Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps73

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Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Das Ringen und Obsiegen einer durch die Rätsel des Erdenlebens schwer angefochtenen Seele kommt hier in wunderbar tiefen und hohen Tönen zum Ausdruck. Man hat den Psalm einen Lehrpsalm genannt; aber nichts liegt dem Psalmisten ferner, als eine Doktrin zu geben: er will nur aus sich heraussetzen, was ihn bewegt hat und bewegt, die Krankheits- und Genesungsgeschichte seines inneren Lebens.
Was ihn beinahe zu Fall gebracht hätte, ist das eigentliche Hauptproblem, vor welches sich die alttestamentliche Frömmigkeit gestellt sah (vergl. Hiob), während es für die neutestamentliche Gemeinde von vornherein durch Christi Tod und Auferstehung gelöst ist: die Frage nach dem Zusammenhang von Sittlichkeit und Glück, der erfahrungsmäßige Hiatus (die Kluft) zwischen dem sittlichen Verhalten und dem äußeren Ergehen der Menschen. - Der Psalmist hat zwar der Versuchung, mit seinen Zweifeln andere anzustecken, widerstanden; aber seine Bemühungen, sie zu überwinden, blieben erfolglos, bis ihm im Heiligtum Gottes die Augen aufgingen: dem Blick des Glaubens enthüllte sich ebenso das schreckensvolle Ende der Gottlosen wie der unvergleichliche Wert der Gemeinschaft mit Gott (V. 15-28). Schon das Ende der Gottlosen hatte ihm das Törichte und auch Sündhafte seiner leidenschaftlichen Zweifel zum Bewusstsein gebracht (V. 21.22); aus seinen weiteren Bekenntnissen über den Segen der Gemeinschaft mit Gott sprüht eine Glut religiöser Empfindung und eine Kühnheit des Glaubens, die sonst im Alten Testament unerreicht ist und selbst im Neuen Testament (Röm. 8) nur wenig überboten wird. - V. 24 ff. zeigen den Weg an, auf welchem die alttestamentliche Frömmigkeit dazu kam, auf ihren Höhepunkten selbst über Tod und Scheol (Totenreich) zu triumphieren: man hätte nicht versuchen sollen, den allerdings gewaltigen Satz "in Herrlichkeit wirst du mich aufnehmen" kritisch zu beseitigen oder ihn abzuschwächen. Lic. Hans Keßler 1899.

Der Psalm ist übergegangen in manche unserer innigsten deutschen Glaubensgesänge: "Von Gott will ich nicht lassen", "Wenn ich ihn nur habe", "Herzlich lieb hab ich dich, o Herr!" A. von Salis 1902.

V. 1. Dennoch. Dies Dennoch ist nur ein kleines Redeteilchen; doch sammelt man ja auch die winzigsten Goldabfälle sorgfältig, und die Perlen haben, wiewohl sie so klein sind, einen hohen Wert. Und diese Perle schillert in gar mannigfaltigem Glanze, wie die verschiedenen zulässigen Übersetzungen zeigen: Dennoch - nur gut - ja wahrlich, gut ist Gott gegen Israel. Simeon Ash 1647.

Dennoch! Der Graf Johann Georg von Mansfeld hat auf seine Fahne ein einziges kleines Wort schreiben lassen, aber ein gewaltiges, trotzigliches Wort, das Wort Dennoch! Ich weiß nicht, ob der fromme Graf dies Wort von dem Psalmsänger Asaph aus dem 73. Psalm gelernt hat oder ob der Geist der ganzen heiligen Schrift ihm dies geharnischte Wort in das Herz und auf die Fahne geschrieben hat. Denn durch die ganze heilige Schrift geht ein zwiefaches mächtiges Dennoch, ein Dennoch der Gnade und ein Dennoch des Glaubens. W. Faber.

Gott ist gut. Es liegt eine besondere Schönheit in dem Namen, den die germanischen Sprachen dem höchsten Wesen beilegen. Nur der erhabenste Name, welchen die hebräische Sprache für Gott hat, nämlich Jehova, kommt diesem an Schönheit gleich. Gott bedeutet ja: der Gute, so dass dieser Name diejenige Eigenschaft Gottes hervorhebt, welche für uns die anziehendste ist. Sharon Turner 1847.

Admiral de Coligny, der morgens und abends und auch bei jeder Mahlzeit einen Psalm zu beten pflegte, war bei der Niederlage zu Moncontras schwer verwundet worden. Ein alter Soldat, L’Estrange, gleichfalls verwundet, näherte sich der Sänfte, sah Coligny an und sprach unter Tränen ihm das eine Wort zu, mit dem im französischen Psalter der 73. Psalm beginnt: Si est ce que Dieu est trés-doux! Dieses kleine Wort, gestand später der Admiral, habe ihn fort und fort tröstend begleitet. F. Bovet 1872.

Wer nur reines Herzens ist. Wie die Keuschheit das tugendhafte Weib von der feilen Dirne unterscheidet, so unterscheidet sich der wahrhaft Fromme von dem Heuchler durch seine Herzensreinheit. Diese ist der Brillant, mit welchem nur die Auserwählten geschmückt sind. Sie gleicht dem Ordensband des Edelmannes, das als ausschließlich dem Adelsstand gehörendes Ehrenzeichen ihn von dem gemeinen Manne unterscheidet. Thomas Watson † 1660.

V. 2. Das nachdrücklich vorangestellte "Ich aber " ist zu betonen; denn der Psalmist weist damit auf die Tatsache hin, dass solche Versuchungen, welche die Ehre Gottes angreifen und den Glauben gefährden, nicht nur die gewöhnliche Klasse der Menschen ankommen oder solche, die nur ein geringes Maß von Gottesfurcht haben, sondern dass der Psalmdichter selbst, der doch vor allen andern hätte in der Schule Gottes gefördert sein sollen, sein Teil davon erlebt hatte. Damit, dass er sich so zum warnenden Beispiel hinstellt, bezweckt er, uns desto wirksamer zur Achtsamkeit gegen uns selbst aufzuwecken und anzuspornen. Jean Calvin † 1564.

Schier - beinahe - wörtlich: Es fehlte wenig - es fehlte nichts, so wäre ich gefallen, - und doch ist’s nicht geschehen. Darin tritt herrlich zutage, wie der Allmächtige die Aufrichtigen schützt und stärkt. Wiewohl wir hart versucht werden und wohl gar bis an den Rand des Abgrunds kommen, hält er uns doch, dass die Versuchung uns nicht überwältige. John Hooper † 1555.

V. 3 ff. Dass sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben gottlose und ungerechte Menschen so wohl gedeihen, die, wiewohl sie in Wirklichkeit kein glückliches Leben führen, doch von der öffentlichen Meinung für sehr glücklich gehalten werden, wie sie denn auch in den Werken mancher Dichter und in allerhand Büchern ungeziemenderweise gepriesen werden, das mag euch - und ich wundere mich gar nicht über euren Irrtum - zu der Meinung verleiten, als kümmerten sich die Götter nicht um die Angelegenheiten der Menschen. Diese Dinge verwirren euch. Ihr habt euch von törichten Gedanken einnehmen lassen und seid doch andererseits nicht imstande, von den Göttern schlecht zu denken, und dadurch seid ihr zu eurer gegenwärtigen Denkungsart gekommen, so dass ihr zwar glaubt, dass die Götter existieren, aber meint, sie verachteten und vernachlässigten die Angelegenheiten der Menschen. Philosoph Plato † 384 v. Chr.

Wer hätte die Tiere um die Kränze und Schleifen beneiden wollen, mit welchen sie von den Heiden vor alters geschmückt wurden, wenn sie geopfert werden sollten? Diese äußerlichen Zierate, mit welchen die Gottlosen geschmückt werden, wie Gesundheit, Reichtum, Vergnügungen und irdische Vorzüge mancherlei Art, können sie nicht wirklich glücklich machen oder ihre Natur zum Besseren verändern. Welchen Schein diese Dinge auch in den Augen der Welt haben mögen, so sind sie doch nur wie ein mit schönen Blumen bedeckter ekelhafter Dunghaufen, sind in Gottes Augen so hässlich und widrig, wie es nur sein kann. Und wie schnell ist die Schönheit alles Irdischen dahin! Der Ruhm der Gottlosen steht nicht lange, und die Freude des Heuchlers währet einen Augenblick (Hiob 20,5). Sie haben eine kleine Zeit der Lust, aber eine Ewigkeit voll Jammers. John Willison † 1750.

Bekannt ist der höhnische Scherz, welchen Dionysius der Jüngere, der Tyrann von Sizilien, machte, als er mit den dem Tempel von Syrakus geraubten Schätzen eine sehr glückliche Heimreise hatte. "Seht ihr nicht," sagte er zu seiner Umgebung, "wie die Götter die Tempelräuber begünstigen?" So nehmen viele die Wohlfahrt der Ruchlosen als eine Ermutigung zum Sündigen; denn wir sind sehr geneigt uns einzubilden, dass die Bösen, weil Gott ihnen so viel von den Dingen dieser Welt gewährt, seine Zustimmung und Gunst genießen müssten. Wir sehen in unserm Psalm, wie das Wohlleben der Gottlosen den Psalmisten bis ins Herz verwundete und ihn beinahe verleitete zu denken, er könne nichts Besseres tun, als sich ihnen zugesellen und ihrer Lebensweise folgen. Jean Calvin † 1564.

Plagt dich der Neid, wenn du siehst, wie die Ruchlosen in guter Ruhe leben, so schließe die Augen, sieh nicht hin; denn neidische Augen sehen alles, worauf sie hinstarren, vergrößert. Actius Sincerus, ein Mann von seltenem Verstand und großem Ansehen, war in Gegenwart des Königs Zeuge eines Gesprächs, welches einige Ärzte darüber führten, was wohl das wirksamste Mittel wäre, das Gesicht zu schärfen. Dämpfe von Fenchel, sagten einige; der Gebrauch von Brillen, sagten andere, und so nannte der eine dies, der andere das. Ich aber, sagte er, halte den Neid für das beste Mittel. Die Herren Doktoren wunderten sich sehr, und die Zuhörer machten sich auf jener Kosten darüber lustig. Dann fuhr er fort: Lässt der Neid uns nicht alles größer und voller erscheinen? Und was könnte zweckentsprechender sein, als wenn das Sehvermögen selbst vergrößert und verstärkt wird? Thomas Le Blanc † 1669.

Als Diogenes, der Zyniker, den Harpalus sah, einen lasterhaften Menschen, der aber in der Welt sein Glück machte, erkühnte er sich zu der Behauptung, dass der ruchlose Harpalus so lange in Wohlfahrt lebe, sei ein Beweis, dass Gott es aufgegeben habe, auf die Welt achtzuhaben, und sich nicht mehr darum kümmere, wie es auf Erden zugehe. Aber Diogenes war ja ein Heide. Doch haben aus eben der Ursache manchmal die Lichter im Heiligtum trüb gebrannt, manche Sterne nicht geringer Größe geflackert, Menschen von hervorragenden Gaben, unter ihren Zeitgenossen berühmt wegen ihrer Frömmigkeit, in ihrem Urteil gewankt, weil sie sehen mussten, wie die Gottlosen blühen und gedeihen. Es brachte den Hiob zum Klagen und Jeremia zum Rechten mit Gott; und der Psalmdichter war sogar nahe daran, deswegen den Glauben fahren zu lassen. John Donne † 1631.

V. 4. Sie haben keine Qualen. (Grundtext) Das hebräische Wort von zusammenschnüren, daher Jes. 58,6 "Knäuel", wird in gleichem Sinne wie das lateinische tormenta (von torquere, zusammendrehen) von konvulsivisch zusammenziehenden Schmerzen zu verstehen sein. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Es mögen Menschen wie Lämmer sterben und doch ihren Platz aus ewig bei den Böcken haben. Matthew Henry † 1714.

V. 5. Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute; denn Gott hat sie dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste (Röm. 1,24), nach dem Gesetz: Wer unrein ist, der sei fernerhin unrein (Off. 22,11). Sie gleichen einem Kranken, dem ein vernünftiger Arzt nichts mehr verbietet, weil seine Krankheit doch unheilbar ist. Probst Gerhoch von Reichersberg † 1169.

V. 6. Sie rühmen sich ihrer Schande. Plato sagt von Protagoras, dem Sophisten aus Abdera, er habe sich gerühmt, von seinen sechzig Lebensjahren vierzig darauf verwandt zu haben, die Jugend zu verderben. Sie prahlen mit solchem, das sie beweinen sollten. George Swinnock † 1673.

V. 7. Ihre Augen glotzen aus dem Fett hervor. (Grundtext) Am Anblick erkennt man einen Mann, sagt der Sohn Sirachs (Sir. 19,26 [29]). Zornige Leute, Lüstlinge, Schwermütige, Listige usw. tragen oft ihre Gemütsart und ihre herrschenden Leidenschaften stark auf dem Gesicht ausgeprägt; am deutlichsten aber schaut die Seele eines Menschen aus den Augen heraus. Bischof George Horne † 1792.

V. 8. Und reden boshaft Unterdrückung. (Wörtl.) Wir sehen in der Tat, dass gottlose Menschen, wenn ihnen eine Zeit lang alles nach Wunsch geraten ist, alle Scham abwerfen und sich gar keine Mühe geben, es zu verbergen, wenn sie im Begriff stehen, Unrecht zu begehen, sondern ihre eigene Schändlichkeit laut verkündigen. "Was!" sagen sie, "steht es nicht in meiner Macht, dir alles zu nehmen, was du hast, ja sogar dir den Hals abzuschneiden?" Gemeinde Räuber tun allerdings dasselbe; aber dann verstecken sie sich vor Furcht. Diese Riesen aber, oder besser gesagt, diese Ungeheuer, von welchen der Psalmist spricht, bilden sich nicht nur ein, sie hätten sich keinem Gesetz zu unterwerfen, sondern vergessen ganz, dass sie auch nur schwache Menschen sind, und schnauben und schäumen in ihrer Wut, als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen gut und böse, zwischen Recht und Unrecht. Jean Calvin † 1564.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Erläuterungen und Kernworte

V. 9. Und ihre Zunge ergeht sich oder geht um auf Erden. (Grundtext) Das deutet die grenzen- und schrankenlose Beweglichkeit und Unruhe ihrer Zunge an. Diese Menschen schonen niemand, wer und was er auch sei. Haben sie es mit Armen und Geringen zu tun, so reden sie davon, wie sie sie zu Boden bringen und bedrücken wollen; widersteht ihnen jemand, so besprechen sie sich zu gewalttätiger Unterjochung. Begegnen sie auf ihren Wanderungen über die Erde der Wahrheit, so schwärzen sie sie mit Lügen an; kommt ihnen die Unschuld in den Weg, so brandmarken sie sie mit falschen Anschuldigungen und empfindlichen Verleumdungen; treffen sie irgendwo eine streng rechtliche Regierung und gute Gesetze, so rufen sie: "Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile!" Finden sie irgendwo ernste Frömmigkeit, so benennen sie sie Sektiererei oder Aberglauben; finden sie Geduld, so missdeuten sie sie als Starrsinn und Störrigkeit; kommen sie mit der Gemeinde Gottes in Berührung, so denken sie aus nichts Geringeres, als sie zu vertilgen, und schreien: "Wir wollen die Häuser Gottes einnehmen" (Ps. 83,13). Stoßen sie auf Gedanken an eine Auferstehung und auf Zukunftshoffnungen, so rufen sie: "Lasst uns essen und trinken, wir sterben doch morgen" (Jes. 22,13). Kein Winkel bleibt von ihrer Lästerzunge undurchsucht. So wandeln sie über die Erde, aber gegen den Himmel richten sie ihr Maul: da stehen sie still, nehmen festen Stand und schleudern ihre Lästerungen gegen diesen Punkt als das vornehmste Ziel, das sie im Auge haben. Bischof Edward Parry 1660.

V. 11. Gewisse Leute mögen glauben, dass es einen Gott gibt, und dennoch die Wahrheit seiner Drohungen bezweifeln. Die Gedanken, welche die Leute sich von Gott machen, so wie es ihren Neigungen entspricht, so dass sie meinen, er sei gleich wie sie (Ps. 50, 21) - diese Gedanken sind Dämpfe und Nebel aus dem Abgrund der Gottentfremdung, und da das Herz ohnehin arglistig ist mehr als alles und bösartig (Jer. 17,9 wörtl.), wieviel vermessener wird seine Bosheit werden, wenn es sich zu solchen Gedanken versteigt: Wie sollte Gott wissen und Erkenntnis sein beim Allerhöchsten? Wenn Menschen solchen Gedanken Raum geben, welche vernünftigen Vorstellungen werden dann noch etwas bei ihnen vermögen? Alle Drohungen der heiligen Schrift verlachen sie als Schreckgespenster und erbärmliche Kunstgriffe, von den Pfaffen erfunden, um die Leute in dummer Furcht zu halten. Richard Gilpin † 1699.

V. 14. Und bin geplagt täglich usw. Wer seine Wege und Gottes Verhalten gegen ihn aufmerksam beobachtet, dem wird selten ein Tag vorübergehen, an dem er nicht auf die eine oder andere Weise die Zuchtrute spürt; aber wie unserm Blick aus Mangel an Aufmerksamkeit so viele Gnadenerweisungen entgehen, so auch gar manche Heimsuchungen. Joseph Caryl † 1673.

"Der Weg zum Himmel führt durchs Kreuztal," hat ein Märtyrer gesagt, und ein anderer: "Wer in den Himmel reiten will, der muss es auf dem Kreuzholz tun." Von der Königin Elisabeth von England hat man gesagt, sie sei durch ein Meer von Kummer zur Krone geschwommen. Wer zum Himmel segeln will, muss an den Pforten der Hölle vorbei, wer ein Ritter vom göttlichen Orden werden will, muss zum Ritterschlag hinknien, und wer zu der engen Pforte hinein will, muss sich hindurchzwängen. Um zur Hölle zu gehen, braucht man keinen Wanderstab; der Weg ist eben und mit Rosen bestreut; man braucht sich nur einfach dem Bösen hinzugeben, so fällt man von Sünde zu Sünde, kommt von bösen Gedanken zu bösen Handlungen, von bösen Handlungen zu bösen Gewohnheiten, und so geht es immer tiefer hinab. Aber zum Himmel dringen, hic labor, hoc opus est, opus non pulvinaris, sed pulveris, das ist ein schweres Werk, das nicht auf dem Ruhepolster, sondern auf heißem Schlachtfeld vollbracht wird. John Trapp † 1669.

V. 17. Ein Einsiedler, der innerlich stark angefochten war und sich über das Walten der göttlichen Vorsehung gar nicht beruhigen konnte, beschloss, von Ort zu Ort zu ziehen, bis er jemand gefunden habe, der ihm auf seine Fragen befriedigende Antwort gebe. Auf dem Wege gesellte sich ihm ein Engel bei in Gestalt eines Mannes; der sagte ihm, er sei von Gott gesandt, um ihm aus einen Zweifeln zurechtzuhelfen. Die erste Nacht blieben sie in dem Hause eines sehr gottseligen Mannes; sie brachten die Zeit mit Gesprächen über den Himmel und mit Lobpreisen Gottes zu und wurden mit großer Freigebigkeit und Freude bewirtet. Als sie aber am Morgen weiterzogen, nahm der Engel einen großen goldenen Becher mit. Am folgenden Abend kamen sie zu dem Hause eines andere frommen Mannes, der sie auch herzlich willkommen hieß und sich über ihre Gesellschaft und ihre Gespräche höchlich erfreute; trotzdem tötete der Engel, als sie aufbrachen, ein Kindlein in der Wiege, den einzigen Sohn des Mannes, der viele Jahre kinderlos gewesen war und darum an diesem seinem einzigen Kinde mit besonderer zärtlicher Liebe hing. Am dritten Abend kamen sie zu einem Hause, wo sie gleiche Gastfreundschaft wie zuvor fanden. Der Hausherr hatte einen Verwalter, den er sehr hoch hielt, und er konnte seinen Gästen nicht genug rühmen, wie glücklich er sich schätze, einen solchen treuen Diener zu haben. Am Morgen gab er ihnen denselben ein Stück Weges mit, damit er sie zurechtweise. Als sie über eine Brücke gingen, stieß der Engel den Verwalter in den Fluss, so dass er ertrank. Am letzten Abend ihrer Reise kamen sie zu dem Hause eines sehr gottlosen Mannes, wo sie sehr unfreundliche Aufnahme fanden; dennoch schenkte der Engel dem mürrischen Wirt am andern Morgen den goldenen Becher. Nun fragte der Engel den Einsiedler, ob er diese Dinge verstehe. Er gab zur Antwort, seine Zweifel an der Vorsehung seien gewachsen, nicht geschwunden; denn er könnte schlechterdings nicht begreifen, warum der Engel mit jenen gottseligen Leuten, die sie mit solcher Liebe und Freude aufgenommen hätten, so unbarmherzig verfahren sei, dagegen dem gottlosen Menschen, der sie so unwürdig behandelt habe, ein solches Geschenk gegeben habe. Darauf sagte der Engel: "Ich will dir das jetzt alles erklären. In dem ersten Hause, wo wir Herberge nahmen, war der Hausherr ein wirklich frommer Mann; er pflegte aber jeden Morgen aus jenem Becher zu trinken, und da dieser zu groß war, machte ihn das einigermaßen unfähig zur Erfüllung seiner heiligen Pflichten, doch nicht so stark, dass andere oder er selbst es gemerkt hätten. So nahm ich ihm denn den Becher weg, da es offenbar für ihn besser ist, den goldenen Kelch zu verlieren als seine Mäßigkeit. Der Vater der Familie, in welcher wir die zweite Nacht zubrachten, war sehr dem Gebet und frommer Betrachtung ergeben, solange er kinderlos war; er verwandte viel Zeit auf gottesdienstliche Übungen und war sehr freigebig gegen die Armen. Sobald er aber einen Sohn hatte, hängte er sein Herz so an das Kind und verwandte so viel Zeit darauf, mit ihm zu spielen, dass er seine frommen Übungen sehr vernachlässigte und auch den Armen nur wenig mehr gab, indem er meinte, er könne für sein Kind nicht genug beiseite legen. So habe ich denn das Kind in den Himmel gebracht und ihn allein gelassen aus Erden, damit er Gott wieder treuer diene. Der Knecht, den ich ertrinken ließ, hatte sich vorgenommen, in der nächsten Nacht seinen Herrn umzubringen. Und was den gottlosen Mann betrifft, dem ich den goldenen Becher schenkte, so wird er ja in der andern Welt nichts haben; ich gab ihm daher etwas als Besitz in dieser Welt, das sich ihm übrigens als eine Schlinge erweisen wird, denn er wird dadurch noch unmäßiger werden, - denn wer unrein ist, der sei fernerhin unrein."12 Erzbischof Thomas Bradwardine † 1349.

Die Vorsehung ist oft geheimnisvoll und eine Quelle banger Unruhe für uns. Als ich eines Tages im Hydepark in London spazieren ging, sah ich ein Stück Papier auf dem Rasen liegen. Ich hob es auf: es war ein Stück eines Briefes. Der Anfang fehlte, ebenso war der Schluss nicht vorhanden; daher konnte ich nicht daraus klug werden. Geradeso geht es uns mit der Vorsehung: wir können weder den Anfang noch das Ende sehen, sondern nur ein Bruchstück. Wenn wir einst das Ganze überblicken können, dann wird sich das Geheimnis enthüllen. Thomas Jones 1871.

V. 18. Du setzest sie aufs Schlüpfrige. Hierbei muss man aber den heiligen Gott nicht beschuldigen, als ob er an der Gefahr und dem Untergang der Gottlosen schuldig sei. Er setzt sie aufs Schlüpfrige, weil sie es mit Gewalt so haben wollen. Sie reißen Ämter an sich, zu deren rechter Verwaltung sie weder Treue noch Gaben haben. Sie sammeln mit einem geizigen Bestreben einen Reichtum, zu dessen guter Anwendung weder ein guter Wille noch ein guter Verstand bei ihnen ist. Sie heiraten nach ihrer Lust und verwickeln sich dadurch in Schlingen, welche sie in die Sünde und Hölle hineinziehen. Sie mengen sich in Geschäfte, welche man nicht anders als durch schlimme Ränke durchsetzen kann. Sie schwingen sich in eine Gewalt hinein und haben keine Fähigkeit, dieselbe mäßiglich zu gebrauchen. Alles dieses unternehmen sie ohne Gott. Sie fragen ihn nicht im Gebet. Sie empfehlen ihm ihre Wege nicht. Sie merken nicht auf seine warnenden und unterweisenden Winke. Sie fahren durstiglich (vermessen) zu und versuchen Gott, da dann Gott sie auch in Versuchung führt und sie durch seine zulassende und mit Zorn vermengte Vorsehung auf das schlüpfrige Eis setzt, nach welchem sie mit Gewalt streben. Kein Gottloser wird Gott deshalb an jenem Tage beschuldigen, weil einem jeden sein Gewissen sagen wird, er habe sich sein schlüpfriges Eis selber gewählt und Gott sei nach vorhergegangenen treuen Warnungen nicht schuldig gewesen, sein Vornehmen mit Gewalt zu hindern. Besser ist’s, wenn man mit Asaph sagt: Du, o Gott, leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an (V. 24). Prälat M. Fr. Roos 1782.

Die Türken haben in Anbetracht des meist unglücklichen Endes der Veziere (hoher Staatsbeamter) das Sprichwort: "Wer ein hohes Amt hat, ist eine Statue von Glas." George Swinnock † 1673.

V. 19. Und wenn du so lange lebtest wie Methusalem und deine ganze Lebenszeit mit nichts anderem als lauter Vergnügungen zubrächtest (was noch kein Mensch hat tun können), am Abend deines Lebens aber in der ewigen Pein und dem unauslöschlichen Feuer Wohnung nehmen müsstest, wären diese Ergötzungen wohl ein Gegenwert für die ewige Glut? Ein englischer Kaufmann, der in Danzig lebte, jetzt aber in Gott ruht, erzählte mir das folgende Geschichtchen, das als wahr verbürgt werden kann: Einer seiner Freunde, der ebenfalls Kaufmann war, besuchte, aus welchem Grunde weiß ich nicht, ein Kloster und speiste mit etlichen der Mönche. Er wurde aufs feinste bewirtet und bestens unterhalten. Als das Mahl beendigt war und er sich im Kloster alles besehen hatte, rühmte der Kaufmann gegen die Mönche, welch angenehmes Leben sie doch hätten. "Ja," erwiderte ihm da einer der Klosterbrüder, "wir leben allerdings recht angenehm; hätten wir nur jemand, der für uns in die Hölle ginge, wenn wir sterben!" Giles Firmin † 1697.

V. 20. Der Sinn der Worte ist nicht leicht zu verstehen, scheint aber von Shakespeare gut durchschaut worden zu sein, der den soeben zum König gewordenen Prinzen Heinrich V. zu seinem ehemaligen Günstling Falstaff sagen lässt:

Ich träumte lang von einem solchen Mann,
So aufgeschwellt vom Schlemmen, alt und ruchlos;
Doch nun erwacht, veracht’ ich meinen Traum.
- Shakespeare, König Heinrich der Vierte, letzte Szene.

V. 21. Und es mich stach in meinen Nieren. Vor allen anderen Eingeweiden sind es die zu beiden Seiten der Lendenwirbel an der hintern Bauchwand gelegenen Nieren, deren die Schrift um so häufiger und in psychisch bedeutsamer Weise gedenkt. Mit ihnen bringt sie die zartesten und innigsten Empfindungen mannigfaltiger Art in Verbindung. Wenn dem Menschen tief innerlich wehe ist, so stechen ihn seine Nieren (Ps. 73,21); wenn ihn aufreibende Trübsal überkommt, so werden sie gespalten (Hiob 16,13, vergl. Klgl. 3,13); wenn er sich tief innerlich freut, so frohlocken sie (Spr. 23,16); wenn er sich tief innerlich gemahnt fühlt, so züchtigen sie ihn (Ps. 16,7); wenn er sich tief innerlich sehnt, so verschmachten sie in seinem Schoße (Hiob 19,27); wenn er tief innerlich ergrimmt, so erzittern sie (1. Makkabäer 2,24). Als allwissender und alles durchwirkender Kenner der geheimsten Verborgenheiten des Menschen heißt Gott von Ps. 7,10 an bis zur Apokalypse häufig Prüfer der Herzen und Nieren13, und von dem Gottlosen heißt es, dass Gott fern von ihren Nieren Jer. 12,2, d. h. dass er, auf sich selbst zurückgezogen, sich ihm nicht zu empfinden gibt. Bibl. Psychologie, S. 268 f. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 22. Ich war wie ein Tier vor dir. Ich ließ mein Gemüt ganz von sinnlichen Dingen einnehmen, wie die Tiere, die der Vernichtung anheimfallen, schaute nicht auf den Stand der Dinge in der Zukunft und unterwarf mich nicht den weisen Absichten der unfehlbaren Vorsehung, ja sann nicht einmal über sie nach. Adam Clarke † 1832.

Unter den vielen Beweisen, welche dartun, dass die Schriftsteller der Bibel von Gottes Geist inspiriert waren, ist dieser nicht der letzte und geringste, dass sie ihre eigenen Fehler sowie die ihrer Nächsten und Liebsten berichten. Wie grob spricht zum Beispiel der Psalmdichter hier von sich. Und meint ihr, das Angesicht St. Pauli sehe hässlicher aus, weil er es mit seinem eigenen Griffel so gezeichnet hat: Ich war ein Mörder, ein Verfolger, der vornehmste Sünder usw.? Das ist bei den menschlichen Schriftstellern nicht üblich; die rühmen sich vielmehr, so stark sie nur können, und eher, als dass sie einen Tropfen Beifalls verlieren sollten, würden sie ihn mit der Zunge vom Boden auflecken! Cicero schreibt sehr weitläufig von den guten Diensten, welche er dem römischen Staat geleistet habe, sagt aber kein Wort von seiner Habsucht, von seiner Begierde nach öffentlichem Beifall, von seinem Stolz und eitlen Ehrgeiz. Wie sticht davon ab, dass Mose die Sünde und Züchtigung seiner leiblichen Schwester, den Götzendienst und Aberglauben seines Bruders Aaron und seine eigene Verfehlung durch das Schlagen des Felsens, wofür er vom Gelobten Lande ausgeschlossen ward, berichtet. Thomas Fuller † 1661.

Fußnoten
12. Eine Variation dieser Parabel siehe in dem Traktätchen: So sind die Wege Gottes, Christ. Kolportageverein, Baden.

13. In Weisheit 1,6 werden Nieren, Herz und Zunge wie Empfindungen, Gedanken und Worte nebeneinander gestellt. (Delitzsch).
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Erläuterungen und Kernworte

V. 23. Man beachte, wie der Psalmist sich seines persönlichen Anteils an Gottes Fürsorge und Liebe bewusst war, und das mitten in schwerer Trübsal, da Leib und Seele ihm beinahe verschmachteten, auch trotz manchen verkehrten Gedanken, die eben erst vorübergegangen waren, und unter dem Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit und Torheit. O Brüder, es ist ein köstlich Ding, solchen Glauben zu haben! Charles Bradley 1838.

V. 24. Wir brauchen auf unserer Wanderschaft zum Himmel nicht nur ein Wanderbuch und einen Weg, sondern auch einen Führer. Unser Wanderbuch ist das Gesetz Gottes, der Führer aber ist der Geist des HERRN. Thomas Manton † 1677.

V. 25. Die Heiligen sehen mehr auf Gott als auf alles, das Gottes ist. Sie sagen: Non tua, sed te - wir begehren dich, nicht das Deine, nichts von dem Deinen so wie dich. Wenn Gott ihnen sagen wollte: "Hier habt ihr den Himmel, teilt euch darein, ich aber will mich zurückziehen," sie würden über solchen Himmel weinen und ihn zu einem Tränental machen. Man vergleiche als Bild die Gesinnung Mephiboseths gegen David, 2. Samuel 19,31 [30]: Ziba nehme den Acker auch gar dahin, nachdem mein Herr König mit Frieden heimgekommen ist (und ich wieder an seinem Tische essen darf, V. 29). Joseph Caryl † 1673.

Gotthold ward an einem Orte zur Mahlzeit gebeten, wobei ihm Hoffnung gemacht ward, dass er einen seiner liebsten Freunde, mit dem er vor andern gern umging, auch daselbst finden würde. Als er nun sich einstellte, fand er, dass sein vermuteter Freund wegen eingefallner Hindernisse ausgeblieben war, worüber er voll Unmuts ward und sich bei solchem Mahl wenig fröhlich bezeigen konnte. Er geriet aber darüber in folgende Gedanken: Einer gottseligen Seele, die den Herrn Jesum herzlich liebt und nach ihm ein brünstiges Verlangen hat, der geht es eben wie mir jetzt. Sie sucht ihren Freund an allen Orten, in allen Dingen, in allen Begebenheiten. Findet sie ihn, wer ist fröhlicher als sie? Findet sie ihn nicht, wer ist trauriger als sie? Ach, mein Herr Jesu, du getreuster Freund meiner Seele! Du bist’s, den meine Seele liebt, denn Du bist’s, der meine Seele liebt. Meine Seele sucht dich, mein Herz sehnt sich nach dir! Was soll mir die Welt mit all ihrer Lust, Pracht, Macht und Herrlichkeit, wenn ich dich nicht darin finde? Was soll mir die niedlichste Speise, der lieblichste Trank, die lustigste Gesellschaft, wenn du nicht dabei bist, wenn ich nicht meinen Bissen in deinen Wunden feuchte, wenn nicht deine Gnade meinen Trunk gesegnet und süß gemacht, wenn du nicht mit meiner Seele freundlich redest? Fürwahr, mein Erlöser, wenn ich sollte im Himmel sein und fände dich im Himmel nicht, so würde ich den Himmel für keinen Himmel achten. Drum, mein Herr Jesu, wenn ich dich mit Tränen, mit Seufzen, mit Flehen, mit Händeaufheben, mit Verlangen, Harren und Hoffen suche, so verbirg dich nicht, sondern lass mich dich finden. Denn, Herr, wenn ich nur dich habe usw., V. 25 f. Christian Scriver 1671.

V. 23-26. Nachdem Gott einmal ihn bei der Rechten erfasst und ihn der Gefahr des Fallens (V. 2) entrissen, hält er sich umso fester an ihn und will seine stetige Gemeinschaft mit ihm nicht wieder durch solche gottentfremdende Anwandlungen durchbrechen lassen. Zuversichtlich gibt er sich der göttlichen Leitung hin, wenn er auch nicht das Geheimnis des Planes dieser Leitung durchschaut: er weiß, dass ihn Gott nachher, d. i. nach diesem dunkeln Glaubenswege, annehmen, d. i. zu sich nehmen und allem Leiden entnehmen wird in Ehren. In dem "nachher" fasst der Dichter, was seiner am Ziele der diesseitigen göttlichen Führung wartet, in einem Gesamtblick zusammen. Die Zukunft ist ihm dunkel, aber durch die gewisse Zuversicht gelichtet, dass sein jenseitiger Weg nicht hinab, sondern hinauf gehen (Spr. 15,24, vergl. 12,28) und dass der Ausgang seines irdischen Daseins eine herrliche Rätsellösung sein wird. Es ist hier wie anderwärts der Glaube, welcher nicht nur das Dunkel des Diesseits, sondern auch die Nacht des Hades (des Totenreichs) durchbricht. Ein Gotteswort vom himmlischen Triumphe der diesseits streitenden Gemeinde war damals noch nicht vorhanden; aber für den Glauben hatte der Jahve-Name schon eine über den Hades hinaus in ein ewiges Leben hineinreichende durchsichtige Tiefe. Der Himmel der Seligkeit und Herrlichkeit ist auch nichts außer Gott; sondern wer Gott in Liebe sein nennen kann, der hat den Himmel auf Erden, und wer Gott nicht in Liebe sein nennen kann, der hätte nicht den Himmel, sondern die Hölle mitten im Himmel. In diesem Sinne sagt der Dichter V. 25: Wen hab’ ich im Himmel, d. i. wer wäre da ohne dich Gegenstand meiner Lust, Stillung meines Verlangens? Ohne dich ist der Himmel mit all seiner Herrlichkeit eine mich gleichgültig lassende große Öde und Leere, und mit dir, d. i. dich besitzend, hab’ ich keinen Gefallen an der Erde, weil dich mein zu nennen alles Besitztum und alle Lust der Erde unendlich überragt. Himmel und Erde mit Engeln und Menschen gewähren ihm keine Genüge - sein einiger Freund, seine einige Lust und Liebe ist Gott. Die Gottesliebe, welche David Ps. 16,2 in dem kurzen Wort ausspricht: "Herr, Du bist’s, du bist mein höchstes Gut," entfaltet sich hier in unvergleichlicher mystischer Tiefe und Schönheit. Luthers Übersetzung zeigt seine Meisterschaft; nach ihr singt die Kirche in ihrem "Herzlich lieb hab ich dich": "Die ganze Welt nicht erfreuet mich, Nach Himmel und Erden frag ich nicht, Wenn ich nur dich mag haben"; nach ihr fährt sie vollkommen dem Texte unseres Psalms gemäß fort: "Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht, So bist du doch mein’ Zuversicht," oder mit Paul Gerhardt: "Du sollst sein meines Herzens Licht. Und wenn mein Herz in Stücken bricht, Sollst du mein Herze bleiben." Mag sein äußerer und innerer Mensch vergehen, dennoch bleibt Gott ewig seines Herzens Fels als der feste Grund, auf welchem er mit seinem Ich stehen bleibt, wenn alles wankt; Er bleibt sein Teil, d. i. das Besitztum, das ihm nicht entrissen werden kann, wenn er alles, selbst sein seelenleibliches Leben, verliert, und das bleibt ihm Gott auf ewig, er überdauert mit dem Leben, das er in Gott hat, den Tod des alten. Mitten in dem Naturleben der Vergänglichkeit und der Sünde hat ein an Gott hingegebenes neues Personenleben in ihm begonnen, und an diesem hat er die Bürgschaft, dass er nicht untergehen kann, so wahr als Gott nicht untergehen kann, an den es geknüpft ist. Eben das ist auch der Nerv des antisadduzäischen Beweises Jesu für die Auferstehung der Toten (Mt. 22,32). Kommentar von Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Von Joh. Abr. Strauß, Pfarrer zu Iserlohn († 1836), wird uns erzählt: Es war etwas Wunderbares um sein Predigen. Keiner merkte, wie lang er gepredigt. Er war nie müde, und seine Zuhörer wurden es auch nicht. Gegen das Ende, wo andern oft die Flügel sinken, da fuhr er mit Kraft empor. Die Gedanken strömten reichlicher, das Maß der Salbung, der andringenden Liebe nahm immer zu. So hatte er einst eine alte Frau zu beerdigen. Er nahm den Text aus dem Psalm 73, V. 25.26, und predigte von dem herrlichen Zustand einer Seele, die den Herrn hat. Darüber vergaß er völlig alle Zeit. Zwei Stunden hatte er schon gepredigt; da läutete es Mittag, und nun merkte er erst, wie lange es gedauert. Da brach er ab mit den Worten: "Der zweite Teil fehlt noch, und das ist gerade der beste." Er schaute mit selig verklärtem Gesicht die Leute an, deutete mit der Hand nach oben und sagte: "Fortsetzung folgt! Amen!" Emil Frommel 1879.

Johann Matthesius, Pfarrer zu Joachimstal, der bekannte Biograph Luthers, hielt sich kurz vor seinem Tode am 16. Sonntag nach Trinitatis i. J. 1565 selbst seine Leichenpredigt über die Geschichte vom Jüngling zu Nain. Auf der Treppe vor der Kanzel wurde er ohnmächtig; zwei Gemeindeglieder führten ihn zur Sakristei. "Ich muss nun ausspannen," sagte er, "mein Haupt wird mir schwach, ich will heim." Als seine Umgebung solches von seiner Behausung verstand und nach einem Tragstuhl suchen ging, fügte er hinzu: "Nicht da heim." Unterwegs und dann noch auf dem Sterbelager wiederholte er den Spruch: "Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil." - Nach Balth. Matthesius 1705.

Homiletische Winke

Zum ganzen Psalm. Des Gottesmannes Anfechtung und Sieg. 1) Der harte Kampf zwischen Fleisch und Geist, V. 1-15. 2) Der herrliche Triumph des Geistes über das Fleisch, V. 16-28. George Swinnock † 1673.
1) Störungen im Glaubensleben. 2) Ihre Heilung. 3) Die Nachwirkung der Kur.

V. 1. (Grundtext) Das wahre Israel, sein großes Gut und die Sicherheit desselben.
Man lege den im Text behaupteten Satz auseinander, beweise ihn und wende ihn an.
V. 1a. (Grundtext) Was das Volk des HERRN von seinem Gott erhält, ist 1) an Menge das Größte, 2) an Mannigfaltigkeit das Auserlesenste, 3) an innerem Gehalt das Köstlichste, 4) an Sicherheit das Gewisseste, 5) an Dauer das Beständigste. Simeon Ash 1642.
V. 2. 1) Wie tief ein Gläubiger fallen kann. 2) Wie tief er nicht fallen wird. 3) Was demnach zu befürchten und was nicht zu befürchten ist.
Rückblick auf frühere Fehltritte; Hinblick auf künftige Gefahren; Ausblick zur rechten Rüstung.
V. 4. nach der Übers.: Sie sind nicht in Qualen bei ihrem Sterben. Ruhiges Sterben. Der Unterschied in der Ursache dieser Ruhe bei den Frommen und den Gottlosen (Glaube - fleischliche Sicherheit). Die Unzuverlässigkeit bloßer Gefühle.
V. 4-7. Des Bastards Teil im Gegensatz zu dem Erbe des rechten Sohnes.
V. 7. Die Gefahren von Überfluss und Üppigkeit.
V. 11. So fragen offen die Gottesleugner, durch ihr Tun die Unterdrücker, im Herzen die Gleichgültigen, und auch das ängstliche Kind Gottes ist in Zeiten großer Anfechtung versucht, ähnlich zu fragen. Was veranlasst zu der Frage, und welche Gründe entscheiden endgültig die Beantwortung der Frage?
V. 12. Dieser Vers mahnt Leute, die reich werden, zu ernsten Fragen der Selbstprüfung.
V. 14. Die häufigen und manchmal beständigen Züchtigungen der Gerechten. Ihre Notwendigkeit und ihr Zweck, und der in ihnen verborgene Trost.
V. 15. Wie können wir in Anfechtungen andern Gläubigen leicht schaden? Warum sollen wir das vermeiden und wie?
V. 17. 1) Das Eingehen in Gottes Heiligtum; die Vorrechte, die man dort genießt, und wie man dahin gelangt. 2) Was ist im Heiligtum zu lernen? (Unser Text führt ein Stück an.) 3) Was soll die Wirkung davon sein?
V. 18. Der glatte Weg und der schaurige Sturz des Sünders.
1) Die Gottlosen sind stetig dem plötzlichen Verderben ausgesetzt. Wer auf schlüpfrigem Wege geht, kann jeden Augenblick hinstürzen; er kann auch nicht eine Minute voraussehen, ob er in der nächsten stehen oder stürzen wird, und wenn er fällt, so fällt er plötzlich ohne Vorwarnung. 2) Sie sind in Gefahr, von selbst zu fallen, ohne dass eine Hand sie anrührt. Wer auf schlüpfrigem Boden steht oder geht, stürzt durch das eigene Gewicht. 3) Nichts anderes hält den Gottlosen noch von dem Sturz in die Hölle zurück als das Erbarmen Gottes. Jonathan Edwards † 1758.
V. 18-20. Das Ende des Gottlosen. 1) Es ist nahe: Du setzest sie aufs Schlüpfrige. Es kann jeden Augenblick eintreten. 2) Es wird ein Gericht Gottes sein: Du stürzest sie in Trümmer. (Grundtext) 3) Es wird unerwartet kommen: Wie sind sie so plötzlich zur Wüste geworden. 4) Es wird qualvoll sein: Sie nehmen ein Ende mit Schrecken (sind durch Schrecknisse dahin). 5) Es wird hoffnungslos sein. Sie werden sich selbst überlassen sein, fern von Gott, unbeachtet und verachtet wie ein Traum nach dem Erwachen. Es findet kein weiteres Handeln statt, weder zu ihrer Rettung, noch zu ihrer Vernichtung. George Rogers 1871.
V. 20. Von Gott verschmäht: ein selbstgerechter oder prahlsüchtiger oder verfolgungssüchtiger oder krittelnder oder reicher Sünder, wenn seine Seele vor Gott gerufen wird.
V. 22. Unsere Torheit, Unwissenheit und Sinnlichkeit. Worin tun sie sich kund? Wie stellt diese Tatsache die göttliche Gnade ins Licht und wozu sollte sie uns treiben?
V. 22-25. 1) Das traurige Geständnis des Psalmisten über sein natürliches Wesen. 2) Das glaubensvolle Bekenntnis seines geistlichen Menschen. 3) Der herrliche Schluss des Ganzen.
V. 23.24. Gemeinschaft mit Gott, Bewahrung vor dem Fall, Weiterführung, Aufnahme in die Herrlichkeit: vier köstliche Vorrechte - köstlich besonders, da sie einem zuteil werden, der selbst bekennen muss, dass er von fleischlichem Eifer erfüllt, töricht, unwissend und in seinem sinnlichen Urteil einem Tier gleich gewesen sei. Man kehre die Gegensätze hervor.
V. 24. Ein Henoch ähnlicher Wandel und eine Henoch ähnliche Aufnahme in die Herrlichkeit.
V. 25. Gott des Christen bestes Teil.
Wir mögen mit Asaph Himmel und Erde durchforschen - es ist kein Glück zu finden, das der Freude an dem HERRN selbst gleichkäme. Man schildere mancherlei Güter und Freuden und zeige ihre Minderwertigkeit.
V. 26. 1) Die Klage des Psalmisten: Leib und Seele verschmachten mir. 2) Sein Trost: Du bist doch, Gott, allezeit usw. Oder: 1) des Fleisches Hinfälligkeit, 2) des Glaubens Beständigkeit. Lehranwendungen: 1) Die Unzuverlässigkeit des Menschen. Selbst auf das Herz des Edelsten und Frömmsten ist kein Verlass. Asaph war ein hervorragender und in der Gnade gereifter Mann; dennoch wäre er der Anfechtung beinahe erlegen. 2) Des Christen Trost besteht auch in der betrübtesten Lage darin, dass Gott sein Teil ist. George Swinnock † 1673.
Worauf können wir uns nimmer verlassen und worauf immer?
V. 28. Dass wir uns zu Gott halten, darin liegt unsere Weisheit, unsere Ehre, unsere Rettung, unser Friede und unser köstlichstes Gut. Thomas Watson 1660.
1) Die Stimme des Gebets: Mir ist die Nähe Gottes köstlich (wörtl.); 2) des Glaubens: Ich setze meine Zuversicht usw.; 3) des Lobpreisens: Ich verkündige usw. George Rogers 1871.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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PSALM 74 (Auslegung & Kommentar)

Überschrift

Eine Unterweisung Asaphs. Die Geschichte der leidenden Gemeinde ist stets voller Unterweisung. Indem wir sehen, wie die Getreuen in Zeiten der schwersten Trübsal auf den HERRN trauten und mit ihrem Gott im Gebet rangen, werden wir belehrt, wie wir selber uns in ähnlichen Umständen verhalten sollen. Überdies lernen wir auch, dass uns nichts Seltsames widerfährt, wenn wir von solch heißen Anfechtungen befallen werden, sondern dass wir damit einfach den Fußspuren aller Gottesstreiter folgen. - Wenn man sich nicht mit der Auskunft helfen will, der Psalm sei ein prophetischer, zum Gebrauch in vorher geschauten Trübsalen bestimmt, so muss man als Verfasser ein späteres Glied der berühmten asaphitischen Sängerfamilie annehmen oder die Überschrift deuten: Ein Lied in der Weise Asaphs. Wann der Verfasser gelebt haben mag, ob bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 (2. Chr. 36,19; Jer. 52,13) oder in der makkabäischen Zeit, wird kaum zu entscheiden sein.

Einteilung

V. 1-11 legt der Psalmdichter die Trübsale seines Volkes und die den heiligen Versammlungen angetane Schmach vor dem HERRN dar. Dann macht er frühere Entfaltungen der göttlichen Macht als Grund geltend, dass Gott jetzt seinem Volke helfen möge, V. 12-23.

Auslegung

1. Gott, warum verstößest du uns so gar
und bist so grimmig zornig über die Schafe deiner Weide?
2. Gedenke an deine Gemeine, die du vor alters erworben
und dir zum Erbteil erlöset hast,
an den Berg Zion, da du auf wohnest.
3. Hebe auf deine Schritte zu dem, was so lange wüste liegt.
Der Feind hat alles verderbet im Heiligtum.
4. Deine Widersacher brüllen in deinen Häusern
und setzen ihre Götzen drein.
5. Man siehet die Äxte obenher blinken,
wie man in einen Wald hauet;
6. und zerhauen alle seine Tafelwerke
mit Beil und Barte.
7. Sie verbrennen dein Heiligtum,
sie entweihen und werfen zu Boden die Wohnung deines Namens.
8. Sie sprechen in ihrem Herzen: Lasst uns sie plündern!
Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande.
9. Unsere Zeichen sehen wir nicht
und kein Prophet prediget mehr,
und keiner ist bei uns, der weiß, wie lange.
10. Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher schmähen
und der Feind deinen Namen so gar verlästern?
11. Warum wendest du deine Hand ab?
Zeuch von deinem Schoß deine Rechte und mach’s ein Ende.


1. Gott, warum verstößest du uns so gar? wörtl.: warum hast du uns verstoßen auf immer? Auf eine kleine Weile von dir verlassen zu werden, wäre schon hart; aber dass du dein Volk eine so lange Zeit dahingibst, dass es auf immer verstoßen scheint, ist ein unerträgliches Unglück, der Jammer alles Jammers, ein höllentiefer Abgrund von Elend. Wenn wir unter der Zuchtrute sind, können wir nichts Weiseres tun, als bitten: "HERR, zeige mir doch, weshalb du also mit mir schiltst," und wenn die Heimsuchung lang andauert, sollten wir desto eifriger forschen, was sie zu bedeuten habe. Wenn der HERR sein Angesicht vor uns verbirgt, so werden wir als letzten Grund fast immer die Sünde finden; lasst uns den HERRN bitten, uns die in dem einzelnen Fall zugrunde liegende besondere Art der Sünde zu enthüllen, damit wir sie bereuen, überwinden und fortan meiden können. Wenn eine Gemeinde in einem solchen gottverlassenen Zustande ist, darf sie das nicht mit stumpfer Gleichgültigkeit hinnehmen, sondern muss sich der Hand zukehren, die sie schlägt, und tiefgebeugt fragen, warum der HERR so handle. Doch wollen wir nicht übersehen, dass die Fragestellung unseres Textes falsch ist, denn sie schließt zwei Fehler in sich. In den Worten liegen zwei Fragen, die beide nur eine verneinende Antwort zulassen. "Hat Gott sein Volk verstoßen?" (Röm. 11,1) ist die eine, und die andere: "Wird denn der HERR ewiglich verstoßen?" (Ps. 77,8) Gott wird seiner Auserwählten niemals überdrüssig, so dass er sie mit Abscheu von sich stoßen würde, und selbst wenn sein Zorn sich wider sie wendet, geschieht es nur auf einen kleinen Augenblick und in Absicht auf ihr ewiges Heil. Der Kummer stellt in der Verwirrung absonderliche Fragen und malt sich unmögliche Schrecknisse aus. Es ist wunderbare Gnade, dass der HERR uns nicht längst weggeworfen hat, wie Menschen verschlissene Gewänder beiseite tun; aber er kann sich von seinem lieben alten Eigentum nicht trennen und hat unsägliche Geduld mit seinen Auserwählten. Und bist so grimmig zornig (wörtl.: warum raucht dein Zorn) über die Schafe deiner Weide? Sie sind ja dein Eigentum und stehen unter deiner Fürsorge, und sie sind arme, einfältige, wehrlose Geschöpfe; so erbarme dich ihrer doch, vergib ihnen und komm ihnen zu Hilfe. Sie sind ja nur Schafe, darum zürne doch nicht fort und fort mit ihnen. Es ist schrecklich, wenn der Zorn Gottes raucht; aber auch dann ist’s noch unermessliche Gnade, dass er nicht in einer verzehrenden Flamme ausbricht. Es ist naturgemäß, den HERRN zu bitten, er möge jedes Zeichen seines Zornes hinwegtun; denn für diejenigen, welche in Wahrheit seine Schafe sind, ist es überaus schmerzlich, wenn sein Missfallen auf ihnen ruht. Den Heiligen Geist reizen, ist keine geringe Sünde, und doch, wie häufig machen wir uns dessen schuldig; daher ist es kein Wunder, wenn wir uns oft unter einer dunkeln Wolke befinden.

2. Gedenke an deine Gemeine, die du vor alters erworben. Kein besseres Mittel gibt’s, den HERRN im Flehen zu überwinden, als wenn wir uns auf die Erlösung stützen. Kannst du, o Gott, das blutrote Zeichen an deinen Schafen sehen und dennoch zulassen, dass grimmige Wölfe sie zerreißen? Die Gemeinde ist kein erst frischerworbenes Besitztum des HERRN; von den Zeiten vor Grundlegung der Welt an hat Gott seine Auserwählten als durch des Lammes Blut Erworbene betrachtet; soll denn die alte Liebe erlöschen und der ewige Ratschluss dahinfallen? Der HERR hat seinem Volke eingeschärft, des Passahlammes, der mit Blut bestrichenen Türpfosten und der Niederschmetterung Ägyptens zu gedenken; sollte er selber das alles vergessen? Lasst uns ihn daran erinnern, lasst uns ihm miteinander seine Erlösungstaten vorhalten. Sollte er seine Bluterkauften verlassen, seine Erlösten preisgeben können? Kann die Erwählung ungültig werden und die ewige Liebe zu glühen aufhören? Unmöglich. Die Wunden von Golgatha und der Bund, dessen Siegel sie sind, gewährleisten das Heil der Gläubigen.
Und dir zum Erbteil (wörtl.: zum Stamm deines Eigentums) erlöset (eingelöst) hast. Ein so kräftiges und liebliches Beweismittel verdient es, wiederholt und erweitert zu werden. Des HERRN Erbteil ist sein Volk - wird er sein Eigentum verlieren wollen? Seine Gemeinde ist sein Königreich, über welches er das Zepter seiner souveränen Macht schwingt - sollte er sich seine Besitzungen entreißen lassen? Dass Gott an uns ein Eigentumsrecht hat, ist eine Tatsache, die eine Fülle des Trostes für uns in sich birgt; dass er uns wert hält, dass er über uns herrscht, dass er mit uns durch die engsten Bande verknüpft ist, das sind lauter Lichter, die unser Dunkel erhellen. Niemand wird sein Erbteil willig verlieren und kein Fürst seine Besitztitel darangeben; so sind wir denn auch überzeugt, dass der König aller Könige das, was ihm gehört, festhalten und seine Rechte gegen alle und jeden behaupten wird. An den Berg Zion, da du auf wohnest (Grundtext: gewohnt hast). Dass Jehova Zion zu dem Ort seiner besondern Offenbarung und zum Mittelpunkt des Gottesdienst gemacht hat, ist ein weiterer kräftiger Grund, den die flehende Gemeinde für die Erhaltung oder vielmehr Wiederaufrichtung Jerusalems geltend macht. Soll der geweihte Tempel Jehovas von den Heiden entweiht und der Thron des großen Königs von seinen Feinden geschändet werden? Wird der Heilige Geist es zulassen, dass unsere Herzen, in denen er Wohnung genommen hat, zu Höhlen für den Teufel werden? Hat er uns durch seine Einwohnung geheiligt und wird er doch zuletzt diesen Thron räumen? Das sei ferne!
Man beachte, dass in diesem Psalm offenbar von dem Tempel die Rede ist und nicht von dem Zelt, das zu Davids Zeiten die Bundeslade barg; die Verwüstungen, welche der Sänger hier beklagt, waren an dem Bildwerk eines soliden Gebäudes verübt worden und nicht an einem leichten Zelt. Diejenigen, welche die Herrlichkeit Gottes in Salomos unvergleichlichem Tempel geschaut hatten, mochten wohl schmerzlich trauern, als der HERR es seinen Feinden zuließ, jenen Prachtbau in eine öde Ruine zu verwandeln.

3. Hebe auf deine Schritte zu dem, was so lange wüste liegt. Die angerichtete Verwüstung war dem Beter schon lange ein Dorn im Auge gewesen, und es schien auch, als sei gar keine Hoffnung auf Wiederherstellung, als müsste das Heiligtum ewig ein Trümmerhaufen bleiben. Verwüstung herrschte darin nicht nur einen Tag oder ein Jahr, sondern mit dauernder Macht. Das ist aber ein neuer Grund, in Gott zu dringen, dass er doch bald dareinsehe. Sollte Gott die Hände in den Schoß legen und ruhig zusehen können, wie sein eigenes Land zur Wildnis, sein Palast zu einer Trümmerstätte gemacht ist? Solange er sich nicht erhob und die Stätte heimsuchte, musste der Gräuel der Verwüstung bleiben; nur seine Gegenwart konnte den Schaden heilen. Darum wird er angefleht, erhobenen Schrittes zur Erlösung seines Volkes herbeizueilen. Der Feind hat alles verderbet im Heiligtum. Jeder Stein des zerstörten Tempels schrie zum Himmel. Überall waren die Spuren ruchloser Zerstörer sichtbar; sogar das Allerheiligste legte ein trauriges Zeugnis ab von ihrer mutwilligen Bosheit. Sollte der HERR das auf unbeschränkte Dauer dulden? Muss er nicht doch endlich herbeieilen, um den Feind niederzuschlagen, der ihn ins Angesicht gehöhnt und den Thron seiner Herrlichkeit geschändet hat? Der Glaube findet in Zeiten großer Trübsal gerade darin, dass die Dinge so schlimm stehen, Bekräftigungsgründe seines Flehens; er bedient sich sogar der am Boden liegenden Steine seiner zerstörten Heiligtümer und stürmt, wenn wir so sagen dürfen, die Tore des Himmels, indem er die Trümmer mit der mächtigen Wurfmaschine des Gebets dagegen schleudert.

4. Deine Widersacher brüllten inmitten deiner Versammlungsstätte. (Grundtext). Wo die Deinen wie Engel sangen, brüllten diese Barbaren wie wilde Tiere. Wenn deine Heiligen zum Gottesdienst zusammenkommen, greifen diese grausamen Menschen sie mit der Wut raubgieriger Löwen an. Sie kennen keine Ehrerbietung auch vor den feierlichsten Versammlungen, sondern drängen sich mit ihren Lästerungen in unsere hochheiligsten Feiern ein. Wie oft hat die Gemeinde des HERRN in Zeiten der Verfolgung oder übermächtiger Irrlehre solche Sprache aus Erfahrung verstehen gelernt. Möge der HERR uns solchen Jammer ersparen! Wenn Heuchler in der Gemeinde die Überhand bekommen und ihren Gottesdienst verunreinigen, so kommt das der in unserm Psalm geschilderten Not gleich. HERR, bewahre uns vor solch schwerer Prüfung! Und setzen ihre Götzen drein, wörtl. stellten ihre Zeichen als Zeichen (des Sieges) auf. Der Feind richtete götzendienerische Wahrzeichen, wie er sie als Feldzeichen gebrauchte, über Gottes Altar aus, als höhnende Zeichen des Sieges und um damit der Verachtung gegen die Besiegten und deren Gott Ausdruck zu geben. Auch die Römischen, die Arianer und die modernen Schulen der theologischen Neuerer haben ihre Fahnen als Zeichen aufgestellt. Aberglaube, Unglaube und fleischliche Weisheit haben versucht, sich an die Stelle des gekreuzigten Christus zu drängen, zum Schmerz der Kirche Gottes. Die Feinde, welche außer den Toren stehen, fügen uns wenig Schaden zu; diejenigen, welche sich innerhalb der Kirche befinden, die sind es, welche ihr so übel mitspielen. Indem sie die Wahrheit verdrängen und den Irrtum an ihre Statt setzen, betrügen sie die Leute und führen Tausende ins Verderben. Wie der Jude ein heiliges Grauen empfand, wenn er ein Götzenbild an heiliger Stätte ausgerichtet sah, so geht es auch uns, wenn wir in einer evangelischen Kirche römische Torheiten sehen oder von Kanzeln, auf welchen einst Männer Gottes standen, Weltweisheit und leeren Trug verkündigen hören.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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5. Man siehet die Äxte obenher blinken, wie man in einen Wald hauet.1. Einst waren Männer berühmt, weil sie die Zedern des Libanon gefällt und für den Bau des Tempels zugerichtet hatten; jetzt aber findet die Axt andere Arbeit, und die Menschen sind so stolz auf ihr Zerstörungswerk, wie ihre Väter auf ihr Werk des Auferbauens. So führten in den alten Zeiten auch unsere Vorväter wuchtige Hiebe gegen die Wälder des Irrtums und ließen sich keine Arbeit verdrießen, den Bäumen die Axt an die Wurzel zu legen; aber ach, ihre Söhne scheinen gerade so fleißig zu sein, die Wahrheit zu zerstören und alles, was die Väter aufgebaut haben, niederzureißen. Ach, dass die guten alten Zeiten wiederkämen! Dass wir nur eine Stunde wieder Luthers scharfes Beil oder Calvins gewaltige Axt an der Arbeit sähen!

6. Und (Grundtext: und nun) zerhauen (sie) alle seine Tafelwerke mit Beil und Barte (Streitaxt). Die frechen Eindringlinge waren so emsig im Zerstören, wie die alten Erbauer im Aufrichten. Es war barbarisch, solch schönes Schnitzwerk in Stücke zu hauen; aber die Vandalen kannten kein Verschonen, sondern rissen alles nieder mit jedem Werkzeug, das ihnen in die Hand kam. In unseren Tagen brauchen die Leute Beil und Barte gegen das Evangelium und die Gemeinde des HERRN. Die herrlichsten Wahrheiten, viel kostbarer als das kunstvollste Schnitzwerk, werden mit den Hieben der modernen Kritik zerstückelt und zerschmissen. Wahrheiten, welche unzählige Angefochtene aufrecht erhalten und so manchen Sterbenden mit ewigem Trost gestärkt haben, werden von diesen anmaßenden Goten zerhauen, die für sehr gelehrt gelten wollen, aber nicht einmal die Anfangsgründe der Wahrheit kennen. Mit scharfem Hohn und sophistischen Gewaltstreichen zerstören sie den Glauben vieler und möchten am liebsten, wenn es möglich wäre, selbst bei den Auserwählten das Zutrauen zu der biblischen Wahrheit in Stücke bröckeln. Die Assyrer, Babylonier und Römer sind nur Vorbilder der geistlichen Feinde, welche dahin arbeiten, die Wahrheit und das Volk Gottes miteinander zu zermalmen.

7. Sie haben dein Heiligtum in Brand gesteckt. (Wörtl.) Beil und Hammer genügten nicht für das Vorhaben der Zerstörer; sie mussten es noch mit dem Feuer versuchen. Die Bosheit kennt keine Schranken. Die Leute, welche Gott hassen, kargen nie mit den grausamsten Mitteln. Noch bis auf den heutigen Tag ist die Feindseligkeit des Menschenherzens so groß wie je, und wenn Gottes Walten gewisse Mächte nicht im Zaum hielte, würden die Gottseligen auch heute noch auf Scheiterhaufen verbrannt werden. Und die Wohnung deines Namens bis zum Boden entweiht. (Grundtext) Sie haben den Tempel zu einem Trümmerhaufen gemacht und nicht einen Stein auf dem andern gelassen. Als der HERR den Berg Zion preisgab und die Römer zum Heiligtum eindringen konnten, verleitete die Kriegswut die Soldaten dazu, das herrliche Gotteshaus niederzubrennen und sein Gedächtnis auszutilgen. Könnten die Mächte der Finsternis ihre Wünsche durchsetzen, so würde die Gemeinde des HERRN das gleiche Schicksal erleben. "Rottet sie aus mit Stumpf und Stiel," sprechen sie; "schleift sie bis zum letzten Grundstein!" Entweihung und Verunreinigung ist für die Kirche mit Zerstörung gleichbedeutend; ihre Feinde möchten sie entweihen, bis nichts von ihrer Reinheit und folglich von ihrem wahren Wesen übrigbliebe. Und doch, selbst wenn sie all ihren Mutwillen an der Kirche Christi auslassen könnten, wären sie nicht imstande, sie zu zerstören; denn weder Beil noch Feuer kann sie umbringen. Der HERR würde die Feinde dennoch wie Hunde an der Leine halten und endlich alle ihre Anschläge zuschanden machen.

8. Sie sprachen in ihrem Herzen: Lasst uns sie insgesamt Vernichten! (Grundtext) Das war kein müßiger Wunsch, kein leeres Gerede; ihre Grausamkeit war sehr ernst gemeint, war tief gewurzelt, war Sache des innersten Herzens. Das Volk Gottes auszurotten war der Plan Hamans und so manches anderen Tyrannen; kein Rest würde von den Frommen übrigbleiben, wenn die Bedrücker ausführen könnten, was sie im Sinn haben. Die Politik Pharaos, die gefürchtete Nation zu zertreten, hat manchen Späteren als Vorbild gedient; dennoch sind die Juden noch am Leben und werden am Leben bleiben: der Busch mag brennen, wird aber doch nicht verzehrt. Gleicherweise hat die Kirche Christi durch Blut- und Feuertaufen hindurch müssen, ist aber stets nur reiner und herrlicher daraus hervorgegangen. Sie haben alle Versammlungsstätten Gottes im Lande verbrannt. (Wörtl.) Nicht von Versammlungsstätten, wo Menschen sich zusammenfinden, sondern von solchen, wo Gott mit seinem Volke zusammenkommt, ist nach dem Grundtext hier die Rede. Das gewählte Wort (das schon V. 4 steht) ist für die Synagogen, von welchen es manche alte und neuere Ausleger verstanden haben, fast zu erhaben. Andere denken daher an die durch die Gotteserscheinungen der Patriarchenzeit geweihten Orte; da jedoch gesagt wird, dass diese heiligen Stätten verbrannt worden seien, so kann doch wohl nur an gottesdienstliche Häuser oder Räume gedacht werden. Weil aber der HERR nur einen Ort im ganzen Lande erwählt hatte, dass er daselbst seinen Namen wohnen lasse und mit seinem Volke zusammenkomme, denken wir (mit Hengstenberg und andern) an den Tempel und finden den Gedanken ausgedrückt, dass mit der Zerstörung dieses einen Heiligtums alle heiligen Versammlungen mit einem Schlage vernichtet waren. Ein Hauptanliegen der Verfolger ist stets gewesen, allen Versammlungen der Gläubigen, all den Konventikeln oder Muckerbetstunden, wie sie sie zu nennen belieben, ein Ende zu machen. Verhindert die Frommen, sich zu versammeln, so zerstreuen sie sich von selbst, so haben die Widersacher je und je gesagt. Aber die Kirche ist, Gott sei Dank, nicht an Häuser und Tempel gebunden; die Heiligen Gottes sind dennoch mit Gott zusammen gekommen auf den Bergen und Heiden, in den Katakomben oder in einem Boot auf dem Meer. Doch ist der Versuch, das Volk Gottes zu zersprengen, manchmal beinahe gelungen, und die Jagd war oft so heiß, dass die Treuen einsam umherirren mussten und sich unter solchen Umständen nur schwer und selten zu heiligen Zusammenkünften vereinigen konnten. Was für Seufzer und heiße Gebete sind in solchen Zeiten zu den Ohren des HERRN Zebaoth emporgedrungen! Und wie glücklich sind wir, dass wir uns an jedem Ort zum Gottesdienst versammeln können und niemand uns belästigen darf! Lasst uns unserer Brüder gedenken, die heute noch dies große Vorrecht schmerzlich entbehren.

9. Unsere Zeichen sehen wir nicht. Ach, du armes Israel! Keine Urim und Tummim glänzten mehr auf der Brust des Hohenpriesters, keine Schechina2 leuchtete vom Gnadenthron zwischen den Cherubim. Kein Opferrauch, keine Weihrauchwolke stieg mehr von dem heiligen Berge auf; die feierlichen Festzeiten waren aufgehoben, und sogar die Beschneidung, das Bundeszeichen, war wohl von dem Tyrannen verboten worden. Auch wir, die Gläubigen des neuen Bundes, wissen, was es heißt, die Wahrzeichen des Gnadenstandes zu verlieren und im Finstern umhertappen zu müssen; und ach, wie oft ist es leider der Fall, dass auch unseren Gemeinden die Kennzeichen der Gegenwart des Erlösers fehlen und ihre Lampen ungeschmückt bleiben. Wie wehmütig ist diese Klage des schwer heimgesuchten Volkes! Und kein Prophet prediget (Grundtext ist) mehr. Selbst die Prophetie war außer Dienst gesetzt. Kein ermutigender Psalm, keine tröstliche Verheißung kam mehr einem heiligen Sänger oder Seher von den Lippen. Dann steht es wahrlich schlimm um Gottes Volk, wenn sich die Stimme der Boten Gottes nicht mehr hören lässt und eine geistliche Hungersnot über das Land hereinbricht. Wahrhaft gottgesandte Prediger und Seelsorger sind dem Volke Gottes so nötig wie das tägliche Brot, und es ist ein großes Leid, wenn eine Gemeinde eines treuen Hirten ermangelt. Wir haben Grund zu fürchten, dass trotz der großen Zahl von Predigern, die wir jetzt haben, dennoch ein Mangel ist an Männern, deren Herz und Lippen mit dem himmlischen Feuer gerührt sind. (Jes. 6,6 f.) Und keiner ist bei uns, der weiß, wie lange. Wenn nur jemand ein Ende voraussagen könnte, so ließe sich das Unglück noch einigermaßen mit Geduld ertragen; aber wenn niemand ein Ende der Not sehen und ebensowenig jemand ein Entrinnen verheißen kann, dann gewinnt das Elend ein völlig hoffnungsloses Ansehen und ist ganz überwältigend. Gott sei gepriesen, dass er seine Gemeinde in unseren Tagen nicht so jämmerlich alles ermutigenden Zuspruchs bar dastehen lässt; wir wollen ihn bitten, dass er es nie tue. Aber die Verachtung des göttlichen Wortes ist sehr allgemein, und diese Geringschätzung seiner Gnadengaben könnte den HERRN wohl herausfordern, sie uns zu entziehen; möge seine Langmut die Reizung ertragen und seine Gnade uns fernerhin das Wort des Lebens darreichen.

10. Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher schmähen? Mögen wir nicht wissen, wie lang die Trübsal währen wird, so weißt Du es doch. Zeiten und Stunden stehen bei dir. Wenn Gott geschmäht wird, ist Hoffnung für uns; es mag doch sein, dass er darauf achthat und seinen entehrten Namen rächt. Der Gottlosigkeit ist in der gegenwärtigen Weltzeit viel Freiheit gegeben, und die Gerechtigkeit säumt auf dem Wege. Gott hat aber gute Gründe für sein Zögern und seine bestimmten Zeiten zum Eingreifen, und am Ende wird es ersichtlich sein, dass er nicht die Verheißung verzieht, wie es etliche für einen Verzug achten. Und der Feind deinen Namen so gar (Grundtext: immerfort) verlästern? Er wird damit fortfahren ohne Aufhören, es sei denn, dass du ihn zum Schweigen bringst. Willst du dich denn gar nicht verteidigen und die Lästermäuler verstopfen? Willst du die Hohnreden der Ruchlosen immerfort ertragen? Soll all des Lästerns und Fluchens kein Ende sein? Ja, es soll ein Ende haben, aber nicht so bald. Es gibt eine Zeit, in der der freche Sünder toben kann, eine Zeit, in welcher Gott über ihn Geduld hat; doch ist es nur eine Zeit, und dann, ja dann -!

11. Warum ziehest du deine Hand und deine Rechte zurück? (Wörtl.) Weshalb diese Untätigkeit, diese Gleichgültigkeit gegen deine Ehre und deines Volkes Sicherheit? Wie kühn ist der Beter! Tut er daran unrecht? Nein, wahrlich, wir sind im Unrecht, die wir so kalt und gleichgültig, so träg und zurückhaltend beten. Ach, dass wir die Kunst besser lernten, Gott mit heiligem Flehen zu bestürmen! Er will gebeten sein, und es ist auch durchaus angemessen, dass wir ihn fragen, warum sein Gnadenwerk so langsam vorangeht und der Feind über die Menschen so viel Macht hat. Solche betenden Fragen können zu praktischen Betrachtungen von unendlichem Wert führen. (Ziehe sie) heraus aus deinem Busen, (und) mach’s ein Ende. (Grundtext) Mit dem Busen ist der Bausch des mittelst des Gürtels aufgenommenen langen Gewandes gemeint. Die Sprache des Psalmisten ist in ihrer Kürze sehr kühn; aber Leute, die am Umkommen sind, wagen viel. Wenn Gott gleichsam seine Arme übereinander schlägt, müssen wir nicht das Gleiche tun, sondern im Gegenteil unser Flehen verdoppeln, dass er seine Hand wieder ans Werk lege. Ach, dass unter denen, die Christi Jünger zu sein bekennen, mehr Inbrunst des Gebets wäre; wir würden bald Wunder der Gnade sehen. Die Art, wie der Psalmist mit Gott ringt, kann uns als Vorbild sehr nützlich sein. Er betet demütig, aber kühn, eindringlich, brünstig und kräftig. Das Herz Gottes wird von solchen Bitten stets bewegt. Wenn wir Gott mit den besten Gründen, die wir vorbringen können, anliegen, wird er auch wiederum mit seinen besten Gnadenerweisungen nicht zurückhalten.

Fußnote
1. Der Text ist dunkel; wahrscheinlich ist er zu übersetzen: Es sah sich an, wie wenn man im Dickicht des Gehölzes hoch die Äxte schwingt, so dass Luthers Übers. dem Sinn entspricht. Spurgeons Bemerkungen schließen sich an die falsche alte engl. Übers. an: Ein Mann war berühmt danach, wie er Äxte über die dicken Bäume erhoben hatte.

2. Wörtl.: Die Einwohnung (Gottes). So heißt bei den Rabbinern der durch die umhüllende Wolke hindurchstrahlende feuerähnliche Lichtglanz, in welchem Jehova seine Gnadengegenwart symbolisch kundgab.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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12. Gott ist ja mein König von alters her,
der alle Hilfe tut, so auf Erden geschieht.
13. Du zertrennest das Meer durch deine Kraft
und zerbrichst die Köpfe der Drachen im Wasser.
14. Du zerschlägst die Köpfe der Walfische
und gibst sie zur Speise dem Volk in der Einöde.
15. Du lässest quellen Brunnen und Bäche;
Du lässest versiegen starke Strome.
16. Tag und Nacht ist dein.
Du machest, dass beide, Sonne und Gestirn, ihren gewissen Lauf haben.
17. Du setzest einem jeglichen Lande seine Grenze;
Sommer und Winter machest Du.
18. So gedenke doch des, dass der Feind den HERRN schmähet,
und ein töricht Volk lästert deinen Namen.
19. Du wollest nicht dem Tier geben die Seele deiner Turteltaube
und der Herde deiner Elenden nicht so gar vergessen.
20. Gedenke an den Bund;
denn das Land ist allenthalben jämmerlich verheeret, und die Häuser sind zerrissen.
21. Lass den Geringen nicht mit Schanden davongehen;
lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen.
22. Mache dich auf, Gott, und führe aus deine Sache;
gedenke an die Schmach, die dir täglich von den Toren widerfähret.
23. Vergiss nicht des Geschreies deiner Feinde;
das Toben deiner Widersacher wird je länger je größer.


Nachdem er dem HERRN die traurige Lage vorgestellt hat, macht der Beter eine neue Reihe von Beweisgründen geltend, warum Gott zu helfen verpflichtet sei. Er stützt sich jetzt auf Jehovas frühere Gnadenwunder und Machttaten und erfleht eine Wiederholung derselben.

12. Gott ist ja mein König von alters her. Wie trostreich ist dieses Bekenntnis! Israel erkennt in heiliger Untertanentreue seinen König an, es nimmt in Anspruch, von alters her sein Eigentum zu sein, und leitet daraus ein Anrecht auf seine Verteidigung und Befreiung her. Ist der HERR wirklich der alleinige Herrscher unserer Herzen, so wird er in seiner Liebe seine Macht zu unseren Gunsten aufbieten; hat er uns von Ewigkeit her als sein Eigentum beansprucht, so wird er uns vor den höhnenden Feinden schützen. Der alle Hilfe tut, so auf Erden geschieht, wörtl.: der Heilstaten vollbringt mitten auf der Erde, d. i. vor den Augen aller Völker. Von der fernsten Zeit der Geschichte Israels an hatte der HERR für das Volk große Heilstaten vollbracht, die vor aller Welt offenkundig waren. So kann sich auch jeder Gläubige unserer Tage auf die großen Taten Gottes, auf das Werk von Golgatha, die Niederwerfung von Sünde, Tod und Teufel stützen. Er, der unser Heil vor alters ausgewirkt hat, wird uns jetzt nicht verlassen; er kann sein Werk nicht verleugnen. Jedes frühere Wunder der Gnade gibt uns die Bürgschaft, dass er, der angefangen hat, uns zu erlösen von allem Übel, es vollenden wird. Seine glorreichen Taten der Vorzeit geschahen öffentlich, im Angesicht seiner Feinde, sie waren keine Täuschungen, keine auf die Leichtgläubigkeit ergebener Anhänger berechneten Winkelkünste; darum erwarten wir auch in allen Gefahren wirklichen und offenbaren Beistand und werden ihn sicher empfangen.

13. Du hast durch deine Kraft das Meer zertrennt. (Grundtext) Eine Macht ohne Schranken spaltete das Schilfmeer in zwei Teile. Es war Israel stets eine Freude, dieser ruhmvollen Tat Jehovas wieder zu gedenken. Du zerbrachst die Köpfe der Drachen (der Seeungeheuer) im Wasser. Untiere, die seit langem mit der Tiefe vertraut waren, fanden sich plötzlich auf dem Trocknen. Ungeheuerliche Bewohner der Meereshöhlen und Korallengrotten fanden sich ihres Lebenselementes beraubt und blieben mit zerschmetterten Schädeln auf dem trockenen Meeresbett liegen. Da ward auch Pharao, der grimme Drache, zermalmt, und Ägypten musste es erfahren, dass ihm das Haupt seiner Macht und Pracht mit einem Schlage der Allmacht zerbrochen ward. Ebenso ist die Kraft des uralten Drachen zerbrochen worden durch den, der da kam, um der Schlange den Kopf zu zertreten; und das Meer des Zornes wogt auch nicht mehr vor uns, wir gehen trockenen Fußes hindurch. Unsere Zuversicht für die Gegenwart stärkt sich an frohen Rückblicken auf die Vergangenheit.

14. Du zerschlugest die Köpfe des Leviathans. (Wörtl.) Der HERR ist’s, der dies alles getan hat. Das mächtige ägyptische Krokodil ist gänzlich zerschmettert, seine stolzen Häupter sind in Stücke zerbrochen. Unser Herr Christus ist der rechte Herkules; hundertköpfige Drachen zertritt er unter seinem Fuße und vernichtet auf immer die höllische Hydra. Und gabst sie zur Speise einem Volke, Wüstenbewohnern. (Wörtl.3Die Scharen der Schakale weideten sich an den Leichnamen der Ägypter; ja auch die Bewohner der Einöden am Meer plünderten die Leichen und bereicherten sich an der Beute. Auch Israel mehrte seine Schätze mit der Hinterlassenschaft seiner umgekommenen Widersacher. Wie oft dienen große Trübsale zu unserm dauernden Besten! Der Leviathan, der uns verschlingen wollte, wird selber verschlungen, und aus dem Ungeheuer sammeln wir wie Simson Honig. Lasst uns der Furcht nicht Raum geben; wir werden vielköpfige Übel erschlagen und ungeheuerliche Schwierigkeiten überwinden, und es wird sich erweisen, dass alles zu unserm Heil dienen muss.

15. Du ließest hervorbrechen Brunnen und Bäche. (Grundtext) Gott spaltete den Felsen und ließ aus seiner Kluft einen mächtigen Bach hervorquellen; so öffnet der HERR auch uns Wasserquellen in der Wüste. Du ließest versiegen starke Ströme. Ströme, die immer flossen (wörtl.), also auch in der Sommerhitze nie versiegten, mächtige Flüsse, nicht vergleichbar mit den nur vorübergehend anschwellenden Sturzbächen, wurden für eine Zeit trockengelegt. Der Jordan selbst, ein Strom solcherart, bot eine Weile trockenen Durchgang. Man beachte, dass auch hier das Fürwort Du mit Nachdruck wiederholt wird. Aller Preis wird Gott dargebracht und ebenso das Flehen nur an ihn gerichtet. Die ganze Darlegung zielt darauf, dass derjenige, welcher solche Wunder gewirkt hat, das gleiche jetzt zu tun geruhen wolle, da neue Not hereingebrochen ist.

16. Dein ist der Tag, dein auch die Nacht. Du wirst nicht von Zeiten und Zeitläufen beschränkt. Unsere lichtvollen Zeiten des Wohlgedeihens kommen von dir, und unsre Nächte des Ungemachs sind ebenfalls von dir verordnet. Du herrschest in der Finsternis, und ein Blick deiner Augen wandelt sie in hellen Tag. HERR, verziehe nicht, deine Zusagen zu erfüllen; erhebe dich, deinem Volke zu helfen! Du machest, dass beide, Sonne und Gestirn, ihren gewissen Lauf haben. Die Leuchte (wörtl.) der Nacht, also den Mond, und die Sonne des Tages, beide hast Du festgestellt. Einige übersetzen: Licht und Sonne hast Du bereitet,4 so dass der Sinn wäre: beide, Licht und Lichtträger, sind von dir. Es gibt keine Grenzen für deine Macht; so enthülle sie und erfreue dein Volk. Lass, was deine Gnade vorbereitet hat, hervortreten; sprich: "Es werde Licht," so wird alsbald das Licht unsere Düsternis vertreiben.

17. Du hast alle Grenzen der Erde festgestellt. (Grundtext) Land und Meer haben ihre Schranken von dir empfangen. Das Festland und die Inseln sind von deiner Hand entworfen.5 Man beachte wieder, wie alles der göttlichen Wirksamkeit zugeschrieben wird; kein Wort von Naturgesetzen und Urkräften, sondern der Blick geht einzig auf den HERRN als den, der alles wirkt. Es wird gut sein, wenn alle unsere "-ologien" einen Beigeschmack von "Theologie" haben und unsere Augen hell sind, den Schöpfer inmitten seines Weltalls am Werk zu sehen. Die Beweisführung unserer Stelle zielt darauf, dass der, welcher das ungestüme Meer in Schranken legt, auch seine Feinde bändigen kann, und er, der die Küsten des Festlandes bewahrt, auch seine Auserwählten erhalten kann. Sommer und Winter, Du hast sie gemacht. So lass uns denn, gütiger Herr, die heiteren Sommertage der Freude wiederkehren. Wir wissen, dass alle Wechsel der Jahreszeiten und der Geschicke von Dir kommen: die Unbilden des Winters haben wir bereits erfahren, so schenke uns jetzt den belebenden Sonnenschein deines dem heitern sommerlichen Glanze vergleichbaren Lächelns. Der Gott der Natur ist auch der Gott der Gnade; darum können wir aus der regelmäßigen Folge der Jahreszeiten schließen, dass der düstere Kummer so wenig wie der Winter das ganze Jahr beherrschen wird, sondern noch Blumen der Hoffnung sprossen und lachende Früchte der Freude reifen sollen.

18. So gedenke doch des, dass der Feind den HERRN schmähet (vergl. V. 10). Wider Dich, den Allerhabenen, haben sie geredet, Deine Ehre haben sie angegriffen, Dir haben sie Hohn gesprochen. Das heißt wahrlich Gott mit Macht aufrufen und bringt uns Josua und Hiskia mit ihrem kühnen Beten in Erinnerung. "Was willst du denn für deinen großen Namen tun?" (Jos. 7,9) "- Ob vielleicht der HERR, dein Gott, hören wollte alle Worte des Erzschenken, den sein Herr, der König zu Assyrien, gesandt hat, hohnzusprechen dem lebendigen Gott." (2. Könige 19,4.) Jehova ist ein eifriger Gott und wird gewisslich seinen Namen verherrlichen: daran findet die Hoffnung festen Halt. Und ein töricht Volk lästert deinen Namen. Jetzt wird Gott vorgehalten, wie verachtenswert der Feind sei. Sünder sind Toren - und sollte es Toren zugelassen werden, Jehova zu lästern und sein Volk zu bedrücken? Sollen Verworfene dem HERRN fluchen und ihm ins Angesicht hohnsprechen? Wenn der Irrtum zu frech wird, so ist sein Tag nahe und sein Fall gewiss. Vermessenheit ist ein Anzeichen, dass das Böse zum Gericht reif wird, und die nächste Stufe ist Fäulnis. Statt zu erschrecken, wenn schlechte Menschen schlimmer und unverschämter werden, dürfen wir vernünftigerweise daraus Mut schöpfen; denn die Stunde ihres Gerichts naht offenbar mit schnellen Schritten.

19. Du wollest nicht dem Tier geben die Seele deiner Turteltaube. Deine arme Kirche ist schwach und wehrlos wie eine Taube; dennoch können ihre Widersacher nicht an sie kommen ohne deine Zulassung. Lass ihnen nicht zu, sie zu zerreißen, überliefere sie nicht den erbarmungslosen Klauen ihrer Feinde. Sie ist dein Täublein, deine Turtel, deine Auserkorene; gib sie nicht ihren Hassern preis. Sei gnädig und schütze die Schwache. So kann auch jeder von uns flehen, und mit guter Hoffnung auf Erfolg, denn der HERR ist voll Mitleids und ein Erbarmer. Und der Herde6 deiner Elenden nicht so gar vergessen. Sie sind völlig auf dich angewiesen, denn sie sind ganz arm und elend; auch sind sie deine Elenden, und ihrer ist eine ganze Herde, von dir selbst gesammelt. So wende ihnen doch nicht länger den Rücken, stelle dich nicht fremd gegen sie, sondern lass ihre Not dich bewegen. Wende dich zu ihnen und suche deine Betrübten heim. In solch bewegende Bitten dürfen auch wir einstimmen, wenn wir zu irgendeiner Zeit schwer geprüft sind und sich des HERRN Nahesein vor unseren Blicken verbirgt.

Fußnoten
3. Manche verstehen darunter Menschen (die Israeliten in der Wüste, Kimchi u. a., oder die am Ufer des arab. Meerbusens wohnenden Völker, wie die Äthiopier, LXX, Hier., oder Ichthyophagen, Borchard, Hengst., Fr. W. Schultz); andere meinen, es werde an die Scharen der Wüstentiere zu denken sein, wie an den meisten Stellen, wo das Wort vorkommt.

4. So die engl. Bibel, Luther 1524, Stier, Hupfeld, auch die schweizer revid. Übers. (1893).

5. Die andere Auslegung, welche Luthers Übers. (Du setzest einem jeglichen Lande seine Grenze, vergl. Apg. 17,26) zum Ausdruck bringt, ist jedenfalls auch berechtigt.

6. Es ist offenbar ein Wortspiel zwischen den beiden tYaxa im ersten und zweiten Versgliede. Manche fassen das Wort an beiden Orten in derselben Bedeutung auf: Getier. Vergl. Luther: deiner elenden Tiere. Daher kommen die revidierte Übers. und andre in V. 19b auf die Übersetzung Herde. Andere nehmen das Wort hier V. 19b in der Bedeutung Leben.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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20. Gedenke an (wörtl. Blicke auf) den Bund. Nun wird der Hauptschlüssel angewendet - vor ihm muss sich die Tür des Himmels öffnen. Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge; er wird seinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus seinem Munde gegangen ist (Ps. 89,35). Der HERR hat verheißen, den Samen Abrahams zu segnen und zum Segen zu setzen, und hier beruft sich dieser Same Abrahams auf jene uralte Zusage, gerade wie wir den Bund, welcher in Jesus mit allen Gläubigen geschlossen worden ist, im Gebet geltend machen können. Wie groß ist diese kleine Bitte! Verstehst du es, lieber Leser, zu flehen: "Gedenke an deinen Bund?" Denn voll sind die Schlupfwinkel (buchstäbl.: die Finsternisse, worunter die meisten dunkle Orte verstehen) des Landes von Stätten der Gewalttat. Raubtiere und Räuber lieben düstere Höhlen und Schlupfwinkel, und die finstere Unwissenheit ist der natürliche Wohnort der Grausamkeit. Die ganze Welt ist in das Dunkel der Sünde gehüllt; so gibt es auch überall grausame Feinde des Volkes Gottes. Aber an manchen Orten hat sich eine siebenfach schwarze Nacht des Aberglaubens und Unglaubens niedergesenkt, und da steigert sich die Wut gegen die Heiligen Gottes zum Wahnsinn. Hat der HERR nicht verheißen, dass alle Welt seiner Herrlichkeit voll werden solle? (4. Mose 14,21) Wie kann das geschehen, wenn er es zulässt, dass die Grausamkeit allezeit an finstern Orten lauert? Wahrlich, er muss sich erheben und den Tagen der Bosheit, der Ära der Unterdrückung ein Ende machen. So wird uns der vorliegende Vers zu einer kräftigen Missionsbitte.

21. Lass den Geringen nicht mit Schanden davongehen. Wiewohl sie äußerlich gemartert und innerlich zerbrochen sind, kommen die Deinen doch mit Zuversicht zu dir; lass sie nicht enttäuscht von dir, denn dann würden sie sich schämen, dass sie ihre Hoffnung auf dich gesetzt haben. Lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen. Mache ihre Herzen froh, indem du ihnen auf ihr Rufen schnell antwortest; so werden sie dir begeisterten Gemütes ihre lieblichsten Lieder weihen. Es ist nicht die Weise des HERRN, zu leiden, dass irgendjemand, der auf ihn traut, zuschanden werde; denn sein Wort lautet: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen (Ps. 50,15).

22. Mache dich auf, Gott, und führe aus deine (Streit-) Sache. Antworte du auf die Hohnreden der Ruchlosen mit Tatbeweisen, die die Lästerungen samt den Lästerern vernichten. Gottes Gerichte sind schreckliche Antworten auf die Herausforderungen seiner Widersacher. Wenn er Reiche zerbröckelt und Verfolger ins Herz trifft, so führt er selber seine Sache, wie niemand anders sie hätte verteidigen können. Ach, dass der HERR selber auf das Kampffeld trete! Lang schon schwankt der Streit hin und her; ein Blick aus seinen Augen, ein Wort von seinen Lippen, so wird das Siegesbanner stolz im Winde flattern. Gedenke an die Schmach, die dir täglich (wörtl.: den ganzen Tag, d. i. unaufhörlich) von den Toren widerfähret. Der HERR wird nochmals gebeten, des zu gedenken, dass er selber geschmäht wird, und das von Menschen und von Toren, und er wird auch daran erinnert, dass diese schmutzigen Lästerungen unaufhörlich gegen ihn geschleudert werden und mit jedem neuen Tage neu beginnen. Das heißt tapfer gehandelt, wenn der Glaube sich so aus dem Maul des Drachen feurige Bitten holt und die Lästerpfeile des Feindes zu Waffen des Gebets umschmiedet.

23. Vergiss nicht des Geschreies deiner Feinde. Großer Kriegsheld, lass den Hohn der Feinde dich zum Kampf aufreizen. Sie fordern dich heraus; nimm du den Fehdehandschuh auf und schlage sie mit deiner gewaltigen Hand. Wenn das Rufen deiner Kinder zu schwach sein sollte, als dass du es hörst, so achte doch auf das Gelärm deiner Widersacher und bringe ihre ruchlosen Reden auf immer zum Schweigen. Das Toben deiner Widersacher wird je länger je größer.7 Das gottlose Geschrei wider dich und dein Volk, das Geläster und Getümmel ist laut und hört nimmer auf; sie sprechen dir Hohn, ja Dir, und weil du nicht antwortest, verlachen sie dich. Sie gehen vom Schlimmen zum Schlimmeren, vom Schlimmeren zum Schlimmsten über; ihr Wutgeschrei schwillt an wie der Donner eines heraufziehenden Unwetters. Was wird’s noch werden? Welche Schmähungen und Beleidigungen wird man nächstens auf dich und die Deinen schleudern? Gott, willst du das denn immerwährend ertragen? Gibst du gar nichts um deine Ehre, nimmst du gar keine Rücksicht auf deine Herrlichkeit? -
So manches aus diesem Psalm ist dem Verfasser dieser Auslegung lebhaft durch den Sinn gegangen, während er die Abgöttereien Roms mit eigenen Augen sah8 und dabei all der blutigen Verfolgungen der Heiligen Gottes gedachte, die von dort ausgegangen sind. Ach HERR, wie lang soll es noch währen, bis du dich dieser nichtswürdigen Priester entledigst und die Hure Babylon in den Pfuhl des Verderbens wirfst? Möge deine Gemeinde nie ablassen, zu dir zu flehen, bis das Gericht vollstreckt wird und der HERR an dem Antichristen volle Rache übt!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Der Psalm hat eine Eigentümlichkeit, die uns stark an Ps. 44 erinnert. Im ganzen Psalm wird nämlich auch nicht einmal nationale oder persönliche Schuld erwähnt, es findet kein Hinweis auf die Gerechtigkeit der göttlichen Züchtigungen statt, wir hören keine Bitte um Vergebung; und doch kann man kaum bezweifeln, dass der Dichter des Psalms, sei er wer immer, die Sünden und Ungerechtigkeiten, welche all das Unglück über das Volk heraufbeschworen hatten, nicht weniger lebhaft erkannt und empfunden habe als ein Jeremia, Hesekiel oder Daniel. Doch ist auch wichtig, dass der Psalmist, so dringend er Gott zum Eingreifen auffordert, sich nicht über Gottes Walten beschwert. Wir finden bei ihm wohl tiefe Trauer, aber keinen Trotz, kein Murren. Wir hören das Weinen eines gezüchtigten Kindes, das sich darüber abhärmt, dass das Angesicht des Vaters sich so mit Missfallen von ihm abgewandt hält und die Hand des Vaters auf dem Kinde, das er doch liebt, so schwer lastet. Barton Bouchier 1855.

Als die Waldenser infolge des Ediktes Viktor Amadeus II. von Savoyen vom 31. Januar 1685 im Winter das Land verlassen mussten, um in der Schweiz Aufnahme zu finden, überschritten sie - von 14000 nur noch 3000 - die Schweizer Grenze unter dem Gesang des 74. Psalms. - Als sie drei Jahre später zurückkehrten, erreichten sie am Dienstag, dem 27. August 1689, elf Tage nach der Überfahrt über den Genfer See, hoch oben im Nordwestende des Tals von San Martino das erste Dorf ihrer eigenen Täler, Balziglia. Ein Schrecken des HERRN ging vor den Siegern der Brücke von Salabertrand her; eine Abteilung savoyischer Soldaten ergriff schon beim Anblick der waldensischen Vorhut die Flucht. Am 28. August vereinigten sich die in zwei Kolonnen marschierenden Krieger im Dorfe Prali, wo sie das alte Waldensergotteshaus noch unzerstört vorfanden. Es wurde von den Heiligenbildern und andern Zeichen des inzwischen eingezogenen päpstlichen Kultus gereinigt. Dann legten die 700 Mann, die noch übriggeblieben waren, ihre Waffen nieder und sangen wiederum in tiefer Bewegung den 74. Psalm: Gott, warum verstößest du uns sogar! Mache dich auf und führe deine Sache! Und dazu den 129., über welchen dann Arnauld predigte: "Sie haben mich oft gedrängt usw." Rudolf Kögel 1895.

V. 1. Zweierlei macht die Gemeinde Gottes in den Worten dieses Verses und im ganzen Psalm vor Gott in heißem Flehen geltend. Erstens die Größe der über sie hereingebrochenen Trübsal, und zwar nach ihrer Ursache, dem Zorn Gottes, ihrer Höhe: dein Grimm rauchet, und ihrer langen Dauer: auf immer? Zweitens das nahe Verhältnis, in welchem sie zu Gott steht: die Schafe deiner Weide. Joseph Alleine † 1668.

Warum rauchet deine Nase? (Buchstäblich) Zorn ist Feuer, und bei Menschen und Tieren ist es, wenn sie in heftigen Zorn geraten, als ob Rauch aus ihrer Nase ginge. Xenophon sagt einmal von den Thebanern: Wenn sie zornig sind, schnauben sie Feuer. John Trapp † 1669.

Lässest deinen Zorn rauchen. (Grundtext) i.: Du lässest gar merkliche Zeichen deines entbrannten Zorns blicken und erfahren. Vergl. Ps. 2,12; 18,9. Johann David Frisch 1719.

Die Bezeichnung der Gemeinde Gottes als Schafherde seiner Weide gehört der Zeit des Exiles an (Ps. 79,13; 95,7; 100,3; Jer. 23,1). Sie sagt mehr, als dass Gott der Hirte und das Volk seine Herde ist (Ps. 80,2). Sie steht in Beziehung darauf, dass Gott dieser seiner Herde das fruchtbare Kanaan zum Weideland gegeben hat (Hos. 13,6; Jer. 25,36) und dass es sich um den Besitz dieses Landes handelt. General-Sup. K. B. Moll † 1878.

V. 2. Es hat seinen guten Grund, dass der Psalm nicht sagt: Gedenke an uns, sondern: an deine Gemeinde - nicht unsere, sondern deine Gemeinde; ferner: sie ist nicht erst unlängst dein geworden, sondern du hast sie vor alters erworben und du hast sie erlöst. Desgleichen: Gedenke an den Berg Zion, nicht wo wir wohnen, sondern wo du Wohnung gemacht hast. Israel hatte nichts, was es mit größerer Zuversicht vor seinem zürnenden Gott hätte geltend machen können, als die Barmherzigkeit, welche er von uralters her den Vätern erwiesen hatte. Wolfgang Musculus † 1563.

Und dir erlöst hast, dir losgekauft und also erworben hast, indem du sie wiederbrachtest, als sie verkauft und andern in die Hände gefallen waren; wie ein Goel oder Nächstverwandter, der einen in Gefangenschaft geratenen Bruder loskauft und ein verkauftes Erbe wieder einlöst. Hermann Venema † 1787.

V. 3. In 1. Mose 29,1 kommt die Redensart vor: die Füße aufheben. Hier ist der Ausdruck viel kräftiger: die Schritte aufheben. Es muss ein schnelles, ungestümes, majestätisches und machtvolles Herzuschreiten gemeint sein, wie eines Helden, der mit schwerem Tritt herbeieilt, dass der Boden davon erdröhnt. Hermann Venema † 1787.

Im Heiligtum. Ihre Städte, ihre Länder waren verwüstet, ihre Äcker, Weinberge und Ölpflanzungen verderbt worden. Sie selber waren überall niedergehauen worden, ohne dass sie auch nur einen Streich zu ihrer Verteidigung geführt hatten, und die Mittel ihres Unterhalts waren ihnen entrissen worden, ohne dass sie Widerstand geleistet hatten. Trotzdem sagen sie nichts von dem allen; nicht etwa, da die Frommen für solche Verluste unempfindlich gewesen wären, sondern weil der unerträgliche Kummer, dass die Anbetung Gottes ausgetilgt zu werden in Gefahr war, den Schmerz um all das andere Unglück weit überbot. Wolfgang Musculus † 1563.

V. 4. Brüllen. Das Wort wird namentlich von dem Brüllen des Löwen gebraucht. An unserer Stelle können wir bei dem Wort an die Ausbrüche der Siegeslust oder der Schadenfreude denken, womit die Feinde Gott lästerten und Gottes Volk kränkten, oder an die barbarischen, sinnlosen Worte, die sie bei ihrem Götzendienst gebrauchten. Hermann Venema † 1787.

Und stellten ihre Zeichen als Zeichen auf. (Grundtext) Der Sinn ist, dass der Feind, nachdem er die Zeichen des wahren Gottes, seines Volkes und der Offenbarungsreligion, wie die Beschneidung, die Feste, die Opfer, die anderen Verordnungen der Religion und die Zeichen der Freiheit Israels vernichtet hatte, seine eigenen götzendienerischen Zeichen als die Zeichen seiner Herrschaft und seiner Religion an jener Stelle gesetzt hatte. Hermann Venema † 1787.

Fußnoten
7. Grundtext Das Toben deiner Widersacher, das beständig emporsteigt.

8. Spurgeon besuchte Rom im November und Dezember 1871, als dieser Teil der "Schatzkammer Davids" im Werden war.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Erläuterungen und Kernworte

V. 4-7. (Die Verfolgung unter Antiochus Epiphanes 168 v. Chr.) Der alte Athener (2. Makkabäer 6,1), welchen Apollonius, der Feldherr des grausamen Antiochus, mit der Hellenisierung des jüdischen Volks beauftragt hatte, rückte nach Jerusalem vor, wo er unter Beihilfe der Besatzung alle Ausübung der israelitischen Religion verbot und unterdrückte, die Leute zwang, den Sabbat zu entheiligen und Schweinefleisch und andere unreine Speisen zu essen, und die Volkssitte der Beschneidung ausdrücklich untersagte. Der Tempel wurde dem olympischen Jupiter geweiht, die Statue dieser Gottheit auf dem Brandopferaltar aufgerichtet und mit Opfern verehrt. Als letzter Hohn wurde das Bacchusfest, dessen ausschweifende Art, so wie es in späteren Zeiten in Griechenland gefeiert ward, die strenge Tugendhaftigkeit. der alten Römer mit höchstem Unwillen erfüllt hatte, an die Stelle des Laubhüttenfestes gesetzt. Die Juden wurden trotz allem Widerstreben gezwungen, diese zügellosen Orgien mitzufeiern und Efeu, das Wahrzeichen des Gottes, zu tragen. So nahe war die jüdische Nation und die Anbetung Jehovas der gänzlichen Ausrottung. Henry Hart Milman † 1868.

(Unter Titus i. Jahr 70 n. Chr.) Und nun brachten die Römer, als die Widerspenstigen in die Stadt geflohen waren und das Heiligtum und alle umliegenden Gebäude verbrannt waren, ihre Zeichen in den Tempel und stellten sie dem östlichen Tempeltore gegenüber auf; dort brachten sie vor diesen Feldzeichen Opfer dar und riefen Titus unter dem lautesten Freudengeschrei zum Imperator aus. Flavius Josephus † 93.

V. 5 ff. Wie unmenschlich der Feind war, zeigt sich daran, dass der Tempel, der mit so großen Kosten auferbaut, so zierlich und herrlich geschmückt und mit unermüdlichem Fleiß und hoher Kunstfertigkeit vollendet worden war, trotzdem nicht vor ihren barbarischen Händen verschont blieb, sondern gänzlich zerstört ward. Vers 5 enthält ein Bild. Dass der Feind die Altäre und die Säulen des Tempels mit Gewalt zerbrach und niederhieb, das wird dem Werk des Holzhauers verglichen, der mit dem Beil in der Hand die hohen Bäume des Waldes niederhaut. H. Moller 1639.

Selbst rohe Eroberer pflegen Prachtgebäude der Kunst zuliebe zu verschonen. Als Demetrius ein von Protogenes gemaltes Bild in einer der Vorstädte von Rhodus genommen hatte, ward er von den Einwohnern gebeten, der Kunst zu schonen und das Gemälde nicht zu zerstören. Er erwiderte, dass er eher die Statuen seines Vaters verbrennen würde als ein so hervorragendes Kunstwerk. Die Rohheit dieser Feinde übertraf demnach die Barbarei anderer; denn sie warfen unbarmherzig einen Bau nieder, der aufs kunstvollste mit Schnitzwerk und allerlei Zierat geschmückt war. H. Moller 1639.

Tafelwerke. Das hier gebrauchte Wort steht 1. Könige 6,29 von den Cherubim, Palmen und Blumengehängen, welche in die Wände des Tempels eingeschnitzt waren. William Kay 1871.

V. 8. Alle Häuser Gottes im Lande. Das Vorhandensein von Synagogen vor der babylonischen Gefangenschaft ist sehr bestritten worden, und die meisten Gelehrten neigen sich auf Grund des Schweigens des Alten Testaments zu der Ansicht, dass die Synagogen in Babylon entstanden und nach der Rückkehr Israels ähnliche Bethäuser in Palästina eröffnet worden seien. Man schließt daraus, dass der 74. Psalm in der nachbabylonischen Zeit geschrieben worden sei. Die Beweisführung aus dem Stillschweigen ist aber durchaus nicht zwingend. Übersetzt man in Ps. 74,8 nach Aquila und Symmachus Synagoge, so kann man das gleiche hebräische Wort an mehreren anderen Stellen, die anerkanntermaßen vor der Gefangenschaft geschrieben worden sind, ebenso übersetzen, und die Umstände und Bedürfnisse der Israeliten, deren große Masse vom Tempel weit entfernt war, scheinen uns unwiderleglich darauf hinzuweisen, dass dieselben in ihren Städten und Dörfern irgendeinen Ort gehabt haben müssen, wo sie an den Sabbaten, Neumonden und andern Festtagen zusammenkommen konnten, um sich im Gesetz unterweisen zu lassen und des öffentlichen Gebets zu pflegen. Diese Stätten waren, so verschieden sie von den späteren Einrichtungen gewesen sein mögen, der Ursprung der Synagogen. In welcher Weise solche Versammlungen vor der Gefangenschaft gehalten wurden, ist jetzt unmöglich zu bestimmen. Alex. Mac-Caul † 1863.

Pridaux († 1724) behauptet bestimmt, es hätten vor der babylonischen Gefangenschaft keine Synagogen bestanden. Da der Hauptzweck der Synagogen der sei, dem Volke das Gesetz vorzulesen, könne es da keine Synagogen gegeben haben, wo man kein Gesetzbuch zum Vorlesen gehabt habe. Wie selten aber die Rollen des Gesetzes vor der Gefangenschaft in ganz Judäa waren, zeigen 2. Chr. 17,9; 2. Könige 22,8 und andere Stellen. Alex Cruden 1737.

Im Alten Testament finden wir keine Spuren von gottesdienstlichen Versammlungen, die in Synagogen stattgefunden hätten. Zeitweilige Altäre, Haine und Höhen wurden von Frommen und Sündern gleicherweise zum Gottesdienst und Götzendienst benutzt. Der einzige vorexilische Fall, der darauf hinzuweisen scheint, dass die Frommen in Israel die Sitte hatten, sich bei bestimmten Gelegenheiten um hervorragende gottselige Männer zu versammeln, um geistlichen Segen und Unterweisung zu empfangen, findet sich in 2. Könige 4,23, wo der Mann der Sunamitin diese fragt: "Warum willst du zu ihm (dem Propheten Elisa)? Ist doch heute nicht Neumond noch Sabbat." Doch zeugen 2. Könige 22,8 ff. und 2. Chr. 34,14 ff. unzweifelhaft gegen das Vorhandensein von Versammlungsstätten in der Königszeit. Erst aus der Zeit der Verbannung, als der Tempeldienst unterbrochen war, haben wir unzweifelhafte Beweise, dass regelmäßige Zusammenkünfte zu gewissen Fastenzeiten stattfanden (Sach. 7,3-5; 8,19). Religiöse Versammlungen wurden auch an Sabbaten und Fasttagen gehalten, um die Verbannten im göttlichen Gesetz zu unterweisen und sie zu ermahnen, dass sie den heiligen Vorschriften gehorchten (Esr. 10,1-9; Neh. 8,1-3; 9,1-3; 13,1-3). Die Versammlungen, welche in der Nähe des Tempels und an anderen Orten gehalten wurden, waren der Ursprung der Synagogen, und die Stätte, wo die Leute zusammenkamen, wurde Haus der Versammlung genannt. So auch die Synagoge im Tempel selbst. Diese Synagogen wurden bald sehr allgemein, so dass der Psalmdichter, indem er den Zustand des öffentlichen Gottesdienstes in der Zeit der Makkabäer schildert, erklärt, es seien die vielen Versammlungsstätten Gottes oder, wie die englische Übersetzung es wohl richtig ausdrückt, die Synagogen Gottes, verwüstet worden. Christian Ginsburg 1863.

Die Versammlungen Gottes (l)" yd"(AOm) können nicht Feste sein (LXX, Theod., Hieronymus), da diese nicht verbrannt werden, sondern nur Häuser oder Räume, die gottesdienstlichen Zusammenkünften dienen. Aqu., Symm.: Synagogen. Eine Synagoge heißt freilich in der Mischna gewöhnlich tsenekI: tybI", jedoch ist auch die Bezeichnung d(awa tybI" für Lehrhaus nicht selten. An die alten gesetzwidrigen Höhenkulte zu denken ist unmöglich, weil deren Vernichtung für einen Israeliten kein Anlass zur Klage sein konnte. Handkommentar von Prof. Friedrich Baethgen 1892.

Die Behauptung der Freunde makkabäischer Psalmen, dass nur an die Zerstörung der Synagogen gedacht werden könne, ist um so nichtiger, da die reichhaltigen Quellen für die Geschichte der makkabäischen Zeit einer solchen Zerstörung gar nicht gedenken. Prof. E. W. Hengstenberg 1844.

V. 9. Unsere Zeichen sehen wir nicht. Diese Zeichen waren wohl gewisse äußere Kennzeichen der göttlichen Huld, gewisse Kennzeichen der Gegenwart Gottes, gewisse Merkmale, dass er mit ihnen sei, sie zu segnen. Nun sagen die Juden, es seien fünf Dinge in dem durch Nebukadnezar zerstörten Salomonischen Tempel gewesen, die in dem zweiten, nach der babylonischen Gefangenschaft errichteten Tempel gefehlt hätten, fünf Merkzeichen der göttlichen Gegenwart. Das erste war die Bundeslade, das zweite das Feuer vom Himmel auf dem Brandopferaltar, das dritte die Schechina, d. i. die Wolke über dem Gnadenthron, das vierte die Urim und Tummim (das Licht und Recht) am Brustschildlein des Hohenpriesters, und das fünfte der Geist der Weissagung. Denn wiewohl noch zu der Zeit der Rückkehr und kurz nach derselben die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi auftraten, hörte doch der Geist der Prophetie mit Maleachi auf und trat nicht wieder hervor bis auf Johannes den Täufer, den Vorläufer des Herrn Jesus. J. C. Philpot † 1869.

Die gewöhnlichen Zeichen Israels als des Eigentumsvolkes Gottes waren das Passah (2. Mose 12,13), der Sabbat (2. Mose 31,13), der Tempel, der Altar und die Opfer; die außergewöhnlichen waren die Wunder, welche Gott seinem Volke zulieb wirkte (Ps. 78,43). A. R. Fausset 1866.

Kein Prophet ist mehr da. Man beachte, dass sie nicht darüber klagen, dass kein Held und Feldherr mehr da sei, der sie von den Widersachern befreie, sondern dass kein Prophet mehr da sei. Und doch, als die Propheten da waren, waren sie in den Augen aller verächtlich, und sie wurden von den Gottlosen misshandelt und zu Tode gebracht. Wolfgang Musculus † 1563.

Solche Strafen gingen oft über die Juden, wie geschrieben ist: Zu der Zeit war kein Wort Gottes und kein Prophet im Lande. Das ist die höchste Strafe und Seelennot, wie im Gegenteil Gottes reines Wort der höchste Trost ist, wie Jeremias in Kap. 15 spricht: Erhalt, uns, HERR, dein Wort, denn dasselbe ist unseres Herzens Freude und Trost. Das merket man nicht eher, denn wenn Gott und der edle Schatz hinweg ist. Dann grübe man’s wohl aus der Erden und läuft danach als ein hungriges Hündlein und findet es nicht. Johann Arnd † 1621.

V. 12 ff. Wenn man der Menschen Heldengeschichten und Taten durchläuft, so läuft darin vieles aufs Verderben hinaus; wenn man aber die großen Taten Gottes ansieht, so geht das meiste aufs Wohltun und Erretten der Menschen. Auch das, was Gerichtliches und zum Strafen dazukommt, ist doch aus Errettung der Unterdrückten abgesehen und also in ihrem Betracht eine Hilfe. O wie sollte sich Gott durch alle Hilfe, die er schon getan, einen Namen bei uns gemacht haben, dass wir ihm über alles trauten und ihn auch unter den Gerichten doch noch bei seinem Bund fassten! Karl H. Rieger † 1791.

V. 14. Die Wüstenbewohner werden von vielen Erklärern für die Ichthyophagen oder Fischesser gehalten, welche nach alten Schriftstellern (Agatharchides und Diodorus) einen Teil der Küste des Roten Meeres bewohnten und sich von ausgeworfenen Seetieren nährten. William O’Neill 1854.

Könnte nicht der Sinn der sein, dass gerade wie die ans Ufer gespülten Seeungeheuer den Anwohnern des Roten Meeres zur Speise dienten, so auch die symbolisch hier mit Leviathan bezeichnete Macht Ägyptens, als sie am Roten Meer zerstört war, Israels Glauben zur Nahrung diente und das Volk sogar für die Reise durch die Wüste mit Vorrat versah durch die Beute, welche die Flut ans Land warf? C. H. Spurgeon 1872.

V. 15. Du lässest versiegen starke Ströme, wie Jos. 3,13.16. Kann auch den Verlauf mächtiger Reiche bedeuten, die von Gott in solchen Stand gesetzt werden, dass sie andere nicht mehr überschwemmen und verschlingen können wie zuvor, dergleichen schon manchem mächtigen Königreich ist widerfahren. Johann David Frisch 1719.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Erläuterungen und Kernworte

V. 17. Du hast alle Grenzen der Erde festgestellt. (Grundtext) Nach dem Zusammenhang nicht bloß die Grenzen gegen das Meer oder zwischen den Völkern (5. Mose 32,8; Apg. 17,26), sondern noch mehr die allen Wechsel, auch den der Jahreszeiten, bedingenden Grenzen. Prof. Fr. W. Schultz 1888.

Die Verteilung von Meer und Festland über die Erdoberfläche ist gleicherweise von der größten Bedeutung für die gegenwärtige Gestaltung des organischen Lebens. Wenn z. B. das Weltmeer erheblich kleiner wäre, oder wenn Asien und Amerika auf die heiße Zone beschränkt wären, würden Ebbe und Flut, die Meeresströme und die meteorologischen Erscheinungen, von denen die Existenz des Pflanzen- und Tierreichs abhängt, so von Grund auf anders sein, dass es äußerst zweifelhaft wäre, ob der Mensch überhaupt existieren könnte, und ganz gewiss, dass er nie zu einem hohen Grad der Zivilisation hätte gelangen können. Die Abhängigkeit des menschlichen Fortschritts von der vorliegenden Gestaltung der Erdkugel führt uns zu dem Schluss, dass beide das harmonische Werk der gleichen allmächtigen Kraft sein müssen und ein göttlicher und unveränderlicher Plan von Uranfang über dem Schicksal unseres Planeten gewaltet haben muss. Es ist fast überflüssig, darauf hinzuweisen, wie sehr die unregelmäßigen Krümmungen und wellenförmigen Veränderungen der Küsten, die zahllosen über die Wasser verstreuten Inseln, die weit in die See hineinreichenden Vorgebirge und die tief ins Land eindringenden Meerbusen zu der Zivilisation des Menschengeschlechts durch Vervielfältigung der Berührungspunkte des Menschen mit dem Ozean, der großen Verkehrsstraße der Völker, beigetragen haben. G. Hartwig 1866.

Nun denn, o Gott, der du dies alles und mehr für die Menschenwelt getan hast, solltest du deine Gemeinde vernachlässigen? John Trapp † 1866.

V. 19. Deine Turteltaube. Gottes Kinder sind harmlose, unschuldige Wesen, ganz unfähig, sich selber gegen ihre zahllosen grausamen Feinde zu helfen. Darum werden sie in der Schrift mit Schafen und Tauben verglichen und Waisen, Kleine, Arme, Unmündige und Einfältige genannt. Tugendhaftes Verhalten ist ihnen Pflicht und Natur; sie dürfen nicht einmal einen bösen Gedanken gegen jemand hegen, sie sind berufen, Unrecht zu leiden, nicht Unrecht zu tun. Julian der Abtrünnige höhnte sie deswegen; er gab ihnen einen Streich auf den rechten Backen und sagte ihnen, ihr Meister hätte sie gelehrt, den andern auch darzubieten; seine Soldaten nahmen ihnen den Rock und mahnten sie, dass sie ihnen nach Jesu Worten auch den Mantel lassen müssten. Da die Rechtschaffenen andere nach ihrer eigenen Gesinnung beurteilen, werden sie leicht betrogen und in Schlingen gefangen. So wollte der menschenfreundliche Statthalter Gedalja dem Johanan nicht glauben, was dieser ihm über die Verschwörung Ismaels gegen ihn berichtete, ja er zürnte ihm sogar für sein treues Handeln, und das kostete ihn das Leben (Jer. 40,13-16; 41,2). Ähnlich ging es dem berühmten französischen Admiral Kaspar von Coligny; wiewohl er von verschiedenen Seiten drüben über dem Meer unterrichtet worden war, dass der Hof gegen ihn Böses im Schilde führe und auf die Versprechungen und Vereinbarungen keinerlei Verlass sei, auch wenn sie mit den feierlichsten Eiden bekräftigt würden, ging er doch dem Löwen entgegen, der ihm mit der einen Tatze schmeichelte und ihn mit der andern zerriss. John Langley 1644.

Der Ausdruck "deine Turteltaube" mag auch mit der im Altertum wie in unserer Zeit verbreiteten Sitte beleuchtet werden, Tauben als Lieblingstiere zu halten (vergl. Theokritus 5,96 und Virgil, Eklog. 3,5,68.69), und mit der Sorgfalt, mit welcher man diese vor Tieren, die ihnen nach dem Leben stellen, schützt. James Merrick † 1769.

V. 20. Blicke auf den Bund. (Wörtl.) Das Zeitwort bedeutet das Heften der Augen auf einen Gegenstand; so wird es übertragen auf das ernstliche Betrachten und Erwägen einer Sache. Apg. 17,30 finden wir den entgegengesetzten Ausdruck, Gott habe (die Zeiten der Unwissenheit) übersehen. An unserer Stelle ist es dem Volke Gottes, als übersehe er seinen Bund, als achte er weder auf seine übernommenen Bundesverpflichtungen, noch auf sie in ihrem Elend. Francis Taylor 1645.

Diejenigen Leute, vor allem diejenigen Prediger, welche von der freien Gnade und dem Heil nicht als durch Gottes Bundeszusage verbürgt denken und reden, berauben sich und andere um ein reiches Teil der Tröstungen des göttlichen Wortes. Das war nicht die Art des unter der Eingebung des Geistes schreibenden Psalmdichters. William Swan Plumer 1867.

Wir sind alle Kinder Adams: wir schuldigen lieber Gott als uns selbst an. (1. Mose 3,12) So argwöhnen wir, wenn es uns übel geht, eher, dass Gott den Bund gebrochen habe, als dass wir unsere Bundbrüchigkeit anerkennen. Wir sind in Zeiten der Not sehr geneigt, denen zu misstrauen, welche uns am besten helfen könnten. Der Kranke, dessen Übel lebensgefährlich wird, misstraut nicht den Ratschlägen seiner unwissenden Nachbarn, sondern seinem geschickten Arzte. Wer in einem Prozess verliert, verdächtigt niemand leichter als seinen Advokaten oder den Richter. Francis Taylor 1645.

Blicke hin auf den Bund! Denn voll sind des Landes versteckteste Örter von Wohnungen der Gewalttat. (Grundtext) Der Dichter will sagen: Weil es bis dahin gekommen ist, dass unser ganzes Land mit Fremden so angefüllt ist, dass darin kein auch noch so heimlicher Bergungsort mehr zu finden ist, an dem wir vor den Gewalttaten unserer Dränger sicher wären, so erweise uns doch die Unverbrüchlichkeit deines Bundes, den du mit unseren Vätern geschlossen hast und vermöge dessen du es mit uns nicht zur äußersten Vernichtung kommen lassen kannst. Lic. Dr. H.V. Andreä 1885.

V. 22. Mache dich auf, HERR, und richte deine Sache. Mit diesen Worten unseres Psalms begann die Bannbulle Leos X. gegen Luther, auf welchen diese Bulle auch die Worte Ps. 80,14 anwandte: "Es haben den Weinberg Gottes zerwühlt die wilden Säue." Nach A. v. Salis 1902.

V. 23. Wenn wir genötigt sind, unsere ernstesten und dringendsten Gebete zu beendigen, ohne auch nur einen Lichtstrahl auf unseren Pfad scheinen zu sehen, so mag es uns ein Trost sein, des zu gedenken, dass auch der fromme Dichter diese Klage so schließen musste. Hoffen, da nichts zu hoffen ist, ist die gesegnetste Art des Hoffens. William S. Plumer 1767.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Dass Gott auch mit den Seinen noch manchmal zürnt, ist eine ernste Tatsache. 2) Doch tut er es mit Maßen; wir aber sind geneigt, maßloses Zürnen zu fürchten. 3) Unser Verhältnis zum HERRN wird durch die Strafe nicht abgebrochen ("Schafe deiner Weide"). 4) Unsere Aufgabe ist es, nach dem Grund des göttlichen Zornes zu forschen und dementsprechend zu handeln.
Warum raucht dein Zorn? (Wörtl.) Der Zorn des HERRN über sein Volk wird mit dem Rauch verglichen, 1)weil er nicht ein verzehrendes Feuer ist, 2) Feuersgefahr aber allerdings nahe ist; 3) weil er das Freudenlicht im Herzen verdunkelt, 4) den Glaubensblick trübt, 5) den Lebensodem beklemmt, 6) auch den Genuss der zeitlichen Segnungen stört (alles schwarz macht).
V. 2. 1) Das nahe Verhältnis des HERRN zu seinem Volke. a) Erwählung, b) Erlösung, c) Einwohnung. 2) Die daraus hervorgehende Bitte: Gedenke usw.
V. 3. Verwüstungen in der Gemeinde des HERRN. 1) Die Gemeinde hat Widersacher. 2) Die in die Gemeinde eindringende Gottlosigkeit ist die gewaltigste Waffe dieser Feinde. 3) Dadurch wird bei schwachen Gläubigen und bei erweckten Seelen viel Gutes zerstört, der Friede wird gestört, der Gebetseifer gedämpft und die Kraft, auf andere segensreich einzuwirken, geschwächt. 4) Die Hilfe ist nur bei Gott.
V. 3.4. Die Macht des Gebets in dem Streit für Gottes Heiligtum. 1) Auf Seiten der Feinde sind a) Verwüstung, b) Entweihung, c) schamloses Lärmen und d) freche Handlungen. 2) Auf Seiten der Gläubigen ist nur a) ernstes Flehen, das aber b) Gott alsbald und kräftig zur Rettung zu kommen drängt.
V. 4b. Und stellten ihre Zeichen als Zeichen auf. (Grundtext) Die List des Satans, die Wahrheit durch täuschende Afterbilder derselben zu verdrängen.
V. 5 ff. Vandalismus (rohe Zerstörungswut) gegen die göttliche Wahrheit.
V. 6.7. Was eine christliche Gemeinde zu fürchten hat. 1) Verletzung der Lehre und der Verordnungen des HERRN (Tafelwerke). 2) Das Feuer des Zankes, Spaltungen usw. (Verbrennen.) 3) Verunreinigung durch Sünde (Entweihen). Ein jedes dieser Übel kann eine Gemeinde zugrunde richten. Darum wache und bete sie dagegen.
V. 9a. 1) Auch wir haben heilige Zeichen, Beweise und Kennzeichen der göttlichen Huld. 2) Zeichen sieht man, sie werden einem bewusst, wenn der Heilige Geist sie einem vor Augen stellt. 3) Es gibt aber auch Zeiten, wo man dieselben nicht sieht, weil sie von geistlicher Unklarheit und Finsternis umhüllt sind. Joseph C. Philpot † 1869.
V. 9. Offenbare Zeichen von Gottes Missfallen, wie z. B. wenn das Wort Gottes teuer wird und der Mund treuer Diener Gottes verschlossen wird, sollten uns aufs tiefste erschüttern. Thomas Wilcocks 1586.
V. 11. 1) Gottes Geduld. Er zögert mit seinen Gerichten und zieht sogar seine Hand zurück. (Wörtl.) 2) Des Menschen Ungeduld: "Heraus aus deinem Busen!" (Wörtl.).
V. 12. 1) Gottes Königshoheit. 2) Sie ist von alters her. 3) Wir huldigen ihr. 4) Wie erweist sie sich? In Taten. 5) Was wirkt sie? Hilfe. 6) Wo offenbart sie sich? Auf Erden.
V. 15. Die wunderbare Fürsorge Gottes für sein Volk, beleuchtet durch den gespaltenen Felsen und den versiegten Jordan.
V. 16.17. 1) Der Gott der Gnade ist der Gott der Natur. 2) Der Gott der Natur ist auch der Gott der Gnade. In beiden Offenbarungen zeigt sich die gleiche Weisheit, Macht und Treue. Vergl. Ps. 19. George Rogers 1871.
V. 19. Die Seele des Gläubigen verglichen mit einer Turteltaube.
V. 22. Gott führt selber seine Sache, indem er in den Wegen seiner Vorsehung die Völker und die einzelnen Seelen heimsucht, und indem er mächtige Erweckungen und Bekehrungen wirkt.
1) Die Herrlichkeit unserer Sache: sie ist des HERRN eigene Angelegenheit. Hoffnung, die uns belebt: dass der HERR seine Sache selbst durchführen wird. 3) Der Trost, den wir deshalb sogar aus dem Wüten der Feinde schöpfen können: es wird den HERRN bewegen sich aufzumachen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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PSALM 75 (Auslegung & Kommentar)

Überschrift

Ein Psalm und Lied Asaphs, sowohl zum Vorlesen als auch zum Singen geeignet. Ein Psalm zum Lobe Gottes und ein Lied für seine Heiligen. Das Volk ist glücklich zu preisen, dem in David ein Milton gegeben war und in Asaph ein nahezu ebenbürtiger Sänger erstand; glücklich vor allem darum, weil diese Dichter ihre Begeisterung nicht aus der Erde kastalischem Quell,1 sondern aus dem himmlischen Born der ewigen Wahrheit tranken. Dass er nicht umkäme, Grundtext: "Verderbe nicht"; der letzte der vier so überschriebenen Psalmen. Vergl. zu Ps. 57. Die meisten Ausleger vermuten in diesen Worten den Anfang eines bekannten Liedes, nach dessen Singweise der Psalm vorgetragen werden sollte. Setzen wir die Worte aber zu dem Inhalt des Psalms in Beziehung, so werden sie entweder dem natürlichen Grimm des lang unterdrücken Volkes Einhalt tun sollen, oder sie sind ein Hohn auf den wilden Feind, der hier spottweise gebeten wird, nicht zu verderben, weil das Volk Gottes weiß, dass ihm die Macht dazu jetzt genommen ist. Wahrlich, da spielt in heiligem Glauben der Säugling am Loch der Otter, und ein Entwöhnter steckt seine Hand in die Höhle des Basilisken! (Jes. 11,8.) Vorzusingen. Es ist ein ehrenvoller Auftrag, der dem Musikmeister (wörtl.) wird, da er diesen Psalm für den öffentlichen Gottesdienst musikalisch bearbeiten und einüben soll; denn in dem vorliegenden Psalm ist der Hilferuf, den der vorige zu Gott emporsandte, im Begriff, erhört zu werden, und Gott selbst nimmt die Herausforderung der Feinde Israels an. So verachtet hier die Jungfrau Zion ihren Feind und macht ihn zum Gespött. Der Untergang des Heeres Sanheribs bildet eine vorzügliche Illustration, wenn nicht gar, wie viele Ausleger meinen, die Veranlassung zu diesem heiligen Sang.

Einteilung

Dank und Anbetung des Volkes leiten den ganzen Gesang ein (V. 2). In den folgenden vier Versen (3-6) tritt der HERR selbst redend auf als der gerechte Lenker der Welt. Dann erhebt die Gemeinde Gottes warnend ihre Stimme gegen ihre Feinde (V. 7-9), und der Schluss (V. 10-11) besingt im Voraus den Ruhm Gottes und die völlige Niederlage der Feinde.

Auslegung

2. Wir danken dir, Gott, wir danken dir
und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist.


Wir danken dir, Gott; nicht uns selbst rühmen wir, denn wir waren hilflos, sondern dir, Gott, lobsingen wir, der du unser Schreien hörtest und auf das Höhnen unserer Feinde antwortetest. Lasst uns nie der Pflicht des Dankens vergessen; wir müssten ja sonst fürchten, dass unser Gebet ein andermal keine Erhörung finden werde. Wie die lieblichen Blumen in ihrer Farbenpracht die verschiedenen Teile des Sonnenlichts zurückstrahlen, so sollte in unseren Herzen Dankbarkeit sprießen, geweckt von dem freundlichen Lächeln der göttlichen Vorsehung. Wir danken dir. Immer wieder aufs neue sollen wir Gott preisen. Karg gemessener Dank ist schlecht verhüllter Undank. Für unendliche Güte ziemt sich eine Dankbarkeit ohne Grenzen. Zwiefachen Lobpreis gelobt der Glaube für außerordentliche Errettungen aus großer Not. Und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist.2 Gott ist gegenwärtig, um uns zu erhören und Wunder zu tun; lasst uns denn dieses allzeit nahe Wesen anbeten! Wir reden und singen ja nicht von einem verborgenen Gott, welcher schläft und seine Gemeinde ihrem Schicksal überlässt, sondern von dem, der allezeit, auch in unseren dunkelsten Stunden, ganz nahe ist, eine Hilfe in Nöten kräftig erfunden (Ps. 46,2). Baal mag über Feld sein, aber Jehova wohnt inmitten seiner Gemeinde. Ehre sei dem HERRN, dessen machtvolle Gnadentaten es fort und fort beweisen, dass er bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende.

3. Denn zu seiner Zeit
so werde Ich recht richten.
4. Das Land zittert und alle, die drinnen wohnen;
aber Ich halte seine Säulen fest. Sela.
5. Ich sprach zu den Ruhmredigen: Rühmet nicht so,
und zu den Gottlosen: Pochet nicht auf Gewalt,
6. pochet nicht so hoch auf eure Gewalt.
redet nicht halsstarrig,
7. es habe keine Not, weder von Aufgang noch von Niedergang
noch von dem Gebirge in der Wüste.
8. Denn Gott ist Richter,
der diesen niedriget und jenen erhöhet.
9. Denn der HERR hat einen Becher in der Hand und
mit starkem Wein voll eingeschenkt
und schenkt aus demselben; aber die Gottlosen müssen
alle trinken und die Hefen aussaufen.


3. In diesem Vers beginnt, wie allgemein angenommen, eine Rede Gottes; ähnlich führt der Dichter des ebenfalls asaphitischen 50. Psalms Gott selbst unmittelbar redend ein. Zu seiner Zeit, d. i. wörtl.: wenn ich den (in meinem Ratschluss festgesetzten) Zeitpunkt ergreife (um das Beschlossene auszuführen), richte Ich, wie es recht ist. Gott ist nie zu früh und nie zu spät! Die Zeit der Geduld hat er festgesetzt; ist sie aber vorüber, so erfolgen rasch seine Schläge, und die Rettung der Seinen ist sicher. Gott sendet nicht einen Amtsverweser, sondern besteigt selbst den Richtstuhl. HERR, lass die bestimmte Zeit bald kommen, wo du deinem Volk und deiner Sache zum Recht verhilfst! Zögere nicht länger; mach dich auf und geh ans Werk um der Wahrheit und der Herrschaft Jesu willen. O lass den Tag des Gerichts anbrechen, Herr Jesu, und steig auf den Thron, um die Welt mit Gerechtigkeit zu richten.

4. Das Land (oder: die Erde) zittert (wörtl.: vergeht, nämlich vor Furcht) und alle, die drinnen wohnen. Wenn die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wenn Tyrannen die Macht in die Hände bekommen, gerät alles ins Schwanken, und Auflösung droht allem Bestehenden. Selbst die Autorität der Regierung, vorher fest wie die Berge, schmilzt wie Wachs; allein auch dann noch hält und stützt der HERR das Recht. Aber Ich halte seine Säulen fest. Es ist also kein wirklicher Grund zur Furcht da. Solange die Tragpfeiler fest stehen - und sie bleiben stehen, weil Gott sie hält -, so lange wird auch das Gebäude dem Sturm Trotz bieten. Wenn der HERR einst erscheint, wird alles zerschmelzen; Er aber, unser Bundesgott, wird sich dann als der sichere Grund unserer Zuversicht erweisen. Sela. Hier mag wohl die Musik ruhen, während diese erhabene Vision an unserm Auge vorüber zieht: eine Welt in Auflösung, und über ihr der unveränderliche Gott, der mit starker Hand alle die Seinen über die schreckliche Umwälzung hinwegträgt.

5. Ich sprach zu den Ruhmredigen4: Rühmet nicht so. Der HERR gebietet den Prahlern, nicht mehr zu prahlen, und befiehlt den wahnsinnigen Unterdrückern, mit ihrer Narrheit aufzuhören. Welche Ruhe bewahrt er, wie gelassen sind seine Worte, und doch wie majestätisch ist diese Zurechtweisung! Wenn die Gottlosen nicht von Sinnen wären, so würden sie schon jetzt in ihrem Gewissen die leise Stimme vernehmen, welche sie auffordert, vom Bösen abzulassen und ihren Stolz zu brechen. Und zu den Gottlosen: Pochet nicht auf Gewalt, wörtl.: Erhebet nicht das Horn. Er heißt die Gottlosen ihren Hochmut beugen. Das Horn war Sinnbild stolzer Kraft; nur Toren können es wie wütende wilde Tiere hochtragen. Aber sie wollen in ihrem Hochmut sogar den Himmel stürmen, als ob sie den Allmächtigen selbst mit ihrem Horn durchbohren könnten. In würdevoller Majestät verweist er dies eitle Rühmen den Gottlosen, welche sich in der kurzen Zeit, da sie, wenigstens in ihrer Einbildung, die Macht in Händen haben, so maßlos überheben.

6. Pochet nicht so hoch auf eure Gewalt, wörtl.: Erhebet nicht so hoch euer Horn. Zum zweitenmal wird ihnen ihr grenzenloser Hochmut verwiesen. Ein Wort aus Gottes Mund wirft die Übermütigen bald in den Staub. Gebe Gott, dass alle Stolzen auf Erden die ihnen hier gegebene Mahnung zu Herzen nehmen; denn tun sie es nicht, so wird der Allmächtige wirksame Mittel ergreifen, um sich Gehorsam zu erzwingen, und dann wird großer Jammer über sie kommen: ihr Horn wird zerbrochen und ihre Herrlichkeit für immer in den Kot getreten werden. Redet nicht halsstarrig.5 Unverschämtheit Gott gegenüber ist Tollheit. Der steife, hochgereckte Nacken unsinnigen Stolzes muss ja das Richtschwert des Höchsten herausfordern. Leute, die ihren Kopf so hoch tragen, werden sich plötzlich noch höher emporgezogen finden, wie Haman an den Galgen, den er für den gerechten Mardochai errichtet hatte. Drum schweig, du alberner Prahlhans! schweig, sonst gibt Gott dir eine Antwort, die dir auf immer den frechen Mund schließt! Wer bist du denn, du Wurm, dass du dir’s herausnimmst, dich gegen die Gesetze deines Schöpfers aufzulehnen und seine Wahrheit zu bekritteln? Sei doch still, du hochmütiger Schwätzer, sonst bringt dich die vergeltende Gerechtigkeit zu deiner ewigen Schande zum Verstummen (V. 7-9).

7. Denn Erhöhung (d. i. Errettung) kommt weder von Aufgang noch von Niedergang, noch von der Wüste.6 Es gibt einen Gott und eine allwaltende Vorsehung; die Dinge geschehen nicht nach blindem Zufall. Wenn sich auch auf keinem Punkt des Horizonts eine Aussicht auf Rettung bietet, so kann Gott sie seinem Volk dennoch verschaffen; und ob auch das Gericht über die Unterdrücker weder vom Aufgang noch vom Niedergang noch von der Wüste erwartet werden kann, kommen muss es; denn Gott sitzt im Regiment! Die Menschen vergessen, dass Gott alles zuvor verordnet hat, dass alle Fäden des Weltlebens im Himmel zusammenlaufen. So sehen sie nur die menschlichen Kräfte und die fleischlichen Leidenschaften; aber der unsichtbare Jehova ist eine in unendlichem Maße realere Macht als diese. Er hat die Hand am Werk hinter und in der Wolke, die uns ihn verhüllt. Die Toren träumen, er existiere nicht, er, der doch fortwährend nahe ist und eben im Begriff steht, den Becher voll starken Racheweins zu ergreifen, aus dem ein einziger Schluck genügt, um alle seine Feinde zum Wanken zu bringen.

8. Denn (besser: sondern) Gott ist Richter. Er ist jetzt schon tatsächlich im Richten begriffen. Sein Stuhl ist nicht vakant, er hat seine Autorität nicht niedergelegt; der HERR sitzt noch immer im Regiment. Der diesen niedriget und jenen erhöhet. Auf sein Geheiß steigen die Weltreiche empor und geraten sie wieder in Verfall; es ist sein Wille, der diesem hier den Kerker und jenem dort einen Thron anweist. Assyrien muss Babylon weichen und Babylon den Medern. Könige sind wie Puppen in seiner Hand; seinen Zwecken muss das Emporsteigen wie das Erbleichen ihres Sternes dienen. Ein englischer Schriftsteller (Timbs) hat ein Buch unter dem Titel "Historisches Kegelspiel" herausgegeben - wahrlich ein guter Übername, geeignet, den Wahn der Großen der Erde etwas zu dämpfen. Gott allein ist, alle Macht ist sein; alles andere sind Schatten, die kommen und gehen, ohne wirklichen Inhalt, nebelhaft und traumähnlich.

9. Denn der HERR hat einen Becher in der Hand. Die Strafe für die Gottlosen ist schon zugerichtet, und Gott selbst hält sie in Bereitschaft; er hat die fürchterlichsten Wehen zusammengesucht und zu einer Mischung bereitet, und in seinem Zornbecher reicht er sie dar. Sie haben das Gastmahl seiner Liebe verschmäht und verspottet, so sollen sie nun zu seinem Gerichtstisch geschleppt werden und zum Nachgericht einen Dessertwein trinken müssen, wie er sich für sie schickt. Und der Wein ist rot. (And. Übers.7 Schrecklich ist die Vergeltung: Blut für Blut, überschäumende Rache für überschäumende Bosheit. Schon die Farbe des göttlichen Zornweins ist furchtbar; wie entsetzlich muss es sein, ihn kosten zu müssen! Ist voller Mischung. (Grundtext) Als Würzen sind Zorn, Gerechtigkeit und Entrüstung über die verschmähte Gnade beigemischt. Die Übeltaten der Gottlosen, ihre Lästerungen und Verfolgungen haben den Trank wie mit kräftigen Kräutern verstärkt. Zehntausend Wehen brennen in den Tiefen dieses Feuerkelchs, der bis zum Rand mit lang verhaltenem Zorne angefüllt ist. Und schenkt aus demselben. Der volle Becher muss ausgetrunken werden. Die Gottlosen können sich des nicht mehr weigern, sie müssen ihn ansetzen und in einem Zuge leeren - so grausig sie diese sonst gewohnte Zechersitte jetzt ankommt; denn Gott selbst schenkt ihnen aus, er setzt den Becher an ihre Lippen und gießt ihnen den schaurigen Trank ein. Umsonst ist ihr Schreien und Bitten. Einst konnten sie ihm Trotz bieten; aber die Zeit ist vorbei und die Stunde nun da, wo ihnen voll vergolten wird. Ja, (auch) seine Hefen müssen schlürfen und trinken alle Gottlosen der Erde. (Wörtl.) Das Zorngericht schreitet noch weiter fort bis zum äußersten, es nimmt an grausamer Bitterkeit zu. Sie müssen trinken und immer trinken, den Becher auskosten bis auf den Grund, wo die Hefen tiefer Verdammnis lagern; diese müssen sie ausschlürfen und den Becher noch ausschlecken. O die Angst, o das herzbrechende Weh des Tages des Zorns! Man merke wohl: allen Gottlosen der Erde steht solches Gericht in Aussicht, alle Höllenpein für alle Gottlosen; die Hefen des Grimmes für die Hefen der Menschheit, bittere Strenge für bittere Bosheit, Zorn für die Kinder des Zorns. Die Gerechtigkeit darin liegt klar zutage; aber über alle die Schrecken ist zehnfaches Dunkel gebreitet, eine Nacht ohne Licht und Labsal, ohne auch nur ein Sternlein der Hoffnung. Wohl denen, die den Becher der göttlichen Traurigkeit trinken und den Kelch des Heils ergreifen; werden sie jetzt auch verspottet, so werden sie doch einst aufs äußerste beneidet werden von eben den Leuten, von welchen sie jetzt mit Füßen getreten werden.

Fußnoten
1. Nach der Nymphe Kastalia benannte Quelle bei Delphi, deren Wasser man die Kraft zuschrieb, dichterische Begeisterung zu verleihen.

2. Die nächstliegende Übers. des Grundtexts ist: und nahe ist dein Name. Man verkündigt deine Wunder. Doch stehen so die Sätze sehr abgerissen da. Eine sinnvolle Verbindung stellt die von Hupf. verteidigte engl. Übers. her, indem sie Wunder zum Subj. macht: und dass dein Name nahe ist, verkündigen deine Wunder. Erscheint einem dies zu künstlich, so mag man mit Dyserinck (vergl. die LXX: e)pikaleso/meqa) lesen: (y)"roqw: =) yro"qw: Kfm:$ib: und die deinen Namen anrufen, verkündigen deine Wunder.

3. Nach der Auffassung Spurgeons spricht V. 3-6 Gott, V. 7-9 die Gemeinde; der Luthertext lässt sich aber bei V. 7 nicht teilen.

4. Vergl. die Anm. zu Ps. 73,3 und 5,6.

5. Nach den Akzenten ist qtf(f mit ribI"dIi zu verbinden: Redet (nicht) Freches (vergl. 31,19 und namentlich 1. Samuel 2,3); dann steht r)WfcabI: im prägnanten Sinn wie Hiob 15,26: mit dem Hals = mit stolzgerecktem Halse. Man kann aber auch wie Luther qtf(f als Adj. zu r)Wfca nehmen: Redet (nicht) mit frechem Halse.

6. So Luther 1524, die engl. Bibel u. a., nach der (auch von Baer bevorzugten) Lesart rbIfd:mIimi. Dann ist Myrihf ein Inf. hiph., Erhöhung. Die, jetzt wenigstens, mehr verbreitete, auch dem späteren Luthertext unterliegende Lesart ist Myrihf rbIad:mIimi, von der bergigen Wüste. Bei dieser Lesart steht der Satz abgerissen da. Luther verband ihn mit dem vorhergehenden Vers, als Inhalt der Rede der Übermütigen, indem er ergänzte: Es habe keine Not. Eher wird man mit diesem Vers einen neuen Abschnitt beginnen lassen und etwa ergänzen )Æbyf Wnr"z:(e (vergl. 121,1 f.): Denn weder vom Aufgang noch vom Niedergang noch von der bergigen Wüste kommt unsere Hilfe, sondern Gott ist Richter usw.

7. So die engl. Bibel mit manchen Auslegern. Näher liegt es, an rmaxf schäumen zu denken: und Wein, der schäumt (= mit schäumendem Wein), oder: und (der Becher) schäumt von Wein. - Statt voller Mischung, was sich auf den Wein bezieht, übersetzen andere voll von Mischtrank, die Worte auf den Becher beziehend.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps75

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10. Ich aber will verkündigen ewiglich
und lobsingen dem Gott Jakobs.
11. Und will alle Gewalt der Gottlosen zerbrechen,
dass die Gewalt des Gerechten erhöhet werde.


10. Ich aber will verkündigen ewiglich. Dies wird also das selige Geschäft der Heiligen sein, den Ruhm Jehovas zu verkündigen, während ihre Feinde vom Zorneswein trunken sind. Sie werden singen, während die andern brüllen vor Seelenpein, und das gerechterweise; denn im vorigen Psalm sahen wir, dass es auch auf Erden so war: "deine Widersacher brüllen in deinen Häusern", an dem Ort, wo die Auserwählten Gott priesen. Und lobsingen dem Gott Jakobs. Den Bundesgott, welcher Jakob aus tausend Trübsalen errettete, soll unsere Seele verherrlichen. Er hat den Bund gehalten, den er mit dem Erzvater machte und hat dessen Samen erlöst; deshalb wollen wir auch seinen Ruhm verbreiten bis an der Welt Ende.

11. Und will alle Gewalt der Gottlosen zerbrechen, wörtl.: alle Hörner der Gottlosen abschlagen. Macht und Freiheit sind nun wieder Israel verliehen; so kann es auch wieder Gericht üben, indem es die Gottlosen erniedrigt, die sich ihres tyrannischen Regiments gerühmt hatten. Ihre Macht und Pracht werden nun zerstört. In jenen Zeiten trug man Hörner als Prunkgewänder. Diese Hörner sollen ihnen heruntergeschlagen werden, sowohl buchstäblich als bildlich; denn da Gott die Stolzen verabscheut, wird seine Gemeinde sie auch nicht länger dulden. Dass die Hörner des Gerechten erhöhet werden. (Wörtl.) In einer wohlgeordneten Gesellschaft werden die Guten hochgeachtet, die Tugend erhält da gebührenden Rang und Ansehen, und Gottes Gunst wird an einem Manne höher geschätzt als Gold. Der von der willkürlichen Gewaltherrschaft der Gottlosen befreite Fürst des auserwählten Volkes verspricht hier Abhilfe zu schaffen, wo sich Fehler im Staate eingeschlichen hatten, und nach dem Beispiel, das der HERR selbst gegeben, die Hochmütigen zu erniedrigen und die Demütigen zu erhöhen. Dies denkwürdige Lied ist besonders geeignet, in Zeiten schweren Druckes zur Stärkung gesungen zu werden, wenn das Gebet seine Botschaft am Gnadenthron ausgerichtet hat und der Glaube nun auf baldige Befreiung wartet. Es ist prophetisch ein Lied vom zweiten Advent und mahnt, dass der Richter mit dem Zornkelch nahe ist.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Was Ps. 74 erfleht: "Steh auf, Jahve, führe deine Sache!" (V. 22 f.), das schaut Ps. 75: das Gericht Gottes über die stolzen Sünder wird ihm Quelle des Lobpreises und triumphierenden Mutes. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Es ist etwas Großes, zur bösen Zeit seine und anderer Hände stärken zum Guten, wie Asaph in diesem Psalm tut. "Habe keine ungerechte Sache sowohl im Verborgenen als auch öffentlich, verteidige die Ehre Gottes, so wirst du wohl bestehen", war einmal der gute Rat, den man einem Beamten gegeben. Und so hat’s auch Asaph im Psalm gemacht, dem Namen Gottes und den überall nahen Spuren seiner Macht, Weisheit und Gerechtigkeit gläubig nachgespürt, gegen die Bosheit anderer wenigstens immer eine Protestation und Missfallen dargelegt und sich darauf bezogen, dass Gott auf Erden Richter ist, und damit sich und andere im Vertrauen und im Auswarten der Zeit gestärkt. Karl H. Rieger † 1791.

V. 2. Es wird von dem Namen Gottes gesagt, er sei nahe, weil er zu öffentlicher Kenntnis gekommen war und in jedermanns Sinn und auf jedermanns Zunge war. Nahe steht im Gegensatz zu dem, was unbekannt und verborgen ist; davon wird gesagt, es sei fern. Vergl. 5. Mose 30,11. Herm. Venema † 1787.

Wir danken dir. Das wird wiederholt, nicht sowohl, weil es also zierlich lautet, sondern weil den Gläubigen recht Ernst ist, den Ruhm ihres guten Gewissens in standhaftem Bekenntnis zu behaupten. Johann David Frisch 1719.

V. 3 ff. Zu seiner Zeit. Ohne Zweifel hat damals auch Israel jenen Verdruss gefühlt, von dem Asaph Ps. 73,3 spricht, und vielmals werden sie gerufen haben: Ach HERR, wie lange? Darum erinnert sie Gottes Wort daran, dass ja auch die Offenbarung göttlicher Gerechtigkeit gelegene Zeit abwarte, und ob währenddem Himmel und Erde erschüttert werden, so dass menschlicher Kleinmut wähnt, es ließe sich nicht wieder feststellen - wo die gelegene Zeit gekommen sein wird, wird auch eine ganze Welt voll Tumult und Unruhe sich zur Ruhe begeben müssen. So soll man, ob man auch alles um sich her gären und brausen und alle festen Säulen brechen sieht, dennoch im Glauben festhalten: Gott wartet nur auf seine gelegene Zeit. Und zwar wird solches Gericht am wenigsten ausbleiben, wo der Übermut der elenden Sterblichen sich mit Gott im Himmel messen zu dürfen wähnt, da Gott es nicht zulassen darf, dass ihm Sterbliche seine Ehre nehmen. (Jes. 42,8.) Prof. A. F. Tholuck 1843.

V. 4. Ich halte seine Säulen fest. Man lerne daraus, wem die Ehre für die Aufrechterhaltung der Welt gebührt. Gottes Vorsehung ist der wahre Atlas, der die Welt stützt und trägt, während er auf die Sünde und die Sünder tritt. Thomas Crane 1672.

V. 5.6.11. Das Horn, als Bild siegreicher Trutzmacht schon 5. Mose 33,17; 1. Samuel 2,1 gebraucht und Ps. 18,3 auf Jehova übertragen als Horn des Heils, steht auch im vorliegenden Psalm V. 11b von den Gerechten, dagegen V. 11a und V. 5. 6 von den frevelnden Feinden in solcher Verbindung, dass man sieht, Horn ist nicht gleich Haupt, wie Hupfeld meint, sondern bezeichnet das Machtmittel, und das Horn erhöhen ist nicht gleich das Haupt erheben, sondern je nach dem Zusammenhange: die Machtmittel zeigen, sie in Bewegung setzen zum Angriff oder zur Verteidigung, sie mehren und stärken. Auch ist erst durch den Zusammenhang zu entscheiden, ob der Nebenbegriff der Zuversicht und des Mutes oder der des Trotzes und des Übermutes einzuschließen ist. (Vergl. Ps. 89,18.25; 92,11; 112,9; 148,14; 1. Makkabäer 2,48.) General-Sup. K. B. Moll † 1878.

Erhebet euer Horn nicht hoch - redet nicht mit steifem Hals. (Wörtl.) Bruce († 1794) bemerkt dazu, die abbessinischen Könige hätten ein Horn auf ihrem Diadem, und wenn sie dasselbe aufrecht oder vorwärts geneigt hielten, so mache das den Eindruck, als wenn sie einen steifen Nacken hätten. Er führt die vorliegende Stelle als Beweis an, dass diese Sitte sehr alt sei und ebenso der dadurch hervorgerufene Eindruck. Adam Clarke † 1832.

V. 7. Erhöhung (siehe die 6. Anm. S. 576) bedeutet hier nicht, wie wir es gewöhnlich verstehen, Beförderung, Standeserhöhung, sondern Heraufheben aus der Tiefe der Not, Befreiung, Versetzung in sicheren Stand, Sieg. J. J. Stewart Perowne 1864.

Noch von der Wüste: dem Süden, denn die große syrisch-arabische Wüste lag in dieser Richtung. Es werden drei Himmelsgegenden genannt; nur der Norden wird ausgelassen. Das kann man sich, vorausgesetzt, dass man den Psalm auf den Zug Sanheribs bezieht, durch die Tatsache erklären, dass das assyrische Heer eben vom Norden heranzog und es daher natürlich war, nach allen andern Richtungen, nur nicht nach dieser, um Hilfe gegen den eindringenden Feind auszuschauen. J. J. Stewart Perowne 1864.

V. 9. Die Gottlosen müssen alle trinken und die Hefen anssaufen. Puh, welch ein Trank! Es ekelt sie davor, der Magen kehrt sich ihnen dabei um; sie sind es nicht gewohnt, Hefen zu schlürfen. Der Wein, den sie zu trinken pflegten, war fein und rein, er funkelte in kristallenen Bechern und duftete gar herrlich; wie sollen sie jetzt dies Zeug hinunterkriegen? Wer aber so lustig und reichlich aus dem Becher der Sünde getrunken hat, der wird gezwungen werden, den Becher des Gerichts zu trinken, mag er sich noch so sehr dagegen sträuben. Und es wird nicht an einem Schluck oder zweien genug sein, sondern sie müssen den Becher leeren, Hefen und alles, bis auf den Grund, und werden doch nie auf den Grund kommen. Sie haben ja gern einen guten Zug getan; nun sollen sie einen tun, der lang genug ist: der Becher hat einen ganz eigenartigen Boden, er wird ewig nicht leer. Wenn schon der Kelch der Trübsal, der doch ein heilsamer Kelch ist, den Gottseligen manchmal oder für eine gewisse Zeit gar bitter und widrig schmeckt, wie todkrank werden die Gottlosen sich fühlen, wenn sie immer und ohne Aufhören den Kelch des Zornes und des Todes trinken müssen! Joseph Caryl † 1673.

Gott teilt einem jeglichen sein Maß zu, dass er leide, aber die Grundsuppe bleibt den Gottlosen. Martin Luther † 1546.

Von dem Taumelkelch haben, als das Gericht anfing, Sanheribs Leute getrunken und "sanken in ihren Schlaf" (Ps. 76,6). Prof. August Tholuck 1843.

Becher. Sollte hier nicht auf den Mischtrank, den Fluchbecher, wie ihn die Juden nannten, angespielt werden, den man den zum Tode verurteilten Verbrechern vor der Hinrichtung gab, um sie zu betäuben? Darauf scheint uns auch das Wort schäumen oder trüb sein zu führen: der Wein wurde trüb und schäumend gemacht, indem man die Hefen und die berauschenden Zutaten aufrührte. Richard Mant † 1849.

Homiletische Winke

V. 2. Der nimmer aufhörende Dank der Gemeinde. Was drängt sie, so unablässig Gott anzubeten? Dass Gott ihr so nah ist, und dass sich diese Nähe Gottes so augenscheinlich in göttlichen Machtentfaltungen erweist.
1) Danken wir Gott? 2) Wir danken Gott. 3) Wie und 4) wann danken wir ihm? 5) So lasst uns ihm von neuem danken.
V. 3. Gottes Zeit ist nicht unsere Zeit, aber die rechte Zeit.
V. 4. Der HERR, der Halt seines Volkes auch in den schwersten Lagen.
Wir mögen aus dieser Gottesrede zwei Lehren entnehmen, dass nämlich keine Unordnung und Verwirrung uns hindern sollte, 1) ruhig auf Gott zu trauen, 2) aber auch an unserm Teil als Gottes Nachahmer zu tun, was Gott will, dass wir tun sollen; ja, je mehr die Dinge außer Ordnung sind, desto eifriger sollen wir darauf hinwirken, sie in Ordnung zu bringen. Thomas Wilcocks 1586.
V. 5. Angewandt auf die Gottesfürchtigen: Strafen und Warnen der Sünder ist unsere Pflicht.
Das unheilige Trio: Gottlosigkeit, Torheit (vergl. d. Anm. zu Ps. 73,3, S. 527) und Hochmut.
V. 6. Gründe gegen den Stolz in Gesinnung, Gebärde und Rede.
V. 7.8. Der Wechsel der Geschicke nicht ein Spiel des Zufalls.
V. 8. Gott handelt in den Anordnungen seiner Vorsehung nicht nach Willkür, sondern als (gerechter) Richter.
V. 9. Der Becher wird 1) vom HERRN zubereitet (gemischt), 2) vom Herrn bereitgehalten (er hat ihn in der Hand), 3) vom HERRN ausgeschenkt, einem jeden sein Teil.
Der Becher des Zornes. Wo befindet er sich, welcherart ist sein Inhalt, wie voll ist er, wer reicht ihn dar, und wer muss ihn trinken?
Gottes Zorn, Gewissensbisse, Erinnerungen verlorener Freuden, Furcht vor dem Kommenden, Gegenbeschuldigungen, Verzweiflung, Scham usw. - dies alles sind die Zutaten, womit dieser Wein gemischt ist.
V. 9b. 1) Die Hefen des Bechers: der höchste Zorn, die bitterste Galle. 2) Die Hefen der Menschheit: alle Gottlosen.
V. 10. Unsere Lebensaufgabe: zu verkündigen, nämlich Gericht für die Welt, welches für die Gemeinde Heil ist, und Gott als dem Richter und Heiland zu lobsingen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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PSALM 76 (Auslegung & Kommentar)

Überschrift

Ein Psalmlied Asaphs. Form und Inhalt dieses Psalms weisen auf dieselbe Hand hin, welche den vorhergehenden geschrieben hat, und dass diese beiden Psalmen aneinandergereiht sind, ist eine treffliche Anordnung. Im 75. Psalm sang der Glaube von zukünftigem Sieg; hier darf er den vollendeten Sieg besingen. Der vorliegende Psalm ist ein frohlockender Kriegsgesang, ein Triumphlied, dem König aller Könige zu Ehren angestimmt, ein Lobgesang des theokratischen Volkes auf seinen göttlichen Herrscher. Auf Saitenspiel, vorzusingen. Der Vorsteher der Tempelmusik wird in diesen Worten angewiesen, den Psalm unter Begleitung von Saiteninstrumenten singen zu lassen. Der Meister der Harfen und Zitherspieler wird aufgefordert, seine besten Kräfte in den Dienst dieses Psalms zu stellen; und wahrlich, der Psalm ist der lieblichsten und erhabensten Töne würdig, welche der Menschengeist den Saiten entlocken kann. - Es liegt kein Grund vor, in einem Lied, das ein so einheitliches Ganzes bildet, Abschnitte zu machen.

Auslegung

2. Gott ist in Juda bekannt,
in Israel ist sein Name herrlich;
3. zu Salem ist sein Gezelt,
und seine Wohnung zu Zion.
4. Daselbst zerbricht er die Pfeile des Bogens,
Schild, Schwert und Streit. Sela.
5. Du bist herrlicher und mächtiger
denn die Raubeberge.
6. Die Stolzen müssen beraubet werden und entschlafen,
und alle Krieger müssen die Hand lassen sinken;
7. von deinem Schelten, Gott Jakobs,
sinkt in Schlaf Ross und Wagen.
8. Du bist erschrecklich.
Wer kann vor dir stehen, wenn du zürnest?
9. Wenn du das Urteil lässest hören vom Himmel,
so erschrickt das Erdreich und wird still,
10. wenn Gott sich aufmacht zu richten,
dass er helfe allen Elenden auf Erden. Sela.
11. Wenn Menschen wider dich wüten, so legest du Ehre ein;
und wenn sie noch mehr wüten, bist du auch noch gerüstet.
12. Gelobet und haltet dem HERRN, eurem Gott;
alle, die ihr um ihn her seid,bringet Geschenke dem Schrecklichen,
13. der den Fürsten den Mut nimmt
und schrecklich ist unter den Königen auf Erden.


2. Gott ist in Juda bekannt. Ob er in der ganzen übrigen Welt unbekannt wäre, hat er sich doch seinem Volke durch seine Gnadentaten so herrlich kundgetan, dass er ihm kein unbekannter Gott ist. In Israel ist sein Name herrlich (wörtl.: groß). Bekannt sein heißt, wenn es von Gott gesagt wird, so viel wie berühmt und geehrt sein: wer ihn kennt, bewundert seine Größe und betet sie an. Wiewohl Juda und Israel unglücklicherweise staatlich getrennt waren, wussten sich die Gottesfürchtigen beider Reiche doch einig in betreff Jehovas ihres Gottes; und was für Spaltungen die sichtbare Kirche auch schwächen mögen, soll doch von den wahren Gläubigen, wenn es den HERRN zu preisen gilt, stets gesagt werden können: "Es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn" (2. Chr. 5,13). In der Welt draußen ist’ s finster; aber inmitten des auserlesenen Kreises enthüllt Jehova seine Herrlichkeit, und er ist der Gegenstand der Anbetung aller, die ihn schauen. Die Welt kennt ihn nicht, und darum schmäht sie ihn; aber seine Gemeinde brennt vor Verlangen, seinen Ruhm zu verkündigen bis an die Enden der Erde.

3. Zu Salem ist sein Gezelt. Er wohnt in der Stadt des Friedens,1 und der Friede wird dadurch gewährleistet, dass daselbst sein heiliges Zelt aufgerichtet ist. Die Gemeinde Gottes ist der Ort, da der HERR wohnt, und er, der HERR des Friedens, gibt ihr Frieden. (2. Thess. 3,16.) Und seine Wohnung zu Zion. Auf dem erkorenen Berge stand der Palast des großen Königs. Das ist die Herrlichkeit der Gemeinde, dass der Erlöser in ihr wohnt in der Kraft seines Heiligen Geistes. Alles Anstürmen der Feinde gegen die heilige Gottesstadt ist vergeblich; denn sie greifen nicht uns allein, sondern den HERRN selber an. Immanuel, Gott-mit-uns, hat sich ein Heim bereitet inmitten seines Volkes; wer sollte uns denn schaden können?

4. Daselbst zerbrach er (Grundtext2 die Pfeile (wörtl.: die Flammen oder Blitze) des Bogens. Ohne seinen stillen Wohnort zu verlassen,3 sandte er sein allmächtiges Wort aus und schnappte so die blitzenden Pfeile seiner Widersacher auf, ehe sie ihr Ziel erreichen konnten. Die Vorstellung ist erhaben; sie zeichnet trefflich die Leichtigkeit, Vollkommenheit und Schnelligkeit des göttlichen Handelns. Schild, Schwert und Streit. Jede Waffe, ob zum Schutz oder Trutz, zerschmettert der HERR in Stücke; todbringende Pfeile und das Leben schützende Rüstungen waren gleicherweise nutzlos, als dieser allgewaltige Kriegsheld sein Machtwort aussandte. In den geistlichen Kämpfen unserer und aller Zeiten wird man das gleiche erfahren; nie soll es einer Waffe, die wider die Gemeinde des HERRN zubereitet wird, gelingen. (Jes. 54,17.) Sela. Es ziemt sich, dass wir bei einer den Glauben so mächtig stärkenden Wahrheit etwas verweilen und unserm herrlichen Kriegsherrn dankerfüllten Herzens huldigen.

5. Du bist herrlicher und mächtiger denn die Raub(e)berge.4 Weit überstrahlt Jehova an Herrlichkeit und Macht alle die Weltmächte, welche sein Volk zu unterdrücken und zu berauben suchten, wiewohl sie an Macht und Größe Bergen zu vergleichen waren. Assur hatte die Völker ausgeplündert, bis es Berge von Raub aufgehäuft hatte; das nannte man unter den Menschen ruhmvoll, aber der Psalmdichter verachtet solchen Ruhm und erklärt, Jehova strahle in einem gar anderen Glanze. Was ist solcher Kriegsruhm, vom höchsten Standpunkt aus betrachtet, meist anders als ein Prahlen mit Mordtaten, was der Ruhm der Eroberer anders als Blutdampf von Menschengemetzeln? Solcher Glanz ist nur trügerischer Schein, der die Schwärze der Gesinnung und der Absichten verhüllt; Jehovas Lichtglanz aber ist die Ausstrahlung seiner Heiligkeit, und seine schrecklichen Taten geschehen in Gerechtigkeit zur Verteidigung der Schwachen und zur Befreiung der Geknechteten. Bloße Macht mag Ruhm ernten, aber herrlich ist sie nicht; wenn wir jedoch die gewaltigen Taten des HERRN anschauen, sehen wir beide Eigenschaften, Macht und Vortrefflichkeit, vollkommen vereint.

6. Die Stolzen (wörtl.: die Herzensstarken, vergl. unseren Ausdruck: die Löwenherzen) wurden beraubet. Sie kamen, um zu plündern, und wurden selber ausgeplündert. Sie sind entwaffnet, die so starken Mutes waren; ihr Herz, das eben noch so mächtig schlug in wilder Kampfgier, ist kalt und tot, der Gottesengel der Pest hat ihr Lebensblut gerinnen lassen; alle Kriegslust ist ihnen für immer genommen, und Waffen und köstliche Kleider dazu. Sie sind entschlummert zu ihrem Schlaf - dem letzten, dem Todesschlummer. Und alle (die tapferen) Krieger mussten die Hand lassen sinken, wörtl.: fanden nicht ihre Hände, d. h. sie waren ganz ohnmächtig zu streiten oder auch nur sich emporzuraffen. Ihr Arm ist gelähmt, sie können nicht einen Finger rühren, denn Todesstarre hat sie ergriffen. Welch ein Schauspiel war das, als Sanheribs Heer in einer Nacht so gänzlich vernichtet ward! Die Hände, welche sich so drohend erhoben hatten, um Jerusalem niederzureißen, konnten sich nicht einmal vom Rasen emporrichten, die gewaltigsten Kriegshelden waren so schwach wie die lahmen Krüppel vor der Tür des Tempels; ja sie vermochten nicht einmal ihre Lider aufzutun, tiefer Schlaf verschloss ihre Augen in ewiger Finsternis. Gott, wie erschrecklich bist du! So wirst du auch für uns fechten und in der Stunde der Gefahr die Feinde deines Evangeliums hinstrecken. Darum wollen wir auf dich trauen und uns nicht fürchten.

7. Von deinem Schelten: ein Wort vollbrachte alles, es bedurfte nicht eines einzigen Schlages. Gott Jakobs. Du Gott deines ringenden Volkes, das wieder, gleich seinem Stammvater, seinen Feind untertritt, du Gott des Bundes und der Verheißung, du hast als solcher für dein auserwähltes Volk gekämpft. Versanken in Schlaf Ross und Wagen. Man wird kein Wiehern noch Rasseln mehr hören. Still ist das Getrapp der Pferde und das Getöse der Wagen; die Reiterei Assurs wird nicht mehr die Erde erdröhnen lassen. Die Israeliten hatten stets besondere Furcht vor Rossen und Streitwagen: daher rief das plötzliche Schweigen der ganzen Reiter- und Wagenmacht des Feindes besonderes Frohlocken hervor. Die Rosse lagen auf den Boden gestreckt, und die Kriegswagen standen unbeweglich, als ob das ganze Lager in Schlaf versunken wäre. So kann der HERR einen gerichtlichen Schlaf über die Feinde seiner Gemeinde schicken, eine Vormahnung des andern Todes, und das kann er tun, wenn sie auf dem Gipfel der Macht stehen und nach ihrer Meinung eben im Begriff sind, das Andenken des Volkes Gottes auszutilgen. Die Rabsake5 dieser Welt können schreckliche Briefe schreiben (Jes. 37,14); aber der HERR antwortet ihnen nicht mit Feder und Tinte, sondern mit einem Schelten, das in jeder Silbe den Tod birgt.

8. Du bist erschrecklich. Nicht Sanherib noch Nisroch, sein Gott (Jes. 37,38), sind zu fürchten, sondern Jehova allein, der mit einem stillen Tadel das ganze Heer des mächtigen Weltherrschers im Tode erbleichen ließ. Die Menschenfurcht ist ein böser Fallstrick, die Gottesfurcht aber ist eine große Tugend und hat einen mächtigen Einfluss zum Guten auf das menschliche Gemüt. Gott ist von Grund des Herzens beständig und allein zu fürchten. Wer kann vor dir stehen, wenn du zürnest? Ja, wer vermöchte es, vor dem Angesichte des Dreimalheiligen zu bestehen, sobald sein Zorn entbrennt (wörtl.)? Die Engel stürzten aus ihrer Herrlichkeit, als ihre Empörung seine Gerechtigkeit reizte; Adam verlor seine Stätte im Paradies in der gleichen Weise; Pharao und andere stolze Herrscher schwanden dahin vor seinem Stirnrunzeln; ja, niemand ist auf Erden oder in der Hölle, der die Schrecken des Zornes Gottes aushalten könnte. Wie glücklich sind diejenigen, welche in der durch Jesus vollbrachten Versöhnung geborgen sind und darum keinen Grund haben, den gerechten Zorn des Richters aller Welt zu fürchten!

9. Vom Himmel ließest du das Urteil hören. Eine so völlige Niederlage war augenscheinlich ein Gericht vom Himmel; auch die das Ereignis nicht mit Augen schauten, hörten doch die Kunde davon und sagten: Das ist Gottes Finger! Der Mensch hört Gottes Stimme nicht, wenn er es verhüten kann; aber Gott sorgt dafür, dass sie gehört werden muss. Das Echo jenes Urteils, das an dem hochmütigen Assyrien vollstreckt ward, ist noch zu hören und wird durch alle Zeiten forttönen zum Preis der göttlichen Gerechtigkeit. Die Erde erschrak und ward still. Alle Nationen erzitterten bei der Kunde und wurden starr und stumm vor Schrecken. Stille folgte dem Kriegslärm, als die Macht des Bedrückers zermalmt war; und Gott ward in Ehrfurcht dafür gepriesen, dass er den Völkern Ruhe gegeben hatte. Wie leicht kann Jehova sich eine still lauschende Zuhörerschaft versammeln! Mag sein, dass er in den letzten Tagen durch ähnliche Machtwunder im Reich der Gnade die Bewohner der ganzen Erde innerlich nötigen wird, dem Evangelium zu lauschen und sich der Herrschaft seines allerhabenen Sohnes zu unterwerfen. Ach, dass es geschehe, lieber Herr! .

10. Als Gott sich aufmachte zu richten. Die Menschen versanken in ehrfurchtvolles Schweigen, als der Höchste den Richtstuhl bestieg und den Spruch der Gerechtigkeit vollstreckte. Wenn Gott still ist, toben die Menschenkinder; wenn er sich erhebt, sind sie stumm wie ein Stein. Dass er helfe allen Elenden (allen sanftmütigen Duldern) auf Erden. Der Allherrscher der ganzen Menschheit achtet sonderlich auf die Armen und Verachteten; er macht es zu seiner Hauptaufgabe, alles ihnen widerfahrene Unrecht wieder gut zu machen. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Sie besitzen davon jetzt wenig genug; aber ihr Rächer ist stark und wird ihnen sicherlich helfen. Er, der die Seinen errettet, ist derselbe Gott, der ihre Feinde über den Haufen wirft; er ist ebenso allmächtig, selig zu machen wie zu verderben. Sela. In stiller Andacht lasst uns den Gott Jakobs anbeten.

Fußnoten
1. Salem, der alte Name für Jerusalem, heißt unversehrt, sich des Friedens erfreuend, Jerusalem wahrscheinlich Wohnung (Gründung) des Friedens.

2. Hier sowie V. 6.7.9.10 muss im Imperfekt übersetzt werden.

3. Wäre dies der Sinn, so stünde doch wohl M&Ifmi. Es wird einfach gemeint sein, dass Jerusalem der Schauplatz der Vernichtung der Feinde war.

4. Andere: Glanzvoll (lichtumflossen, erlaucht) bist Du, herrlich von den Raubbergen her. Die Berge wären danach der Sitz Gottes, von wo aus er die Beute gemacht, d. i. die Feinde besiegt hat. Über die Konjekturen Hitzigs und anderer sehe man die Kommentare.

5. Rabschakeh, ein hebraisierter assyrischer Titel, von Luther Erzschenke übersetzt, bedeutet Oberst, Feldherr. Siehe Jes. 36,2 usw.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps76

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11. Wenn Menschen wider dich wüten, so legest du Ehre ein, wörtl.: Denn der Grimm der Menschen muss dich preisen. Das grimmige Wüten der Menschen wird nicht nur überwunden werden, sondern auch deiner Verherrlichung dienstbar gemacht werden. Der Mensch tut mit all seinem Schnauben nichts anderes, als dass er die Trompete des ewigen Ruhmes Jehovas bläst. Heftige Stürme treiben oft die Schiffe desto schneller zum Hafen. Der Teufel bläst das Feuer an und macht das Eisen glühend, und dann formt der HERR dieses nach seinem Gutdünken. Mögen Menschen und Teufel wüten, so viel sie wollen, sie können doch nicht anders als Gottes Absichten dienstbar sein. Der Schluss des Verses lautet wörtlich: Mit dem Überrest des (heftigen) Grimmes gürtest du dich. Unter dem Überrest des Grimmes kann man nicht wohl mit Luther die äußersten, höchsten Anstrengungen der Feinde verstehen; man muss die Worte, wenn in diesem Versglied überhaupt an den Zorn der Menschen zu denken ist, so verstehen, dass der Grimm der Feinde bis auf den letzten Rest Gott als Waffe diene, mit der er ihren Untergang herbeiführe. Sich gürten ist soviel wie sich waffnen; denn man trug die Waffen im Gurt. Der HERR gürtet sich den Zorn der Menschen um als ein Schwert, das seinen Absichten dienen muss, und das ist gewiss, dass Menschen oft in der Hand Gottes ein Schwert sind, mit dem er andere züchtigt. Andere verstehen unter dem Grimm den Grimm Gottes. Delitzsch bemerkt zu dem Vers: "Der Grimm der Menschen wird dich preisen, d. h. er muss zuletzt zu deiner Verherrlichung dienen, indem dir nämlich immer ein noch unerschöpfter Rest, und zwar nicht bloß von Grimm, sondern von Grimmesfülle (Grundtext Mehrzahl) verbleibt, womit du dich gegen solchen menschlichen Grimm gürten, d. i. waffnen kannst, um ihn zu dämpfen. Der ‚Rest’ ist der, wenn menschlicher Grimm sich ausgetobt hat, indem Gott die Titanen ruhig und lachend (Ps. 2,4) gewähren lässt, auf Gottes Seite übrige und nun sich entladende Vorrat unendlicher Grimmesfülle ." Der Vers lehrt deutlich, dass auch das aufs ungeheuerlichste anschwellende Böse unter der Aufsicht des HERRN steht und zuletzt seinen Preis vermehren muss.

12. Gelobet und haltet dem HERRN, eurem Gott. Ja, das dürfen wir wohl, eingedenk solcher Heils- und Gerichtserweisungen. Ob wir geloben oder nicht, steht in unserer Wahl; aber die getanen Gelübde zu bezahlen ist unsre heilige Pflicht. Wer Gott, seinen Gott, betrügen möchte, ist wahrlich ein Schuft. Gott hält seine Zusagen; mögen die Seinen es nicht an der Erfüllung ihrer Versprechungen fehlen lassen. Er ist ihr treuer Gott und verdient es, ein treues Volk zu haben. Alle, die ihr um ihn her seid, bringet Geschenke dem Schrecklichen. Mögen alle umliegenden Nationen dem einen lebendigen Gott huldigen, möge sein eigen Volk ihm mit Freuden seine Gaben darbringen, und mögen seine Priester und Leviten in dem heiligen Opferdienst vorangehen. Einem solchen Gott sollte nicht bloß mit Worten, sondern mit Gaben gehuldigt werden. Du Ehrfurchtgebietender, hier bringe ich mein Opfer; mich selber sollst du haben!

13. Der den Fürsten den Mut (buchstäbl.: den Geist) nimmt. Ihr Mut und Unternehmungsgeist, ihr Verstand und ihr Lebensgeist sind in seiner Hand, und er kann sie ihnen so leicht nehmen, wie der Gärtner eine Ranke von einer Pflanze schneidet. (Der Grundtext hat abschneiden, vergl. dazu Jes. 18,5; Off. 14,18 f.) In Gottes Hand ist niemand groß. Cäsaren und Napoleone fallen unter seinen Streichen, wie die Zweige eines Baumes unter der Axt des Holzhauers. Und schrecklich ist unter den Königen auf Erden. Während sie andern schrecklich sind, ist er es ihnen. Wenn sie sich an seinem Volk vergreifen, wird er bald mit ihnen ein Ende machen. Sie werden durch seine furchtbare Macht vernichtet werden; denn der HERR ist der rechte Kriegsmann, Jehova ist sein Name (2. Mose 15,3). Frohlocket vor ihm, ihr alle, die ihr den Gott Jakobs anbetet!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Kein Psalm hatte ein größeres Recht, auf Ps. 75 zu folgen, als dieser. Gleiche Ausdrücke (Gott Jakobs 75,10; 76,7; Fromme, Frevler der Erde 75,9; 76,10) und durchaus gleiches Gepräge sprechen für Einheit des Verfassers. Auch sonst bilden sie ein Paar: Ps. 75 bereitet auf die göttliche Gerichtstat als bevorstehende vor, welche Ps. 76 als geschehene feiert. Denn es kann kaum einen Psalm geben, dessen Inhalt sich so genau mit einer anderweitig bekannten Geschichtslage deckt, wie anerkanntermaßen (LXX: pro`j to`n)Assu/rion) der Inhalt dieses Psalms mit der Niederlage der Heeresmacht Assurs vor Jerusalem und ihren Folgen. Kommentar von Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 3. Es ist nicht bedeutungslos, dass Jerusalem hier Salem, d. i. unversehrt, genannt ist; es wird damit angedeutet, dass das Zelt Gottes, trotz den Angriffen der Feinde, ja mitten in dem Kriegsgewühl unversehrt oder im Frieden blieb. Wieviel mehr mussten nun, nachdem die Angreifer vernichtet worden, Glück und Wohlergehen erblühen! Hermann Venema † 1787.

Mir scheint hier auf den Löwen aus Juda angespielt zu werden; denn das mit Gezelt übersetzte Wort wird sonst von dem Versteck des Löwen gebraucht, z. B. Jer. 25,38, und das zweite Wort (Wohnung) können wir ebenfalls Lager (von Tieren) übersetzen, wie z. B. in Psalm 104,22. Simon de Muis † 1644.

V. 4. Daselbst. Dass gerade hier sich legen mussten die stolzen Wellen Assurs, dass gerade hier vor Salems Höhen der Ring ihm an die Nase gelegt worden und das Gebiss in seinen Mund, wie Jes. 37,29 spricht, davon musste, zugleich mit dem Namen des Gottes Israels, der Ruhm durch alle Lande gehen. (Ps. 48,11.) Prof. August Tholuck 1843.

Schild und Schwert sind die Waffen, die man in der Nähe, wie die wie ein Blitz daherfahrenden Pfeile des Bogens die Waffen, die man von ferne braucht. Der Sinn ist: Es werde die Stadt Gottes von ferne oder von nahem bestritten, so schützt sie doch der HERR und treibet ihre Feinde ab. Johann David Frisch 1719.

V. 5. Gott war in Babylon, in Ägypten, in anderen Weltreichen nicht bekannt, und sein Gezelt war nicht unter ihnen; darum waren sie nicht herrlich. Aber seht, was hier steht: Du bist herrlicher und mächtiger denn die Raubeberge, nämlich du Juda, du Israel, du Salem, du Zion bist herrlicher als jene, was immer ihre Herrlichkeit sein mag, denn du erfreust dich geistlicher Segnungen. Haben die Völker umher stattliche Türme? Du hast den Tempel. Haben sie mächtige Städte? Du hast Jerusalem, die Stadt Gottes. Haben sie weise Männer? Du hast Propheten. Haben sie Götter von Gold, Silber und Edelgestein? Du hast den wahren, lebendigen Gott, Jehova, als deinen Gott. Haben sie gute menschliche Gesetze? Du hast ein göttliches Gesetz, das weit vortrefflicher ist. Haben sie irdische Vorzüge? Du hast geistliche. Haben sie die Herrlichkeit der Welt? Du hast die Herrlichkeit des Himmels. William Greenhill † 1677.

V. 6. Was der Sänger von dem Schlafe sagt, dem machtlos die Tapfern anheimgefallen, ist um so bezeichnender, da Schlafsucht mit der Pest verbunden ist und tiefe Betäubung unmerklich die Hingesunkenen in den ewigen Schlaf hinübergeführt hatte. "Da sie sich des Morgens früh aufmachten," heißt es in den Geschichtsbüchern (2. Könige 19,35), "siehe, da lag es alles voll toter Leichname." Es malt der Dichter, als ob man mit ihm hineinträte in das noch vor kurzem so lebhafte, nun aber mit dem Schweigen des Todes bedeckte Kriegslager. Ähnlich wie unser Psalmist ruft Nahum mit Bezug auf das endliche Schicksal Assyriens: Es schlafen deine Führer, König von Assyrien, es ruhen deine Feldherrn; dein Volk ist zerstreut auf den Bergen, und niemand sammelt (Nah. 3,18). Prof. August Tholuck 1843.

Und nicht fanden alle die Tapfern ihre Hände. (Wörtl.) Die Stärke und Macht eines Mannes ist in seinen Händen; sind die ihm abgehauen oder kann er sie sonst nicht brauchen, so ist all seine Hoffnung dahin. Wird einem Krieger das Schwert genommen, so wird er noch mit seinen Händen versuchen zu tun, was er kann; hat er aber diese nicht mehr, so kann er nichts mehr ausrichten, und wenn er ein Riese wäre. Die Hände nicht finden, heißt daher: keine Macht mehr haben, das auszuführen, was man beabsichtigte. John Owen † 1683.

V. 7. Sinkt in Schlaf. Man vergleiche das Entschlafen Siseras, Richt. 4,21. Christopher Wordsworth 1868.

V. 8. Wer mag bestehen vor deinem Angesicht, sobald du zürnest? (Wörtl.) Die Engel etwa? Sie sind nur gleichsam gebrochene Lichtstrahlen der ewigen Sonne; wenn Gott sein Antlitz verbäte, würden sie aufhören zu leuchten. Oder der Mensch? Seine Herrlichkeit und Pracht, den Farben des Regenbogens vergleichbar, schwindet, wenn Gott sein Angesicht zornstrahlend gegen ihn kehrt. Oder die Teufel? Wenn er das Wort spricht, so fallen sie vom Himmel wie ein Blitz. Wer mag vor ihm bestehen? ein Schilfrohr, ein Dornstrauch vor einer Zeder? eine Feder vor einer Flamme, eine Heuschrecke vor dem Allmächtigen, eine irdene Scherbe vor einem eisernen Zepter? John Cragge 1657.

V. 10. Als Gott sich zum Gericht erhob. (Wörtl.) Der Richter sitzt erst hin, verhört, untersucht und überlegt; dann fasst er seinen Entschluss, und darauf erhebt er sich, um das Urteil zu sprechen. Robert Bruce † 1631.

V. 11. Der Grimm gottloser Menschen gegen das Volk Gottes vermehrt sehr den Preis Gottes. 1) Ihr Grimm bringt die Gottlosen auf viele listige Pläne, durch deren Vereitlung die Weisheit Gottes und seine Fürsorge für die Auserwählten sehr ins Licht gestellt werden. 2) Er treibt sie zu vielen, heftigen und gewaltsamen Angriffen auf das Volk Gottes, um es zu vernichten, und gibt Gott dadurch Anlass, seine Macht in der Verteidigung der Seinen kundzutun. 3) Ihr Grimm macht sie manchmal geeignet, als Gottes Werkzeuge zur Züchtigung der Seinen zu dienen, und reinigt Gott auf diese Weise von dem Verdacht, als beschützte er die Sünde bei denen, die ihm nahestehen; so macht Gott, das die, welche die Heiligkeit hassen, diese bei den Seinen fördern, und dass mithin die, welche ihnen den größten Schaden zufügen wollten, ihnen vom größten Nutzen sind. 4) Das Wüten der Menschen gegen Gottes Kinder gibt Gott reichlich Gelegenheit zu beweisen, wie mächtig seine Gnade ist, indem diese den Mut des Volkes Gottes aufrecht hält und überhaupt die Gemeinde des HERRN am Leben erhält trotz allem, was die Widersacher gegen sie vornehmen. 5) Das Wüten der Gottlosen dient trefflich dazu, die wunderbaren Taten Gottes, die er zum Besten seines Volkes in der Welt ausführt, desto heller erglänzen zu lassen. 6) Es dient aber auch dazu, die Gerechtigkeit Gottes zu erweisen, wenn er sich aufmacht, an den Feinden seiner Auserwählten Rache zu üben. So seht ihr also, wie gut es ist, eingekerkert, gegeißelt, gemartert, verbrannt oder zersägt zu werden. Oft haben die Feinde selbst, gleich Adoni-Besek (Richter 1,7), es am Tage ihrer Heimsuchung bekennen müssen, wie gerecht Gott an ihnen handle. John Warren 1655.

Homiletische Winke

V. 2. Gottes Name wird einem desto erhabener, je besser man ihn kennt.
V. 3a. Die Friedensstadt Salem ist die Stätte, da Gott wohnt. Wie segensreich ist der Friede in der Gemeinde und wie unselig der Hader. Die Ursachen der Uneinigkeit und die Mittel, die Einigkeit zu fördern.
V. 4. Die der Gemeinde des HERRN verliehenen Siege über Heidentum, Irrlehre, Verfolgung usw.
1) Wo werden die Feinde überwunden? Daselbst - nicht eigentlich auf dem Schlachtfeld, sondern zu Zion, im Hause Gottes, wie Amalek durch Mose auf dem Berge, Sanherib durch Hiskia im Tempel. 2) Wie? a) Durch den Glauben, b) durch Gebet. Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich usw. George Rogers 1871.
V. 5. Der HERR als unser Teil, verglichen mit den Schätzen der Weltreiche.
1) Was die Welt ist, verglichen mit der Kirche: Raubeberge. a) Unbarmherzigkeit statt Liebe, b) Gewalttätigkeit statt Friede. 2) Was die Kirche ist, verglichen mit der Welt: innerlich herrlicher, darum auch im tiefsten Grunde mächtiger. George Rogers 1871.
V. 6. Sie entschlummerten zu ihrem Schlaf. Verschiedenerlei Entschlafen.
V. 8. Der Zorn Gottes. Ein sehr reicher Predigtstoff.
V. 9.10. (Grundtext) 1) Zu wessen Bestem machte Gott sich auf? Für die Elenden (Gebeugten, Sanftmütigen) auf Erden. 2) Wozu machte er sich auf? a) Sie zu rächen, b) ihnen zu helfen. 3) Wie trat er für sie ein? Er ließ vom Himmel her das Urteil hören, erhob sich zum Gericht. 4) Was für eine Wirkung hatte ihre Befreiung? Die Erde fürchtete sich und ward stille.
V. 11a. Wie mehrt das Wüten der Menschen gegen Gott und sein Volk Gottes Ehre?
V. 11. Der Menschen Grimm gegen Gott und Gottes Grimm gegen seine Feinde.
V. 12a. 1) Wem sollen Gelübde abgelegt werden? Nicht Menschen, sondern Gott. 2) Was für Gelübde sollen wir Gott tun? Gelübde der Herzenshingabe, des willigen Dienstes, der Aufopferung für ihn. 3) Wie sollen solche Gelübde gehalten werden? a) Aus Pflichtgefühl, b) aus Furcht vor Gottes Missfallen, c) aus dankbarer Liebe. George Rogers 1871.
V. 12b. Wie angemessen, pflichtgemäß, angenehm und nützlich es ist, dem HERRN Geschenke zu bringen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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PSALM 77 (Auslegung & Kommentar)

Überschrift

Ein Psalm Asaphs. Asaph war ein Mann, dessen Geist durch viel Trübsal und Anfechtung gereift war, und seine Lieder bewegen sich oft in der Molltonart. Er war ein nachdenkender, tiefsinniger Mensch, philosophisch veranlagt und dabei von herzlichem Glauben beseelt; über allem aber liegt bei ihm ein Hauch von Schwermut, und das gibt seinen Dichtungen einen eigentümlichen Reiz. Um ihm mit vollem Verständnis folgen zu können, muss man aus eigener Erfahrung mit den tiefen Wassern der Trübsal vertraut sein und schon manchen Sturm auf dem Ozean des Lebens durchgemacht haben. Für Jeduthun, vorzusingen. Das bedeutet vielleicht: Dem Jeduthun als Sangmeister zur musikalischen Ausführung übergeben. Es war geziemend, dass ein anderer Leiter des heiligen Psalmengesangs an die Reihe komme. In den Vorhöfen des Hauses Gottes soll keine Harfe schweigen. Andere Erklärungen sehe man in den Vorbemerkungen zu Ps. 62 nach.

Einteilung

Wenn wir dem dichterischen Aufbau des Psalms folgen und demnach bei den Selas die Einschnitte machen, erhalten wir folgende Teile. V. 2- 4 fleht der Gottesmann in seiner Trübsal zu Gott. V. 5-10 klagt und grübelt er im Selbstgespräch. V. 11-16 richtet sich sein Nachsinnen auf Gott und V. 17-21 schaut er als in einem Gesicht die Wunder des Roten Meers, und sein Blick geht weiter auf die wunderbare Führung durch die Wüste. Dabei angekommen, schließt er auf einmal, wie in Entzückung verloren, den Psalm so plötzlich, dass man darüber stutzt. Der Geist Gottes weiß, wann er mit Reden aufhören soll, und das ist besser als die Gewohnheit mancher, die, um einen kunstgerechten Schluss zu machen, die Worte bis zur Ermüdung ausdehnen. Der uns vorliegende Psalm ist nur für gereifte Jünger des Herrn; aber ihnen ist er auch von seltenem Wert als Darstellung ihrer eigenen inneren Kämpfe.

Auslegung

2. Ich schreie mit meiner Stimme zu Gott;
zu Gott schreie ich, und er erhöret mich.
3. In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn;
meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab;
denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.
4. Wenn ich betrübt bin, so denke ich an Gott;
wenn mein Herz in Ängsten ist, so rede ich. Sela.


2. Ich schreie mit meiner Stimme zu Gott.1 Der uns zur Betrachtung vorliegende Psalm hat viel Traurigkeit in sich, aber wir können zum Voraus gewiss sein, dass er gut enden werde; denn er fängt mit Gebet an, und ernstes Flehen nimmt nie ein schlimmes Ende. Asaph eilte nicht zu Menschen, sondern zum HERRN, und an ihn wandte er sich nicht mit kunstvoll gesetzten, hochtönenden, geschraubten Worten, sondern mit dem natürlichen, ungekünstelten Ausdruck des Schmerzes: er schrie zu Gott. Er machte dabei von seiner Stimme Gebrauch; denn wiewohl das laute Aussprechen unserer Herzensworte nicht zum Wesen des Gebets gehört, wird es uns doch oft durch die Dringlichkeit unserer Anliegen abgenötigt. Wir finden uns zuzeiten gezwungen laut zu beten, weil unsere von tiefer Angst bedrängte Seele so besser Luft bekommt. Es beruhigt, die Sturmglocke läuten zu hören, wenn Diebe in das Haus eingebrochen sind. Zu Gott schreie ich. Er geht abermals ans Flehen. Wenn einmal nicht genügt, so ruft er wieder. Er bedarf einer Antwort, er erwartet eine, und er ist voll Verlangens, sie schnell zu bekommen. Darum ruft er immer aufs neue, er betet laut und immer lauter, denn der Klang seiner Stimme hilft seinem Eifer. Und er erhöret mich. Das unverschämte Drängen (Lk. 11,8) trägt den Sieg davon. Die Gnadenpforte öffnet sich dem andauernden Klopfen. Auch wir werden das in unserer Stunde der Trübsal erfahren: der Gott aller Gnade wird zur rechten Zeit auf uns hören.

3. In der Zeit (wörtl.: am Tage) meiner Not suche ich den Herrn. Den ganzen Tag treibt ihn die Not, seinen Gott aufzusuchen, so dass er beim Hereinbrechen der Nacht noch ebenso dringend ihm nachfleht. Gott hat sein Angesicht vor seinem Knecht verborgen; darum ist es dessen erste Sorge in seiner Bedrängnis, seinen Herrn wiederzufinden. Das heißt der Sache auf den Grund gehen und das Haupthindernis zuerst hinwegräumen. Krankheit und Trübsal sind leicht genug zu ertragen, wenn Gott uns nahe ist; aber ohne ihn drücken sie uns zu Boden. Meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab, d. i.. wird nicht müde. Wie am Tage, so lastete auch des Nachts sein Leid auf ihm; so hielt denn auch sein Flehen an. Am Tage suchte er mit Auge und Stimme nach dem HERRN, nachts streckte er verlangend seine Hand nach ihm aus. Die Stille der Nacht verschaffte ihm keine Ruhe; unablässig schrie er mit gen Himmel erhobenen Händen hilfesuchend zum HERRN. Denn meine Seele will sich nicht trösten lassen. Die einen Tröstungen wies er ab als zu schwach für seinen Fall, andere als unwahr, wieder andere als unheilig; aber vornehmlich wegen der inneren Unruhe, in welche er geraten war, lehnte er auch solche Trostgründe ab, die sich an ihm als wirksam hätten erweisen müssen. Er machte es wie ein Kranker, der sich auch von der besten und stärkendsten Speise abwendet. Es ist unmöglich, Menschen zu trösten, die sich des Trostes weigern. Du magst sie zu den frischen Wassern der Verheißungen führen; aber wer wird sie dazu bringen zu trinken, wenn sie nicht wollen? Schon mancher in stummer Verzweiflung Hinbrütende hat den Becher der Freude von sich gestoßen, mancher Sklave des Kummers seine Ketten geküsst. Es gibt Zeiten, wo wir gegen jede gute Botschaft misstrauisch sind und keine Überredungskunst uns zur inneren Ruhe bringt, ob auch die beglückende Wahrheit so offen vor uns läge wie des Königs Heerstraße.

4. Ich gedenke an Gott und seufze. (Wörtl.) Gott, der dem Glauben der Quell aller Wonne ist, ward für das durch Gram verwirrte Herz des Psalmisten ein Gegenstand des Schreckens, dass er stöhnen und seufzen musste, sobald er sein gedachte. Die Gerechtigkeit, Heiligkeit, Macht und Wahrhaftigkeit Jehovas haben alle eine dunkle Seite, und es mag in der Tat dazu kommen, dass uns alle Eigenschaften Gottes finster erscheinen, wenn unser Auge krank ist; sogar der Lichtglanz der göttlichen Liebe blendet uns dann und erfüllt uns mit dem schrecklichen Argwohn, wir hätten daran kein Teil noch Anrecht. Ein solcher ist wahrlich elend daran, dem selbst das Gedenken an den ewig Hochgelobten Qual verursacht; und doch kennen gerade die Besten unter den Menschen diese Abgrundstiefen aus Erfahrung. Ich sinne nach, und es verzagt mein Geist. (Wörtl.) Er sann und sann und sank doch immer tiefer. Seine inneren Beunruhigungen sanken nicht in Schlummer, sobald sie ausgesprochen waren; vielmehr kamen sie mit verdoppelter Macht auf ihn und schlugen über ihm zusammen wie ungestüme Wogen eines tobenden Meeres. Wären es nur körperliche Schmerzen gewesen, die ihn peinigten, so hätte er es wohl noch ertragen mögen; aber der edelste Teil seines Ich, sein Geist, wand sich in Schmerzen, das Leben selbst in ihm war wie zermalmt und alles Licht ihm verdunkelt. In solcher Lage wünscht man den Tod herbei als Erlöser von den Qualen; denn das Leben wird zur unerträglichen Last. Wenn kein Lebensmut mehr in uns ist, der unsere Schwäche aufhält, so sind wir bald verloren. Es geht uns dann wie jemand, der in Dornen verstrickt ist, die ihm die Kleider vom Leibe reißen, wo jeder Dorn zur Lanzette wird, so dass der Ärmste aus tausend Wunden blutet. Ach ja, mein Gott - der diese Auslegung niederschreibt, weiß gar wohl, was dein Knecht Asaph meint; denn auch seine Seele ist vertraut mit Gram und Schmerzen. Ihr tiefen Schluchten und ihr einsamen Höhlen der Schwermut, mein Geist kennt gründlich eure schreckliche Düsternis! Sela. Lasst den Gesang ganz sacht werden; das ist keine muntere Tanzweise für die behenden Töchter der Musik. Haltet eine Weile inne, lasst den Kummer zwischen seinen Seufzern Atem schöpfen!

5. Meine Augen hältst du, dass sie wachen;
ich bin so ohnmächtig, dass ich nicht reden kann.
6. Ich denke der alten Zeit,
der vorigen Jahre.
7. Ich denke des Nachts an mein Saitenspiel
und rede mit meinem Herzen; mein Geist muss forschen.
8. Wird denn der Herr ewiglich verstoßen
und keine Gnade mehr erzeigen?
9. Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte,
und hat die Verheißung ein Ende?
10. Hat Gott vergessen, gnädig zu sein,
und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen? Sela.


5. Meine Augen hältst du, dass sie wachen. Die Angst, welche deine Züchtigungen in mir erregen, lässt es nicht zu, dass mir die Augenlider zufallen, so müde ich auch sein mag; meine Augen schauen ununterbrochen aus, wie Schildwachen, denen zu schlummern verboten ist. Der Schlaf ist ein mächtiger Tröster; aber er flieht die Bekümmerten, und ihr Kummer vertieft sich nur in der Stille der Nacht und frisst sich ins Herz hinein. Wenn Gott uns die Augen wach hält, welches Schlafmittel mag uns dann Ruhe geben? Wie viel haben wir ihm dafür zu danken, wenn er uns süßen Schlummer schenkt! Ich bin voller Unruhe, dass ich nicht reden kann. (Grundtext) Großer Kummer macht stumm. Tiefe Wasser rauschen nicht zwischen den Kieseln wie die seichten Bächlein, die von vorübergehenden Regenschauern leben. Das Reden vergeht einem Menschen, dem der Mut vergeht. Der Psalmist hatte zu Gott geschrien, aber zu Menschen konnte er nicht reden; - wie gut ist’s, dass wir, wenn wir das Erste tun können, nicht zu verzweifeln brauchen, ob wir auch zum Letzteren ganz außerstande sind. Schlaflos und sprachlos, so war Asaph am Äußersten angekommen, und doch sammelte er sich wieder zu neuer Kraft, und dasselbe sollen auch wir erleben.

6. Ich denke der alten Zeit, der vorigen Jahre. War in der Gegenwart nichts Gutes, so durchsuchten seine Gedanken die Vergangenheit, um Trost zu finden. Die Erinnerung borgt ein Licht von den Altären von gestern, um das Dunkel von heute zu erhellen. Es ist unsere Pflicht, Trost zu suchen und uns nicht in düsterem Stumpfsinn der Verzweiflung in die Arme zu werfen. Beim stillen Nachsinnen können uns Dinge vor die Augen treten, die sich als sehr geeignet erweisen, unseren Mut aufzurichten. Und kaum ein Gegenstand des Nachsinnens bietet mehr Aussicht, sich als trostreich zu erweisen, als der, welcher sich auf die alte Zeit, auf die Jahre der Vorzeit bezieht, wo die Treue Gottes von Scharen der Seinen auf die Probe gestellt und bewährt erfunden wurde. Doch scheint es, dass auch diese Betrachtung in der Seele des guten Asaph eher Niedergeschlagenheit als Freude bewirkt habe: er stellte seine eigene traurige Lage allem dem, was in den ehrwürdigen Erfahrungen der alten Gottesmänner Lichtvolles war, gegenüber und kam so desto tiefer ins Klagen. Das ist ja eben das Unglück eines von Schwermut erfüllten Gemütes, dass es nichts sieht, wie es gesehen werden sollte, sondern alles wie durch einen dichten Nebelschleier verdüstert schaut.

7. Ich denke des Nachts an mein Saitenspiel. Zu anderen Zeiten hatte sein Gemüt auch für die dunkelsten Stunden ein Lied gehabt; jetzt aber konnte er sich die Sangweisen nur wie alte, fast entschwundene Erinnerungen zurückrufen. Wo ist die Harfe, die einst unter dem Griff der von Freude belebten Finger so voll Mitgefühls erbebte? Und du, meine Zunge, hast du das Lobsingen gar vergessen? Verstehst du dich nur noch auf Seufzer und Trauerweisen? Ach, wie anders ist’s doch geworden, wie kläglich bin ich heruntergekommen - ich, der ich der Nachtigall gleich das nächtliche Dunkel2 mit süßen Tönen erfüllte, bin nun ein würdiger Kumpan der kreischenden Eule! Und rede (sinnend) mit meinem Herzen. Er fuhr fort, sein Inneres zu durchforschen; denn er war fest entschlossen, seinem Kummer auf den Grund zu kommen und ihm bis zu seinem Ursprung nachzuspüren. Sein Verfahren war gründlich; denn er besprach sich nicht nur mit seinem Verstand, sondern mit seinem innersten Herzen: sein ganzes Herz war dabei. Er gehörte nicht zu den geistigen Tagedieben, die in ihrem Trübsinn mit Kleinigkeiten ein müßiges Gedankenspiel treiben; nein, mit ganzer Willenskraft griff er die Sache an, mit dem beherzten Entschluss, nicht feig vor der Verzweiflung die Waffen zu strecken, sondern bis zum letzten Atemzug, um seine Hoffnung zu kämpfen. Mein Geist muss forschen. Er durchforschte seine Erfahrungen, seine Erinnerungen, seine Vernunft, sein ganzes Wesen nach allen Seiten, um entweder Trost zu finden oder die Ursache zu entdecken, warum ihm solcher versagt blieb. Der Mann stirbt nicht durch die Hand des Riesen Verzweiflung, dem Seelenstärke genug geblieben ist, so mit dem Feind zu ringen.

Fußnoten
1. Genauer wird der Vers zu übersetzen sein: Meine Stimme (erhebe sich) zu Gott, und ich will schreien; meine Stimme (erhebe sich) zu Gott, dass er auf mich höre. Die letzten Worte können auch als Imperativ aufgefasst werden: Ach, höre auf mich!

2. Die engl. Übers. zieht "des Nachts" zu "mein Saitenspiel"; das ist allerdings gegen die masoret. Akzente, hat aber an Parallelen wie Ps. 16,7; 42,9; 92,3 eine Stütze. Vergl. Hiob 35,10.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps77

Beitrag von Jörg »

8. Wird denn der Herr ewiglich verstoßen? Das war die wichtigste und schwerste der Fragen, welche sein Geist zu erforschen suchte. Er wusste aus schmerzlicher Erfahrung, dass der HERR die Seinen für eine Weile verlassen kann; was er aber fürchtete, war, dass diese Zeit endlos verlängert werden möchte. Ungestüm fragt er daher: Wird der HERR diejenigen völlig und endgültig verstoßen, die doch sein Eigen sind, und sie zum Gegenstand seiner verächtlichen Verwerfung machen, sie zu ewig Verstoßenen werden lassen? Er durfte sich überzeugen, dass das nicht sein könne. Kein einziges Beispiel ließ sich aus den Jahren der Vorzeit beibringen, das ihn hätte berechtigen können, dieser Besorgnis Raum zu geben. Und keine Gnade (wörtl. Huld, Wohlgefallen) mehr erzeigen? Viel Huld hatte Jehova bewiesen; sollte sich dieses Wohlwollen nie wieder kundtun? Sollte die Sonne untergegangen sein, um nie wieder emporzusteigen? Sollte dem langen, düsteren Winter nie ein Frühling folgen? Die Furcht hatte die Fragen eingegeben; aber sie selber sind auch das Heilmittel wider die Furcht. Wohl dem, der Gnade genug hat, solchen Fragen ins Angesicht zu schauen; denn ihre Antwort ergibt sich von selbst mit unwiderleglicher Klarheit und ist in hohem Grad geeignet, das verzagende Herz aufzurichten.

9. Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte (Gnade)? Wenn Gott auch keine Liebe des Wohlgefallens (V. 8 b) mehr für seine Auserwählten haben könnte, ist denn nicht seine Barmherzigkeit noch vorhanden? Ist diese ewige Quelle versiegt? Hat er kein Mitleid mehr mit den Bekümmerten? Und hat die Verheißung (Grundtext: auf alle Geschlechter) ein Ende? Sein Wort ist denen verpfändet, die es gläubig vor ihm geltend machen; ist dies Recht verjährt, hat Gottes Zusage Kraft und Wert verloren? Sollte das gesagt werden können, dass des HERRN Wort von einem Geschlecht zum andern zu Boden gefallen sei, während er vordem seinen Bund hielt allen Geschlechtern derer, die ihn fürchten? Es ist weise gehandelt, den Unglauben so ins Kreuzfeuer zu nehmen. Jede der Fragen ist ein Pfeil, der Verzweiflung mitten ins Herz gezielt. So haben auch wir in dunkeln Stunden auf Tod und Leben gerungen.

10. Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Ist El, der Starke, stark in allem, nur nicht im Erweisen von Gnade? Weiß er wohl zu betrüben, aber nicht zu tragen? Kann er irgendetwas vergessen? Vor allem, kann er vergessen, die Eigenschaft auszuüben, die seinem innersten Wesen am nächsten ist, da er doch die Liebe ist? Und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen? Sind die Kanäle seines Erbarmens so verstopft, dass seine Liebe nicht durch sie hinfließen kann? Entbrennt sein Herz nicht mehr gegen seine eigenen geliebten Kinder? Rührt ihn ihr Schmerz nicht mehr, jammert ihn nicht ihres Elends? So saust ein Streich um den andern auf den Unglauben nieder, bis er aus der Seele ausgetrieben ist. Er wirft Fragen auf: so wollen wir ihn mit Fragen in die Enge treiben; er verleitet uns zu lächerlich törichten Gedanken und Handlungen: so wollen wir ihn mit Hohn überhäufen. Die Beweisführung unserer Stelle nähert sich stark der reductio ad absurdum, der Überwindung des Gegners dadurch, dass man seine Behauptungen bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt und damit in ihrer ganzen Unvernünftigkeit bloßstellt. Reiß dem Misstrauen die Gewänder vom Leibe, mit denen es seine wahre Gestalt verhüllt: es wird sich als ein Monstrum von Torheit entpuppen. Sela. Einen Augenblick Ruhe; nach dem heißen Gefecht der Fragen tut eine besänftigende Pause Not.

11. Aber doch sprach ich: Ich muss das leiden;
die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern.
12. Darum gedenke ich an die Taten des HERRN;
ja, ich gedenke an deine vorigen Wunder
13. und rede von allen deinen Werken
und sage von deinem Tun.
14. Gott, dein Weg ist heilig.
Wo ist so ein mächtiger Gott, als du, Gott, bist?
15. Du bist der Gott, der Wunder tut;
du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern.
16. Du hast dein Volk erlöset gewaltiglich,
die Kinder Jakobs und Josephs. Sela.


11. Aber doch sprach ich, oder: Doch da spreche ich: Dies ist meine Krankheit. (Grundtext nach manchen Auslegern.3) Er hat den Sieg errungen, der heiße Kampf ist vorbei, und er redet nun vernünftig und überschaut die Walstatt mit kühlerem Blut und ruhigerem Blick. Er gesteht ein, dass der Unglaube eine Krankheit, eine Schwäche, ja Torheit und Sünde ist. So verstehen manche die Worte Asaphs, und man kann dann die folgende Vershälfte so anfügen: dass sich die Rechte des Höchsten geändert habe. Dieser Wahn war eine schwere Krankheit; gottlob, dass der Psalmdichter von ihr genesen ist. Man wird aber besser den Sinn annehmen, welchen die Übersetzung Luthers gibt: Ich muss das leiden, nach der ähnlichen Stelle Jer. 10,19: Da sprach ich: Dies ist mein Leiden, ich will es tragen. Wenn wir merken, dass unsere Trübsal uns von dem HERRN bestimmt und zugemessen ist, dass sie unser verordnetes Teil ist, werden wir bald mit ihr ausgesöhnt und lehnen uns nicht länger gegen das Unvermeidliche auf. Warum sollten wir nicht damit zufrieden sein, wenn es doch des guten Gottes Wille ist? Was er anordnet, das haben wir nicht zu bekritteln. In der zweiten Vershälfte stößt die Übersetzung Luthers: Die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern, auf ernste sprachliche Bedenken; doch ist, wenn man nicht der schon zu Anfang gegebenen Deutung des Verses folgen will, eine andere4 Auffassung eines Wortes möglich: Dies ist mein (mir von Gott bestimmtes) Leiden; (es sind) die Jahre (des züchtigenden Waltens) der Rechten des Höchsten. Asaph würde nach dieser Übersetzung die Überzeugung ausdrücken, dass seine anhaltende, sogar schon Jahre hindurch dauernde Trübsal ihm von dem zugeteilt sei, der der unbeschränkte Herr ist über alles; doch liegt in den Worten dann auch, dass diese Zeit der Heimsuchung ein Ende nehmen werde, dass andere Jahre kommen würden, Jahre, wie er und die ehrwürdigen Väter der alten Zeit sie schon reichlich erlebt hatten, Zeiten der gnädigen Erquickung vom Angesicht des HERRN, da man schmecken und sehen kann, wie freundlich der HERR ist.

12. Wirklich lässt der Psalmist seine Blicke jetzt rückwärts schweifen; er will sich Trost holen, indem er sich die Güte des HERRN, ihm selber und andern seiner Kinder in vergangenen Zeiten erwiesen, in die Erinnerung zurückruft. Was wäre auch besser geeignet, alle Klagen zum Verstummen zu bringen und dem von Anfechtungen hin und her gestoßenen Herzen die Ruhe des kindlichen Vertrauens zurückzugeben, als solche Betrachtung der göttlichen Güte und Größe? Ich gedenke an die Taten des HERRN. Auf, meine Seele, in erhabenem Fluge schwing dich rückwärts, weg von den Unruhen der Gegenwart zu den denkwürdigen Ereignissen der Geschichte, zu den großen Taten Jehovas, des Herrn der Heerscharen; denn Er ist derselbe heute wie gestern und ist zu dieser Stunde wie vor alters bereit, seine Knechte zu schirmen und zu erlösen. Noch besser passt die andere Lesart: Ich (bringe in Erinnerung, d. i. ich) verkündige (rühmend) die Taten des HERRN. Siehe die nachfolgenden Bemerkungen zu V. 13. Ja, ich gedenke (Grundtext: Denn ich will gedenken) an deine vorigen Wunder. Was immer in Vergessenheit sinken mag, die wunderbaren Taten des HERRN aus der alten Zeit dürfen diesem Schicksal nicht anheimfallen. Die Erinnerung ist trefflich geeignet, dem Glauben Magddienste zu leisten. Wenn der Glaube seine sieben teuren Jahre hat, öffnet das Gedächtnis, gleich Joseph in Ägypten, seine Kornhäuser, in denen es Speise aufgespeichert hat.

13. Und ich will nachdenken über all dein Tun und über deine großen Taten sinnen. (Grundtext) Köstlich ist’s, sich durch den Geist Gottes auf die grünen Auen der Gnadentaten Jehovas führen zu lassen, sich dort zu lagern und in stiller Geistesarbeit wiederzukäuen, alle Gedanken hingenommen von dem einen herrlichen Gegenstand. In der deutschen Bibel sind die beiden Zeitwörter unseres Verses mit reden und sagen übersetzt. Es wird hier das Sinnen gemeint sein; aber aus dem vorigen Vers schon geht (nach der angegebenen zu bevorzugenden Lesart) hervor, dass der Zweck des Nachsinnens über die Taten des HERRN der sein sollte, diese rühmend zu verkündigen. Es ist gut, wenn das Überfließen des Mundes zeigt, welch trefflicher Dinge das Herz voll ist. Nachsinnen erzeugt gehaltvolle Rede. Wir müssen sehr beklagen, dass die Reden und Gespräche der Christen vielfach so dürftig, ja gänzlich unfruchtbar sind, weil man sich keine Zeit zum stillen Sinnen und Erwägen nimmt. Ein nachdenksamer Mensch aber muss auch zur rechten Zeit reden; sonst ist er in den geistlichen Dingen ein Geizhals und gleicht einer Mühle, die nur für den Müller Korn mahlt. Der Gegenstand unseres Nachdenkens sei auserlesen, dann wird unser Reden wahrhaft erbaulich sein. Wenn unser Sinnen auf törichte Dinge geht und wir dabei doch weise reden wollen, dann wird der Zwiespalt unseres Herzens bald jedermann kund werden. Wenn dagegen heilige Rede die Frucht frommen Sinnens ist, wirkt sie tröstlich und stärkend sowohl auf uns selbst als auf die Hörer; daher ihr Wert in der Verbindung, in welcher wir sie an dieser Stelle finden.

14. Gott, dein Weg ist heilig. Wenn wir Gottes Weg nicht verfolgen können, weil er "im Meer" ist und in "großen Wassern" (V. 20), ist es sehr trostreich, dass wir demselben doch trauen können, weil er heilig ist. Wir müssen mit der Heiligkeit Gemeinschaft haben, wenn wir Gottes Wege mit den Menschenkindern verstehen wollen. Die reines Herzens sind, werden Gott schauen, und die wahre Anbetung Gottes ist der Weg, auf dem man in die Geheimnisse der göttlichen Vorsehung eindringt. Wo ist so ein mächtiger (wörtl.: großer) Gott, als du, Gott, bist? In ihm sind Güte und Größe vereinigt. Er übertrifft in beidem alles, was genannt mag werden. Niemand kann auch nur für einen Augenblick mit dem Mächtigen in Israel verglichen werden.

15. Du bist der (rechte) Gott, ein Wundertäter. (Wörtl.) Du allein bist Gott und keiner mehr. Die falschen Götter sind mit dem Schein von Wundern umgeben, aber Du allein wirkst solche. Es ist dein ausschließliches Vorrecht, wunderbare Machttaten zu vollführen; dir ist das keine neue oder fremde Sache, sondern eine alte Gewohnheit. Hierin liegt ein neuer Grund für heilige Zuversicht. Es wäre wunderlich, wenn wir dem wundertätigen Gott nicht vertrauten. Du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern. Nicht nur Israel, auch Ägypten, Basan, Philistäa und die Völker alle haben Jehovas Macht geschaut. Sie war in der alten Zeit kein Geheimnis, und bis auf diesen Tag tut sie sich in aller Welt kund. Die Vorsehung und die Gnade Gottes entfalten beide auf die mannigfaltigste Weise Gottes Macht; in der Gnade des Evangeliums wird er sonderlich kund als der da Macht hat zu erretten. (Jes. 63,1 Grundtext) Wer wollte nicht stark sein im Glauben, wenn er sich auf einen so starken Arm stützen kann? Darf unser Vertrauen wankelmütig sein, wenn seine Macht doch außer aller Frage steht? Lass, liebe Seele, solche Erwägungen den letzten Rest des Misstrauens in dir bannen!

16. Du hast dein Volk erlöset gewaltiglich (buchstäbl.: mit deinem Arm), die Kinder Jakobs und Josephs. Das ganze Israel, die zwei Stämme Josephs sowohl wie diejenigen, welche von den andern Söhnen Jakobs stammten, waren aus Ägypten gebracht worden durch wunderbare Entfaltungen der göttlichen Macht. Diese Macht wird hier nicht der Hand, sondern dem Arm des HERRN zugeschrieben, weil in dem Arm die volle Kraft des Mannes ruht. Die Glaubensmänner des alten Bundes pflegten immer wieder auf die am Roten Meer geschehenen Wunder hinzuweisen, und wir können uns darin mit ihnen vereinigen; nur wollen wir darauf bedacht sein, zu dem Liede Moses, des Knechtes Gottes, das Lied des Lammes hinzuzufügen. (Off. 15,3.) Es liegt am Tage, wie reicher Trost aus solcher Betrachtung der Heilstaten Gottes zu ziehen ist; denn der, welcher sein Volk aus dem Diensthause geführt hat, wird sein Werk der Erlösung und Befreiung fortsetzen, bis wir zur verheißenen Ruhe eingehen. Sela. Noch eine Pause, zum Atemholen für den nun folgenden Lobgesang auf Gott als den Erlöser aus Ägyptens Drangsal.

Fußnoten
3. Man erwartet bei dieser Abfassung ytiOlxA (vergl. Jes. 38,9), das auch manche Neuere lesen wollen. Man kann aber ytiOlIxa von einem Zeitwort llaxf mit der Bedeutung durchbohrt sein ableiten, vergl. Ps. 109,22. Das Targ. schwankt zwischen der Übers. mein Leiden und mein Flehen. Bei der letzteren Auffassung legt man das piel hlIfxi zugrunde und nimmt dies für das sonst oft vorkommende Mynipf hlIfxi, eigentlich: jemandes Angesicht durch Flehen weich machen. So übersetzen Fr. W. Schultz und Keßler: Doch da spreche ich: Mein Flehen ist es, dass sich wandele die Rechte des Höchsten.

4. Für hnf$f ist die aktive Bedeutung etwas ändern unbelegbar; es heißt: sich ändern. Aber tOn$: kann auch poetische Form des plur. cstr., von hnf$f Jahr (wie V. 6) sein. Schon das Targ. gibt beide Deutungen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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