A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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12. Die reformierte Kirche.

Literatur: Die reformierte Kirchenzeitung 1851 ff.

Die reformierte Kirche hat in Deutschland den Ruhm, an längsten die Einflüsse des Unglaubens abgewehrt zu haben. Von ihrer Disziplin und Confession de foi beeinflusst haben noch am Ende des 18. Jahrhunderts die ref. Franzosen in Brandenburg die Predigt des väterlichen Glaubens gepflegt. Als die neue Zeit anbrach, waren es wieder reformierte Prediger, welche für ganze Landesteile zum Segen wurden, so der Prediger und Professor Krafft in Erlangen († 1845), „der Regenerator der protestantischen Kirche Bayerns“, die Pastoren Merle d’Aubigné in Hamburg, Geibel, der Vater des Dichters, in Lübeck, Mallet in Bremen, Palmié und Riquet in Stettin, G. D. Krummacher in Elberfeld, Fr. Adolf Krummacher, der Parabeldichter, Generalsuperintendent in Bernburg († 1845).103 Das Wuppertal mit seinem calvinistischen Gepräge hat den ganzen Osten Deutschlands durch die Vermittlung des Oberhofpredigers G. F. A. Strauß († 1863), des Schwiegersohnes der hochbegabten ref. Wilhelmine von der Heydt104, befruchtet. Fr. W. Krummachers in Redekunst und Phantasie glänzende Tätigkeit war nur darum so bedeutsam, weil sie das Gold der Erfahrung einfacher Weber und Bauern des Wuppertales in sich aufnahm. Als die Union eine Menge reformierter Gemeinen auflöste und auch in Rheinland und Westfalen die noch zu Recht gelassenen auf einen schwankenden Boden ihres Bekenntnisses und ihrer Verfassung stellte, bildete sich in Elberfeld am 30. März 1847 die freie niederländisch-reformierte Gemeine, als die einzige Erbin alter Rechte der ref. Kirche des bergischen Landes, unter der ausgezeichneten Leitung des Holländers Dr. th. Hermann Friedrich Kohlbrügge und der Ältesten Karl und Daniel von der Heydt und erreichte mit Korporationsrechten durch die Gnade des wohlwollenden Fr. Wilhelm IV. ausgestattet, eine seltene in Deutschland nie dagewesene Blüte, namentlich auch durch die aus ihrer heilbringenden Gemeinschaft hervorgehende Elberfelder Armenverwaltung eine Wohltat für alle Welt spendend. Als Kohlbrügge, in Holland von der lutherischen Kirche ausgestoßen, von der reformierten nicht aufgenommen, nach langen Jahren des Harrens auf seinen Gott, die Gemeine in Elberfeld 1847 übernommen hatte, begann für diese eine schöne Zeit. Er allein hat es vollbracht, was niemand vor ihm in Deutschland versucht hatte – und dies in der schwierigen, kaum zu bändigenden Elberfelder Bevölkerung eine freie Gemeine hinzustellen, die unter der Zucht des Wortes in Freiwilligkeit der Liebe und Selbstbesteuerung (in den ersten 12 Jahren hatte sie eine Summe von 111 500 Talern für ihre Bedürfnisse aufgebracht), in musterhafter Armenpflege, von Friedrich Wilhelm IV. freudig begrüßt, als eine Stadt auf dem Berge da lag, die jeder, der die still verborgene, nie von sich Lärm machende besuchte, mit tiefster Belehrung verließ. In ihrer Kirchenordnung, in ihrem Ältesten- und Diakonen-Dienst, in der gewaltigen, allein Gott verherrlichenden Predigt war sie das letzte herrliche Abendrot der ref. Kirche Deutschlands. Sie hat die ref. Kirche Hollands und Österreichs befruchtet, in Amerika und in der Schweiz Schüler empfangen und ist die bevorzugte Stätte gewesen, wo in diesem Jahrhundert unverkümmert und unverkürzt in voller Kraft und in der tiefsten Erkenntnis die Rechtfertigungslehre bezeugt worden ist. Als Kohlbrügge am 5. März 1875 starb, trugen den einsamen Mann doch eine große Zahl von Predigern aus Deutschland, Holland und der Schweiz zu Grabe. Kohlbrügge in der Abendmahlslehre calvinisch fühlte sich mehr von Luthers Exegese angezogen, die er oft noch durch einen unvergleichlichen psychologischen Feinsinn, der überall den Gegensatz des menschlichen Geistes gegen Gott und seine Gnade erkannte, zu vertiefen verstand. Es ist die Theologie des Glaubens und der Gnade mit dem Widerspiel der Sichtbarkeit. Besondere Ansichten hat K. nicht gehabt. Wenn er stark betont, dass Christus „im Fleische gekommen ist“, so will er nur damit sagen, dass Christus in dem Gebiete der Sünde und des Todes aufgetreten und in diesem Gebiete zur Sünde gemacht sei, er blieb aber dabei immer der Heilige Gottes und ganz unsträflichen Geistes. Der Heilige in der Gleichheit des Fleisches von Sünde, aber doch stets eben in dieser scheinbaren Unmöglichkeit der ohne Sünde Versuchte. Irvingitische Irrlehre liegt ihm ganz fern. Christum ins Fleisch ziehen ist tröstlich, sagt Luther. Seine Passionspredigten sind das bedeutendste, was je über diesen Gegenstand geschrieben ist. Als ihn Leo kennen lernte, sagte er:
Ich erwartete einen groben Holzschnitt und fand einen feinen Kupferstich. Der Mann muss nie ein unvorsichtiges Wort sprechen.
Seine Bedeutung als Vater und Regent der Gemeine trat noch mehr ans Licht, als man die hohe Autorität nach seinem Tode entbehrte. Aber das, was früher die ref. Kirche des bergischen Landes geziert hatte, war doch noch einmal in dem Kreise der Gemeine zusammengefasst worden. Übrigens hat sich die Gemeine bis auf die Gegenwart mit etwa 1300 Mitgliedern erhalten. 1887 bestand sie 40 Jahre.

Kohlbrügge in seiner äußeren Erscheinung eine hohe ernste Gestalt mit durchdringendem Blick hat eine kleine ref. Schule gegründet, die unter der Mithilfe des Professors Joh. Wichelhaus in Halle sich ausbreitete. Johannes Wichelhaus wurde am 13. Januar 1819 in Mettmann geboren, wo sein Vater Pastor war. Seine Mutter war eine geb. v. d. Heydt aus Elberfeld. Er studierte in Bonn und Berlin. Als er sich 1840 in Bonn habilitieren wollte, legte man ihm eine Eidesformel vor, welche ihn auf die Symbole der Kirche verpflichtete. In großer Gewissensnot wehrte er diesen Zwang ab, der bald nachher bei zwei anderen Lizentiaten gar nicht erwähnt wurde. Man trieb Unionspolitik. In Halle gelang ihm dann die Promotion, doch auch hier nicht ohne große Schwierigkeit. Er hat dort ein einsames Privatdozenten-Leben geführt: von der Fakultät gehässig in die Ecke geschoben, obwohl der einzige Theologe, der in diesem Jahrhundert an der Universität Halle-Wittenberg die Lehre Luthers verkündete mit der Devise: Fleißiges Sprachstudium der biblischen Bücher, Autorität der hl. Schrift, wahre und bestimmte Fassung der Grundlehren nach den Bekenntnissen der Reformation. Endlich 1854 erfolgte, nachdem er sich würdig und glänzend gerechtfertigt, durch den Minister Raumer seine Ernennung zum außerordentlichen Professor. Er starb schon am 14. Febr. 1858 an dem Gegensatz einer Theologie, die den Namen der Gläubigkeit trug, ohne sie zu besitzen: ein verborgener Märtyrer, der in seinem Kommentar zur Leidensgeschichte, in seinen Vorlesungen zum N. T. und zur biblischen Dogmatik in weihevoller Weise die Wahrheiten der Reformation ausgesprochen hat, die in Halle keine Stätte fanden.105 Trotz aller Lutherstudien ist die Theologie Halles von Gesenius bis Beyschlag nur ein Protest gegen die Reformation, dabei ohne Einfluss in der jetzt sozialistisch regierten Stadt. Unserer Richtung gehören auch die vortrefflichen Commentare zu neun Briefen Pauli von Karl v. d. Heydt an. Er war in Elberfeld Kommerzienrat und lebte in seiner Muße dem sorgfältigen Studium des N. T. In Halle ist hier auch Georg von Polenz zu nennen, ein Nachkomme jenes preußischen Bischofs von Polenz, der Geschichtsschreiber des französischen Calvinismus in mühevoller Breite. Das Studium Calvins hatte ihn zum Calvinisten gemacht und er bekannte: Nicht ich habe Gott gesucht, sondern er hat mich gesucht. Vergeblich bemühte er sich in der großen Kirche eine kleine Gemeinschaft der Heiligen zu finden und konnte einem Amerikaner auf die Frage: Wo kommen die Christen in Halle zusammen? –nur antworten: Nirgends.

Man nennt noch andere ref. Theologen, wie den bienenfleißigen. viel und leicht schreibenden, in heftigem Kampf mit Vilmar in Hessen das gute Recht des ref. Bekenntnisses verteidigenden Heinrich Heppe († 1879), der wohl eine Menge reformierten Altertums kundig aufgrub, aber in seiner ganzen theologischen Richtung melanchthonisch-synergistisch war, weshalb er auch mehr Melanchthonisnius in der ref. Kirche Deutschlands fand, als der Wahrheit gemäß in ihr war. Es ist da auch eine große Täuschung untergelaufen. Der bedeutendste Melanchthonianer Christoph Pezel war entschieden Vertreter der Erwählung und der Heidelberger Katechismus ist von seinen eigenen Verfassern, Schülern Calvins, so erklärt und von der ref. Kirche bis in dieses Jahrhundert so aufgefasst worden, bis Unionsideen und Irrlehren ihn verfälschten. Auch im Genfer Katechismus findet sich das System der Prädestination nicht, ist er darum nicht calvinisch? Sind auch die Dordrechter Erklärung in Deutschland nicht rechtlich als Symbol angenommen, so galten sie doch auch hier als der vollgültige Ausdruck der ref. Lehre. Fast alle berühmten Dogmatiker im 16. und 17. S. lehren in ihrem Sinne. Seit 1654 stehen sie auch in dem Confessionum Syntagma, das in Marburg als Lehrnorm galt. Heppe hat viel unnötige Verwirrung angerichtet: auch er, ein moderner Theologe, der sich selbst in der Vergangenheit beweist. Tritt neben ihn August Ebrard in Erlangen als ref. Theologe, so verdient er diesen Namen gewiss wegen vieler mit leichtem Geschick in anregender Darstellung und zähem Fleiß, in reicher Vielseitigkeit bis zum begeisterten dichterischen Aufschwung hervorgebrachter Werke aus dem Gebiete der biblischen Apologetik und der vortrefflich gekannten Geschichte der ref. Kirche, aber nicht wegen seiner dogmatischen Stellung, die der Heppes ähnlich sich vergeblich mit dem Namen des „großen“ ref. Theologen Amyraut decken will, da dieser ja die Dordrechter Erklärung anerkannt hat. Amyraut war kein Synergist und Arminianer. In dem Kommentar von Ebrard zum Römerbrief waltet ein wilder Fanatismus gegen die freie Gnade. Heppe und Ebrard haben sich ihr Leben lang mit der ref. Lehre beschäftigt, aber den eigentlichen Herzschlag derselben: die freie Gnade, die grundlose Barmherzigkeit haben sie nicht verstanden. Beide stehen wie alle modernen Theologen mehr auf dem Standpunkt eines Pighius und Erasmus als eines Calvin und Luther. Sehr unnötig dabei ist aber die altreformierte Lehre gegen besseres Wissen zu fälschen. Man kann getrost unser Jahrhundert das der fortgesetzten theologischen Täuschung nennen. Die Prädestination ist die Grundanschauung nicht nur der ref. Dogmatik, sondern auch aller ref. Bekenntnisschriften. Die Conf. Helv. II bekennt mit der ganzen Kirche: „Der Glaube ist ein reines Geschenk Gottes, welches Gott allein aus seiner Gnade seinen Auserwählten nach seinem Maß und wann und wem und wie viel er selbst will, verleiht.“ Nur wer so lehrt, ist ref. Theologe. Weder a Lasco, noch Bullinger, der ja die Züricher Erklärung von 1561 unterzeichnet hat, noch irgend sonst jemand von Autorität hat wie Ebrard den freien Willen gelehrt. Auch die ref. Theologen beim Leipziger Gespräch bekennen die Electio ganz im Sinne Calvins, nur die Reprobatio fassen sie infralapsarisch. Die Verwirrungen Ebrards haben auch dem ref. Bunde geschadet, der neuerdings Calvinisten und Arminianer unter einer falschen Flagge segeln lässt. Die ref. Kirchenzeitung findet die Prädestination nicht im Heidelberger. Damit verlässt sie die Lehrtradition der ganzen ref. Kirche. Ebrard † 1888. Von ihm „Lebensführungen: In jungen Jahren“, 1888. Die Zeit von 1818 bis 1841. Vergl. Ref. Kirchenztg. in diesem Jahre. Der Schule Kohlbrügges reiht sich in seiner Stellung Karl Sudhof in Frankfurt a. M. († 1865) an, der dogmatisch und geschichtlich Vortreffliches geleistet und auch an dem Roman von Ebrard: „Einer ist Euer Meister“ wesentlich mitgearbeitet hat. Sein Buch: Fester Grund christlicher Lehre (1857) ist auch mit seinen Beilagen unentbehrlich. Gillet in Breslau († 1879), Dr. th. & ph. Karl Krafft und Geyser († 1878) in Elberfeld, Thelemann in Detmold, Cuno in Eddigehausen in Hannover, Dr. th. Emil Wilhelm Krummacher († 1886), Louis Bonnet in Frankfurt a. M. († 1892), Lic. th. F. W. Dilloo in Soldin († 1892), sind hier noch als gelehrte und eifrige Lehrer der ref. Kirche zu erwähnen. Der seit 1854 in Erlangen lehrende J. J. Herzog († 1882) hat mit Vorsicht und Gelehrsamkeit eine milde ref. Theologie vertreten, stets bemüht, in seiner Realencyklopädie ref. Erscheinungen zur Geltung kommen zu lassen. Eine der ausgezeichnetsten kirchengeschichtlichen Arbeiten hat K. B. Hundeshagen, in Bern, Heidelberg und Bonn Professor, († 1872) in seinen Beiträgen zur Kirchenverfassungsgeschichte (1864) geleistet; auch sein „deutscher Protestantismus“ erregte einmal (1849; 3. Auflage) die Teilnahme größerer Kreise. Riehm und Christlieb haben über ihn Mitteilungen gemacht (1873). Cuno hat mit vorzüglicher Kunde einen weiten Blick auf vergangene Herrlichkeit der ref. Kirche in dem Buche gegeben: Gedächtnissbuch deutscher Fürsten und Fürstinnen ref. Bekenntnisses, 1883 ff. Von ihm auch Franciscus Junius der Ältere, 1891. Man hat den großen Bremer Homileten Gottfried Menken106 († 1831) auch zu den ref. Theologen gerechnet, doch er verwirft die Genugtuungslehre und hat falsche Vorstellungen von der Heiligung, so dass einmal eine echt reformierte Frau des Wuppertals ihn mit dem ketzerischen Mystiker Collenbusch als Irrlehrer abwies. Wir erinnern hier auch an die ref. Göbel (Karl und Max). Von letzterem die Gesch. des christlichen Lebens in der rheinisch-westphälischen Kirche, 1859 ff.

Seit 1851 hatten wir eine Kirchenzeitung mit oft wertvollen Beiträgen, eine unentbehrliche Quelle: nach Daltons Betrachtung aus der Ferne: einsam dastehend, außerhalb des Hauses völlig unbekannt, wie tief im Walde verloren das baufällige Häuschen eines armen alten Forsthüters. Ritschl schrieb nach seiner Schablone eine Geschichte des Pietismus in der ref. Kirche und wusste nichts von der Kirchenzeitung. Etwas haben wir uns bei dieser Zurücksetzung doch in diesem Jahrhundert gewehrt. Wir erhielten unsere „Zentraldogmen“ dargestellt durch den Deterministen Schweizer, aber doch korrekt; unsere alten „Väter“ erschienen wieder auf dem Plane durch das Unternehmen von Hagenbach und anderen; wir feierten das Gedächtnis des Heidelberger Katechismus 1863 mit einem Predigtbuch und dem Lobe des Katechismus; wir erinnerten uns 1864 an Calvins Tod und er106 Sein Leben von Gildemeister, 1861. Über Bremer Verhältnisse in diesem Jahrhundert handelt S. Fr. Iken: Kirchliche Arbeiten in Br. in d. Jahrh., 1889. zählten von den Wohltaten der Réfugiés.107 Wir hatten auch zuweilen eine Konferenz und eine schwache Vertretung in den Konsistorien und im Oberkirchenrat (Snethlage); als in Frankfurt 1854 der abgefallene Sohn unserer Kirche F. W. Krummacher die ref. Kirche tadelte und ihr anriet, sich auf den apostolischen Amtsbegriff zu besinnen, da erhob sich am Schluss der redekundige, warmherzige Mallet aus Bremen, einer der wenigen treuen Lehrer unserer Kirche in diesem Jahrhundert, und zeichnete in seiner „den heiseren Löwen“ beschämenden Weise die ref. Kirche als eine arme, leidende, barmherzige, die nach einem reinen Herzen und nach Frieden trachte. Wir konnten kecklich rühmen, dass der brandenburgisch-preußische Staat eine Schöpfung Calvins sei108 aber was half es uns: Bei der in Worten brausenden Oktoberkonferenz in Berlin 1871 offenbarte Wangemann der Versammlung, dass alles, was jetzt in Deutschland gläubig sei, lutherisch wäre. Wir armen Reformierten hörten das mit dem Gefühl an, dass etwas Teures begraben werde, konnten aber mit dieser Allherrschaft des Luthertums uns nicht vereinen, wie gleich nachher gegenüber den Bedrängungen der Union Hofmann aus Erlangen seine Hoffnung darauf setzte, dass doch den Lutheranern der freie Himmel noch bliebe. Er selbst der seltsamste Vertreter des luth. Bekenntnisses. Die Rheinländer aber meinten, Wangemann kenne wohl nur Hinterpommern, wie einmal Scheibel nur Breslau kannte. Während die Kirche der Union sich die kirchlichen Verfassungsformen der ref. Kirche aneignete, sie mit fremden konsistorialen Einrichtungen verschmelzend, auch die calvinische Abendmahlslehre lieb gewann, bekämpfte sie doch überall die Prädestination, diesen heiligen, göttlichen Protest gegen alle den Menschen verherrlichende Systeme, die unser Jahrhundert erfüllen, in Schrift und Reformation tausendfach begründet, und in allen Zeiten religiöser Lebendigkeit behauptet, und tat nichts, ref. Besonderheiten zu pflegen. Versuchte sich einmal ein reformierter Theologe, es sei in Halle oder Göttingen, zu habilitieren, so wurde er mit Kränkung abgewiesen. Kritik und Unglauben ließ man üppig blühen. Dies bewirkte ein auffallendes Verschwinden ref. Kandidaten, die oft nur als ganz vereinzelte in großen Provinzen sich fanden, ließ die ref. Gemeinen verwaist dastehen und immer mehr abnehmen und erzwang zuletzt einen solchen Klageruf, wie er sich in der Schrift ausspricht: die Ursachen des Niederganges der ref. Kirche in Deutschland (1881). Die Union hatte für diesen Schmerz nur einige höhnische Bemerkungen, ohne Gefühl, dass sie da die Union kein Konfessionswechsel ist, namentlich den Boden der Berliner Domkirche mit Unrecht behaupte, denn mit welchem furchtbaren Ernst war diese einmal dem ref. Bekenntnis übergeben! Von Stöcker ist diese Gesetzlosigkeit als eine besondere Empfehlung der Union ausgeschrieben worden: sie färbe alles mild lutherisch. Die immer leerer werdende N. E. Kirchenzeitung hatte für alle ernsten ref. Bekenntnisse nur armseligen Spott. Ihr eigenes, ganz unevangelisches Bekenntnis, dass der Mensch die Gnade annehmen und verwerfen könne, illustrierten die Berliner kirchlichen Zustände. Als sich die Reformierten wieder im August 1884 in Marburg zu einem ref. Bunde aufrafften, nicht ohne die Teilnahme der großen Presbyterianischen Allianz des Auslandes, wurden sie von Kassel konsistorialisch angefahren, sich doch hübsch ruhig zu verhalten und der Redner des Tages konnte uns nur noch mit einem „Häuslein im Weinberg“ vergleichen, das aber große und wichtige Güter zu bewahren habe. Außer den bedeutenden Einflüssen von Kohlbrügge ist die Bildung einer synodalen Gemeinschaft in Hannover, die 1885 ihre erste ordentliche Gesamtsynode in Aurich unter dem geistigen Einflüsse des Generalsuperintendenten Bartels hielt, ein Lichtpunkt in der sonst vielfach dunklen und armen Gegenwart der ref. Kirche Deutschlands. Bartels sagte auf dieser Synode: „Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass auf den Landesuniversitäten sowohl außerhalb als innerhalb der Union das Bedürfnis der auf den Dienst an unseren Gemeinen sich vorbereitenden Studierten unberücksichtigt bleibt; was sich auf die reformierte Kirche und den Dienst in ihr bezieht, wird in der Regel ignoriert oder mit seltenen Ausnahmen schief und vorurteilsvoll behandelt“. Ein Ostfriese ruft auf einer synodalen Versammlung aus:
Ich habe auf der Universität nie etwas vom Heidelberger Katechismus gehört
. Nicht zu verwundern, da einmal A. Knapp in Stuttgart mit Staunen den Heidelberger findet und in eine Versammlung der Frommen bringt.109 In Anhalt,110 das nur noch in Köthen reformiert ist, erstrebt man zugleich mit dem Katechismus Luthers eine liturgische Einheit, doch nicht ohne lebhaften Protest; neuerdings ist der luth. Katechismus nicht als Bekenntnis aber als Lehrbuch eingeführt. In Niederhessen haben die Vilmarschen Einfälle und Gewaltstreiche verwirrend gewirkt und man will dort, um den Zustand auf eine entsprechende Formel zu bringen, eine ref. Kirche mit lutherischem Bekenntnis haben, obwohl der Rechtsstand nach dem Gutachten der Marburger theol. Fakultät vom Jahre 1885 außer allem Zweifel ist; in dem neuen Hessischen Ev. Kirchengesangbuch befinden sich keine Psalmen mehr und von reformierten Zeugnissen aus dem Lande hört man wenig, die Fakultät tut nichts für dasselbe. In Westfalen und Rheinland drückt der Kandidatenmangel; in der französisch-ref. Kirche Brandenburgs sind die Enkel der Hugenotten diesen wenig ähnlich und wie die Erinnerung an die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1885) mit ihren erschütternden Märtyrerzügen in die Gegenwart blickte war derselben dies Leiden etwas Fremdes;111 die anderen hie und da wie vereinsamte Fähnlein noch bemerkbaren ref. Gemeinen kämpfen mühsam um ihre Existenz. Machte uns der Minister auf diesen und jenen ref. Professor in Preußen aufmerksam, so sagten wir: er sei nicht echt in der Farbe. Lic. Tollin, der Schwärmer für Servet, gründete einen Hugenotten-Verein, der auch nur Geschichtsblätter bot und Bücher sammelte. Gleich nach Beginn seiner akademischen Tätigkeit stirbt der gelehrte ref. Usteri in Erlangen.112

In Halle ist ein ref. Seminar gebildet worden. Der Lehrstuhl in Erlangen ist mit A. Müller nach langem Warten besetzt worden. Der Gegensatz des Luthertums wird oft noch so stark betont, dass nach den Augustkonferenzen in Berlin die ref. Kirche nicht die rechte Gotteserkenntnis habe und eigentlich auf deutschem Boden gar nicht zu existieren sich erfrechen sollte113 aber man bedenkt nicht, dass der Niedergang des Calvinismus in Deutschland der Niedergang des Protestantismus ist, an dessen Tore Rom mit Hohn und Verachtung klopft. – Es war erhebend, als bei der Feier des 200jährigen Bestehens der französischen Kolonie in Berlin (gegenwärtig 4894 Seelen) der Magistrat der Stadt dieselbe mit den Worten dankbar begrüßte, dass nach ihrem Vorbilde der Verfassung sich die
evangelische Landeskirche eingerichtet habe. Aber sonst sind wir weder reformiert noch lutherisch, sondern moderne Leute, die an die Stelle der Freiheit der Gnade die Freiheit des Menschen gesetzt haben. Unser scheinbarer Konfessionalismus ruft ein Altertum des Glaubens hervor, das uns und unseren Gemeinen als ein Anachronismus erscheinen muss. Still nach der prunkenden Lutherfeier ging der Tag Zwinglis (1. Januar 1884) über den deutschen Boden; Süddeutschland und Hessen verdanken ihm doch viel. In Straßburg ehrte ihn wenigstens Krauß mit einem guten Vortrag und in Tübingen, der Schreiber mit einem über Zwinglis Verdienste um die biblische Abendmahlslehre. Man scheint vergessen zu haben, dass Zwingli die große Entdeckung der symbolischen Form des Abendmahls gemacht hat. Wohltätig ist in der letzten Zeit die Arbeit eines ref. Schriftenvereins in Barmen, der manches gute Buch vor der Vergessenheit bewahrt. Sonst aber ist unsere Zeit nicht berufen, die ref. Kirche zu erneuern, oder wie man stolz sagt: wiederzuleben. Sie, die heilige Kirche der Märtyrer, hat eine Zeit lang auch Deutschland ihre reine Lehre und Zucht, ihr oft tränenreiches, leidendes Gesicht gezeigt, jetzt hat sie sich verhüllt und zurückgezogen: keine menschliche Hand wird ihre Decke heben und sie wiederbringen. Die wenigen reformierten Lehrer, die es in Deutschland noch gibt, stehen in enger Verbindung mit der deutsch-ref. Kirche von Amerika. Diese ist nach der Statistik von 1890 vereinigt unter einer Generalsynode, 8 Distriktssynoden und 56 Klassen; die Zahl ihrer Prediger beträgt 835, ihrer Gemeinen 1555, ihrer Glieder 200 498, noch nicht konfirmierte Glieder zählt sie 112 486; 59 008 Taufen wurden vollzogen; an der Feier des hl. Abendmahles beteiligten sich 155 118 Glieder; für wohltätige Zwecke wurden gesammelt Doll. 161 078, und für Unterhalt der Gemeinen die Summe von Doll. 874 053. Die Kirche hat drei theologische Seminare, von denen eines deutsch ist, und außerdem eine Anzahl Kollegien. Organ ist die ref. Kirchenzeitung in Cleveland. Redaktor Dr. th. L. Praikschatis. Man zählt 8 Millionen Reformierte auf dem Kontinent, 20 Millionen in der Welt. Vergl. Appendix bei Good, The Origin of the ref. Church in Germany, 1887.

103 F. A. Krummacher und seine Freunde von Möller. 1849. Unser Großvater. Ein Lebensbild von Maria Krummacher, 1890.
104 Über sie in den Frauenbriefen von A. Zahn. 1862. und in den Mittheilungen aus dem Leben desselben, 1885.
105 Mitteilungen aus seinem Leben habe ich in der zweiten Ausgabe seiner biblischen Dogmatik gegeben, 1884. Die Literatur Kohlbrügge betreffend findet man in dem Buche von mir: „Aus dem Leben eines ref. Pastors“. 2. Aufl. 1885. Nippold hat Kohlbrügge zu einem Neo-Coccejaner gemacht: ein Beweis, dass er nichts von ihm verstanden hat. Noch plumper und roher urteilt Ritschl aus unreinen Quellen.
106 Sein Leben von Gildemeister, 1861. Über Bremer Verhältnisse in diesem Jahrhundert handelt S. Fr. Iken: Kirchliche Arbeiten in Br. in d. Jahrh., 1889.
107 Vergl. die Schrift von mir: Die Zöglinge Calvins in Halle a. d. S. 1864.
108 Vergl. die Schrift von mir: Der Einfluss der ref. Kirche auf Preußens Größe, 1871.
109 Welche Mängel beeinträchtigen die theoretische und praktische Ausbildung der Diener der ref. Kirche auf deutschen Universitäten, von Stockmann, 1877.
110 Vergl. meine Schrift: Das gute Recht des ref. Bekenntnisses in Anhalt, 1866. A. Müller, Die ev. Landeskirche des Herzogtums Anhalt und d. luth. Katechismus, 1889. H. Dunker, Anhalts Bekenntnissstand, 1892 (Fälschung). Gerh. Heine, Die Katechismusfrage in Anhalt, 1890. Allihn, Alt oder Neu? 1892.
111 Schott, Die Aufhebung des Ediktes von Nantes, 1885. Muret, Gesch. der französischen Kolonie in Brandenburg Preußen, 1885.
112 Ein Lebensbild von ihm im Züricherischen Ev. Wochenblatt, 1890. Nr. 25 und 26.
113 Vergl. von mir: Sendschreiben an Herrn Professor Sohm, 1882.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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A. Zahn" Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

13. Der Kampf mit Rom.(Teil.1)

Literatur: Nippold, Geschichte des Katholizismus, seit der Zeit der Restauration des Papstthums, 1883.

Obwohl die Schilderung des furchtbaren Wachstums der Macht Roms in die Geschichte der katholischen Kirche gehört, so haben wir doch hier einen kurzen Blick auf das Tun der evang. Kirche gegenüber dieser unerhörten modernen Erscheinung zu tun. Es zeigt sich gerade hier, wie wenig ernst und tief man zur Reformation zurückgekehrt war, denn evangelische Fürsten, Staatsmänner und Theologen erleiden nur Niederlagen. Unser Jahrhundert in der Zeit der Konkordats Verhandlungen hatte bei seinem Beginn in der ersten Auflage der Geschichte der Päpste von dem großen Ranke in der Vorrede die vollkommen blinde Bemerkung: „Die Zeiten, wo wir etwas fürchten konnten, sind vorüber“. Niebuhr aber hatte schon früher von der sinkenden Macht des Papsttums geredet. Nach dem Tode Leos XII. dachte Bunsen nur zuweilen an die Gefährlichkeit Roms in schlaflosen Nächten. Es folgte der Triumph über die preußische Regierung in dem Kölner Kirchenkonflikt wegen der gemischten Ehen; die ideal träumerischen Worte die Friedrich Wilhelm IV. bei der Grundsteinlegung des Kölner Domportals sprach: über Deutschland, über Zeiten rage, reich an Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden, bis ans Ende der Tage zeigten nicht, dass man etwas gelernt habe.
Er hatte die unglückliche katholische Abteilung im Kultusministerium eingerichtet. Die Römlinge singen noch heute sein Lob. In Rheinland und Westfalen mehrten sich die Klöster: Zwingburgen des Wahnes.114 Der Sturm von 1848 ließ die Konservativen erlogene Hilfe bei Rom suchen. Die wankenden Throne glaubten hier Stütze zu haben. Eine Reihe von Konvertiten aus fürstlichen und adeligen Häusern, Gelehrte und Schriftsteller betraten die „Wege nach Rom“. Später fiel sogar die Königin Witwe in Bayern, die Tochter der edlen Prinzess Wilhelm von Preußen, durch die plumpe List eines Bauernpfarrers ab. Als eine Schmerzensmutter erwählte sie die schmerzhafte Himmelskönigin zu ihrer Patronin, doch konnte sie das grauenvolle Schicksal ihrer Söhne nicht abwenden und suchte vergeblich Trost in einer Wallfahrt nach Einsiedel und in einer Sühnkapelle an der Stätte, wo der See den wahnsinnigen Herrscher verschlungen. Das falsche Luthertum entließ manchen seiner Schüler in die „Objektivität“ Roms. Der liberale Pius IX. war gedemütigt bald ganz das Werkzeug der Jesuiten geworden. Was geschah von evangelischer Seite, als nun das Dogma der unbefleckten Empfängnis die Reihe der eitlen ruhmrednerischen Seligsprechungen vollendete? Friedrich Wilhelm IV. sagte: „Ist die ev. Kirche nicht zur Ruine geworden, so muss sie bei dieser Gelegenheit Zeugnis von ihrem Glauben ablegen. Wir müssen den Moment zu den heiligsten und aller rechtmäßigsten Eroberungen benützen. Die gesamte ev. Kirche muss sprechen und bekennen. Der deutsche Evangelische wird mit seiner deutschen Taktlosigkeit, Plumpheit, Glaubenslosigkeit, Romanismus, Rationalismus, die Irvingerei und Baptisterei werden die heilige Sache in wenig Monaten gründlich verpfuscht haben, dass Rom vor Wonne brüllen wird. Das einzige Resultat wird protestantische Schmach und Schande sein.“ Dazu kam es dann auch. Der König konnte so wenig die gesamte evangelische Kirche zu einer Tat bewegen, dass er selbst in Berlin kein Verständnis fand. Die Mariensäulen erhoben sich überall ohne alle Hinderung. Der eine Sieg feuerte zu einem anderen an. Die Jesuitenherrschaft war inzwischen in Rom eine allmächtige geworden. Zwar das badische, das württembergische Konkordat zeigte eine mannhafte deutsche Erhebung, die den Fall derselben brachte aber in Berlin ging man in Unkenntnis des Feindes weiter. Die Maulwurfsarbeit blühte; der Syllabus erklärte jeden Protestanten ohne das Wohlgefallen Gottes. Man rüstete den Entscheidungskampf auf märkischem Sande. Preußen wurde als der Hort des Protestantismus mehr als je ins Auge gefasst. Der Sieg von 1866 war von religiösen Interessen getragen. Die katholische Vormacht Deutschlands war nach Gottes Willen geschlagen worden. Man suchte neue Stärkung und die Eitelkeit des Papstes setzte die Unfehlbarkeitserklärung in Szene. Allein der Katholik Fürst Hohenlohe in München sah das kommende Unwetter. Die Völker der Reformation schliefen. Ihre Theologen beschäftigten sich mit der Kritik des Pentateuch. Doch hat der Ev. Oberkirchenrat, als sich der Papst an alle Protestanten wandte, eine schwächliche Zirkular-Verfügung an die Konsistorien erlassen (Oktober 1868). Einige waren dankbar, dass er überhaupt den Mund geöffnet habe. Julius Müller in dem Vorwort zu seinen dogmatischen Abhandlungen 1870 fürchtete nichts von den Katholiken, mit denen er sich in einer höheren Einheit verbunden fand. So äußerte damals sich Halle-Wittenberg, von wo man jetzt in völliger Ohnmacht lärmt. Unfehlbarkeitserklärung und Kriegserklärung fielen auf einen Tag: den großen 18. Juli 1870. Noch am 20. Juli war für Bismarck die Infallibilität ohne Interesse, auf die doch der Gesandte von Arnim so besorgt blickte. Der Krieg war ein Werk der Jesuiten durch die Kaiserin Eugenie gegen den überwältigten Napoleon. „C’est ma guerre“.115 Man wollte nun auch einen politischen Sieg. Gottes Macht wandte Rom zum Unheil, was es brütete. Das Evangelium siegte bei Gravelotte und Sedan in glanzvoller Herrlichkeit, obwohl die Soldaten kaum ahnten, als sie am blutigen Abend: Nun danket alle Gott anstimmten, wofür sie eigentlich zu danken hatten. Sie feierten unbewusst einen Triumph des evangelischen Liedes. Eine großartige Sühne war für die Selbstvergötterung des römischen Herrn geschehen. Auch für die Ludwigs XIV., denn im Schloss von Versailles rief man den zum Kaiser aus, dessen Vorfahren prätendierten, reformiert zu sein. Welch eine Wendung durch Gottes Führung! Zwanzig Tage nach Sedan war auch die weltliche Herrschaft des Papstes in Rom zerstört: der Unfehlbare ein Gefangener im Vatikan. Die zertretene Schlange nahte sich darauf gleich dem gefürchteten Adler, um nun schlau unter seinen Fittichen Hilfe zu suchen. Der von Gott emporgetragene Fürst verstand es noch nicht, dass er namentlich auch Rom geschlagen habe. Erzbischof Ledochowski aus Posen, eine persona gratissima am Berliner Hofe, der einst mit Hilfe der Königin die Einrichtung von Nonnenklöstern in Posen gegen die Bemühungen des Finanzministers v. d. Heydt durchgesetzt hatte, erschien, um für den Frieden zu wirken. Auch Antonelli rüstete sich zur Reise. Im Februar 1871 empfing der erste evangelische Kaiser eine Adresse, welche die Maltheser und viele andere Adelige zu Gunsten des heiligen Vaters nach Versailles brachten. Er erklärte: er sehe in der Besitzergreifung Roms einen Gewaltakt. Pius sagte darauf dem Kaiser seinen Dank für den Ausdruck der Freundschaft und erbat von Gott, dass er den Kaiser mit ihm durch das Band vollkommener Liebe verbinde. Rom zeigte sich indessen ohnmächtig, als es die französischen Bischöfe beeinflussen sollte. Damals, im März 1871, hat der ref. Presbyter Daniel von der Heydt an den Kaiser geschrieben: „Je völliger, je lauterer Eure Majestät den Verkehr mit dem römischen Papste, geschweige eine offene oder geheime Unterstützung seiner weltlichen oder geistlichen Macht als protestantischer Kaiser und König in der Furcht Gottes, heimgekehrt als der von dem großen Kurfürsten im Geist durch göttliche Offenbarung gesehene Rächer, von sich weisen, um so herrlicher wird sich der Gott Ihrer Väter zu Ihnen bekennen.“ Es erfolgte die Bildung des Zentrums, die Erweckung einer überall verbreiteten ultramontanen Presse, an ihrer Spitze die Germania, nach dem Mailänder Katholikenblatt ein Schwindelblatt, das den Strick verdient, und die Gesetzgebung von Bismarck und Falk.116 Wenn irgend eine Erscheinung in diesem Jahrhundert das ganze Jahrhundert charakterisiert hat, so der Kampf, den der Unglaube eines Virchow frivol genug den „Kulturkampf“ genannt hat. Er ging von der gerechten Empfindung des preußischen Staates, als einer Schöpfung der Reformation, aus, dass durch die Unfehlbarkeitserklärung die Grenzen zwischen Staat und Kirche verrückt seien, dass in dieser Welt der Staat den Vortritt vor der Kirche habe, die dadurch, dass die beiden katholischen Mächte geschlagen waren, die Ruhe völlig verloren hatte und nun in einer politischen, mit lauter antinationalen Kräften durchsetzen und unter der Leitung des schlauen, Preußen hassenden Welfen Windthorst stehenden Partei, die Antonelli nicht reichsfreundlich stimmen mochte, verlorenes Gebiet wieder erobern wollte. Der Kampf ist durchzogen worden von lauteren evangelischen Bekenntnissen, die, weil so selten in unseren Tagen, namentlich aus dem Munde der Großen, der Aufbewahrung wert sind. Am 7. August 1873 schrieb Pio Nono an den Kaiser: „Jeder, der die Taufe empfangen hat, gehört in irgend einer Hinsicht dem Papste an“, und er erhielt am unvergesslichen 3. September 1873 die wahrhaft kaiserliche Antwort: „Der evangelische Glaube, zu dem ich mich, wie Eurer Heiligkeit bekannt sein muss, gleich meinen Vorfahren und mit der Mehrheit meiner Untertanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem Verhältnis zu Gott einen anderen Vermittler als unseren Herrn Jesus Christum anzunehmen.“ Bei der Aufhebung des Jesuitenordens 1875 sagte der Kaiser: „Ich glaube die Mission von oben dazu zu haben.“ Als das englische Volk dem Streite zujauchzte, hat Kaiser Wilhelm am 18. Februar 1874 an Lord Russel geschrieben:
Mir liegt die Führung in einem Kampfe ob, welchen schon frühere deutsche Kaiser Jahrhunderte hindurch mit wechselndem Glück gegen eine Macht zu führen gehabt haben, deren Herrschaft sich in keinem Lande der Welt mit dem Frieden und der Wohlfahrt der Völker verträglich erwiesen hat, und deren Sieg in unseren Tagen die Segnungen der Reformation, die Gewissensfreiheit und die Autorität der Gesetze nicht bloß in Deutschland in Frage stellen würde.


Am 15. April 1875 hat Bismarck im Herrenhause gesagt:
Endlich habe ich einmal aus der konservativen Seite des Hauses ein freies, fröhliches Bekenntnis zu unserem Evangelium der Reformation gehört. Es ist sehr gefährlich, wie v. Kleist-Retzow tut, nur immer von einer ‚Kirche‘ zu reden. Viele meiner alten Freunde kommen dahin, in krypto-katholisierender Richtung alles, was unserem vorwiegend evangelischen Staate feindlich geworden oder geblieben ist, als Freund und Bundesgenossen zu betrachten. Man sagt sich damit los von der Treue gegen König und Vaterland, von dem Evangelium. Folge ich dem Papst, geht für mich die Seligkeit verloren; der Papst hat sie für mich nicht. Er ist auch nicht in dem Sinne, wie der Graf v. Brühl andeutete, der Nachfolger Petri; Petrus war nicht unfehlbar, er sündigte, er bereute seine Sünde und weinte bitterlich über sie; von dem Papste, glaube ich, dürfen wir das nicht erwarten.
Neben diesen evangelischen Worten sind dann auch viele andere verhängnisvolle gesprochen worden, wie das berühmte am 14. Mai 1872: „Nach Canossa gehen wir nicht“; wie das über die vom Kronprinzen im Schreiben an den Papst (10. Juni 1878) hervorgehobene Unmöglichkeit, die Gesetze Preußens nach den Satzungen der römisch-katholischen Kirche abzuändern; wie jenes nach vielen Friedensverhandlungen und Zugeständnissen, als man schon ganz auf schiefer Ebene war, dass man jetzt auch keine Handbreit mehr nachgeben wolle (1885). Der Kampf ist begleitet worden von der Offenbarung der vollkommenen Gesetzlosigkeit des Menschen der Sünde in Rom, der schon den Stein sich lösen sah, der den Koloss zertrümmern werde, und in Bismarck den neuen Attila erblickte, von dem Attentat in Kissingen, das sich an die Schöße des Zentrums hing, von dem Aufstand und Ungehorsam der Bischöfe; auf protestantischer Seite von der treulosen Fahnenflucht der evangelischen Konservativen, die mit dem Papst das Christliche retten wollten und in allen ihren Blättern von der Kreuzzeitung ab bis zu der Allgem. Ev. Luth. Kirchenzeitung und den frommen Blätter in Schwaben den Kulturkampf in Verruf brachten als den Untergang aller Religion; von der Frivolität der Freisinnigen, die die glückliche Zeit gekommen sahen, da jede Kirche als Inhaberin einer Wahrheit beseitigt werde, und die sich über die Jagd des Schwarzwildes vergnügten: doch nur mit ihrem lauten Geschrei „wie ein zirpendes Heimchen vor den Mauern des Vatikans“. In eherner Einheit blieben allein die Päpstlichen, die mit jedem Jahr in den parlamentarischen Kämpfen an Einfluss gewannen bis zur völligen Herrschaft. Es sind die größten Missgriffe gemacht worden, indem man auch der evangelischen Kirche einen Teil der Gesetze gegen Rom auflud in falscher Parität, indem man eine nationale Erziehung und einen staatlichen Schutz des Klerus erzwingen wollte, indem man in das Gebiet der Messe und Sakramentsspendung eingriff und das katholische Volk empörte – indem man von vornherein nicht erkannte, dass der Protestantismus der Gegenwart waffenlos gegen Rom und die stumpfeste Waffe ein geehrter Liberalismus ist. Kaiser und Kanzler waren zuletzt Heerführer ohne Heer, und von den hohen Idealen des Anfangs sank man zu einem kleinlichen Feilschen um gewisse Vorteile pari passu herab, verließ die großen Positionen, um andere Pläne durchzuführen und wollte ebenso gewaltig, wie man zugegriffen, jetzt mit allen Mitteln den Kulturkampf aus der Welt geschafft wissen. Da war die Zeit für den friedliebenden Leo XIII. gekommen, der (nachdem er sich von dem Eindruck des geheimnisvoll schnellen Todes des wohlwollenden Kardinals Franchi [1. August 1878] erholt hatte) in dem kleinen Finger mit mehr Schlauheit begabt als sein plumper Vorgänger in seiner ganzen Person hatte, in diplomatischen Bemühungen zuletzt den vollen Sieg errang und durch seinen „jesuitischen Versucher“, den Bischof Kopp, im Herrenhause das als einen giftigen Mehltau erklären ließ, was einst der evangelische Kaiser im festen Vertrauen auf Gottes Hilfe aufgerichtet hatte. Es waren wieder Maitage (1886), als die Maigesetze von 1873 und ihre Nachfolger bei großer Heuchelei auf beiden Seiten stürzten. Die souveräne „Wurschtigkeit“, die sich überstürzende Schnelle,117 in der das geschah, konnten selbst die nicht mehr bewundern, die sonst alles bewunderten. Der kleine Welfe hatte doch alles erreicht. Seit 15 Jahren wollte der Kanzler nur Fehler in dieser Sache gemacht haben; der Strahlenkranz wurde mit eigener Hand zerrissen. Der Realpolitiker nahm bei dem starken Friedensbedürfnis des alten Kaisers die Lage, wie sie war: gegen Rom haben wir keine Macht als die des Vertrauens auf einen friedliebenden Papst. Der Eitelkeit desselben hatte man schon geschmeichelt, indem man ihn zum Schiedsrichter in der Frage der kümmerlichen Karolinen (eine Lumperei) machte, was dann zur Folge hatte, dass der „antichristliche“ Bismarck den Christusorden bekam. Nach dem verlogenen Friedensschluss wurde der Papst durch ein kostbares Pektorale geehrt, das ihm Kaiser Wilhelm sandte, und Bischof Kopp empfing von der von ihm verherrlichten Kaiserin Glasfenster mit Bildern von der h. Elisabeth. In aller Stille hatte die einflussreiche Frau schon vorher die goldene Rose vom Papst empfangen. Ein allgemeiner Schrecken ergriff nun diejenigen, die noch evangelisch empfanden. Selbst den ärgsten Schmähern des Kulturkampfes wurde es bange. Rom stand da in dem Staate der Reformation stärker als je, reichlich dotiert, ganz unabhängig in der Erziehung seines Klerus, mit devoter Begrüßung seiner neu ernannten Bischöfe, gnädig konnte man nun die noch deutungsfähige Anzeigepflicht zugestehen und von den beiden souveränen Gewalten auf Erden reden: erst dem Papst und dann dem Kaiser. Die alte Stadt am Rhein feierte dann in unerhörtem Bausche den Einzug ihres neuen Erzbischofs. So jammervoll war die Ordnung Gottes, der Staat, gegen die Anmaßung der römischen Hure unterlegen: ein bezeichnendes Ende dieses stolzen und doch so leeren Jahrhunderts. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, als Organ des Kanzlers geachtet, warf zuletzt das leichtfertige Wort hin: Das katholische Dogma von der Unfehlbarkeit ist nicht Etwas, wodurch das protestantische Bewusstsein belastet wird (18. Juli 1886). Bald nach der Niederlage Preußens offenbarte sich der Mann des Vertrauens in Rom als der, der den Jesuitenorden, „diesen Diener der Gerechtigkeit“, wieder in alle seine Rechte einsetzte. Erschreckender noch als die Niederlage war der Ruin alles Charakters und sittlichen Urteils, der an den Tag trat. Die Konservativen konnten nicht eilig genug dem Staate bei seinem verhängnisvollen Schritte helfen, die Freisinnigen setzten sich schamlos auf den Schoß von Windthorst, ein wenig würdig benahmen sich allein die Nationalliberalen, doch fanden auch sie zuletzt den Kulturkampf abgeschmackt. Der große Streit erschien als ein Spiel der Politik und Diplomatie. Man will einen Moment gewinnen und verdirbt die Zukunft. Preußen wird nie mehr Rom angreifen. Es hat eine zu furchtbare Lehre empfangen, denn welcher Kluge fände im Vatikan nicht seinen Meister?

Unser Jahrhundert hat keinen Beruf, etwas für die Ehre Gottes zu tun. In der Zukunft wird sich das deutsche Leben in einen faden Liberalismus und wilden Sozialismus, die verkommenen Söhne des Protestantismus, und in einen mehr als je weltmächtigen Ultramontanismus scheiden. Bald zeigte sich auch, dass der Reichskanzler mit seinen Zugeständnissen nichts gewonnen hatte: das Zentrum blieb das Zentrum, selbst durch und durch verlogen, als der Papst gegen dasselbe zu Hilfe gerufen wurde: der Mann, dessen Programm dem des Staates schnurstracks entgegensteht und der, wenn er zur Herrschaft käme, vollständig mit der evang. Mehrheit in Preußen aufräumen müsste (Bismarck 16. April 1875).
Die Herrschaft des Diplomaten in der Tiara ist ein gerechtes Gericht über das protestantische Deutschland. Als ein kleiner Trost fiel in die verworrene Lage die frische nationale Erhebung bei den Wahlen Februar 1887. Der römische Klerus befand sich dabei von den Vogesen bis zur russischen Grenze in vollem Aufstand wider Kaiser und Reich und selbst gegen den Friedenspapst. Dieser empfing eine Öffentliche Belobung vor dem Reichstag. So stand die Lüge geschmeichelt da. Welch ein fremdes Gesicht machte doch das Preußen, dem Friedrich d. Gr. einst gewünscht hatte, dass es die protestantische Religion in Europa und in dem Reiche zur Blüte bringen sollte! Als im März 1887 Rom das letzte zurückerobert hatte und Bismarck, wie er sagte, einen ehrenvollen Frieden geschlossen, der auch die Seelsorgeorden zurückkehren ließ, da gab man im Schloss der Hohenzollern den päpstlichen Delegierten Galimberti in langem braunem Gewande, geschmückt mit dem roten Adlerorden 1. Klasse an dem 22. März (dem Tage, wo Gott das Siegel auf alle seine Wohltaten am Hause Brandenburg drückte), als einen Gegenstand allgemeiner Auszeichnung, während man in eben dieser Zeit den bescheidenen Bitten der ev. Kirche kühl bis ans Herz heran gegenüberstand.
Die Täuschung des Friedens wird noch größer sein als die des Streites. Die schließlich anerkannte Anzeigepflicht mit dem Einspruchsrecht für fest angestellte Pfarrer war „keinen Pfifferling wert“. Am Ende war der ganze Kampf nur ein Zwangsmittel gegen das Zentrum gewesen: der religiöse Gedanke war ganz erstorben. Es liegt in dem Geschehenen ein heiliger Pragmatismus: 1870 und 71 zeigten die Taten der freien Gnade Gottes gegen die unfehlbare Lüge: die Folgezeit das Tun der Menschen. Nachdem sich Preußen mit dem Vatikan versöhnt hatte, taten dies auch Hessen Darmstadt und Baden. Trotz alledem tobte die Katholikenversammlung in Trier (1887) in alter Frechheit, doch wartete sie auf ein großes Weltereignis, um den umgenähten Rock auszustellen. Zu dem Jubiläum des Papstes schickte man auch von Berlin Bischofsmütze und Messgewand. Will die protestantische Kritik, die die Bibel zerstört, ihre völlige Ohnmacht erkennen, so kann sie dies an der die Völker bezaubernden Finsternis Roms. Was vermag sie gegen dieselbe? In Süddeutschland lassen die geduldigen Schwaben von Rom sich friedlich ruhig scheren,118 (in einer einfachen Frage über die Schulinspektion unterlagen die Prälaten gegen Rom, dem auch der jetzige Regent zu Hilfe kam), während am Rhein die gemischten Ehen das reiche Land in die Fesseln des Papstes schlagen.119 Von 1880 an haben sich die Mitglieder der krankenpflegenden Orden von 5000 auf 7000 vermehrt. Allein 108 ultramontane Blätter zählt man in Rheinland-Westfalen. Seit 16 Jahren hat sich die römische Presse so entwickelt, dass in Preußen fast jede katholische Provinzialstadt ihr Blatt hat. 1876 zählte man 140 Zeitungen in Preußen, 1881 mehr als 200.120 Neuerdings hat das Aufhören des Kulturkampfes auch den Einfluss der römischen Presse vermindert. Dem westfälischen Bauernkönig v. Schorlemer-Alst schließt sich nicht nur die Gefolgschaft des katholischen Münsterlandes, sondern auch der protestantischen Grafschaft Mark an. Selbst in der evang. Provinz Sachsen ist die Lage der Mischehen eine traurige. Die Macht Roms ist das Gericht über die Kritik der heiligen Schrift. Sehr zu rühmen sind die polemischen Arbeiten von Nippold, Tschackert, Warneck und dem Neapolitaner Trede (Das Heidentum in der römischen Kirche, 1891), auch die wertvollen Arbeiten des Vereins für Reformationsgeschichte. Letzterer hielt 1886 seine erste Generalversammlung in Frankfurt a. M. mit 150-160 Besuchern. Unsere Geschichte sollten wir doch wenigstens vor den Lügen Roms retten! 1887 stiftete man einen evangelischen Bund gegen Rom. Man rühmte laut: der Herr ist in unserer Mitte. Als er „das evangelische Berlin“ aufrief, versammelten sich „beinahe 200 ausgezeichnete Männer“. Bei der ersten Generalversammlung in Frankfurt a. M. zählte er 10 000 Mitglieder. Er wuchs bis 74 000 Mitgliedern (1891) und unterstützte das Bundesdiakonissenhaus in Schwäbisch Hall. Viele Flugblätter und die Kirchliche Korrespondenz von Brecht (23 000 Ex.) gingen von ihm aus.
zu.114 Hinschius, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche in Preußen, 1874.
zu.115 An English in Paris, 1892. Sie sah in Preußen die Vormacht des ihr verhassten Protestantismus
zu.116 An English in Paris, 1892. Sie sah in Preußen die Vormacht des ihr verhassten Protestantismus. Kulturk. in Pr., 1881. Wiermann, Gesch. d. Kulturk., 1886. Hahn, Fürst Bismarck, 1878 ff. Bismarck nach dem Kriege, 1883. Gegen Hahn F. X. Schulte, Geschichte der ersten sieben Jahre des preuß. Kulturk., 1879 und 1882. Ketteler, Die Anschauungen des Kultusm. Falk, 1873. Majunke, Gesch. d. Kulturk. in Preußen-Deutschland, 1886. Ein kurzer Abriss bei Hase, Lehrb., S. 690 ff.
zu.117 Das preußische Kirchengesetz vom 21. Mai 1886 von Hinschius, 1886. Derselbe hat auch Kommentare zu den übrigen Kuchengesetzen gegeben.
zu.118 Vergl. die Schrift von mir: Die ultramontane Presse in Schwaben, 1885. Von Pfarrern in Württemberg erscheinen jetzt Mitteilungen über die konfessionellen Verhältnisse im Lande, 1886 ff.
zu.119 In der Rheinprovinz wurden von 9750 in gemischten Ehen geborenen Kindern 3907 ev. getauft, von 2657 Paaren 1171 ev. getraut. In ganz Preußen steht das Verhältnis zu Gunsten der ev. Kirche. 55 Proz. der Kinder aus den Mischehen prot., nicht ganz 45 Proz. kath.
zu.120 Die Pressverhältnisse im Königreich Preußen von Woerl, 1881.
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Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn" Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

Beitrag von Joschie »

13. Der Kampf mit Rom.(Teil.2)

Das Jahr 1887 schloss in den Weihnachtstagen auch in Deutschland mit der glänzenden Feier des 50jährigen Priesterjubiläums des Papstes. Eine ernstere Feier war es, als der große Hohenzoller in Berlin entschlief: wie ein ergreifendes Abendläuten ging es durch die ganze Welt. Selbst die Römischen wagten es nicht, ihm die Seligkeit abzusprechen. Viel konnte das deutsche Volk lernen, als neben Wilhelms Frieden das tiefe Leid von Friedrich trat. In beidem Gottes sichtbare Hand. Als der Papst an Kaiser Friedrich ein Beileidsschreiben richtete, bestand seine Betrübnis darin, dass er nicht wenige und nicht geringe Beweise der geneigten Gesinnung von Kaiser Wilhelm empfangen habe und nicht geringere für die Zukunft erhoffe. Der Schlusssatz stellte dann noch das „Uns“ des Papstes vor die kaiserliche Majestät. Galimberti wurde mit dem Schreiben ehrenvoll in Berlin aufgenommen. Der Kultusminister von Gossler konnte ihm mitteilen, dass schon 4000 Ordensmitglieder beiderlei Geschlechtes nach Preußen zurückgekehrt seien. Als sich auch die Ultramontanen an die Schöße der Kaiserin Friedrich hängen wollten, hielt es Bismarck für gut, in den katholischen Osservatore Romano eine Notiz einfließen zu lassen, welche die Kaiserin einmal Renan in einer Unterredung ihre Übereinstimmung aussprechen ließ. Kaiser Wilhelm II. sprach in der Thronrede seine Befriedigung aus, dass die Beziehungen des Staates zur kath. Kirche in einer für beide Teile annehmbaren Weise sich gestaltet hätten. Er werde den kirchlichen Frieden im Lande zu erhalten bemüht sein. Rom sah dies als ungenügend an. Während auf dem Katholikentag in Freiburg der Zauber der römischen Geschlossenheit lag, bot die evang. Kirche in der Berufung A. Harnacks nach Berlin und in der Demütigung des Oberkirchenrates in dieser Sache das Bild beschämender Ohnmacht. Der Staat drang der Kirche einen Irrlehrer auf. Die katholischen Bischöfe hielten es bei den bevorstehenden Wahlen für den preußischen Landtag für gut, sich offen für das Zentrum auszusprechen und die Geistlichen mit dürren Worten zur Wahlagitation zu treiben. Dabei waren die Zänkereien in dem Falle des Pastor Thümmel nicht sehr erbaulich: der junge Held besaß viel Tapferkeit, doch wenig Weisheit. Es war ein Glück, dass die Begegnung des Kaisers mit dem Papste (Sept. 1888) der Kurie eine gewisse Enttäuschung brachte: selbst formell trat ein harter Zug in die gemachte Sache. Die Gießener Theologen machten sich zum Schluss des Jahres noch lächerlich, indem sie Bismarck zum Ehrendoktor der Theologie ernannten; da er nicht für Spekulation sei, so wäre er eigentlich auch ein Ritschlianer. Als der Kanzler in seinem Dankschreiben die bekannte Schmähsucht Gießens Duldsamkeit nannte, erstaunte man ebenso sehr, als dass er vom praktischen Christentum sprach, in dem Gießen unfruchtbar ist. Man konnte nun den Doktor in Friedrichsruh mit dem Doktor in Wittenberg vergleichen und ihre Erfolge gegen Rom.

Im Februar 1839 brachte Windthorst seinen Schulantrag ein: nur um damit Wahlpolitik zu treiben und sein Volk in Aufregung zu halten. Bei der Festsetzung des neuen Staatshaushaltes hatte doch die preußische Regierung gefühlt, dass man, nachdem man Rom alles gewährt hatte, auch der ev. Kirche etwas gewähren müsse. Man hat seit 1888 an 3 190 000 Mark jährlich als Rente für die Hinterbliebenen, Verbesserung der Gehalte und für Vikariate in fortschreitender Weise gegeben. Das Zentrum gewann noch zwei Siege im Reichstag in der Befreiung der katholischen Geistlichen vom Militärdienst und in der Aufhebung des Priesterausweisungsgesetzes. Auf evangelischer Seite liefen die stürmischen Anläufe von Pfarrer Thümmel in Remscheid nebenher, der mit Rom und rheinischen Richtern Händel hatte, selbst aber verschiedene Ansichten über die Person Christi für erlaubt hielt. Bei dem Prozess in Kassel fiel das Wort eines Staatsanwaltes, dass Luther in unseren Tagen dem Strafgesetz verfallen würde.

Am 7. Januar 1890 starb die Kaiserin Augusta aus dem protestantischen Hause Weimar, bis zuletzt von einer kathol. barmherzigen Schwester gepflegt. Eine Gegnerin Falks, hatte sie das volle Wohlgefallen der Römischen gehabt und alles versucht, um die Schärfe des Streites zu mildern. Dem Erzbischof Heinrich sandte sie ein tröstendes Eccehomo-Bild und bewirkte, dass er feierlich in seiner Kathedrale bestattet werden konnte. Den Ordensgenossenschaften war sie eine teilnehmende Freundin mit vielfachem Verständnis für das Wesen der katholischen Kirche. Wie ein freundliches Licht erschien sie in trüben Tagen. Nach dem Tode des Kaisers schenkte sie ein Portrait desselben an Leo: „es hängt immer vor meinen Augen“ rühmte derselbe. Windthorst hat noch in seinem Sterben gerühmt, wie gut er mit ihr gestanden. Die Hofprediger haben sie als evangelische Diakonissin verherrlicht.

Das Jahr 1890 leitete sich auch ein durch das schnelle Scheiden des lieblichen schwäbischen Dichters: die Poesie wich, um einer immer rauhen und streitsüchtigeren Gegenwart den Platz zu räumen. Aus hartnäckigem Eifer für ein Prinzip wollten die Römischen im preußischen Landtag nicht das große Geschenk einer jährlichen Rente von 500 000 M. aus dem Kapital der Sperrgelder annehmen, weil man ihnen nicht geben könne, was sie rechtmäßig besäßen. Vergeblich bemühte sich der Staat, das Geld ihnen in die Tasche zu stecken: die anderen Parteien sollten es bewilligen, das Zentrum könne es nicht nehmen. So diplomatisch aber ließen sich diese nicht missbrauchen, sondern stimmten wie das Zentrum. Es blieb die Summe ein Tauschobjekt für die Zukunft. Die Neuwahlen zum Reichstag zeigten das erschreckende Wachstum der Sozialisten, welche mit 1 200 000 Stimmen auftraten. Die allgemeine Unzufriedenheit, der steigende Abfall des Volkes von Gott spiegelte sich darin ab. Auch eine große irdische Autorität zeigte sich erschüttert. Seit dem Friedensschluss mit dem Papste schien den eisernen Kanzler das Glück verlassen zu haben als ob er von einer giftigen Frucht gegessen hätte. Der Geffken-Prozess, der Morier-Lärm, der Wohlgemuth-Handel, der Waldersee-Spektakel zeigten lauter Missgriffe und schon sprach man in der Umgebung des Kaisers das Wort aus: Man muss die Bismarcks sich selbst ruinieren lassen. Die Wahlen des Reichstags hatten wieder Windthorst zum Könige desselben gemacht und sein böser Schatten spielte dämonisch in die letzte Unterredung des Kaisers mit Bismarck hinein, in der es zum offenen Bruche kam. In einer Tragik, des Nachdenkens wert, trat der gewaltige Kanzler zurück, um aus seiner nicht begehrten Einsamkeit Zornesblitze in alle Welt ja senden. Der Diplomat hatte den jungen Herrscher diplomatisch behandeln wollen und war dabei zum Fall gekommen. Das Blut empörte sich gegen das Genie. Der Kämpfer gegen Rom ohne Gottes Wort121 überließ seinem stärksten Gegner, dem Welfen, das Feld, der nun der Regierung seine freundlichen Dienste anbot und Geld genug für militärische Zwecke schenkte. Da konnte ruhig ein römischer Bischof nach Berlin kommen: man beugte sich tief vor ihm. Die soziale Frage, so alt wie die Welt, aber durch den Geist der wachsenden Anmaßung zum Schibboleth der Tage gemacht, ließ auf Rom blicken als auf eine konservative Macht. Zu dem internationalen Kongress in Berlin berief man wohl den Fürstbischof Kopp, doch einen bewährten evangelischen Arbeiter, wie etwa v. Bodelschwingh, einzuladen, vergaß man. Kopp hat dann oft das große vorsichtige Wort geführt. Ein evangelischer Kongress wurde von Stöcker berufen und gewährte zum Schluss das komische Schauspiel, dass sich Stöckerianer und Ritschlianer umarmten, die sich früher nie geliebt hatten. A. Harnack erklärte dabei, dass er mit Mühe Philosemit sei, wofür ihm das Berliner Tageblatt eine sichere Gunst versprach. Er war seitdem der Theologe des Blattes. Das war nicht gerade imponierend im Vergleich mit Roms Bevorzugung. Alles sprach nun von der sozialen Not und die Feindschaft gegen Rom wurde müde, wenn auch der evangelische Bund noch so viele Flugschriften122 herausgab.

Nachdem Jansen mit seiner Truggeschichte Deutschland überschwemmt hatte (der erste Band in 25 000 Ex. verbreitet), konnte auch jetzt Majunke von Luthers Selbstmord erzählen. Die Regierung machte ihn dafür zum Schulinspektor. Von 1872 bis 1890 wuchsen die ordensartigen Niederlassungen in Preußen von 914-1027.

Der Katholikentag in Koblenz konnte mit vollem Bewusstsein der errungenen Siege auftreten und einen großen Höllenlärm machen, damit man sich ja vor ihm fürchte. „Wir sind alle Jesuiten und lassen uns für die Jesuiten totschlagen“, so forderte man die Rückkehr der Jesuiten, für die dann Petitionen in Masse betrieben wurden. „Der Papst und der Kaiser müssen in der sozialen Frage zusammengehen und nie wieder geschieden werden“: so band man den jungen Herrscher an das römische Joch. Dieser hatte nämlich dem Papst seine Befriedigung darüber ausgesprochen, dass beide in der sozialen Frage übereinstimmten. Immer mehr drängt sich Rom in den Vordergrund. Die Umwerbung des Kaisers durch die Ultramontanen ist ein verhängnisvolles Schauspiel. In der sozialen Frage arbeitete Rom mit Hochdruck und mit dem bekannten Selbstruhme, obwohl katholische Länder die unglücklichsten Arbeiterverhältnisse zeigten wie Belgien und man überall bei den Wahlen ohne Scheu sich mit Sozialisten gegen andere Parteien verband. Die Not des Volkes war auch hier nur der Vorwand der eigenen Verherrlichung. Als der Kaiser in Breslau war, ehrte er besonders den Fürstbischof Kopp, der in der Behandlung der sozialen Frage sein Vorbild wäre: dabei begegnete der evangelischen Geistlichkeit der Stadt das Gleichnis artige Unglück, sich in der Elisabethkirche einzuriegeln, so dass die Kaiserin bei ihrer Ankunft nicht die Kirche betreten konnte. Als der Evangelische Bund in Stuttgart tagte (er war zu 72 000 Mitgliedern gewachsen), hatten die begrüßenden Telegramme dreier deutscher Fürsten nur Teilnahme für die soziale Frage, welche der Bund auch behandeln wollte; von dem Kampf gegen Rom nahmen sie keine Notiz. Der Bund kommt mit seiner Kampfeslust zu spät: man gebraucht Rom. Er lief auch bei seiner letzten Versammlung in das seltsame Ende aus, dass man für die Altkatholiken sammelte, von denen ein Priester gegenwärtig war. Nippold hatte freilich ausgesprochen, dass von dem Märtyrertum der Altkatholiken Lebensströme
ohne gleichen in die ganze Kirche geflossen wären, aber man sah sie nicht, vielmehr ein stetes Versiechen der künstlichen Bewegung. Als der Kämpfer gegen Rom in Bayern, Minister v. Lutz, lebensmüde vom Schauplatz abtrat, schwand auch die Protektion Bayerns für die Altkatholiken, die nun nicht mehr die alte katholische Kirche waren. Der kühle Döllinger starb in seiner gelehrten Einsamkeit unversöhnt mit dem Vatikanum, aber ein guter Katholik wie immer, der für Luther nur einiges Verständnis gewonnen, weil er auch etwas von den Menschen geschmäht wurde: Luthers Gnadenlehre hatte er nie begriffen: ein Gelehrter ohne Armut des Geistes und ohne die Rechtfertigung des Sünders. Von vielen bewundert, auch von Protestanten, aber zu klein, um einer göttlichen Tat fähig ja sein. Eine Mache der Professoren ist schon jetzt der Altkatholizismus abgewelkt, obwohl ihm Nippold die evangelische Bruderhand von Eisenach reichte. Trotz aller Bemühungen der Kirche wuchs die Gottlosigkeit des Volkes in erschreckender Weise. Der Sozialismus führte an den Abgrund des Atheismus und erklärte laut auf seinem ersten von der Welt beschickten Kongress in Halle, dass er keine himmlische und irdische Autorität mehr anerkenne, wenn er auch die Religion durch das Wissen und nicht durch Kampf überwinden wolle. Den Turm des Zentrums müsse er vor allem unterminieren. Zu gleicher Zeit sprach es der Liberalismus in Berlin bei der Enthüllung des Lessingdenkmals aus: Die Bibel ist nicht die Religion, das Dogma nicht die Botschaft von Jesu Christo. Sultan, Kreuzritter und Jude gehören zusammen. Der Liberalismus will und kann nichts mehr lernen und so treiben Sozialisten und Liberale in derselben Irre.
Die Berliner Theologen kamen ihnen in Kaftan entgegen und taten das alte Dogma in Verruf, mit dem es für immer aus sei. Wie das neue sich gestalten sollte, wussten sie dabei selber nicht. Auch ihr Menschenfündlein wird die Hauptstadt nicht von dem tiefen Sumpf zurückziehen, den schamloser Naturalismus und freches Judentum immer mehr vertieft. Auch viele Kirchen und kleine Gemeinden ändern eine Zeit nicht, die jede Autorität verloren hat.
Dadurch, dass man sagt: es muss eine große Geisterbewegung entstehen, entsteht sie nicht und die Hoffnungen eines Idealisten wie Stöcker sind Schwärmereien. Die Jesuiten werden wohl nicht zurückkehren, aber wenn alles, was Katholik heißt, in Deutschland Jesuit ist, so ist es auch nicht nötig. Man kennt die Wege, um evangelische Städte zu romanisieren. Mit Hilfe von durchtriebenen Yankees hat man es in Stuttgart durchgesetzt, dass in der Karlsvorstadt ein prachtvolles Hospital erbaut wurde, obwohl kein Bedürfnis dafür vorhanden war, und als die Einweihung geschah, gratulierten auch evangelische Fürsten und überreichten eine Marienstatue. Unwissenheit und Gleichgültigkeit arbeiten überall Rom entgegen. Der Eifer ist erloschen, denn nur Luthers Not und Luthers Glaube machen tapfere und gläubige Leute. Rom kann sich sicher in Deutschland ausbreiten, denn es hat keine Feinde mehr zu fürchten. Die neueste Weisheit, die dem Protestantismus helfen sollte, die Theologie Ritschls, war ihren eigenen Schülern zur Hieroglyphe geworden: das Volk hatte nichts davon gewusst: der Gemeindebegriff war ganz katholisch; der Protestantismus besaß nichts als ein besseres Lebensideal. Wichtiger in dem Eingen der Kirche war, dass der Bonifaciusverein den Gustav-Adolf-Verein um 100 000 M. überflügelte und dass sich als Nachklang des evangelischen Bundes in Stuttgart ein großartiger erster schwäbischer Katholikentag in Ulm mit vielen Tausenden versammelte, der die soziale Frage wirklich in die Hand nahm, die Männerorden für Schwaben forderte und den „evangelischen Brüdern“ heuchlerisch die Hand reichte.

Rom kann sich freuen: unsere Fakultäten sorgen dafür, dass die Reformation getötet wird. Die Schrift wird profanisiert, die Rechtfertigungslehre vernachlässigt, die Jugend vergiftet. Aller Streit für die Reformation ohne göttlichen Beruf stärkt nur den Feind.

In den Tagen, in welchen angesehene Führer der evangelischen Kirche ihr Amt niederlegten:
Hermes, Hegel, Stöcker, dagegen aber der Kaiser sich als Episkopus der Kirche betonte, stiftete der geliebte Sohn des hl. Vaters einen großen Verein der Katholischen Deutschlands gegen die soziale Gefahr und feierte dann als libertatis ecclesiae defensor seinen 80. Geburtstag unter der Beglückwünschung der ganzen Welt, auch der des Präsidenten des Reichstages: letztere wäre, meinte er, die größte Ehre, die ihm zuteil geworden sei. Gewiss: stolz stand der alte Kämpe auf dem Boden da, auf welchem er seine großen Siege errungen und wo er nun noch den letzten einernten sollte: die Überlieferung der Sperrgelder in die Hände der Bischöfe, obwohl keine rechtlichen Empfänger im juristischen Sinne für dieselben da waren. Also eigentlich ein großartiges Geschenk. Der Staat drückte das letzte Siegel auf seine Schmach und von der Ehre, welche die Minister nach v. Gosslers Ausspruch auch hätten, war nichts zu merken. Das Zentrum war gekauft, oder besser der Staat an dasselbe verkauft. Wohl zürnte der Einsiedler in Friedrichsruhe, dass die Herausgabe der Sperrgelder eine schimpfliche Niederlage des Staates sei: es war nur wie ein fernes dumpfes Grollen von dem, der selbst die tiefsten Wunden in dem Streit empfangen. Während Rom so seinen letzten Triumph gewann, gruselte es dem deutschen Philister vor den Jesuiten und er erhob überall gegen dieselben sein Geschrei, während unser ganzes Leben schon lange jesuitisch vergiftet ist.

In den Wirren, welche die Sperrgeldvorlage brachte, welche nun auch die Konservativen, nachdem sie dieselbe in ihrem Sinn erträglich gemacht hatten, annahmen, fiel v. Gossler, nachdem ihn der Landtag wegen seiner unveränderten Stellung ausgelacht hatte. Er hat der ev. Kirche manchen Irrlehrer geschenkt. Mit ihm sollte noch ein Stärkerer fallen.

Am 13. März starb Ludwig Windthorst, als er den letzten Triumph eingeerntet hatte, noch in seinen Todesphantasien der lautredende Verteidiger der Aufhebung des Jesuitengesetzes. Man kann sagen, das Reugeld des gedemütigten und büßenden Staates lag auf seinem Sterbebette. Ein frühaufstehender Mann, voll verschlagener List und zäher Unermüdlichkeit, der große Feind des evangelischen Preußens, das er mit Recht durch jede Sicherung des ultramontanen Ansehens geschwächt sah. Der alte Fuchs hat noch vor seinem Tode den Kaiser und die Kaiserin leben lassen: so schloss die Komödie vortrefflich ab. Die Kaiserin aber sandte duftende Blumen an den Sterbenden, der Kaiser erkundigte sich persönlich, als müsste die spottende Ironie der Geschichte bis zuletzt auf dem bitteren Streite ruhen, der die tiefste Schmach Preußens bleiben wird.

Als Windthorst das feierliche Totenamt mit berauschender Pracht gehalten wurde, schmückten die Kränze der beiden mächtigsten deutschen Fürsten seinen Sarg und vor der Elite der Hauptstadt sprach es der Erzbischof aus: Er hat einen guten Kampf gekämpft. Und keiner der anwesenden Protestanten sank vor Scham in den Boden. Grimbart und Hinze umstanden klagend die Bahre des schlauen Reinecke. Der große „Patriot“ musste verherrlicht werden. Armes Preußen du stehst an einem Abgrund und doch wird Gott um der Väter willen dich nicht ganz preisgeben. In das lügenreiche Lob von Windthorst sandte der große Alte die Wahrheit hinein: Windthorst war der gefährlichste und verstellungskundigste Gegner unserer nationalen Entwicklung.

Das stolze neunzehnte Jahrhundert mit seinen wunderbaren Fortschritten, seiner Naturwissenschaft und Kritik hat sich am Ausgang vor der wahnsinnigen Lüge der Unfehlbarkeit gebeugt123 und die Partei zur Herrin gemacht, die für diese größte Torheit des Aberglaubens eingetreten war. In einem wilden Herumtasten nach dem, was geschehen soll, schwankt Preußen einher und ist in dieser Schwachheit für Rom ein geeignetes Spielzeug. Sein Ansehen als evangelische Vormacht ist tief erschüttert.

Bei den in Ohnmacht zusammengesunkenen Protestanten beschäftigten sich in diesen Tagen die theologischen Knaben in ihren kleinen Werkstätten mit dem Schmieden von neuen Dogmen, besser als die der Reformation. Andere machten aus dem Alten Testament ein Chaos.

Wie tief hat sich der Tag von Wittenberg geneigt. Das Volk las jetzt die ernsten Gedanken eines sächsischen Offiziers. Es gibt nichts Leereres. Sind das die letzten Atemzüge des Protestantismus in Deutschland? Gleichzeitig warfen evangelische Prinzessinnen ihren Glauben weg, als wäre er nichts. Die Kritik, die die Autorität der Bibel zerstört, und dabei Rom bestreiten will, sieht sich von Zeitgenossen umgeben, die keine Autorität mehr kennen. In unheilvollem Kampf sind Kaiser und Altkanzler gegeneinander und der Heros der Nation kommt mit einem Zigarrenarbeiter in Stichwahl. Es war ein wohltuendes Wort, das der Kaiser sagte bei der Grundsteinlegung der Lutherkirche in Berlin: „An einem 18. April sprach der tapfere Wittenberger Mönch: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Der Kriegsmann Frundsberg rief ihm zu: Mönchlein, du tuest einen schweren Gang. Gott hat ihn diesen Gang gesendet zum Heil unsres Volkes, besonders unsrer Heimat.“

Wie stumpf man in Deutschland geworden war, zeigte die Wallfahrt zum h. Rock in Trier, dieser „Einrichtung der christlichen Kirche“: sie rief keinen großen Volksunwillen hervor. 44 Pilger waren in einer Minute an dem alten Kleide vorbeigejagt worden. Mehrere wunderbare Vorfälle geschahen, welche „bewiesen, dass Christus noch in den Herzen der Menschen herrsche“: so meinte Leo. Bischof Korum behauptete dies sogar vor einem öffentlichen Gericht: er wird uns das Nähere mitteilen. Beim Beginn des Jahres 1892 begrüßte der Kaiser den Papst und sprach von dem gesegneten Einfluss desselben. Die Verhandlungen über die Handelsverträge, die Polenfrage, den Welfenfond waren von der Gunst des Zentrums begleitet. Die Vorlage des Volksschulgesetzes rief das alte deutsche Elend wieder wach: von Bebel bis Bennigsen glaubte der deutsche Mann nichts mehr als die Moral der Wilden und hatte auf die höhnische Frage der Germania, man solle klipp und klar sagen, ob man an Christus den Sohn des lebendigen Gottes glaube, keine Antwort. Ein frecher Jude sprach es in einer liberalen Versammlung aus: Wir haben das volle Recht des Unglaubens und des Atheismus. Rom befand sich in einer „Hurrastimmung“, zog schnell den Jesuitenantrag zurück und den Konservativen wurde es nur wenig in der Gesellschaft Roms unheimlich. „Vergnügt blickte Windthorst vom Himmel.“ Der Theismus, den der Kanzler und der tapfere von Zedlitz vertraten, war durch die Abhängigkeit von Rom gebrochen: es gab nur Gegensätze zwischen Unglauben und Aberglauben. In einem verzerrten Widerspruch, indem man verbrannte, was man angebetet hatte, fiel der Entwurf. Doch war Bismarck edel genug, um nicht als Bancos Geist bei den Festen zu erscheinen, die die Minister in diesen heillosen Tagen feierten. Was nützt uns eine konfessionelle Volksschule, wenn wir sie als Geschenk von Rom empfangen. Immerhin war schon die edle Tapferkeit von Zedlitz es wert, dass ihn die Greifswalder zum Ehrendoktor der Theologie kreierten: wie sehr er in den Händen Roms war, hat er wohl kaum gewusst. Das Zentrum blieb Caprivi doch fremd gesinnt, bat ja Preußen in dieser Zeit in Rom für den Fürstbischof in Breslau um den Purpur. Rom glänzte immer stärker als der Anwalt der christlichen Wahrheit und Windthorst wurde noch nachträglich zum Generalstabschef Gottes ernannt. Als der gestürzte Alte über die deutschen Lande in seinem traurigen Rachezuge als ein Baum, der sich selbst entblätterte zog, sagte er es dem von Rom beherrschten Volke, dass es weder eine protestantische noch eine katholische Theokratie vertragen könne und dass Caprivi der Mann des Zentrums wäre. Der schwäbische Katholikentag in Ravensburg, von 10 000 besucht, sprach seine Bereitwilligkeit aus, mit den wenigen Protestanten in Verbindung zu treten, die noch an die Gottheit Jesu glaubten, um so das Christentum aus dem 19. in das 20. Jahrhundert hinüberzuretten. Als der Berliner katholische Oberbürgermeister von der katholischen Kirche nach ihrem Recht nicht beerdigt wurde, vollzog die evangelische Kirche Totengräberdienste. Wenn der Aberglaube ein Recht hat, den Unglauben zu tadeln, so konnte die Germania ihren Spott über den Unglauben von Harnack und Pfleiderer ausschütten und die Kölnische Volkszeitung meinte wahr, dass die Rechtfertigungslehre für die gegenwärtige protestantische Wissenschaft gar nicht mehr in Betracht komme. Die Anmaßung steigt mit jedem Jahre und der Mainzer Katholikentag öffnete weit seine Arme, um die armen Protestanten mit ihrem Kaiser wieder zur alten Mutter zurückzuführen. Welche Rolle spielten dabei die evangelischen Theologen? In Karlsruhe, in Württemberg, im ganzen Reich bestritt man das Apostolikum. Lic. Schrempf fragte im Hohn die Württembergische Landeskirche, ob in ihr Glaube oder Unglaube bekenntnismäßig sei; Harnack und Genossen erwählten Eisenach, um dem Glauben Luthers ins Gesicht zu schlagen. Der evangelische Bund nahm zu seinen 80 000 auch noch Moltke auf, der Gott nicht lieben konnte, weil er uns ebenso viel Schlimmes wie Gutes erweise und der Christ, Moslem und Heide in eine Reihe stellte. Da nahte die Feier der Einweihung der ehrwürdigen Schlosskirche. Wohltuend kamen in die dunkle Zeit die Lichtstrahlen der kaiserlichen und fürstlichen Bekenntnisse: Worte von hoher Bedeutung aufsteigend zu Gott, der immer wieder das alte Wort zu Ehren bringt: Lutherus vivit. Es sei wie es sei: Gottes Wort und Luthers Lehr vergehen nie und nimmer mehr.

Bald darauf machten der Papst und der Staat in dem deutschen Rom und in dem goldenen Breslau zwei glanzvolle Kardinäle und im Prunkgefühl ihrer Macht und ihres Glaubens konnte die römische Presse bei dem Streit um das Apostolikum die armen Protestanten zu donnern: wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet.

Allerdings hat die Theologie von Schleiermacher bis Ritschl das Gut der Reformation vergeudet, aber Luthers Bibel und Luthers Trost der Gnade bleibt bis ans Ende, wenn auch nur für einen verborgenen Rest.

zu.121 Luther: Gottes Wort muss dem Papste abbrechen, sonst tut ihm kein Waffen; denn er ist der Teufel. Vorzeiten sagte man, wenn man nach einem Geist haut oder schlägt, so verwundet man sich selber. Ein fein klug und wahr Sprichwort. Wenn wir das Schwert über den Papst zücken, so werden wir uns selbst treffen.
zu.122 An Literatur: Die vielen Flugschriften des Ev. Bundes, die kleinen polemischen Hefte bei Klein in Barmen und bei Wiemann eben dort; die Kirchliche Korrespondenz von Brecht.
zu.123 Windthorst Ende Juni 1870: Wenn das Dogma proklamiert wird, so werde ich in 6 Wochen exkommuniziert; das kann ich nicht glauben und das glaube ich auch nicht.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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A. Zahn" Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil1)

Literatur: v. Kapff, der rel. Zustand d. ev. Deutschl., 1856. Hoffmann, Deutschland einst und jetzt, 1868. Todt, die Ursachen der Unkirchlichkeit in den Zeitfragen des christlichen Volkslebens, VII, 6, und andere dort befindliche Aufsätze. Uhlhorn, Katholicismus und Protestantismus gegenüber der socialen Frage, 1887. Kübel, Christl. Bedenken über modern christl. Wesen, 1889. Gebhardt, Der Niedergang des kirchl. Lebens auf dem Lande, 1888.

Vielfach ist die Kirchengeschichte nur eine Darstellung dogmatischer Ideen und Kämpfe oder kirchenpolitischer Ereignisse. Dies namentlich in Deutschland, wo ein uns eigentümlicher, tief schädlicher Riss Theologie und Gemeinen trennt. Was aber in diesen geschieht, ist wichtiger als die dogmatische oder kirchenpolitische Bewegung. Das Material muss aber erst noch gesucht werden, welches die Kirchengeschichte als Gang des religiösen Gedankens im Volke, vor allem auch in der Frauenwelt darzustellen erlaubt. Der tiefe Abfall von den Wahrheiten der Reformation, welcher sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vollzogen, wurde in dem 19. nicht geheilt. Im Allgemeinen blieb auch in ihm in den Gemeinen eine rationalistisch -moralistische Anschauung die herrschende, die zuweilen auch noch manche fromme Sitte und einfache Gottesscheu der Aufklärungsperiode verlor. Der Pietismus hat keine frommen Gebräuche im Volke geschaffen. An die „Konfirmation“ lehnte sich noch das häusliche Leben an, aber sie sank immer mehr zur leeren Schaustellung herab. Der Protestantismus wurde farblos im Vergleich zum Heidentum und Romanismus. Für die Gebildeten war er nur ohne leidvolles Ringen ein schneller Zugang zur freien Wissenschaft. Eine in der ganzen Weltgeschichte unerhörte Erscheinung lastet zerstörend auf der Gegenwart: der Gedanke an die unsichtbare Welt ist geschwunden, er, der zur Zeit Luthers die Welt mit Fieberschaudern erfasste. Ein anderer machtvoller Gedanke, der das ganze Heiden- und Christentum durchzieht, ist ebenso aus den modernen Gewissen genommen, der, dass es keine Gemeinschaft mit Gott ohne Genugtuung und Opfer gibt und in diesem tiefsten aller Mängel stehen wir unter jeder Stufe menschlicher Entwicklung. Denn nicht nach der Glätte der Kultur, sondern nach der Furcht vor einem zürnenden Gott ist der Wert einer Zeit zu messen. Der erwachende Pietismus täuschte sich, wenn er eine Wiedergeburt des Volkes nach seinem Sinn erhoffte. Wohl wurden von dem mächtigen Geist der Erweckung auch größere Volkskreise ergriffen, wie das energische Wuppertal124 mit seiner nachdenklichen und strebsamen Bevölkerung, wie die charakterfesten Ravensberger mit ihrem kernigen Volkening, dem Pietistengeneral,125 die Siegener, Lipper, die tiefsinnigen, in sich gekehrten Schwaben, die Schlesier im Gebirge und die Pommern in ihrem geistlichen Ringen und Regen am Ostseestrande,126 in Brandenburg tritt der Zülsdorfer Pastor Licht auf († 1887), auch eine große Anzahl adeliger Familien gab sich gerne nach der Anregung und dem Vorbilde des edlen Baron von Kottwitz in Berlin dem Einfluss des erwachten Glaubenslebens hin, in Posen sind die v. Rappards und v. Massenbachs zu erwähnen; auf allen Gebieten des Lebens wurden bedeutende Geister angefasst: der große Staatsmann von Stein, die Geographen Ritter127 und Karl von Raumer,128 die Historiker Ranke und Leo, der Buchhändler Friedrich Perthes,129 der Patriot Ernst Moritz Arndt,130 der Naturforscher Gotthilf Schubert,131 der Wohltäter Johannes Falk132 mit seiner ersten Rettungsanstalt in Weimar, der Graf von der Recke-Volmerstein mit einem gleichen Unternehmen in Düsselthal, die vielverdienten Schulmänner Harnisch, Adler, Dreist, Henning, und der durch seine biblische Geschichte so wohltätige Franz Zahn und viele andere bis in die Kreise der Höfe, wo Prinz Wilhelm und Prinzessin Wilhelm von Preußen133 und später der hochbegabte Kronprinz stark berührt werden; auch der fromme Joseph von Altenburg glaubte besser durch sein nächtliches Gebet als durch ein Fakultätsgutachten geleitet zu werden; ehrwürdig ist die Erscheinung der Prinzessin Auguste von Hessen-Homburg am Mecklenburger Hofe, die der Henriette von Württemberg134 und der Markgräfin Elisabeth von Baden. Aber ein allgemeiner Durchbruch der evangelischen Wahrheit geschah nicht. Hierzu waren auch die Führer immer noch zu sehr Suchende und Forschende und fingen erst wieder an, zu den alten Brunnen der Vergangenheit langsam und mühevoll sich zurückzufinden. Als dann der Betrug der Hegelschen Philosophie, die Kritik der Tübinger, alles berauschte und wieder erschütterte, schwankten auch sie teils in spekulativem Wahn, teils in gleichen Zweifeln wie die Gegner. Der Mensch mit der Macht der Selbstbestimmung kritisiert auch die Bibel: dies zuletzt die Summa auch der gläubigen Systeme. Das Volk, anfangs an vielen Orten von der Neuheit des unbekannten Evangeliums ergriffen, wurde nach kurzem Zeitraum die gläubige Predigt gewohnt. Urteilslose Magistrate haben in Bremen und Magdeburg rationalistische Prediger, die die alte Pfaffenkirche als einen Leichnam betrachteten in Schutz genommen. In Berlin klagten sie treue Männer beim Könige an, während die ohne Klage herumgingen, die teure Eide auf das ev. Bekenntnis geschworen hatten und nun den Abfall predigten (Oktober 1845). Es kam das Jahr 1848 mit seiner Revolutionsfackel: da erlahmte sichtlich das religiöse Interesse und die Politik fing an, immer mehr die Religion des Volkes zu werden. In die Mitte dieses Jahrhunderts fällt eine große Scheidung der Gedanken: die Anmaßungen der Spekulation wurden verachtet, man ging zur bloßen Empirie über. Diese wurde ungemein fruchtbar. Die bedeutenden praktischen Resultate der neue Gebiete erobernden Naturwissenschaft, die bald die Welt erstaunen machten und durch ihre Überwindung des Raumes eine sich überstürzende Schnelligkeit und Vielseitigkeit des Verkehres und Geschäftslebens hervorriefen, nahmen die Sinne für das Irdische gefangen und erdichteten für die Gebildeten und das niedrige Volk eine Weltanschauung, in der sich alles nach den unveränderlichen Gesetzen der Entwicklung und des geschichtlichen Werdens vollzieht und für Wunder und Weissagung, ja für alle Tatsachen des apostolischen Glaubens keine Stätte mehr ist. In Nord- und Mitteldeutschland hat sich fast die ganze Männerwelt von jeder lebendigen Beziehung mit der Kirche losgesagt. Als der Franzose Renan 1863 seine Vie de Jésus veröffentlichte, fand dieselbe auch in Deutschland begehrte Aufnahme, obwohl nur ein zuweilen lüsterner Roman mit idyllischem, galiläischem Hintergrunde. Strauß aber schloss, von dem Franzosen angeregt, seine zerstörende Wirksamkeit zuletzt mit dem Bekenntnis: der alte und der neue Glaube, darin die Gedanken Ungezählter offenbarend, die nach allerlei Zugeständnissen doch am Ende in dem Darwinismus die Wegweiser gesteckt sahen, denen sie, schon lange keine Christen mehr, folgen mussten. Denn die Anschauungen des englischen Naturforschers, dass die Pflanzen- und Tierarten nicht unveränderlich und nur vorübergehend fixierte Zustände in dem allgemeinen Entwicklungsprozess seien, die sich im Kampf ums Dasein und durch die natürliche Zuchtwahl allmählich gebildet, deutete die Menge dahin, dass man nun auch keines Schöpfers mehr bedürfe und die ganze mannigfaltige Welt gleichsam von selbst aus einem Pilz oder irgendwelchem Schlamm sich aufgebaut habe.135 Werner Siemens bezeichnete nun die Zeit als die naturwissenschaftliche. Bald wurde es aber auch eine zum Überdruss wiederholte Phrase, dass unser Jahrhundert dem Materialismus verfallen sei. Mit ihm auch dem Pessimismus, der in Schopenhauer und E. v. Hartmann, dem Philosophen des Unbewussten, seine Lehrer hatte, die denn auch die Selbstzersetzung des Christentums behaupteten. Immerhin blieben auch den Frivolen noch sieben Welträtsel. Alle Freisinnigkeit hinderte nicht, dass sich der Aberglaube zur Unfehlbarkeit steigerte, nachdem schon lange die unfehlbare Schrift als Lüge erklärt war. Der herrschende Geist offenbarte sich in erschreckender Weise, als nach den Erweisungen Gottes in den unvergleichlichen Taten von 1870 und 1871 man sich nur im Tanz um das goldene Kalb berauschte und bald die wildesten und wahnwitzigsten Agitationen des Sozialismus selbst das Leben des mit Lorbeer gekrönten Kaisers antasteten und für die Enthüllung des großartigsten Denkmales der Nation an sagen um rauschten lieblicher Stelle ein grauenvolles Massenattentat mit der Bosheit des Dynamits vorbereitete. Drei mächtige Ströme durchziehen offenbar verderblich die Gegenwart: der Presse und Börse schlau besitzende Judaismus, von entnervten, ihm ähnlich gewordenen Christenvölkern weichlich geduldet, der das arbeitende Volk immer weitgreifender mit Polypenarmen umstrickende Sozialismus (1 200 000 Wahlstimmen), (welcher keine Autorität weder im Himmel noch auf Erden anerkennt, jetzt auch das Landvolk vergiften will und dem nach Aufhebung des Sozialistengesetzes das in Waffen starrende Reich ganz ohnmächtig gegenübersteht: das furchtbare Gespenst des wilden Atheismus),136 der allein als Kirche sich gebärdende, die Welt, wie er sich rühmt, regierende Romanismus. Daneben erlischt mehr und mehr wahre evangelische Erkenntnis. Außer den Hohenzollern sind der echt evangelischen Fürsten wenig, sie, die einst im 17. Jahrhundert so reichlich da waren. Wohl wurde ein kirchlich ziemlich liberal gefärbter Fürst als Doktor der Theologie auf die Höhe Friedrichs des Frommen, des Helfers beim Katechismus Palatinus, gestellt (1886) es war nur eine akademische Jubiläumsdekoration. Lieblich ist das Bild, das Schubert von der Mecklenburgerin Helene von Orleans gezeichnet hat; als der Sieger von Orleans starb, war es ritterlich und christlich geschehen mit dem ruhigen Auftrag: Seiner Majestät zu melden, dass seine Militärinspektion erledigt sei.137 Aber sonst hörte man bei den Fürsten und Fürstinnen von romanisierenden Liebhabereien: römische Altäre werden geschmückt, barmherzige Schwestern geehrt, in einer Stadt am Rhein das hohe Fest Aller Seelen mitgefeiert, und gegen die Altkatholiken gearbeitet. Mit Schrecken untersucht man das Wachstum der allgemeinen Gleichgültigkeit, die Selbstmordsmanie, die schon kleine Kinder ergreift (im Mittelalter sehr selten), die dämonischen Familienmorde, die Schamlosigkeit der Prostitution, oft mehr von der Not als von der Lust diktiert – man fragt sich, was im Volke noch von natürlichem Gemütsleben übrig sei, warum die Kunst dem rohen Naturalismus und dem „bösen Dämon“ diene und nur noch der einzige Pfannschmid († 1887) das Evangelium des Friedens abbilde, und doch steht das Deutsche Reich und der evangelische Kaiser als leuchtende Beweise da, dass allein das Evangelium der Reformation Staaten und Kirchen bildet und erhält.138 Als 1883 das deutsche Volk in hoher Begeisterung das Lutherjubiläum nach dem Geschick der modernen Zeit, Feste zu feiern, beging, gefiel doch am meisten das fürstliche Wort am Grabe Luthers, dass das Wesen des Protestantismus in dem zugleich lebendigen und demütigen Streben nach der Erkenntnis christlicher Wahrheit besteht: ein welker Lorbeerkranz für den, der die Wahrheit besaß. Von den Lutherreden aber fand allein die den Pietismus und evangelischen Glauben verhöhnende des Professor Bender in Bonn die Verbreitung und den Dank des Liberalismus. In der württembergischen Kammer sprach es dann 1884 bei einer wichtigen Gelegenheit angesichts der Römischen der Kanzler Rümelin aus, dass das Volk nichts mehr von dem Bekenntnis wisse. Allerdings: die Wahrheit der Reformation von der freien Gnade, die Sünde vergibt, an wen sie will, ist theoretisch und praktisch verloren. Der große Kampf: ob aus Gnaden oder aus Werken ist in Deutschland erloschen. Was der Pietismus noch treibt, ist methodistische Werktätigkeit. Starben angesehene Männer wie Rümelin und Moltke, so hörte man, dass der Faust ihr Lieblingsbuch gewesen sei. Einigen wurde es in der dicken Abendluft zu schwül und sie erdichteten einen konservativen Hauch, spürten ihn aber ganz allein. Eine große Weltrede schloss wohl mit den Worten, das wir Deutschen Gott allein fürchten sonst niemand in der Welt, aber wie wenig entsprach dem die Gegenwart. Der, der uns Rembrandt als Erzieher anbot und geistreichen Unsinn erblühen ließ (37. Aufl.), glänzte nachher in vierzig unzüchtigen Liedern, nur ein Bild einer Zeit, in der die Unzucht das letzte Schamgefühl verloren hatte und die Ehre nur noch ein Wahn war. Ein sächsischer Offizier wollte mit ernsten Gedanken helfen, aber er offenbarte nur die allgemeine geistige Verarmung: „das Wesen der Religion ist Religiosität.“ Immer ähnlicher wird das deutsche Leben den Zeiten des absterbenden Roms. Seneca: major quotidie peccandi cupiditas, minor verecundia est. Dabei eine verzehrende Kritik, die auch die Majestät des Kaisers nicht schont. Auch im Landvolk sah es immer mehr so aus, dass „das kirchliche Wesen aus dem Leben heraus war.“ Die Not drängte dann zu erzwungener Hilfe, gegen die sich ernstliche Bedenken erhoben. Düster beleuchtete die Cholera in Hamburg das gottlose Deutschland. Hat nach dem Gesagten der Pietismus, der an den Wurzeln unseres Jahrhunderts frisch ergrünt, nicht gehalten, was er oft zu laut versprach, so verdanken wir ihm doch einige große Wohltaten, die in dem Leben unserer Gemeinen konservativ wirken.
zu.124 Die Biographien von G. D. Krummacher, Sander (1860 von Fr. W. Krummacher), Fr. W. Krummacher (Selbstbiographie), ref. Kirchenzeitung, ref. Wochenblatt. Monatsschrift für die ev. Kirche der Rheinprovinz und Westphalen, seit 1842. Palmblätter von Krummacher und Sander, 1844 ff. Evangel. Gemeindebl. für Rheinland und Westphalen, seit 1856, neuerdings wieder aufgenommen, auch ein kirchliches Monatsblatt, seit 1886. Ein Gang durchs Wuppertal in diesem Jahrhundert. von A. Sincerus, 1887. E. Krafft, Erinnerungen an den Kaufmann David Herman zu Elberfeld, 1887.
zu.125 Über ihn Krummacher in dem Buche: Lebensbilder von Freunden ev. Jünglingsvereine, 1882.
zu.126 Wangemann, Geistliches Ringen und Regen am Ostseestrande, 1861, und Gustav Knak, ein Prediger der Gerechtigkeit, 1881.
zu.127 Über ihn Kramer (1875) und Gage (1867).
zu.128 Von ihm eine Selbstbiographie, 1866.
zu.129 Über ihn der Sohn (1872).
zu.130 Über ihn Langenberger (1869), Baur (1870), Schenkel (1869).
zu.131 Von ihm eine Selbstbiographie: Erwerb aus einem vergangenen und Erwartungen von einem zukünftigen Leben, 1854-1856. Über ihn Schneider, 1863.
zu.132 Über ihn Nietschmann, 1881.
zu.133. Ihr Leben von Baur, 1886.
zu.134. Ihr Leben von Ledderhose, 1867, und Merz, 1886.
135. Schon Bengel 1752: Man wird die Kräfte der Natur so erhöhen, dass nichts
136. Die sozialdemokratische Presse zählt 72 politische Blätter mit zusammen 254 000 Abonnenten und 55 Gewerkschaftsblätter mit 200 000 Ab. 13. Weber, Zum Gedächtnis des am 15. April 1883 selig entschlafenen Großherzogs Friedrich Franz II., 1883.
zu.138. Einen vortrefflichen Versuch, die bäuerliche Glaubens- und Sittenlehre der Gegenwart darzustellen und das ist mehr Kirchengeschichte als vieles andere hat ein thüringischer Landpfarrer gemacht (1885).
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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A. Zahn" Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil2)


b) Das evangelische Pfarrhaus.
Literatur: Meuß, Leben und Frucht des evangelischen Pfarrhauses, 1884. Baur, das deutsche evangelische Pfarrhaus, 1885. Die schwäbischen Pfarrhäuser in den Geschichten von Ottilie Wildermuth. Ein musikalisches Pfarrhaus von Strebel, 1884. Neuerdings auch eine Zeitschrift: Das Pfarrhaus von Steinhausen.
Gegenüber den Angriffen und der Undankbarkeit des profanen Jahrhunderts hat man mit vollem Recht die Bedeutung und den Segen des evangelischen Pfarrhauses inmitten eines einsamen rohen Dorfes oder einer volkreichen Stadt hervorgehoben. Von ihm gehen in der oft vorbildlichen Ehe des Pfarrhauses, in viel Wohltat an Armen und Elenden, in den Wirkungen feinerer Sitte ganz abgesehen von der Kraft der Predigt mannigfache Hilfeleistungen aus. Es ist auch die Mutterstätte der angesehensten Geister des Volkes gewesen.

c) Die evangelische Presse.
Literatur: Christenthum und Presse von Dr. Mühhläuser, Zeitfragen des christlichen Volkslebens. Heft 1.

Schon an der Stellung, die die Ev. Kirchenzeitung von Hengstenberg einnahm, an der sich mehrenden Leserschaft des durch Leo gewürzten Volksblattes für Stadt und Land von Philipp Nathusius, an dem Einfluss der die konservative Aristokratie um sich sammelnden Kreuzzeitung konnte man die Notwendigkeit erkennen, auch durch die moderne größte Macht, die Presse, dem evangelischen Volke zu nahen. Mühlhäuser146 in Baden trat dafür besonders ein. Mehr als viele Bücher berühmter Theologen hat der einfache, emsige, schwäbische Pfarrer Held durch die Gründung und die glückliche Verbreitung seines Ev. Sonntagsblattes (jetzt 123 000 Abonnenten), durch eine Wohltätigkeit an Viele der Menge gedient, um die sich oft so wenig die Gelehrsamkeit auf ihren Höhen kümmert. Schon vor dem Sonntagsblatt war der Christenbote von Burk entstanden, jetzt von G. Weitbrecht in Stuttgart mit 50 000 Abonnenten redigiert; das Sonntagsblatt ahmten nach der Nachbar von dem tätigen Nink147 in Hamburg mit 130 000 Abonnenten, das Duisburger Sonntagsblatt, das Berliner, das Bayrische und immer weiter andere. In Berlin geht von Prediger Hülle eine große Verbreitung von Schriften aus (Aufl. ½ Million): Berliner Ev. Sonntagsblatt (130 000 Aufl.), der Ev. Kirchl. Anzeiger (2750), der Berliner Arbeiterfreund (80 000), daneben viele kleinere Blätter, 7000 Agenten. Während die gelehrten theol. Zeitschriften meist alle an Defizits leiden, blüht diese mächtig anwachsende populäre Literatur. Die Fortschritte der Zeit in mechanischer Fertigkeit unterstützen auch sie. Unter den größeren theol. Zeitschriften nimmt allein die Allg. Ev. Luth. Kirchenzeitung, von Luthardt geschickt redigiert, einen angesehenen Platz ein. November 1886 sank matt das schon lange herbstliche Blatt der N. Ev. Kirchenzeitung in das winterliche Grab der Kirche der Union. Niemand trauerte ihr nach. Die Deutsche Ev. Kirchenzeitung von Stöcker trat an ihre Stelle. Das Interesse Deutschlands an den größeren Blättern zeigen Zahlen: Die Christliche Welt (bezeichnender Name: Gift) 3900 Besteller, Allg. Ev. Luth. Kirchenzeitung Aufl. 2500, Kirchl. Monatsschrift 750, Prot. Kirchenzeitung 800, Deutsch ev. Blätter 950, Theol. Literaturzeitung 700, Ev. Kirchenzeitung 850, Deutsch ev. Kirchenzeitung 1200, Reform. Kirchenzeitung 500, Beweis des Glaubens 800, Halte was du hast 1250 etc.
zu.146 Über ihn Reinmuth in den christl. Zeitfragen, Band 8.
zu.147 Von ihm ein Lebensbild von Th. Nettebohm, 1888.

d) Die Lutherbibel.
Literatur: Sogenannte Probebibel von Dr. th. Schröder, 1883. Daneben viele Gutachten.

Luthers Bibel und das evangelische Kirchenlied sind die Klammern, die noch die große Menge
umfassen: von unberechenbarem Wert. Das Bedürfnis einer Korrektur der alten Lutherbibel, dieses ehrwürdigsten Domes der Deutschen, wurde zuerst auf dem Kirchentage zu Stuttgart 1857 ausgesprochen und führte zu einer Konferenz von Theologen, die vom 2.-16. Oktober 1865 und 4.-16. April 1866 in Halle zusammentrat und deren Geschäftsordnung bestimmte, dass eine Berichtigung Luthers nach dem Grundtext nur dann als beschlossen anzusehen sei, wenn zwei Dritteile der Stimmen sich dafür aussprechen. Der letzte Zusammentritt der Konferenz geschah im Jahre 1881 und zum Lutherjubiläum 1883 erschien zur öffentlichen Besprechung die Probebibel von dem Württemberger Pfarrer Dr. Schröder besorgt. Es war begreiflich, dass Lob und Tadel sich in der schärfsten Weise über das wichtige Werk aussprachen, das noch ganz im Hader der Ansichten liegt und bis jetzt die Kirche nicht gefördert hat. Das Volk nahm auch von der Probebibel wenig Notiz. Die Kritik hat ihm die Freude an der Bibel verdorben. Anfang des Jahres 1892 war man mit der Revision der ganzen Bibel fertig. Formelle und sprachliche Anstöße sind wenige beseitigt. Die Bibel oder die ganze heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes nach der deutschen Übersetzung Dr. Martin Luthers. Im Auftrage der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz durchgesehene Ausgabe. Erster Abdruck. Halle a. S., Druck und Verlag der von Cansteinschen Bibelanstalt, 1892.148 Eine Zeit lang ist auch ein Kampf für so von Stier und gegen die Apokryphen geführt werden.
zu.148 Diese revidierte Bibel hat drei Schriftfälschungen in der Veränderung der wichtigen Stellen 1. Mo. 4,1; Ps. 8,6; Hiob 19,26

e) Das Kirchenlied.
Literatur: Fischer, Kirchenliederlexikon. 1879.

Eines der größten Verbrechen an unserem Volke war die Zerstörung des ererbten Kirchenliedes durch die Naseweisheit des Rationalismus. Noch bis auf die Gegenwart ist dieser Schaden nicht ganz geheilt, selbst die Liebhabereien eines Albert Knapp149 änderten noch in subjektivem Geschmack an den oft machtvollen Kernworten, die zugleich auch deutsche Denkmale sind. Die Bemühungen der Gebrüder Wackernagel, Bunsens, Stiers, Langes, Bährs, Schöberleins, Stips u. a., der erneuerte Geschichts- und Sprachsinn brachten das Alte wieder zu Ehren, obwohl noch stets schwankende Lesarten stören und hindern. Die Hauptlieder sind aber doch wieder unserm Volke gerettet worden. Von jeher hat die Macht des Protestantismus in seinem Gesange beruht von den Psalmen an, dem großen Heldengedicht der Reformierten, bis zu den Liedern eines Gellerts, des letzten kirchlich rezipierten Sängers. Dieses Jahrhundert, obwohl liederreich, doch ohne die Weihe und Tiefe der Not und Einfalt der Alten, brachte nur wenige Lieder in das Gesangbuch; einige von dem Sänger der Freiheitskriege, Ernst Moritz Arndt, von Christian Gottlob Barth, dem unermüdlichen, populären Schriftsteller in Calw,150 von der Dichterin Louise Hensel, dem vielgeliebten K. Joh. Philipp Spitta in Hannover, dem genialen, gedankenreichen Albert Knapp, der feinsinnigen und bedeutenden Meta Häusser-Schweizer. Aber fast allen diesen Liedern fehlt der einfach ernste, kirchliche Charakter, der heilige Drang des Martyriums. Dem modernen Unglauben eines Lindau erscheint das geistliche Lied als ein stiller Winkel, in dem die Gegend gleich dem zaudernden Wasser auf einmal einen anderen Charakter bekommt, auf dem der Strom des Lebens stille steht, für den die religiösen Fragen keine Lebensfragen mehr sind: eintönig, freudlos, fremd sind solche Winkel der allgemeinen Entchristlichung.
zu.149 Evangelischer Liederschatz in 4. Ausgabe vom Sohne Joseph K. besorgt mit Ermäßigung der väterlichen Korrekturen. 1891. Im Anhange Lebensabrisse der Dichter. Vergl. die Verbesserungen im Theol. Literaturblatt 1891, Nr. 29und 30.
zu.150 Sein Leben von Werner, 1865-1869, und von Kopp, 1886.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil3)


f) Das geistliche Lied.

Dies hat süßere Früchte gezeigt als das Kirchenlied. Die Talente, die auf diesem Gebiete arbeiteten, haben glücklicher die Kirche befruchtet als die dogmatischen Systeme. Vor allen der oben genannte Spitta († 1859 als Superintendent zu Burgdorf), dessen „Psalter und Harfe“ und nachgelassene geistliche Lieder ebenso viele erbauten, wie sie bis zur 50. Aufl. erschienen.151 Neben ihm der feinsinnige, sprachgewandte, anmutige Stuttgarter Prälat Karl v. Gerok, dessen „Palmblätter“, „Pfingstrosen“, „Blumen und Sterne“, „Deutsche Ostern“, „Auf einsamen Gängen“, „Letzter Strauß“ und „Unter dem Abendstern“ in aller Welt Trost und Freude bereiteten. Er hat uns auch seine Jugenderinnerungen erzählt, 2. Aufl. Gerok stirbt an der Influenza den 14. Januar 1890.152 Ferner haben J. K. Sturm, Pfarrer in Köstritz, Zeller, der geniale Psychiater in Winnenthal („Lieder des Leides“), Friedrich Weyermüller in Niederbronn im Sinne des alten Kirchenliedes, Knack in Berlin in pietistischer Innigkeit, Schwarzkoff in Wernigerode, auch die Dichtergrößen Geibel und Rückert, dann Rudolf Stier, Gustav Schwab, neuerdings die Brüder Joseph und Gotthold Knapp, Eckelmann, Dichter von Kinderliedern u. a. ihren Harfen liebliche Laute entlockt. Jahn hat in seinem Hohenliede in überraschender Tiefe die Rechtfertigungslehre besungen. Die Erneuerung des kirchlichen Gesanges rief eine Reihe der unerquicklichsten Streitigkeiten hervor, indem sich die Leerheit des Liberalismus an die alten Fadheit klammerte, als ob er in ihnen Heiligtümer hätte und das unwissende Volk für seinen Unverstand eiferte. Im linksrheinischen Bayern wurde der Konsistorialrat D. Ebrard durch große Volksversammlungen gezwungen, sein gutes Gesangbuch und seinen neuen Katechismus zurückzuziehen. Er legte 1861 sein Amt nieder.153 Die Pfalz wurde der gepflegte Weinberg des Protestantenvereins und brachte es so weit, das schlechteste Gesangbuch in der Welt, den schlechteste bezahlten Pfarrstand, eine korrumpierende Pfarrwahl, leere Kirchen in den liberalen Städten, kein gemeinsames Glaubensbekenntnis etc. zu besitzen. 1853 hatte die Eisenacher Konferenz, eine Vereinigung von Deputierten aller Kirchenregimenter, 150 „Kernlieder“ samt Melodien herausgegeben. Dies war das Signal zu gerechten Klagen auf der einen Seite wegen der „Gesangbuchsnot“ und auf der anderen: mit Annahme und Verwerfung der Gesangbücher ein frivoles Spiel zu treiben, das dem Volke seine Liederfreude und die wichtigste Quelle seiner Erbauung trübte. Bis heute dauert noch die Gesangbuchsfrage, obwohl überall das alte Lied im Vordringen sich befindet. Köstliche Proben aus einigen Thüringischen Gesangbüchern bewiesen, dass man dort noch immer singt: das kleinste Tier betritt die Welt mit mir auf gleiche Weise.
zu.151 Über ihn Münkel, 1861. 2. Aufl. von O. Meyer, 1891.
zu.152 Über ihn Dr. H. Mossapp, 1890. Klaiber im Schwäbischen Merkur Novbr. 1890. Palmblätter auf K. Geroks Grab, 1890. Erinnerungen an ihn von seinem Kollegen Braun, 1891. Ein Lebensbild von dem Sohne, 1893.
zu.153 Ebrard, Kirchengesch., Bd. IV., S. 358. Guth, Der pfälzische Gesangbuchsstreit, 1856-61.

g) Der Katechismus.

Eine Kirche ohne Bekenntnis ist keine Kirche. Das populäre Bekenntnis ist der Katechismus. Es waren jammervolle Machwerke, die das vorige Jahrhunderte dem unsrigen überlieferte. In ihnen lag der ganze Bankrott der Vergangenheit. Nur mit vielen Streitigkeiten, die ganze Provinzialkirchen wie kleine Gemeinden zerrissen, gelang die Wiedereinführung der reformatorischen Katechismen. Als man 1862 in Hannover einen alten Katechismus aus dem 16. Jahrhundert von Mich. Walther eingeführt hatte, erzwang der Sturm der Gemeinden die Wiedergabe des bisherigen Landeskatechismus.154 In anderer Weise eroberte der heldenmütige Protest von fünf Pastoren in Lippe den Heidelberger Katechismus. Die Kämpfe der Union sind namentlich auch Kämpfe um den Katechismus, doch bildete sie selbst die wunderlichsten Büchlein in den Unionskatechismen, diesen Bildern unserer vielversuchenden und doch so schaffungsarmen Zeit. Neuerdings hat man in Baden, der großen Versuchsstation des Deutschen Reiches, einen Katechismus beliebt, der herzlos, reflektierend und ohne Wärme ist. Es ist eine der erfreulichsten Erscheinungen der Zeit, dass wie in der ref. Kirche der Heidelberger Katechismus so in der lutherischen und unierten der kleine lutherische wieder weite Gebiete besitzt: Gaben für das Volk von großem Wert.

h) Das Bekenntnis.

Von Zuständen wie in dem französischen Protestantismus, wo bei jeder Nationalsynode die
Confession de foi beschworen wurde, sind wir weit entfernt. Der Eifer gegen den Symbolzwang, die Unterscheidungen zwischen dem quia und quatenus der Beziehung der Symbole zur hl. Schrift, ihrer Substanz und ihrer Form, die Freiheit oder Verpflichtung der evang. Fakultäten nach dem Maß der kirchlichen Lehre, die Grenzen der Lehrfreiheit diese Fragen haben unser Jahrhundert bewegt bis zur Beseitigung der kirchlichen Verlesung des Apostolikums, welches nur noch in historischer Relation vorgetragen werden sollte. Im Allgemeinen weiß das evang. Volk nicht mehr, wie sein Bekenntnis ist und die Verpflichtungen der Pastoren auf die evangelischen Bekenntnisschriften oder nur auf die Augsburgische Konfession veranlassen die Gemeinen nicht, dieselben nach diesen Bekenntnissen zu prüfen. Mit Recht rühmt man die Bekenntnisparagraphen der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung, aber für die Gemeinen ist doch alles im Fluss. Immerhin sind es edle Bemühungen, hie und da doch wieder eine Bekenntniseinheit zu schaffen. Die letzte Generalsynode Preußens hat nicht nur das Vorhandensein von Irrlehre, sondern auch deren disziplinarische Behandlung festgestellt, auch dort wo sie nicht auf der Kanzel ausgesprochen wird. Zu den unerquicklichsten Verhandlungen kam es, als gegen die Irrlehren von Sydow, Lisco und Lühr vorgegangen wurde.155 Da die Männer der Oberkirchenrat und der Kultusminister in ihren Ämtern ließen, war es billig, dass den wackeren Ehrenmann, den Konsistorialpräsidenten Hegel, die Gunst und die Gerechtigkeit des Kaisers rettete, obwohl ihn Hermann und Falk bedrohten. Hegel starb, als die dritte ordentliche Generalsynode am Schluss des Jahres 1891 in Berlin versammelt war.156
zu.155.Ein wichtiger Brief von Kaiser Wilhelm I. an Roon finde hier seine Aufnahme:
„Die Lage unserer Kirche wird immer brennender! Die laue Behandlung des Sydow-Falles hat genau die böse Folgen getragen, die ich vorhersagte. Er erhielt eine Warnung und blieb im Amte; sein Schüler Hossbach verkündet von der Kanzel, was jener nur in Privat-Versammlungen vor Tausenden lehrte, und erhielt eine Warnung; nun tritt ein dritter bei Züllichau auf und leugnet noch frecher die Grundpfeiler unseres Glaubens; er wird zur Revocirung aufgefordert und mit Disziplinaruntersuchung bedroht; dies schwebt erst seit einigen Tagen. Sie wissen, wie entschieden ich für unseren Glauben eingetreten bin, und dass ich deshalb alles anwende, um die Gleichgläubigen in ihrem Glauben zu erhalten, sie vor Irrlehren zu warnen und durch Strenge gegen Irrlehren aufzutreten, damit nicht noch mehr verführt werden. Seit fünf Monaten korrespondiere ich mit dem Ober-Kirchenrat, aber komme nicht von der Stelle, weil ich nirgend den Mut erzeugen kann, diese Strenge eintreten zu lassen und so gehet alles Berg ab!! Wenn man die Auftritte kennt, die der gewisse Most herbeiführte, contra Stöcker, so schaudert man, wenn man sehen muss, dass unsere Gesetzgebung dergleichen nicht strafen kann. Diese Gottesleugnung gehet Hand in Hand mit der Sozialdemokratie, und so sind wir mitten im Frieden dahin gekommen, wohin die französische Revolution in der Schreckenszeit geriet, d. h. Gott abzuschaffen und dann wieder einzusetzen, obgleich letzteres unsere Gottesleugner noch nicht tun!“

Roon an Kaiser Wilhelm:
„Ohne Ihr festes Bekennen, Ihre konsequente und weise Zügelführung in Staat und Kirche würden diese von dem Abgrunde verschlungen werden, an dessen Rand sie durch eine von idealistischen Toren ausgegangene Gesetzgebung, durch den kirchlichen Zwiespalt und den Abfall von Gott und seinem Worte gedrängt worden sind. Ein solches Ende werden, glaube ich, Ew. Majestät nicht erleben. Gottes Gnade und Ihr fester Wille werden Sie davor schützen, aber ein solches Ende auch für alle Zeit vorbauend abzuwenden: dazu möge der Herr aller Herrscher Ew. Majestät mit Seiner Kraft und Weisheit begnadigen, um den drohenden Verfall aller menschlichen und göttlichen Ordnung, um der Verwilderung Ihres Volkes und der Einsargung seiner edelsten Erinnerungen, Tugenden und Hoffnungen kräftig und erfolgreich zu wehren.“
zu.156 Von ihm: Erinnerungen aus meinem Leben, 1891.

i) Liturgie.

Mit dem erwachenden Luthertum, auch vielfach mit der Pflege romanisierender Ideen kam auch die Neigung für liturgischen Gottesdienst auf: teils als Einleitung für die Predigt, die doch das Volk wenig besuchte, teils als besondere Metten und Vespern, die stiller Meditation dienen sollten. Das ganze Jahrhundert durchziehen die Bemühungen für diese Formen der Erbauung, die doch nicht dem Prinzip der Reformation entsprechen. Schöberlein in Göttingen hat einen Schatz des liturgischen Chor- und Gemeidegesanges gesammelt; von Böckh ließ die „Evangelisch luth. Agende“ erscheinen 1870. Der Kirchengesang erhielt einen Aufschwung durch die Bildung von Vereinen für diesen Zweck und brachte es auch zu Kirchengesangstagen. Gewiss ist der Chorgesang noch eine bessere Belebung der Gottesdienste als langgedehnte Liturgien, wenn dieselben auch Hof- und Domkirchen das Gepräge einer feierlichen Umrahmung gaben, namentlich durch die Begleitung von Meistergesang. Der Förderung des Gesanges dienen jetzt einige Zeitschriften. Johannes Zahn und M. Herold in Bayern haben hier einen Namen.157 Von den Zeitschriften auf diesem Gebiet die Siona von Herold und Fischer.
zu.157 Kümmerle, Encyklopädie der ev. Kirchenmusik, 1886 ff.
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14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil4)


j) Das evangelische Volksbuch.

Gute Lektüre für das Volk war allgemeiner Wunsch und rief manch tüchtigen Mann in die Arbeit. Alle übertraf der geniale, großartig gestaltende Schweizer Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius † 1854). Dann haben wir den lieblichen und wahren Glaubrecht,158 den überreichen W. O. Horn, den Biographien Schreiber Ledderhose, die Elsässer Stöber, den Vater der Erzählung, den milden und freundlichen Naturforscher Gotthilf Schubert, die Caspari und Redenbacher, Fries, Bahrdt, Jahn, Adelheid von Rothenburg u. a. In die Träume unserer Jugend verflochten steht Gustav Nieritz da († 1876).159 Neuerdings wird Armin Stein (Diakonus Nietschmann in Halle) viel gelesen, und ebenso Emil Frommel und eigentümlicher als sie alle die Züricherin Johanna Spyri. Die Volksbibliotheken sind schon wohlgeordnete Körper verschiedener Buchhandlungen und für Groß und Klein (hier namentlich der Kinderfreund von Nink, dem wackeren Pastor an der Anscharkapelle in Hamburg († 1887), (empfehlenswert) ist fast zu reichlich gesorgt. Auch große illustrierte Zeitschriften wie das vorzügliche „Daheim“, „Quellwasser“, „Grüß Gott“ und andere dienen dem Leseverlangen.160
zu.159 Von ihm eine Selbstbiographie, 1872.
zu.160 Vergl. Schöner, Die christl. Volksliteratur 1891 in Zimmers Handbibliothek


k) Das Vereinsleben.
Literatur: Johann Hinrich Wichern von Oldenberg, 1881 ff. Schäfer, die weibliche Diakonie, 1880. 3 Bände. Derselbe, Leitfaden der inneren Mission, 1887. Orlich, die Wernerschen Stiftungsanstalten, 1870. Zimmermann, der Gustav-Adolf-Verein nach seiner Geschichte, Verfassung und seinen Werken, 1877. Derselbe, die Bauten des Gustav-Adolf-Vereins in Bild und Geschichte, 1859-70.

Viel wichtiger als theologische Gelehrsamkeit und die davon abhängenden Schulen ist für die Beeinflussung der Gemeinden das in unserem Jahrhundert erblühende und gepflegte Vereinswesen, da sich am glücklichsten gestaltend, wo es mit dem Pastorat in der Gemeinde blieb und nicht neben der Kirche in freier Wucherung dieselbe dadurch schädigend sich ausbreitete. Hier nimmt die erste Stelle Johann Hinrich Wichern ein, der Begründer der sogenannten inneren Mission; am 21. April 1808 im Hamburg geboren gründete er dort 1833 die Rettungsanstalt zum „Rauhen Haus“, eine Stiftung, welche sich immer mehr zu einer Kolonie erweiterte, die Anstalten für Verwahrloste, für Personen, die im Schulamt oder in Korrektions-, Straf- oder Krankenanstalten angestellt sein wollten, auch eine Buchdruckerei, Buchbinderei und Buchhandlung und ein Pensionat für Kinder höherer Stände umfasste. Die für ein Vorsteheramt in ähnlichen Anstalten ausgebildeten „Brüder“ hat man in gehässiger Weise mit den katholischen Orden verglichen. Wicherns Stiftung gab den Anstoß zu vielen ähnlichen Anstalten in allen Ländern. Auf dem Kirchentag 1848 in Wittenberg schuf er einen Zentralverein für die innere Mission, der später regelmäßig mit den Kirchentagen beriet und als diese eingingen, sich als der Kongress für die innere Mission behauptete, doch in seinen Hauptversammlungen wenigstens mit nicht gerade wachsendem Interesse. Immer auf Reisen sah man an allen Orten den eifrigen Mann mit seiner packenden volkstümlichen Redekraft, eine anziehende frische Erscheinung, für seine Sache wirken, namentlich auch für den preußischen Hof und die adeligen Kreise bedeutsam. 1851 durchmusterte er im Auftrage der Regierung die Gefängnisse, um Vorschläge für die Verbesserung derselben zu machen. 1858 ist der „Kandidat der Theologie“ Rat im preußischen Ministerium des Innern und Mitglied des Oberkirchenrates geworden. Seine Arbeit war seitdem eine vieles umfassende. Weithin gingen die „Fliegenden Blätter“ des Rauhen Hauses. Er starb am 7. April 1881 nach dunklen Jahren. Sein Schüler und Mitarbeiter Oldenberg hat sein Leben so beschrieben, dass der Mann in lebendiger Wirklichkeit vor uns steht. Mit Wichern war in Hamburg Amalie Sieveking verbunden, eine Wohltäterin Armer und Kranker.161 Sie wollte in einem Sarge mit flachem Deckel beerdigt sein, damit die Beerdigungsweise der Armen nicht mehr verachtet werde. Theodor Fliedner, der Vater des protestantischen Diakonissenamtes, ist am 21. Januar 1800 zu Epstein im Nassauischen geboren und wurde 1822 Pfarrer zu Kaiserswerth. Auf Kollekten reisen sammelte er die Mittel, um in seiner Gemeinde 1833 ein Asyl für entlassene weibliche Gefangene, 1835 eine Kleinkinderschule in Düsseldorf, 1836 eine gleiche in Kaiserswerth zu gründen. Der Einrichtung eines Seminars für Kleinkinderlehrerinnen folgte 1836 der Rheinisch-Westfälische Diakonissenverein, der im Oktober d. Js. die erste ev. Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth eröffnete. Mit derselben wurden dann auch Anstalten für Kindererziehung und Lehrerinnenbildung, die Pflege gemütskranker und die Rettung gefallener Frauen verbunden. Die „Schwestern“ erhalten nach einer halbjährigen Probezeit eine Anstellung je auf fünf Jahre; so lange dauert die Verpflichtung. Die Wohltat der „Krankenpflege“, der sie bestimmt waren, erwies sich als eine große, wenn auch die Diakonissen nicht mit dem apostolischen Witweninstitut der Presbytiden zu vergleichen sind und es schwer ist, die katholische Triebfeder der Arbeit von ihnen fern zu halten und überhaupt die Mängel des katholischen Vorbildes zu mildern. Das Beispiel Kaiserwerths zog bald die Bildung von Diakonissenhäusern in der ganzen Welt nach sich, bis in den Orient hinein. 1879 gab es 51 Diakonissen Mutterhäuser mit 3908 Schwestern in 1079 Arbeitsstationen, davon 33 innerhalb des Deutschen Reichs. Die Summe, die bis jetzt für diese Zwecke verwendet ist, wird weit 1 Million Taler übersteigen. Doch gibt es in Preußen mehr katholische Barmherzige Schwestern als in der ganzen ev. Kirche Deutschlands Diakonissinnen und mehr Arbeitsstätten derselben als in der ganzen Welt zusammen genommen. Am 23. September 1886 feierte das Diakonissen-Mutterhaus zu Kaiserswerth sein 50jähriges Bestehen. Man zählte 57 Mutterhäuser, 6000 Diakonissinnen, 2000 Arbeitsfelder; das Kaiserswerther Haus mit seinen Töchterhäusern hatte eine jährliche Einnahme von 333 000 Mark (1836: 6000 Taler). Als Denkschrift zur Jubelfeier erschien von Disselhoff ein Jubilate! und von dem Sohne Fliedner ein Lebensabriss des Vaters. Man erinnerte daran, dass schon Pfarrer Klönneund Graf von der Recke-Vollmerstein den Gedanken der Diakonissinnen angeregt und der Kronprinz Friedrich Wilhelm denselben mit wahrem Jauchzen aufgenommen. Rom aber sprach von lächerlicher Nachäfferei.
Gustav Werner,162 geb. am 12. März 1809 zu Zwiefalten in Schwaben, von Swedenborg berührt, ein Gegner der biblischen Satisfaktionslehre, dem Christus Vorbild wahrer, edler Humanität, musste seine Stellung als Vikar in Walddorf bei Tübingen aufgeben und schuf sich nun als unermüdlicher Reiseprediger eine selbstständige Tätigkeit, bis er, da er die Augsburgische Konfession nicht unterzeichnen wollte, 1851 aus der Liste der Kandidaten gestrichen wurde. Jetzt gründete er seine auch durch einen drohenden Bankrott geretteten Anstalten in Reutlingen. Im Mai 1891 umfassten die Wernerschen Anstalten: 1) das Bruderhaus in Reutlingen mit 10 Zweiganstalten mit einem Personalbestand von 917 Personen, verbunden mit denselben ist der Betrieb der Landwirtschaft; 2) industrielle Unternehmungen, das ist eine große Maschinen- und Möbelfabrik in Reutlingen und eine blühende Papierfabrik in Dettingen jetzt Eigentum eines Aktienvereins , welche Schwachbegabten Leuten moralisch dienen wollen. Mehrbetrag der Aktiven 785 526 gegen Passiven von 33 215. Der alte Vorsteher der vielen Anstalten reiste bis ins Jahr 1887, wo er stirbt, tätig und wunderbar elastisch im Lande herum und hielt seine besuchten Wandervorträge. Da konnte man sein ausdrucksvolles, väterlich wohlwollendes Gesicht sehen und seine schon schwache Stimme hören.163 Maler Heck hat Vater Werner dargestellt, wie er in einer Scheune vor schwäbischem Landvolke predigt. Karl Zimmermann, geb. am 23. August 1803 zu Darmstadt, wo er seit 1842 Hofprediger und Prälat war († 12. Juni 1877) hat sich ein großes Verdienst durch die Stiftung des Gustav-Adolf-Vereins erworben. Am 6. November 1832 feierte man die zweite Säkularfeier des Todes Gustav Adolfs. Eine Sammlung für ein Monument über dem Schwedenstein brachte einen Überschuss, der kapitalisiert werden sollte, um mit den Zinsen arme ev. Gemeinen in der katholischen Diaspora zu unterstützen. Der Superintendent Großmann, der Archidiakonus Goldhorn und der Kaufmann Lampe nahmen sich der Angelegenheit an und es bildeten sich für Leipzig und Dresden zwei Hauptvereine. Am 6. November 1834 übernahm der Leipziger Hauptverein die Führung mit einem Vermögen von 4251 Talern. Als sich darauf Zimmermann für die Sache begeisterte, kam es am 16. September 1842 in Leipzig zu einer von 600 Männern besuchten Versammlung, die den Ev. Verein der G.-A.-Stiftung ins Leben riefen. Zu Frankfurt 1843 wurden die Statuten festgesetzt, die allen ev. Gemeinschaften eine Wohltat zusagten und in einzelnen Vereinen und in dem Zentralvorstand in Leipzig die Mitteln sammeln und verwalten wollten. Anfangs von den Positiven und der bayrischen Regierung bekämpft, wurde der Verein bald der erklärte Liebling des evang. Volkes. Er gewann auch Frauenzweigvereine, dehnte sich über Österreich, Ungarn, Holland und die Schweiz aus und als er am Gustav-Adolfs-Denkmal selbst von einer schwedischen Gesandtschaft begrüßt in der zweiten Septemberwoche 1883 sein Jubelfest hielt, konnte er mit Recht rühmen, bis zu dieser Zeit
17 225 403,16 Mark verausgabt zu haben und damit 1167 Kirchen, 695 Schulen, 412 Pfarrämter teils ganz erbaut, teils durch reichliche Gaben zur Vollendung gebracht, überhaupt 2933 verkümmerten Gemeinen geholfen zu haben. Selbst ganze Parochialverbände hat er geschaffen. Der Festredner K. Gerok schloss seinen Trinkspruch bei der Festtafel in Lützen so:
Der wilde Kampf der Waffen,
Einst währt er dreißig Jahr;
Am Friedenswerke schaffen
Wie heute fünfzig gar.
Und geh’n wir nun zur Ruh?
Nein, Herz und Hand ermuntert
Fürs zweite Halbjahrhundert!
Herr, sprich Dein Ja dazu!

In der Zerrissenheit der ev. Kirche ist der Gustav-Adolfs-Verein unter der Leitung seines auch in lateinischen Begrüßungsworten glänzenden redefrohen Leipziger Professors Gustav Adolf Fricke das einzige wichtige Einheitsband. Im Jahre 1886 betrug die Mindereinnahme des Vereins die Summe von 22 300 Mark; der katholische Bonifacius-Verein hatte um dieselbe Zeit 750 000 Mark Einnahme gegenüber 660 086 Mark des G.-A.-Vereins. 1891 war die Einnahme
1154 000 Mark. Während 59 Jahren hatte der Verein 24 963 770 Mark ausgegeben.
Daniel von der Heydt164 († 1874), Geheimer Kommerzienrat in Elberfeld und Ältester der niederländisch-ref. Gemeine, bewogen durch die wachsenden Ausgaben der Elberfelder Armenverwaltung und von Jethros Rat an Moses lernend das Volk in kleine Gruppen unter besondere Aufseher zu gliedern, stellte mit Liebe und Hingebung das Elberfelder System der Armenverwaltung auf, das viele kleine Kreise und viele Besuche derselben zum Prinzip hatte und sich so bewährte, dass nicht nur der Elberfelder Armenetat sich verminderte, sondern diese Ordnung auch in aller Welt Nachahmung fand und dem Stifter die Anerkennung eines großen Wohltäters brachte. „Wenn Deutschland von vielen Fachmännern der ausländischen Armenpflege als die hohe Schule für ihren Beruf betrachtet wird, so verdanken wir das dem Elberfelder System und den Arbeiterkolonien.“ Der Helfer 1892.
Der unstete Victor Aimé Huber († 1869) hat durch Schriften für christlich-soziale Bestrebungen gewirkt.
Dr. th. v. Bodelschwingh, Pastor in Bielefeld,165 Gründer vieler wohltätiger Anstalten für allerlei Notleidende (die Kolonie Bethel für 1100 Epileptische, das Diakonissenhaus Sarepta, die Brüderanstalt Nazareth, Zionskirche, Wald, Friedhof, Verein Arbeiterheim – überall biblische Namen), gab durch die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf für arbeitslose Vaganten den Anstoß durch ähnliche Stätten der Heimat und Beschäftigung in ganz Deutschland Hilfe gegen einen der schlimmsten Übelstände der Neuzeit zu schaffen. Außer Wilhelmsdorf bestehen jetzt in Deutschland 22 solche Kolonien mit 2685 Plätzen. Der Berliner Hofprediger a. D. Adolf Stöcker hat durch die von ihm unablässig gerühmte „Berliner Bewegung“ wenigstens die positiven Mitglieder der Stadtsynode vermehrt und in der Verbreitung der „Sonntäglichen Predigt“ in 122 000 Exemplaren (1891) vielen eine Wohltat erwiesen. Durch einen Konflikt mit dem Kaiser seines Amtes entlassen lebt er in dem geistlich verwahrlosesten Orte der ganzen Christenheit der Stadtmission und Vorträgen in ganz Deutschland. Als Idealist erhofft er große Dinge von der Zukunft, die nicht kommen werden; von den Juden gehasst, die er richtig kennzeichnet. Wir können hier nicht alle die ungezählten Vereine nennen. Von dem Pastor Döring in Elberfeld gingen die Jünglingsvereine aus (der Weltbund umfasst 55 Bündnisse mit 4500 Vereinen und 407 000 Mitgl.), denen sich ev. Vereinshäuser, Herbergen und ev. Gesellschaften anschlossen. Bröckelmann in Heidelberg († 1892) rief nach englisch-amerikanischen Vorbild seit 1864 die jetzt über ganz Deutschland verbreiteten Sonntagsschulen ins Leben. Von heilsamster Bedeutung sind die Bibelgesellschaften; die preußische wurde 1814 gegründet. Nach 12 Jahren waren in Deutschland schon 30 000 Bibeln und Testamente verbreitet. Seit der Gründung bis 1888 19 914 316 Exemplare, unter je 88 Einwohner 1 Exemplar.166 Die Preußische Haupt-Bibelgesellschaft hatte von 1864 bis 1891 99 108 Bibeln verbreitet. Vergl. E. Breest, Bericht 1891. Wichtig sind in der Gegenwart die Bewegungen für Sonntagsheiligung, die freilich durch die Enquête des Reichskanzlers eine völlige Entfremdung der protestantischen Arbeiterbevölkerung von allem Kirchenbesuch enthüllten. Am reichsten ist die Vereinstätigkeit in Württemberg und davon habe ich ein für dieses ganze Gebiet vielleicht nicht unrichtiges Bild in der Sammlung: „Christliche Zeitfragen“ gegeben: das evangelische Schwaben 1886. Im Mai 1890 trat die erste Versammlung des Ev. sozialen Kongresses in Berlin zusammen durch die Anregung von A. Stöcker. 800 Menschen als Vertreter von 30 Millionen Evangelischer; Gründung von Arbeitervereinen. April 1892 dritte Versammlung mit 400 Teilnehmern (350 ständige Mitglieder). Vielfach beruht indessen diese Liebestätigkeit auf dem Zwang des Gesetzes. Erklärlich, da die reformatorischen Grundgedanken erloschen sind.
zu.161 Denkwürdigkeiten aus ihrem Leben, 1860.
zu.162 Von ihm ein Leben und Wirken von Dr. Paul Wurster, 1888.
zu.163 Zum Andenken an Vater Werner, 1887.
zu.164 Über ihn das Buch von mir: der Großvater, 1881. Manuskript, aber auf den Universitätsbibliotheken.
zu.165 Ein Schilderung von ihm in Daltons Ferienreise, 1886. In angenehmer Weise gibt M. Siebold die Geschichte und Beschreibung der Anstalten mit vielen hübschen Bildern, 1889.
zu.166 In der v. Cansteinschen Bibel-Anstalt in Halle erschien 1886 die 1000. Auflage der kleinen Octavbibel.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil5)



l) Die kirchliche Verfassung.
Literatur: Die Presbyteriale Synodalverfassung der ev. Kirche in Norddeutschland von Heppe, 1868.
167 Richter, König Friedrich Wilhelm IV. und die Verfassung der ev. Kirche, 1861.

Der Kampf um die Verfassung ist eine wesentliche Eigentümlichkeit unserer Zeit. Die französische Besetzung des linken Rheinufers hatte an die Stelle der Synoden Konsistorien gebrach. In Preußen wurden 1808 die Konsistorien und Zentralbehörden der Kirche beseitigt und die kirchlichen Angelegenheiten besonderen Abteilungen der Regierungen und des Ministeriums des Innern zugewiesen. Die gesonderten konfessionellen Behörden hörten damit auf, auch das ref. Kirchendirektorium. Am 30. Oktober 1810 zog ein Edikt die Güter aller Klöster, Dom- und anderer Stifte, Balleien und Kommenden ein, um die pünktliche Abzahlung der Kontribution an Frankreich möglich zu machen. Man versprach in § 4 eine hinreichende Entschädigung. Schleiermacher hatte, wie wir schon hörten, Vorschläge gemacht zu Gunsten episkopaler Einrichtungen mit presbyterialen in den Gemeinen. Eine liturgische Kommission empfahl 1814 Presbyterien und daneben Geistlichkeitssynoden. Auf dem rechten Rheinufer war der alte presbyterial-synodale Organismus im Gange geblieben. Die Grafschaft Mark feierte 1812 den 100jährigen Bestand ihrer Synode. Im Herzogtum Berg entfernte nachher der russische Gouverneur die Synoden und errichtete in Düsseldorf ein Oberkonsistorium. 1815 erschienen wieder die selbstständigen Konsistorien; es folgte die Ernennung eines besonderen Ministers der geistlichen Angelegenheiten; 1828 gab es auch wieder Generalsuperintendenten. Mit der Union wurden auch Kreis- und Provinzialsynoden ins Leben gerufen, aber diese, die nur aus Geistlichen bestanden und deshalb mit Recht von den französisch-ref. Gemeinen bekämpft wurden, blieben ohne Erfolg. Man resignierte wieder der Kirche so zu helfen. Für Rheinland und Westfalen lag die Sache günstiger und hier wurde eine Kirchenordnung vorgeschlagen, in der die Kreissynoden von dem vom Könige ernannten Superintendenten geleitet werden sollten: eine für die jülich-cleveschen Lande unerhörte Auffassung. Die rheinischen Provinzialsynoden sprachen sich gegen diese königlichen Pläne aus. Am 1. September 1819 gab die aus lutherischen und reformierten Vertretern vereinigte erste westfälische Provinzialsynode zu Lippstadt die Erklärung ab, dass sie an ihrer alten freien Presbyterialverfassung festhalte, weil diese die einzige einem evangelischen Kirchenwesen angemessene sei. „Das einzige Haupt der Gemeine ist Jesus Christus und die Kirche kennt nicht zwei Stände: einen herrschenden und einen beherrschten.“ „Der Regent hat nur von den Beschlüssen der Synoden Kenntnis zu nehmen und ihre Bestätigung zu verweigern, wenn sie die bürgerlichen Gesetze verletzen“: die klaren Grundsätze der calvinischen Reformation. Die Regierung ließ einstweilen ihre Vorschläge fallen, bis neue Anregungen die „Kirchenordnung für die evangelischen Gemeinen der Provinz Westfalen und der Rheinprovinz 1835“ entstehen ließen. Es war eine Verschmelzung von presbyterialer Synodalordnung mit konsistorialem Element. Erstere empfing die Wandlung, dass die Ältesten nur für eine zweijährige Amtstätigkeit gewählt wurden und die Presbyterien neben sich eine Gemeiderepräsentation erhielten. Die Provinzen wurden in Kreisgemeinen eingeteilt, die eine Kreissynode bildeten. Diese ist ein Teil der alle drei Jahre zusammentretenden Provinzialsynode. Als die Aufsichtsbehörden der Staatsgewalt bestehen das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten, die Provinzialkonsistorien und die Regierunggen. Der Generalsuperintendent als vom König ernannter Geistlicher ist der Vorsteher der Provinz und hat das Recht, bei der Provinzialsynode Anträge zu stellen. In dieser von allen echten Reformierten gehassten Kirchenordnung war das staatliche Kirchenregiment wie ein totes Metall in einem lebendigen Körper. Unter dem Minister Eichhorn geschah an die westlichen Synoden 1844 die Aufforderung einer Revision der bestehenden Verfassung. Diese wünschten die Bildung einer bestimmten staatlichen Behörde, die das Vollziehungs- und Beaufsichtigungsrecht habe. Die im Osten 1844 gehaltenen Provinzialsynoden nur erweiterte Geistlichkeitssynoden sprachen sich für die Heranziehung des Gemeindeelementes aus.
In der Generalsynode von 1846 fanden sich auch schon aus jeder Provinz je drei Gemeindeälteste. Man beantragte, sich an das Vorbild des Westens anschließend die Einführung einer neuen Gemeindeordnung. Friedrich Wilhelm IV. hatte kein Wohlgefallen an diesen Beschlüssen: es kam nur zur Bildung eines Oberkonsistoriums in Berlin; dasselbe stürzte schon wieder 1848. Die Verfassungsurkunde vom 5. Dezember 1848 stellte in Artikel 12 den Satz auf: „Die evangelische und die römischkatholische Kirche, sowie jede andere Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig.“ Gutachten, die der Minister v. Ladenberg in Bezug auf die ev. Kirche einforderte, stimmten wenigstens gemeinsam für die Errichtung von Presbyterien; auch Stahl war dafür eingetreten. Eine besondere Abteilung des Ministeriums der geistlichen Angelegenheiten sollte sich nun mit den Verfassungsvorschlägen beschäftigen. Sie wurde 1850 „der Evangelische Oberkirchenrat“ mit erweiterten Befugnissen. Inzwischen hatte der Westen sich mit der Revision seiner Verfassung beschäftigt, und es erschien 1849 die „revidierte Kirchenordnung“ mit größerer Unabhängigkeit von der Staatsgewalt. Für die anderen Provinzen rückte die Angelegenheit nicht weiter, weil der König, von tiefsinnigen, eigenen Gedanken über das Kirchenregiment beseelt, wie er sie so schön gegen Bunsen ausspricht, sich nicht für die modernen Ideen begeistern konnte.167 Im Jahre 1852 erlangten die östlichen Provinzen nur die Genehmigung einer Reihe von Einzelbestimmungen. Vergeblich suchte der edle und weiter blickende König die „rechten Hände“, in welche er die Bürde seiner Kirchengewalt niederlegen konnte. Die Reformbewegung wurde wieder aufgenommen durch Erläuterungen zu einer Gemeindeordnung, die den unevangelischen Satz enthielten: die Gemeinde kommt zu ihrem Begriffe nur durch das Amt und hat in ihm den Mittelpunkt. Magistrate von liberaler Ansicht, Patrone von lutherischer agitierten gegen die Gemeindeordnung mit ihrem „Kirchenrat“. Es kam zu keiner vollständigen Organisation. Das Jahr 1860 ließ die Königliche Ordre zur allgemeinen Einrichtung von Presbyterien oder Gemeindekirchenräten erscheinen. „Die Vertretung der Gemeinden geschieht durch die Ältesten.“ Zuerst kam es in der Provinz Preußen zu Kreissynoden (1861): aus dem Superintendenten, sämtlichen Pfarrern und je einem für drei Jahre gewählten Ältesten jeder Gemeine bestehend. Einige Kirchenpatrone konnten als Ehrenmitglieder beiwohnen. Im Jahre 1862 traten in Posen und Pommern, 1864 in Brandenburg, Schlesien und Sachsen die Kreissynoden zusammen. In Preußen und Sachsen konnten sich zwei kleine ref. Kreissynoden bilden: ohne Grund von den Lutheranern beneidet. 1867 ging der Entwurf einer Provinzial-Synodal Ordnung zur Beratung an die Kreissynoden ein. Es war dieselbe Verbindung wie im Westen von presbyterialen und konsistorialen Elementen. Eine reformierte Stimme sagte: „Da die sogenannte Provinzialsynode in § 6 sich nur im Allgemeinen auf die in unserer evangelischen Landeskirche was diese ev. Landeskirche ist, ist schwer zu sagen zu Recht bestehenden reformatorischen Bekenntnissen stellt, diese aber in wichtigen Punkten differieren und weil sie dann für jede einzelne Gemeinde wieder ein besonderes Bekenntnis nach § 1 anerkennt, so kann sie selbst nur trotz alles entgegenstehenden Scheines eine bekenntnislose Vereinigung mehrerer Bekenntnisse sein. Alle früheren Provinzialsynoden begannen mit der Zustimmung zu einem Glaubensbekenntnis, das ihre Konformität bezeugte.“ Das Rätsel der Union erneuerte sich in der Verfassung. Längere Zeit gab es weiterhin doch nur Kreissynoden, bis das Kirchenregiment des Dr. Herrmann, unterstützt von dem Kultusminister Falk, eine gründliche Änderung bewirkte. In dem gerechten Kampfe mit Rom hatte man „paritätische Stockprügel“ für die ev. Kirche (1887 waren die beiden Kirchen ganz „incommensurabele Größen“) für nötig gehalten: man lud ihr ungerechter Weise in der Gesetzgebung von 1872-75 168 einen Kanzelparagraphen, ein Schulaufsichtsgesetz, ein Kulturexamen, einen Gerichtshof für geistliche Angelegenheiten auf und griff mit blinder Eile, ohne auch nur den Oberkirchenrat zu fragen, durch das Zivilehegesetz in die innersten Verhältnisse derselben ein, selbst bedacht los den Unterhalt vieler Geistlicher durch das Aufhören der Akzidenzien zerstörend. Die ev. Kirche musste ein Schmerzensgeld haben, zumal auch Artikel 12 der Verfassung gefallen war.
Auch gegen den Spott der Liberalen, welche aus dem Munde eines E. Richter verkündeten, dass das Zivilehegesetz gerade in dem Mittelpunkt der Bildung und Gesittung bewiesen, dass die ev. Kirche jeden Boden im Volke vollständig verloren habe und zu einem kaum noch einen Inhalt aufweisenden Schemen aufgetrocknet sei. Dr. Herrmanns Mühe brachte im September 1873 eine neue Kirchenverfassung mit Gemeindekirchenrat und Gemeindekirchenvertretung ans Licht mit so weitgehender Bestimmung über die Wählbarkeit, dass nur offenkundige Spötter ausgeschlossen waren. In ihren ersten Anfängen war diese neue Verfassung ein Ärgernis ohne Gleichen: Spötter, Atheisten und Freimaurer erschienen in der Vertretung der Gemeinden; die Wahlen der Pastoren wurden die tiefsten Erniedrigungen der sich dem unwissenden Volke vorstellenden Bewerber. Die ganze Unvorbereitet des ev. Volkes für solche Freiheit zeigte sich. Nachdem die Verfassung die widerliche „Grützemühle des Landtages“ durchgemacht hatte und die Kosten für die Synoden spärlich bewilligt waren, während die Nation Milliarden im Rausche des maßlosen Unternehmungstriebes vergeudete, traten die Provinzialsynoden und 1875 die außerordentliche Generalsynode zusammen, deren Beschlüsse 1876 die Genehmigung des Landtages erlangten. Herrmann hielt sich noch gegen den Einfluss der Hofprediger bis 1878, wo der König alle von ihm vorgeschlagenen Mitglieder der Provinzialsynoden ablehnte und so seinen Fall herbeiführte († 1885). 1879 wurde die erste ordentliche Generalsynode des ganzen alten Preußens in Berlin unter dem Präsidium von Graf Arnim gehalten. Sie erließ eine Trauordnung. 1885 war die zweite, die wesentliche Änderungen an einigen Paragraphen der Verfassung vornahm. Die Synode beschloss einen Hirtenbrief der Generalsuperintendenten für die Sonntagsruhe: disziplinarische Bedrohungen verhinderten denselben. Das staatliche Joch brach die Autorität der Synode. Selbst in der Halbheit seiner Benützung hat der reformierte Verfassungsgedanke der kranken Gegenwart Wohltat erwiesen. Auch die neuen Provinzen haben jetzt ihre Provinzialsynoden, darunter das ref. Hessen, in dem schon einmal früher Rickell und Hupfeld den Gedanken angeregt hatten. In anderen deutschen Landesteilen war schon früher das Synodalwesen eingeführt; 1818 in Rheinbayern, 1821 im Großherzogtum Baden mit regelmäßigen Diözesansynoden und einer periodischen Landessynode. Nach 1848 wurde die Sache auch in Bayern, Württemberg (1851 bis 1867), Sachsen und anderen lutherischen Landeskirchen in Angriff genommen und überall Synoden gebildet, 1881 auch in Anhalt. Neue Bemühungen für die Gestaltung der ev. Kirche erhoben sich 1886 in Preußen, als Rom seine völlige Selbstständigkeit wieder errungen. Man wünschte eine bessere Dotation und berechnete, dass die ev. Kirche während 50 Jahren, wenn sie völlig paritätisch behandelt wäre, 145 674 129 Mark zu wenig erhalten habe; man wollte eine größere Freiheit der Generalsuperintendenten, der Beschlüsse der Generalsynode gegenüber dem Veto des Staatsministeriums (Gesetz vom 3. Juni 1876), eine kirchliche Beeinflussung der Besetzung der theol. Professuren: eine mehr hirtenamtliche Organisation schwebte vielen in bescheidenen und billigen Wünschen vor, aber alsbald malte die Parteisucht das Gespenst der Hierarchie an die Wand nach römischem Muster, die Kirche war wieder zerrissen und der Liberalismus höhnte die ev. Orthodoxie als einen Emporkömmling plebejischen Ursprunges, fern von der Höhe, auf der wandellos Rom steht. Der Staat selbst verhielt sich kalt und abweisend und hatte kein Trostwort für das misshandelte Aschenbrödel. Von Ihm wurde ein Wort kolportiert: Ein römischer Bischof ist mir mehr wert als die ganze ev. Kirche. Im Streit mit dem Berliner Oberkirchenrat drängte v. Gossler der Kirche den Irrlehrer A. Harnack auf. Seit 1888 hat der Staat an die Kirche 3 190 000 Mark jährlich als Rente für die Hinterbliebenen, Verbesserung der Gehalte und für Vikariate und Seminare in fortschreitender Weise gegeben. Als in Württemberg der Staat neben den Pfarrgemeiderat 1886 noch einen Gemeindekirchenrat setzte und die ganze Synodalverfassung erschütterte, nannte nicht ohne Recht Rümelin mit einem badischen Einfall die Vereinigung von Konsistorium mit Landessynode eine Republik mit einem Großherzog an der Spitze. Die 3. ordentliche Generalsynode von Preußen (1891) unterstützte die Bestrebungen für die Selbstständigkeit der Kirche und forderte einen Anteil des Generalsynodalvorstandes bei der Ernennung der Professoren der Theologie. Zur Abschaffung der Stolgebühren gewährte der Staat eine Rente von 1 500 000 Mark.169 Eine Neugestaltung des ev. Kirchenrechts in unserem Jahrhundert versuchten mit großem Talent Ludwig Richter, E. Herrmann, Jacobson, Dove und Hinschius.
zu.167 Richter, König Friedrich Wilhelm IV. und die Verfassung der ev. Kirche, 1861.
zu.168 Ein Schriftchen von 1873: Ein Wort über die Kirchengesetze sah das Ende dieser Gesetzgebung voraus.
zu.169 Kirchl. Zeit- und Streitfragen von Pohl, Heft 4 und 5.

m) Die evangelische Volksschule.
Literatur: Heppe, Geschichte des deutschen Volksschulwesens, 1858 bis 1860. A. Schorn, Geschichte der Pädagogik, 1873. H. Beckh, Lehrbuch der ev. Volksschulkunde, 1885. Schmid, Encyklopädie des gesammten Erziehungswesens, 2. Aufl. 1877 ff.

Keiner der Träger der Erweckung in unserem Jahrhundert war zugleich ein hervorragender Schulmann. Das 19. Jahrhundert hat auf dem Schulgebiete weder einen Luther noch auch nur einen Francke aufzuweisen. Es hat das nächst dem, dass sich solche Männer eben nicht hervorrufen lassen, hauptsächlich drei Ursachen. Fürs erste waren die mächtigen Anstöße, welche das Schulwesen überhaupt von drei verschiedenen Seiten her, nämlich von dem pietistischen Francke, dem rationalistisch-frommen Pestalozzi und dem radikal-freisinnigen Rousseau erhalten hatte, noch zu stark nachwirkend, als dass etwas wesentlich Neues hatte dagegen aufkommen können. Gerade in evangelisch erweckten Kreisen geht bis heute das Streben dahin, auch in unseren Volksschulen den Grundsätzen A. H. Franckes Geltung zu verschaffen. Dann beschäftigten sich seit der nationalen Erhebung in den Freiheitskriegen die weitesten Kreise mit dem Schul- und Erziehungswesen: Staatsmänner, Philosophen (Fichte, Herbart) und Theologen (Schleiermacher und vor ihm A. G. Niemeyer und Professor Schwarz in Heidelberg). Fürs dritte nahmen die Regierungsorgane die Gestaltung des Schulwesens immer mehr in ihre Hand und ließen einzelnen Männern nur beschränkten Raum zur Ausführung etwaiger origineller Gedanken.
Die wieder erwachende, positiv evangelische Geistesrichtung machte sich nach und nach über die freiere humanitäre Richtung geltend. Das zeigte sich in Preußen besonders in zwei Tatsachen: in der Entlassung des freisinnigen Diesterweg im Jahr 1847 und in der Aufstellung der drei preußischen Schulregulative 1854. In den letzteren zeigte sich der Einfluss der positiv ev. Richtung in dreierlei: 1) Während der Seminarunterricht im allgemeinen im bescheidenen Rahmen des Volksschulunterrichts bleiben sollte, wurde bestimmt, dass er bezüglich des Unterrichts in der deutschen Sprache und des Religionsunterrichts über die direkten Bedürfnisse der Elementarschule hinauszugehen habe. 2) Die schon im General-Landschul-Reglement von 1763 gegebenen Bestimmungen bezüglich des sogenannten Wochenspruchs, des Memorierens bestimmter Lieder und Psalmen, welche teilweise in Vergessenheit geraten waren, wurden wieder ins Leben gerufen. 3) Die biblische Geschichte, für welche in jedem Reglement nur 1 Stunde wöchentlich eingeräumt war, sollte nun zur Grundlage des gesamten Religionsunterrichts gemacht werden. (Verfasser der Regulative ist Ferd. Stiehl; ausgegeben wurden sie durch Minister v. Raumer.) Ein heftiger Kampf gegen die Regulative begann. Falk ersetzte sie im Jahre 1872 durch die sog. Allgemeinen Bestimmungen. Die hervorragendsten Vertreter der ev. Pädagogik in unserem Jahrhundert sind Theologen. Der bedeutendste von ihnen ist Christian Palmer, Professor in Tübingen. (Evangelische Pädagogik 1853, 5. A. 1882). Neben ihm ist zu nennen Bormann, preuß. Schulrat, Verfasser einer „Evang. Volksschulkunde“ und Herausgeber des Schulblattes der Provinz Brandenburg. Ferner: Schütze, Seminardirektor in Waidenburg in Sachsen (Evang. Schulkunde), Ludw. Völter, langjähriger Redakteur des Südd. Schulboten, und Professor Gerhard v. Zezschwitz in Erlangen († 1886).170 Zu den namhaftenSchulmännern evangelischer Richtung gehörten auch 1) Christian Heinrich Zeller, Begründer
und erster Inspektor der Kinderrettungs- und Schullehrerbildungs-Anstalt in Beuggen (Großherzogtum Baden). Seine „Lehren der Erfahrung“ gehören mit zum Besten, was für Schullehrer geschrieben worden ist. 2) Wilhelm Stern, Seminardirektor in Karlsruhe, ein Schüler Pestalozzis. Um seines erst später gewonnenen entschieden christlichen Standpunkts willen vielfach angefeindet und zuletzt aus dem Amte gedrängt, hatte er doch vielen Zöglingen ein geistlicher Vater werden dürfen. Die am 22. April 1892 in Karlsruhe begangene Feier seines 100. Geburtstags, an welcher ca. 200 Lehrer und frühere Schüler Sterns teilnahmen, bewies die Bedeutung seiner Wirksamkeit und seiner Person und zugleich die Wahrheit des Worts: Das Gedächtnis der Gerechten bleibt im Segen.
Durch Professor Ziller in Leipzig wurde in den letzten Jahrzehnten der Philosoph Herbart (1776-1841) für die Schule auf den Leuchter gesetzt. Tuiskon Ziller, geb. 1817, † 1882, außerordentlicher Professor in Leipzig, Begründer eines Seminars mit Übungsschule und Mitbegründer des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, suchte nicht nur die Herbartschen Ideen praktischer auszugestalten, sondern auch mit dem Christentum zu vereinigen, resp. sich dem Hauptvertreter evang. Pädagogik in der Neuzeit, Chr. Palmer, zu nähern. Die „Herbart-Zillersche“ Unterrichts- und Erziehungslehre hat eine namhafte Zahl begeisterter Verehrer und Verfechter gefunden, darunter namentlich auch den kürzlich verstorbenen Dr. Frick, Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle. Doch scheint die Bewegung ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Fruchtbar wird sie höchstens für die Unterrichtsmethode der Volksschule, nicht aber für die Erziehung sein, und letzteres wäre doch so viel wünschenswerter.
Die Jubiläen von Diesterweg (geb. 1790) und Amos Comenius (geb. 1592) gaben wohl Anlass zu zahlreichen Broschüren, Aufsätzen und Reden, schwerlich aber zu wesentlichem Gewinn für die Schule und ihre Arbeit. Feiern doch dieselben Leute heute Diesterweg, morgen Comenius, zum Teil ohne Verständnis für die weitgehende prinzipielle Verschiedenheit beider. Das Jahr 1848 brachte eine erneute Scheidung der Geister auch auf dem Schulgebiet und zugleich eine neue praktische Erscheinung: die Schul- und Lehrervereine. Wie die „freisinnigen“ Lehrer und Schulfreunde sich zusammenschlossen zum Kampfe für ihre Ideen und Wünsche, so auch die evangelisch gesinnten. Die hervorragendsten evangelischen Vereine dieser Art sind:
1) Der Verein evangelischer Lehrer und Schulfreunde in Rheinland und Westfalen, gegründet 1848 und, geleitet von Rektor Dörpfeld in Barmen, dem bedeutendsten positiv evangelischen Volksschullehrer der Gegenwart.
2) Der Deutsche ev. Schulverein, gegründet auf dem Kirchentage zu Berlin 1853 durch Gymnasiallehrer Th. v. Thrämer, gegenwärtig geleitet von Gymnasialdirektor Lic. Dr. Kolbe in Treptow a. d. Rega. Umfasst Lehrer aller Kategorien.
3) Der Verein ev. Lehrer in Württemberg, gegründet 1865 von dem Lehrer Dietrich, zählt jetzt 500 Mitglieder.
4) Der Deutsche ev. Lehrerbund, gegründet 1872 von Hamburger Lehrern und jetzt über ganz
Norddeutschland ausgedehnt.
5) Der Verein zur Erhaltung der ev. Volksschule, gegründet 1877 von Pastor Zillessen in Orsoy a. Rh. zur Bekämpfung der Simultan- und religionslosen Schulen.
Mit Ausnahme von Nr. 2 befassen sich alle diese Vereine fast ausschließlich mit dem Volksschulwesen. Kleinere Vereine bestehen außerdem noch in verschiedenen Teilen des Deutschen Reiches. Um alle diese Vereine und Bestrebungen zusammenzufassen, wurde (zum ersten mal 1882) der Deutsche ev. Schulkongress ins Leben gerufen.
Die evang. Schulkongresse können sich nicht großer Fruchtbarkeit rühmen. Es sind deren nun 7 gehalten worden; aber die von ihnen ins Leben gerufene Deutsche Lehrerzeitung kann nur mit großen Opfern aufrecht erhalten werden, immerhin ein Zeichen, dass die Zahl der in christlichkonservativem Geist lebenden und strebenden Volksschulmänner nicht im Wachsen begriffen ist.
Nein, auch unter den Lehrern greift der Geist dieser Welt immer gewaltiger um sich, und viele rühmen ihn als den einzigen Geist, der ein wirkliches Existenzrecht habe.
Da die Predigt so wenig in der Gegenwart gehört wird, ist die ev. Volksschule171 mit ihrer Bibel und dem ev. Liede von unübersehbarer Bedeutung: sie die Ursache, dass der Amerikaner Taylor in Deutschland am meisten Moral, Beamtentreue und Pflichtgefühl fand.
Und hier erhebt sich das Lob der Reformation: während die Völker Roms sich in sittlicher Fäulnis befinden, ist Deutschland (auch hier die Kriminalstatistik zu Ungunsten der Römischen) noch überall mit heilsamem Salze bestreut und von Gedanken der Gerechtigkeit durchzogen. Auch unter der Decke religiöser Gleichgültigkeit leben dieselben segnend fort, und dies namentlich durch die Volksschule. Nach vier Jahrhunderten wirkt immer noch die Erneuerung durch Luther. „Sie wissen gar nicht“, sagte Goethe zu den romanisierenden Romantikern, „was sie alles Luther verdanken.“
zu.170 Eine Erinnerung an ihn, 1887.
zu.171 In Preußen besuchen 4 800 000 Kinder die öffentl. Volksschule (1888).

n) Die Sekten.
Literatur: Plitt, die Albrechtsleute, 1877. Jüngst, die ev. Kirche und die Separatisten der Gegenwart, 1881. E. Miller, History an Doctr. of Irvingisme. Schlagintweit, die Mormonen, 1874. Schneider, der neuere Geisterglaube,
1882. Kurzgefasste Nachricht von der ev. Brüder-Unität. Brüder-Almanach. Kolde, die Heilsarmee, 1885. Richter, die christlichen Sekten, 1887. Dresbach, die protestantischen Sekten der Gegenwart, 1887.

Von der großen methodistischen Gemeinschaft arbeiten in Deutschland die von Amerika unterstützten bischöflichen Methodisten: 8327 Glieder, 63 Reiseprediger, 14 Probeprediger, 45 Lokalprediger, 182 Ermahner, 531 Predigtplätze, Beiträge 203 263 Mark, 5 Zeitschriften; die von England unterstützten wesleyanischen Methodisten, die „evangelische Gemeinschaft oder Albrechtsleute“, mit Amerika in Verbindung unter der Oberleitung des Bischofs Escher, der 1885 Deutschland zum acht mal bereiste; letztere zählt 5741 Glieder, 14 sesshafte Prediger, 48 Reiseprediger, 33 Kirchen und Kapellen, 4 Blätter, von denen der größte Teil auf Württemberg kommt, das überhaupt der fruchtbare Boden für die Methodisten ist, die jetzt aber von der Kirche, die sie abbrechen wollen, energisch bekämpft werden. Die ev. Gemeinschaft hat gegenwärtig in Deutschland 215 Sonntagsschulen; der Ev. Kinderfreund in 20 000 Exempl.; 45 Prediger. Der Methodismus will nichts als das 171 In Preußen besuchen 4 800 000 Kinder die öffentl. Volksschule (1888). Der Methodismus will nichts als das ernstlich genommene Christentum sein, nimmt sich eifrig des armen Volkes an, ist aber vorwiegend eine gesetzliche Vollkommenheitstreiberei. Als Pearsall Smith172 mit unermüdlichen Worten und schönen gefährlichen Augen Deutschland 1875 phantastisch durchwanderte er bekehrte unzählige, in Berlin wurden ihm in einer nächtlichen Verheißung gleich mehr als 200 Jünglinge auf einmal geschenkt, – da offenbarten angesehene Lehrer, was sie von Rechtfertigung und Heiligung verstanden.
Er verschwand wieder nach einem großen Ärgernis. Neuerdings hat er seine Tochter mit einem liberalen englischen Katholiken verheiratet. Doch noch immer tauchen Amerikaner oder Engländer auf, die mit stammelnden Reden und Verbreitung von N. T. „Deutschland evangelisieren wollen“, während es besser wäre, dafür zu sorgen, dass in England der gute deutsche Schulunterricht eingeführt werde. Somerville ließ in Cannstatt von den Leibern seiner gegenwärtigen Freunde größere Ströme des Lebens ausgehen als der Neckar. Der frühere Missionar Schrenk begeisterte mit stürmischer Kraft und methodistischer Irrlehre und Weise viele Zuhörer. – Ebenso tätig sind die Baptisten. Sie verbreiteten mit Erfolg die volkstümlichen Predigten ihres berühmtesten Redners Spurgeon († 1892)173 und haben in Deutschland in Oncken zu Hamburg einen auch in einem reichen Verlag energischen Arbeiter gehabt. 1890 zählte man 105 Baptistengemeinden in Deutschland mit 20 416 Mitgliedern. Prediger Droste in Ostpreußen schloss sich ihnen an. Die Irvingianer, von dem Schotten Edward Irving († 1834) gegründet, traten mit der erlogenen Zuversicht auf, die Apostel, auf die die Kirche für alle Zeiten als eine in ihr notwendig zu bestehende Ordnung gegründet sei, in ihrer Mitte zu haben, neben ihnen nach Eph. 4,11 noch andere Ämter, dabei eine prophetische Grabe, die die Zukunft des Herrn als nahe bevorstehend laut verkünden müsse. Die Sündlosigkeit Christi bestreitend wurden sie auch darin als Verführer offenbar, dass ihre Apostel wegstarben, ehe die Zukunft des Herrn hereinbrach. Sie gewannen den vortrefflichen Professor Thiersch († 1885),174 der die beste Lanze gegen Baur eingelegt hatte und dann missionierend mit seinem schweigsamen Apostel Carlyle als der Prophet desselben in umgekehrter Weise wie Paulus und Barnabas durch die Lande zog. Neuerdings Streitigkeiten unter den Irvingianern, ob neu erstandene Apostel nicht falsche Apostel seien. Irving tanzte nach Carlyle am Ende seines Lebens an dem Rande der unermesslichen Abgründe des Irrsinns. In Süddeutschland 22, in Norddeutschland 179 Gemeinden. Die Darbysten, von John Darby († 1882) ins Leben gerufen, bekämpften die geistlichen Ämter und die Kirche als ein Babel und lehrten eine schwärmerische Heiligung, die die Sünde ganz überwunden habe. Christoph Hoffmann in Schwaben errichtete in seinen Freundeskreisen den „deutschen Tempel“ oder die Sammlung des Volkes Gottes in Palästina und gründete dort Kolonien, die gegen den Karmel vorrückten († 1885). Mehr und mehr ungläubig gab er die Warte des Tempels heraus und seine Lebenserinnerungen. Der Reichsbrüderbund zu Haifa sagte sich von ihm los. In Württemberg haben auch die Swedenborgianer durch die Bemühungen von Tafel († 1893 in London) und die Wochenschrift der Neuen Kirche einen Kreis von Anhängern. Sie verkehren viel in einem Jenseits, das sie nicht kennen, in das aber der moderne Mensch in abergläubischer Neugierde in Briefen aus der Hölle und aus dem Himmel, in Totentänzen und dergleichen, um so lieber schaut, um so weniger er ein Unsichtbares glaubt. Diesem kranken und unter dämonischem Betruge stehenden Bedürfnis dient auch der namentlich in Sachsen wuchernde Spiritismus (Dr. Wittig, Redakteur der Psychischen Studien), dem selbst ein tüchtiger Naturforscher zum Opfer fiel, der aber von dem Erzherzog Johann in Wien in seiner geschickten Taschenspielerei aufgedeckt wurde. Der 1880 abgesetzte bayerische Pfarrer Clöter organisierte eine deutsche Auszugsgemeine nach Südrussland und rief die Fluchworte der Betrogenen auf sich herab. Die englische Heilsarmee hat ihr Hauptquartier in Berlin aufgeschlagen und verbreitet trotz allen Spottes ihren Kriegsruf. Der General Booth bereiste Deutschland: eine geschmeidige Gestalt mit lebhaftem Auge im bunten Kriegerrock. Er segnet jetzt Paare ein im Namen Gottes und im Namen der Heilsarmee. Die Mormonen gewinnen nur in den Küstenstädten einige Opfer, doch soll es auch in Bayern Mormonen geben. Nicht zu den Sekten gehört die Brüdergemeine, deren „Losungen“ in der ganzen Kirche verbreitet sind. In Albertini hat sie einen Dichter lieblicher Lieder gehabt. Sie ist in diesem Jahrhundert in ruhigem Gange fortgeschritten. Der äußere Zugang ist gering gewesen. Diaspora- und Missionswerk gewann größere Ausdehnung, 6 Synoden wurden bis 1857 gehalten, sämtlich in Herrnhut. Zur Stärkung des Glaubens und Belebung des Gemeingeistes diente die erhebende Feier des hundertjährigen Jubelfestes in Herrnhut am 17. bis 19. Juni 1822. Große Scharen nahmen daran teil. Kölling verfasste die Gedenktage der alten und erneuerten Brüderkirche. Wichtig war die Synode von 1857, in der die Trennung in drei Provinzen mit gesonderter Verwaltung ausgesprochen wurde. Die Synode von 1869 zeigte eine besondere Teilnahme für das Werk in Böhmen und Mähren. Sie sanktionierte auch die Missions-Bildungs-Schule in Niesky. 1883 hat ihr bester Theologe Plitt in „Gnade und Wahrheit“ ihre Lehre zusammengefasst. Im Herbst 1891 gedachte man der Übersiedelung der U. A. K. nach Berthelsdorf 1741. Neue Werke sind in Böhmen und Mähren unternommen und an den Aussätzigen in Jerusalem. Die Mitglieder der 3 Provinzen betragen 33 730; die deutsche Provinz hat 25 Gemeinen.
zu.172 Pearsall Smith in Berlin, von Baur, 1875.
zu.173 Spurgeon hat den Beweis geliefert, dass ein gewisser Calvinismus noch immer die weltverbreitetste Predigt ist.
zu.174 Von ihm ein Lebensbild in der Conservativen Monatsschrift, 1886. Sein Leben von Paul Wigand 1888. Briefe an einen evangelischen Geistlichen von Fr. Öhninger veröffentlicht 1888. Winke zur Orientierung in der sogenannten Irvingianerliteratur.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

Beitrag von Joschie »

A. Zahn" Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

14. Die Zustände in den Gemeinden.(Teil.6)


o) Die Mission.
Literatur: Hier nur: Christlieb, der gegenwärtige Stand der evangelischen Heidenmission, 1880. Gundert, die ev. Mission, 1886. Warneck, Abriss einer Geschichte der protest. Missionen, 1883. Von demselben: Protest. Beleuchtung der römischen Angriffe auf die evangel. Heidenmission, 1884. Zur Statistik der ev. Mission von Grundemann. Allgmeine Missionszeitschrift von Warneck, seit 1874. Derselbe: Die Mission in der Schule, 6. Aufl. 1892. Von demselben: Lebensbilder aus der Heidenmission in 5 Bdn. Merensky, Erinnerungen aus dem Missionsleben in Südostafrika, 1859-1882. Wilhelm Posselt, der Kaffermissionar, 1888. Das Missionsjahrhundert von J. Hesse, 1893.

Während die Reformatoren nicht einmal den Missionsgedanken kannten, oder sich mit dem für die Unentschuldbarkeit der Nationen ausreichenden Schöpfungs- und Gewissenszeugnis zufrieden gaben, hat der Pietismus dieses Jahrhunderts in seiner weltumfassenden Wärme eifrig auch die Heidenmission betrieben. Kaum nachdem er einige Plätze in seinem eigenen Hause wieder erobert hatte, ergriff er die Missionspläne. Der Aussendungsbefehl des Herrn, Matth. 28, gilt nur den Aposteln, denn auf deren Grund ist die Kirche gebaut. Zu Anfang dieses Jahrhunderts gründete Pastor Jänicke in Berlin eine kleine Missionsschule. Er war durch außerdeutsche Missionsunternehmungen, die deutsche Christentumsgesellschaft und den Oberförster von Schirnding in Dobrilugk angeregt worden. Er begann mit 7 Jünglingen. Etwa 80 Missionsarbeiter sollen aus dieser Schule hervorgegangen sein; unter ihnen bedeutende Männer wie Gützlaff, der große Kenner Chinas, und Riedel, der in der Minahassa wirkte, aber in dem Dienst englischer und niederländischer Missionen. Man schätzt gegenwärtig als Erfolg der gesamten ev. Mission 2 887 500 Heidenchristen.
Zählen wir die einzelnen Missionsgesellschaften auf:

1. Die Brüdergemeine mit dem Hauptsitz in Herrnhut. Die Mission hier Sache der ganzen Bruderkirche (jetzt 33 000 Seelen). Mit der Losung: Im Glauben wagen wollte man sich der gesunken Sten Heiden annehmen. Nach Westindien, Grönland, Labrador, nach Nordamerika zu den Indianern, nach Zentralamerika und Surinam, nach Südafrika, Australien und in die Schneeregionen des Himalaja wurden im Lauf von 154 Jahren gegen 2300 Männer und Frauen gesandt. Für 1889 wird angegeben 154 Missionare, 30 591 Kommunikanten, 87 263 Heidenchristen, Einnahmen 400 641 Mk., Ausgabe 397 902 Mk. Herrnhuter und Berliner haben neuerdings eine Missionsstation am Nyassasee (Makapalile).

2. Die Baseler Missionsgesellschaft. Die erwähnte Christentums Gesellschaft, seit 1780 in Basel tätig, regte auch die Heidenmission an. Zwei ihrer Sekretäre, Blumhardt und Spittler, 175 wurden die Väter der 1815 eröffneten Baseler Missionsschule, welche in den Kaukasus bis nach Persien ihre ersten Zöglinge sandte. Als man Asien aufgeben musste, wandte man sich nach Westafrika, Indien und China, neuerdings auch nach Kamerun und Victoria. Die Baseler Mission ist eine Filiale Württembergs, von dem sie die Inspektoren und Lehrer und die größten Gaben empfängt (1884 147 006 Mk.) Schwaben wie Chr. G. Blumhardt, Hoffmann, Chr. Blumhardt, Josenhans, G. Oehler, Schott, Prätorius (er stirbt auf einer Inspektionsreise in Westafrika), neuerdings wieder ein Oehler, dann Gess, Reiff, Kinzler wirkten oder wirken an der Anstalt. Ihre Feste waren oft die Glanzpunkte der Vereinigung aller Christen. Eine Verpflichtung der Missionare auf ein kirchliches Sonderbekenntnis findet nicht statt. 1889: 103 Missionare, 11 082 Kommunikanten, Einnahmen 837 000 Mk., Ausgaben 889 240 Mk. Von 1828-1884 sind auf der Goldküste 55 Männer und 24 Frauen im Dienste der Mission gestorben.

3. Die Pilgermission auf St. Chrischona bei Basel, 1849 von Spittler begründet, hat ihre 2 Missionare aus dem Gallalande zurückziehen müssen; ihre Boten in Palästina treiben wohl wenig Heidenmission; Ausgaben 42 134 Mk.

4. Die Berliner Missionsgesellschaft, 1824 begründet, empfing 1830 ein eigenes Missionsseminar und sandte 1834 die ersten Missionare nach Südafrika, wo sie in der Kapkolonie, Natal, dem Oranje und ganz besonders dem Transvaal-Freistaate 1888 46 Stationen mit 62 europäischen und 300 einheimischen Missionaren besaß; 14 673 Christen, darunter 6561 Kommunikanten. Eine kleine Mission in China ist hinzugekommen mit etwa 800 Christen. 1885 ein Defizit von 52 895 Mark (in der Tilgung begriffen). 1889: 61 Missionare, 10 384 Kommunikanten, Einnahmen 306 154 Mark, Ausgaben 305 470 Mark. Bekannt ist ihr jetziger Missionsinspektor Wangemann, der uns aus seinem zweimaligen Aufenthalt in Afrika in lebhafter Weise mitgeteilt hat. Viele Tage war er zu Pferde und durchschwamm Flüsse mit Krokodilen. Auf der letzten Versammlung der Naturforscher hat Georg Schweinfurth die Opferwilligkeit, den Idealismus und die Erfolge der afrikanischen Missionare gerühmt. Der Superintendent Merensky habe das Beste über die Erziehung der Schwarzen geschrieben. Die Berliner Gesellschaft hat einen konfessionell lutherischen Charakter.

5. Die Rheinische Missionsgesellschaft (auch Barmer nach ihrem Sitze genannt) ging 1828 aus einer 1825 gegründeten Missionsgesellschaft hervor. Ihr Gebiet ist die Kapkolonie, Nama- und Heroroland; es erweiterte sich und nahm Borneo, Sumatra und Nias in Angriff. Auch China zog man heran; neuerdings denkt man an Kaiser Wilhelmsland und Neuguinea. Große Fortschritte unter den Battas auf Sumatra. Der Inspektor Fabri (tritt 1884 zurück) ist als theologischer Schriftsteller und Anreger der auch mit Missions Fragen so reich geschmückten Kolonien-Sache bekannt.176 († 1891). 1888: 52 Stationen mit 70 europäischen und 368 einheimischen Missionaren, 24 823 Christen, darunter 8483 Kommunikanten; Ausgaben 350 867 Mark. 1889: 75 Missionare, 10 735 Kommunikanten, Einnahmen 395 587 Mark, Ausgaben 390 282 Mark. Die friedliche Konföderation luth. und ref. Elemente ist zuweilen gestört.

6. Die norddeutsche Missionsgesellschaft (auch nach ihrem Sitze Bremer genannt) wurde 1836 in Hamburg gegründet. Eine Missionsschule schloss sich an. Konfessionelle Fehden hinderten das Gedeihen der Gesellschaft. Die Verlegung nach Bremen brachte mehr Frieden. Die Missionare wurden seitdem aus Basel bezogen. Die Sklavenküste mit ihrem mörderischen Klima und das Ewevolk (hier schon 54 Missionsgeschwister in den Tod gegangen) sind die Arbeitsgebiete. Ihr Inspektor Michael Zahn kämpft eifrig gegen den gewinnsüchtigen Branntweinhandel, der die Neger wüst und toll macht. 1888: 4 Stationen mit 10 europäischen und 30 einheimischen Missionaren, 700 Christen, darunter 250 Kommunikanten; Ausgaben 83 000 Mark. 1886 Feier des 50jährigen Bestehens. 1889:11 Missionare, 408 Kommunikanten. Einnahmen 105 532, Ausgaben 103 323 Mark.

7. Die evangelisch-lutherische Missionsgesellschaft (nach ihrem Sitz auch die Leipziger). 1836 bestand in Dresden ein Missionsseminar. Als 1844 Graul als begabter Organisator auftrat, verlegte er die Missionsanstalt nach Leipzig und besuchte selbst Indien. Das Gebiet der Tätigkeit ist bei den Tamulen im Süden der Ostküste Indiens. 1888: 20 Stationen mit 21 europäischen und 305 einheimischen Missionaren, 13 103 Christen, darunter 4040 Kommunikanten; Ausgaben 254 609 Mark. 1886 feierte die Gesellschaft ihr 50jähriges Bestehen. 1889: 26 Missionare, 7052 Kommunikanten. Einnahmen 317 993 Mark, Ausgaben 308 701 Mark.

8. Die Gossnersche Missionsgesellschaft. Eine der eigentümlichsten Erscheinungen des kirchlichen Lebens in Berlin in den ersten Jahrzehnten d. J. war der markige, originelle Johannes Evangelista Gossner, der, ein Schüler des Bischof Sailer, 1826 zur ev. Kirche übergetreten und in Berlin Jänickes Nachfolger geworden war. Prochnow und Dalton haben uns das Leben dieses oft auch wunderlichen Heiligen beschrieben, der sein „Schatzkästchen“ in alle Welt sandte und eine ausgedehnte Korrespondenz führte. Er verließ 1836 das Komitee der südafrikanischen Berliner M.-G. und bereitete schon 63 Jahre alt junge Handwerker zum Missionsdienst vor, da eine allzu wissenschaftliche Ausbildung nicht nötig und die Apostel von ihrer Hände Arbeit gelebt. Im ersten Jahrzehnt schickte er 80 Missionare nach Australien, britisch und niederländisch Indien, Nordamerika und Westafrika. Er zog die Betglocke mehr als die Bettelglocke, und war alles in allem. Mit dem Holländer Heldring verbunden sandte er im zweiten Jahrzehnt 25 Missionare in den indischen Archipel und 33 auf die früheren Gebiete. Nach seinem Tode änderte sich der Charakter seines Vereines und der Gossnersche Missionsverein betreibt namentlich die erfolgreiche Mission bei den Kolhs in Indien, 1888: 11 Stationen mit 20 europäischen und 224 einheimischen Missionaren, 31 263 Christen, darunter 12 078 Kommunikanten; Ausgaben 149 643 Mark. 1886 feierte die Mission ihr 50jähriges Jubiläum. 1889: 18 Missionare, 12 000 Kommunikanten. Einnahmen 178 557 Mark, Ausgaben 207 220 Mark.

9. Die Hermannsburger Mission. Ein gleich origineller Mann wie der Vater Gossner, der uns
schon bekannte Ludwig Harms in Hermannsburg, entsandte seit 1849 Missionskolonien nach Ostafrika. Sie kamen aber statt zu den Gallas nach Natal. Später geschahen neue Aussendungen nach Indien (Telugugebiet), Australien am Finksflusse und Neuseeland. An Geldmitteln fehlte es nicht. Als sich der Bruder Th. Harms separierte, kamen Klagen über große Schulden in die Öffentlichkeit. 1889: 71 Missionare, 7000 Kommunikanten. Einnahmen 193 307 Mark, Ausgaben 192 331 Mark.

10. Die Schleswig-Holsteinsche Gesellschaft, auch Breklumer genannt, seit 1877. 1889: 11 Missionare in Vorderindien (Dschaipur). Einnahmen 65 019 Mark, Ausgaben 61 358 Mark.
11. Der allgemeine evangelisch protestantische Missionsverein, seit 1883, will die Japaner und Chinesen mit einer besseren Kultur versöhnen. 4 Missionare. Einnahmen 18 886 Mark.

12. Neuendettelsauer Missionsgesellschaft auf Neuguinea. 9 Missionare. Einnahmen 34 549
Mark.

13. Der Knaksche Frauen-Missionsverein für China mit einer Einnahme von 15 715 Mark sorgt
für das Findel- und Waisenhaus auf Hongkong; der Frauenverein für christliche Bildung des weiblichen Geschlechtes im Morgenlande sendet Arbeiterinnen nach Indien. Einnahmen 12 072 Mark. Im Allgemeinen haben die deutschen Protestanten in Afrika 152, Asien 104, Australien 6, Amerika 80 Missionsstationen mit 72 706 Kommunikanten (1888).

14. Bayerische luth. Missions-Gesellschaft für Ostafrika. 5 Missionare. Einnahmen 20 000 Mark.

15. Neukirchner Missionsgesellschaft seit 1882. 9 Missionare in Java und Witu.

16. Die deutsch-ostafrikanische ev. Missionsgesellschaft in Berlin. 2 Missionare in Dar es Salaam. Einnahmen 40 000 Mark. Unter den theologischen Schriftstellern im Gebiete der Mission sind zu nennen: der unermüdlich tätige Barth in dem vom Schwarzwald umsäumten Calw, ein rechtes schwäbisches Original, sein Landsgenosse Blumhardt, der wohlunterrichtete Warneck, Christlieb, Gundert, Plath, der Karthograph Grundemann u. a. Christlieb177 hielt uns Deutschen unerbittlich vor, wie wenig wir im Verhältnis zu den Amerikanern und Engländern täten. „Alles in einander gerechnet erhalten wir auf den Kopf der evangelischen Bevölkerung Deutschlands und der Schweiz nur etwa 7 bis 8 Pf. und erreichen so nicht einmal ganz die Ziffer der lutherischen Norweger mit 9-10 Pf.“ Aber er freut sich dennoch des Wortes von Rev. Parkhurst: „Ich habe, nachdem ich eine Reise um die Welt gemacht, nirgends ganz neue Götzentempel, sondern nur überall alternde und zerfallene gesehen.“ In den unzähligen Missionsblättern und regelmäßigen Missionsstunden treten uns viele Bilder aufopfernder Missionare entgegen, die zugleich bedeutende Linguisten [Krapf178 und Christaller] und Geographen (Rebmann, der Entdecker des Kilimandscharo) sind – aber ihre Schilderung geht über den Rahmen unseres Abrisses hinaus. Mit den deutschen Kolonisationsbestrebungen gehen auch die Missionsgedanken Hand in Hand, selbst von dem Wohlwollen der Reichsregierung begleitet, die einen Deputierten zu den Bremer Verhandlungen zu senden nicht zögerte. Auch Kaiser Wilhelmsland ist in Angriff genommen. In runden Zahlen stellt Deutschland 535 Missionare, unter deren Pflege gegen 200 000 Heidenchristen stehen und belaufen sich seine Beiträge auf ca. 3 Millionen Mark. Die Bibel ist jetzt in 296 zum Teil literaturlose Sprachen übersetzt worden. – Über die Mission unter den Juden hat letzthin de le Roi in der Schrift: die ev. Christenheit und die Juden sich geäußert.179 Der Pfarrer Imm. Völter in Schwaben, zwei englische, eine schottische und vier deutsche Gesellschaften, Franz Delitzsch, Paulus Cassel (1893), H. Strack, W. Becker180 in Zeitschriften und Flugschriften, auch ein Institutum judaicum an einigen Universitäten betreiben die Bekehrung eines Volkes, das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr verhärtet und aus dessen Mitte auch die Konvertiten etwas Zweifelhaftes behalten. Auch das von Fr. Wilhelm IV. gegründete Bistum zu S. Jacob in Jerusalem, dies Senfkorn des Protestantismus auf dem Berge Zion, war unter dem Bischof Gobat († 1879)181 meist nur auf Judenmission verwiesen. Jetzt ist dies englisch-preußische Bistum zu Grabe getragen. – Die Mission unter den Katholiken hat das auffallende Ereignis zu bemerken, dass im Jahre 1823 der größte Teil der Gemeine zu Mühlhausen im badischen Schwarzwald mit dem Pfarrer Henhöfer, dessen Originalität und Wirksamkeit Frommel und Ledderhose beschrieben, zur evangelischen Kirche übertrat. Die Familie des Freiherrn von Gemmingen gehörte mit zu denen, die den Schritt taten. Henhöfer wurde in Heidelberg zum Doktor der Theologie kreiert als pietatis christianae inceptor venerabilis. Im Verhältnis zu den Erfolgen der römischen Kirche sind die Konversionen zur ev. Kirche nicht sehr häufig. Helferich, Eisenschmid, Sudhoff in Frankfurt, der Domherr von Richthofen,182 der Erzbisehof Sedlnitzky († 1871) gehören hierher. Letzterer gab uns seine Selbstbiographie. Vor ihnen schon die Schule Sailers, Gossner und Lindl, nicht ohne ein gut Stück Katholizismus herüber zunehmen. Haas, der Redakteur der einflussreichen kath. Siona in Augsburg, schrieb seinen Weg nieder: Von Wittenberg nach Rom und von Rom nach Wittenberg († 1884). An der preußischen Seite des Riesengebirges siedelten sich 1838 400 Zillertaler an, die in Tirol keine eigene evangelische Gemeinde gründen konnten. 1887 feierte man ein Jubiläum, für das G. Hahn eine Denkschrift herausgab.183 In Schwaben ist ein Verein, der Bibeln im Oberlande verbreitet, aber ohne rechte Bedeutung. In den gemischten Ehen überflügelt der Romanismus die Evangelischen in Rheinland, Westfalen und in Schlesien. Als die Gräfin Henckel von Donnersmark ihrem evangelischen Verlobten in seinen Glauben folgte und dicht vor der Heirat plötzlich starb, rühmten die Römischen das Gottesgericht, andere sprachen von Gift. Die Zeiten sind für Deutschland jetzt ganz vorbei, wo manche Katholiken, wie ein Ludwig Richter,184 dachten: nicht die Frage nach der Kirche bedrängte sie, sondern nach einer festen göttlichen Wahrheit; die besten Katholiken sind nun politische und religiöse Fanatiker.

Wir erwähnen hier weiter das Missionswerk von dem deutschen Fritz Fliedner, dem Sohne des Kaiserswerther, in Spanien, der sich anschließend an den fast zu sehr gefeierten Märtyrer Manuel Matamoros († 1886)185 und die Evangelisten Ruet, Carrasco und Alhama das Evangelium auf der pyrenäischen Halbinsel verbreitet mit wachsender Freudigkeit, die selbst nach den Sonntagsschulen und einem Waisenhause eine höhere Bildungsanstalt gewann nicht ohne priesterlichen Hass, aber bis jetzt geschützt und von dem niederen Volke, das mit so vielen Plagen heimgesucht wird, gerne gehört. In Barcelona arbeitet der Schweizer Empaytaz. Im Mai 1886 hat sich die überwiegende Zahl der ev. Gemeinen Spaniens zur gegenseitigen Hilfeleistung zusammengeschlossen. Es existieren 70 kleine evangelische Missionsgemeinen. In Guadarrama ist ein kleines Waisenhaus in einem Kloster errichtet, das Philipp II. gebaut. Was würde der Tyrann dazu sagen? Die erste protestantische Kirche ist in San Tome von armen Fischern erbaut. Ein prot. Student ist Lizentiat in Madrid geworden. Am 18. Dezember 1891 wurde die erste evangel. Kirche in Madrid eingeweiht. Eine Prozession entsühnte den entweihten spanischen Boden. 1892: 12 Kapellen, 50 andere Lokale, 56 Pastoren, 9500 Kommunikanten, 9000 Zuhörer, 120 Schulen mit 4000 Kindern.

Es erscheint uns passend, jetzt auch schon über die Waldensermission zu berichten, da dieselbe auch von Deutschland unterstützt wird. Wie eine mater dolorosa ragt die alte Waldensergeschichte auf Schritt und Tritt in unsere friedlichere Gegenwart hinein. Jetzt bilden 17 selbstständige Gemeinen die Waldenserkirche, davon eine in Rosario über dem Ozean in Uruguay. Sie zählen (1891) 138 Angestellte (44 Pastoren, 10 Evangelisten etc.), 44 Gemeinden, 54 Stationen, 4518 Kommunikanten, 596 Katechumenen, 2418 Schüler in den Elementarschulen, 2942 in den Sonntagsschulen, 514 in den Abendschulen. Die Verwaltung der Kirche ist eine synodale. Die Synode wählt die „Tafel“, das deutsche Moderainen. Von auswärts wird sie mit ⅓ Million Frcs. unterstützt, namentlich von Schottland. Italien ist in fünf Distrikte eingeteilt. Die Mission ist in langsamem aber stetigem Fortschritt begriffen, obwohl die Masse der Italiener entweder bigott oder neologisch bleibt. Italien ist vom Atheismus ausgebrannt. Lux lucet in tenebris: der alte Wahlspruch der Waldenser, hat noch einige, wenn auch schwache Bedeutung für die Gegenwart. Neuerdings hat Dalton eine Schilderung von ihnen in seiner „Ferienreise“ 1885 gegeben. Vergl. auch Actes synodaux de l’Église év. Vaudoise de 1855-78. Pignerol 1864 und 1879. Über den berühmten Konvertiten Luigi de Sanctis hat Witte berichtet Christoterpe 1889. 1889 feierten die Waldenser das Jubiläum ihrer glorieuse rentrée: alle Welt war in die einsamen Täler geströmt. Vergl. Comba, History of Waldenses of Italy 1889 und Quarterly Register 1889 Nr. 4. Jetzt bemühen sich die Waldenser mit den übrigen kleinen evangelischen Gemeinen186 und manchen sektiererische evangelischen Verbindungen in eine gewisse Einheit zu treten, damit König Humbert nicht mehr eine evangelische Deputation zu fragen brauche: Quante tinte?187 1891 war in Italien an 302 Stellen ev. Gottesdienst, 107 Gemeinden bestehen, 6000-7000 Schüler. Sehr verdient hat sich um die evangelische Kirche in Italien der Schotte Dr. Stewart in Leghorn gemacht. 1891 hatten sich dem Berliner Oberkirchenrat 44 Diasporagemeinden angeschlossen. 8 in Rumänien und Serbien, 7 im Orient, 15 in Südamerika, 2 in Holland, 3 in England, 9 in den romanischen Ländern Südeuropas.188

p) Statistisches.
Nach der letzten Volkszählung hat Deutschland 49 428 470 Einwohner. Davon 31 026 810 Evangelische, 17 674 921 Katholiken, 145 540 andere Christen, 567 884 Juden, 12 753 ohne oder mit unbestimmter Angabe des Bekenntnisses. Gesamtbevölkerung Preußens 29 955 281, darunter 19 230 375 Evangelische, 10 252 807 Katholiken, 95 351 andere Christen und 4690 Personen anderen Bekenntnisses, 372 058 Juden. 1890 bestand die Bevölkerung Berlins aus 135 393 Evangelischen, 134 802 Katholiken, 79 286 Juden, 4897 Dissidenten. In der Diözese Berlins I. kommen auf eine Parochie 47 818 Evangelische. Die Dissidenten sind Mennoniten, Baptisten, Methodisten und Irvingianer. 1889 wurden 59 Personen in Deutschland unter 100 000 Einwohnern mehr verurteilt als 1882. In 7 Jahren stieg die Zahl der Verurteilten in Berlin um 155 %. Die Ehescheidungen wuchsen ebendort bis zu 61 %. 50 000 Prostituierte, 80 000 Verbrecher, 100 000 sozialdemokratische Wähler. In der Pfalz kamen auf 100 000 Einwohner 1662 Verurteilte. 1889 in Preußen 5615 Selbstmorde; in Sachsen auf 10 000 Einwohner 1050 Selbstmorde. Im Jahre 1890 im deutschen Reiche auf das Alter von 17-18 Jahren 10 % mehr Verurteilungen als 1889 und 30 % mehr als 1885. 1890 in Preußen: Taufen unehelicher Kinder 49 926. Bei 33 006 Kinder aus Ehen keine Taufe. Trauungen von rein evangelischen Paaren 91,38 %. Ungetraute 10 880 Paare. Gemischte Ehen getraut 90,17 %. 11 469 Ehescheidungsprozesse, 3907 Ehescheidungen, 68,03 % kirchliche Bestattungen, Kommunikanten 5 759 228, d. i. 38,6 % der Seelenzahl. 2358 Katholiken traten über. Kollekten für besondere Zwecke 1 240 898 Mark. Geschenke und Vermächtnisse 2 500 672 Mark (darunter die Rheinprovinz mit 860 012 Mark). 33 Kirchen neu gebaut. Theologie Studierende Winter 1890-91 4259. 150 Kandidaten warten auf eine Anstellung: also Überfluss. 6800 Pfarrstellen, (71 zu besetzen durch Gemeindewahl neuen Rechtes). 620 pensionierte Geistliche.

Die Brüdergemeinde hat sich in Preußen in 20 Jahren um das Dreifache vermehrt (1601 auf 4515), die Baptisten von 8818 auf 23 969, die Methodisten von 1792 auf 3232, die Irvingiten von 1710 auf 16 081. Nach den statistischen Mitteilungen von 1889 gab es in Bayern rechts des Rheins 1 151 951 Evangelische, davon 348 816 männliche und 430 622 weibliche Kommunikanten; in der Pfalz 381 114 Evangelische, davon 104 464 männliche Kommunikanten und 131 435 weibliche Kommunikanten. In Sachsen 3 073 931 Evangelisch-Lutherische und 5856 Reformierte, von ersteren 663 132 männliche und 851 575 weibliche Kommunikanten; von den Reformierten 549 männliche und 954 weibliche Kommunikanten. In Württemberg 1 378 056 Evangelische, davon 306 938 männliche und 417 475 weibliche Kommunikanten. In Hamburg 530 000 Evangelische und davon 18 319 männliche und 30 484 weibliche Kommunikanten (9,2 %). Abendmahlsgäste: Schaumburg-Lippe 80 %, Waldeck-Pyrmont 78 %, Bayern 67 %, Hessen 56 %, Baden 55 %, Württemberg 52 %, Kgr. Sachsen und SachsenAltenburg 49 %, Reuß 46 %, Meiningen 38 %, Sachsen-Gotha 26 %, Koburg 19 %. In Preußen: Hessen-Kassel 79 %, Hannover 67 %, Posen 63 %, Schlesien 53 %, Pommern 45 %, Westpreußen 44 %, Brandenburg und Sachsen 42 %, Ostpreußen 41 %, Westfalen 40 %, Berlin 16 %, Bremen, Hamburg 9 %. Schlesien hatte 1890 unter 76 320 ev. Geburten 8032 uneheliche. In Württemberg haben die sonstigen Christen um 20 % zugenommen. Von Lübeck hörte man, dass bei einer Verdoppelung der Seelenzahl die Zahl der Pastoren von 22 auf 15, der Kirchen von 13 auf 6, der öffentlichen Gottesdienste von 45 auf 13 gesunken; 1780 gingen 27 417 Personen, 1880 7125 zum Abendmahl. Es wird in Deutschland l⅓ Million Reformierte geben. Von der Männerwelt Deutschlands werden 1 % zur Kirche gehen, 2 % etwa an den großen Festen; höher ist die Ziffer in Württemberg, Ravensburg, Siegen, Bentheim. Sachsen hat bei 8700 Katholiken 51 barmherzige Schwestern, also auf 1700 kath. Bewohner eine, während auf 11 000 Evang. eine Schwester kommt. In Hessen erhielten im letzten Quartal 1891 an Stiftungen und Schenkungen die kath. Kirche 160 000 Mark, die Synagoge 56 000, die evang. Kirche 3500 Mark.
zu.175 Sein Leben von Kober, 1886.
zu.176 Warneck, Welche Pflichten legen uns unsere Kolonieen auf? Heft 3 und 4 der Zeitfr. des christl. Volksl., 1885.
zu.177 Er stirbt 1889. Zu seinem Gedächtniss Fabri, nebst der Leichenrede 1889.
zu.178 Sein Leben von Claus, 1882.
zu.179 Vergl. auch A. Fürst, Christen und Juden, 1891.
zu.180 F. W. Becker von W. Becker, 1893.
zu.181 Sein Leben, 1884 (Basel, ohne Angabe des Verfassers).
zu.182 Über ihn Besser, 1877.
zu.183 Vergl. auch die Zillerthaler Protestanten von Gustav von Gasteiger, 1892.
zu.184 Seine Selbstbiographie, 1886.
zu.185 Über ihn Böhmer und Capadose, 1863.
zu.186 Chiesa evangelica d’Italia 25 Chiese 34 Gruppi.
zu.187 Die Waldenser und ihr Werk von C. Comba, 1885. Die freie christl. Kirche in Italien und ihr Evangelisationswerk von Sincero v. Angelico, 1886. Witte, das Evangelium in Italien, 1861.
zu.188 Kobbelt, die deutsche ev. Diaspora, II. Heft 1892.
Zuletzt geändert von Joschie am 22.06.2024 16:16, insgesamt 1-mal geändert.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

Beitrag von Joschie »

Zweiter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in Frankreich, Belgien, Skandinavien, Russland und Österreich-Ungarn.

I. Frankreich.
Literatur: G. de Félice, Histoire des Protestants de France depuis l’origine de la Réformation jusqu’au temps présent 5e. édition. Toulouse 1873. F. Bonifas, Histoire des Protestants de France depuis 1861. Toulouse 1874. Pressel, Zustände des Protestantismus in Frankreich, 1848. Die protestantische Kirche Frankreichs von 1787-1846. Herausgegeben von Gieseler, 1848. Guizot, Méditations sur l’état actuel de la religion chrétienne, 1866. Gelzer,
Prot. Briefe aus Südfrankreich und Italien, 1852. Bersier, Histoire du Synode général de l’église réformée de France, 1872.
Real-Encyclopädie von Herzog: Artikel Frankreich, von Pfender. Verhandlungen der ev. Allianz
vom Jahre 1857, 1882 und 1884. Reymond, Mes souvenirs ou Notice sur le réveil religieux dans le midi de la France, 1893. Maury, Le réveil religieux dans l’église reformée à Genève et en France (1810-1850), 1892.

1. Die Erweckung.(Teil1)
Die Entwicklung der reformierten Kirche in Frankreich ist denselben Weg gegangen, welchen
die evangelische Kirche in Deutschland innegehalten hat. Am Anfang dieses Jahrhunderts war der Zustand dieser: „die Prediger predigten, das Volk hörte sie, die Konsistorien versammelten sich, der Gottesdienst behielt alle seine Formen, außerdem beschäftigte niemand sich damit, niemand bekümmerte sich darum; die Religion war außerhalb der Lebenssphäre aller.“ Um 1812 gab es in Paris 10 000 Protestanten, von denen nur 500-1000 die Kirchen noch besuchten. Eine orthodoxe Partei durch Daniel Encontre, Dekan der Fakultät von Montauban189, eine liberale, durch Pastor Samuel Vincent vertreten, standen friedlich nebeneinander. Vincent hatte 1829 in seinen „Vues sur le Protestantisme en France“ zuerst für die Trennung von Kirche und Staat sich ausgesprochen. Als später Vinet in Lausanne diesen Gedanken steigerte, die Verbindung beider Institute ist ein Ehebruch in der Moral ist der französische Protestantismus bis in die Neuzeit davon bewegt worden. In die religionslose Stille kam eine mächtige Bewegung hinein durch den Mann, der der bedeutendste und ehrwürdigste in diesem Jahrhundert in der reformierten Kirche Frankreichs gewesen ist durch Adolf Monod.190 Er ist 1802 in Kopenhagen geboren als der Sohn des dortigen französischen Predigers. Von seinen acht Geschwistern haben sich noch vier Brüder dem Dienste des Wortes gewidmet. Er studierte in Genf, wo er sich den Strenggläubigen noch nicht anschließen konnte, und bekleidete dann von 1826-27 ein Pfarramt in Neapel, melancholisch gestimmt bei liebeleerer, hoffnungsloser Arbeit, bis ihn der Gedanke mächtig erfasst: Niemand kann Jesus einen Herrn nennen ohne den heiligen Geist: nun belebt ihn eine göttliche Traurigkeit. Er findet die beiden Grundgedanken des christlichen Glaubens: das Elend des Menschen und die Barmherzigkeit Gottes. Als er nach Lyon an die ref. Gemeine berufen war, ersuchte ihn bald das eigengerechte Konsistorium, seine Predigtweise und sein ganzes amtliches Verhältnis zu ändern. Die Spannung stieg, als Monod an der Entheiligung des Abendmahls, bei dem die alte Disziplin nicht mehr geübt wurde, Anstoß nahm und sich darüber in dem Schriftchen äußerte: Wer darf zum Abendmahl gehen? Er wurde auf die Anklage der Rationalisten durch den katholischen Kultusminister seines Amtes entsetzt (1832). „Er habe Meinungen, die seit zehn Generationen in Frankreich wie in allen protestantischen Landen in Veraltung begraben seien.“ Er predigte nun in einem Saale und nahm sich der armen Bevölkerung an. Eine stattliche freie Gemeine wuchs durch ihn heran, durch bekehrte Katholiken wesentlich vermehrt. 1836 berief man ihn als Professor nach Montauban, der einzigen reformierten Fakultät in Frankreich. Die gelehrte Blüte altreformierter Theologie war in Frankreich ganz erloschen; die wissenschaftliche Bildung eine mangelhafte und oft pastoral naive; der nach englischem Vorbild arbeitende Methodismus glaubte der exakten Gelehrsamkeit entbehren zu können, zufrieden mit seiner Glut der Liebe, die alles im Sturm erobern werde. Monod versuchte zu helfen wie er konnte, besaß die Fakultät ja nicht einmal eine brauchbare Bibliothek. Er blieb 11 Jahre dort, auch als weithin berühmter Prediger tätig. 1841 erschien die apologetisch-polemische Preisschrift „Lucile ou la lecture de la Bible:“ die Bekehrung eines Katholiken durch das Lesen der Bibel. Der Erfolg des Buches war groß. Seine Predigten waren so beliebt, dass man die Leute nachts aus den Betten dafür zusammen läuten konnte. Zuletzt ist er in Paris, wo er noch 9 Jahre zur Belehrung und zum Troste vieler wirken konnte, namentlich im Oratoire seinen wunderbar beredten Mund öffnend. Seinem Bruder Frederic widerstand er, als dieser zur Separation schritt und legte seine Gedanken darüber nieder in der Schrift: „Warum bleibe ich in der Landeskirche?“ Seine Zuhörer sagten von ihm: man zittert noch in Gedanken an seine Worte. Einer der edelsten und lautersten Prediger unserer Zeit. Seine Reden, die fast „zu schön“ waren, hätten ihm Schaden bringen können, wenn er nicht von wahrer Demut gewesen wäre und begleitet von geheimer Schwermut. Sonst eine harmonische Natur mit tiefem Verständnis für das Schöne und Vollkommene.

Große geistige Veränderungen durchziehen alle Völker immer gleichmäßig. Es war in Frankreich wie in Deutschland. Der flachste Pelagianismus herrschte. Gegen ihn trat zuerst Monod auf in den Reden von 1830. „Nur die Wahrheit Gottes heiligt.“ In der Schrift: „La credulité de l’incrédule“ leistete er ein Meisterstück der Apologetik. Viel gelesen und viel übersetzt sind seine Reden über „das Weib“ und über den Apostel Paulus, letztere das ergreifendste und schönste, was unser Jahrhundert über den Lehrer der Heiden geschrieben. Die Frage, warum unsere Predigten so wenig Erfolg haben, hat er mit der Beweisführung beantwortet: Gebt der Kirche Christi dasselbe Leben wieder wie zur Zeit der Apostel und sie wird dieselben Wunder erzeugen. Er selbst hat aber auch noch viel von diesem Leben der Alten lernen müssen, als er sein Krankenlager zur Predigtstätte machte und seine „Adieux d’Adolphe Monod à ses amis et à l’Église“ veröffentlichte. Hier hat er es in der belehrendsten und innigsten Weise ausgesprochen: dass er es jetzt erst gelernt, dass der Mensch voll Hass gegen seinen Nächsten sei und dass alles, was man tue, befleckt und unrein sei, und nur die Kraft des Blutes Jesu Christi uns bleibe. 1854 schrieb er noch an seinen Neffen, Professor Jean Monod: Das Bild des menschlichen Herzens, Titus 3 v. 3, kann ich mir geistlich noch nicht aneignen. Es zeigt eine Spur von Übertreibung. Er stirbt am 6. April 1856. Wer hat nicht mit inniger Teilnahme sein dunkelfarbiges Gesicht betrachtet mit dem sinnenden melancholischen Zuge: schwarzes üppiges Haar beschattet die tiefgewölbte von Falten durchfurchte Stirn, fein geschnitten ist der Mund: überall tiefste Empfindung.

Gerade Monod, der so viele Prediger der Erweckung an Lauterkeit übertrifft, hat es erst zuletzt erkannt, was das ganze Elend des Menschen ist. Unser Jahrhundert versucht es nur, die Wucht der reformatorischen Lehre zu tragen: es bringt es aber nicht weit. Monod ist der einflussreichste Träger der Erweckung (le Réveil), die in den zwanziger Jahren von der Schweiz nach Frankreich drang. Sie unterscheidet sich nicht von ihrer Schwester in Deutschland. Es war das Wiederanknüpfen an die Lehren der Reformation, verbunden mit einem heftigen Kampf gegen Rom: dabei ein glühender Missionseifer auf allen Gebieten; eine geschickte Methode durch Damen, angesehene Geschäftsleute, Bankiers Geld zu sammeln und pietistische Réunions anzustellen. In französischer Freiheit trat in die zwanglose Unterhaltung die Schriftverlesung und das Gebet auf den Knien hinein. Ein Pietismus innig genug aber ohne die Erfahrung und die Tiefe der Hugenotten, doch in großartiger Freigiebigkeit. 1822 entstand in Paris die Société des Missions év. chez les peuples non chrétiens, die in Südafrika, Senegambia, Kongo und Ozeania, unter den Hottentotten, und in Tahiti arbeitet, jetzt auch unter den Kabylen der Sahara an der algerischen Grenze. Die Bibelverbreitung geschah durch die Société biblique britannique et étrangère, die sich stetig ein größeres Arbeitsfeld schuf. Seit 1818 wirkte auch die Société biblique de Paris und 1864 die von Frankreich. Die Evangelisation unter Protestanten und Katholiken betrieb die Société évangelique de France seit 1833, namentlich mit der freien ref. Kirche verbunden. Der ref. Landeskirche hat sich seit 1847 angeschlossen die Société Centrale protestante d’évangelisation. Sie begründete in mehr denn 300 Ortschaften den evang. Gottesdienst und in Paris eine theologische Präparandenanstalt. Sie wird unterstützt von der Société pour l’encouragement de l’instruction primaire parmi les protestants de France (seit 1829). Ein eifriger Arbeiter unter den Katholiken war Napoleon Rousse1 († 1874), Verfasser vieler schlagfertiger Traités.191
zu.189 Histoire de l’Académie Protestante de Montauban par Nicolas, 1885.
zu.190 Souvenirs de sa vie, Paris 1885. Adolphe Monod von Max Reichard, 1887. Edmond de Pressensé, Études contemporaines. Seine ausgewählten Schriften deutsch von Seinecke, 1869. G. A. Monod, Quelques lettres échangées entre Guillaume et Adolphe Monod, 1886. Protest. Monatsblätter von Geizer, 1857
zu.191 Über ihn Werner in den D. Evang. Blättern von Beyschlag 1890. 1892 feierte die Société de bienfaisance des jeunes gens de l’Églis réformée de Paris ihr 25jähriges Jubiläum.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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Joschie
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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

Beitrag von Joschie »

1. Die Erweckung.(Teil.2)

Schriften verbreiten die Société des Traités religieux seit 1822 und die Société des livres religieux de Toulouse seit 1831. 1841 tritt eine Diakonissenanstalt in Paris ins Leben. Die Société du Sou protestant hat von 1846-1879 eine halbe Million Franken an verschiedene Werke gespendet. Noch eine große Anzahl anderer Vereine blühten auf.192 Anfangs war der Réveil gegen kirchliche Lehre und Wissenschaft mehr gleichgültig, mit seiner Wärme zufrieden, aber er suchte später mehr Anschluss an ein festes Bekenntnis, besonders als die Angriffe der kritischen Schule begannen. In Paris blühte die Société de l’Histoire du Protestantisme français seit 1852 auf unter der Protektion des freigebigen Baron v. Schickler. Ein reger Eifer förderte die Erscheinung des Bulletin in Monatsheften. Hierin glänzt der französische Protestantismus. Einen Namen hat Jules Bonnet durch seine Olympia Morata, Lebensbilder aus der Reformationszeit und anderes. Wahrhaft großartig mit riesigem Fleiß in unvergleichlicher Akribie ist La France protestante der Gebrüder Haag gearbeitet, jetzt in zweiter Auflage erscheinend durch Henri Bordier. Als man in Paris eine neue theologische Fakultät schuf, konnte ihr Dekan Lichtenberger eine Encyclopédie des Sciences religieuses ins Leben rufen. So erstreckte die Erweckung ihren Einfluss auf viele Gebiete. Ungezählt sind die praktischen Traktate mit den Gaben des französischen Geistes: Klarheit, Ordnung, Bestimmtheit und Beredsamkeit. Weniger gelehrte systematische Werke, zu denen der heutige französische Protestantismus keinen rechten Trieb fühlt. Besonders erhob sich die Kanzelberedsamkeit. Neben A. Monod ist Grandpierre, Edmond de Pressensé, Bersier, Dhombres zu nennen, auf liberaler Seite Athanase Coquerel Vater und Sohn, Fontanès, Réville, Viguié und andere. Über Vinet und die deutsche Vermittlungstheologie ist man nie recht hinausgekommen; der Inspirationsbegriff eines Gaussen ist bald aufgegeben worden; neuerdings fängt man an, die Schule Ritschls als die der Zukunft zu bezeichnen. Bekannt in Deutschland ist besonders Edmond de Pressensé, der von Neander und Tholuck angeregt ist, überall auch im Auslande sich zeigte, selbst auf den Katholikenversammlungen, die ihm nicht wenig imponieren, in Kopenhagen bei der Allianz allzusehr der leidenschaftliche Patriot; er wollte das Prinzip der Freiheit à tort et à travers zur Geltung bringen († 1891); Fabarius hat seine Schriften ins Deutsche übersetzt. Dann der beredte Bersier, dessen Predigten auch in deutscher Übersetzung ausgingen.


Die Erweckung ergriff auch die lutherische Kirche. In Mömpelgard erinnerte das Volksleben an die Kirche Württembergs. Der Ami chretien des Familles weckte christliches Leben. In Straßburg trat Pfarrer Härter an der Neuen Kirche mit ungeheurem Aufsehen auf,193 seit 1846 an Jung St. Peter Friedrich Theodor Horning: eine mächtige Orgel mit Thrombonen und Grundbässen für die Lehre und das Recht der luth. Kirche. Mit Freuden sang er die Liturgie am Altar und erweckte das alte Straßburger Gesangbuch, um den Kampf mit dem „Konferenzgesangbuch“ aufzunehmen. Eine eherne Mauer nannten ihn seine Freunde († 1882).194 1809 wurde in Paris die Konsistorialkirche der Augsburgischen Konfession anerkannt. Zu ihr gehören die Gemeinen von Lyon und Nizza. Ihre Pastoren Mayer († 1887) und Valette, sowie Appia, Kuhn und Mettetal sind Männer von Namen. Wie keiner aber arbeitete Hosemann an der geistigen Begründung der lutherischen Kirche († 1886). Auch Verny, der Freund A. Monods ist zu erwähnen: er sank bei Eröffnung der Generalsynode 1854 in Straßburg mitten in der Rede auf der Kanzel tot zu Boden. Neuerdings verbreitet der „protestantisch-liberale Verein“ in Elsass-Lothringen Schriften. Ein von Pastor Kuhn herausgegebenes Blatt „Le Témoignage, Journal de l’Église de la Conf.d’Augsbourg“ seit 1867 ist von Einfluss und in Verbindung mit den deutschen lutherischen Theologen. Seit 1843 ist auch eine innere Mission an der Arbeit, welche für die deutsch Redenden das Schifflein Christi, für die französisch Redenden „Le Messager de l’Église“ herausgibt. Die 1874 gegründete Diakonissenanstalt steht wohl im Dienste ev. Allianz. Von 1858-1864 hat als Missionsprediger der Deutschen in der Seinestadt Pastor von Bodelschwingh gewirkt.

Im Jahre 1808 gab es nur 190 reformierte Kirchen in Frankreich, 1857 waren es 972 Kirchen mit 986 Erbauungsorten und 1069 Schulen unter der Leitung von 601 Pastoren. 1830 hatte die luth. Kirche nur einen Versammlungsort in Paris, 1857 waren es 3 und 7 im Weichbilde. Um diese Zeit war die Hälfte der protestantischen Pastoren „gläubig“, die andere latitudinarisch. Sie hatten in gleicher Zahl Genf wie Montauban und Straßburg besucht. In Montauban studierten 1892 56 Studenten. Die Theologie daselbst charakterisiert sich als „durchlöcherte“ Orthodoxie und Ansätze von „Ritschlianismus“. Ein Privatdozent hat die Gabe, den Wahn von Wellhaussen zu „vulgarisieren“, ist aber dabei ein tüchtiger auf dem Gebiete der inneren Mission bewährter Arbeiter.

Der Beschluss der Synode von 1848, von einem bestimmten Glaubensbekenntnis abzusehen, bewirkte es, dass Frédéric Monod austrat und eine Église libre bildete; 30 andere freie Gemeinen schlossen sich 1849 in einer Union des Églises évangéliques de France an. Die beiden de Pressensé Vater und Sohn gehörten ihr an, auch Bersier, Armand-Delille u. a. Die Kirche umfasste 1872 50 Gemeinden und lehrte mit Heftigkeit die Trennung vom Staate. Ihre Studenten besuchten die „Schule“ in Genf, an der Merle d’Aubigné und Gaussen unterrichteten. 1877 verließen sie bedeutende Mitglieder, auch Bersier; ebenso John Bost, der Gründer der Anstalten von Laforce. Dieser, aus einer alten Hugenottenfamilie hervorgegangen, hatte in dem anmutigen Dordognetal, reich an blutigen Erinnerungen und Treue der Väter, eine Reihe von wohltätigen Stiftungen geschaffen: die „Familie“ für Waisen, das „Bethesda“ und „Siloa“ für Idioten, „Eben Ezer“ und „Bethel“ für Epileptische, „Mitleid“ und „Barmherzigkeit“ für die Jammervollsten aller Menschen, „Zuflucht“ und „Ruhe“ für müde Dienstmädchen und Erzieherinnen: ein großer Acker der Liebe. 1886 betrugen die Ausgaben 240 354 Franks. Bost starb am 1. November 1881.195 Alle Kirchen haben ihre Asyle, Waisenhäuser, Stätten der inneren Mission usw. Die äußere Mission zählt bei den Bassutos 20 Missionare und 4252 Kommunikanten. Einnahme 1886 beinahe 400 000 Mark, dabei 20 000 Mark für eine Mission am Kongo. 1889 starb Eugen Bersier, der Redner mit der mächtigen Zunge. Er hat noch die Weiherede beim Denkmal Colignys gehalten. Er war am 5. Februar 1831 in der Schweiz geboren. Als die Freikirchen 1889 in St. Jean du Gard ihre Synode hatten, zählte dieselbe 26 Gemeinden und 21 Stationen, 54 Pastoren mit 4147 Kommunikanten. Die letzten 2 Jahre waren 302 483 Franken eingekommen. 1891 war das Einkommen 137 684 Franken. 1890 zählte die offiziöse Synode der staatlichen Kirche 446 Gemeinden mit 561 Pastoren. Man hat eine neue Liturgie eingeführt, die aus 13 Stücken besteht einschließlich die Predigt: man will damit beleben, scheint aber nur zu ermüden.

zu.192 Westphal-Castelnau de Montpellier: Hier et aujourd’hui, ou l’activité intérieure du Protestantisme français depuis le commencement du siècle, 1884.
zu.193 Über ihn Reichard in der Christoterpe 1889.
zu.194 Friedr. Th. Horning, Lebensbild eines ev. luth. Bekenners, von Wilhelm Horning, 1885. Vergl. auch Selbstbiographie von Diemer in den Beiträgen zur Kirchengesch. des Elsasses. III. Jahrg. 1883. – Über Sektentum und Separatismus in Elsass-Lothringen Troelsch, 1889.
zu.195 Le Pasteur John Bost, fondateur des asiles de Laforce par Bouvier-Monod, 1882.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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