Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps62

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6. Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7. Er ist mein Hort, meine Hilfe
und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.
8. Bei Gott ist mein Heil, meine Ehre,
der Fels meiner Stärke; meine Zuversicht ist auf Gott.
9. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute,
schüttet euer Herz vor ihm aus;Gott ist unsre Zuversicht. Sela.


6. Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele. Wenn wir auch bereits in der Ausübung einer Tugend stehen (V. 2), ist es doch notwendig, dass wir uns selber in Pflicht nehmen, darin fortzufahren. Die Seele könnte von ihrem Ankergrund losgerissen werden oder der anderen Versuchung erliegen, ihr Vertrauen nicht auf den einzig wahren Grund des Heils allein zu setzen, sondern daneben noch auf etwas anderes; darum gilt es, dass wir uns selber aufmuntern, die Stellung nun auch zu behaupten, welche wir im Glauben eingenommen haben. Nur immer still, meine Seele! Unterwirf dich völlig, traue unerschütterlich, harre geduldig! Mögen deine Feinde noch so sehr auf dich eindringen, mögen sie beschlossen haben, dich zu stürzen, mögen sie dir schmeicheln oder fluchen, - lass dich durch nichts bewegen, von der stillen Ergebung in Gottes Hand abzulassen und so aus deiner sicheren Festung zu weichen. Beantworte das Wüten der Feinde mit stillem Gottvertrauen, überwinde gleich deinem Herrn durch die sieghafte Macht geduldigen Leidens. Du kannst es dahin bringen; aber nur, wenn du dich von der Allgegenwart Gottes durchschauern und zugleich aufrichten lassest, wenn du wirklich zu Gott still bist, dich ihm ganz hingibst, auf ihn allein harrst. Echtes, nicht mit Unglauben vermischtes Gottvertrauen kann nicht entmutigt werden. Ist unser Glaube einfältig auf Gott gerichtet, so sehen wir klar, wie wohl wir geborgen sind; haben wir aber Schalksaugen, die halb auf Gott, halb auf anderes schauen, so haben wir weder Weltklugheit noch Gottvertrauen. Denn von ihm (kommt) meine Hoffnung. (Wörtl.) Dies können wir in zweierlei Sinn (subjektiv oder objektiv) verstehen: von ihm kommt meine Zuversicht, oder: von ihm kommt, was ich erhoffe. Begehren wir nichts anderes, als was vor Gott recht ist, so ist die Zuversicht, mit der wir das Begehrte erwarten, in der Tat von Gott gewirkt; und stehen wir im wahren Glauben, so erwarten wir die guten Gaben nicht von irgendwelchen Mittelursachen, sondern von Gott, von ihm allein. Die weltlich gesinnten Menschen werden über ihrem eiteln Hoffen zu Narren; was wir aber erhoffen, ist schon unterwegs und wird zur rechten Zeit eintreffen, um unsere Zuversicht glänzend zu rechtfertigen. Wohl dem, der des gewiss ist, dass alles, was er bedarf und erhofft, in seinem Gott zu finden ist.

7. Nur er ist mein Fels und meine Hilfe. (Grundtext) Gott ist einzig und ausschließlich Grund und Vollendung meiner Sicherheit. Wieder hat der Grundtext hier ein Nur. Wir können diese Glocke nicht zu oft läuten hören; möge sie allem, worauf das Fleisch noch trauen will, zu Grabe läuten und uns laden zu dem rechten Gottesdienst, allein auf den HERRN zu trauen. Und mein Schutz, nicht nur mein Verteidiger, sondern tatsächlich mein Schutz. Ich bin sicher, weil er treu ist. Wörtlich wieder wie V. 3: meine sichere Höhe, auf der ich der Macht der Feinde entrückt bin. Ich werde nicht wanken (wörtl.) - auch nicht im Geringsten. Sieh, wie der Glaube des Psalmdichters wächst: Im zweiten Vers hatte er nur die Zuversicht, dass er nicht sehr wanken werde; jetzt ist sein Vertrauen ganz unbeschränkt. Er bietet aller Wut seiner Feinde Trotz und weiß, dass sie ihn auch nicht einen Zoll breit aus seiner festen Stellung weichen machen oder in innere Erschütterung versetzen werden. Der lebendige Glaube erstarkt; die Erfahrung schwellt die geistlichen Muskeln der Kinder Gottes und gibt eine männliche Kraft, die man in der Kindheit des geistlichen Lebens nicht kennt.

8. Bei Gott ist (genauer: auf Gott ruht) mein Heil und meine Ehre. Wessen anders sollten wir uns rühmen, als dieses großen Gottes, der unser Helfer und Ehrenretter ist? Unsere Ehre ist ja bei dem gut aufgehoben, der unser Heil ist für Zeit und Ewigkeit. Alles in Gott zu finden und sich des zu rühmen ist eins der sicheren Kennzeichen einer erleuchteten Seele. Mein starker Fels, meine Zuflucht ist in Gott. (Grundtext) Er häuft die Worte und Bilder, mit denen er Gott preist; denn er möchte ihn, den er in so vielen Proben treu erfunden hat, hoch ehren. Die Unwissenheit hat an wenigen Worten genug; wenn uns aber die Erfahrung reiche Schätze der Gotteserkenntnis gebracht hat, bedürfen wir vieler und mannigfaltiger Ausdrücke, um in diesen, als in Truhen, unsere Schätze unterzubringen. Gott, der unsre Zuflucht ist, in der wir Bergung finden, ist auch unser starker Fels, auf dem wir festen Fuß fassen und von dem wir unsere Pfeile auf die Feinde hinabsenden; darum sollen wir ihn auch als beides, als unseren Schutz und Trutz, preisen. Wir wollen auch darauf achten, wie der Psalmist jedem dieser Namen, die er mit Frohlocken seinem Gott beilegt, gleichsam sein Monogramm aufprägt: immer wieder lesen wir das selige Mein. Er ist meine Hoffnung, mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, mein Heil, meine Ehre, mein starker Fels, meine Zuflucht. Es genügt ihm nicht, zu wissen, dass der HERR das alles ist, sondern sein Glaube nimmt Besitz von diesem wunderbaren Gott mit all seinen herrlichen Eigenschaften. Was nützen mich die Goldminen Perus oder die Diamantschätze Golkondas (eines berühmten Marktes für diesen Edelstein, in Ostindien gelegen), wenn ich daran keinen Teil habe? Das Wörtlein mein ist die Imme, die den süßen Honig in die Waben füllt. Wenn das, was diese tröstlichen Namen von Gott aussagen, noch nicht durch Erfahrung unser persönliches Gut geworden ist, so müssen wir ernstlich solche Gnade suchen, damit auch wir noch an der Kraft und dem Gehalt dieser Gottesbezeugungen Anteil bekommen. Die Bienlein dringen auf die eine oder andere Weise in die Blüten ein und sammeln deren süße Säfte. Bei manchen unserer Blumen muss es für sie nicht leicht sein, in die geschlossenen Kelche hineinzukommen; allein unsere Honigsammler finden oder machen sich dennoch einen Weg. Und darin sind sie unsere Lehrmeister; denn ebenso muss der beharrliche Glaube den Zugang zu allen diesen lieblichen Namen, Eigenschaften und Offenbarungsweisen unseres Bundesgottes finden und aus ihnen Genuss und Nutzen ziehen.

9. Hoffet (d. i. trauet) auf ihn allezeit, lieben Leute. Der Glaube ist dauernd unsere Pflicht und beständig unser Vorrecht. Wir sollen und dürfen auf Gott vertrauen nicht nur, wenn es licht ist um uns her, sondern auch, wenn wir ganz im Dunkeln sind. Sturm und Regen sind zuzeiten das fruchtbarste Wetter für den Glauben; aber wir bedürfen des Glaubens nicht weniger in den Tagen ungetrübten Sonnenscheins. Wir haben es allezeit nötig, unsre Hoffnung auf Gott zu setzen. Ein Tag ohne Gottvertrauen ist ein Unglückstag, selbst wenn er ein Freudentag zu sein schiene. Darum stützt euch stets auf den, der alle Dinge trägt. Lieben Leute3, ihr, die ihr mir anhanget, weil der HERR mich zu seinem Gesalbten erkoren hat. Schüttet euer Herz vor ihm aus. Ihr, denen er seine Liebe geoffenbart hat, lasst auch euer Inneres vor ihm offenbar werden. Er hat sich euch ganz hingegeben; haltet ihr nun auch nichts vor ihm zurück. Wie wenn man ein volles Gefäß umkehrt und ausschüttet, so lasst eure innersten Gedanken, eure tiefsten Wünsche, eure geheimsten Kümmernisse, eure verborgensten Sündenschmerzen sich wie Wasser ergießen in seiner heiligen Gegenwart. Verberget nichts vor ihm; ihr könnt ja doch nichts vor ihm verhüllen. Entladet eure Seele vor dem HERRN; er sei euer rechter Beichtvater, er allein kann euch ja auf euer Bekenntnis hin wirklich absolvieren. Wollten wir unseren Kummer für uns behalten, so hieße das nichts anderes, als einen Haufen Elend aufstapeln. Dämmst du den Strom ein, so wird er nur anschwellen und desto schrecklicher durchbrechen; lässt du ihm aber sein richtiges Bett, so fließt er ruhig dahin und stiftet keinerlei Schaden. Wir bedürfen herzinniger Sympathie; schütten wir Jesus unser Herz aus, so finden wir bei ihm eine Teilnahme, die ebenso wirksam wie aufrichtig, ebenso tröstend wie belebend und erhebend ist. Es ist, wie jemand bemerkt, eine üble Gewohnheit unserer Natur, auf den Zaum zu beißen und unseren Kummer verdrießlich in uns zu verbergen; eine begnadigte Seele überwindet aber diesen bösen Hang und leert ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet vor dem HERRN aus. Gott ist unsere Zuversicht (wörtl.: Zuflucht). Was immer er für andere sei oder nicht sei, sein Volk des Eigentums hat ein besonderes Anrecht an ihn. Für uns ist er zweifellos eine Zuflucht; so haben wir denn allen Grund uns zu ihm zu flüchten, sooft Sorgen auf uns eindringen. Beten ist sonderlich die Pflicht derer, welchen der HERR sich so sonderlich als Schutz geoffenbart hat. Sela. Ist hier nicht eine Pause wohl angebracht? Ja, auf solch grünen Auen mögen sich die Schafe wohl lagern und gütlich tun!

Fußnote
3. Grundtext: ihr Leute, eigentl.: Volk. Delitzsch versteht darunter die dem David Getreuen; andere übersetzen etwa: ihr Volksgenossen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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10. Aber Menschen sind ja nichts, große Leute fehlen auch;
sie wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist.
11. Verlasset euch nicht auf Unrecht und Frevel, haltet euch
nicht zu solchem, das eitel ist;fällt euch Reichtum zu, so hänget das Herz nicht dran.
12. Gott hat Ein Wort geredet,
das habe ich etliche Mal gehört:dass Gott allein mächtig ist.
13. Und du, Herr, bist gnädig
und bezahlest einem jeglichen, wie er’s verdienet.


10. Wiederum begegnen wir dem Wörtlein nur: Nur Hauch sind Menschensöhne. (Wörtl.) Nur Hauch, nichts mehr. Der Ausdruck Menschensöhne bezeichnet das gemeine Volk und steht im Gegensatz zu dem folgenden Mannes- oder Herrensöhne.4 Des geringen Volks ist viel, und es ist leicht zu begeistern, aber es ist kein Verlass darauf; die Volksmassen sind beweglich wie die Meereswellen, die sich voll mit jeglichem Wind hin und her treiben lassen. Heute rufen sie "Hosianna!", morgen "Kreuzige!" Die Unbeständigkeit der Volksgunst ist sprichwörtlich. Man könnte ebenso gut aus Rauch ein Haus bauen wie auf die Zuneigung der Volksmenge Zuversicht setzen. Wie der Sohn Adams Abel, das ist Hauch, Nichtigkeit, hieß, so wird uns hier gesagt, dass alle Adamskinder diesen Namen verdienen. Wären sie nur auch an Charakter Abel ähnlich; in dieser Hinsicht gleichen ihrer viele aber leider allzu sehr dem Kain. Mannessöhne sind Lüge. (Wörtl.) Was hier von den Herrensöhnen ausgesagt wird, ist noch schlimmer, als was vom gemeinen Volke gesagt war. Es würde uns also wenig frommen, wenn wir uns auf die Aristokratie, sei es der Geburt, sei es des Geldes, sei es der Bildung, verließen. Die oberen Zehntausend sind keinen Deut mehr wert als die breiten Volksschichten; ja im Gegenteil, wir sind mit ihnen noch schlechter daran, weil wir bei ihnen etwas erwarten, was wir nicht finden. Wie, sollten wir von der haute volée keine gute Meinung hegen dürfen? Sollte auf die élite des Geistes, auf die Gelehrten, die Ritterlichen, die Gebildeten, kein Verlass sein? Eben deshalb werden sie eine Lüge genannt, weil sie so viel versprechend scheinen, das Ende des Vertrauens auf sie aber nur bittere Enttäuschung ist. Wie elend ist doch selbst der daran, der sich auf Fürsten verlässt! Je völliger wir unser Vertrauen auf Gott setzen, desto mehr werden wir erkennen, wie hohl und nichtig alles Vertrauen auf die Kreatur ist. Werden sie auf die Waage gehoben, so sind sie allzumal leichter als ein Hauch. Grundtext5 Schlage ihren Wert einmal richtig an; schätze sie nicht nach der Zahl oder dem Schein, sondern nach dem Gewicht, nach dem inneren Wert, so wirst du dich nicht länger täuschen lassen. Überlege mit Ruhe, wäge alles sorgfältig ab, so wird dein Urteil mit demjenigen übereinstimmen, welches hier der erleuchtete Psalmdichter abgibt. Leichter als ein Hauch sind alle Menschen, nichtiger als die Nichtigkeit selbst; die Großen und die Geringen sind gleicherweise deines Vertrauens unwert. So leicht eine Feder ist, hat sie doch noch ein Gewicht; ein Hauch aber hat gar keines, und die Kreatur ist, als Grund des Vertrauens, leichter noch als ein Hauch. Die Menschen wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist, wie Luther hier gut deutsch gesagt hat; und doch ist die ganze Welt so betört, dass man lieber Fleisch für seinen Arm hält, als dass man sich der Macht des unsichtbaren, aber allmächtigen Schöpfers anvertraut; und sogar Kinder Gottes werden, ach wie leicht, von diesem Wahn bezaubert!

11. Verlasset euch nicht auf Bedrückung (Erpressung), und auf Raub setzt nicht eitle Hoffnung. Die Worte haben den Nebensinn: Ihr würdet dadurch selber ein Nichts, wörtl. ein Hauch6, werden. Nur Narren können sich auf Reichtum verlassen, der auf ungerechte Weise erworben worden ist, denn Tod und Verderben lauern darin; er ist vom Krebs angefressen, er raucht vom Zorne Gottes. Die Armen zu unterdrücken und ihr Schreien um Gerechtigkeit zum Schweigen zu bringen macht manchem übermütigen Bösewicht noch Vergnügen, der sich in seiner Anmaßung einbildet, er könne Gott und Menschen Trotz bieten. Diese Worte sind eine Warnung für solche, und wohl ihnen, wenn sie sich warnen lassen; denn der Richter aller Welt wird die Bedrückung der Unschuldigen und die Beraubung der Armen ganz gewiss heimsuchen. Beides kann man auf solche Weise verüben, dass man vor den irdischen Gerichten straflos ausgeht; ja man kann sich wohl gar die menschlichen Gesetze zur Ausübung solcher Gräuel dienstbar machen; vor dem himmlischen Gerichtshof aber helfen keine Gesetzesverdrehungen, keine Kniffe und Schliche und Ausflüchte. Fällt euch Reichtum zu (wörtl.: Sprosst das Vermögen), so hänget das Herz nicht dran. Wenn dein Besitz auf ehrliche Weise wächst, infolge des Fleißes oder Erfolges in deinem Gewerbe oder Handel, so mache davon kein Aufhebens und miss diesen irdischen Dingen auch vor dir selbst keine Wichtigkeit bei; werde nicht stolz darob und hänge deine Liebe nicht an den Geldsack. Den unsterblichen Geist zum beständigen Betrachten und Beschauen vergänglicher Güter herabzuwürdigen ist unverantwortliche Torheit. Sollten solche, die sich des Herrn der Herrlichkeit als ihres ewigen Gutes rühmen, sich auch noch aus irdischem Flittergold einen Ehrenschmuck machen? Soll der leidige Mammon sie der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes berauben? Wie wir uns nicht auf Menschen verlassen dürfen, so ziemt es sich noch weniger, auf das Geld unser Vertrauen zu setzen. Vermögen und Ansehen sind vergänglich wie der Schaum, der auf den Meereswellen glitzert. Könnten wir alle Reichtümer und Ehren der Welt zu einer goldenen Schnur verbinden, sie wäre doch ein zu schwacher Faden, als dass wir das Glück einer unsterblichen Seele daran hängen dürften.

12. Gott hat Ein Wort geredet. Gott ist so unwandelbar, dass er nicht nötig hat zweimal zu reden, als ob er seinen Sinn geändert hätte; er ist so unfehlbar, dass ein einziger Ausspruch genügt, denn er kann nicht irren, und so allmächtig, dass sein einmal gesprochenes Wort seinen ganzen Plan zur Ausführung bringt. Wir reden viel und sagen damit vielleicht nichts; Gott spricht ein Wort, aber ein Wort ewiger Wahrheit. All unser Reden kann in den Wind gesprochen sein: - Er spricht, und es geschieht; Er gebeut, und es steht da. Das habe ich etliche Mal (buchstäblich: zweimal) gehört. Wie ein vielfaches Echo sollten die Worte Gottes in unserm Ohr erklingen. Was er uns einmal durch Offenbarung kundgetan hat, das sollten wir beständig zu Herzen fassen. Aus der ganzen Schöpfung und aus den Führungen der Vorsehung tönt es an unser Herz: "Wer Ohren hat zu hören, der höre." Gott hat uns zwei Ohren gegeben, damit wir aufmerksam dem zuhören können, was zu uns geredet wird, und wer geistlich gesinnt ist, dem ist das innere Ohr geöffnet, mit dem er wirklich hört, was Gott redet. Im besten Sinne zweimal hört, wer mit Ohr und Herz Gottes Wort vernimmt. Dass Gott allein mächtig ist, wörtl.: dass Gottes die Macht ist. Er ist der Quell aller Macht, und alle Macht ist ewig sein. Auf dies eine Wort aus Gottes Mund sollten wir stets achten, damit wir dadurch vor dem verhängnisvollen Irrtum bewahrt werden, unser Vertrauen auf die Kreatur zu setzen, die doch ohnmächtig sein muss, weil Gott allein mächtig ist. Wie muntert uns doch dies Wort zum Glauben auf! Es kann nie und nimmer töricht sein, sich auf den Arm der Allmacht zu stützen. Er kann uns aus allen Nöten erlösen und uns unter allen Lasten aufrechterhalten, während Menschen uns jedenfalls zuletzt im Stich lassen müssen, wenn sie nicht schon jetzt unsre Hoffnung täuschen. Möchten wir doch alle die Donnerstimme Jehovas vernehmen, da er sich hier alle Macht allein zuschreibt, und künftighin einzig Gottes harren!

13. Und du, Herr, bist gnädig. Dieser liebliche Zusatz nimmt dem Gedanken an die Allmacht Gottes das Schreckliche. Gottes Macht will uns nicht erdrücken, sondern zu unserm Heil wirksam werden. Der Grundtext ist voller als unsere deutsche Übersetzung; er lautet: Und dein, Herr, ist die Gnade. Alles, was wir je an Gnade, Barmherzigkeit und Güte erfahren, kommt unmittelbar oder mittelbar von Gott; die Gnade ist sein unveräußerlicher Besitz. Wie seine Macht, ist auch seine Gnade ewig, und sie ist uns in ihm stets nahe, bereit, sich an uns zu offenbaren. Und bezahlest einem jeglichen, wie er’s verdienet, wörtl: nach seinem Tun. Dies Wort lässt uns zwar zunächst vor Gottes Gerechtigkeit erschauern, und das mit Recht. Der der Form nach ganz allgemeine Ausdruck geht aber hier dem Zusammenhang nach auf die Frommen; und wenn wir ihn demnach so verstehen, dass Gott die geringen und unvollkommenen Dienste seines Volkes gnädiglich belohnt, so sehen wir darin einen klaren Erweis seiner Gnade. Er wirkt die Werke in uns durch seine Kraft, und dann vergilt er sie. Menschen können uns weder helfen noch belohnen; Gott will beides tun. Darum sollen wir Gottes allein harren, des allein die Macht und die Gnade ist. Deo soli gloria.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. In allen dreizehn Versen finden wir nicht einen einzigen Ausdruck der Furcht oder Niedergeschlagenheit, nicht einmal eine Bitte, während David sonst in Gefahr sofort zum Flehen seine Zuflucht nimmt. Der Prophet fand sich diesmal trefflich versehen in Bezug auf den Teil der Frömmigkeit, welcher in der Plerophorie, der Sicherheit und Völligkeit, des Glaubens besteht; darum wollte er ein Denkmal dieser seiner Gemütsstellung stiften, um die Leser durch sein Beispiel zu derselben Tugend anzuregen. Moses Amyraldus † 1664.

Gegen alle Angriffe auf Leib und Seele, Stellung und Ruf, gegen alle Versuchungen und Drangsale, Ränke und Verleumdungen bete diesen Psalm. Athanasius der Große † 373.

V. 2. Nur zu Gott ist meine Seele stille - wie das Targum erklärt: still nicht in Bezug aufs Gebet, sondern aufs Murren, still ihm unterworfen und ergeben, wie viele alte Übersetzer den Grundtext wiedergeben. John Gill † 1771.

Es ist eine große Gnade, wenn wir in schwerer Trübsal unser selbst mächtig bleiben, nicht rasen und toben, sondern still sind, still vor dem HERRN, still auf seine Hilfe harrend. Wir erfahren es ja, dass das Herz eben so schnell in Hitze und krankhafte Verstimmung gerät wie der Kopf seine Ruhe und Klarheit verliert. Da muss die Geduld der Hoffnung ihr Werk treiben. William Gurnall † 1679.

Still, d. i. schweigend, untertan, ergeben, wartend, vertrauend, achtsam auf Gottes Winke. Still ergeben 1) wie Schüler ihrem Lehrer. Was immer Gott mir zustoßen lässt, ich will vor ihm stille sein, seine Führungen anbeten, ihm unter der Rute bleiben und dem lauschen, was er mich lehren will. 2) Wie es Geschöpfen ihrem Schöpfer gegenüber ziemt. Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert! (Jes. 45,9) 3) Wie der Ton in des Töpfers Hand sich formen lässt, wie der Meister will (Jer. 18,6). 4) Wie eine Magd zu ihrer Frau aufsieht und auch in den geringsten Dingen auf ihre Wünsche achtet. (Ps. 123,2) 5) Ergeben wie das Weib dem Manne, in Liebe besorgt und eifrig beflissen, alles zu tun, was er haben will. Thomas Le Blanc † 1669.

Es liegt eine solche erleichternde Kraft in einem stillen Zwiegespräch mit Gott. Ich habe mich früher wohl über das Wort Luthers gewundert: Schweig, leid, meid und vertrag, Dein Not allein Gott klag. Ich habe mich gewundert, da das Ausschütten des Grames in Freundes Herz etwas so Süßes hat. Wer aber viel von seiner Sorge zu Menschen spricht, bei dem kommt es leicht, dass er davon zu wenig spricht zu Gott, und wer wiederum die selige Erleichterung oft erfahren hat, die stilles Zwiegespräch mit dem Ewigen bringt, der verlangt nicht mehr so sehr nach Menschen. Es kommt mir jetzt vor, als ob das zu viele Ausbreiten des Leides vor Menschen es nur größer machte und ihm dazu noch die Würze nähme, darum auch das Sprichwort sagt: Klag niemand dein Leid, so wird es nicht breit. Dagegen wo es einem gelingt, sich im Leid so recht in stiller Sammlung zu halten, es immer vor Gottes Angesicht zu tragen und gelassentlich seiner Hilfe gewärtig zu sein, wie der Psalmist sagt: "Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft ", da wird es nicht breit, da gräbt es sich aber auch nicht in die Tiefe, sondern liegt auf der Oberfläche des Herzens wie ein Morgennebel, der, wenn die Sonne höher steht, in leichten Wolken davonwallt. Prof. August Tholuck † 1877.

Nur zu Gott. Wende dich hin im Kreuze, wo du willst; wirst du dich nicht zu Gott wenden, so wirst du keine Ruhe finden. Johann Arnd † 1621.

Der natürliche Sinn ist immer geneigt, da mit der Vernunft zu Rate zu gehen, wo wir glauben sollten, zu wirken wo wir still sein sollten, eigene Wege einzuschlagen wo wir unbeirrt auf Gottes Wegen gehen sollten, seien diese auch noch so sehr der Natur zuwider. Wie geht es uns aber, wenn wir so Gott vorauseilen? Zum mindesten schwächen wir dadurch unseren Glauben, statt ihn zu stärken, und mit jedem Mal, da wir uns so selber helfen, finden wir es schwieriger, auf Gott zu trauen, bis wir schließlich ganz unserer gefallenen natürlichen Vernunft folgen und der Unglaube die uns beherrschende Macht wird. Wie ganz anders geht es, wenn man Gottes Stunde abwarten kann und allein von ihm Hilfe und Erlösung erhofft! Wenn da die Hilfe schließlich kommt, vielleicht erst nach langem Beten und Ringen, nach viel Übung des Glaubens und der Geduld, wie köstlich ist das, und welchen Lohn bekommt die Seele dann für ihr Gottvertrauen und geduldiges Harren. Wenn du, liebes Gotteskind, diesen Weg des Gehorsams noch nicht gewandelt bist, so tu es jetzt, damit auch du durch eigene Erfahrung die selige Freude kennen lernest, welche daraus folgt. Georg Müller (in Bristol) 1856.


Fußnoten
4. Vergl. die Anmerkungen zu Ps. 4,3 und zu Ps. 49,3.

5. So übersetzen die engl. Bibel, Hupfeld, Kautzsch u. a. Eigentl.: beim Aufsteigen = wenn sie auf die Waage gelegt werden. Delitzsch, Bäthgen u. a. dagegen: Auf der Waage schnellen sie empor (eigentl.: sie sind bestimmt, emporzuschnellen auf der Waage). Die Schlussworte können verschieden aufgefasst werden; entweder: aus Hauch sind sie allzumal, oder: leichter als ein Hauch sind sie allzumal.

6. Man beachte im Hebräischen das Wortspiel mit lbehe, Hauch. Gut Symm.: mh` gi/nesqe a)tmi/j. - Erpressung und Raub sind aus rhythmischen Gründen verteilt, gehören aber logisch zu beiden Versgliedern. Dieser Eigentümlichkeit begegnen wir in der hebräischen Poesie oft.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Erläuterungen und Kernworte

V. 2 f. Alois Henhöfer († 1862) hatte in seinem Leben viele Anfechtungen durchzukämpfen. Als Katholik geboren, als Hauslehrer bei dem Freiherrn von Gemmingen vielfach angeregt, 1822 wegen evangelischer Predigt seines Amtes entsetzt, trat er am 6. April 1823 mit der ganzen Familie von Gemmingen zur evangelischen Kirche über. Noch in demselben Jahre erhielt er die Pfarrei Graben. Er kam in seinem Leben oft in schwere Anfechtungen. Einmal sonntags, als er zu predigen hatte, überfiel ihn auch eine sehr große Angst und er kam nicht zur Kirche. Das ganze Lied war schon zu Ende gesungen. Als ihn die bestürzte Magd suchte, fand sie ihn ringend in der Studierstube. Er bat, die Gemeinde solle noch einmal das Lied singen, worauf er unter viel Not predigte. Er schreibt selbst darüber nur: "Vom 14. bis 17. September (1824) hatte ich einen schweren, schweren Kampf zu bestehen. Endlich Trost aus Ps. 62,2.3. Der Herr bewahre mich vor jeder Sünde, weswegen diese Finsternis über mich kam!" Emil Frommel 1880.

Der König Friedrich Wilhelm IV. tröstete sich in seiner Krankheit mit den Worten unseres Psalms: Meine Seele, sei du stille zu Gott, der dir hilft. Überhaupt war in seinen Krankheitstagen das Wort das, was sichtlichen Eindruck auf ihn machte. Namentlich taten ihm unverkennbar die Psalmen wohl, wenn man ihm den einen oder andern vorsprach. Hatte er doch sein ganzes Leben hindurch in dem Psalter viel Trost gefunden und war darin so bewandert, dass er mit großer Genauigkeit wusste, was jeder Psalm enthält. Nach W. Ziethe 1861.

V. 3., vergl. V. 7 f. Die Häufung der Benennungen Gottes ist unter den Psalmensängern ebenso charakteristisch für David (vergl. z. B. Ps. 18), wie unter den christlichen Liederdichtern für Paul Gerhardt. Calvin sagt: "Dies ist die Ursache, warum er Gott so viele Beinamen gibt, dass er mit eben so vielen Schilden die Angriffe Satans aufnehme und zurückweise." Nur rohe Erfahrungslosigkeit kann in solchen Stellen "plappernde Geschwätzigkeit" finden. Prof. E. W. Hengstenberg 1844.

Denn er ist mein Hort usw. Ja freilich, weil du das gläubest, bist du wohl sicher, wenn es auch eitel türkische, tartarische Kaiser und eitel zornige Könige und Fürsten regnete und schneiete neun Jahre lang aneinander, mit aller ihrer Macht, darzu alle Teufel mit ihnen. - Hort habe ich verdeutschet, da auf hebräisch stehet zur, welches heißt einen Fels. Denn Hort heißen wir, darauf wir uns verlassen und uns sein trösten. So will er nun sagen: Ich weiß, dass mir mein Heil von ihm kömmt (V. 2). Warum? Darum, ich habe keinen Menschen, wie groß, mächtig, reich er immer sei, mir zum Trotz, Hort, Trost und Heil gesetzt, noch mein Herz oder Hoffnung auf ihn gestellt, sondern Gott habe ich darzu erwählet, von dem alleine mir alles Glück und Heil kommen soll und wird. So heißt er nun Gott seinen Fels oder Hort darum, dass er seines Herzens Gewissen und sichere Zuversicht auf ihn setzte. Sein Heil darum, dass er gläubet und nicht zweifelt, Gott werde ihm helfen mit Glück und Heil, ob gleich Saul und alle Menschen ihn verließen und nichts geben, weder Dorf noch Stadt. Seinen Schutz darum, dass er hoffet und gewiss ist, Gott werde ihn verteidigen wider alle Übel, wenn gleich Saul und alle seine Hofschranzen sein Verderben und seinen Tod suchen. Welch eine feine Seele ist doch das, die ein solch Liedlein kann Gott singen; aber auch wie seltsam ist sie, so man doch sonst alle Höfe und Städte und Lande voll findet, die denen großen Hansen auch solche Liedlein, zuweilen um zehen Gülden oder noch geringere Parteken, singen können. Martin Luther 1526.

V. 4. Durch die heftigen Regengüsse weicht im Orient das oft schlecht fundierte Mauerwerk häufig aus dem Blei, und dies manchmal in solchem Grad, dass man nicht begreift, wie es noch halten kann. Daher man häufig Reden wie die folgenden hört: "Der arme alte Raman soll sehr krank sein." Antwort: "Ja, die Mauer ist am Einfallen." - "Mach, dass du fortkommst, du heruntergekommener Mensch, du bist eine zusammenstürzende Mauer." - "Der Häuptling jenes Dorfes bedrückt seine Leute so, dass sie wie eine eingefallene Mauer sind." Joseph Roberts 1844.

V. 6. Nur zu Gott. Wer nicht allein auf Gott vertraut, traut ihm überhaupt nicht. Wer mit einem Fuß auf dem Felsen, mit dem andern aber auf Flugsand steht, wird ebenso einsinken und umkommen, wie wer ganz auf dem Sand steht. Dies wusste David; deshalb sprach er seiner Seele (denn er hatte am meisten in seinen eigenen vier Wänden zu schaffen) ernstlich zu, nur zu Gott stille zu sein. John Trapp † 1669.

Es erspart einem viel vergebliche Mühe und gibt tiefen Frieden ins Herz, wenn man. sich an Gott allein hält. Wer dagegen statt bei Gott nur bei Menschen Rat und Hilfe sucht, der bereitet sich endlose und nutzlose Mühe. Handle es sich um guten Rat oder um Unterstützung, - wir kommen mit den Menschen zu keinem Ziel und Ende. Einem jeden sollten wir wieder besondere Gründe und Motive angeben, und was dem einen gefällt, stößt zwanzig andere ab. So viel Köpfe, so viel Sinne. Niemand ist imstande, es allen recht zu machen oder sich immer wieder so eigenartig zu geben, dass er den Eigentümlichkeiten und Launen eines jeden gerecht wird. William Struther 1633.

V. 6.7. ist Grabschrift des als heldenhafter Missionar Feuerlands bekannten, dort des Hungertodes gestorbenen Kapitäns Allen Gardiner († 1851). Man hatte den Spruch auf einem Felsen in Feuerland eingegraben gefunden. - James Millard

V. 9. Allezeit. Man könnte ja ausführlich von den Zeiten reden, da wir auf Gott trauen sollen; aber sie alle sind eingeschlossen in dem Wörtlein allezeit. Das ist ein köstlich Wort. Wenn du voller Furcht bist und nichts anderes hast, das dir den Mut gäbe, vor Gott zu treten, dann berufe dich auf dieses Wort. John Berridge † 1793.

Schüttet euer Herz vor ihm aus. Je mehr wir Gott lieben, desto fester vertrauen wir auf ihn; und je gewisser unser Glaube ist, desto mehr Freimut und Freudigkeit haben wir vor dem Gnadenthron. Schüttet euer Herz aus vor Gott wie Wasser, in Freudentränen. Wenn der Stein im Herzen geschmolzen ist durch die Gnade, werden die Augen zu Tränenquellen. Wahrhaft fromme Menschen sind wie weiches, leichtflüssiges Metall; sie haben einen schmelzenden Sinn. Das ist eine Wirkung des Geistes der Gnade. Samuel Lee † 1691.

V. 10. Aber Menschen sind ja nichts. Wenn jemand unter den Menschen unsterblich wäre, ohne Sünde, keiner Veränderung unterworfen, welcher von niemand könnte überwunden werden, stark wie ein Engel Gottes, derselbe möchte noch etwas sein; aber weil er ein Mensch ist, ein Sünder, sterblich, schwach, Krankheit und Tod unterworfen, welchen das allergeringste Tierlein ängsten und quälen kann wie den Pharao, und er so vielem Elend unterworfen ist, dass man’s nicht alle zählen kann, so muss dieser Schluss gewiss sein: Menschen sind ja nichts. Johann Arnd † 1621.

Eine Lüge sind die Vornehmen. (Grundtext) Bei Menschen von geringem Stande hofft man nicht auf Hilfe; die Vornehmen und Mächtigen aber geben uns auch ohne Worte, eben durch den Stand, in dem sie sich befinden, Aussicht auf Beistand und Schutz. Wer mit einem obrigkeitlichen Amt betraut ist, kann nicht sagen, er habe mir nie seinen Schutz versprochen; das Amt, das er übernommen hat, enthält dies Versprechen, und wenn er es nicht erfüllt, so ist sein Leben eine Lüge. In der Schrift finden wir das Wort Lüge häufig in dem Sinn gebraucht: seine Pflicht oder seinen Zweck nicht erfüllen, die berechtigten Erwartungen täuschen. Man vergl. z. B. Jes. 58,11: Du sollst sein wie ein Quellort, dessen Wasser nicht trügen, d. h. nie versiegen. John Donne † 1631.

Je weniger ein Mensch weiß, was der Allmächtige wiegt, desto höher wiegen ihm die Menschen. Prof. August Tholuck 1843.

Wie alle Menschen mit allem Irdischen, worauf sie sich verlassen, ein Hauch sind und eine Lüge, wie dieses Irdische selber (vergl. Spr. 31,30), so trägt auch das rein irdische Gebilde des neuen Königtums (Absaloms) den Keim des Untergangs in sich, und Gott wird zwischen dem Entthronten und den Thronräubern in Gemäßheit ihres Verhaltens zu ihm richterlich entscheiden. Das ist der innere Zusammenhang dieser Schlussstrophe mit den vorigen. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 11. Verlasset euch nicht auf Bedrückung, und verfallt nicht durch Raub dem Nichts. (Wörtl.) Wie gewonnen, so zerronnen. Unrecht Gut gedeihet nicht - reichet nicht - faselt nicht. Gestohlen Gut liegt hart im Magen. Unrecht Gut kommt nicht auf den dritten Erben. Das Gut muss gehen, woher es gekommen ist. Böser Gewinn fährt bald dahin. Gewinn ist nicht Gewinn, er sei denn gerecht. Ein Dieb stiehlt sich selten reich. Sprichwörter.
Hänget euer Herz nicht an die irdischen Güter; denn sie sind nicht fest, sie gewähren euch keinen Halt. Fallen sie, und hängt euer Herz an ihnen, so werdet ihr selber einen schweren Fall tun. Das Geringere kann der leicht lassen, der etwas Besseres in Aussicht hat; wie Samuel zu Saul sprach: Bekümmere dich nicht (im Hebr. ein ähnlicher Ausdruck wie an unserer Stelle) um die Eselinnen; es warten jetzt größere Dinge auf dich. Joseph Caryl † 1673.

Gut wird nicht darum von Gott gegeben, dass man darauf bauen und trotzen soll, welches ist auch nichts und eitel, sondern dass man sein brauchen und genießen soll und andern mitteilen usw. Aber Menschen lassen es nicht, die bauen und trotzen, beide auf Fürsten und Gut, d. i. allenthalben auf nichts, und handeln auf nichts. Denn "Gut macht Mut"; es ist aber nicht gut und erhält nicht den Mut. Das Herz dran hängen ist so viel wie sich’s annehmen; nicht dran hängen ist, sich’s nicht annehmen und also haben, als hätte man nicht. In den Händen soll das Gut sein, nicht im Herzen; wie Paulus sagt 1. Kor. 7,31, dass wir der Welt sollen brauchen, als brauchte man ihr nicht usw. Martin Luther 1526.

Was ist gemeint mit Reichtum? Manche mögen wohl denken, die Bedeutung dieses Wortes sei doch nicht misszuverstehen. Tausende befinden sich in diesem Irrtum. Eine hochgestellte Persönlichkeit hörte vor einigen Jahren über diesen Gegenstand predigen und brach, halb vor Erstaunen, halb in Entrüstung, in die Worte aus: "Was braucht er denn hier über den Reichtum zu predigen? In ganz Whitehaven gibt es ja nur einen reichen Mann, Sir James L-r!" Allerdings lebte dort kein zweiter, der ein Jahreseinkommen von achthunderttausend Mark und ein Vermögen von vielen Millionen gehabt hätte. Aber es kann jemand reich sein, der noch keine zweitausend Mark das Jahr einnimmt und keine zwanzigtausend Mark Vermögen hat. Wer auskömmliche Nahrung und Kleidung und etwas übrig hat, der ist reich. Wer für sich und seine Familie hat, was zur Notdurft und Annehmlichkeit des Lebens gehört, und noch etwas erübrigen kann für diejenigen, welche nicht das Nötige haben, der ist reich - es wäre denn, dass er zu den traurigen Menschen gehörte, die das Geld mehr lieben als Gott, zu den Geizhälsen, die das zusammenscharren, was sie den Armen geben könnten und sollten. Von einem solchen sage ich nicht, dass er reich sei, denn er ist ein armer Mann, und wenn er Millionen auf der Bank hat, ja der Ärmste der Armen! O wer die Reichen dazu überreden könnte, ihr Herz nicht an ihre Güter zu hängen! Länger als ein halbes Jahrhundert schon spreche ich immer wieder darüber so deutlich und überzeugend wie möglich; aber mit wie wenig Erfolg! Ich zweifle fast, ob ich in all der Zeit fünfzig solcher Geizhälse von ihrer Sünde überführt habe. Wer hat sich sagen lassen: Du bist der Mann? John Wesley † 1791.

Der Reichtum ist ungewiss (1. Tim. 6,17) und betrüblich (Mk. 4,19). Reichtum hat Flügel; und hätte er keine, so wird er sich, wie Salomo sagt (Spr. 23,5), Flügel machen. Zum Herbeifliegen hat er zwar keine Flügel so groß wie die eines Sperlings; aber davon fliegt er mit Schwingen de Adlers, der gen Himmel fliegt. Wie viele sind schon durch den Reichtum in eine so heillose Lage gebracht worden, wie Absalom durch sein Maultier, von dem er wohl bis unter den Baum getragen, aber da in seiner größten Not, zwischen Himmel und Erde schwebend, im Stich gelassen wurde! Der Reichtum gleicht den Sodomsäpfeln, die so schön aussehen, aber beim Anfassen zerplatzen und sich als hohl erweisen; er ist eine gehaltlose geometrische Figur, ein Hirngespinst ohne Wesen und Bestand, ein Trug. Aber ärger noch ist, dass du dich von diesem betrüglichen Reichtum betrügen lässest. Christopher Love † 1651.

V. 12. Einmal - zweimal. (Grundtext) Das entspricht der lateinischen Redensart semel atque iterum; bei den Schriftstellern überhaupt, besonders aber bei den Dichtern, ist es gebräuchlich, bestimmte Zahlen für unbestimmte zu setzen, wie Horaz sagt: felice ter et amplius. John Tillotson † 1694.

V. 12.13. Zwei große Wahrheiten sind dem Dichter göttlich besiegelt. Man übersetze nicht: Einmal hat Gott geredet, nun zweimal hab ich das vernommen, sondern: Eines hat Gott geredet, zweies (ist’s), das ich vernommen, oder: dies Zweies hab’ ich vernommen. Es folgen wirklich zwei Gottesworte. Es sind die zwei großen Wahrheiten: 1) dass Gott die Gewalt über alles Irdische hat, dass also nichts ohne ihn geschieht und dass, was wider ihn ist, eher oder später erliegen muss; 2) dass eben dieses Gottes, des Allherrn (Adonai), auch die Gnade ist, deren Energie sich eben nach seiner Allmacht bemisst und die denjenigen, dem sie sich zuwendet, nicht erliegen lässt. Mit "denn" bestätigt der Dichter diese zwei Offenbarungssätze, welche Gott ihm eingeprägt, aus dessen gerechtem geschichtlichen Walten. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Glaube an die Allmacht Gottes. 1) Es ist schwer, daran zu glauben. Zwar ist sie ein Stück der natürlichen Theologie; sobald wir aber in Schwierigkeiten geraten, sind wir sehr geneigt, sie in Zweifel zu ziehen. Dünkt uns etwas wahrscheinlich, so bitten wir mit guter Zuversicht darum, im andern Fall aber werden wir bald lasch und geraten in dumpfe Mutlosigkeit. 2) Der zuversichtliche Glaube an Gottes Macht ist von großer Bedeutung für unser inneres Leben. Wenn die Seele Gottes Macht in Zweifel zieht, kann sie die Anfechtung nicht mehr aushalten. Die Lebensfähigkeit des Glaubens hängt von dem Glauben an Gottes Allmacht ab; darum steht auch im Glaubensbekenntnis vorne an: Ich glaube an Gott, den Allmächtigen. Der Glaube an diesen ersten Artikel stützt den Glauben an die andern. 3) Es erregt Gottes Missfallen, wenn wir seine Macht in Zweifel ziehen. Er tadelte selbst Mose scharf darüber (4. Mose 11,23), wie auch Christus die Martha (Joh. 11,40). Und wie empfindlich ward Zacharias für solchen Unglauben gestraft! Lasst es deshalb unsere ernste Sorge sein, dass unser Glaube an Gottes Allmacht erstarke und sich im Leben erweise. - Um uns aber dazu zu bringen, dass wir uns ganz auf den HERRN verlassen, ist etwas mehr nötig als die Erkenntnis seiner Macht, also dass er helfen könne. Wir müssen auch die feste Überzeugung gewinnen, dass er helfen wolle. Darum fährt der Psalmist fort: Und dein, Herr, ist die Gnade. Die Gnade ist der herrlichste Edelsteine in Gottes Krone. William Wisheart †1727.

Homiletische Winke

V. 2. Die rechte Stille der Seele. 1) David war still nicht in dumpfem Schweigen, sondern in gläubiger und gehorsamer Ergebung. 2) Er war still zu Gott, dem frei waltenden Herrn, dem Gnädigen und Treuen. 3) Still nur zu Gott, von ganzer Seele und ausschließlich Gottes harrend.
V. 3. Gott ein Fels, hoch und stark, ein Fels der Zuflucht und der Verteidigung. Man ziehe ähnliche Schriftstellen herbei.
V. 3.7. Grundtext: Ich werde nicht viel wanken - ich werde nicht wanken. Erstarkung im Glauben; wie ist sie zu erlangen und wie zu bewahren, und wie erweist sie sich?
V. 4. 1) Die gottfeindliche Welt wünscht, hofft und erstrebt den Fall der einzelnen Christen und den Zusammenbruch des ganzen Christentums. Und doch 2) sind es die Christen und der Einfluss des Christentums, was die Welt noch in den Fugen hält, und wird 3) die Welt in Trümmer gehen, Christi Reich aber bestehen.
V. 5. Haben Gefallen an Lüge. (Grundtext) Menschen, welche Lügen bereitwillig glauben, selber erfinden und mit Lust verbreiten. - Römlinge, Selbstgerechte, Selbstbetrüger, fanatische Irrlehrer, Verfolger usw.
V. 6b. Lasst uns Großes erwarten von dem großen Gott; denn groß sind seine Verheißungen, groß seine Vorkehrungen, groß auch die Proben, welche er uns als Vorgeschmack gibt. Was wir von Gott erhoffen, warum wir es erhoffen und wann.
V. 9a. Hoffet usw. Gott ist wert 1) alles Vertrauens 2) aller Gläubigen 3) zu allen Zeiten.
Zeiten, da diese Ermahnung besonders vonnöten ist: Zeiten des Glücks, der Trennung von Freunden, der Verleumdung, der Armut, des Schuldbewusstseins, der Heimsuchung, des Sterbens.
V. 9b. Schüttet euer Herz vor ihm aus. Sei offen und einfältig gegen Gott, so findest du Seelenruhe.
V. 11. Allerlei Böses, das mit der Liebe zum Reichtum gewöhnlich verknüpft ist: Abgötterei, Begehrlichkeit, nagende Sorgen, ungeistliche und gemeine Gesinnung, Gottvergessenheit, Versäumung der Nächstenliebe, Verhärtung des Herzens, Neigung zur Ungerechtigkeit usw. Mittel, dieser verführerischen Sünde zu entgehen.
V. 12. 1) Wie Gott spricht: einmal (ein Wort), einfach, machtvoll, unabänderlich. 2) Wie wir hören sollen: zweimal, beständig, das Erkannte sorgfältig sowohl dem Buchstaben wie dem Geist nach ausübend.
V. 12.13. Die ständige Verbindung von Macht und Gnade in der Sprache der Schrift.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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PSALM 63 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Ein Psalm Davids, da er war in der Wüste Juda. David hat diesen Psalm wahrscheinlich zu der Zeit geschrieben, da er vor Absalom floh; denn er war zur Zeit der Abfassung des Psalms König (V. 12) und von solchen, die ihm nach dem Leben trachteten, hart bedrängt. Er verweilte ja in dieser Zeit, ehe er den Jordan überschritt, einige Tage in dem nördlichen Teil der Wüste Juda. David hörte nicht auf, Lieder zu singen, weil er in der Wüste war; auch hielt er es nicht in gedankenloser Trägheit für genügend, bei anderen Anlässen gedichtete Psalmen zu wiederholen, sondern suchte mit Sorgfalt seinen Gottesdienst den besonderen Umständen anzupassen: er weihte seinem Gott in der Wüste ein Wüstenlied. In seinem Herzen war es nicht öd und leer, wenn ihn auch rings die Wildnis umgab. Auch wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass unser Weg uns noch durch manche Wüste führen wird, ehe wir zur Heimat kommen. Möge in solchen Zeiten der Tröster bei uns bleiben und uns Gnade verleihen, den HERRN jederzeit zu preisen und auf diese Weise auch die ödesten Stätten zu einem Tempel Jehovas zu weihen.
Als Merkwort dieses Psalms mag uns das Wort Frühe (V. 2) dienen. Wenn wir am weichsten gebettet liegen, sind wir am meisten versucht, der Faulheit zu pflegen und spät aufzustehen; ist aber alle Bequemlichkeit dahin und müssen wir in der Wildnis auf rauem Stein unser Haupt niederlegen, lassen wir uns dadurch bewegen desto früher aufzustehen um den HERRN zu suchen, so haben wir der Einöde viel zu danken.

Einteilung

V. 2-9 gibt der Psalmdichter seinem heiligen Verlangen nach Gott und dem Vertrauen, das er zu Gott hegt, Ausdruck; in den übrigen drei Versen, 10-12, weissagt er den Untergang aller seiner Feinde. Der Psalm eignet sich besonders für das Siechbett oder andere Lagen, in denen wir den öffentlichen Gottesdienst entbehren müssen.

Auslegung

2. Gott, Du bist mein Gott, frühe wache ich zu dir;
es dürstet meine Seele nach dir, mein Fleisch verlanget nach dir
in einem trocknen und dürren Lande, da kein Wasser ist.
3. Daselbst sehe ich nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne schauen deine Macht und Ehre.
4. Denn deine Güte ist besser denn Leben.
Meine Lippen preisen dich.
5. Daselbst wollte ich dich gerne loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
6. Das wäre meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben sollte.
7. Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich;
wenn ich erwache, so rede ich von dir.
8. Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.
9. Meine Seele hanget dir an;
deine rechte Hand erhält mich.



2. Gott, Du bist mein Gott. Wiewohl der Dichter unseres Psalms ein bemitleidenswerter Flüchtling ist, beseelt ihn doch so starkes Gottvertrauen, dass er sich aus innerstem Herzensdrang zu dem einen lebendigen und allmächtigen Gott bekennt und diesen als seinen Gott in Anspruch nimmt. Er hat über sein Anrecht an Gott keinen Zweifel; und warum sollten andere Gläubige sich dies Vorrecht verdunkeln lassen? Die gerade, klare Sprache dieses Eingangswortes ist für Christen viel angemessener als die zaghaften, unbestimmten Ausdrücke, welche bei manchen beliebt sind. Wie wird unser Herz erquickt, wenn wir uns die Worte Davids zu eigen machen! Gibt es etwas Köstlicheres als den Ausruf: mein Gott? Können Engel mehr sagen? Frühe wache ich zu dir. Die meisten Neueren übersetzen: Ernstlich suche ich dich.1 Das Bewusstsein, ein Anrecht auf etwas zu haben, weckt das Verlangen, den Gegenstand nun auch wirklich ganz zu besitzen. Volle Gewissheit der Gemeinschaft mit Gott ist kein Hindernis für das ernstliche Trachten nach immer innigerer Verbindung mit ihm, ist vielmehr der kräftigste Ansporn dazu. Wie kann ich den Gott eines andern suchen? Aber mit inbrünstigstem Verlangen suche ich den, von dem ich weiß, dass er mein ist. Wie ernstlich David Gott sucht, tritt besonders kräftig in der Übersetzung Luthers hervor: nicht bis zum Mittag oder bis zur kühlen Abendstunde will David warten, sondern mit dem Hahnenschrei ist er auf um seinem Gott zu begegnen. Die Gemeinschaft mit Gott ist ihm so köstlich, dass er darob die frostige Kälte der Morgendämmerung gar nicht empfindet und das bequeme Lager ohne Bedauern verlässt. Der Morgen ist die Zeit, da der erquickende Tau die ganze Natur belebt und die Leibes- und Seelenkräfte des Menschen am frischesten sind; darum weiht der Psalmsänger gerade diese Zeit dem Gebet und dem vertrauten Umgang mit Gott. Die edelsten Menschen haben es sich meist zur Gewohnheit gemacht zu früher Stunde auf den Knien zu sein. Wer mit dem Morgengrauen den HERRN im Gebet sucht, der beweist eben damit seinen Ernst, und dies ernste Verlangen nach dem HERRN wird ihn den ganzen Tag, nicht nur in der Morgenstunde, beseelen. Solch heilige Triebe gehören zu den mächtigsten Einflüssen, die unser Innenleben erregen; daher der folgende Satz: Es dürstet meine Seele nach dir. Der Durst ist ein nicht zu beschwichtigendes Verlangen nach dem, was eins der wichtigsten Mittel zur Erhaltung unseres Lebens ist; man kann ihn nicht wegvernünfteln, nicht vergessen, nicht mit Verachtung abweisen, nicht durch stumpfe Gleichgültigkeit überwinden. Der Durst erzwingt sich Gehör; der ganze Mensch muss sich seiner Macht unterwerfen. Gerade so verhält es sich auch mit dem göttlichen Verlangen, welches die Gnade in dem Wiedergeborenen wirkt; nur Gott selber kann das Sehnen einer Seele stillen, die wirklich durch den heiligen Geist erweckt ist. Mein Fleisch verlanget nach dir. Mit den Worten Seele und Fleisch bezeichnet er sein ganzes Wesen. Nähmen wir das Wort Fleisch im neutestamentlichen Sinn, so könnten wir freilich nicht sagen, dass es nach dem HERRN verlange; vielmehr gelüstet es wider den Geist. David spielt aber hier nur auf jene Mitleidenschaft an, in welche unser Körper jeweilen durch heftige Bewegungen der Seele gezogen wird. Zumeist zieht uns unser leibliches Wesen in der entgegengesetzten Richtung; ist aber der Geist besonders mächtig, so kann er den Körper zwingen alle Kraft, die dieser hat, auf die andere Seite zu werfen. Als die Wüste in Davids Seele Mühseligkeit, Trostlosigkeit und Durst erzeugte, seufzte sein Fleisch im Einklang mit dem Schmachten seiner Seele. In einem trocknen und dürren Lande, da kein Wasser ist. Wenn beide, Ort und Herz, äußere Lage und innere Verfassung, gleich trostlos sind, ist die Gnadengegenwart Gottes desto begehrenswerter; ist weder um uns noch in uns etwas, das uns erheitern könnte, so ist es zwiefach Dankes wert, dass wir zur Höhe aufblicken dürfen und dort alles finden, was uns Not tut. Wie oft haben Gottes Kinder in ihrer Erfahrung dies trockene und dürre Land durchwandeln müssen, in welchem alle geistlichen Freudenquellen versiegt sind, und wie wahrheitsgemäß können sie bezeugen, dass das Einzige, was sie in jenem Lande wirklich nötig hatten, die nahe Gegenwart ihres Gottes war. Den Mangel aller äußeren Annehmlichkeiten und Labsale können wir mit heiterem Sinn ertragen, wenn wir an Gottes Hand wandeln; und die verschwenderischste Fülle äußerer Freuden bietet keinen Ersatz, wenn Er sich von uns zurückzieht. Nur nach Gott lasst uns darum dürsten. Möge all unser Begehren sich auf dies eine richten. Trachten wir zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird uns alles andere dazugegeben werden.

3. Deshalb sehe ich nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne schauen deine Macht und Ehre2 oder Herrlichkeit. Sein Sehnen ging nicht so sehr darauf, das Heiligtum, als vielmehr seinen Gott zu schauen; er blickte durch den Vorhang der gottesdienstlichen Formen hindurch zu dem Unsichtbaren. Oft war sein Herz erquickt worden durch die Gemeinschaft mit Gott, welche er in den sakramentalen Ordnungen genossen hatte, und er lechzt danach, diesen großen Segen wieder zu genießen. Das war auch sehr berechtigt; denn für den Gläubigen ist es der größte Kummer, der ihn auf Erden befallen kann, wenn er das Bewusstsein der Nähe seines Bundesgottes verliert. David erwähnt die beiden Eigenschaften Gottes, welche sich seinem Gemüt am stärksten eingeprägt hatten, als er im Heiligtum Gott mit Inbrunst und Wonne angebetet hatte. Bei beiden hatte sein Sinnen schon in dem vorhergehenden (aus der gleichen Zeit stammenden) Psalm verweilt, und sein Herz ist offenbar jetzt noch erfüllt von der Wonne dieser Anschauung Gottes; diese begehrt er abermals zu genießen in der Wüste. Es ist ein köstlicher Gedanke, dass Gottes Macht und seine Herrlichkeit in ihrer Entfaltung nicht an irgendwelchen Ort noch an eine besondere heilige Stätte gebunden sind. Ihre Stimme übertönt das Rauschen des Meeres, sie sind sichtbar mitten im grellen Leuchten des Unwetters, fühlbar in Wald und Wildnis, genießbar, wo immer ein Herz ist, das sie zu schauen begehrt. Unser Elend ist, dass wir so wenig nach diesen erhabenen Dingen verlangen und so stark nach den schattenhaften Tändeleien der Zeitlichkeit und Sinnlichkeit. Wir sind tatsächlich stets in der Wüste, denn hier ist nicht unsere Heimat, und es ist verwunderlich, dass die Gläubigen sich nicht noch viel stärker und unablässiger nach dem guten Lande jenseits des Jordans sehnen, wo sie nimmermehr hungern noch dürsten werden, sondern das Angesicht ihres Gottes schauen, und wo sein Name auf ihrer Stirne sein wird. David dürstete nicht nach Wasser oder irgendwelchen anderen irdischen Dingen, sondern nach geistlichem Labsal. Das Anschauen Gottes war ihm genug; aber nichts Geringeres konnte ihn befriedigen. Welch ein Freund ist der, dessen bloßer Anblick schon solchen Trost gewährt! Meine Seele, ahme dem Psalmdichter nach und lass all dein Begehren dem höchsten Gut entgegenflammen. Dein Sehnen sei hienieden, Gott zu schauen, und das nämliche deines Herzens Freude in alle Ewigkeit.

Fußnoten
1. Die Alten halten Krx#) für ein Denominativ von rxa$a Morgenröte, vergl. Luther. Ebenso Delitzsch: früh anhebendes und also angelegentliches Suchen. Fast alle Neueren weisen diese Ableitung zurück, übersetzen aber ähnlich: suchen, oder besser (weil piel): ernstlich suchen.

2. So Luther.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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4. Denn deine Güte (wir sagen lieber: Gnade) ist besser denn Leben. Dieser Satz begründet sowohl das Vorhergehende wie das Folgende. Das Leben ist kostbar, aber kostbarer noch ist Gottes Liebe. Gottes Gemeinschaft genießen ist besser als das Beste, was dies Leben uns bieten kann. Und lebten wir im schönsten Schloss, in voller Gesundheit, in Ehre, Reichtum und Vergnügen allerart, und währte dies Leben tausend Leben lang, so wäre es doch nicht dem ewigen Leben im Sonnenschein der göttlichen Huld zu vergleichen, das uns beschieden ist. In Gott leben und weben und sind wir; das Entziehen des Lichtes seines Angesichts ist uns wie der Schatten des Todes. Darum können wir nicht anders, als nach der gnädigen Erscheinung des HERRN verlangen. Für viele ist das Leben ein zweifelhaftes Gut; nicht so Gottes Huld. Das Leben schwindet hin, Gottes Liebe währet ewig. Dieses irdische Leben haben wir mit den niedrigsten Tieren gemein; Gottes Gnade ist das besondere Teil der Auserwählten. Meine Lippen sollen dich preisen. (Grundtext) Öffentlich, so dass deine Herrlichkeit bekannt wird, will ich deine Gnade verkündigen. Selbst in Zeiten, da das Sehnen nach Gott und nicht das freudige Genießen der Gemeinschaft mit ihm der hervorstechende Zug unseres Lebens ist, sollen wir dennoch fortfahren den Höchsten zu preisen; denn seine Liebe ist süß, auch wenn wir zur Zeit ihre Süßigkeit nicht genießen. Wir sollen das Lob Gottes nicht davon abhängig machen, ob wir persönlich gerade zu der Stunde besondere Wohltaten erfahren; das wäre denn doch etwas zu selbstsüchtig. Auch Zöllner und Sünder haben ein gutes Wort für diejenigen, aus deren Händen sie Gaben empfangen; nur der echte Gläubige aber lobt auch dann den HERRN, wenn dieser seine Gaben entzieht oder sein Angesicht verbirgt.

5. Also will ich dich loben (wörtl.: segnen, benedeien) mein Leben lang. (Grundtext) Wie ich dich jetzt preise, so will ich’s immerdar tun; oder, wie andere den Gedankenzusammenhang auffassen: Der Herrlichkeit deiner Gnade gemäß will ich ohne Aufhören dich loben. Solang wir leben, wollen wir lieben, ihn lieben, der uns also liebt. Wenn uns die Lage, in der wir uns befinden, keinen Grund zur Freude gibt, so werden wir doch stets Grund haben, uns im HERRN zu freuen. Wenn niemand anders Gott preist, werden seine Kinder es doch stets tun; sein Wesen, seine über alles Lob erhabene Vollkommenheit ist wohl dazu angetan, dass wir ihn benedeien, solange wir sind. Und meine Hände in deinem Namen aufheben. Man erhebt die Hände beim Bittgebet, aber auch zur Bezeugung der Freude, des Dankes und Vertrauens; zu alledem wollen auch wir unsere Hände nur in Jehovas Namen aufheben. Keine Hand braucht lasch herabzuhangen, wenn Gott sich in seiner Liebe naht. Der Name Jesu hat schon manchen Lahmen springen gemacht wie ein Hirsch und manchen Tiefbetrübten dazu gebracht, dass er seine Hände vor Freude zusammenschlug.

6. Wie an Mark und Fettem soll sich meine Seele ersättigen. (Grundtext) Wiewohl es mir jetzt nicht vergönnt ist, mich an den Opfern des Altars zu ergötzen, so wird doch meine Seele auch hier in der Wüste mit geistlichen Freuden gesättigt und genießt volle Befriedigung. Es ist in der Liebe Gottes eine überströmende Fülle von wahrhaft die Seele sättigender Freude, die der köstlichsten und nahrhaftesten Speise des Leibes vergleichbar ist. Die Israeliten schätzten das Fett als das Beste, und der höchste Genuss einer festlichen Mahlzeit war ihnen in den beiden Worten Mark und Fett verkörpert; so wird denn hier die volle Genüge einer Seele, die sich in Gott stärkt und seine Huld ungetrübt genießt, unter dem Bilde eines Menschen dargestellt, der sich an dem Besten des Besten, an den Leckerbissen einer königlichen Tafel gütlich tut. Und mit jubelnden Lippen mein Mund dich loben. (Grundtext) Je größere Freude, je größerer Lobpreis. Die Fülle der Barmherzigkeit soll uns mit Dankbarkeit erfüllen. Gibt Gott uns das Mark seiner Liebe zu genießen, so sollen wir ihm auch das Mark unserer Kräfte weihen. Nicht unser Herz allein, auch unsere Lippen sollen den HERRN anbeten. Andere sehen, welch große Huld uns zuteil wird; so sollen sie auch hören, wie wir Gott dafür danken.

7. Wenn ich auf meinem Lager dein gedenke, in den Nachtwachen über dich sinne. (Grundtext) Nach dieser Übersetzung bildet der Vers mit dem vorhergehenden ein Satzgefüge. Wachend lag der Psalmist auf seinem Lager; da begab er sich ans Sinnen, und vom Sinnen kam’s zum Singen. Er hatte ein Fest mitten in der Nacht, und bei dem Fest fehlte der Gesang nicht. Er verwandelte seine Schlafkammer in eine Betkapelle, sein Lager ward ihm zur geweihten Stätte, und sein Lobpreis gab ihm Flügel, aufzufahren an den Ort, von dem geschrieben steht, dass daselbst keine Nacht sei. Vielleicht trug die Wildnis, in der er sich befand, dazu bei, ihn wach zu halten; ist dem so, dann sind alle Zeitalter dieser Wüste Juda für den köstlichen Psalm Dank schuldig. Bringen uns des Tages Sorgen und Mühen in Versuchung, Gottes zu vergessen, so ist es umso besser, wenn die feierliche Stille der Nacht uns dazu anregt, sein zu gedenken. Wir sehen am lichten Tage nicht so hell wie in der finstern Nacht, wenn wir Gott da am klarsten schauen. In den Nachtwachen über dich sinne. So hielt David eine rechte Vigilie. Vielleicht hatte er sich früher je und je zu den Priestern und Leviten gesellt, die des Nachts im Hause des HERRN standen (Ps. 134,1), und nun, da er nicht persönlich mit ihnen sein kann, lässt er die Stunden in der Erinnerung an sich vorüberziehen und vereinigt sich im Geiste mit den heiligen Sängern und preist Gott in der Wüste, wie sie es im Heiligtum tun. Auch mag der flüchtige König die Stimmen der sich ablösenden Wachen seiner Krieger gehört haben; und jedes Mal war ihm das eine Mahnung, sich mit neuem Eifer sinnend in seinen Gott zu versenken. Die Nacht ist mit ihrem tiefen Schweigen und feierlichen Dunkel eine recht gelegene Zeit für eine Seele, die die Welt vergessen und sich in höhere Sphären erheben möchte. Einem Gemüt, das von dem heiligsten aller Gegenstände des Nachsinnens gänzlich eingenommen ist, vergehen die sonst so mühselig dahinschleichenden Nachtwachen nur allzu schnell; das einsame harte Lager wird zum süßen Ruhekissen, - eine noch wohltuendere Ruhe, als selbst der Schlaf sie bietet, erquickt die Seele. Wir tauschen solche Ruhestätte nicht mit den Prunkbetten von Elfenbein, von denen Amos 6,4 spricht. Manche geben den Schlaf gern dahin, um die Nacht zu durchschwelgen; aber ihre Lust ist lauter Qual, verglichen mit der Freude eines Herzens, das über seinen Gott sinnt.

8. Denn du bist mein Helfer. Nach dem Grundtext sieht der Dichter dabei wohl auf die Vergangenheit zurück. Das Nachsinnen hatte sein Gedächtnis aufgefrischt und ihm die früher erfahrenen Errettungen wieder lebendig gemacht. Es wäre gut, wenn wir unser Tagebuch öfters läsen und dabei besonders darauf achteten, wie der HERR uns im Leiden, im Mangel, in der Arbeit und in so vielen Verlegenheiten geholfen hat. Das ist der edelste Gebrauch, den wir von unserm Gedächtnis machen können, dass wir uns von ihm mit Beweisen der Treue des HERRN ausrüsten und zu wachsender Glaubenszuversicht führen lassen. Und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. Der Schatten Gottes ist dem Gläubigen köstlich. Unter den Adlerschwingen Jehovas bergen wir uns vor aller Furcht, und wir tun dies instinktiv und augenblicklich, sooft Gefahr droht, weil wir so oft zuvor schon beide, seine Liebe und seine Macht, erprobt haben. Beim HERRN sind wir nicht nur sicher, sondern auch glücklich; wir ruhen da nicht nur, sondern wir frohlocken.

9. Meine Seele hanget dir an. Der Grundtext ist von bündigster Kürze und besagt: Meine Seele hängt an dir, indem sie dir nachfolgt, dich nicht lassend; für das letztere haben wir den Ausdruck: jemand an den Fersen hangen. Wir gehen dem HERRN nach und lassen ihn nicht, ob er sich uns auch entziehen wollte, und hangen an ihm als eins mit ihm (1. Kor. 6,17). Wer will uns scheiden von seiner Liebe? Und können wir mit ihm nicht gleichen Schritt halten, so wollen wir ihm wenigstens nacheilen mit all der Kraft, die er uns gibt, erfüllt von dem ernstesten Verlangen ihn zu erreichen und in seiner Gemeinschaft zu bleiben. Leider laufen viele, die den Namen Christi tragen, mit ebensolchem Eifer der Welt nach: sie werden in den Sumpf fallen; niemand aber könnte zu eifrig dem HERRN nachjagen. Bei solchem Laufe gehen wir sicher: Deine rechte Hand erhält mich (aufrecht). Es ist ein sinniges Wechselverhältnis, im Grundtext auch durch die Wortstellung hervorgehoben, zwischen dem Liebeseifer, mit welchem David seinem Gott anhängt und nachjagt, und der Treue, mit welcher Gott ihn aufrecht hält. Diese ist die Kraft von jenem; ohne sie hätte er dem HERRN nicht nachfolgen, nicht einmal nach ihm verlangen können. Wie stark sind wir, wenn der HERR selbst in uns wirkt mit seiner Rechten
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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10. Sie aber stehen nach meiner Seele, mich zu überfallen:
sie werden unter die Erde hinunterfahren.
11. Sie werden ins Schwert fallen
und den Füchsen zuteil werden.
12. Aber der König freuet sich in Gott.
Wer bei ihm schwöret, wird gerühmet werden;denn die Lügenmäuler sollen verstopft werden.


10. Wie David mit allem Ernste Gott suchte, so gab es Menschen anderer Art, die ebenso eifrig David nach dem Leben trachteten. Von diesen sagt er: Sie aber stehen nach meiner Seele, sie umzubringen. (So Luther 1524) Auf sein Leben, seine Ehre und alles, was zu seinem Glück gehörte, hatten sie es abgesehen; und diese seine köstlichsten Güter wollten sie nicht nur beschädigen, sondern ganz und gar verderben. Der Teufel ist ein Erzzerstörer, und die von seinem Samen sind von der gleichen Zerstörungswut besessen; und wie er sich selbst durch seine listigen Anschläge zugrunde richtet, so auch sie. Die Zerstörer werden zerstört werden. Seelenjäger fallen sich selbst zum Opfer. Dies finden viele schon in diesem ersten Versglied ausgesprochen, indem sie übersetzen: Jene aber - zum (eigenen) Verderben trachten sie mir nach dem Leben. Jedenfalls aber schildert es die folgende Vershälfte: Sie werden unter die Erde, wörtl.: in die Tiefen der Erde, hinunterfahren. In die Gruben, die sie andern gegraben haben, werden sie selber fallen. Gleich der Rotte Korah werden sie in die Unterwelt fahren; die Hölle, in die sie andere verwünscht haben, wird ihren Rachen über ihnen schließen. Jeder Streich, der wider die Gottesfürchtigen getan wird, fährt mit vernichtender Wucht auf den Verfolger zurück; wer gegen ein Gotteskind einen Schlag führt, treibt einen Nagel in seinen eigenen Sarg.

11. Sie werden ins Schwert fallen, Grundt: Man wird ihn (den Feind) in die Gewalt des Schwertes geben, wörtl.: hinschütten, d. i. ihr preisgeben. So geschah es mit Davids Feinden. Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen; die Blutmenschen sollen ihr eigenes Leben ausfließen sehen, wenn ihre Stunde geschlagen hat, und an sich selber erfahren, was es heißt, den Schrecken des Todes preisgegeben zu sein. Und den Füchsen (den Schakalen) zuteil werden. Den Löwen zur Speise zu dienen, dazu sind sie zu schlecht; so sollen denn die Füchse um ihre Leichname herumschnüffeln und die Schakale an ihnen einen Fastnachtsschmaus halten. Unbegraben und ungeehrt sollen sie den wilden Tieren zum Fraß werden. Wie oft sind boshafte Menschen einem so entsetzlichen Geschick verfallen, dass es offenkundig war, wie ihnen die vergeltende Gerechtigkeit ihren Lohn gab! Wiewohl das große Endgericht einer anderen Welt vorbehalten ist, so trägt doch auch hienieden in den alltäglichen Gerichtssitzungen der Vorsehung die Gerechtigkeit oft ihr rächendes Schwert gezückt vor aller Augen.

12. Aber der König wird sich freuen in Gott. (Grundtext) Die ihm Thron und Leben zu rauben begehren, werden dahinwelken; er aber wird blühen, und sein Gedeihen wird öffentlich als Gottes Gabe erkannt werden. Der Gesalbte des HERRN wird es nicht unterlassen, das Opfer fröhlichen Dankes darzubringen, sein wohlbefestigtes Regiment wird die Oberhoheit des Königs aller Könige anerkennen; Gott allein wird der Quell seiner Freude sein. Wenn seine Untertanen ihm als Sieger zujauchzen, wird er sie bitten, ein Te Deum anzustimmen. Rühmen wird sich (nämlich der göttlichen Hilfe), wer bei ihm schwört. (Grundtext) Die getreuen Untertanen des Königs werden reichen Anlass zum Triumph finden; sie werden sich ihres Huldigungseides nie zu schämen haben, denn Gott wird dem König Heil geben. So erklären die einen, aber viel wahrscheinlicher ist an den Schwur bei Gott zu denken. Die Heiden schwuren bei ihren Göttern, die Israeliten aber riefen Jehova als Zeugen ihrer Beteuerungen an. Alle diejenigen also, welche den wahren Gott fürchten und ehren, sollen Ursache haben sich zu freuen und zu rühmen, wenn er sich als der Verteidiger der gerechten Sache des Königs und als der Verstörer der Verräter erweist. Denn die Lügenmäuler sollen verstopft werden. Und je eher dies geschieht, desto besser. Kann weder Scham noch Furcht noch Vernunft die Lügenredner zum Schweigen bringen, dann möge der Totengräber ihnen mit seiner Schaufel voll Erde das Maul stopfen; denn der Lügner ist ein Fluch der Menschheit und verflucht von Gott, der gesagt hat: Aller Lügner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt. Beachten wir den Unterschied zwischen dem Geschick solcher, deren Mund Gott preist, und solcher, deren Mund Lügen schmiedet: jener Mund soll nie gestopft werden, sondern sie werden singen und rühmen immerdar: diese aber werden ewig verstummen vor dem Richterstuhle Gottes.
O HERR, wir suchen dich und deine Wahrheit; erlöse uns von aller Bosheit und allem Lügenwesen und enthülle uns deine Herrlichkeit um Jesu willen. Amen.

Erläuterungen und Kernworte

Zur Überschrift. Selbst in Kanaan gab es Wüsten, wilde Einöden, wiewohl es ein so fruchtbares Land war und eine sehr zahlreiche Bevölkerung hatte. Wir werden es überall in der Welt so finden, auch in der Kirche, aber nicht im Himmel. - Befinden wir uns auch je und dann in einer Wüste, so dürfen uns doch all die Verlegenheiten und Schwierigkeiten, die wir da zu erleiden haben, nicht aus der Stimmung bringen heilige Lieder zu singen, sondern auch dann ist es unsre Pflicht und unser Vorrecht, mit Gott Gemeinschaft zu pflegen. Und wir haben Ursache Gott zu danken, dass es die Wüste Juda ist, in der wir uns befinden, und nicht die Wüste der Sünde. Matthew Henry † 1714.

Hagar schaute Gott in der Wüste und nannte einen Brunnen nach diesem Gesicht "Brunnen des Lebendigen, der mich ansiehet", (1. Mose 16,14). Mose sah Gott in der Wüste, 2. Mose 3, 1-4. Elia sah Gott in der Wüste, 1. Könige 19,4-18. David sah Gott in der Wüste. Die Gemeinde des Herrn wird Gott in der Wüste sehen, Off. 12,6-14. Jede fromme Seele, deren Lust es war Gott in seinem Hause zu schauen, wird von Gott besucht und reichlich erquickt werden, wenn ihr Weg sie in die Wüste der Einsamkeit, der Trübsal, der Krankheit oder des Todes führt. Christopher Wordsworth 1868.

Zum ganzen Psalm. Das ganze Psalmbuch ist eine ausgeschüttete Salbe, ein köstlicher Balsam für alle Schmerzen und Wunden; doch gibt es einige Psalmen, die wahrhaft königlicher Art sind, die über alle Gemütsbewegungen verfügen und auf alle Anlässe passen - echt universelle Psalmen. Der vorliegende Psalm ist einer von diesen. In den sogenannten apostolischen Konstitutionen (II, 59; VIII, 37) findet sich die Vorschrift, dass die Gemeinde jeden Tag zusammenkommen solle, um diesen Psalm zu singen. Demgemäß bezeugt auch Chrysostomus, es sei von den ältesten Vätern verordnet worden, dass kein Tag ohne das öffentliche Absingen dieses Psalms vorübergehen solle. John Donne † 1631.

Der Psalm ordnet sich einerseits mit Ps. 61, andererseits mit Ps. 42; 43; 27; 36 und andern zusammen. Lic. Hans Keßler 1899.

Der Lehrgehalt des Psalms ist der, dass das Bewusstsein der Gemeinschaft mit Gott in der Not ein sicheres Unterpfand des Heiles sei. Dies ist die eigentümliche Trostquelle, die in ihm dem Leidenden eröffnet wird. Die Berleburger Bibel bezeichnet ihn als einen Psalm, der aus einem sehr brünstigen Geiste geht, welcher auch gleichsam ein Leibpsalm soll gewesen sein des seligen Magister J. K. Schade, des berühmten Predigers in Berlin († 1698), den er täglich mit solcher Brünstigkeit gebetet und sich zugeeignet, dass es nicht ohne innige Bewegung anzuhören gewesen. Prof. E. W. Hengstenberg 1844.

Wir haben hier das davidische Original oder doch Seitenstück zu dem korahitischen Psalmenpaar 42; 43 vor uns. Es ist ein Lied zartester Form und tiefinnigsten Inhalts, aber teilweise sehr schwieriger Auslegung. Hat man die Rätsel eines Psalms, annäherungsweise wenigstens, gelöst, so kommt uns der andere mit neuen Rätseln entgegen. Es ist nicht bloß die dichterische Klassizität, die geistliche Tiefe, es ist auch diese halb durchsichtige und halb undurchsichtige Verschleierung, welche den Psalmen eine so mächtige und immer gleiche Anziehungskraft verleiht. Sie sind unerschöpflich, es bleibt immer ein unentzifferter Rest, und darum hat das Geschäft der Auslegung, wenn auch einen Fortgang, doch kein Ende. Aber um wieviel schwieriger noch ist es, dieses geistliche Minnelied eines vor Liebessehnsucht nach Gott an Seele und Leib kranken Menschenkindes nachzubeten! Es gehört dazu eine gleicherweise minnende Seele, und im Grunde bedarf es einer solchen auch zum rechten Verständnis: denn lingua amoris, sagt der heilige Bernhard († 1153), non amanti barbara est (die Sprache der Liebe ist für den, der nicht liebt, fremd und unverständlich). Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 2. Das kurze, aber kräftige Glaubensbekenntnis, womit der Psalm anfängt: Gott, Du bist mein Gott! ist dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung allezeit ein süßes Wort; aber wenn es einem der Unglaube absprechen will, wenn die äußerlichen Umstände kümmerlich sind, wenn der Versucher in der Wüste Steine anbietet, die man zu Brot machen soll, so schmeckt es doppelt wohl, wenn dies Licht aus der Finsternis hervorbricht: Gott, Du bist mein Gott! Und da kann es wohl auch nicht nur einen Durst der Seele, sondern auch ein Verlangen des Fleisches nach Gott abgeben, wenn man auch gerne seine Lippen und Hand zum Lob Gottes brauchen möchte. Karl Heinrich Rieger † 1791.

Gott, Du bist mein Gott. In David haben wir ein beachtenswertes Beispiel eines gefühlvollen, zarten, in sich gekehrten, mit Gott in inniger Gemeinschaft lebenden Gemüts, das aber zugleich für die bürgerlichen wie die religiösen Anliegen Israels Auge und Herz offen hatte und sich mit ganzer Seele den vielen Pflichten seines öffentlichen Amtes hingab. Und in diesem Psalm sehen wir, wie das öffentliche Unglück, welches David so schwer betroffen hat, ihn nur zu der Quelle der Kraft seines geistlichen Lebens zurücktreibt. Er hat zur Zeit alles verloren, seine Krone, seinen Palast, seine Ehre, das Herz seines Volkes, ja auch die Liebe seines Sohnes, an dem er, wie wir wissen, mit so inniger Zärtlichkeit hing. Der Psalmist ist allein mit Gott. In dieser Stunde der tiefsten Vereinsamung und Verlassenheit blickt er aus der Wüste zum Himmel auf. Gott, ruft er aus, Du bist mein Gott. Im Grundtext steht nicht beide Mal das gleiche Wort für Gott, sondern erst Elohim, dann El. Die ursprüngliche Bedeutung des ersteren Wortes ist Grauen, es bezeichnet daher Gott als den zu Fürchtenden.3 (Man vergl., wie 1. Mose 31,42.53 Elohim mit pachad, Furcht, parallel steht.) Bei dem zweiten Wort, El, führt die Abstammung auf den Begriff der Stärke. Wir könnten Davids Worte also umschreiben: O du zu Fürchtender, meine Stärke oder mein starker Gott bist du. Merkwürdig ist, worauf Gesenius aufmerksam macht, dass diesem Wort El nie das Fürwort dein oder sein beigefügt wird, dass wir dagegen sehr häufig die Form Eli, mein Gott, finden. Dies Wort Eli enthüllt eine selige Wahrheit, welche außerhalb der Offenbarung ganz unbekannt ist. Es lehrt uns, dass der Allmächtige und Ewige sich der Seele, die ihn sucht, in der ganzen Fülle seines Wesens hingibt. Das Heidentum mit seinen Haus- und Landesgöttern gab eben durch diesen Aberglauben Zeugnis von dem tiefen Sehnen des Menschenherzens, dass der einzelne sich der besonderen Liebe eines höheren Wesens erfreuen möge. Den wahren Gott kennen hieß wissen, dass dies Sehnen gestillt wird. Mein Gott: dieses Wort ist nicht Ausdruck einer menschlichen Vorstellung oder Sehnsucht, sondern einer Wahrheit, und zwar einer im Wesen Gottes begründeten, einer naturnotwendigen Wahrheit. Der Mensch kann sich halb hingeben, er kann seinem Nächsten einen kleinen Teil seiner Gedanken, seines Herzens, seiner Bemühungen zuwenden; mit andern Worten, der Mensch kann unvollkommen sein in seinen Handlungen, wie er ja in seinem ganzen Wesen unvollkommen und begrenzt ist. Wenn aber Gott, das vollkommene Wesen, das Geschöpf seiner Hand liebt, kann er seine Liebe nicht teilen. Er muss lieben mit der ganzen Kraft und Tiefe seines Wesens; denn er ist Gott und daher unfähig, etwas halb und unvollkommen zu tun. Er muss sich der einzelnen Seele mit einer so unbegrenzten Völligkeit hingeben, als gäbe es kein anderes Wesen außer diesem einen. Und der Mensch weiß das, dass Gottes Selbsthingabe an ihn so völliger Art ist; und nicht in einem engen Geist anmaßender Selbstsucht, sondern in einfältigem Glauben, der diese Tatsache erfasst, ruft er aus: mein Gott. Darum finden wir auch dies Wort Eli so vielfach als Bestandteil hebräischer Namen. Die gläubigen Israeliten hefteten ihr Augenmerk gern auf dieses so wunderbar geoffenbarte innige Verhältnis des Schöpfers zu ihrem persönlichen Leben. Darum finden wir auch, dass Paulus, wiewohl Gott ja die Welt also geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, an die Galater doch so schreibt, als ob einzig seine Seele durch das Opfer auf Golgatha erlöst worden wäre: Der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben. Henry Parry Liddon 1865.

Fußnote
3. Man vergl. dazu z. B. Oehler, Alttest. Theologie, 2. Aufl. S. 130 f.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Erläuterungen und Kernworte


Frühe. Gott will vor allem andern gesucht sein, sonst sucht man ihn vergebens; wie das Manna, wenn es nicht am frühen Morgen gesammelt wurde, zerschmolz. Simon de Muys † 1644.

Es dürstet meine Seele nach dir. Er spricht nicht: Meine Seele dürstet nach Wasser, sondern: nach dir; nicht: Meine Seele dürstet nach dem Blut meiner Feinde, sondern: nach dir; nicht: Meine Seele dürstet nach einer Krone, einem Königreich, sondern: nach dir; nicht: Meine Seele dürstet nach Befreiung aus dieser dürren, unfruchtbaren Wildnis, sondern: in diesem dürren Lande dürstet sie nach dir. Thomas Brooks † 1680.

In einem trocknen und dürren Lande, da kein Wasser ist. Kein Streifen Grün erquickt hier (in der Wüste Juda) auf der weiten Fläche das Auge; kein Bach rauscht, die Regenzeit ausgenommen, durch die Felsgründe. K. Furrer 1865.

Es kann sein, dass die Wüste Juda nicht wasserreich war; doch war dies Davids Anliegen nicht. Er hatte Mangel an der Gemeinschaft der Heiligen; denn seine sechshundert Mann waren zwar tapfere Soldaten, aber keine Leute, deren Umgang Davids Geist vergnügen konnte. Er sah also oft von der Höhe der Berge nach dem HERRN, der zu Nob in der Stiftshütte wohnte. Lasst uns hieraus den lautern Sinn Davids erkennen. Ach, es gelüstete ihn in der Wüste Juda nicht nach den Lustbarkeiten des Hofs; denn der Ort, wo diese angestellt werden, ist für einen unsterblichen Geist, der die Gütigkeit Gottes schon geschmeckt hat, ein trockenes und dürres Land; gesetzt auch, dass diese Lustbarkeiten nicht nach der alten israelitischen Roheit, sondern nach dem besten italienischen und französischen Geschmack eingerichtet wären. Was würde nun die heutige Welt von einem Kriegshelden denken, der mitten in den unruhigen Kriegsverrichtungen bekennte, er sehne sich nach dem stillen Ort, wo er mit Kindern Gottes gemeinschaftlich die Macht und Herrlichkeit Gottes betrachten und den Heiland anbeten und loben könnte? Würde man nicht seiner als eines schwachen Geistes spotten? Oder würden nicht auch manche, die es besser meinen, sagen, man könnte allenthalben gute Gedanken haben, beten und ein rechtschaffener Mann sein, man habe keine Gesellschaft heiliger Leute dazu nötig? Jene Spötterei ist keiner Antwort wert. Was aber die zweite Einwendung anbelangt, so ist wahr, dass der Dienst Gottes oder die Frömmigkeit nicht durchaus an die Gesellschaft heiliger Leute gebunden sei. Allein gleichwie die Welt sich selbst viel Lustbarkeiten erlaubt, so erlauben sich Kinder Gottes, die einen andern und bessern Geschmack haben, ihre Erquickungen auch. Diese bestehen aber in der Erfahrung desjenigen, was Mt. 18,19 f.; Apg. 2,46; Jes. 4,5; Kol. 3,16; Hebr. 10,25 steht. Prälat M. Fr. Roos 1773.

V. 2 f. Ach, dass Christus sich mir nahte und still bei mir stände und mir so erlaubte, seinen Anblick zu genießen! Sehen, das Vorrecht hat doch auch der Ärmste: darf er doch ohne Geld und umsonst die Sonne sehen. Ich hätte ein königliches Leben, wenn ich nichts anderes zu tun hätte, als immerdar meinen Herrn anzuschauen und zu betrachten. Ja, wenn mir auch der Eingang in die Herrlichkeit des Himmels verschlossen wäre, würde ich es doch für ein hohes Glück achten, dürfte ich nur durch eine Spalte im Tor des Himmels gucken und meines teuersten, schönsten Heilandes Antlitz schauen. O du herrlicher König, was stehst du so ferne? Warum bleibst du, Hochgeliebter, jenseits der Berge? Warum bereitest du einer armen schmachtenden Seele solche Schmerzen, indem du zu ihr zu kommen zögerst? Solch lange Zeit deiner gnadenreichen Gegenwart zu entbehren ist mir unerträglich. Ich muss ihn sehen, ich kann nicht ohne ihn leben. Das Schmachten meiner Seele ist so unbezwingbar geworden, dass ich, koste es, was es wolle, Christum versichern muss, ich wolle und könne nicht ohne ihn sein; denn ich kann die Liebe zu Christo nicht bemeistern und bezwingen. Samuel Rutherford † 1661.

V. 3. Wir haben in der Auslegung den Luthertext benutzt, wiewohl für hzx die Bedeutung "nach jemand sehen" = "nach jemand ausschauen" unbelegbar ist. (Jedenfalls wäre das Perfekt des Grundtextes zu beachten: So hab’ ich im Heiligtum nach dir ausgeschaut, Bäthgen.) hzx mit Akkusativ heißt sonst "etwas scharf, durchdringend sehen". Aber dann bleibt der Sinn des Verses dunkel: Auf diese Weise habe ich dich geschaut (oder, mit Übertragung auf das geistliche Sehen: erkannt) im Heiligtum, zu sehen deine Macht (Stärke) und Herrlichkeit. Ein Ausweg wäre der, wenn man mit der englischen Bibel, welche darin manche Vorgänger und Nachfolger, unter diesen auch Hupfeld, hat, die beiden Vershälften umstellen und NkI" = r$e)AkIa nehmen dürfte, so dass der Vers sich dann an den vorigen anschlösse: (Seele und Leib verlangen nach dir) zu sehen deine Macht und Herrlichkeit, so wie ich dich geschaut habe im Heiligtum. Dieser Eingriff in den Text ist aber hier, auch um des NkI" willen, doch wohl zu gewagt. Hupfeld findet allerdings, die Umstellung der Versglieder empfehle sich auch bei den folgenden Versen. Er vermutet daher, die Halbverse hätten sich in der alten stichischen Schreibweise durch irgendeinen Zufall verschoben. - James Millard

Nach Gott hatte David im Heiligtum ausgeschaut. Sich nur den religiösen Gebräuchen und Zeremonien zuwenden und nicht Gott, das ist ein traurig Ding; denn jene sind Brüste ohne Milch, ein fehlgebärender Mutterleib, der niemals Frucht der Heiligkeit hervorbringen wird. Gottesdienst ohne Gott ist ein Knochen ohne Mark, eine Schale ohne Kern. Dein Predigthören wird umsonst sein, dein Beten auch vergeblich; dein Geist wird nicht bewegt werden, dein Beten wird ohne Antwort bleiben, dein Herz nicht gewarnt, deine Seele nicht erquickt werden, dein innerer Mensch nicht Gott begegnen. William Strong † 1654.

Gottes Herrlichkeit ist am Sternenhimmel und in der ganzen Schöpfung zu schauen, aber heller und voller noch im Heiligtum seiner Gemeinde. Die Welt ist eine Offenbarung Gottes und darum herrlich; die Gemeinde ist die Offenbarung Christi und darum noch herrlicher. Das war es, was in David ein solches Sehnen nach dem Heiligtum erweckte, als er in der Wüste war. Und was wollte er im Heiligtum? Gottes Macht und Herrlichkeit schauen. Konnte David diese denn nicht an dem Himmel, an den Bergen, den majestätischen Zedern und so vielen andern Werken Gottes sehen? Allerdings, doch nicht wie im Heiligtum: da hatte er mit dem Auge des Geistes den König geschaut auf seinem erhabenen Throne und in seiner Herrlichkeit. (Vergl. Jes. 6.) William Greenhill † 1677.

V. 4. Gottes Gnade ist besser denn Leben, besser als das reichste Leben mit allem, was es birgt an Ehren, Reichtümern, Vergnügungen, Beifall usw. Nun wissen wir ja, wie hoch die Leute das Leben schätzen, wie sie sich Aderlässe, widerliche Arzneien, Verlust des Vermögens, ja eines oder gar mehrerer Glieder gefallen lassen, wenn sie sich damit das Leben retten können. Aber eine sich von Gott verlassen fühlende Seele schätzt es noch weit höher als das Leben, dass Gottes Gnade sich ihr wieder zuwende. Viele Menschen sind schon des Lebens überdrüssig geworden, aber der Liebe und Gnade Gottes noch keiner. Niemand aber schätzt das Licht der Sonne so hoch wie jemand, der lange Zeit in eitlem dunkeln Kerker gelegen hat. Thomas Brooks † 1680.

Die natürliche Liebe zum Leben wird uns oft zu einer gefährlichen Schlinge; nur die Erkenntnis und Erfahrung der Liebe Gottes kann uns von der Gefahr erretten in dieser Schlinge gefangen zu werden. Was ist so begehrenswert wie dies irdische Leben für jemand, der das höhere Leben der Gemeinschaft mit Gott nicht kennt? Das irdische Leben ist die größte zeitliche Gabe Gottes, und nichts kann ihren Wert übertreffen als die Gnade des Gottes unsers Lebens; diese aber übertrifft sie weit. Was für einen Vergleich gäbe es zwischen dem Odem, der in unsrer Nase ist, und der Huld des ewigen Gottes? Keinen andern als den zwischen dem ewigen Licht und einem armseligen, bald verschwindenden Dampf. (Vergl. Jes. 60,19 mit Jak. 4,14) Wer wollte darum nicht viel tausendmal lieber dies Leben um des HERRN willen drangeben als der Gnade Gottes verlustig zu gehen? Timothy Cruso † 1697.

Meine Lippen sollen dich preisen. Wäre es möglich, dass ein Mensch einen andern liebte und ihn doch nicht lobte, überhaupt nicht von ihm spräche? Wenn du nur einen Falken oder Jagdhund hast, der dir wert ist, so rühmst du ihn; wie wäre es denn mit der Liebe zu Christus vereinbar, dass du selten oder nie von ihm oder seiner Liebe sprichst, ihn nie andern rühmst, damit auch sie ihn liebgewinnen? Verträgt es sich mit diesem Leben der Liebe zu ihm, stets von weltlichen Sachen, bestenfalls von allerlei Neuigkeiten zu reden, Werktag und Sonntag, bei Tisch und am Feierabend, daheim und draußen, zu Guten und Schlechten? Ich sage dir: Liebst du Jesus wirklich, so wird der Hauptgrund, warum du zu leben wünschest, der sein, den Herrn Jesus deinen Kindern, Verwandten und Freunden bekannt zu machen, damit der Ruhm seines Namens von Geschlecht zu Geschlecht erschalle, vergl. Ps. 71,18. Namentlich wenn du vor deiner Belehrung andere mit unnützem und bösem Geschwätz vergiftet hast, wirst du dich nach deiner Bekehrung bemühen, die Herzen deiner Mitmenschen durch holdseliges, mit Salz gewürztes, weises Reden zu bessern; du wirst zu andern von dem reden, was der HERR dich lehrt, und zwar aus Liebe zu ihm. Thomas Sheppard † 1649.

V. 6. Wie an Mark und Fettem sättigt sich meine Seele (Grundtext). Die geheiligte Erkenntnis spricht: In Christus ist eine unendliche Fülle, die Fülle einer ewig sprudelnden Quelle. Der Glaube spricht: Und dies ist alles für mich. Darauf spricht das Gebet: Ist dies alles für dich da, dann will ich hingehen und es dir holen. Und die Dankbarkeit spricht: Ich will Gott dafür preisen (und das ist noch köstlicher als das Nehmen der Gaben). Matthew Lawrence 1657.

Wie sättigt der HERR die Seelen als mit Mark und Fettem? Indem er sich herablässt, mit ihnen das Abendmahl zu halten (Off. 3,20). Und zwar sättigt er die Seinen, 1) indem er ihnen das Fleisch und Blut Jesu Christi zu genießen gibt. In seinem fleischgewordenen Wesen ist der Sohn Gottes für uns das lebendige Brot, Brot, das unserer Seele geistliches, ewiges Leben gibt und sie vor dem Umkommen bewahrt. 2) Indem er ihnen seine Herrlichkeit zeigt im Angesicht Jesu Christi. Auch Davids Begehren war ja darauf gerichtet, Gottes Macht und Herrlichkeit zu schauen, wie sie sich im Heiligtum offenbarte. Solcher Blick erfüllt die Seele mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. 3) Indem er seine Liebe in ihre Herzen ausgibt. David hatte die Süßigkeit der Liebe Gottes gekostet, er hatte geschmeckt, wie freundlich der HERR ist, er wusste aus seliger Erfahrung, dass Gottes Gnade besser ist als alle Freuden des Lebens, und er hoffte, diese Liebe noch tiefer und herrlicher zu erfahren, dass sein Herz dadurch erwärmt werden und Anlass zu neuem Lobpreis Gottes empfangen würde, und also erwartete er als mit Mark und Fettem gesättigt zu werden. Deshalb sagt er im vierten Vers: Deine Gnade ist besser denn Leben; darum sollen meine Lippen dich preisen. 4) Indem er sie mit den Verheißungen des neuen Bundes stärkt. 5) Indem er sie mit dem heiligen Geist erfüllt. 6) Indem er frühere Erfahrungen seiner Freundlichkeit in ihnen neubelebt. John Fraser † 1818.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Erläuterungen und Kernworte


V. 6.7. David erlabte sich an köstlichen Genüssen mitten in der Nacht, während anderer Augen geschlossen waren und nichts von der festlichen Tafel sahen, die ihm vom Himmel her zur geistlichen Erquickung bereitet ward. Seine einsamen nächtlichen Betrachtungen gewährten ihm mehr Labsal und Stärkung, als die ganze Kreatur ihm bieten konnte: Wie an Mark und Fettem ersättigt sich meine Seele, und mit jubelnden Lippen lobt dich mein Mund, wenn ich auf meinem Lager dein gedenke, in den Nachtwachen über dich sinne. (Grundtext) Gemeinschaft mit Gott in einsamer Stille ist ein Stück Himmel auf Erden. Welche Speise kommt dem verborgenen Manna (Off. 2,17) gleich? Gottes Kinder haben eine Speise zu essen, von der die Welt nichts weiß. George Swinnock † 1673.

V. 7. Man kann die beiden Sätze des Verses auch miteinander verbinden (statt mit dem vorhergehenden Vers): Wenn ich auf meinem Lager dein gedenke, sinne ich nachtwachenlang von dir. Die Erinnerung an dich nimmt mich so gefangen, dass ich meine Gedanken nicht davon abwenden kann und es mir unmöglich ist, in den Zustand des Vergessens, den Schlaf, zu sinken. Man vergl. Ps. 1,2; 119,55.148. - Im Grundtext steht die Mehrzahl: auf meinen Lagerstätten, vielleicht um anzudeuten, dass David bei seinem unbeständigen Fluchtleben selten eine Reihe von Nächten auf demselben Lager schlief. - Es gab drei Nachtwachen: Die erste (Klgl. 2,19), die mittlere (Richter 7,19) und die dritte oder Morgenwache (2. Mose 14,24; 1. Samuel 11,11). Im Neuen Testament herrscht die römische Sitte der vier Nachtwachen (Mk. 3,35) vor. A. R. Fausset 1866.

Theodor Beza, Calvins eifrigster Mitarbeiter an der Reformation in Genf, auch der Nachfolger in seinen Ämtern, den französischen Hugenotten wie den deutschen Reformierten eine gleich wertvolle Stütze († 1605), erzählte seinen Freunden, wie während seiner letzten Krankheit Ps. 63,7 ihn in schlaflosen Nächten getröstet hätte. Auf seinem Sterbebette ließ er sich Ps. 130 wiederholen. Rudolf Kögel 1895.

Gedenke - sinne. Das Sinnen über etwas Gutes hat mehr Süßigkeit in sich als das bloße Gedenken. Das Gedächtnis ist der Schrein, in dem wir eine Wahrheit verschließen, das Nachsinnen dagegen der Gaumen, mit dem wir sie genießen. Das Gedächtnis ist gleich der Bundeslade, worin das Mannakrüglein aufbewahrt wurde; das Sinnen aber ist dem Essen des Mannas zu vergleichen. Als David über Gott nachzusinnen begann, war es ihm so köstlich wie Mark und Fett. Der Unterschied zwischen dem, ob wir eine Wahrheit nur im Gedächtnis haben oder über sie nachdenken, ist so groß wie der Unterschied, ob man einen köstlichen Trank in einer Flasche im Keller hat oder sich an ihm erlabt. John Wells 1668.

V. 8. Denn du bist mein Helfer. Wir finden mehr Ermutigung in der kleinsten uns selber erwiesenen Gnadentat Gottes als in der größten einem andern erwiesenen. Darum können wir ohne Bedenken sagen, dass ein ganzer Bücherschrank voll Lebensbeschreibungen gottseliger Menschen nicht in dem Grade der Zuversicht eines Gotteskindes förderlich ist wie die Beweisstücke, welche sein eigenes Gedächtnis ihm darreicht. Diese sollten wir daher oft erwägen, wie David es tat. Henry Melvill † 1871.

Im Schatten deiner Flügel frohlocke ich. Wie ein Vogel im Laubesdickicht vor der Sonne geschützt sein fröhliches Lied singt, so singt er im Schatten des Flügels Gottes seine Lobgesänge. Prof. August Tholuck 1843.

V. 9. Meine Seele hanget dir an. Das Zeitwort bedeutet an etwas kleben, dann bildlich an jemand hangen, mit ihm vereinigt sein. Vergl. 1. Mose 2,24: Darum wird ein Mann an seinem Weibe hangen, d. i., mit seinem Weibe aufs innigste und unlöslichste in Liebe verbunden sein. Samuel Chandler † 1766.

Keine Macht und List der Welt oder der Hölle vermag den gordischen Knoten dieser Verbindung der Seele mit Gott zu durchhauen oder zu lösen. Davids Seele war durch Gottes Geist Gott angetraut; eine solche von Gott selbst geschlossene Ehe kann auch der Teufel nicht auflösen. Alexander Pringle 1657.

V. 11. Und den Füchsen zuteil werden. Ist es nicht gegen alle Naturordnung, dass der Mensch ein Fraß der Tiere, und solcher Tiere, werde? Darüber ist kein Zweifel; dennoch lässt die Natur solche Bestrafung unnatürlicher Verbrechen zu. Denn es ist ganz vernunftgemäß, dass die Gesetze der Natur zur Bestrafung derer, welche sie mit ihrer Sünde durchbrochen haben, auch durchbrochen werden; dass solche, welche Menschen wie Tiere verzehrt haben, von Tieren verzehrt werden, dass die, welche mit ihren Händen ihrem König widernatürliche Gewalt angetan haben, ebensolche Gewalt leiden durch die Klauen und Zähne der wilden Tiere, über die sie herrschen sollten; dass solche, die in ihrem Leben einen Fuchs im Busen getragen haben, bei ihrem Tode im Bauche eines Fuchses begraben werden. Daniel Featley 1636.

Welch trauriges Schicksal verkündet David über die, welche dem Gerechten nach dem Leben trachten! Sie sollen den Füchsen zuteil werden. Damit sind vermutlich die Schakale gemeint, die mit den Füchsen die Erdhöhlen gemein haben. Diese bösartigen, blutgierigen, unheimlichen Bestien sammeln sich, vom Hunger getrieben, in Rudeln um die Gräber, heulen vor Wut und kämpfen wie Feinde um die Beute bei ihren mitternächtlichen Orgien; namentlich aber auf den Schlachtfeldern halten sie ihren Schmaus. Möge es mir nie auch nur träumen, dass eins meiner Lieben, vom Schwert getötet, daliege, um von diesen ekelhaften, heulenden Bestien zerrissen und zernagt und hin und her gezerrt zu werden! W. M. Thomson 1861.

Homiletische Winke

V. 2. Während der Atheist spricht: "Es ist kein Gott," und die Heiden viele Götter anbeten, sagt der wahrhaft Gläubige: Gott, du bist mein Gott. Er ist mein Gott 1) durch seinen Bund mit mir, 2) durch meinen Bund mit ihm, und ich will 3) ihn als solchen durch Anbetung und Dienst wie durch Bekennen ehren.
Ernstlich suche ich dich. Was man wirklich begehrt, das sucht man eifrig. David ist entschlossen, handelt vernünftig (er sucht), sucht ernstlich: früh und mit Ausdauer.
V. 2 ff. Was ist für die Kinder Gottes ein trockenes und dürres Land, und wonach dürsten sie in solchem Lande?
V. 4. 1) Der Entschluss der Liebe: Meine Lippen sollen dich preisen. a) Preisen. Der neuen Natur angemessen. Diese hat kein Gefallen am Murren, Tadeln oder Schelten. Preisen drückt Wertschätzung, Dankbarkeit, Fröhlichkeit und Zuneigung aus. b) Gott preisen. c) Gott durch die Tat preisen. "Meine Lippen." Dadurch, dass man ihn im Gebet preist und ihn andern anpreist, seine Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe, Gnade usw. d) Gott beständig preisen: "Mein Leben lang." (V. 5.) 2) Der Grund der Liebe: Denn deine Gnade ist besser denn Leben. Die Liebe kann nicht anders als Gott preisen, denn a) sie verdankt ihm ihre Entstehung. Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. (1. Joh. 4,19 Grundtext) b) Sie wird von ihm genährt. c) Die Erweisungen seiner Liebe fordern unser Lobpreisen. Güte ist die Liebe Gottes gegen Geringe, Hilfsbedürftige, Gnade die Liebe Gottes gegen Sünder. Besser als alles, was das irdische Leben bieten kann. - G. J. Knight 1871.
Deine Gnade ist besser denn Leben. a) Liebe genossen im Leben; b) verglichen mit dem Leben; c) vorgezogen dem Leben. - G. J. Knight 1871.
V. 6 f. (Grundtext) 1) Das leere Herz gefüllt. Wie? Durch liebend sich in Gott versenkendes Sinnen, V. 7. Womit? Mit Gottes Güte als mit Mark und Fett. Bis zu welchem Grad? Zur vollen Sättigung. 2) Das volle Herz überströmend. Mit Jubellippen rühmt mein Mund. - G. J. Knight 1871.
Welcherart sind die vornehmste Beschäftigung und die Ergötzung eines Gotteskindes und der innige Zusammenhang zwischen beiden?
V. 7. Wichtige, köstliche, aber sehr vernachlässigte Pflichten: Gottes gedenken, von Gott sinnen; und die dazu passendste, keinem benommene Zeit: auf meinem Lager, in den Nachtwachen. - J. S. Bruce 1871.
V. 9. Der Seele Halt. 1) Sie hält sich an Gott, ihm anhangend und ihm nacheilend (Grundtext), sehnsüchtig, ernstlich, behende, nahe. 2) Gott hält sie mit seinem Arm der Macht. - G. J. Knight 1871.
Gottes rechte Hand hält die Gläubigen aufrecht, dass sie nicht a) in die Sünde fallen, b) im Leid versinken, c) vom Wege der Pflicht abgleiten.
V. 10 f. 1) Des Christen Feinde: böse Geister, böse Menschen, böse Lüste und Gewohnheiten. 2) Ihre Absicht: sie trachten ihm nach dem Leben. 3) Ihr Untergang: gewiss, schmachvoll, vollständig, zur Hölle hinab.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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PSALM 64 (Auslegung & Kommentar)

Überschrift

Ein Psalm Davids. Das Leben dieses Knechtes Gottes war ein Leben des Kampfes; selten konnte er einen Psalm dichten, ohne darin seiner Feinde gedenken zu müssen, und in dem vorliegenden beschäftigt er sich nur mit ihnen. Vorzusingen. Hiermit wird der derzeitige Leiter des heiligen Chores mit der Einübung dieses Psalms beauftragt. Es wäre zu wünschen, dass die Vorsänger und Dirigenten unserer Kirchen ihre Pflicht stets in ihrem ganzen feierlichen Ernst erfassten; denn es ist nichts Geringes berufen zu sein, den heiligen Gesang der Gemeinde Gottes zu leiten, und die damit verbundene Verantwortlichkeit ist keineswegs leicht anzuschlagen.

Einteilung

V. 2-7 beschreibt David die Grausamkeit und Hinterlist seiner Feinde, und V. 8-11 weissagt er ihren Untergang.

Auslegung

2. Höre, Gott, meine Stimme in meiner Klage;
behüte mein Leben vor dem grausamen Feinde.
3. Verbirg mich vor der Versammlung der Bösen,
vor dem Haufen der Übeltäter,
4. welche ihre Zunge schärfen wie ein Schwert,
die mit ihren giftigen Worten zielen wie mit Pfeilen,
5. dass sie heimlich schießen den Frommen;
plötzlich schießen sie auf ihn ohne alle Scheu.
6. Sie sind kühn mit ihren bösen Anschlägen
und sagen, wie sie Stricke legen wollen,und sprechen: Wer kann sie sehen?
7. Sie erdichten Schalkheit
und halten’s heimlich, sind verschlagen und haben geschwinde Ränke.


2. Höre, Gott, meine Stimme in meiner Klage (meinem Kummer). Es ist unserer Andacht oft förderlich, wenn wir beim Beten unsere Stimme gebrauchen können, also laut beten; aber auch das stille Gebet hat vor Gott eine Stimme, die er deutlich vernimmt. Gebete, die auf Erden niemand hört, mögen doch im Himmel laut und durchdringend erschallen. Achten wir wohl darauf, wie beharrlich David zum Gebet seine Zuflucht nimmt. Es ist ihm seine Streitaxt und Kriegswaffe, die er in jeder Bedrängnis gebraucht, komme diese von innerer Befleckung oder von äußerer Empfindung des Zornes Gottes, von fremden Einfällen oder von Aufruhr im eignen Haus und Land. Wollen wir allezeit weislich handeln, so lasst auch uns das Gebet zu unserer ersten und vertrautesten Zuflucht machen. Behüte mein Leben vor dem grausamen Feind, wörtl.: vor dem Schrecknis des Feindes. Schütze mich vor dem Feind und vor dem Schrecken, den er einflößt und anrichtet. Man könnte die Worte V. 2b (und dann ebenso V. 3) auch als Ausdruck der gläubigen Überzeugung auffassen, dass es also geschehen werde: "Vor dem Schrecknis des Feindes wirst du mich behüten." Alle unsere Gebetsopfer müssen mit dem Salz des Glaubens gesalzen sein. (Es ist aber natürlicher, dem Anfang des Verses entsprechend, bei der Auffassung als Bitte zu bleiben.)

3. Verbirg mich vor der Versammlung (dem Geheimbund) der Bösen. Schütze mich vor den listigen Plänen, welche die Bösewichter in ihren vertraulichen Zusammenkünften wider mich aushecken. Begegne ihren heimlichen Anschlägen mit den geheimen Plänen deiner Vorsehung, den Ratschlüssen ihrer Bosheit mit den Ratschlüssen deiner Liebe. Vor dem (lärmenden) Haufen der Übeltäter. Wenn ihre im stillen Winkel ersonnenen tückischen Pläne nun in lärmendem Aufruhr hervorbrechen, so sei du auch dann mein Schutz. Wenn sie auf Übles sinnen, dann lass deine göttlichen Gedanken ihre bösen Entwürfe vereiteln, und wenn sie Übles tun, dann lass deine machtvolle Gerechtigkeit sie stürzen; in beiden Fällen lass mich dem Bereich ihrer grausamen Hand, ja auch ihres bösen Blicks entrückt sein. Es ist ein Großes, böswillige Feinde zu besiegen; weit besser ist es aber doch noch, vor allem Kampf mit ihnen bewahrt zu bleiben, indem man ihrem Anlauf entrückt wird. Der HERR versteht es, seinem Volke Frieden zu geben vor seinen Drängern; wenn er beschließt Ruhe zu schaffen, so zeigt es sich, dass er allen Störenfrieden wohl gewachsen ist. Er vermag sowohl schlau angelegten Verschwörungen als auch offenen Feindseligkeiten die Spitze zu bieten.

4. Welche ihre Zunge schärfen wie ein Schwert. Verleumdung ist zu allen Zeiten bei den Feinden der Rechtschaffenen eine Hauptwaffe gewesen und es ist erstaunlich, wieviel Mühe sie sich geben, diese Waffe recht wirksam zu gebrauchen. Wie der Krieger sein Schwert wetzt, um mit der scharfen Schneide den Feind hoffnungslos zu Boden schlagen und ihm das Herz durchbohren zu können, so erfinden diese gewissenlosen Menschen Lügen, so glatt und schneidig, dass sie ihres Zwecks nicht fehlen können, den Gerechten aufs schmerzlichste zu verwunden, seinen guten Ruf zu töten, seine Mannesehre zu zerstören. Gibt es etwas, das solch eine böse Zunge zu sagen sich scheuen, ein Unheil, das anzustiften sie sich nicht bemühen würde? Die mit ihren giftigen Worten zielen wie mit Pfeilen, wörtl.: welche spannen ihren Pfeil, (nämlich) bittere Rede. Aus der Ferne schleudern sie ihre Lästerungen, wie Bogenschützen ihre vergifteten Pfeile. Mit Eifer und Sorgfalt, wie man den Bogen zurichtet, bereiten sie ihre Reden vor und lassen dann, kaltblütig und entschlossen zielend, den in tödliches Gift getauchten Pfeil los. Zu kränken, zu quälen, zu verderben, darauf steht ihr Sinn. Stichelreden hin und her fliegen zu lassen, einander Spottnamen zu geben und Beleidigungen und höhnische Herausforderungen zuzurufen, das wurde bei den Orientalen als eine Art Kunst betrieben. Wenn wir im Abendland vielleicht etwas verfeinerte Sitten haben und darum in Beschimpfungen solch roher Art weniger geübt sind, so ist doch zu fürchten. dass auch bei uns die Zungen mit ihrem weniger augenscheinlichen Gift nicht weniger durchdringende Schmerzen verursachen. Wie dem auch sei, lasst uns bei allen solchen Gefahren zum HERRN fliehen, bei ihm Rettung suchend. David wusste gegen die beiderlei Waffen der Gottlosen nur eine Hilfe: das Gebet; zum Schutz gegen Pfeil und Schwert diente ihm der eine Schild: er barg sich vertrauensvoll bei seinem Gott.

5. Dass sie heimlich schießen den Frommen (oder Redlichen). Sie liegen feig im Hinterhalt, den Bogen fertig gespannt, um den tückischen Pfeil dem Redlichen ins Herz zu schießen. Ein aufrichtiger und unsträflicher Wandel schützt nicht vor den Angriffen der Verleumdung. Wagte sich der Teufel sogar an unseren Herrn, so mögen wir versichert sein, dass er auch für uns feurige Pfeile bereit hat. Jesus war ganz vollkommen und unschuldig; wir können nur in beschränktem Sinne so genannt werden, daher sind in uns stets der entzündlichen Stoffe genug für die Brandpfeile des Bösewichts. Man achte auf die gemeine Gesinnung der Boshaftigen: eine offene Feldschlacht nehmen sie nicht an, sie scheuen sich, Mann gegen Mann zu kämpfen; darum schleichen sie im Gebüsch umher und lauern im Hinterhalt solchen auf, die mit Betrug zu wenig vertraut sind, als dass sie ihre Treulosigkeit argwöhnten, und zu mannhaft, um ihre verabscheuungswürdigen Kriegskünste nachzuahmen. Plötzlich schießen sie auf ihn ohne alle Scheu. Zur Heimlichkeit kommt die Plötzlichkeit des Überfalls. Sie lassen ihrem arglosen Opfer keine Möglichkeit sich zu verteidigen. Wie ein wildes Tier, das plötzlich auf seine Beute hinabschießt, überfallen sie den Frommen. Und so vorsichtig machen sie ihre Pläne, dass sie keine Entdeckung fürchten. Haben wir es nicht oft erlebt, dass der Pfeil der Verleumdung einen unserer Mitmenschen schwer verwundete, ohne dass es möglich war, die Richtung zu entdecken, aus der das Geschoss gekommen war, und die Hand ausfindig zu machen, welche die Pfeilspitze geschmiedet und in das tödliche Gift getaucht hatte? Kann die Gerechtigkeit wohl eine Strafe erfinden, die hart genug wäre, um den Feigling gebührend zu züchtigen, der meinen guten Namen schamlos entehrt, sich selbst aber in sicherem Schlupfwinkel verborgen hält? Ein offenkundiger Lügner ist ein wahrer Engel im Vergleich mit einem solchen Dämon. Kreuzottern und Brillenschlangen sind harmlose, liebenswürdige Geschöpfe gegenüber solchem Gelichter. Der Teufel selbst könnte wohl darob erröten, der Vater einer so niederträchtigen Art zu sein.

6. Sie sind kühn mit ihren bösen Anschlägen, oder: Sie bestärken sich zu bösem Anschlag. Die Frommen sind häufig mutlos, und nicht selten entmutigen sie einander noch gegenseitig; die Kinder der Finsternis aber sind klüger in ihrem Verhalten gegeneinander: sie halten guten Mut, und jeder hat für seinen Spießgesellen ein aufmunterndes Wort. Jede Gelegenheit, da sie einander zum gemeinsamen Unternehmen die Hand stärken können, nutzen sie treulich aus; von ganzem Herzen sind sie bei ihrem finsteren Werk. Und sagen, wie sie Stricke legen wollen. Sie stecken die Köpfe zusammen und erzählen sich einmal und abermal die listigen Pläne, die sie ersonnen haben, um dadurch womöglich auf einen noch besseren, noch teuflischeren Plan zu kommen. Sie sind sich des Vorteils wohl bewusst, der im Zusammenwirken liegt, und machen sich diese Erkenntnis aufs Beste zunutz; sie sammeln die Erfindungen und Erfahrungen, welche ein jeder für sich gemacht hat, zu einem gemeinsamen Schatz und lehren einander mit allem Fleiß neue Künste. Und sprechen: Wer kann sie sehen? So emsig und geschickt verdecken sie ihre Angriffe, dass sie sich gegen jede Entdeckung gefeit glauben. Ihre Fallgruben sind zu schlau angelegt und sie selbst sind zu wohl verborgen, als dass jemand sie sehen könnte. So meinen sie, vergessen dabei aber das Auge, das alles sieht, und die Hand, die alles aufdeckt. Große Verschwörungen kommen gewöhnlich an den Tag. Wie bei der Pulververschwörung in England (i. J. 1605) gibt es meist einen großen Zusammenbruch; entweder wirbt sich die Wahrheit unter den Verschwörern selbst einen Bundesgenossen, oder es müssen die Steine auf dem Felde wider sie zeugen. O möchte sich doch kein gläubiger Christ durch die Furcht vor schlauen Anschlägen in Fesseln schlagen lassen; denn es verfängt sicherlich kein Zauber in Jakob und kein Wahrsagen in Israel (4. Mose 23,23). Die Maschen des Netzes zerreißen, die Pfeile des Bogens zerbrechen, die Anschläge der Gottlosen werden vereitelt. Darum fürchtet euch nicht, ihr zaghaften Seelen; der HERR ist zu eurer Rechten, der Feind soll euch nichts anhaben.

7. Sie erdichten Schalkheit. Mit Fleiß ersinnen und erwägen sie frevelhafte Pläne, um ihre Bosheit zu befriedigen. Diese Leute sind keine gewöhnlichen Schurken, sondern Meister der Bosheit, sinnreiche Erfinder und kunstreiche Verfertiger von allerlei Bösem. Es ist wahrlich traurig, dass die Übelgesinnten oft einen solchen Eifer entwickeln, um einen braven Mann ins Verderben zu stürzen, als ob sie nach einem Schatze grüben. Die Inquisition verfügte über Folterwerkzeuge, welche den Maschinen, die wir auf unseren modernen Ausstellungen bewundern, an Kunst der Erfindung um nichts nachstanden. Die verwickeltsten und insofern interessantesten Teile der Weltgeschichte sind diejenigen, in welchen Rachsucht und Bosheit die Kunst der Diplomatie und allerlei Intrigenspiel aufgeboten haben, um ihre teuflischen Zwecke zu erreichen. "Wir haben’s fertig! ein schlau ersonnener Plan!" (Grundtext1 Ihr Plan ist nun vollständig fertig und bis ins Einzelne ausgearbeitet; darum rufen sie: Heureka! Wir habens gefunden! - nämlich eine ganz sichere Weise, unsere Rache zu kühlen. Es geht nichts über das Raffinement der Bosheit. Unmittelbar aus der Hölle werden diese Künstler inspiriert, von ihr bekommen sie die Ideen, während sie die ganze Erde und alle Regionen unter der Erde durchsuchen, um brauchbares Material zur Ausführung dieser höllischen Kriegspläne zu finden; und mit einer Geschicklichkeit, die uns Bewunderung abnötigen könnte, machen sie von alledem den passendsten Gebrauch. Und eines jeden Inneres und Herz ist tief, ist unergründlich. (Grundtext) Ihre Klugheit ist nicht oberflächlicher Art, sondern ein durch Übung und glühenden Hass noch besonders geschärfter Scharfsinn. Die Gottlosen haben häufig eine außerordentliche Fertigkeit in der Kunst, bedachtsam zu eilen, gefällig zu sein, um verderben zu können, ihrem Opfer zu schmeicheln, um es danach desto besser verschlingen zu können, vor ihm die Knie zu beugen, um es schließlich unter ihren Füßen zu zertreten. Wer es mit dem Schlangensamen zu tun hat, braucht wahrlich die Weisheit von oben! Das Otterngezücht dreht und windet, ringelt und schlängelt sich und bleibt dabei doch steif auf seinem Anschlag; es erreicht seinen Zweck stets auf dem kürzesten Weg, ob es auch weite Umwege zu machen scheint. O wie gefährlich ist die Lage des Gläubigen, wie schnell mag er überwunden werden! So lautet die Klage des berechnenden Verstandes und der Seufzer des Unglaubens. Der Glaube aber findet die Auserwählten in dieser nämlichen gefährlichen Lage sicher in Gottes Hand.

Fußnoten
1. Wnm:tIa gleich WnOmItIa. Doch wird die irreguläre Form auch als dritte Pers. Plur. gedeutet, gleich WmItIa. Luther folgt der sich in vielen Handschriften findenden Lesart Wnm:+f.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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8. Aber Gott wird sie plötzlich schießen,
dass es ihnen wehe tun wird.
9. Ihre eigne Zunge wird sie fällen,
dass ihrer spotten wird, wer sie siehet.
10. Und alle Menschen werden sich fürchten und sagen:
"Das hat Gott getan!"und merken, dass es sein Werk sei.
11. Die Gerechten werden sich des HERRN freuen und auf ihn trauen;
und alle frommen Herzen werden sich des rühmen.



8. Aber Gott wird sie schießen mit dem Pfeil. (Grundtext Sie haben auf andere geschossen und werden nun selber erschossen. Ein besserer Bogenschütze als sie legt auf ihr Herz an, und einer seiner Pfeile genügt, denn er verfehlt nie sein Ziel. Der HERR kehrt den Spieß um und besiegt seine Feinde mit ihren eigenen Waffen. Plötzlich entstehen ihre Wunden. (Grundtext2 Sie meinten, den Heiligen überrumpeln zu können; aber wehe, unversehens hat es sie selbst! Sie lechzen danach, ihm tödliche Wunden beizubringen; nun sind ihnen Wunden geschlagen, die niemand heilen kann. Während sie noch ihren Bogen spannten, hatte der allmächtige Kriegsheld schon auf sie gezielt, und er ließ den Pfeil losfahren, als sie sich solches schnellen Boten der Gerechtigkeit am wenigsten versahen. Die Rache ist mein, spricht der HERR, ich will vergelten. Die Gerechten brauchen weder die Kunst der Verteidigung noch die des Angriffs zu erlernen; denn die Ahndung der wider sie ersonnenen Frevel ist in besseren als ihren Händen.

9. Ihre eigne Zunge wird sie fällen. Grundtext: Und man stürzt sie (wörtl.: ihn, nämlich den Feind), indem ihre eigene Zunge über sie kommt. Ihre Verleumdungen werden auf sie zurückfallen. Ihre Flüche werden sich wenden und sie selber treffen. Ihre Zunge wird ihnen den Hals brechen. Sie war ja beides, Schwert sowohl als Pfeil und Bogen; nun wird sie gegen sie gekehrt und bringt ihnen volle Strafe. Dass ihrer spotten wird, wer sie siehet. So richtig Luther. Die englische Bibel aber übersetzt: Alle, die sie sehen, werden sich flüchten.3 Ihre früheren Freunde werden sich, vor ihnen selber und ihrem Unglück erschaudernd, möglichst weit von ihnen wegmachen, um nicht mit ihnen umzukommen. Wer drängt sich noch an Herodes heran, da ihn die Würmer fressen? Wer begehrt noch mit Pharao in einem Wagen zu fahren, da die Wasser rings um ihn zusammenschlagen? Gerade diejenigen, welche sich um solch einen Verfolger geschart haben und ihm zu Füßen gekrochen sind, solange er in Macht war, sind am Unglücks- und Gerichtstag die ersten, die ihn verlassen. Wehe euch Lügnern! Wen wird es gelüsten, euch in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, Gesellschaft zu leisten?

10. Und alle Menschen werden sich fürchten. Sie werden ob der gerechten Gerichte Gottes von Schrecken ergriffen werden, wie die Kanaaniter, als Pharao im Roten Meer untergegangen war. Diejenigen, welche im Sündigen kühn waren, sollen zitternd vor Schreck und Seelenangst dem unerbittlichen Richter gegenübertreten müssen. Und sagen: "Das hat Gott getan!"; wörtlich: und Gottes Tun verkündigen. Gottes heiliges Walten wird zum allgemeinen Gesprächsgegenstand werden. So außerordentlich, so deutlich, so schrecklich wird es sein, wenn der HERR die Boshaftigen stürzen wird, dass man in allen Kreisen davon reden wird. Sie sündigten im Geheimen, aber ihre Bestrafung wird an der hellen Sonne vollzogen werden. Und merken, dass es sein Werk sei; wörtlich: und sein Werk betrachten oder verstehen. Die Gerichte Gottes sind häufig so klar und offenkundig, dass die Leute sie nicht missverstehen können und, wenn sie überhaupt etwas denken, aus denselben die rechte Lehre entnehmen müssen. Manche göttlichen Gerichte sind von großer Tiefe; bei boshaften Verfolgern liegt aber die Sache so klar zutage, dass auch der Einfältigste sie verstehen kann.

11. Die Gerechten werden sich des HERRN freuen, indem sie seine Gerechtigkeit anbeten und in ihr völlige Beruhigung finden. Sie werden sich auch über die Rettung der beleidigten Unschuld freuen; aber ihre Freude wird nicht selbstisch noch sinnlich sein, sondern im HERRN ihren Brennpunkt haben. Und auf ihn trauen, wörtlich: sich in ihm bergen. Ihre Erfahrung von dem Walten der göttlichen Vorsehung wird ihren Glauben stärken; denn derselbe Gott, der seine Drohungen erfüllt hat, wird auch seiner Verheißungen nicht vergessen. Und alle frommen Herzen werden sich des rühmen. Der Sieg der Unterdrückten wird der Sieg aller Redlichen sein; die ganze Schar der Auserwählten wird sich über den Triumph der Tugend freuen. Während Fremde darüber in Furcht geraten, freuen sich die Kinder über die Macht und Gerechtigkeit ihres Vaters. Was die Bösen bestürzt macht, das richtet die Frommen auf. HERR, du Gott aller Barmherzigkeit, gewähre uns Schutz vor all unseren Feinden und das volle, ewige Heil in deinem

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Eine Vereinigung hinterlistiger Feinde stellt dem Sänger nach und bedroht sein Leben, nicht durch offene Gewalttat, sondern durch Heimtücke und besonders durch Verleumdung. Aber gerade in dem Augenblick, wo sie alles wohl vorbereitet zu haben glauben, um die Frommen zu stürzen, werden sie vom göttlichen Strafgericht ereilt. Das wird für alle Welt eine heilsame Lehre sein; die Gerechten aber werden sich ihres Gottes freuen. Prof. Friedr. Bäthgen 1904.

Ein Hilferuf der um ihrer Gerechtigkeit willen verfolgten Heiligen zu ihrem Erretter und Rächer. Einige der Vers haben eine schwere Sprache; aber der allgemeine Grundgedanke des Psalms ist sehr klar. Der Psalm ist aus der Erfahrung geschöpft und passt daher auch sehr wohl im Munde des Christen, wann immer der Glaube mit den bösen Mächten dieser Welt in Berührung kommt und um des Evangeliums willen Verfolgung leidet; denn er bringt die Lage und die Hoffnung eines tatsächlich um der Wahrheit willen Gefährdeten zum Ausdruck. Es bedarf wohl kaum des Hinweises, wie angemessen ein Teil des Psalms sich auf den, der die Wahrheit selber war, beziehen lässt, auf die Tage seines Leidens, da seine Seele von Lügenworten durchbohrt ward und er das Widersprechen der Sünder wider sich erduldete. Arthur Pridham 1869.

V. 4. Welche ihre Zunge schärfen usw. Das Zeitwort bedeutet wetzen, schärfen, was durch wiederholtes Bewegen und Reiben geschieht. Dies wird sehr passend als Bild auf die böse Zunge angewendet. Richard Mant † 1849.

Der Scharfsinn des Menschen hat sich in zweierlei erstaunlich versucht und geübt: im Erfinden von mörderischen Kriegswaffen und im Ersinnen von mannigfaltigen Weisen, Menschen durch ruchlose Worte zugrunde zu richten. Die mancherlei Zerstörungswaffen der ersteren Art mag man in den Büchern der Kriegswissenschaft verzeichnet finden; aber die mannigfaltigen Arten von Verleumdungswaffen sind kaum zu verzeichnen. Die Sünden der Zunge sind in der Regel sehr grausam. Geschieht das Verleumden heimlich, wie es ja fast immer der Fall ist, so kannst du dich gegen die Angriffe nicht verteidigen. Die Waffen sind wahrhaft höllischer Art. Eine der Regeln in diesem Kriege ist: Wenn eine Lüge besser den Zweck erfüllt als die Wahrheit, so brauche die Lüge. Eine andere: Verleumde nur frischweg, etwas bleibt immer haften. William S. Plumer 1867.

Im Museum zu Venedig sah ich ein Instrument, mit welchem einer der alten Tyrannen Italiens auf die Opfer seiner Bosheit vergiftete Nadeln zu schießen pflegte. Ich dachte dabei unwillkürlich an Schwätzer, Ohrenbläser und heimliche Verleumder und wünschte, dass ihre unheilvollen Anschläge zu einem jähen Ende kommen möchten. Ihre Waffen - Anspielungen, Achselzucken, Flüstern usw. - scheinen so geringfügig wie Nadeln; aber das Gift, das sie einträufeln, tötet manches edeln Mannes guten Ruf. C. H. Spurgeon 1872.

V. 5.6. Es heißt von den Gottlosen, dass sie ihre Pfeile heimlich auf den Frommen abschießen und dann sprechen: Wer kann sie sehen? Ebenso lässt der Satan seine Pfeile der Versuchung oft so heimlich fliegen, dass auf ihn kaum ein Verdacht fällt. Manchmal bedient er sich der Zunge der Ehefrau, um seinen Zweck zu erreichen; dann wieder macht er sich hinter den Mann oder einen Freund oder einen Dienstboten und versteckt sich so gut, dass er von niemand am Werk gesehen wird. Wem wäre es wohl in den Sinn gekommen, hinter Petrus oder Abraham einen Teufel zu suchen? Und doch versuchte der eine den Herrn Jesus selbst, und der andere hätte beinahe sein eigenes Weib in die Sünde verkauft. Ja, der Satan treibt seine Kunst manchmal so listig, dass er, wenn wir so sagen dürfen, Gott den Bogen entwendet, um seine Pfeile von demselben zu schießen, so dass der arme Christ meint, Gott schelte und zürne mit ihm, während es der Teufel ist, der ihm diese Gedanken einflüstert und dabei Gottes Stimme nachäfft. William Gurnall † 1679.

Fußnoten
2. Nach der masoretischen Interpunktion wäre zu übersetzen: Da schießt Gott sie; ein plötzlicher Pfeil werden ihre Wunden. Bei dieser Einteilung ist aber das 2. Versglied nur mühsam zu deuten. Daher hat Luther mit dem Targum MO)t:pIi Cx" zum 1. Gliede gezogen; die engl. Bibel, welcher Spurgeon folgt, sowie Delitzsch, Rhiem u. a. setzen Cx" zum 1., MO)t:pIi zum 2. Gliede.

3. Diese Übers. (des Hieronymus, als hitp. von ddn, sich flüchten) ist möglich, wird auch von Ewald und Hitzig verteidigt, passt aber weniger in den Zusammenhang als die Luthers (als hitpol. von dWn): spotten, eigentl. sich schütteln, näml. in höhnischer Schadenfreude, den Kopf schütteln, wie Jer. 48,27.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Erläuterungen und Kernworte

V. 7. In den Worten: "Wir sind fertig! ein durchdachter Plan! " führt der Sänger die Bösen redend ein, wie sie eben nach eifrigen Studien auf dem Gebiet der Bosheit den räuberischen Plan zustande gebracht haben und sich ihre Freude darüber ausdrücken. In den letzten Worten: Und das Innere eines Menschen und das Herz ist tief, wird hingewiesen auf die Größe der Gefahr, die dem Gerechten droht. Unergründlich ist die menschliche Bosheit, nicht möglich, sie und alle ihre verderblichen Pläne zu erkennen, geschweige denn, sich vor ihnen zu hüten. Wie wird es also dem armen Gerechten ergehen? Das Tiefe steht nicht selten für das schwer zu Erforschende und zu Erkennende. So Hes. 3,5: tief von Rede, für: schwer verständlich, vergl. Hiob 11,8; Spr. 25,3; Jer. 17,9 f. Das Innere bildet den Gegensatz gegen das leicht erkennbare Äußere, und somit findet keineswegs, woran Clauß (1831) Anstoß nimmt, eine Tautologie (Wiederholung) statt. Prof. E. W. Hengstenberg 1844.

V. 8. Aber Gott wird sie plötzlich schießen. Wie es mit Ahab geschah und auch mit dem reichen Toren (Lk. 12). Während der wie ein Vogel sich schniegelnd auf dem grünen Zweig saß, zielte der Tod mit seiner Armbrust plötzlich auf ihn, und herunter kam er kopfüber. Vergl. 1. Thess. 5,3. John Trapp † 1669.

Hier sollen wir lernen, dass unser lieber Gott wunderliche verborgene Rüstung und Pfeile hat, damit er schießet und verwundet; denn er schießt Pfeile in Herz und Gewissen, dass es ihnen wehe tut und sie damit geängstet werden, also dass sie oft in Verzweiflung geraten. Auch hat Gott noch andere tödliche Pfeile, damit er den Leib angreift und ihn mit Krankheit schlägt. Johann Arnd †1621.

V. 3-9. Den Bösen hilft all ihre List, Macht und Bosheit nichts. Sie können damit den Frommen zwar eine Zeit lang viel Leides tun, große Schmerzen verursachen, Klagen und Seufzer auspressen. Aber wenn sie mit ihren Anschlägen untereinander fertig geworden sind und sich nahe am Ziele dünken, ereilt sie das Gericht Gottes und richtet sie mittelst ihrer eigenen Anschläge zugrunde. Denn der Herzenskundiger weiß, indem er in die Tiefe des Herzens blickt, was im Innern der Menschen gesonnen wird (Jer. 17,9 f.), und der Heilige Israels macht die Anschläge der Bösen zunichte. General-Sup. K. B. Moll † 1878.

V. 9. Ihre eigne Zunge kommt über sie, d. i. ihre eignen Worte werden als Zeugnis wider sie vorgebracht werden und sie verdammen. Die Zunge ist ein kleines, leichtes Glied; doch im Fallen ist sie schwer wie Blei. Es wäre noch nicht so schlimm, wenn einem Menschen das eigne Haus über dem Kopf zusammenbräche, als dass in diesem Sinn seine Zunge über ihn käme: sie wird ihn zermalmen. Etliche Menschen sind zu Tode gefoltert worden, weil sie nicht reden wollten, sondern stumm vor dem Richter standen; deren sind aber weit mehr, die sich durch ihre sündliche Freiheit oder vielmehr Zügellosigkeit im Reden ins Verderben stürzen. Joseph Caryl † 1673.

V. 10. Und alle Menschen werden sich fürchten usw. Wenn eines Gottlosen Seele in die Hölle fährt, so sieht es niemand, und die Sterblichen dürfen sich gemeiniglich nicht einmal erkühnen, zu sagen, Gott habe sie in die Hölle verschlossen. Auch werden viele in der Welt gestraft; weil aber ihre Sünden und der Bezug der Strafe auf dieselben nicht genug bekannt sind, so kann man die Gerechtigkeit Gottes dabei nicht mit einer klaren Einsicht preisen. Es gibt aber auch Fälle, da man es tun kann. Wenn gottlose Leute, dergleichen diejenigen waren, die David Ps. 64 beschreibt, ihre Zungen geschärft hatten wie ein Schwert und mit ihren giftigen Worten gezielet wie mit Pfeilen, dass sie den Frommen heimlich schossen, und plötzlich ohne alle Scheu, V. 4.5, Gott aber hernach sie auch wieder plötzlich schießt, dass es ihnen wehe tut, und ihre eigene Zunge sie fället, V. 8.9, und wenn sie vorher kühn gewesen waren mit ihren bösen Anschlägen und gesagt, wie sie Stricke legen wollen, und gesprochen: Wer kann sie sehen? V. 6, und hernach ihr Unglück so sichtbarlich ausbricht, dass ihrer spotten kann, wer sie siehet, V. 9, wenn diese oder dergleichen Begebenheiten geschehen: so können alle Menschen, die es sehen, nicht nur die Frommen und Erleuchteten, sondern alle, die ein Gewissen und einen richtigen Verstand haben, sagen: Das hat Gott getan, und merken, dass es sein Werk sei. Sonst glaubt man, dass Gott bei allen seinen Werken gerecht sei; in solchen Fällen aber kann man’s deutlich merken und wahrnehmen und Gott desto herzlicher darüber preisen. Wer eine namhafte Reihe von Jahren in der Welt durchleben muss, kann viele Beispiele von dieser Art unter vornehmen und geringen Leuten wahrnehmen. Große und kleine Tyrannen lässt Gott oft wieder in die Hände harter und unbarmherziger Menschen fallen; Blutgierige und Falsche dürfen ihr Leben nicht auf die Hälfte bringen; Hurer und Ehebrecher werden an ihren Leibern und mit einer wehtuenden und schmählichen Armut gestraft; Leute, die unrecht Gut gesammelt haben, büßen es selber wieder ein oder hinterlassen es solchen Erben, welche dessen nicht froh werden. Überhaupt nimmt man in der Regierung Gottes die zwei Grundgesetze Lk. 6,38 und 2. Mose 20,5 f. wahr. Übrigens muss man warten können, wenn man’s sehen will, und dabei an das höchste Recht Gottes gedenken, nach welchem es ihm freisteht, die Gottlosen heimlich oder öffentlich, in dieser Welt oder nur in jener Welt zu strafen. Prälat M. Fr. Roos 1782.

V. 11. Und alle, die redlichen Herzens sind, werden triumphieren. Der Psalm begann mit der ersten Person der Einzahl: "Höre, Gott, meine Stimme;" beim Schluss aber fasst er alle, die redlichen Herzens sind, zusammen. Wer sich am ernstlichsten um sein eigenes Heil bekümmert, bei dem wird man auch die treuste und weiteste Liebe für andere finden; während diejenigen, welche immer so viel davon reden, dass man in der Religion ganz selbstlos sein müsse (also die eigene Seligkeit gar nicht in den Vordergrund stellen dürfe), nicht selten die selbstsüchtigsten Leute sind. Es gibt keine wirksamere Weise, andern förderlich zu sein, als wenn man ernstlich für sich selbst um Errettung und Bewahrung vor der Sünde bittet. Unser Beispiel wird an und für sich Frucht schaffen, und unser gottseliger Wandel wird, indem er unserm Zeugnis Kraft gibt, den Wert jedes strafenden, ermahnenden oder ermunternden Wortes, das wir reden, erhöhen. Sündigen wir, so betrüben und beschweren wir die Gemeinde Gottes; wollen wir dazu beitragen, dass alle, die redlichen Herzens sind, frohlocken und triumphieren, so ist der beste Weg dazu, dass wir selber redlich und treu sind. C. H. Spurgeon 1872.

V. 10.11. König Friedrich der Große ließ nach dem Sieg von Torgau am Sonntag, dem 9. November 1760, in allen Kirchen des Landes einen Dankgottesdienst abhalten, dem diese Worte zugrunde gelegt wurden. F. von Köppen.

Mit der Freude über Gottes, des Herausgeforderten, gerechtes Eingreifen verbindet sich Furcht vor gleichem Strafgeschicke. Die vor Augen liegende Gottestat richterlicher Vergeltung wird ein Segen für die Menschheit. Von Mund zu Mund überliefert, wird sie ein warnendes Notabene. Für den Gerechten insonderheit wird sie eine trost- und freudenreiche Glaubensstärkung. Jahves Gericht ist des Gerechten Erlösung. So freut sich denn dieser in seinem Gott, welcher die Geschichte dergestalt richtend und erlösend zur Heilsgeschichte macht, und birgt sich in ihm um so vertrauensvoller, und alle Redlichen rühmen sich, nämlich Gottes, der das Herz ansieht und sich tatsächlich zu denen bekennt, deren Herz geradeaus auf ihn gerichtet ist und nach ihm sich richtet. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

V. 2. 1) Die Bitte: Behüte mein Leben. 2) Ihr Grund. 3) Ihr Zweck.
V. 3. Angewandt auf die geistlichen Feinde. 1) Die Gefahr. Die Feinde sind mächtig, boshaft und wohlerfahren, sind heimlich miteinander verbündet und verüben offen Unheil. 2) Die Errettung, welche wir erflehen. Bewahre mich vor der Anfechtung und in der Anfechtung, bringe mich wohlbehalten aus allem heraus und birg mich inzwischen an deinem heimlichen Zufluchtsort. 3) Der Trost des Glaubens. Gott bewahrt solche, die beten. Unser Feind ist sein Feind. Wir sind sein Eigentum. Er hat uns bisher bewahrt, und seine Ehre ist mit unserer Errettung verknüpft.
V. 4. Das Schärfen der Zunge. Entdecken neuer Fehler, Andichten schlechter Beweggründe, Erfinden von Übertreibungen (Aufschneidereien), Lügen, bösen Anspielungen, Auffrischen alter Verleumdungen, Wiederanfachen alten Zwistes.
Giftige Worte, oder (wörtl.): bittere Rede.
V. 6. Die Kühnheit und Festigkeit der Gottlosen ein Vorwurf für mutlose und unbeständige Christen.
V. 7. Der Erfindungsgeist der Bösen.
V. 7c. Und eines Mannes Inneres und Herz ist tief. (Grundtext) Die Tiefen der Bosheit im Menschenherzen.
V. 10. 1) Der Gegenstand der Betrachtung: Die Gerichte über die Gottlosen a) als Gerichte, b) als Gerichte Gottes. 2) Betrachtung des Gegenstandes. a) Gottes Gerichte sind dazu bestimmt, betrachtet zu werden; b) sie wollen verstanden, also weislich betrachtet sein. 3) Die Wirkung
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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PSALM 65 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Auch dieser Psalm ist dem Vorsteher der Tempelmusik zum Einüben und Aufführen überwiesen. Wenn jemand seine Sache gut macht, hat es keinen Zweck, aus bloßer Veränderungssucht einen andern mit dessen Aufgaben zu betrauen. Ein Psalm Davids, ein Lied. Wir haben also ein religiöses lyrisches Gedicht vor uns. Bei zwei Psalmen, dem 30. und dem 48., haben wir bereits eine ähnliche Bezeichnung gefunden, und nun folgt eine Reihe von vier solchen zum Gesang besonders geeigneten Dichtungen. Es war geziemend, dass auf Psalmen, welche besonders der schmerzlichen Sehnsucht und dem Flehen Ausdruck gaben, solche freudigeren Tons folgen.

Inhalt

David besingt die Herrlichkeit Gottes, wie sie sich sowohl in der Gemeinde des HERRN als auch in der Natur offenbart. Wir hören hier also das Lob der Gnade und der Vorsehung. Es mag sein, dass David damit beabsichtigte, Gott für eine besonders reiche Ernte zu preisen oder ein Erntedanklied zum Gebrauche aller Zeiten zu dichten. Der Psalm scheint verfasst zu sein, nachdem auswärtige Feinde durch einen hervorragenden Sieg darnieder geworfen waren. Der Psalm ist eins der herrlichsten Lieder, die es überhaupt in irgendeiner Sprache gibt.

Einteilung

In V. 2-5 wird uns der Weg vorgeführt, auf dem man zu Gott nahen kann. V. 6-9 sehen wir Gott als Antwort auf Gebet Wunder tun, für die er gepriesen wird. V. 10-14 enthalten das eigentliche Erntelied.

Auslegung

2. Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion,
und dir bezahlt man Gelübde.
3. Du erhörest Gebet,
darum kommt alles Fleisch zu dir.
4. Unsre Missetat drücket uns hart;
Du wollest unsre Sünde vergeben.
5. Wohl dem, den du erwählest und zu dir lässest,
dass er wohne in deinen Höfen;
der hat reichen Trost von deinem Hause,
deinem heiligen Tempel.


2. Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion. Manche der älteren Ausleger (wie Kimchi, Calvin, die engl. Bibel) übersetzen: Auf dich wartet Lobgesang, Gott, zu Zion. Mag Babylon den Antichrist anbeten, Zion bleibt seinem König treu; ihm, und ihm allein, bringt es das ewige Opfer der Anbetung dar. Alle, die in Zion das Blut der Besprengung gesehen haben und sich der Gemeinde der Erstgeborenen angehörig wissen, können Zions nicht gedenken, ohne dem Gott Zions Lobpreis darzubringen; seine Wohltaten sind zu zahlreich und zu kostbar, um vergessen zu werden. Die Lobgesänge der Heiligen warten auf ein Zeichen von dem göttlichen Meister, und wenn er sein Angesicht zeigt, brechen sie alsbald mit Macht hervor. Gleich einem Chor, der versammelt ist, um einem Fürsten den Willkommen- und Ehrengruß zu bieten, und auf den Augenblick harrt, da er erscheint, so versparen wir unsere besten Lobgesänge, bis der Herr sich in der Versammlung seiner Heiligen offenbart, ja eigentlich bis zu dem Augenblick, da er vom Himmel her erscheinen wird. Der Lobpreis harrt auf des HERRN Gefallen und fährt fort, ihn zu loben, ob er uns nun gerade Zeichen seiner Huld gewähre oder nicht; er wird nicht bald müde, sondern singt die ganze Nacht hindurch in der gewissen Hoffnung, dass der Morgen kommt. Wir wollen fortfahren, singend zu harren und harrend zu singen, auch unter den Tränen dieser Zeit unsre Harfen stimmend; aber o welch herrliche Musik wird das sein, die wir einst anstimmen werden, wenn die Zeit gekommen ist, da der Herr in seiner Herrlichkeit erscheint und sein Volk zur ewigen Heimat dringt! - Diese Bemerkungen berühren sich mit der Übersetzung und Auslegung, welche Luther unserer Stelle gibt: Gott, man harret und lobet dich zu Zion (Übers. vom J. 1524), oder (nach der spätern Übers.): Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion, d. i. in Geduld, in stiller Ergebung. Andere (Jsaaki, Stier u. a.) meinen, die Worte seien zu fassen: Dir gilt Schweigen als Lobgesang, d.h. dir ist Schweigen das beste Lob. Und eine Gemeinde, die unter dem überwältigenden Eindruck der Barmherzigkeit Gottes in anbetendes Schweigen versänke, würde dadurch sicherlich Gott höher preisen, als es die schönsten Stimmen im Verein mit der feierlichsten Musik tun können. Doch sollen wir darum den Gesang nicht vernachlässigen; war doch auch dieser Psalm bestimmt, gesungen zu werden. Wir tun aber gut, ehe wir den Mund zum Singen öffnen, die Seele zu stiller Ergebung und gläubigem Harren zu stimmen und uns in Demut dessen bewusst zu werden, dass unser Lobpreisen, wenn es aufs höchste kommt, doch Jehovas Herrlichkeit gegenüber nur ein Schweigen ist.1
Und dir bezahlt man Gelübde. Vielleicht sind bestimmte Gelübde gemeint, welche Israel in einer Zeit zwiefacher Not, nämlich der Dürre in Feld und Flur und der Kriegsdrangsal, abgelegt hatte. Sowohl Völker als auch christliche Gemeinden sollen ihre Versprechungen gegen den HERRN ehrlich und pünktlich einlösen; denn mit Gott kann man nicht ungestraft Scherz treiben. Dieselbe Pflicht haben die einzelnen. Wir sollen unsre Gelübde nicht vergessen oder sie nur einlösen, um von den Menschen gesehen zu werden; Gott sollen wir sie bezahlen, und unser Auge soll dabei einfältig auf Gottes Wohlgefallen gerichtet sein. Die Gläubigen haben alle ein Gelöbnis auf sich, das sie bei ihrer Bekehrung abgelegt haben, und manche von ihnen haben in ernsten Stunden besondere Verpflichtungen übernommen - nicht, um sich damit die Seligkeit zu verdienen oder eine höhere Stufe der Heiligkeit zu erreichen, sondern weil der Geist Gottes sie dazu trieb. Solche Verpflichtungen müssen treulich erfüllt werden. Wir sollten beim Versprechen sehr bedachtsam, im Erfüllen äußerst pünktlich sein. Ein nicht gehaltenes Gelübde brennt auf dem Gewissen wie ein glühendes Eisen. Handle es sich bei solchem Versprechen um den Dienst des HERRN, ums Geben oder Loben oder was es sei - nie sind Gelöbnisse Kleinigkeiten, über die wir leichten Sinnes hinweggehen dürfen. Ist die Zeit des Dankens da, so sollten sie nach allen unseren Kräften erfüllt werden und nichts daran fehlen.

3. Du erhörest Gebet. Gott hat nicht nur in vergangenen Zeiten Gebet erhört, er tut es jetzt und muss allezeit Gebet erhören, da er sich niemals ändert. Welch herrlicher Name ist das doch, der hier dem Gott und Vater unsers Herrn Jesus Christus beigelegt wird: der Gebetserhörer. (Man vergl. die Form des Grundtexts) Jedes rechte und aufrichtige Gebet wird so gewiss erhört, wie es dargebracht wird. Man beachte, wie der Dichter sich in diesem Psalm fort und fort unmittelbar an Gott wendet und mit ihm redet: er glaubt offenbar an einen persönlichen Gott; er betet nicht eine bloße Idee, einen unwirklichen Begriff an. Darum kommt alles Fleisch zu dir. Das ermutigt Menschen aus allen Nationen, dir, dem allein wahren Gott, ihre Bitten vorzutragen, der seine Göttlichkeit damit erweist, dass er denen antwortet, die sein Antlitz suchen. Fleisch sind sie und darum schwach; gebrechlich und sündig, darum haben sie das Beten nötig; und du bist solch ein Gott, wie sie ihn brauchen, denn du bist mitleidig und neigst dich zu dem Flehen der armen, ohnmächtigen Geschöpfe. Viele kommen jetzt zu dir in demütigem Glauben und werden mit Gutem gesättigt; aber noch mehr werden durch die Anziehungskraft deiner Liebe zu dir gezogen werden, und zuletzt wird die ganze Welt dir zu Füßen liegen. Zu Gott kommen ist der Kern aller wahren Religion; wir kommen zu ihm reuevoll, Vergebung bei ihm suchend, aber auch hoffnungsvoll, seine Gaben erflehend, des Dankes voll, für seine Wohltaten ihn preisend, freudevoll, uns seinem Dienst weihend. Falsche Götter müssen mit der Zeit ihre enttäuschten Verehrer verlieren, denn wenn die Menschen erleuchtet werden, lassen sie sich nicht länger zum Besten halten; wer immer aber den wahren Gott auf die Probe stellt, wird durch seinen eigenen Erfolg ermutigt, auch andere zu überreden, dem gleichen Gott zu trauen.

4. Haben mich Verschuldungen überwältigt. (Grundtext) In diesem ersten Versteil braucht der Dichter die erste Person der Einzahl: wo es sich um das Schuldbekenntnis handelt, will er allen vorangehen. Seine Missetaten stehen wider ihn auf, und deren Schuld würde ihn ganz übermannen, wenn er nicht der Sühne, der Vergebung gedenken dürfte, welche alle seine Vergehungen bedeckt. Wenn die Gnade nicht ins Mittel träte, würden unsere Sünden uns alle überwältigen vor Gottes Richtstuhl wie vor dem Richtstuhl unseres Gewissens und in dem Kampf des Lebens. Wehe dem Mann, der diese Widersacher gering achtet, und zwiefach wehe dem, der sie für Freunde hält! Am besten fährt, wer ihre verderbliche Macht erkennt und sich vor ihnen zu dem flüchtet, der Missetat vergibt. Unsere Übertretungen - Du sühnst sie. Du hast eine Sühne bereitet, einen Gnadenthron, der dein Gesetz ganz bedeckte. Man beachte den Wechsel der Zahl: der Glaube des einen Bußfertigen, der im ersten Versgliede nur in seinem eigenen Namen geredet hatte, umfasst hier alle Gläubigen zu Zion. Und er ist so überzeugt von der Weite der vergebenden 0Gottesliebe, dass er nun im Namen aller Frommen den Lobpreis der Gnade anstimmt. Welch ein Trost, dass unsere Sünden, die uns zu mächtig sind, dies nicht auch für Gott sind! Sie würden uns von Gott fernhalten; er aber fegt sie hinweg, tut sie sich selber und uns aus den Augen. Sie sind uns zu stark, nicht aber unserm Erlöser, der da mächtig ist, ja allmächtig, uns von ihnen zu erretten. Auch das ist unserer Beachtung wert: wie sich der Priester in dem heiligen Waschbecken wusch, ehe er das Brandopfer darbrachte, so leitet uns David an, erst Reinigung von unseren Sünden zu suchen, ehe wir dem HERRN das Lobopfer bringen. Wenn wir unsere Kleider gewaschen und helle gemacht haben im Blute des Lammes, dann können wir in Gott wohlgefälliger Weise das Lied anheben zu Ehren dessen, der auf dem Stuhl sitzt, und des Lammes (Off. 7,9.10.14).

5. Wohl dem. den du erwählest und zu dir lassest, dass er wohne in deinen Höfen. Auf die Reinigung folgt die Segnung, und wahrlich, eine reiche Segnung ist es. Sie umfasst die Erwählung, die wirksame Berufung, die Gewährung des Zutritts und die Aufnahme in Gottes Hausgenossenschaft. Das erste ist, dass wir von Gott erwählt sind nach dem Wohlgefallen seines Willens; das allein ist schon ein reiches Glück. Da wir aber von uns aus weder zu Gott kommen können noch wollen, wirkt er mit seiner Gnade in uns und zieht uns mächtig zu sich; er besiegt unser Widerstreben und hebt unser Unvermögen durch die allmächtige Kraft seiner umwandelnden Gnade auf. Auch das ist kein geringer Segen. Des weiteren werden wir durch das Blut seines Sohnes mit Gott versöhnt und durch seinen Geist zu vertrauter Gemeinschaft mit ihm geführt, so dass wir mit Freimut ihm nahen können und nicht länger zu denen gehören, welche Gott fern sind wegen ihrer bösen Werke. Und die Krone von allem ist, dass wir Gott nicht nahen mit der Gefahr schrecklicher Vernichtung wie Nadab und Abihu, sondern als von Gott Erkorene, als Gottes ständige Hausgenossen. Das ist eine Glückseligkeit, die alles Denken übersteigt. Dies Hausrecht ist ein Zeichen der Kindschaft; denn der Knecht bleibt nicht ewiglich im Hause, der Sohn aber bleibet ewiglich. Sehet, welch eine Liebe der Vater uns erzeiget hat und welch ein Glück er uns zuteil werden lässt, dass wir in seinem Hause wohnen dürfen und es nie und nimmer zu verlassen brauchen! Ein Glück, das einmal ein Ende nimmt, ist nur ein halbes Glück. Gott aber mögen seine Gaben und Berufung nicht gereuen. In den Vorhöfen des großen Königs wohnen dürfen heißt geadelt werden; dort ewig wohnen dürfen heißt ins himmlische Paradies versetzt sein. Und doch ist dies das Teil eines jeden, den Gott erwählt und zu sich nahen lässt, ob seine Sündenschuld ihn auch einst überwältigt hatte. Er darf sich ewiglich ersättigen an den Gütern des Hauses Gottes, seines heiligen Tempels. In vollen Zügen darf er diese genießen; denn für alles, was Gottes Gnade darreicht, dankt man, wie Delitzsch treffend sagt, nicht besser, als dass man danach hungert und dürstet und die arme Seele damit sättigt.

Fußnoten
1. hYfmidIu bedeutet jedoch nicht Schweigen des Mundes, sondern Schweigen der Unruhe des Herzens, also
stille Ergebung, vergl. 62,2. Delitzsch übersetzt daher: Dir ist Ergebung Lobpreis, d. h. Ergebung wird dir als Lobpreis zuteil oder dargebracht. Ewald, Kautzsch, Bäthgen u. a. übersetzen nach LXX usw.: Dir gebührt Lobpreis, indem sie hYfmidI (pt. fem. kal von hmfdIf) lesen. Dazu passt das Folgende am besten. Auf den Einwurf, dass hmfdIf (gleich sein) in der Bedeutung angemessen sein nicht vorkomme, erwidert Bäthgen, dass das synonyme hwf$f Esther 3,8 ebenfalls diese Bedeutung habe.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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6. Erhöre uns nach der wunderbaren Gerechtigkeit, Gott, unser Heil,
der du bist Zuversicht aller auf Erden
und ferne am Meer;
7. der die Berge festsetzt in seiner Kraft
und gerüstet ist mit Macht;
8. der du stillest das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen
und das Toben der Völker,
9. dass sich entsetzen, die an den Enden wohnen, vor deinen Zeichen.
Du machst fröhlich, was da webet, beide, gegen Morgen und gegen Abend.



6. Mit furchtbaren (Ehrfurcht gebietenden) Taten antwortest du uns in Gerechtigkeit, Gott unsers Heils. (Grundtext) Gottes herablassende Huld offenbart sich darin, dass er Gebete erhört, und seine Erhabenheit darin, dass er die Antwort auf solche Weise gibt, dass die Seinen dadurch mit heiliger Ehrfurcht erfüllt werden. In erster Linie ist hier ohne Zweifel davon die Rede, dass der HERR die Feinde seines Volkes in solcher Weise zunichtemacht, dass alle, die es sehen, auch die Frommen, darüber von Schrecken ergriffen werden. Wer wollte nicht den Gott fürchten, dessen Schläge also zermalmen? Wir wissen nicht immer, was wir bitten, wenn wir beten; wenn die Erhörung, die sachgemäße Antwort auf unser Gebet, kommt, ist es möglich, dass wir vor ihr erschrecken. Wir bitten um Heiligung, und Prüfung ist die Antwort; wir bitten um ein größeres Maß des Glaubens, und ein größeres Maß von Trübsal ist die Folge; wir bitten um Ausbreitung des Evangeliums, und Verfolgung zerstreut uns! Dennoch ist’s gut, mit Bitten fortzufahren; denn nichts kann uns schaden, was uns der HERR in seiner Liebe gibt. Furchtbare Taten werden sich doch noch als segensreiche Taten erweisen, wenn sie als Antwort auf gläubiges, demütiges Gebet geschehen.
Man sehe in diesem Vers, wie Gerechtigkeit und Heilserweisungen miteinander verbunden sind, furchtbare Taten mit gnädiger Erhörung von Gebeten. In Jesus verschmelzen sich diese Gegensätze. Gott kann, wiewohl er der Retter ist und bleibt, unsere Gebete in einer Weise erhören, die den Unglauben unsers Herzens verwirrt; wenn der Glaube in diesem furchtbaren Gott aber den Retter, den Heiland entdeckt, erinnert er sich, dass die Dinge nicht sind, was sie scheinen, und wird gutes Muts. Er, der so erschrecklich ist, ist auch unsere Zuflucht vor dem Schrecken. Der du bist Zuversicht aller auf Erden, wörtl.: aller Enden der Erde. Die Bewohner der fernen Inseln trauen auf Gott; auch die von Zion am weitesten entfernt sind, setzen ihre Zuversicht doch auf Zions Gott, Jehova. Selbst diejenigen Erdbewohner, die in frosterstarrten oder in glühend heißen Ländern wohnen, wo die Natur, so oder anders, ihre Schrecken offenbart, wie auch die, welche die Schauerwunder des Meeres schauen, flüchten sich doch von den Schrecken Gottes zu dem Gott, der sich also schrecklich offenbart. Wohl erweist sich sein Arm gewaltig im Schlagen, aber auch im Retten. Und ferne am Meer. Beide Elemente haben ihre auserwählte Schar von Gläubigen. Gab das Land dem Mose Älteste, so das Meer Jesu Apostel. Noah lebte, als alles um ihn her eine Wasserflut war, so still und friedlich in Gemeinschaft mit Gott wie Abraham in seiner Hütte. Alle Menschen sind gleich abhängig von Gott. Die Seefahrer werden sich dessen in der Regel am stärksten bewusst; aber in Wirklichkeit sind sie es nicht mehr als der Landmann, und der Landmann nicht mehr als irgendjemand anders. In Land und Meer ist kein Raum fürs Selbstvertrauen, da Gott die einzige wahre Zuversicht ist für die Menschen, seien sie zu Wasser oder zu Lande. Der Glaube ist eine Pflanze, die in allen Zonen und Elementen gedeiht, und alle, die, wo es auch sei, den Glauben in Übung bringen, machen die Erfahrung, dass Gott im Erhören der Gebete schnell und mächtig ist. Die Erinnerung hieran sollte uns Mut und Feuer geben, wenn wir mit unseren Anliegen zu Gott nahen.

7. Der die Berge festsetzt in seiner Kraft. Er hat sie einst festgestellt in ihren Gründen, und er hält sie fest, dass sie nicht fallen durch Erdbeben oder Sturm. Die festesten verdanken ihm ihre Festigkeit und Sündhaftigkeit. Die Philosophen aus der Schule der Gottesvergesser sind von ihren Gesetzen der Gebirgsbildung zu sehr in Anspruch genommen, als dass sie Zeit hätten, an den großen Gebirgsbildner zu denken. Ihre neptunischen, plutonischen und vulkanischen Theorien werden vielfach als Bolzen und Riegel gebraucht, um den HERRN aus seiner eigenen Welt auszuschließen. Unser Dichter ist anderer Meinung; er sieht Gottes Hand die Alpen und Anden feststellen und singt darum des Schöpfers Lob. Lasst mich nur immerhin solch unphilosophischen Einfaltstropf sein wie David; er war doch dem weisen Salomo näher verwandt als irgendeiner unserer modernen Hypothesenschmiede! Und gerüstet ist mit Macht. Der HERR selber ist mit Stärke gegürtet (wörtl.); darum legt er auch einen Gürtel der Stärke um die Hügel, dass sie dastehen, gegürtet und gepanzert mit seiner Kraft.
Lasst uns aus solchen Naturbetrachtungen die Lehre entnehmen, dass wir kleinen Geschöpflein, wenn wir wahre Festigkeit und Beständigkeit wünschen, beim Starken Stärke suchen müssen. Ohne ihn würden die ewigen Hügel in Staub zerfallen; wieviel mehr müssen all unsere Pläne und Werke zugrunde gehen, wenn sie sich nicht auf seine Macht stützen. Ruhe, liebe gläubige Seele, auf dem Grunde, auf dem die Berge ihren festen Halt finden, auf der unverkürzbaren Macht des HERRN!

8. Der du stillest das Brausen des Meeres. Ein leichter Hauch aus Gottes Munde glättet die See zu einem Spiegel, ja auch bergeshohe Wogen zu sanftem Kräuseln. Gott tut dies. Stille kommt von dem Gott des Friedens; wir brauchen nicht nach einem Orkan auszuschauen, wenn der Ruf erschallt, dass der HERR kommt. Das Brausen seiner Wellen. Jede einzelne im Aufruhr des Sturmes tobende und brüllende Woge wird beruhigt durch Gottes Stimme. Mögen, die auf dem Meer fahren, den Gott preisen, der über die Wellen gebietet. Und das Toben der Völker. Die Nationen sind so schwer zu regieren wie das Meer. Sie sind ebenso wilden Stürmen unterworfen, sind ebenso trügerisch, ruhelos und unbändig; sie wollen den Zaum nicht dulden, noch sich durch Gesetze in Schranken halten lassen. Der Thron Kanuts des Großen (Königs von Dänemark und England, † 1036) war von den hochgehenden Wogen nicht mehr gefährdet als der Thron so manches andern Monarchen, wenn die Volksmassen nach Unglück rangen und ihrer Herren müde wurden. Gott allein ist der König der Nationen. Das Meer gehorcht ihm, und auch die noch unruhigeren Völker werden durch ihn im Zaum gehalten. Die menschliche Gesellschaft verdankt ihre Erhaltung der fortwährend tätigen Macht Gottes. Die Leidenschaften würden die sofortige Auflösung der Welt sichern, Neid, Ehrgeiz, Herrschsucht und Rohheit würden morgen die Anarchie gebären, wenn Gott es nicht verhütete. Davon haben wir an den französischen Revolutionen den klaren Beweis. Gott sei gepriesen, der das Gebäude der gesellschaftlichen Ordnung aufrecht hält und die Ruchlosen, die so gern alles umstürzen würden, im Schach hält. Jedes Gotteskind, das in Drangsal gerät, sollte alsbald zu ihm fliehen, der das Brausen des Meeres stillt; ihm ist nichts zu schwer.

9. Dass sich entsetzen, die an den Enden wohnen, vor deinen Zeichen. Die Zeichen der Gegenwart Gottes sind nicht eine Seltenheit, auch sind sie nicht auf irgendwelche Gegend beschränkt. Sansibar sieht sie so gut wie Zion, und Helgoland so gewiss wie das heilige Land. Solche Zeichen sind manchmal schreckliche Naturereignisse, wie Erdbeben, Springfluten, Wirbelwinde, Bergstürze oder Seuchen; und wenn sie sich zeigen, zittern auch die trotzigsten Naturvölker vor Gott. Zu andern Zeiten sind es schreckliche Taten der Weltregierung, wie der Umsturz Sodoms und die Vernichtung Pharaos. Die Kunde von solchen Gerichten läuft bis an der Erden Enden und erfüllt alle Welt mit Furcht und Entsetzen vor einem so heiligen und mächtigen Gott. Gott sei Dank, wenn wir uns ob seiner Zeichen nicht entsetzen sondern freuen! Mit heiliger Ehrfurcht frohlocken wir, wenn wir seine Machttaten schauen. Wir fürchten ihn, aber nicht mit sklavischer Furcht. Du machst jubeln die Aufgänge des Morgens und des Abends. (Wörtl.) Ost und West macht Gottes Güte fröhlich. Unsere Morgenstunden werden von der Hoffnung beleuchtet, und auf die Dämmerstunde wirft die Dankbarkeit ihren milden Schein. Ob die Sonne komme oder gehe, wir preisen Gott und lassen in den Toren des Tages unser Jubellied erschallen. Wenn der liebliche Morgen hervortritt mit dem Rosenrot der Jugend auf den Wangen, so sind wir fröhlich, und wenn der stille Abend uns so friedlich zulächelt, so freuen wir uns wieder. Wir glauben nicht daran, dass der Tau das Sterben des Tages beweine; wir sehen in den glitzernden Tropfen nur Perlen, die der scheidende Tag seinem Nachfolger hinterlässt, dass er sie von der Erde aufhebe. Die gläubige Seele schaut Gott; darum tragen ihre Tage einen Freudenkranz. Sie kann nicht fasten, denn der Bräutigam ist bei ihr. Nacht und Tag sind ihr gleich lieb, denn der gleiche Gott hat sie beide gemacht und beide gesegnet. Sie wüsste von keiner Freude, wenn Gott sie nicht fröhlich machte; aber er hört nie auf, denen Freude zu bereiten, welche ihre Freude in ihm suchen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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10. Du suchest das Land heim und wässerst es
und machest es sehr reich. Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.
Du lässest ihr Getreide wohl geraten, denn also bauest du das Land.
11. Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes;
mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs.
12. Du krönest das Jahr mit deinem Gut,
und deine Fußtapfen triefen von Fett.
13. Die Weiden in der Wüste sind auch fett, dass sie triefen,
und die Hügel sind umher lustig.
14. Die Anger sind voll Schafe,
und die Auen stehen dick mit Korn,
dass man jauchzet und singet..



10. Du suchest das Land heim und wässerst es. Wann immer Gott einen Besuch macht, lässt er einen Segen zurück; das ist mehr, als man von jedem Besucher sagen kann. Wenn der HERR sich zu gnädiger Heimsuchung aufmacht, hat er stets eine Fülle nützlicher Gaben für seine vielbedürftigen Geschöpfe bei sich. Der Psalmist stellt Gott hier dar als das Land durchwandelnd wie ein Gärtner, der seinen Garten besieht und jede Pflanze, die es bedarf, tränkt, und das nicht dürftig, sondern so reichlich, bis das Erdreich ganz mit dem labenden Trunk gesättigt ist. Ach HERR, suche so deine Gemeinde heim und auch mich, das arme, welke Pflänzlein! Lass deine Gnade mich ganz überfluten; wässere mich, denn kein Blümlein deiner Au bedarf es mehr.

Dürr ist das Erdreich, tot das Samenkorn,
Fließt nicht darauf dein frischer Lebensborn.
O HERR, dein armes Pflänzlein lechzt nach dir;
Komm selbst zu mir!

Und machest es sehr reich. Millionen Geldes könnten die Menschheit nicht so bereichern wie es die Regenschauer tun. Der Boden wird durch den Regen reich gemacht und gibt dann seinen Reichtum dem Menschen hin; aber der Urgeber aller Gaben ist Gott. Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Die meisten Ausleger, auch neuere, verbinden diese Worte mit dem Vorhergehenden: Du machest es sehr reich (d. i. bewässerst oder segnest es reichlich) mit dem (oder: einem) Gottesbach voll Wassers. Die Bäche der Erde trocknen in der Dürre schnell aus, und ebenso unterliegen alle menschlichen Hilfsquellen dem Schicksal, dass sie meist gerade dann versiegen, wenn sie am unentbehrlichsten sind; aber Gottes Bach, der Kanal, worin der Regen aus dem Himmel auf die Erde hinabgeleitet wird, ist unerschöpflich. Dieser Strom hat weder Grund noch Ufer. Den Regenfluten, welche gestern aus den Wolken niedergeströmt sind, können morgen neue folgen, und doch wird es darum den Behältern über dem Himmelsgewölbe an Wasser nicht gebrechen. Ja, Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle: wie wahr ist dies auch im Reich der Gnade, wie Johannes es ausspricht: Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. - Durch diesen Gottesbach wird das Land reich gemacht. Die Alten erzählten viel von dem Flusse Paktolus (in Lydien), der über Goldsand fließe; aber dieser Gottesbach, der droben sein Bett hat und aus dem der Regen herniederkommt, birgt noch viel reichere Schätze. Denn am Ende liegt der Reichtum der Menschen doch hauptsächlich in dem Ertrag der Felder, ohne den sogar das Gold nicht von dem mindesten Wert wäre. - Du lassest ihr Getreide wohlgeraten, wörtl.: Du bereitest ihr Getreide. Gott ist’s, der das Getreide in seinen verschiedenen Arten dem Menschen zur Nahrung darreicht. Wir hören wohl im Handelsverkehr von "prepared corn-flour " (präpariertem Maismehl) sprechen; aber Gott hat es präpariert, lange ehe ein Mensch daran rührte. So gewiss wie das Manna von Gott für die Kinder Israel bereitet ward, bereitet Gott auch das Getreide, das wir täglich genießen. Was für ein Unterschied ist darin, ob wir Weizenähren oder Manna einsammeln, und was hat es zu sagen, dass das eine zu uns heraufkommt aus dem Schoß der Erde und das andere aus den Wolken hernieder? Gott wirkt ebensosehr drunten wie droben; es ist ein ebenso großes Wunder, dass Speise aus dem Staube aufsprosst, wie wenn sie aus dem Himmel niederfällt. Wenn du jenes (das Land) also bereitet hast. (Wörtl.) Diese Bereitung des Erdreichs geschieht eben durch den von Gott gespendeten Regen. Es ist uns ja bekannt, wie völlig die Ernteaussichten im Morgenlande davon abhängig sind, ob der Frühregen zu rechter Zeit und reichlich das Land heimsucht. Auch unsere Äcker müssen vom HERRN bereitet werden, wenn sie Frucht tragen sollen. Gepriesen sei der große Gott, der die schwellenden Millionen der Erde von Jahr zu Jahr mit Brot versorgt. Eben so treulich bereitet er seinen Erlösten auch das geistliche Brot vom Himmel. Er gibt Speise denen, die ihn fürchten; er gedenkt ewiglich an seinen Bund (Ps. 111,5).

11. Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes. Furchen und Schollen sind mit Wasser gesättigt, die Schollen durch die Regengüsse niedergeschwemmt (wörtl.), die Furchen, als wären sie Rinnsale, mit Wasser gefüllt. Mit Regen machst du es weich. Die Dürre hatte die Erde eisern gemacht; aber der reichliche Regen erweichte den Erdboden. Und segnest sein Gewächs. Neuer Trieb kommt durch den ihr nun reichlich zuströmenden Lebenssaft in die Pflanzenwelt, dass alles mächtig emporschießt. Der Same keimt und sendet die lieblich grünen Schösslinge hervor, und zarter Duft erfüllt die Luft, ein Geruch des Feldes, das der HERR gesegnet hat. Dies alles kann uns als Bild der Wirkungen des Heiligen Geistes dienen. Auch erniedrigt er alles Hohe, füllt die Leere unserer Herzen, erweicht das Gemüt und lässt heilige Gewächse hervorsprossen und sich mehren.

12. Du krönest das Jahr mit deinem Gut, oder: mit deiner Güte.2 Eine reiche Ernte ist einer der deutlichsten Erweise der Güte Gottes und ist die Krone des Jahres. Der HERR selber besorgt die herrliche Ausschmückung; er setzt dem Jahr die goldene Krone der wogenden Ähren aufs Haupt. Oder wir können den Ausdruck auch so verstehen, dass Gottes Liebe das Jahr wie mit einer Krone, einem Kranz umgebe; jeder Monat hat seine Edelsteine, jeder Tag seine Perlen. Nimmer endende Güte gürtet die Jahreszeiten mit einem Ring der Liebe. Die göttliche Vorsehung macht einen vollständigen Rundgang um das ganze Jahr. Und deine Fußtapfen3 triefen von Fett. Wenn Gott das Land mit Regen heimsucht, schaffen seine Fußtapfen Fruchtbarkeit. Man sagte von den tartarischen Horden, dass da kein Gras mehr wachse, wohin die Füße ihrer Pferde getreten hätten; so mag man im Gegenteil sagen, dass die Spuren Jehovas an der Segensfülle erkennbar seien, welche sein Gang zurücklässt. Auch geistliche Fruchtbarkeit müssen wir vom HERRN erwarten; denn er allein kann Zeiten der Erquickung und fröhliche Pfingstfeste geben.

13. Die Weiden in der Wüste sind auch fett, dass sie triefen. Nicht nur auf die von Menschenfleiß bearbeiteten Äcker strömt der Regen nieder, sondern auch die einsamen Fluren der Steppe, wo das Wild wohnt und Nomaden ihre Herden weiden, erquickt der gütige HERR mit belebenden Schauern, dass die eben noch dürren Triften von Segen triefen. Tausend Oasen erfreuen sich der Heimsuchung des barmherzigen Herrn. Die Vögel der Luft, die wilden Ziegen und die flüchtigen Rehe loben ihren Schöpfer, während sie an den aufs Neue vom Himmel her gefüllten Bächen ihren Durst löschen. Auch die ganz vereinsamten und vor Dürre verschmachtenden Seelen sucht Gott in seiner Liebe heim. Und die Hügel sind umher lustig, wörtl.: gürten sich mit Jubel. In der Dürre waren sie kahl und traurig; aber nach dem erfrischenden Regen lachen sie den Beschauer an im lieblichen Schmuck der Blumen.

14. Die Anger sind bekleidet mit (Herden von) Schafen. (Wörtl.) Die Schafe, deren Wolle hernach dem Menschen die Kleidung darreicht, bekleiden erst selber die Fluren. Die Weiden mit dem üppigen Grase scheinen ganz von den Herden bedeckt. Und die Auen hüllen sich in Korn. (Wörtl.) Wie das Weideland, so werden auch die Äcker durch den Regen fruchtbar. Gottes Wolken bringen uns, gleich Elias Raben, sowohl Brot als Fleisch. Weidende Herden und wogende Ähren sind gleicherweise die Gaben dessen, der uns so wunderbar erhält, und für beides haben wir ihm Dank darzubringen. Schafschur und Ernte sollten beide dem HERRN geheiligt sein. Dass man jauchzet und singet, oder wie andere nach dem Wortlaut übersetzen: Sie (die Anger und Auen) jauchzen einander zu und singen. Die Erde lässt Gottes Preis erschallen ob seiner Güte, und geöffnete Ohren vernehmen diesen Jubel der Kreatur. Die Herden blöken fröhlich des Schöpfers Preis, und die rauschenden Ähren singen dem HERRN ihr sanftes Lied. Sie singen: die Stimme der Natur ist für Gott klar vernehmbar; sie ist nicht nur ein Geräusch, ein Lärm, sondern ein Lied. Harmonisch klingen die Töne, welche die lebendigen Geschöpfe hervorbringen, zusammen mit dem Rieseln des Wassers und dem Rauschen des Windes. Die ganze Natur ist ein Loblied auf den Ewigen; wohl dem, der es versteht und selber mitsingt.

Dich, o Jehova, lobpreisen die Berge und Gründe,
Dir braust das Meer einen Psalm in erhabnen Akkorden;
Dir singt der Wald seine Lieder in ahnendem Beben,
Dir jauchzt die grünende Flur und die weidende Herde!
Goldne Gefilde, sie bringen in wogendem Reigen
Dir, HERR, den Dank, der allein Deinem Namen gebühret!
Himmel und Erde, stimmt ein in den Chor der Erlösten:
Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!

Fußnoten
2. Eigentlich: das Jahr deiner Güte.

3. Eigentlich: Geleise, Wagenspuren: Gott fährt daher, 5. Mose 33,26 (Grundtext).
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps65

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Erläuterungen und Kernworte


V. 2. Nach dem überlieferten Text ist zu übersetzen: Dir ist das Stillesein (vergl. Ps. 62,2) ein Lobgesang. Dieser schöne Gedanke, wonach schon die stille Ergebung in den Willen Gottes von ihm als ein Lobgesang angenommen wird, scheitert jedoch an dem Parallelgliede und dem gesamten Inhalt des Psalms, wonach er Dichter Gott mit lauten Tönen preist. Die alten Übersetzer mit Ausnahme des Targum haben in dem fraglichen Wort ein Partizip gesehen. Hieronymus: tibi silens laus im Sinne von tibi silet laus. Dies würde etwa bedeuten können: Auf dich harrt still der Lobgesang, d. i. die lobsingende Gemeinde, dass du dich gnädig zu ihr wenden mögest. Allein im Grunde würden sich Subjekt und Prädikat in diesem Satze doch ausschließen. Die LXX und der Syrer übersetzen: Dir gebührt Lobgesang, was allein einen natürlichen und zum Parallelgliede passenden Sinn gibt. - Nach Prof. Friedrich Baethgen 1892.

Auf dich richtet sich Stillesein (vertrauens- und ergebungsvolles Schweigen, Ps. 62,2) als Loblied, o Gott, in Zion. "Lob" ist Beifügung, auch nach den hebräischen Akzenten. Die Zusammenstellung "Schweigen als Loblied" ist sehr paradox und hat doch ihre volle Wahrheit. Was kann Gott mehr preisen als vertrauensvolles Stillesein? Vergl. 2. Mose 14,14; Jes. 30,15. Das Dir des Grundtexts besagt: dir gehört zu, dir wird zuteil, wie der Parallelismus im folgenden Versglied lehrt. Besagt V. 2a: Dir wird Vertrauen geschenkt, so V. 2b: Dir wird für gerechtfertigtes Vertrauen gedankt. Prof. Fr. W. Schultz 1888.

V. 3. Das ist einer der Ehrentitel Gottes, dass er der Gebetserhörer ist. Er weist nie ein Gebet zurück, das den Namen verdient, so schwach und unwürdig der Beter auch sein mag. Alles Fleisch darf zu ihm kommen. Wird er denn, spricht der Glaube, etwa mein Gebet allein zurückweisen? Es ist allzumal ein Herr, reich über alle, die ihn anrufen (Röm. 10,12). Du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen (Ps. 86,5). Er ist ein Vergelter denen, die ihn suchen (Hebr. 11,6). Das sollen wir so sicher glauben, wie dass Gott ist. So gewiss Gott der wahre Gott ist, so gewiss ist auch, dass nie jemand, der ihn ernstlich gesucht hat, unbelohnt von ihm gegangen ist. Er gibt einfältiglich jedermann und rücket’s niemand auf (Jak. 1,5). David Clarkson † 1686.

Dass Gott die Gebete der Seinen erhören will, wird erhellt aus folgenden Betrachtungen. 1) Alle, die aus Gott geboren sind, haben in sich einen übernatürlichen instinktiven Gebetstrieb. (Gal. 4,6) Es ist für sie, wenn Gottes Gnade ihre Herzen berührt hat, so natürlich zu beten, wie es für die Kinder natürlich ist, zu schreien und nach der Mutterbrust zu verlangen, sobald sie zur Welt geboren sind. Man vergleiche, wie Apg. 9,11 von Paulus als Zeichen seiner Bekehrung hervorgehoben wird: Siehe, er betet. 2) Es ist ein hervorragender Teil des Mittlerwerkes Christi, dass er die Gebete der Seinen vor den Vater bringt und fürbittend für sie eintritt. 3) Gott hat in seinen Verheißungen seine Treue darauf verpfändet, dass er Gebete erhören will, z. B. Mt. 7,7; Jes. 65,24. 4) Die Schrift ladet uns auf die mannigfaltigste Weise ein, mit unseren Anliegen vor den HERRN zu kommen. Gott sendet seinen Kindern sogar Trübsale, um sie dazu zu drängen, ihn zu suchen. (Hos. 5,15.) Er gibt ihnen gewisse Hoffnung des Erfolgs (Ps. 50,15), mag ihre Not auch aufs Äußerste gekommen sein (Jes. 41,17). Er zeigt ihnen, dass sie, mag er auch zu ihrer Erprobung noch so lange mit der Hilfe verziehen, doch zuletzt durchdringen werden, wenn sie im Beten nicht lasch werden. (Lk. 18,7 f.) 5) Das Wesen Gottes selbst sowie die nahe Beziehung, in der er zu seinem Volke steht, verbürgen die Erhörung. Es gebricht ihm nicht an Macht und Vermögen, die heiligen Wünsche der Seinen zu erfüllen; und er ist gütig und wird ihnen kein Gutes, dessen sie wirklich bedürfen, vorenthalten. Er hat ein väterliches Herz voll Mitleid gegen sie, hat die Liebe einer Mutter gegen den Säugling an ihrem Busen. Wer sie antastet, der tastet seinen Augapfel an. Er weigert ihnen nie eine Bitte, es sei denn zu ihrem Besten. 6) Die Heiligen aller Zeiten haben es erfahren, dass Gott Gebet erhört. 7) Noch eins, woraus wir schließen können, dass Gott Gebet erhören will, ist die augenblickliche Erleichterung und Stillung des Herzens, welche das Gebet oft den Gläubigen gewährt, während die volle Antwort auf das Gebet noch nicht gekommen ist. (Ps. 138,3.) Thomas Boston † 1732.

Alles Fleisch. Mit Fleisch ist der Mensch in seiner Schwachheit und Bedürftigkeit bezeichnet. J. J. Stewart Perowne 1864.

V. 4. Haben Fälle von Missetat mich übermannt. (Grundtext) Das Wort yr"b:dIi ist hier so wenig wie Ps. 35,20; 105,27; 145,5, vergl. 1. Samuel 10,2; 2. Samuel 11,18 f. bedeutungslos: es zerlegt den Tatbestand in seine einzelnen Fälle und Umstände. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Die Verschuldungen überwältigen uns, d. h., sie sind uns zu stark, als dass wir sie verleugnen oder ihre Anklage widerlegen könnten; sie unterwerfen uns der Forderung gebührender Strafe. Es bleibt daher keine andere Zuflucht als die Barmherzigkeit Gottes. Ps. 143,2; 130,3 f. Prof. Hermann Venema † 1787.

Du bedeckest sühnend unsere Übertretungen: das Du ist betont, gleichsam um die Überzeugung auszudrücken, dass Gott allein solches tun könne. J. J. Stewart Perowne 1864.

Die heiligen Männer Gottes hatten keinen anderen Grund der Hoffnung für die Vergebung der Sünden als den, auf welchen sich auch das geringste Glied des Volkes Gottes stützt. Denn David stellt sich wohl beim Bekennen der Sünde allein hin vor alle andern: Meine Verschuldungen haben mich überwältigt; aber in der Hoffnung auf Gottes Vergebung schließt er sich mit dem ganzen Volke Gottes zusammen: Unsere Übertretungen - Du sühnest sie. David Dickson † 1662.

V. 5. Wohl dem. Man vergleiche die bisherigen Seligpreisungen des Psalters. Sie nehmen an geistlicher Tiefe zu. Die erste pries den selig, der sich in Gottes Wort vertieft, Ps. 1,1. Die zweite beschrieb den Begnadigten, Ps. 32,1. Die dritte und vierte priesen das Vertrauen auf den HERRN, Ps. 34,9 und Ps. 40,5. Die fünfte bezog sich auf den sich in Taten der Barmherzigkeit erweisenden Glauben, Ps. 41,2. Die vorliegende steigt zu dem Urquell aller Seligkeit, der göttlichen Erwählung, auf. C. H. Spurgeon 1872.

Dieser heilige Prophet hält es aus der Maßen hoch und teuer, wem die Gnade geschieht und so gut kann werden, dass er möge kommen zu Gottes Hause oder Kirche, oder auch in seine Höfe. Nun war zu der Zeit, weil der König David lebte, Gott noch kein Haus oder Tempel gebauet, ohne dass die Hütten Mosis dastund mit der Lade und Gnadenstuhl, dazu an keinem steten Orte, wiewohl er damit umging, einen köstlichen Tempel zu bauen und großen Vorrat dazu schaffete; es ward ihm aber gewehret, bis auf seines Sohnes Salomons Regiment. Noch fähret er zu aus rechter voller großer Freude und Dankbarkeit und nennet den Ort, da Gott wohnet, ein Schloss oder Tempel oder Gottes Haus und Gottes Hof, und war doch eine geringe Hütte, nur zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit, ohne Fenster und stets finster, ohne dass sie umher einen offenen Raum hatte, hundert Ellen lang und fünfzig breit, als ein Kirchhof. Noch preiset er es so trefflich über alle Güter und Gnade, wo ein Mensch dazu berufen und erwählet wird, dass er mag so nahe zu ihm kommen in den Hof und Tabernakel. Nun war es doch nichts denn hölzerne Bretter und gewirkte Teppiche und ein Kirchhof ohne Mauer, aus einem Netz gezogen. Warum rühmet er es denn so hoch über alle Schlösser und königliche Gebäude, ja über aller Welt Güter und Schätze? Antwort: Er war ein Mann Gottes und voll Geistes und wusste wohl, dass Gott denselben Ort sonderlich bestimmet hatte, dass er da reden und gegenwärtig sein wollte, und wer dahin käme, dass der Gott selbst hörete, und was er da betete oder ihm gesagt würde, das sollte Ja sein und gehalten werden. Da wollte ich traun auch zulaufen, wenn ich eine solche Stätte oder Haus wüsste (ob es auch von eitel Blättern oder Spinnwebe gemacht wäre), da ich möchte hören, als von Gott selbst, was mir not zur Seligkeit wäre, und alles haben sollte, was ich bitten würde, und nicht achten, wie geringe es immer wäre. Siehe, darum rühmet und preiset der Prophet so fröhlich: Gott habe Lob und Dank, dass wir doch einen Ort haben, da Gott selbst wohnet, sein Wort prediget, und verkündiget seinen Willen, erhöret unser Gebet und hilft uns aus allen Nöten. Was wollen wir mehr haben, oder was können wir Besseres begehren? Denn wenn wir das haben, so haben wir einen höheren Schatz denn alle Könige und Fürsten, und wollen nicht viel danach fragen, ob alle Welt zürnet und alle Teufel nicht lachen. Darum mag ich billiger rühmen und sagen: O wohl dem! Welch ein seliger Mensch ist es, der zu den Gnaden kommt und so selig ist, dass er mag zu dir kommen, da du wohnest, d. i., da er dich oder dein Wort mag hören. Das ist die Herrlichkeit, der keine auf Erden zu gleichen, und nicht auszusprechen ist. Nun, das hat er so herrlich gerühmet, da es noch nicht so reichlich war, als hernach worden ist in Christo; wir aber sollten erst diesen Vers viel fröhlicher singen, und ohne Unterlass rühmen, wenn wir auch das Herz hätten, das es verstehen, und Augen und Ohren, die es sehen und hören könnten. Aber der Teufel tut uns die Schalkheit, dass wir diese Freude und unseren Schatz nicht sehen, den wir viel herrlicher haben, denn jene hatten. Denn es ist jetzt nicht mehr darum zu tun, dass man laufe gen Jerusalem oder sonst an einen einzelen Ort, sondern er hat jetzt einen andern Tempel oder Kirche gebauet, welcher Mauer gehet um die ganze Welt her. (Kol. 1,23; Ps. 19,5; Mk. 16,15) Wenn der heilige Prophet David solches erlebet und so große Ehre und Gnade gesehen hätte, er hätte sich, achte ich, zu Tode gefreut, weil er so kann rühmen, dass Gott da wohnet in dem kleinen, engen Winkel. Dass man siehet, wie ihnen die Leute haben können zunutze machen und wohl brauchen, das wir so jämmerlich verachten, die wir doch Gottes Wort so reichlich und so großes Kirchen- oder Gotteshaus haben durch die ganze Welt. Was wollen wir sagen an jenem Tage, wenn sie daher treten werden und sprechen: O hätten wir die Ehre und Gnade mögen haben, die euch geschehen ist, wie wollten wir so fröhlich gesungen und gesprungen haben, wie ihr habt mögen spüren in unseren Psalmen? Was habt ihr getan, die ihr es hattet in allen Kirchen, in allen Häusern und allen Orten? Da werden sie einmal müssen rot werden und mit allen Schanden stehen und sich selbst verdammen, die es so schändlich verachtet haben. Aber Gott behüte uns und gebe uns die Gnade, dass wir unter dem Häuflein sein, die Gottes Wort lieb und teuer halten. Martin Luther 1534.

Die Worte spielen auf die Opfer an, an denen die geweihten Personen Anteil hatten. Prof. Hermann Venema † 1787.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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