bekenntnis nach alle Christen glauben, die aber in Augenblicken der Niedergeschlagenheit und Finsternis nur die wenigsten erkennen. Ein Ausleger schrieb hierzu: „Es ist nicht schwierig zu glauben, dass Gott uns liebt, wenn wir voll Freude und Lobpreis mit der Menge zum Hause Gottes gehen und im lichtdurchfluteten Kreis Seiner Kinder stehen. Aber wir finden es schwer zu glauben, dass er ebenso große Liebe für uns empfindet, wenn, durch unsere Sünde in das Land am Jordan und Hermon vertrieben, unsere Seele in uns betrübt ist, wenn „eine Tiefe die andere ruft“ und Seine Wasserwogen und Wellen über uns gehen.
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Kapitel.25 Erfrischt

„Es ist nicht schwierig zu glauben, dass Gott uns liebt, wenn wir, wie Elia am Krit und auf dem Karmel, Seine Gebote tun und auf die Stimme Seines Wortes achten; aber es ist nicht so leicht, wenn wir, wie Elia in der Wüste gestrandet daliegen oder wie abgetakelte Schiffe ohne Ruder im Wellental schlingern. Es ist nicht schwierig, an Gottes Liebe zu glauben, wenn wir, wie Petrus, auf dem Berg der Verklärung stehen und in freudiger Verzückung planen, ein Tabernakel mit Christus in alle Ewigkeit zu teilen; doch es ist nahezu unmöglich, wenn wir, mit demselben Apostel, unseren Meister unter Eid verleugnen und durch Seinen Blick beschämt sind, in dem die Missbilligung noch von Traurigkeit übertroffen wird.“ Für unseren Frieden und Trost ist es unerlässlich zu wissen, dass die Liebe Gottes unwandelbar ist wie Er selbst. Welch eine Bestätigung empfing Elia hier von dieser Liebe! Nicht nur, dass er nicht von Gott verlassen war, sondern er hörte weder einen Vorwurf, noch ein Wort des Tadels für sein Verhalten. Ach, wer kann die wunderbare Gnade unseres Gottes ergründen oder auch nur verstehen: Wenn die Sünde überhand nimmt, dann wird die Gnade umso größer!

Diesmal erlebte Elia nicht nur einen unmissverständlichen Beweis für die Beständigkeit der Liebe Gottes, sondern sie zeigte sich ihm hier auf besonders zärtliche Weise. Er hatte aus dem Bach Krit getrunken, aber nie zuvor von dem Wasser, das Engelhände aus dem Fluss Gottes für ihn geschöpft hatten. Er hatte Nahrung gegessen, das Raben für ihn gesucht hatten und Mehl, das durch ein Wunder vermehrt wurde, doch noch nie hatte er Brot gegessen, das himmlische Finger geformt hatten. Doch weshalb schenkte Gott diese besonderen Beweise zärtlicher Zuneigung? Sicherlich nicht, um das Verhalten Seines Knechtes zu entschuldigen, sondern weil eine besondere Liebesoffenbarung erforderlich war, um den Propheten zu vergewissern, dass er noch immer das Ziel göttlicher Liebe war, um
seinen Geist zu erweichen und ihn zur Umkehr zu leiten. Erinnert dies nicht an die Szene, die in Johannes.21 beschrieben wird, wo der auferstandene Herr für die frierenden Seeleute ein Frühstück und ein Kohlenfeuer zum Aufwärmen bereitete; er tat dies für dieselben Männer, die Ihn in der Nacht des Verrats alle verlassen hatten und geflohen waren, und die sich weigerten, an Seinen Triumph zu glauben, als die Frauen ihnen von dem leeren Grab erzählten und davon, dass Er ihnen leibhaftig erschienen war!

„Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser.“ Das „Siehe“ hebt nicht nur den Reichtum der Gnade Gottes hervor, der Seinem verirrten Knecht dient, sondern es lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Wunder Seiner Macht. In ihrer Verdrießlichkeit und ihrem Unglauben hatten die Israeliten einst gefragt: „Kann Gott wohl einen Tisch bereiten in der Wüste?“ (Ps. 78,19); ja, sie waren gewiss: „Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben“ (2.Mose 14,12). Und hier nun war Elia nicht nur am Rande dieser öden, kargen Wüste, sondern „eine Tagesreise“ in ihrem Innern. Nichts wuchs hier außer ein paar Sträuchern, und kein Fluss befeuchtete die ausgedörrten Dünen. Doch widrige Umstände und ungünstige Bedingungen stellen für den Allmächtigen kein Hindernis dar. Wenn uns auch die Mittel fehlen, so ist doch dieser Mangel für den Schöpfer keine Schwierigkeit; Er kann Wasser aus dem Felsen hervorbringen und Steine in Brot verwandeln. Deshalb wird denen, für die Gott die Fürsorge übernommen hat, nichts Gutes mangeln: Seine Barmherzigkeit und Seine Macht sind ihnen gleichermaßen zugesagt. Denk daran, du zweifelnde Seele: der Gott Elias lebt, und auch wenn dein Los in Zeiten von Krieg und Hungersnot gefallen ist, so wird dir dein Brot und Wasser gewiss sein.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Kapitel.25 Erfrischt

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Kapitel.25 Erfrischt

„Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser.“ Aber dieses „Siehe“ weist noch auf etwas anderes hin, das der Aufmerksamkeit der Kommentatoren entgangen zu sein scheint, nämlich auf die Art des Dienstes, die der Engel hier verrichtete. Welch eine erstaunliche Sache, dass ein so erhabenes, würdiges Geschöpf sich mit einer so niedrigen Tätigkeit befasste: dass die Finger eines himmlischen Wesens damit beschäftigt waren, ein Brot zu bereiten und zu rösten! Man möchte meinen, es wäre eine erniedrigende Tätigkeit für eines jener erhabenen Wesen, die den Thron des Allerhöchsten umgeben, jemandem zu dienen, der einer geringeren, gefallenen Rasse angehörte, der zudem pflichtvergessen und ungehalten war: ein geistliches Betätigungsfeld zu verlassen und Nahrung für Elias Leib zu bereiten wie entwürdigend! Zu Recht mögen wir darüber staunen und den Gehorsam des Engels gegenüber den Anweisungen seines Meisters bewundern. Doch noch mehr sollte es uns dazu anhalten, jenes Gebot aus Römer 12,16 zu beachten, „Haltet euch herunter zu den Geringen“ und keine Handlung für unter unserer Würde zu halten, durch die wir einem unserer Mitgeschöpfe helfen können, dessen Seele niedergeschlagen und dessen Geist von Kummer überwältigt ist. Verachte nicht die niedrigsten Pfichten, wenn ein Engel sich nicht zu schade war, für einen sündigen Menschen Essen zu kochen.

„Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen“ (V. 6). Auch hier wird wieder ganz deutlich, dass diese Berichte der Heiligen Schrift von unparteiischer Hand verfasst und in den Farben der Wahrheit und Realität gemalt sind. Der Heilige Geist hat das Verhalten selbst der würdigsten Menschen nicht so beschrieben, wie es hätte sein sollen, sondern so, wie es tatsächlich war. Deshalb finden wir unsere eigenen Wege und Erfahrungen darin auch so trefflich abgebildet. Hätte ein religiöser Idealist die Geschichte erfunden, wie hätte er Elias Reaktion auf diese erstaunliche Darbietung der Gnade des Herrn und der Beständigkeit Seiner Liebe, die ihm jetzt gezeigt wurde, geschildert? Nun, gewiss hätte er ausgemalt, wie der Prophet von einer so großen göttlichen Gunst überwältigt und angesichts dieser liebevollen Güte durch und durch gerührt und vor Ihm in anbetender Verehrung hingestreckt war. Wie beschreibt der Heilige Geist die Tatsachen! Wir finden keine Andeutung, dass der verdrießliche Prophet im Herzen angerührt war, keine Erwähnung, dass er sich in Anbetung verneigte, nicht ein Wort darüber, dass er Dank sagte: nur, dass er aß und trank und sich wieder hinlegte.

Ach, was ist der Mensch? Was ist der beste Mensch, unabhängig von Christus? Wie verhält sich selbst der reifste Heilige, wenn der Heilige Geist sich zurückzieht und aufhört, in ihm und durch ihn zu wirken? Nicht anders als die unerneuerten Menschen, denn das Fleisch in ihm ist nicht besser als in jenen. Wenn er in gestörter Beziehung zu Gott lebt, reagiert er ebenso mürrisch und gereizt wie ein verwöhntes Kind, sobald etwas seinem Willen zuwiderläuft. Er ist nicht mehr fähig, Gottes barmherziges Eingreifen in seinem Leben zu erkennen, weil er sich schlecht behandelt fühlt, und anstatt Dankbarkeit für zeitliche Segnungen zu zeigen, nimmt er sie als Selbstverständlichkeiten hin. Wenn der Leser empfindet, dass ich aus diesem Stillschweigen in der Berichterstattung zu viel herleite und dass wir nicht meinen sollte, Elia hätte es versäumt, Dank zu sagen, dann bitte ich ihn weiterzulesen und zu erkunden, ob im folgenden deutlich wird, dass der Prophet in seiner Verdrießlichkeit verharrte. Elias mangelnde Anbetung und Danksagung für die empfangene Erfrischung wird darin leider nur zu deutlich bestätigt. Sollten wir nicht hierin eine Zurechtweisung unserer eigenen Versäumnisse in ähnlichen Situationen sehen? Sollte nicht dieser fehlende Lobpreis an unsere Undankbarkeit für göttliche Gunstbeweise erinnern, wenn unser Wille durchkreuzt wird, und uns durch diese Erinnerung demütig machen?
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

Zwei Themen stehen in den Eingangsversen von 1. Könige 19 im Vordergrund, wobei das eine dazu dient, das andere zu verstärken: Die bitteren Früchte der panischen Flucht des Propheten und die überschwängliche Gnade des Herrn gegenüber Seinem verirrten Knecht. Die Drohbotschaft der erzürnten Isebel hatte Elia in Ratlosigkeit gestürzt, und in seinem anschließenden Handeln können wir die Wirkungen sehen, die daraus folgen, wenn das Herz von Unglauben und Furcht erfüllt ist. Anstatt die Botschaft der Königin vor seinem Herrn auszubreiten, nahm Elia die Sache selbst in die Hand; anstatt geduldig auf Ihn zu warten, handelte er aus einem unüberlegten Impuls. Zuerst verließ er seinen Posten und floh vor Isebel, aus dem Ort, wohin „die Hand des HERRN“ ihn gebracht hatte. Zweitens lief er, gänzlich mit sich selbst beschäftigt, „um sein Leben“ und war nicht länger durch den Eifer um Gottes Ehre und das Wohl Seines Volkes motiviert. Drittens lief er, mittlerweile blind vor Torheit, nach Beerscheba und betrat damit das Gebiet Jehoschafats, dessen Sohn „die Tochter Ahabs“ geheiratet hatte wenn die Gemeinschaft mit Gott gestört ist, funktioniert nicht einmal mehr der gesunde Menschenverstand.

Elia wagt nicht, in Beerschaba zu bleiben, und so geht er „eine Tagesreise weit“ in die Wüste, eine Veranschaulichung der Tatsache, dass, wenn Unglaube und Furcht die Oberhand gewinnen, ein Geist der Rastlosigkeit die Seele erfüllt, so dass sie nicht länger in der Lage ist, still vor Gott zu sein. Schließlich, als seine fiebrige Energie aufgebraucht war, ließ er sich unter einem Ginsterstrauch fallen und bat um den Tod. Er steckte jetzt im Sumpf der Verzweiflung und empfand das Leben nicht mehr als lebenswert. Und das ist der Hintergrund, auf dem wir die herrlichen Beweise der göttlichen Gnade betrachten, die jetzt so wunderbar zum Vorschein kamen. In der Stunde seiner Verzweiflung und Not ließ der Herr Seinen armen Knecht nicht im Stich. Nein, zuerst gab Er Seinem Geliebten Schlaf, um seine zerrütteten Nerven zu entspannen. Zweitens sandte Er einen Engel, der ihm dienen sollte. Drittens besorgte er Erfrischung für seinen Leib. Dies war wahrlich Gnade nicht nur unverdient von dem Tischbiter, sondern auch gänzlich ungesucht. Wunderbar sind die Wege Dessen, mit dem wir zu tun haben und der „langmütig gegen uns“ ist.

Und wie sah Elias Antwort auf diese erstaunlichen Darbietungen von Gottes Barmherzigkeit aus? War er von der göttlichen Gunsterweisung überwältigt? War er von so viel Freundlichkeit und Güte gerührt? Kann nicht der Leser, ja auch der christliche Leser, die Antwort aus seiner eigenen, traurigen Erfahrung geben? Wenn du vom Herrn abgewichen bist und die Wege der Gerechtigkeit verlassen hast, und wenn Er deine Widerspenstigkeit ertragen und, anstatt deine Übertretungen mit der Rute zu strafen, dir weiterhin Seine zeitlichen Segnungen geschenkt hat, hat dann ein Empfinden Seiner Güte dich zur Umkehr geleitet, oder hast du nicht vielmehr, unbewegt selbst von den zärtlichsten Beweisen Seiner Barmherigkeit, in deinem abtrünnigen Zustand Gottes Segnungen für selbstverständlich hingenommen? So ist die menschliche Natur überall in der Welt und zu allen Zeiten: „Wie sich im Wasser das Angesicht spiegelt, so ein Mensch im Herzen des anderen“ (Spr. 27,19). Und Elia war keine Ausnahme, denn wir lesen: „Als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder hin“ (V. 6) kein Zeichen der Buße für das Vergangene, kein Hauch von Dankbarkeit für gegenwärtige Gnaden, kein Einstimmen der Seele auf zukünftige Pflichten.
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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

In diesem Zusammenhang wird uns noch eine weitere Wirkung vor Augen geführt, die aus der Hingabe des Herzens in Unglauben und Furcht erfolgt, und das ist die Empfindungslosigkeit der Seele. Wenn das Herz von Gott entfremdet ist, wenn das Ich zum Mittelpunkt und zum Radius unserer Interessen wird, beschleicht uns eine solche Kälte und Abgestorbenheit, dass wir unempfänglich für die Güte des Herrn werden. Unsere Sicht ist trübe, so dass wir die Segnungen, die uns geschenkt werden, nicht länger zu schätzen wissen. Wir werden gleichgültig, kalt und teilnahmslos. Wir sinken auf die Stufe der Tiere, indem wir verzehren, was uns gegeben wird, ohne dabei an die Treue des Schöpfers zu denken. Fasst nicht dieser kurze Satz das Leben der unerneuerten Menschen zusammen: „Sie essen und trinken und legen sich wieder schlafen“ ohne jegliche Wertschätzung Gottes, ohne Sorge um ihre Seelen und ohne Gedanken an die Ewigkeit? Und, liebe Leser, genauso ist es mit dem abtrünnigen Christen: Er sinkt auf die Stufe des Ungläubigen, denn Gott hat nicht länger den wichtigsten Platz in seinem Herzen und seinen Gedanken.

Und welches war die Antwort des Herrn auf eine so grobe Undankbarkeit Seines Knechtes? Wandte Er sich nun angewidert von ihm ab, weil er Seine Fürsorge nicht länger verdiente? Nun, er hätte es tun können, denn die Verachtung der Gnade ist keine gewöhnliche Sünde. Doch wenn auch Gnade die Sünde nicht verharmlost wie im Folgenden deutlich werden wird so gilt noch immer: Wenn die Gnade durch Sünde vereitelt werden könnte, so wäre sie keine Gnade mehr. Wie Gnade niemals durch Verdienst angezogen werden kann, kann sie auch niemals durch Mangel an Verdienst abgestoßen werden. Und Gott handelte in Gnade, souveräner Gnade an dem Propheten. Deshalb lesen wir: „Und der Engel Jehovas kam zum zweiten Male wieder und rührte ihn an und sprach: Stehe auf, iss! denn der Weg ist zu weit für dich“ (1.Kön. 19,7; Elberf.). Wahrlich, wir müssen mit dem Psalmisten ausrufen: „Er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend der Armen und sein Antlitz nicht vor ihm verborgen“ (22,25). Und warum? Weil Gott Liebe ist, und Liebe „ist langmütig und freundlich ... sie lässt sich nicht erbittern ... sie erträgt alles“ (1.Kor. 13,4-7).

„Und der Engel des HERRN kam zum zweiten mal wieder.“ Wie wunderbar ist die Geduld des Herrn! „Einmal hat Gott geredet“, und das sollte uns genügen; doch das ist selten der Fall, und deshalb heißt es weiter, „zweimal habe ich dieses gehört, daß die Stärke Gottes sei“ (Ps. 62,11; Elberf.). Als der Hahn das erste Mal krähte, achtete Petrus nicht darauf, doch als er zum zweiten Mal krähte, „gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte ... und er fing an zu weinen“ (Mk. 14,72). Ach, wie langsam reagieren wir, wenn Gott uns anspricht: „Und die Stimme sprach zum zweitenmal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten“ (Apg. 10,15). „Freuet euch in dem Herrn allewege“, ein solches Wort muss ein Christ sich doch wohl nicht zweimal sagen lassen! Der Apostel wusste es besser: „und abermals sage ich: Freuet euch!“, heißt es weiter in Philipper 4,4. Was sind wir nur für träge Schüler: „Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch ... lehre“ (Hebr. 5,12), und so muss es sein, „Gebot auf Gebot, Vorschrift auf Vorschrift“.
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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

„Und der Engel des HERRN kam zum zweiten mal wieder.“ Höchstwahrscheinlich war es abends, als der Engel das erste Mal kam und Elia einlud aufzustehen und zu essen, denn wir lesen, dass er „eine Tagesreise weit in die Wüste“ hineinging, bevor er sich unter den Ginsterstrauch setzte. Nachdem er die von so erhabener Hand dargebotene Erfrischung zu sich genommen hatte, hatte Elia sich wieder hingelegt, und die Nacht hatte für eine Weile ihren Schleier über den glühenden Wüstensand gebreitet. Als der Engel kam und ihn ein zweites Mal anrührte, war der Tag angebrochen: Während der Dunkelheit hatte der himmlische Botschafter Wache gehalten, während der erschöpfte Prophet schlief. Ja, die Liebe Gottes kennt keine Wandlung sie wird weder müde noch matt. Auch die Dunkelheit ändert daran nichts und kann ihr Ziel vor ihr nicht verbergen. Unwandelbare Liebe wacht über dem Gläubigen auch in den Stunden, in denen er ihre Gegenwart nicht spürt. „Und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende“ bis ans Ende all ihrer Verirrungen und ihrer Unwürdigkeit.

„Und sprach: Stehe auf und iss! denn der Weg ist zu weit für dich“ (Elberf.). Erkennen wir nicht den sanften Tadel, der dem Propheten hier erteilt wird? „Der Weg ist zu weit für dich.“ Welcher Weg? Er war nicht aufgefordert worden, sich auf einen Weg zu begeben! Es war ein Weg, den er aus eigenem Antrieb eingeschlagen hatte, ein Ergebnis seiner Eigenwilligkeit. Es war ein Weg fern vom Ort der Aufgabe, die er zu jenem Zeitpunkt hätte erfüllen sollen. Es war, als würde dieser himmlische Bote dem Propheten sagen: Sieh nur, was bei deinem Eigenwillen herauskommt; er hat dir Schwachheit und Hunger eingebracht. Dennoch hat Gott sich deiner erbarmt und dich erfrischt: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Der Herr ist voll Güte: Er weiß im Voraus, welche Anforderungen noch auf deine körperlichen Kräfte zukommen, und deshalb „stehe auf und iss“. Elia hatte es sich in den Kopf gesetzt, den fernen Horeb zu erreichen, und so sorgt Gott für seine Bedürfnisse vor, auch wenn es in diesem Fall die Bedürfnisse eines saumseligen Knechtes und eines rebellischen Kindes waren. Welch ein Gott ist unser Gott!

Doch hierin verbirgt sich auch eine Lektion für jeden von uns, auch wenn die Gnade ihn vor Abtrünnigkeit bewahrt hat. „Der Weg ist zu weit für dich.“ Nicht nur der Lebensweg in seiner Gesamtheit, sondern jeder tägliche Abschnitt stellt Anforderungen an uns, die unsere eigenen Kräfte bei weitem übersteigen. Der erforderliche Glaube, der verlangte Mut, die nötige Geduld, die zu ertragenden Versuchungen, die zu überwindenden Feinde sind zu groß für unser Fleisch und Blut. Was können wir tun? Beginnen wir den Tag, wie Elia jenen Tag begann: „Stehe auf und iss.“ Du würdest ja auch nicht an dein Tagewerk gehen, ohne zuvor den Leib mit Essen und Trinken zu versorgen, und kann denn die Seele besser ohne Stärkung auskommen? Gott verlangt nicht von dir, die geistliche Nahrung zu besorgen, sondern Er hat sie für dich bereitgestellt. Alles, was Er sagt, ist „Stehe auf und iß“: nähre dich von dem himmlischen Manna, damit sich deine Kraft erneuert; beginn den Tag, indem du am Brot des Lebens teilhast, damit du für die vielen Anforderungen, die an deine seelischen Kräfte gestellt werden, wohl gerüstet bist.
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„Und er stand auf und aß und trank“ (V.8). Gewiss, Elia befand sich in einer traurigen Lage, doch in ihm war „ein guter Kern“. Er verschmähte nicht die Hilfe, die ihm dargeboten wurde, noch verachtete er den Gebrauch der Gnadenmittel. Wenn er auch noch keine Spur von Dankbarkeit gegenüber dem barmherzigen Geber zeigte, so kam er doch der Aufforderung zu essen gehorsam nach. Wenn er auch sein Leben in die eigene Hand genommen hatte, so trotzte er doch dem Engel jetzt nicht ins Angesicht. Wie er es abgelehnt hatte, Hand an sich zu legen, sondern stattdessen den Herrn gebeten hatte, sein Leben von ihm zu nehmen, so hungerte er sich auch jetzt nicht mutwillig zu Tode, sondern aß das Essen, das ihm vorgesetzt wurde. Der Gerechte mag fallen, doch wird er nicht endgültig stürzen. Der Docht mag nicht lichterloh brennen, doch Rauch wird bezeugen, dass er nicht vollständig erloschen ist. Das Leben eines Gläubigen mag auf einen niedrigen Stand herabsinken, doch früher oder später wird es sich bemerkbar machen, dass es noch vorhanden ist.

„Und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb“ (V.8). In Seiner Gnade übersieht der Herr die Schwächen derer, die aufrichtigen Herzens vor Ihm sind und die Ihn ernsthaft lieben, auch wenn in ihnen noch Kräfte lebendig sind, die sich Seiner Liebe ständig widersetzen. Dieser Vers ist ein besonderes Zeugnis von Seiner Güte: Gott belebte nicht nur die erschlafften Kräfte Seines Dieners, sondern bewirkte darüber hinaus, dass die Nahrung ihn für einen langen Zeitraum mit Kraft versorgte. Sollte ein Skeptiker fragen, wie denn eine einzige Mahlzeit den Propheten beinahe sechs Wochen lang ernähren konnte, so wäre die Gegenfrage, wie denn unsere Nahrung uns auch nur einen Tag lang mit Energie versorgt, als Antwort ausreichend! Der größte Philosoph kann dieses Geheimnis nicht erklären, aber der schlichteste Gläubige weiß, dass es durch die Kraft und den Segen Gottes geschieht. Ganz gleich, wie viel Nahrung wir essen und wie lecker sie zubereitet ist, so bringt sie uns doch nicht den geringsten Nutzen, wenn sie nicht vom Segen Gottes begleitet wird. Derselbe Gott, der machen kann, dass uns eine Mahlzeit vierzig Minuten lang versorgt, kann den Zeitraum auch auf vierzig Tage ausdehnen, wenn
es Ihm gefällt.

„Horeb, der Berg Gottes“ war gewiss ein bemerkenswertes Ziel für Elia, denn es gab keinen Ort auf Erden, wo Gottes Gegenwart sich so deutlich offenbart hatte wie dort, jedenfalls nicht in alttestamentlicher Zeit. Dort war Jehova dem Mose im brennenden Dornbusch erschienen (2.Mose 3,1-4). Dort war Israel unter so ehrfurchterregenden Umständen das Gesetz gegeben worden (5.Mose 4,15). Dort hatte Mose vierzig Tage und vierzig Nächte Zwiesprache mit Ihm gehalten. Doch, obwohl Israels Propheten und Dichter immer wieder die erhabenste Bildsprache aus dem Glanz und dem Schrecken jener Geschehnisse ableiteten, gibt es eigenartigerweise keine Berichte in der Bibel davon, dass von der Zeit der Gesetzgebung bis hin zu Elias Flucht vor Isebel jemals ein Israelit diesen heiligen Berg aufsuchte. Ob es tatsächlich seine Absicht war, dorthin zu gehen, als er vor Isebel fortlief, wissen wir nicht. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, weshalb er dorthin ging. Vielleicht war es, wie Matthew Henry vermutete, um sich seiner Melancholie hinzugeben und mit Jeremia zu sagen: „Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen!“ (9,2).
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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

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Kapitel.26 Die Höhle am Horeb

Merkwürdigerweise meinen einige Ausleger, der Prophet hätte den Weg durch die Wüste zum Berg Horeb eingeschlagen, weil er von dem Engel die Anweisung dazu erhalten hatte. Doch diese Sichtweise wird durch das nachfolgende Geschehen eindeutig widerlegt. Der Herr hätte nicht zweimal die tadelnde Frage gestellt „Elia, was machst du hier?“, wenn er im Gehorsam gegenüber dem himmlischen Boten hierher gekommen wäre. Dass seine Schritte von Gott hierher geleitet waren, bezweifle ich nicht, denn es war gewiss kein Zufall, dass derjenige, der in besonderer Weise der Erneuerer der gesetzlichen Ordnung war, Jahwe an dem Ort begegnen sollte, wo das Gesetz erstmals verkündet worden war vergleiche: Mose und Elia erschienen mit Christus auf dem Berg der Verklärung. Wenn Elia auch nicht auf Gottes Befehl zum Horeb kam, so wurde er doch durch Seine geheime Vorsehung dorthin geleitet:„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt“ (Spr. 16,9). Und wie? Durch einen geheimen Impuls von innen, der seine Handlungsfreiheit nicht zerstört. „Des Königs Herz ist in der Hand des HERRN wie Wasserbäche; er lenkt es, wohin er will“ (Spr. 21,1) – die Wasser eines Flusses fließen frei, dennoch ist ihr Lauf vom Himmel vorherbestimmt!

„Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht“ (V. 9). Endlich gab sich der Prophet zufrieden mit der Distanz, die er zwischen sich und der Frau geschaffen hatte, die für den Tod ihrer Propheten Rache geschworen hatte: Dort in jenem fernen Berg, verborgen in einer der finsteren Höhlen inmitten seiner Schluchten fühlte er sich sicher. Womit er sich dort beschäftigte, wird uns nicht erzählt. Wenn er versuchte zu beten, so können wir gewiss sein, dass er keine Freimütigkeit dazu, geschweige denn Freude daran hatte. Wahrscheinlicher ist, dass er dort saß und über seine Nöte grübelte. Wenn ihn sein Gewissen anklagte, dass er in seiner Flucht vor Isebel zu voreilig gewesen war und dass er seiner Furcht nicht hätte nachgeben dürfen, sondern dass er stattdessen sein Vertrauen in Gott hätte setzen und die Nation weiterhin hätte unterweisen müssen, so zeigt doch das Folgen des geschehen, dass er solche demütigenden Erkenntnisse wohl eher unterdrückt hatte, anstatt sein Versagen Gott zu bekennen. „Von seinen Wegen wird gesättigt, wer abtrünnigen Herzens ist“ (Spr. 14,14; Elberf.) – Wer kann angesichts eines solchen Verses bezweifeln, dass Elia jetzt ganz damit beschäftigt war, sich zu bemitleiden und zu rechtfertigen, an die Undankbarkeit seiner Landsleute zu denken und seine grausame Behandlung durch Isebel zu beklagen?

„Und siehe, das Wort Jehovas geschah zu ihm und er sprach zu ihm“ (V. 9; Elberf.). Gott hatte schon zu verschiedenen Anlässen persönlich zu ihm gesprochen. Das Wort des Herrn hatte ihn beauftragt, sich am Bach Krit zu verbergen (17,2-3). Es kam erneut zu ihm und forderte ihn auf, sich nach Zarpat zu begeben (17,8-9). Und wiederum hatte es ihm befohlen, sich Ahab zu zeigen (18,1). Doch diesmal, so scheint mir, ist es anders als bei den vorherigen Gelegenheiten. Der Flüchtling kauert in der Höhle, und es heißt: „Siehe, das Wort Jehovas geschah zu ihm.“ Dieser vielsagende Ausdruck kommt in den anderen Schriftstellen nicht vor, und durch seine Anwendung will der Geist andeuten, dass etwas Außergewöhnliches bevorsteht. Bei dieser Gelegenheit ist es mehr als eine göttliche Botschaft, die an das Ohr des Propheten kommt: der Prophet empfängt nichts Geringeres als einen Besuch einer göttlichen Person. Niemand anders als die zweite Person der Dreieinigkeit, das Ewige Wort (Joh. 1,1) ist gekommen, um den verirrten Propheten zu fragen. Das wird auf der nachfolgenden Formulierung deutlich: „und er sprach zu ihm“. Das ist sehr bemerkenswert und sehr tief.
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