Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Jörg
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Psalm 115

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3.
Aber unser Gott ist im Himmel;
er kann schaffen, was er will.
4.
Jener Götzen aber sind Silber und Gold,
von Menschenhänden gemacht.
5.
Sie haben Mäuler und reden nicht;
sie haben Augen und sehen nicht.
6.
sie haben Ohren und hören nicht;
sie haben Nasen und riechen nicht;
7.
sie haben Hände und greifen nicht;
Füße haben sie und gehen nicht und reden nicht durch ihren Hals.
8.
Die solche machen, sind ihnen gleich,
und alle, die auf sie hoffen.



3. Aber unser Gott ist im Himmel - also am rechten Ort, wohin die Sterblichen mit ihren höhnischen Mienen und Reden nicht dringen können, von wo er wohl all das unnütze Geschwätz und Gequengel der Menschen hört, aber mit stiller Verachtung auf die Babelbauer herniederblickt. Erhaben über alle widersetzlichen Mächte herrscht der HERR auf seinem hohen Thron. Als seinem Wesen nach unbegreifbar übersteigt er die höchsten Gedanken der Weisen; unumschränkt in seinem Willen und von unbegrenzter Macht ist er erhaben über alle die Beschränkungen, die dem Irdischen und Zeitlichen anhaften. Dieser Gott ist unser Gott, und wir scheuen uns nicht, uns zu ihm als unserm Gott zu bekennen, auch wenn er nicht geruht, auf den Wink und Befehl jedes großsprecherischen Prahlhansen, dem es beliebt, ihn herauszufordern, Wunder zu tun. Einst forderten sie von seinem Sohne, er solle vom Kreuz herabsteigen, so wollten sie an ihn glauben, und jetzt befehlen sie, Gott solle die gewöhnlichen Schranken seines weltregierenden Waltens überschreiten und vom Himmel herabkommen, um sie zu überzeugen; aber seinen erhabenen Geist beschäftigen wahrlich noch andere Dinge außer der Überführung derer, die ihre Augen mutwillig verschließen gegen die überschwänglichen Selbsterweise seiner ewigen Kraft und Gottheit, die überall um sie her am Tage liegen. Kann man unseren Gott weder sehen noch hören und ist er unter keinerlei äußerem Bilde zu verehren, so ist er darum doch nicht weniger wirklich und wahrhaftig, denn er ist da, wo seine Widersacher niemals sein können - im Himmel, von wo er sein Zepter ausstreckt und mit unbegrenzter Macht regiert.

Er kann schaffen, was er will, oder (wie z. B. Kautzsch übersetzt): alles, was ihm beliebte, hat er getan. Bis zu diesem Augenblick sind seine Willensverfügungen erfüllt, seine ewigen Absichten vollführt worden. Er ist nicht am Schlafen gewesen, noch hat er die Angelegenheiten der Menschen vergessen; er hat geschafft, und das mit Erfolg, niemand hat noch seine Pläne durchkreuzen oder auch nur aufhalten können. "Alles, was ihm beliebte" - so unliebsam das seinen Feinden sein mochte, der HERR hat dennoch ohne Schwierigkeit vollbracht, was er wollte; selbst wenn seine Widersacher gegen ihn tobten und wüteten, sind sie gezwungen gewesen, gegen ihren Willen seine Pläne auszuführen. Auch als der stolze Pharao dem HERRN hohnsprach und ihm den äußersten Trotz entgegensetzte, war er nur wie Ton auf des Töpfers Scheibe, und Gottes Ziel und Zweck wurde an ihm völlig erreicht. Wir mögen die spöttische Frage: "Wo ist nun ihr Gott?" wohl ertragen, wenn wir von der Gewissheit durchdrungen sind, dass Gottes Vorsehung ungestört, sein Thron unerschüttert, seine Pläne unverändert sind. Und wie er bisher alles, was ihm beliebte, getan hat, so kann und wird er auch fernerhin schaffen, was er will (Luther), sein Anschlag wird bestehen, und er wird tun alles, was ihm gefällt (Jes. 46,10), und am Schluss des großen Dramas der Welt- und Menschengeschichte werden die Allmacht Gottes und seine Unveränderlichkeit und Treue überschwänglich gerechtfertigt dastehen, zur ewigen Beschämung seiner Widersacher.

4. Jener Götzen aber sind Silber und Gold, nichts als toter, träger Stoff; im besten Falle von kostbarem Edelmetall, das dennoch ebenso ohnmächtig ist wie das gemeinste Holz oder wie Ton. Die Kostbarkeit eines Götzenbildes beweist wohl die Torheit dessen, der an das Verfertigen desselben sein Vermögen verschwendet hat, vermehrt aber wahrlich nicht die Macht des Bildes, weil auch in Gold und Silber nicht mehr Leben ist als in Erz oder Eisen. Von Menschenhänden gemacht. Da unbestritten der, welcher etwas macht, größer ist als was er gemacht hat, kommt diesen Götzenbildern weniger Ehre zu als den Künstlern, die sie gebildet haben. Welche Unvernunft, dass Menschen solches anbeten, was geringer ist als sie selber! Wie seltsam, dass einem Menschen der Gedanke kommt, er könne einen Gott machen! Gibt es denn größeren Wahnsinn? Unser Gott ist Geist, und seine Hand hat Himmel und Erde gemacht; ihn mögen wir anbeten und brauchen uns darin nicht stören zu lassen durch höhnische Fragen von Leuten, die so verrückt sind, dass sie sich weigern, den lebendigen Gott anzubeten, und doch ihre Knie beugen vor Bildern, die sie selber geschnitzt haben. Von alledem können wir eine Anwendung machen auf die Zeiten, in denen wir leben. Der Gott des modernen Denkens ist eine Schöpfung des Denkers selbst, entwickelt aus dessen eigenem Bewusstsein oder gebildet nach seiner Meinung darüber, wie ein Gott beschaffen sein müsse. Nun ist es sonnenklar, dass solch ein Wesen kein Gott ist. Es ist unmöglich, dass es überhaupt einen Gott gebe außer dem Gott der Offenbarung. Ein Gott, den wir mit unseren Gedanken bilden können, ist so wenig ein Gott wie das Bild, von Menschenhänden gemacht. Der wahre Gott muss unbedingt sein eigener Offenbarer sein. Es ist augenscheinlich unmöglich, dass ein Wesen, das von der menschlichen Vernunft ersonnen und umfasst werden kann, der unendliche und unbegreifliche Gott sei. Jener Götzen sind verblendete Vernunft und angekränkelter Verstand, das Erzeugnis des benebelten Menschenhirns; darum müssen sie zunichte werden.

5. Sie haben Mäuler und reden nicht. Die Götzen vermögen auch nicht den leisesten Laut von sich zu geben; sie können sich mit ihren Verehrern nicht in Verbindung setzen, können weder verheißen noch drohen, weder befehlen noch trösten, weder die Vergangenheit erklären noch die Zukunft weissagen. Hätten sie keine Mäuler, so würde niemand von ihnen erwarten, dass sie reden; da sie aber einen Mund besitzen und doch nicht sprechen, sind sie stumme Götzen, nicht wert, mit Gott, dem HERRN, verglichen zu werden, der am Sinai im Donner redete, in der Vergangenheit durch seine Knechte, die Propheten, seinen Willen kundtat, und dessen Stimme noch jetzt die Zedern im Libanon zerbricht. Sie haben Augen und sehen nicht. Sie können nicht sagen, wer ihre Anbeter seien und was sie opfern. Gewisse Götzenbilder haben als Augen Edelsteine gehabt, die von höherem Wert waren, als dass ein König sie hätte auslösen können; aber sie waren deshalb doch gerade so blind wie die übrigen von der Verwandtschaft. Ein Gott, der Augen hat und doch nicht sieht, ist eine blinde Gottheit; und Blindheit ist bekanntlich ein Unglück und nicht ein Zeichen von Göttlichkeit. Der Mensch muss sehr blind sein, der einen blinden Gott verehrt. Wir bemitleiden einen blinden Mitmenschen; ein blindes Götzenbild anzubeten, ist eine seltsame Sache.

6. Sie haben Ohren und hören nicht. Der Psalmdichter hätte auch wohl auf die ungeheuerlichen Ohren hinweisen können, mit denen manche heidnische Gottheiten verunstaltet sind. Ja, die haben Ohren; aber kein Gebet ihrer Verehrer, ob es auch von Millionen Stimmen gekreischt würde, kann je von ihnen gehört werden. Wie mag Gold und Silber hören? Und wie bringt ein vernunftbegabtes Wesen es über sich, Bitten an jemand zu richten, der seine Worte nicht einmal zu vernehmen imstande ist? Sie haben Nasen und riechen nicht. Der Dichter häuft diese Aussagen offenbar mit einem Anflug von dem beißenden Spott, mit dem ein Elia sprach: Ruft laut! denn er ist ein Gott; er dichtet oder hat zu schaffen oder ist über Feld oder schläft vielleicht, dass er aufwache! (1. Könige 18,27) Mit heiligem Hohn macht er sich lustig über die Menschen, welche wohlriechende Spezerei verbrennen und ihre Tempel mit Weihrauchwolken erfüllen, und das alles als Opfergabe für einen Abgott, dessen Nase den Wohlgeruch gar nicht wahrzunehmen vermag. Der Psalmist weist gleichsam mit dem Finger auf jeden einzelnen Teil des Götzenantlitzes und überhäuft damit den edelsten Teil des Idols mit Verachtung, wenn bei einem solchen Ding überhaupt von edlen Teilen die Rede sein kann.

7. Indem der Psalmist sich das Götzenbild nunmehr weiter unten besieht, fährt er fort: Sie haben Hände und greifen nicht. Sie können nicht nehmen, was man ihnen hinhält, können weder das Zepter der Macht noch das Schwert der Rache ergreifen, vermögen weder Wohltaten zu spenden noch Strafen zu erteilen; ja, auch nur die unbedeutendste Tat auszuführen sind sie völlig ohnmächtig. Eines kleinen Kindes Hand übertrifft sie an Macht. Füße haben sie und gehen nicht. Man muss sie auf ihren Platz heben, sonst würden sie nie auf ihren Altarthron kommen; sie müssen noch dazu auf ihrem Thron befestigt werden, sonst würden sie fallen; sie müssen getragen werden, sonst könnten sie sich niemals von ihrer Stätte bewegen; sie vermögen weder ihren Freunden zu Hilfe zu kommen noch der bilderstürmerischen Wut ihrer Gegner zu entfliehen. Das niedrigste Insekt hat mehr Bewegungsfreiheit als der höchste heidnische Gott! Und reden nicht durch ihren Hals. Sie bringen es nicht einmal zu solchen Kehllauten, wie die untersten Tiergattungen sie äußern; da ist kein Grunzen, Brüllen, Bellen, Kläffen, nicht einmal ein leises Brummen lassen sie hören. Ihre Priester versicherten zwar, dass die Statuen der Götter bei besonderen Gelegenheiten hohle Töne von sich gäben; aber das war lügnerisches Vorgeben oder bauchrednerischer Betrug. Bilder von Gold und Silber sind nicht fähig, lebendige Laute auszustoßen. - So hat denn der Psalmist den Abgott vom Kopf bis zu den Füßen in Augenschein genommen, hat ihm ins Angesicht geblickt und in den Hals geguckt, und das Ergebnis ist die äußerste Verachtung.

8. Die solche machen, sind ihnen gleich. Menschen, die derartige Gegenstände verfertigen, damit man sie anbete, sind so dumm, so gefühllos und vernunftlos wie die Bilder, die sie machen. Soweit es sich um geistliches Leben, um Nachdenken und Urteil handelt, sind sie toten Bildern ähnlicher als wirklichen lebendigen, vernunftbegabten Menschen. Das Urteil ist nicht zu streng; ja der Ausdruck des Grundtextes ist noch stärker: sie werden ihnen gleich. Das ist, wie Tholuk sagt, der Fluch alles falschen Gottesglaubens, dass der Mensch wird wie sein Gott, und also die Anbeter eines seelenlosen Gottes seelenlos werden wie er. Und alle, die auf sie hoffen. Wer so tief gesunken, dass er fähig ist, auf Götzenbilder sein Vertrauen zu setzen, der hat die höchste Stufe der Torheit und des Irrwahns erreicht und ist ebenso großer Verachtung wert wie sein abscheulicher Götze. Manches harte Wort Luthers ist vom römischen Aberglauben reichlich verdient. Aber der Gott des modernen Denkens ähnelt ebenfalls außerordentlich den in diesem Psalm beschriebenen Gottheiten. Der Pantheismus, der die Natur zu seinem Gott macht, ist dem Polytheismus (der heidnischen Vielgötterei) verwandt und unterscheidet sich trotzdem nur wenig von dem Atheismus (der Gottesleugnung). Der Gott, den unsere großen Denker für uns verfertigt haben, ist ein leerer, toter Begriff; er hat keine ewigen Zwecke, er tritt nicht ein für seine Verehrer, er macht sich nicht viel daraus, wieviel der Mensch sündigt, denn er hat die in seine Mysterien Eingeweihten mit einer "erweiterten Hoffnung"2 beschenkt, nach der auch die Allerunverbesserlichsten wieder zurecht gebracht werden sollen. Dieser Gott ist das, wozu ihn zu machen der jeweiligen letzten Reihe von Gelehrten gefällt, er hat gesagt, was sie zu sagen belieben, und muss tun, was ihnen vorzuschreiben geruht. Überlassen wir dieses Glaubensbekenntnis und seine Anhänger ruhig sich selber, sie werden ihre eigene Widerlegung ohne unsre Hilfe vollenden. Denn wie jetzt ihr Gott nach ihnen gemodelt ist, so werden sie sich nach und nach ihrem Gott ähnlich gestalten; und wenn die Grundsätze von Gerechtigkeit, Gesetz und Ordnung alle erfolgreich untergraben sind, werden wir vielleicht in irgendeiner Form des Sozialismus ähnlich derjenigen, die sich heutigentags in so bedauerlicher Weise ausbreitet, eine Wiederholung der bösen Zustände erleben, die in früheren Zeiten über Völker gekommen sind, die den lebendigen Gott verworfen und Götter eigener Mache aufgestellt haben.


Fußnote
2. The larger hope, Schlagwort jener weit verbreiteten Richtung (der modernisierten Gestalt der alten Wiederbringungslehre), von der man wird sagen müssen, dass sie nicht etwa nur die puritanische Enge in der Gnadenlehre zu der biblischen Fülle zu erweitern bestrebt ist, sondern dass sie über das Geschick des Sünders nicht den Aussagen der Schrift, sondern der menschlichen Spekulation das entscheidende Wort lässt. - James Millard
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 115

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9.
Aber Israel hoffe auf den Herrn;
der ist ihre Hilfe und Schild.
10.
Das Haus Aaron hoffe auf den HERRN;
der ist ihre Hilfe und Schild.
11.
Die den HERRN fürchten, hoffen auf den HERRN;
der ist ihre Hilfe und Schild.
12.
Der HERR denkt an uns und segnet uns;
er segnet das Haus Israel,er segnet das Haus Aaron;
13.
er segnet, die den HERRN fürchten,
beide, Kleine und Große.
14.
Der HERR segne euch je mehr und mehr,
euch und eure Kinder.
15.
Ihr seid die Gesegneten des HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.



9. Aber Israel hoffe auf den HERRN. Was immer andre tun, mögen die Auserkorenen des Himmels fest an dem Gott halten, der sie erwählt hat. Jehovah ist Jakobs Gott, mögen Jakobs Nachkommen sich ihrem Gott treu erweisen durch die Zuversicht, die sie auf ihn setzen. Wie kummervoll unsere Lage sein mag und wie ungestüm die lästerliche Sprache unserer Feinde, wollen wir uns doch nicht fürchten noch wanken, sondern vertrauensvoll auf ihn zählen, der mächtig ist, seine Ehre zu behaupten und seine Knechte zu schützen. Der ist ihre Hilfe und Schild. Er ist der Freund der Seinen im Tun und Leiden, gewährt ihnen Beistand in der Arbeit und Schutz in Gefahr. - Im Grundtext steht die Ermahnung, auf den HERRN zu hoffen, in diesem und den folgenden Versen viel wirkungsvoller in der Form der direkten Anrede: O Israel, traue auf den HERRN! Ihr vom Hause Aaron, vertrauet auf den HERRN! Die ihr den HERRN fürchtet, vertrauet auf den HERRN! Dann aber lässt der Psalmist in jedem der Vers diese Anrede fallen und fährt in der dritten Person fort, als hielte er eine Art Selbstgespräch und flüsterte bei sich: "Sie mögen es auch wahrlich wohl tun, denn er ist zu allen Zeiten die Stärke und die Sicherheit seiner Diener". Übrigens passt dieser Wechsel der Person auch gut zu dem antiphonischen (von zwei Chören im Wechsel ausgeführten) Vortrag des Psalms.

10. Das Haus Aaron hoffe auf den HERRN. Ihr, die ihr ihm am nächsten steht, vertraut ihm auch am festesten! Euer ganzer Beruf steht ja in engster Beziehung zu seiner Treue und hat den Zweck, seine Herrlichkeit kundzutun; darum lasst nie einen Zweifel an ihm in euren Herzen aufkommen, sondern seid den andern ein Beispiel heiligen Gottvertrauens. Die Priester waren dem Volk zu Leitern, Lehrern und Vorbildern gesetzt und waren darum verpflichtet, vor allen andern rückhaltlos sich auf Israels Gott zu verlassen. Der Psalmdichter freut sich, hinzufügen zu dürfen, dass dies von ihnen geschieht, denn er fährt fort: Der ist ihre Hilfe und Schild. Es ist leicht und doch passend, die zum Glauben zu ermuntern, die schon Glauben haben. "Solches hab ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes..., auf dass ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes." (1. Joh. 5,13.) Priesterlich geheiligte Gemüter können wir durch Erinnerung anspornen und dürfen Menschen zum Vertrauen auf den HERRN ermahnen, eben weil wir wissen, dass sie bereits auf ihn trauen.

11. Der nächste Vers fährt im gleichen Tone fort: Die den HERRN fürchten, (mögen) hoffen auf den HERRN. Ob ihr vom Hause Aarons seid oder nicht, ja ob ihr zu Israel gehört oder nicht, allen, die Jehovah verehren, ist es gestattet und befohlen, sich gläubig in dem HERRN zu bergen. (Der Ausdruck "die den HERRN fürchten" ist bekanntlich im Alten und Neuen Testament stehende Bezeichnung der Proselyten, 1. Könige 8,41.43; Apg. 13,16.) Der ist ihre Hilfe und Schild. Er stützt und schirmt alle, die ihn in kindlicher Ehrfurcht anbeten, welchem Volke sie auch angehören mögen. Ohne Zweifel waren diese wiederholten Ermunterungen zum Gottvertrauen nötig wegen der traurigen Lage, in der sich die Kinder Israel damals befanden. Die höhnischen Reden des Widersachers verwundeten alle; am schmerzlichsten mussten sie von den Priestern und anderen Dienern des HERRN empfunden werden, aber auch diejenigen, die vielleicht nur heimlich im Herzen Proselyten waren, seufzten im Geheimen sicherlich unter der Schmach, die ihrer Religion und ihrem Gott angetan ward. Der Gang der Ereignisse konnte sie stutzig machen und ihren Glauben ernstlich gefährden; eben darum werden sie einmal und abermals und noch einmal aufgefordert, auf Jehovah zu trauen.
Welch lieblicher Gesang muss dieser Psalm doch für israelitische Familien gewesen sein, die in Babel oder fern in Persien wohnten, wenn sie des Nachts sich versammelten, um das Passahmahl zu essen in einem Lande, das sie nicht kannte, und wo sie weinten, wenn sie an Zion gedachten. Es ist uns, als hörten wir sie die dreifache Ermunterung wiederholen: "O vertrauet auf Jehovah", als hörten wir sie alle, Männer, Frauen und Kinder, das Spottlied (V. 4-8) auf den heidnischen Götzendienst singen und ihr treues Anhangen an dem einen Gott Israels verkündigen. Gleicherweise ziemt es in diesen Tagen, wo Gott so gelästert und getadelt wird, uns allen, die Wahrheit und Treue Gottes fort und fort und immer wieder zu bezeugen. Die Zweifelgeister verkündigen ihren Unglauben laut genug; lasst uns unseren Glauben ebenso freimütig bekennen.

12. Der HERR denkt an uns, oder wörtl.: hat an uns gedacht. Seine Gnadentaten der Vergangenheit beweisen, dass wir ihm am Herzen liegen, und ob er uns auch gegenwärtig betrübt, vergisst er unser doch nicht. Wir müssen uns ihm nicht in Erinnerung rufen, als ob er es schwer fände, seiner Kinder eingedenk zu sein, sondern er hat unser gedacht und wird darum auch in Zukunft in Güte und Treue an uns handeln. Und segnet uns. Das "uns" ist überflüssige Einfügung des Übersetzers, und während die vorhergehenden Worte im Grundtext im Perfekt (der Gewissheit) stehen, lauten die folgenden: Er wird segnen - segnen das Haus Israel, segnen das Haus Aaron. Die Wiederholung des Wortes segnen macht die Stelle sehr wirkungsvoll. Der HERR hat viele Segnungen, deren jede des Gedenkens wert ist; er segnet wieder und wieder. Wo er einmal seine Huld geschenkt hat, lässt er sie dauernd walten; es ist seinem Segen eine Lust, dasselbe Haus oft zu besuchen und da zu weilen, wo er einmal eingekehrt ist. Das Segnen macht unseren Gott nicht arm. Er hat in der Vergangenheit seine Wohltaten reichlich ausgestreut, und er wird sie doppelt und dreifach so mächtig in Zukunft niederströmen lassen. Er hat und wird geben einen allgemeinen Segen für alle, die ihn fürchten, einen besonderen Segen für das ganze Haus Israel, und einen zwiefachen Segen für die Söhne Aarons. Es ist seine Art, zu segnen, es ist sein Kronrecht, zu segnen, es ist seine Ehre, zu segnen, es ist seine Wonne, zu segnen; er hat verheißen zu segnen, darum seien wir dessen gewiss, dass er segnen, segnen, ja segnen wird ohne Aufhören.

13. Er segnet, Grundtext: wird segnen, die den HERRN fürchten, beide, Kleine und Große.Solange jemand den HERRN fürchtet, liegt nichts daran, ob er Burggraf oder Bauer, Standesherr oder Steinklopfer ist, Gott wird ihn ganz sicherlich segnen. Er sorgt für die Bedürfnisse alles Lebendigen, vom Leviathan im Weltmeer bis zum Käferlein auf dem Grashalm, und er wird keinen der Gottesfürchtigen vergessen werden lassen, so gering ihre Fähigkeiten, so niedrig ihr irdischer Stand sein mögen. Das ist eine köstliche Herzstärkung für solche, deren Glaube noch klein ist und die sich noch ganz als kleine Kinder in der Familie derer "von Gnaden" fühlen. Der gleiche Segen ist vorhanden für den kleinsten wie für den größten Heiligen; ja, wenn ein Unterschied gemacht wird, dann der, dass die "Kleinen" zuerst kommen. Denn da das Bedürfnis da noch dringender ist, wird auch die Hilfe noch schneller gesandt.

14. Der HERR mehre euch (Grundtext), euch und eure Kinder. Gerade wie er in Ägypten das Volk sich über die Maßen viel mehren ließ, so wird er die Zahl seiner Heiligen wachsen lassen auf Erden. Nicht nur sollen die dem HERRN Treuen durch Bekehrungen gesegnet werden und also einen geistlichen Samen haben, sondern ihre geistlichen Kinder sollen auch selber wieder fruchtbar sein, und also wird die Zahl seiner Auserwählten voll werden. Gott wird des Volks viel machen und damit auch seine Freude groß machen. (Jes. 9,2) Bis zum Ende der Zeiten wird das Geschlecht der wahren Gläubigen bestehen und immer mehr an Zahl und Einfluss zunehmen. Der erste der Menschheit gegebene Segen lautete: "Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde", und eben diesen Segen spricht Gott nun über die, so ihn fürchten. Trotz allen Idolen (Abgöttern) der törichten Weltweisheit und des abergläubischen Sakramentalismus (der Verirrung, die die Sakramente an die Stelle Christi als Heilsgrund setzt) wird die Wahrheit sich Jünger werben und das Land mit den Heerscharen ihrer Verteidiger füllen.

15. Ihr seid die Gesegneten des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Dies ist eine andere Form des Segens Melchisedeks: "Gesegnet seist du, Abram, von dem höchsten Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erde", und durch unseren himmlischen Melchisedek ruht eben dieser Segen auf uns, den Kindern des gläubigen Abraham. Das ist ein allmächtiger Segen, der uns alles gewährt, was der allvermögende Gott nur tun kann, sei es im Himmel oder auf Erden. Diese Fülle ist unendlich, und der Trost, den sie uns bringt, unfehlbar für alle Lagen passend. Er, der Himmel und Erde gemacht hat, kann uns alles geben, was immer wir hienieden brauchen, und uns sicher zu seinem herrlichen Schloss droben bringen. Wohl dem Volke, auf dem ein solcher Segen ruht; sie haben ein unendlich besseres Teil als diejenigen, deren Hoffnung auf einem Stück vergoldetem Holz oder einem aus Stein gemeißelten Bilde beruht.

16.
Der Himmel allenthalben ist des HERRN;
aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.



16. Der Himmel allenthalben ist des HERRN, wörtl.: der Himmel ist Himmel (Wohn- und Offenbarungsstätte) für Jehovah, da regiert er vornehmlich und enthüllt seine Größe und Herrlichkeit; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben. Während der gegenwärtigen Haushaltung hat er die Erdenwelt in großem Maße der Macht und dem Willen der Menschen überlassen, so dass die Dinge hienieden nicht in der gleichen vollkommenen Ordnung sind, wie es mit den Dingen droben der Fall ist. Es ist wahr, der HERR waltet über allem mit seiner Vorsehung; doch lässt er es für die jetzige Zeit zu, dass die Menschen seine Gesetze brechen, sein Volk verfolgen und im Gegensatz zu ihm ihre stummen Götzen aufstellen. Die Freiheit des Wollens und Wirkens, mit der er seine Geschöpfe begabt hat, machte es notwendig, dass er seiner Macht in gewissem Maße selber Schranken anlegte und es litt, dass die Menschenkinder ihren eigenen Anschlägen folgten; doch ist er nichtsdestoweniger, da er seinen Thron im Himmel nicht aufgegeben hat, noch Herr der Erde und kann die Zügel zu jeder Zeit alle in seiner Hand zusammenfassen. Vielleicht ist jedoch bei der Stelle ein anderer Sinn beabsichtigt, nämlich der, dass Gott sein Volk mehren wird, weil er ihnen die Erde gegeben hat und will, dass sie sie füllen sollen. Der Mensch war ursprünglich zu Gottes Statthalter auf Erden bestellt, und wiewohl wir jetzt noch nicht alles dem Menschen untertan sehen, sehen wir doch Jesus hoch erhöht, und in ihm werden auch die Menschenkinder eine erhabenere Herrschaft selbst auf Erden erlangen, als sie bisher gekannt haben. "Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen und ihre Lust haben an großem Frieden" (Ps. 37,11), und unser Herr Jesus Christus wird glorreich herrschen unter seinen Ältesten (vergl. Jes. 24,23). Dies alles wird die überschwängliche Herrlichkeit dessen erstrahlen lassen, der sein Wesen offenbart im Himmel droben und in dem mystischen Leibe Christi hienieden. Die Erde gehört den Söhnen Gottes, und wir sind verpflichtet, sie für unseren hochgelobten König Jesus zu unterwerfen, denn er muss herrschen. Jehovah hat ihm die Heiden zum Erbe gegeben und der Welt Enden zum Eigentum (Ps. 2,8).
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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17.
Die Toten werden dich, HERR, nicht loben,
noch die hinunterfahren in die Stille!
18.
Sondern wir loben den HERRN
von nun an bis in Ewigkeit.Hallelujah!



17. Die Toten werden dich, HERR, nicht loben - sofern diese Welt in Betracht kommt. Sie können nicht in die Psalmen und Lobgesänge und geistlichen Lieder einstimmen, mit denen die Gemeinde ihrem Herrn voller Wonne Anbetung darbringt. Der Prediger kann von seinem Sarge aus den HERRN nicht rühmen, und ebenso wenig der Stadtmissionar oder die Diakonisse, wenn sie im Grabe liegen, in eifrigem Wirken dienender Liebe die Macht der Gnade erweisen. Noch die hinunterfahren in die Stille. Aus dem Grabe erschallt kein Laut; von den modernden Gebeinen und den den Leib verzehrenden Würmern her erklingt keine Stimme, die das süße Evangelium verkündigt oder in lieblichen Liedern Gottes Gnade rühmt. Von den Sängern des gottgeweihten Chors der Heiligen geht leise einer nach dem andern von uns, und wir vermissen ihre liebe Stimme. Gott sei Dank, sie sind nach droben gegangen, um die himmlischen Harmonien zu verstärken; was jedoch uns betrifft, so gilt es, dass wir umso eifriger singen, weil so viele Sänger unsere Reihen verlassen haben.

18. Sondern wir loben den HERRN von nun an bis in Ewigkeit. Wir, die wir noch leben, wollen Sorge tragen, dass Gottes Preis unter den Menschenkindern nicht aufhört. Unsere Trübsal und Niedergeschlagenheit des Gemütes soll uns nicht veranlassen, unsere Lobgesänge auszusetzen; noch sollen Alter und zunehmende Schwäche und Gebrechlichkeit das himmlische Feuer in uns dämpfen, nein, sogar der Tod soll uns nicht dazu bringen, von dem köstlichen Werk abzulassen. Die geistlich Toten können Gott nicht loben; das Leben aber, das in uns ist, dringt uns dazu. Mögen jene, die ohne Gott dahinleben, in stummem Schweigen verharren, wir aber wollen unsere Stimme zu Jehovahs Ruhm erheben. Selbst wenn er für eine Weile kein Wunder tut und wir kein besonderes Eingreifen seiner Allmacht wahrnehmen, wollen wir doch kraft dessen, was er in vergangenen Zeiten getan hat, seinen Namen loben, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht, wenn er abermals hell erstrahlen wird wie die Sonne, um das Angesicht seiner Kinder zu erfreuen. Die gegenwärtige Zeit ist gerade dazu günstig, ein Leben des Lobpreises zu beginnen, da er uns heute auffordert, auf die Stimme seiner Gnade zu hören. Von nun an, das ist der Rat der Weisheit, denn diese Pflicht sollte nicht aufgeschoben werden, und es ist ein Gebot der Dankbarkeit, denn es sind dringende Gründe zu pünktlichem Danke vorhanden. Fangen wir einmal damit an, Gott zu preisen, so haben wir einen endlosen seligen Dienst begonnen. Selbst die Ewigkeit kann die Gründe nicht ausschöpfen, um deren willen Gott verherrlicht werden soll. Hallelujah, preiset den HERRN. Wiewohl die Toten Gott nicht preisen können, die Gottlosen es nicht wollen und die Gleichgültigen es nicht tun, wollen wir doch das Hallelujah jubelnd singen in Ewigkeit. Amen.

Erläuterungen und Kernworte

V. 1. Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre. Alle Welt, und die ihres Sinnes sind, rufen zusammen: Uns die Ehre, uns gebühret zu reden. Der Glaube, der auch hierin der Sieg ist, der die Welt überwindet, gibt Gott lauterlich die Ehre und lehnt es nicht nur in Bescheidenheit von sich ab, sondern er wehret sich recht: Nicht uns, nicht uns; denn Ehre und Lobeserhebungen soll man wie feurige Kohlen von sich abschütteln. Man erwäge das bedenkliche Exempel Apg. 12,23 und Apg. 14,14.15. Karl H. Rieger † 1791.

Wenn es der Engel Art ist, alle ungeziemende, Gottes Thron gestohlene Ehre von sich abzuweisen (Off. 22,8 f.), so ist es teuflische Weise, solche anzunehmen und zu hegen. Die eigne Ehre zu suchen ist nicht eine Ehre, sondern verächtlich, eine Unehre für das Geschöpf, das nach dem Gesetz seiner Erschaffung auf ein ganz anderes Ziel hingewiesen ist. Allen Weihrauch, den wir unserem Ansehen, der Geschicklichkeit unserer Hände oder dem Scharfsinn unseres Verstandes darbringen, entziehen wir Gott, dem alle Ehre allein gebührt. Stephen Charnock † 1680.

Dieser Vers ist nicht eine Lobpreisung, als welche er häufig angesehen und angewendet wird, sondern ein Gebet. Nicht sowohl um unserer Sicherheit oder unseres Wohlergehens willen, als vielmehr um deiner Ehre willen wollest du uns befreien. Nicht zur Befriedigung unserer Rachlust an unseren Widersachern und nicht zur Förderung unserer Interessen, sondern zur Verherrlichung deiner Gnade und Wahrheit begehren wir deine Hilfe, damit die Menschen erkennen, dass du ein Gott bist, der seinen Bund hält; denn Gnade und Wahrheit sind die beiden Säulen dieses Bundes. Es ist eine Entehrung Gottes, wenn wir irgendetwas von ihm begehren mehr als ihn selbst oder nicht für ihn selbst. Augustin sagt, es sei auch beim Beten nur ein fleischlicher Trieb, wenn der Mensch sich selber mehr als Gott suche. Unser Selbst und Gott sind die zwei, die in Wettbewerb kommen. Nun ist zwar bei dem Ich verschiedenerlei Art zu unterscheiden; es gibt ein fleischliches Ich, ein natürliches Ich, ein geistliches Ich und ein verherrlichtes Ich; vor diesen allen jedoch muss Gott den Vorrang haben. Thomas Manton † 1677.

Es gibt viele köstliche Schriftworte, die uns so lieb geworden und mit denen wir so verwachsen sind, dass wir es uns gar nicht anders denken können, als dass wir sie in den Himmel mitnehmen werden und sie nicht nur den Text unserer Lobgesänge, sondern auch ein Stück unserer Seligkeit und Freude in der Herrlichkeit bilden werden. Wenn es aber ein Wort gibt, das von den Lippen jedes Erlösten kommen muss, wenn er in den Himmel eingeht, und das das unerschöpfliche, nimmer ermüdende Thema der Lieder der Ewigkeit bilden wird, dann ist es gewiss der erste Vers dieses Psalms. Barton Bouchier 1856.

V. 3. In heiliger Kühnheit wirft die Gemeinde solchem frevelhaften Gedanken (dass der Gott Israels ein Phantom der Ohnmacht sei, V. 2) den Schild des Glaubens entgegen, da ja ihr Gott so unumschränkt ist als der Himmel und tun kann, was er will. So zeigt die Verbindung der beiden Sätze in V. 3, dass, wenn der Gott der Schrift Gott im Himmel genannt wird, in dieser Benennung keine Beschränkung liegt, dass sie vielmehr sagen will, er sei so erhaben über alle irdischen Schranken wie der Himmel, der hoch und unermesslich über der Erde ist. Prof. A. Tholuck 1843.

Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. Es wäre wahnsinnig, das Gleiche von den Götzen zu behaupten. Wenn daher die Heiden fragen: "Wo ist nun ihr Gott?" so ist die Antwort: "Er ist im Himmel; aber wo sind eure Götter? Auf Erden, nicht Schöpfer der Erde, sondern gemacht von Erden." Martin Geier † 1681

V. 4. Man kann die Stelle auch gegensätzlich übersetzen: Wiewohl sie von Gold und Silber, vom kostbarsten Material sind, sind sie doch nicht Götter, weil sie das Werk von Menschenhänden sind. Jean Calvin † 1564.

Silber und Gold, geeignete Stoffe, um Geld daraus zu prägen, aber nicht, um Götter davon zu machen! Matthew Henry † 1714.

Der ganze Götzendienst war so offenbar nichtig, dass ernstere Heiden selber darüber gelächelt haben und er die Zielscheibe für die Witze der heidnischen Freidenker und Possenreißer wurde. Wie beißend sind z. B. folgende Worte von Juvenal (Satyren XIII, 113): "Hörst du denn, Jupiter, diese Dinge? Bewegst deine Lippen nicht, wo du doch sprechen solltest, seist du von Marmor oder von Erz? Oder warum tun wir denn den heiligen Weihrauch auf deinen Altar und die herausgenommene Leber eines Kalbes und die weiße Netzhaut eines Ebers? Soviel ich erkennen kann, ist kein Unterschied zwischen deinem Standbild und dem des Bathyllus." Dieser aber war ein Geiger und Spieler, dessen Bild auf Befehl des Polykrates in dem Tempel der Juno zu Samos aufgerichtet worden war! Adam Clarke † 1832.

Von Menschenhänden gemacht. Die folgende Anzeige ist einer chinesischen Zeitung entnommen: "Archen Ti Chinchin, Bildhauer, erlaubt sich, Schiffsherren, die von Kanton nach Indien Handel treiben, ergebenst davon zu benachrichtigen, dass sie sich bei ihm mit Figurenköpfen, ganz nach Bestellung gemacht, zu einem Viertel des in Europa geforderten Preises versehen können. Er empfiehlt auch zu persönlichen Versuchen die folgenden Götzen, in Erz, Gold und Silber: den Habicht des Wischnu, mit Reliefs der Inkarnationen (Verkörperungen) des Gottes in Fisch, Eber, Löwe und Schildkröte. Ein ägyptischer Apis, ein goldenes Kalb und ein Stier, wie ihn die frommen Anhänger Zoroasters anbeten. Zwei silberne Mammositen mit goldenen Ohrringen; Götzen für persischen Gottesdienst; einen Widder, ein Krokodil, eine Krabbe, eine Lachhyäne, auch eine Auswahl von Hausgöttern in kleinem Maßstab, auf Anbetung in den Familien berechnet. Ich gewähre achtzehn Monate Kredit oder bei Barzahlung einen Abzug von fünfzehn Prozent auf die jedem Artikel angehefteten Preise. Man adressiere Chinastraße, Kanton, zu dem marmornen Rhinozeros und der vergoldeten Hydra." K. Arvine 1859.

Von Menschenhänden gemacht. Was müssen das für reizende Götter sein, besonders wenn sie das Werk von Stümpern sind, wie das Heiligenbild von Cockram, von dem der Bürgermeister von Doncaster den Klägern launig sagte, dass es, wenn es für einen Gott nicht gut genug sei, ja einen vorzüglichen Teufel abgeben würde. John Trapp † 1669.

V. 4-7. Schön ist, wie der Gegensatz zwischen dem Gott Israels und den heidnischen Götzen hier ins Licht gestellt wird. Er hat alles gemacht, sie sind selber von Menschen gemacht; er ist im Himmel, sie auf Erden; er kann schaffen, was er will, sie vermögen nichts; er sieht die Leiden, hört und erhört die Gebete, nimmt die Opfer an, kommt seinen Dienern zu Hilfe und bewirkt ihr Heil; sie sind blind, taub und stumm, ohne Verstand, unbeweglich und ohnmächtig. Gleich übelhörig, gleich ohnmächtig zu helfen, auch in den größten Nöten, wird sich jeder Abgott erweisen, an den Menschen sich hängen und zu dem sie durch die Tat sagen: Du bist mein Gott. Bischof G. Horne † 1792.

In Alexandria befand sich das berühmte Serapion, ein Tempel des Serapis, der höchsten Gottheit der Ägypter, die über die Überschwemmungen des Nils und die Fruchtbarkeit Ägyptens Herr war. Es war ein umfangreiches, stark befestigtes und sehr schönes Bauwerk, das einen Hügel im Mittelpunkte der Stadt krönte, und zu dem hundert Stufen hinaufführten. Das Bild der Gottheit war eine Kolossalstatue, die mit den ausgestreckten Händen die beiden Seiten des Gebäudes berührte, während das Haupt an das hohe Dach reichte. Sie war reich mit edlen Metallen und Edelsteinen verziert. Als der Kaiser Theodosius die Zerstörung des heidnischen Tempels befohlen hatte, machte sich der Bischof Theophilus, von Soldaten begleitet, eilends daran, die Stufen zu erklimmen und in das Heiligtum einzudringen. Der Anblick des Götzenbildes war so gewaltig, dass selbst die christlichen Bilderstürmer einen Augenblick stutzten. Der Bischof gab aber einem der Soldaten Befehl, ohne Zögern dreinzuhauen. Mit einem Beil traf er die Statue am Knie. Alle warteten in gewisser Erregung, aber da war kein Laut, noch irgendein Zeichen des Zorns des Gottes. Dann klommen die Soldaten zu dem Haupte hinauf und schlugen es ab, dass es zu Boden rollte. Eine zahlreiche, in ihrem stillen Heim im Inneren des heiligen Bildes gestörte Rattenfamilie stürzte aus der unter den Streichen erzitternden Statue und rannte über den Fußboden des Tempels. Jetzt finden die Leute an zu lachen und setzten das Zerstörungswerk mit verstärktem Eifer fort. Sie schleiften die Trümmer des Standbildes durch die Straßen. Selbst die Heiden wurden solcher Götter überdrüssig, die sich selbst nicht verteidigten. Das große Gebäude ward zerstört und hernach eine christliche Kirche an seiner Stelle erbaut. Wohl war bei den Leuten noch einige Besorgnis, der Nil möchte sein Missfallen durch Verweigerung der Überschwemmung kundtun. Da der Fluss darauf jedoch sogar zu außergewöhnlicher Höhe stieg und aufs freigebigste das Land befruchtete, war bald alle Angst verschwunden. Andr. Reed 1877.

Theodoret († 475) erzählt uns von der h. Publia, der betagten Äbtissin einer Gesellschaft von Nonnen in Antiochien, sie habe, wenn Julian der Abtrünnige mit einer götzendienerischen Prozession vorbeigezogen sei, diesen Psalm angestimmt: "Ihre Götzen sind Silber und Gold, ein Werk von Menschenhänden. Die solche machen sind ihnen gleich, alle, die auf sie hoffen." Der Kaiser habe, von Zorn erfüllt, seine Soldaten veranlasst, sie blutig zu schlagen, weil er den Stachel des alten hebräischen Liedes nicht ertragen konnte. J. M. Neale 1871.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 115

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Erläuterungen und Kernworte


V. 5. Der Mund hat zwar in sich den Gaumen, das Organ des Geschmacks, ist also auch ein Sinnesorgan wie Auge, Ohr usw., aber die Ehre des Mundes ist die Sprache. James G. Murphy 1875.

V. 7. Sie haben Hände und greifen nicht. Selbst der Künstler, der sie verfertigt hat, übertrifft sie demnach, da er die Fähigkeit hatte, sie durch die Bewegung und die Tätigkeit seiner Glieder zu gestalten, wiewohl du dich schämen würdest, diesen Verfertiger anzubeten. Ja sogar du selbst übertriffst sie, wiewohl du diese Dinge nicht gemacht hast, da du tust, was sie nimmer tun können. Aurelius Augustinus † 430.

Und reden nicht durch ihren Hals oder ihre Kehle. Das hebräische Zeitwort wird auch vom Ausstoßen dumpfer Töne, wie vom Knurren des Löwen, vom Girren der Taube oder vom Stöhnen und Ächzen eines Klagenden gebraucht. Fassen wir es auch hier als Ausstoßen unartikulierter Laute auf, so liegt keine Wiederholung, sondern eine Steigerung gegen Vers 5 vor. Nach W. Kay 1871.

V. 8. Die solche Bilder machen, zeigen damit ihre Erfindungs- und Bildnerkunst und sind ja ohne Zweifel vernünftige Menschen; sofern sie sie aber als Götter machen, zeigen sie ihre Dummheit und beweisen sie sich als ebenso vernunftlose, sinnlose Wesen wie die Abgötter selbst. Vergl. auch Mk. 4,12. Matthew Henry † 1714.

Werden ihnen gleich: nämlich Nichtigkeit, Jes. 44,9.10. W. Kay 1871.

Wenn es auch zuzeiten auf der Oberfläche anders sich darstellt (vergl. V. 2), so bleibt es doch ewig wahr und wird stets von neuem durch den Erfolg bestätigt: jeder ist das, was sein Gott ist. Wer dem Allmächtigen dient, ist mit ihm allmächtig; wer die Ohnmacht in törichter Verblendung zu seinem Gotte erhebt, mit ihr ohnmächtig. Das in ein treffliches Schutzmittel gegen die Furcht für die, welche gewiss sind, den rechten Gott zu haben. Prof. E. W. Hengstenberg 1845.

V. 12. (Grundtext) Gott hat sich so und so erzeigt, darum wird er dies und das tun, das ist ein sehr häufiger Schriftbeweis. John Trapp † 1669.

V. 16. Den Himmel hat der HERR sich vorbehalten, die Erde aber den Menschen gegeben. Diese Scheidung von Himmel und Erde ist ein Grundcharakterzug der alttestamentlichen Denkweise. Der Thronsitz Gottes ist im Himmel, und die Verheißung lautet auf Besitznahme der Erde (Ps. 37,22), wogegen im Neuen Testament das Erbe Himmel und Erde umfasst. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

V. 17. Nicht die Toten rühmen Jehovah. Der Psalmist zieht hier nicht in Betrachtung, was die Menschen in der zukünftigen Welt tun oder nicht tun, sondern, dass er und seine Mitbrüder ihre Pflicht, in dieser Welt Gottes Wahrheit zu verbreiten, nicht würden erfüllen können, wenn Gott sie durch den Tod von hinnen nähme. Es gibt einen zwiefachen Grund dafür, dass der Psalmdichter und andere heilige Männer im Alten Testament um Abwendung des Todes gebeten haben. Der eine hat Bezug auf sie selbst und liegt in der Dunkelheit der Verheißungen. Mose hatte ihnen alle zukünftigen Segnungen Gottes, alle Freude und Herrlichkeit des Himmels nur in schattenhaften Vorbildern, in irdischen Dingen vorgeführt und von dem Zustand der Seele nach diesem Leben wenig gesagt. Daher waren die Verheißungen für das zukünftige Leben nicht so klar, dass die Gottesfürchtigen sich kraft derselben vertrauensvoll dem Rachen des Todes hätten übergeben können. Wer an der zukünftigen Welt noch nicht seine volle Genüge finden kann, hilft sich notdürftig mit der gegenwärtigen. Der andere Grund hat Bezug auf Gott und seine Kirche weil Gott eine große Ernte vor der Hand hatte und wenig Arbeiter, ließen diese sich nur ungern aus der Arbeit wegnehmen. Was willst du für deinen großen Namen tun, sprechen die Gläubigen des Alten Bundes, wenn du die Menschen aus der Welt nimmst, die du erwählt, befähigt und begabt hast, deine Gemeinde auf Erden zu erbauen, zu erhalten und auszubreiten? Abraham Wright 1661.

Das Volk Gottes kann nicht sterben, weil mit ihm das Lob Gottes sterben würde, was unmöglich. Prof. E. W. Hengstenberg 1845.

Allerdings kommen in manchen Psalmen Worte vor, die dem Anschein nach die Hoffnung des ewigen Lebens ausschließen, z. B. Psalm 6,6; 30,10; 88,11; 89,48; 115,17. Aber es ist eine sehr bedeutsame Tatsache, dass in all den hierbei in Betracht kommenden Psalmen eine eifrige Sorge um Gottes Ehre und Verherrlichung zum Ausdruck kommt. Wird um Abwendung des Todes gebeten, so geschieht es, damit der HERR nicht um die Ehre, die Gemeinde nicht um den Dienst komme, die ein verlängertes Leben gewähren würde. Zu beachten ist ferner, dass die düstern Anschauungen vom Tode sich durchweg in Psalmen finden, die Zerknirschung und tiefen Kummer bekunden. Der 115. ist zwar ein Lobpsalm, doch zeigen die ersten Verse, dass Israel auch damals unter schwerem Druck war. Bei diesem Lied des zweiten Tempels fällt auch ins Gewicht, dass nicht sowohl ein einzelner, als die Gemeinde darin redet. Es geht die Ehre Gottes nahe an, dass auf Erden eine Gemeinde fortbestehe, in der sein Name von Geschlecht zu Geschlecht gerühmt werde. Ebenso liegt in allen ähnlichen Stellen die Förderung der Sache Gottes auf Erden den Betern am Herzen, wenn sie darum bitten, nicht vorzeitig hinweggenommen zu werden. Und ich zögere nicht, zu behaupten, dass es auch heute noch für Männer, die an Posten von hervorragender Nützlichkeit gestellt sind, zur Pflicht werden kann, diese Bitte zu der ihren zu machen. William Binnie 1870.

Die alttestamentliche Schranke spricht sich weiter V. 17 aus, wo dumah wie Ps. 94,17 das stille Land des Hades bedeutet, wie ägyptisch ta merseker das Land, welches das Schweigen liebt. Von einer Gott ohne Unterlass preisenden himmlischen Ekklesia (Gemeinde) nicht bloß der Engel, sondern auch der Geister aller im Glauben verstorbenen Menschen weiß das Alte Testament noch nichts. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

V. 1.
Die Worte mögen dienen: 1) als mächtiger Bittgrund, 2) als Ausdruck echt frommer Gesinnung, 3) als ein sicherer Führer bei allem theologischen Forschen, 4) als Richtschnur bei der Wahl des Lebensweges, 5) als Ausdruck Gott wohlgefälliger Gesinnung, wenn wir Erfolg der Vergangenheit oder Gegenwart überblicken.
1) Nicht dem Menschen gebührt Ehre und Ruhm. Schon für unser Dasein und Wesen nicht. Erfreuen wir uns der Gesundheit? Nicht uns dafür die Ehre. Genießen wir irdische Annehmlichkeiten? Haben wir Frieden, die Gnadenmittel, heilbringenden Glauben an Jesum Christum, Gaben und Tugenden, die Hoffnung der Herrlichkeit, Nützlichkeit für andere? Für alles das nicht uns die Ehre! 2) Alle Ehre, aller Ruhm gebührt Gott. a) Weil wir alles aus Gnaden haben. b) Weil alles, was wir noch erwarten, von Gottes Treue kommt. Georg Rogers 1878.
V. 2.
Eine höhnische Frage, auf die wir viele befriedigende Antworten zu geben vermögen.
Warum sprechen sie so? Und warum erlaubt Gott ihnen, also zu sprechen? Matthew Henry † 1714.
V. 2.3.
1) Die Frage der Heiden. V. 2. a) Eine Frage der Unwissenheit: sie sehen einen Tempel, aber keinen Gott. b) Eine Frage des Vorwurfs gegen Gottes Volk, wenn sein Gott es eine Zeit lang verlassen hat. 2) Die Antwort: V. 3. Fragt ihr, wo unser Gott sei? Fragt lieber: Wo ist er nicht? Fragt ihr, was er tue? Er hat stets getan alles, was ihm beliebt, und kann auch jetzt noch schaffen, was er will. George Rogers 1878.
V. 3.
1) Dass Gott im Himmel ist, zeigt seine unumschränkte Herrschaft an. 2) Seine Taten sind Beweise derselben. 3) Dennoch lässt er sich herab, unser Gott zu sein.
V. 3b.
Die unumschränkte Majestät Gottes. Man lege die fundamentale Schriftwahrheit dar (und ziehe zugleich daraus die Anwendungen), dass der herrliche Gott ein Recht hat, über alle seine Geschöpfe die volle Herrschaft auszuüben und in allen Dingen zu tun, was ihm beliebt. Dies Recht ergibt sich naturgemäß daraus, dass er der Schöpfer und der Eigentümer von Himmel und Erde ist. Betrachte: 1) Er ist allweise; er kennt alle seine Geschöpfe, alle ihre Handlungen und Neigungen durch und durch. 2) Er ist vollkommen gerecht. 3) Er ist unendlich gütig. George Burder 1838.
V. 4-8.
1) Die Art aller Abgötter. Ob die Kreatur oder Reichtümer oder weltliche Lüste unser Gott seien, sie haben kein Auge, das erbarmend auf uns sehen, kein Ohr, das unsere Bitten hören, keinen Mund, der uns guten Rat geben, keine Hand, die uns helfen kann. 2) Die Art des wahren Gottes. Er ist ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sprache, ganz Hand, ganz Fuß, ganz Verstand, ganz Herz. 3) Die Art der Götzenanbeter. Alle werden naturgemäß dem Gegenstand ihrer Anbetung ähnlich.
V. 8.
Die Ähnlichkeit zwischen den Götzendienern und ihren Götzen. Man führe die Ähnlichkeit an der Hand der im Psalme angeführten Einzelheiten vor.
V. 9.
Der lebendige Gott fordert Anbetung im Geiste. Die Lebenskraft solchen Gottesdienstes ist der Glaube. Der Glaube erprobt Gott als lebendige Wirklichkeit; "Er ist ihre Hilfe und Schild." Nur das auserkorene Volk des HERRN wird diesen lebendigen Gottesdienst ausüben.
V. 9-11.
1) Der leise Vorwurf: O du Israel, du Haus Aaron, ihr, die ihr den HERRN fürchtet - habt ihr es etwa an dem Hoffen auf den HERRN, euren Gott, fehlen lassen? 2) Die Ermahnung: Hoffet auf den HERRN! Habt ihr eurem Gott so vertraut, wie andere ihren falschen Göttern? 3) Die Unterweisung: Mögen Gemeinden, Hirten und alle, die den HERRN fürchten, wissen, dass er zu allen Zeiten und in allen Lagen ihre Hilfe und ihr Schild ist. G. Rogers 1878
V. 10.
1) Männer, die in der Öffentlichkeit dem HERRN zu dienen berufen sind, sollten dem HERRN auch besonders vertrauen. 2) Männer mit besonderem Beruf haben auch besondere Hilfe zu erwarten. 3) Männer, die in ihrem Dienst besondere Hilfe erfahren, dürfen auch besonderen Schutzes in Gefahren gewiss sein.
V. 11.
Kindliche Ehrfurcht vor Gott die Grundlage zu völligem Glauben.
V. 12.
1) Was wir erfahren haben: Der HERR hat an uns gedacht. 2) Was wir erwarten dürfen: Er wird segnen. Matthew Henry † 1714.
V. 12.13.
1) Was hat Gott für sein Volk getan? Er hat unser gedacht. a) Unsere Erhaltung, b) die mancherlei Gnaden, die wir besitzen, c) unsere Trübsale, d) unsere Leitung, e) unsere Tröstungen beweisen es. Alles und jedes, auch der kleinste Segen, stellt einen Gedanken Gottes in Bezug auf uns dar, und diese Gedanken reichen zurück in eine Ewigkeit, bevor wir ins Dasein kamen. Der HERR hat unser gedacht; sollten wir nicht billig seiner mehr gedenken? 2) Was wird Gott für sein Volk tun? Er wird uns segnen, und zwar a) göttlich reich. Seine Segnungen gleichen ihm. Die er segnet, die sind gesegnet. b) Unseren Bedürfnissen angemessen. Das Haus Israel, das Haus Aaron, alle, die ihn fürchten, je nach ihren verschiedenen Bedürfnissen, beide, klein und groß. c) Gewiss: Er wird, wird, wird, wird. Mit einem "Ich will" verdammt er, mit vier "Ich will" segnet er. George Rogers 1878.
V. 14.
Der HERR segne euch je mehr und mehr. 1) Gnädige Mehrung, an Erkenntnis, Liebe, Kraft, Heiligkeit, Nützlichkeit usw. 2) Wachsende Mehrung. Wir wachsen immer schneller, nehmen nicht nur zu, sondern nehmen mehr und mehr zu. 3) Wachstum in anderen und durch andere. Unsere Kinder wachsen an Gnade durch unser Vorbild usw.
Die Segnungen des HERRN sind 1) immer fließend: mehr und mehr; 2) überfließend: euch und eure Kinder. Mögen Eltern auch um ihrer Kinder willen mehr Gnade suchen, a) damit diese kräftiger durch ihr Vorbild beeinflusst werden, b) ihre Gebete für ihre Kinder wirksamer sein, c) ihre Kinder um ihretwillen reicher gesegnet werden mögen. George Rogers 1878.
V. 15.
Ein Segen, der 1) einem besonderen Volke zugehört: ihr; 2) aus einer besonderen Quelle kommt: vom HERRN; 3) ein besonderes Datum trägt: ihr seid; 4) mit besonderer Gewissheit gestempelt ist: ihr seid die Gesegneten; 5) eine besondere Pflicht in sich schließt: den HERRN zu loben von nun an bis in Ewigkeit, V. 18.
Der Segen des Schöpfers: seine Größe, Fülle, Mannigfaltigkeit usw.
V. 16.
Des Menschen Herrscherrecht über die Erde, dessen Grenze, Missbrauch, gesetzmäßige Schranken und erhabener Zweck.
V. 17.18.
1) Stimmen, die wir vermissen. "Die Toten loben dich nicht." 2) Welchen Ansporn ihr Fehlen auf uns ausübt: Aber wir usw. 3) Was sie allen zurufen: Lobet den HERRN! Lasst uns die Lücken der nun schweigenden Stimmen ausfüllen.
1) Wer Gott hier nicht lobt, wird ihn hernach nicht loben. Darum wird es auch keinen Aufschub der Strafe geben. 2) Wer Gott in diesem Leben lobt, wird ihn immerdar loben. Dafür lasst uns ein Hallelujah anstimmen! George Rogers 1878.
(Neujahrspredigt.) 1) Ein trauriges Gedenken - die Toten. 2) Ein fröhlicher Entschluss: Aber wir wollen den HERRN loben. 3) Ein angemessener Anfang: Von nun an. 4) Eine ewig dauernde Fortsetzung: Bis in Ewigkeit.
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Jörg
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Psalm 116

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PSALM 116 (Auslegung & Kommentar)

Inhalt

Da dieser Psalm eine Fortsetzung des Passah-Hallel ist, wird bei seiner Erklärung bis zu einem gewissen Maße der Auszug aus Ägypten mit im Auge zu behalten sein. Er macht ganz den Eindruck eines persönlichen Liedes, in welchem die gläubige Seele, durch das Passahfest an ihre Knechtschaft und ihre Befreiung erinnert, von diesen Erfahrungen mit Dankbarkeit spricht und demgemäß den HERRN preist. Wir können uns den Israeliten lebhaft vorstellen, wie er, den Stab in der Hand, sang: "Kehre, o Seele, zu deiner Ruhe" (V. 7 wörtl.), indem er der Rückkehr des Hauses Jakob in das Land der Väter gedachte, und wie er dann aus dem Festbecher trank mit den Worten des V. 13: "Ich will den Kelch des Heils (der Rettung) nehmen." Der gottselige Dichter gedenkt gewiss wie seiner eigenen, so auch der Befreiung seines Volkes, der er sein Dasein verdankt, wenn er im V. 16 singt: "Du hast meine Bande zerrissen"; vor allem aber beseelt ihn das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seinem Volke, da er der Höfe am Hause des HERRN gedenkt und der herrlichen Heiligen Stadt, und gelobt, dem HERRN Dankopfer zu bringen "in dir, o Jerusalem" (V. 19). Persönliche inbrünstige Liebe zum HERRN, genährt durch persönliche Erfahrung der Erlösung, ist das Thema dieses Psalms, in dem uns herrliche Blicke in das Leben der Erlösten gewährt werden, wie sie Erhörung finden, wenn sie beten, behütet werden in Zeiten der Trübsal, wie sie ferner ruhen in ihrem Gott, frei und fröhlich vor dem HERRN wandeln, eingedenk ihrer Verpflichtungen, sich dessen wohl bewusst, dass sie nicht ihr eigen sind, sondern teuer erkauft, und mit der ganzen Schar der Erlösten sich verbindend, um Gott ein Hallelujah nach dem andern zu singen.
Da unser göttlicher Meister diesen Psalm auch gesungen (Mk. 14,26), können wir kaum fehlgehen, wenn wir in ihm Worte sehen, auf die er sein Siegel setzen konnte - Worte, die in gewissem Maße seine eigene Erfahrung schildern. Aber darüber wollen wir uns nicht verbreiten, da wir in den "Erläuterungen und Kernworten" zur Genüge dargelegt haben, wie der Psalm von denjenigen verstanden worden, die ihren Herrn gerne in jeder Zeile wiederfinden.

Einteilung


David Dickson († 1662) gibt eine eigenartige Einteilung des Psalms, die uns außerordentlich treffliche Winke zu geben dünkt. Er sagt: "Dieser Psalm enthält ein dreifaches Versprechen des Psalmisten, dem HERRN zu danken für die ihm erwiesene Gnade und in Sonderheit für eine denkwürdige, Leib und Seele umfassende Rettung aus Todesgefahr. Das erste, wozu er sich verpflichtet fühlt, ist, aus dankbarer Liebe allezeit zu Gott im Gebet seine Zuflucht zu nehmen, V. 1 und V. 2; was ihn dazu bewegt, das schreibt er V. 3-8 nieder, nämlich seine früheren Errettungen. Das zweite Gelübde ist das eines heiligen Wandels, V. 9, und die Gründe sind in den V. 10-13 angegeben. Das dritte Versprechen zielt darauf, dass er beständig Gott loben und ihm dienen will und namentlich auch öffentlich vor der Gemeinde die Gelübde bezahlen will, die er in der Zeit der Not gemacht. Dieser Teil umfasst die V. 14-19, in denen auch wiederum die Gründe enthalten sind."



Auslegung

1.
Das ist mir lieb, dass der Herr
meine Stimme und mein Flehen hört.
2.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
3.
Stricke des Todes hatten mich umfangen,
und Ängste der Hölle hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
4.
Aber ich rief an den Namen des HERRN:
O HERR, errette meine Seele!
5.
Der HERR ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
6.
Der HERR behütet die Einfältigen;
wenn ich unterliege, so hilft er mir.
7.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der HERR tut dir Gutes.
8.
Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen,
mein Auge von den Tränen,
meinen Fuß vom Gleiten.



1. Ich liebe den HERRN.1 Ein seliges Bekenntnis! Jeder Gläubige sollte ohne Zaudern erklären können: Ich liebe den HERRN. Diese Liebe wurde schon unter dem Gesetz gefordert, aber niemals ist sie in dem Herzen eines Menschen hervorgebracht worden, es sei denn durch die Gnade Gottes und kraft evangelischer Grundsätze. Es ist etwas Großes, sagen zu können: "Ich liebe den HERRN", denn die köstlichste aller Gnadengaben und das sicherste Kennzeichen des Heilsbesitzes ist die Liebe. Welch erstaunliche Güte ist es von Seiten Gottes, dass er sich herablässt, sich von solch armseligen Geschöpfen, wie wir es sind, lieben zu lassen, und es ist ein klarer Erweis davon, dass er in unserem Herzen am Wirken gewesen, wenn wir mit Petrus sprechen können: "HERR, Du weißt alle Dinge, Du weißt, dass ich dich lieb habe." Denn (Grundtext) der HERR hört meine Stimme und mein Flehen. Der Psalmdichter weiß nicht nur, dass er den HERRN liebt, sondern auch, warum er es tut. Wenn die Liebe sich mit einem guten Grunde rechtfertigen kann, dann ist sie tief, stark und dauernd. Man sagt, die Liebe sei blind; wenn wir aber Gott lieben, dann sieht unser Herz mit hellen Augen und braucht die schärfste Logik nicht zu fürchten. Wir haben Grund, ja überschwänglich reichen Grund, den HERRN zu lieben. Und weil sich in diesem Falle Grundsatz und Neigung, Vernunft und Gemüt so harmonisch verbinden, ergibt sich daraus ein so vortrefflicher Herzenszustand. Des Psalmisten Grund, warum er den HERRN liebte, war die Liebe, die Gott ihm durch Erhörung seiner Gebete erzeigt hatte. Der Dichter hatte beim Beten seine Stimme gebraucht, und die Gewohnheit, das zu tun, ist uns zur Andacht höchst förderlich. Wenn wir laut beten können, ohne dass andre uns hören, tun wir wohl daran. Manchmal jedoch, wenn der Psalmist seine Stimme zu Gott erhoben, hatte er nur mühsam in abgebrochenen Sätzen etwas herausgebracht, so dass er es kaum ein Gebet zu nennen wagte; die Worte versagten ihm, er vermochte nur stöhnende Seufzer hervorzustoßen. Der HERR aber hörte dennoch seine Stimme,2 ob er auch nur winseln konnte. Zu anderen Zeiten waren seine Gebete mehr regelhaft und von besserer Form; diese nennt er sein Flehen. Er hatte je und je seinen Gott anbetend gepriesen, so gut er es vermochte; wenn ihm aber diese Weise der Anbetung nicht vonstatten ging, versuchte er eine andere. Wieder und wieder war er mit Flehen vor den HERRN getreten; aber sooft er auch gekommen, stets war er willkommen gewesen. Jehovah hatte sowohl seine abgebrochenen Seufzer und Hilferufe als auch seine gesetzteren, mehr förmlichen Bittgebete gehört, d. h. erhört, sie gnädig angenommen und beantwortet; deshalb liebte er Gott von ganzem Herzen. Erhörte Gebete sind seidene Bande, die unsere Herzen mit Gott verknüpfen. Wenn jemandes Gebete gnädig beantwortet werden, ist Liebe die naturgemäße Folge. Die beiden Aussagen dieses Verses sind in unserer Sprache richtig in der Zeitform der Gegenwart wiedergegeben. Aus den Formen des Grundtextes entnehmen wir aber, dass es nicht eine Stimmung des Augenblicks, sondern der längst eingetretene und ungeschwächt fortdauernde Zustand seines Herzens war, dass er Jehovah liebte, und zwar, weil der HERR sein Flehen zu erhören pflegte, dies also eine Erfahrung war, die sich bei ihm immer wieder aufs Neue wiederholte. Das Gleiche darf und soll bei jedem mit Gott ringenden Gläubigen der Fall sein. Beständige Liebe fließt aus täglich erfahrener Gebetserhörung.

2. Denn er neigte sein Ohr zu mir, beugte sich nieder von seiner Erhabenheit, um auf meine Bitten zu lauschen. Das Bild ist wohl das eines sorgsamen Arztes oder eines liebevollen Freundes, der sich über einen Kranken, dessen Stimme schwach und kaum hörbar ist, neigt, um jeden Ton aufzufangen, auch das leiseste Flüstern zu vernehmen. Wenn unser Beten sehr schwach ist, so dass wir es selber kaum hören und zweifeln, ob das überhaupt gebetet heiße, leiht er uns dennoch ein hörendes Ohr und beachtet unsere demütig flehenden Bitten. Darum will ich mein Leben lang ihn anrufen. All die Tage meines Lebens hindurch will ich mein Bitten an Gott allein richten, und zu ihm will ich ohne Unterlass beten. Es ist immer am klügsten, dahin zu gehen, wo wir willkommen sind und man uns freundlich entgegenkommt. Das Wort anrufen kann Lobpreis so gut einschließen wie Bittgebet; den Namen des HERRN anrufen ist in der Schrift vielfach (siehe auch V. 4.13.17) der feierliche, vielsagende Ausdruck für Anbetung aller Art. Wenn unser Gebet bei all seiner Schwäche gehört und nach der Kraft und Erhabenheit Gottes beantwortet wird, dann werden wir in der Gewohnheit des Betens bestärkt und in dem Entschluss, ohne Unterlass Gott anzuliegen, befestigt. Wir zwar würden einem Bettler nicht danken, der uns mitteilte, dass er, weil wir sein Ansuchen gewährt, nun nie aufhören werde, bei uns zu betteln; und doch ist es ohne Zweifel Gott angenehm, wenn seine Bittsteller den Entschluss fassen, mit Bitten allezeit fortzufahren, denn dadurch erweist sich die Größe seiner Güte und der Reichtum seiner Geduld. An jedem Tage, wie beschaffen er auch sei, lasst uns den Alten der Tage mit Flehen und Lobpreis anrufen. Er hat verheißen, unsre Kraft solle sein wie unsre Tage (siehe Bd. I, S. 415 Anm.); lasst uns darum beschließen, dass unseren Tagen auch unsre Anbetung entsprechen solle.

3. Der Sänger geht nun dazu über, die Lage zu beschreiben, in der er gewesen, da er zu Gott betete. Stricke des Todes hatten mich umfangen. Gleichwie Jäger einen Hirsch mit Hunden und Treibern umstellen, dass kein Weg zum Entrinnen bleibt, so war der Psalmist von einem Ring tödlicher Kümmernisse umschlossen. Die Stricke des Grams, der Schwachheit und Furcht, mit denen der Tod die Menschen zu binden pflegt, ehe er sie zu der langen Gefangenschaft wegschleppt, waren alle um ihn. Und zwar umringten ihn diese Nöte nicht in einem weiten Kreis, sondern sie waren ihm ganz auf den Leib gerückt und hielten ihn fest umfangen. Und Ängste der Hölle hatten mich getroffen. Schrecken gleich denen, die die Verdammten quälen, trafen mich, ergriffen mich, sie machten mich ausfindig, durchwühlten mich durch und durch und machten mich zu ihrem Gefangenen. Mit den Ängsten der Hölle meint er die Herzbeklemmungen, die Bangigkeiten, die dem Sterben eigentümlich sind, die Schrecken, die sich uns mit dem Grabe verbinden. Diese waren so nahe auf ihm, dass sie die Zähne in ihn gruben, wie die Hunde tun, wenn sie ihre Beute erhaschen. Ich kam in Jammer und Not - um mich her hatte ich Drangsal und in mir Harm. Seine Kümmernisse waren zwiefach, und indem er sie zu ergründen suchte, wuchsen sie. Wörtlich heißt es, er habe sie angetroffen, gefunden. Ein Mensch freut sich, wenn er einen Schatz findet; was aber muss es um die Qual eines Mannes sein, der, wo er es am wenigsten erwartete, auf eine Ader von Jammer und Not, von Bedrängnis und Kummer trifft? Der Psalmist war von der Trübsal gesucht worden, und nicht vergeblich, sie hatte ihn aufgespürt; als er selber aber ihr nachspürte, fand er keine Erleichterung, sondern doppelten Schmerz.



Fußnoten
1. Im Hebr. Steht: Ich liebe, wozu als logisches oder auch grammatisches (dann ausgefallenes oder in den folgenden Satzteil versetztes) Objekt Jehovah (oder dich) zu ergänzen sein wird. Dafür spricht, dass V. 3 und V. 4 aus Ps. 18 geflossen sind, der ja ebenfalls mit einem Bekenntnis der Liebe zu Jehovah beginnt, und dass das ykIi in
V. 1 wie in V. 2 kausal (denn) zu verstehen sein wird. Luthers (Raschi folgende) Fassung ist sprachlich nur mühsam zu halten.


2. Das Wort Stimme wird im Hebr. allerdings auch jeweils von unartikulierten Lauten sowohl der Tiere als auch weinender, jammernder Menschen gebraucht; ein Grund, diese Bedeutung hier anzunehmen, liegt jedoch umso weniger vor, als das y i in yliOq hier einfach das Chirek compaginis sein dürfte, Stimme also (gegen die Akzente) mit mein Flehen zu verbinden sein wird: die Stimme meines Flehens, bei welchem häufigen Ausdruck Stimme zur Umschreibung von laut dient: mein lautes Flehen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Psalm 116

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4. Aber ich rief an den Namen des HERRN. Beten geschieht nie zur Unzeit; der Psalmist betete, als alles am schlimmsten stand. Als er nicht zu Gott eilen konnte, rief er ihn an. In seiner äußersten Not wurde sein Glaube tätig. Es war unnütz, Menschen anzurufen, und es mag fast ebenso vergeblich geschienen haben, sich an den HERRN zu wenden; dennoch rief er mit ganzer Seele den Namen des HERRN an, alle die Vollkommenheiten, die in dem heiligen Namen Jehovah ihre Zusammenfassung finden, und erwies damit die Aufrichtigkeit seines Vertrauens. Unser manche können sich gewisser ganz besonderer Zeiten der Not erinnern, von denen wir jetzt sagen können: Da rief ich an den Namen des HERRN. Der Psalmist wandte sich an Gottes Barmherzigkeit, Wahrheit, Macht und Treue, und betete also: O HERR, errette meine Seele! Diese Bitte ist kurz und doch umfassend, sie trifft ins Schwarze, ist demütig und ernstlich. Es wäre gut, wenn viele unsrer Gebete nach diesem Muster geformt wären. Vielleicht wäre es mehr der Fall, wenn wir uns in ähnlichen Umständen befänden wie der Psalmdichter, denn echte Not gebiert echtes Beten. In diesem Gebet finden wir keine Häufung von Worten und keine fein gedrechselten Sätze; alles ist einfach und natürlich, kein überflüssiges Wort und doch auch keines zu wenig.

5. Der HERR ist gnädig und gerecht. Darin, dass Jehovah Gebet erhört, treten sowohl seine Gnade als auch seine Gerechtigkeit ins helle Licht. Es ist große Huld von ihm, dass er auf das Gebet eines Sünders hört; und doch, da der HERR es verheißen hat, dürfen wir sprechen: Er ist nicht ungerecht, dass er seine Zusage vergesse und das Rufen seiner Kinder unbeachtet lasse. Die Verbindung von Gnade und Gerechtigkeit in dem Verhalten des HERRN gegen die, welche ihm dienen, können wir uns nur erklären, wenn wir des Sühnopfers unseres Herrn Jesus Christus gedenken. Am Kreuze sehen wir, wie gnädig der HERR ist und wie gerecht. Und unser Gott ist barmherzig, von zärtlich mitempfindender, teilnehmender Liebe. Wir, die wir uns ihn als unseren Gott im Glauben zugeeignet haben, hegen keinen Zweifel an seiner Barmherzigkeit, denn er wäre nie unser Gott geworden, wenn er nicht der Erbarmer wäre. Sieh, wie die Gerechtigkeit Gottes gleichsam zwischen zwei Schutzwachen der Liebe steht: gnädig, gerecht, barmherzig. Das Schwert der Gerechtigkeit ruht in einer von Edelsteinen strahlenden Scheide der Gnade.

6. Der HERR behütet die Einfältigen. Leute, die sehr viel Verstand haben, mögen für sich selber sorgen. Solche aber, denen es an irdischer Geschicklichkeit, weltlicher Schlauheit und List gebricht, die aber einfältig auf den HERRN trauen und tun, was recht ist, mögen sich darauf verlassen, dass Gottes Hut über ihnen walten wird. Die Weisen dieser Welt werden bei all ihrer Klugheit in ihren eigenen Listen gefangen; die aber mit ganzer Wahrhaftigkeit in Frömmigkeit vor Gott wandeln, werden gegen die Ränke ihrer Widersacher geschützt werden und ihre Feinde überleben. Die Gläubigen sind wie Schafe mitten unter Wölfen; aber wiewohl die Schafe gegenüber den Wölfen wehrlos sind, gibt es in der Welt doch mehr Schafe als Wölfe, und es ist höchst wahrscheinlich, dass die Schafe noch in Sicherheit weiden werden, wenn kein einziger Wolf mehr auf Erden übrig ist. So werden auch die Sanftmütigen das Erdreich besitzen, wenn die Gottlosen nicht mehr sein werden. Wenn ich unterliege (wörtl.: schwach bin), so hilft er mir. Auch an mir Einfältigem ging der HERR nicht vorüber. Wiewohl ich von Trübsalen zu Boden gedrückt, von Verleumdung gebeugt, im Gemüte niedergeschlagen, am Leibe infolge von Krankheit und Kummer schwach war, half mir der Herr, und er tut es immer wieder. Es gibt mancherlei Weise, wie ein Kind Gottes zu einem tiefen Bewusstsein seiner Schwäche geführt werden kann; aber die Hilfe Gottes ist ebenso mannigfaltig wie die Bedürftigkeit seines Volkes. Ihrer Tausende in der Gemeinde des HERRN könnten auch in unseren Tagen bezeugen: Ich war schwach, ja ich war am Unterliegen, aber Er half mir! Mit diesem Bekenntnis sollten wir aber auch nicht zurückhalten, zur Ehre des HERRN wie auch zum Trost für andere, die durch gleiche Feuerproben hindurch müssen. Beachten wir, wie der Psalmist, nachdem er den allgemeinen Satz aufgestellt hat, dass der HERR die Einfältigen behütet, ihn an seiner eigenen Erfahrung erhärtet und beleuchtet. Die Gewohnheit, eine allgemeine Wahrheit auf uns selber anzuwenden und ihre Kraft in dem eigenen Falle zu erproben, ist eine überaus gesegnete und glückbringende; denn auf diese Weise wird das Zeugnis von Christo an uns bekräftigt
(1. Kor. 1,6) und werden wir selber Zeugen des HERRN.

7. Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, wörtl.: kehre zurück zu deiner Ruhe. Er nennt die Ruhe noch sein eigen und fühlt sich innerlich frei, zu ihr zurückzukehren. Welche Wohltat ist es, dass wir, selbst wenn unsre Seele ihre Ruhe eine Weile verlassen hat, ihr sagen dürfen: Die Ruhe ist doch noch für dich da! Der Psalmist war offenbar in seinem Gemüt beunruhigt: und gestört gewesen, die Leiden hatten ihn außer Fassung gebracht; jetzt aber, da er unter dem Eindruck der Erlebnisse von dem Bewusstsein, dass sein Gebet Erhörung gefunden, durchdrungen ist, kann er seine Seele stillen. Er hatte zuvor sich des Herzensfriedens erfreut, denn er kannte die selige Ruhestätte des Glaubens; darum kehrt er wieder zu dem Gott, der in früheren Tagen die Zuflucht seiner Seele gewesen war. Wie das Vöglein zu seinem Neste fliegt, so eilt seine Seele zu seinem Gott. Wenn je ein Kind Gottes auch nur für einen Augenblick seine Gemütsruhe verliert, sollte es darauf aus sein sie wiederzufinden, nicht indem es sie in der Welt oder in seiner eigenen Erfahrung sucht, sondern bei dem HERRN allein. Wenn der Gläubige betet und der HERR ihm sein Ohr zuneigt, dann liegt die Straße zu der alten Ruhestätte geradeaus vor ihm; säume er nicht, sie einzuschlagen. Denn der HERR tut dir Gutes oder hat dir Gutes getan. Du dienst einem guten Gott und hast auf einen sicheren Grund gebaut; streife nicht umher, um irgendeine andere Ruhestätte zu finden, sondern komm zurück zu ihm, der ehedem sich herabgelassen hat, dich durch seine Liebe so reich zu machen. Was für ein herrlicher Text ist doch unser Vers, und welch schöne Auslegung desselben bietet der Lebenslauf eines jeden Gläubigen, es sei Mann oder Frau. Ja wahrlich, der HERR hat uns Gutes getan auf die freigebigste Weise, denn er hat uns seinen Sohn gegeben und in ihm alles, er hat uns seinen Geist gesandt und teilt uns durch ihn alle geistlichen Segnungen mit. Gott handelt an uns, wie es Gottes würdig ist; er öffnet uns seine Fülle, und aus dieser Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Wir sitzen nicht an dem Tische eines Geizhalses, nicht von karger Hand sind wir gekleidet, nicht von einem missgünstigen Verwalter ausgerüstet worden. Drum lasst uns wieder zu ihm gehen, der uns mit solch ausnehmender Güte behandelt hat. - Es folgen noch der Gründe mehr.

8. Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Der dreieinige Gott hat uns eine dreieinige Erlösung geschenkt: unser Leben ist vor dem Grabe verschont, unser Herz aus seinem Kummer aufgerichtet und unser Lebensgang vor Schande bewahrt worden. Wir sollten uns nicht zufrieden geben, bis wir uns dieser dreifachen Errettung bewusst sind. Ist unsere Seele vom ewigen Tode errettet, warum weinen wir denn? Was für Ursache, uns zu härmen und zu sorgen, bleibt da noch? Woher diese Tränen? Und sind uns die Tränen vom Angesicht gewischt worden, können wir es dann noch leiden, wieder in Sünde zu fallen? Lasst uns nicht ruhen, bis wir festen Fußes den Pfad der Redlichen wandeln, jeder Schlinge entgehend und jeden Stein des Anstoßens meidend. Heil, Freude und Heiligkeit müssen Hand in Hand gehen und sind miteinander für uns in dem Gnadenbunde bereit. Der Tod ist ein überwundener Feind, die Tränen werden getrocknet und alle Furcht verbannt, wenn der HERR uns nahe ist.
So hat der Psalmdichter die Gründe seines Entschlusses, den HERRN sein Leben lang anzurufen, dargelegt, und niemand kann bezweifeln, dass er zu einem Beschlusse gekommen war, den er auch rechtfertigen konnte. War er aus solchen Tiefen errettet worden durch ein so besonderes Eingreifen Gottes, so war er ohne Zweifel verbunden, für immer ein treuer Verehrer Jehovahs zu sein, dem er so viel verdankte. Fühlen wir nicht alle die Kraft dieser Beweisführung, und wollen wir die Schlussfolgerung nicht verwirklichen? Möge Gott der Heilige Geist uns helfen, also ohne Unterlass zu beten und dankbar zu sein in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an uns.



9.
Ich werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen.
10.
Ich glaube, darum rede ich.
Ich werde aber sehr geplagt.
11.
Ich sprach in meinem Zagen:
Alle Menschen sind Lügner.
12.
Wie soll ich dem HERRN vergelten
alle seine Wohltat, die er an mir tut?
13.
Ich will den Kelch des Heils nehmen
und des HERRN Namen predigen.



9. Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen. Als wunderbar Geretteter darf er sich im weiten Lande der Lebendigen wieder frei und ungehemmt ergehen. Sein Entschluss aber - der zweite, den er in diesem Psalm ausspricht, siehe V. 2 - ist, als vor Gottes Augen unter den Menschenkindern zu leben. Unter dem Wandel mag auch hier, wie so oft, die Lebensweise zu verstehen sein. Manche Menschen leben nur als im Angesicht ihrer Mitmenschen, sie schauen nur auf das Urteil und die Ansichten der Leute. Der wahrhaft Fromme aber bedenkt allezeit, dass Gott gegenwärtig ist, und handelt unter dem Einfluss seines allsehenden Auges. "Du, Gott, siehst mich" ist ein viel stärkerer Antrieb als "mein Meister sieht mich". Ein Leben des Glaubens, der Hoffnung, heiliger Furcht und wahrer Heiligkeit wird bewirkt durch das Bewusstsein, vor Gott zu leben und zu wandeln, und wer durch erhörte Gebete mannigfaltige göttliche Rettung empfangen hat, findet in seiner eigenen Erfahrung den besten Grund zu einem heiligen Leben und die kräftigste Unterstützung seiner Bestrebungen. Wir wissen, dass Gott den Seinen in besonderer Weise nahe ist; wie sollten wir denn geschickt sein mit heiligem Wandel und gottseligem Wesen!

10. Ich glaube, darum rede ich.3 Ich könnte so nicht sprechen, wäre überhaupt verstummt, wenn der Glaube nicht in mir sich als Kraft erwiese. Ich würde niemals zu Gott im Gebet geredet haben noch auch jetzt fähig sein, vor meinen Mitmenschen Zeugnis abzulegen, wenn der Glaube mich nicht lebendig erhalten und mir eine Errettung gebracht hätte, die zu rühmen ich allen Grund habe. Von göttlichen Dingen sollte kein Mensch reden, es sei denn, dass er glaube (vergl. 2. Kor. 4,13). Die Rede eines schwankenden, zweifelnden Menschen richtet Unheil an, aber die Zunge des Gläubigen ist nütze. Die mächtigste Sprache, die je von eines Menschen Lippen geflossen, entstammt einem Herzen, das von der Wahrhaftigkeit Gottes völlig überzeugt ist. Nicht nur der Sänger unseres Psalms, auch solche Männer wie Luther und Calvin und andere große Glaubenszeugen haben aus vollstem Herzen sprechen können: "Ich glaube, darum rede ich." Ich werde (wohl besser: war) aber sehr geplagt. Daran ist kein Zweifel: die Not war so schlimm und schrecklich, wie sie nur sein konnte, und da ich von ihr befreit bin, bin ich sicher, dass die Errettung nicht eine schwärmerische Selbsttäuschung, sondern eine Tatsache ist; deshalb bin ich umso mehr entschlossen, zu Gottes Ehre zu reden. Wiewohl der Psalmist schwer bedrückt war, hatte er doch nicht aufgehört zu glauben; sein Vertrauen ward auf eine harte Probe gestellt, aber nicht zerstört.


Fußnote
3. Wörtl. wohl: denn ich rede. Sein Reden ist ein Beweis seines Glaubens; aber eben weil es ein Ausfluss seines Glaubens ist. Daher ist Luthers den LXX folgende Übersetzung zwar sprachlich nicht richtig, sachlich aber zutreffend.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 116

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11. Ich sprach in meinem Zagen (oder, wenn man das Wort in etwas schärferer Bedeutung fasst: in meiner Bestürzung): Alle Menschen sind Lügner. In beschränktem Sinn gefasst lässt sich dieser Ausspruch rechtfertigen, auch wenn er dem Psalmisten in der Bestürzung des Augenblicks entfahren war; denn alle Menschen werden sich als trügerisch erweisen, wenn wir in ungehöriger Weise auf sie unser Vertrauen setzen, die einen aus Mangel an Aufrichtigkeit, die andern aus Mangel an Macht zu helfen. Doch anscheinend hat der Dichter selbst seine Sprache nicht rechtfertigen wollen, sondern sie als ein Überwallen seines heftigen Temperaments betrachtet. In dem Sinn, in dem er es gesagt, war das Wort unverantwortlich. Er hatte kein Recht, allen Menschen zu misstrauen, denn ihrer viele sind ehrenwert, wahrhaftig und gewissenhaft. Noch leben treue Freunde und zuverlässige Anhänger; und wenn sie uns manchmal enttäuschen, sollten wir sie darum doch nicht Lügner nennen, wenn ihr Versagen ihrer Ohnmacht zu helfen, und nicht einem Mangel an Willigkeit entspringt. Bei großen Trübsalen werden wir stets versucht sein, uns über unsere Mitmenschen übereilte Urteile zu bilden, und in Erkenntnis dessen sollten wir unser Gemüt sorgfältig bewachen und die Tür unserer Lippen wohl in Acht nehmen. Der Psalmist hatte geglaubt, darum hatte er geredet; er hatte gezweifelt, darum sprach er überstürzt. Er glaubte, darum betete er mit Recht zu Gott; er misstraute, darum klagte er zu Unrecht Menschen an. Das Sprechen ist in manchen Fällen so schlimm, wie es in andern Fällen gut ist. Auf hastiges Reden folgt im Allgemeinen bittere Reue. Es ist viel besser, wir seien still, wenn unser Gemüt aufgeregt und bestürzt ist; denn es ist leichter etwas gesagt, als das Gesagte wieder zurückgenommen und gut gemacht. Wir können unsre Worte bereuen, aber wir vermögen nicht, sie wieder zurückzurufen und das Unheil, das sie angerichtet haben, ungeschehen zu machen. Wenn selbst dieser Gottesmann seine Worte widerrufen musste, da er in Übereilung geredet, wird unser keiner seiner Zunge ohne festen Zügel trauen dürfen.

12. Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut? Vernünftigerweise lässt er das Grübeln über die Unzuverlässigkeit und Falschheit der Menschen fahren, schickt seine üble Laune fort und wendet sich zu seinem Gott. Es hat wenig Zweck, fort und fort auf den schrill tönenden Saiten der menschlichen Unvollkommenheit und Betrüglichkeit herumzuspielen; unendlich besser ist es, die Vollkommenheit und Treue Gottes zu rühmen. Die Frage des Verses ist sehr passend: der HERR hat uns so viel Barmherzigkeit erwiesen, dass wir wohl um uns her und in uns Umschau halten sollten, um zu sehen, was wir etwa tun können, um unsere Dankbarkeit zu zeigen. Wir sollten nicht nur tun, was klar vor uns liegt, sondern auch mit heiligem Scharfsinn verschiedenerlei Weisen ausspüren, darin wir neuen Lobpreis unserm Gott darbringen können. Seiner Wohltaten sind so viele, dass wir sie nicht zählen können; darum seien auch unsere Weisen, seine Gaben zu bescheinigen, im richtigen Verhältnis mannigfach und zahlreich. Jedweder sollte seine besondere Art haben, den Dank zum Ausdruck zu bringen. Der HERR sendet unser jedem besondere Wohltaten, so möge denn auch jeder fragen: Was kann ich tun, solche Liebe zu vergelten? Welche Art des Dienens würde sich für mich am besten schicken?

13. Ich will den Kelch des Heils nehmen. "Ich will nehmen", das ist eine seltsame Antwort auf die Frage: "Womit soll ich dem HERRN vergelten?" Und doch ist es die weiseste Antwort, die nur gegeben werden mag. Was sollte unsereiner besseres tun können, um Gott Dank zu sagen, als dass wir aus den empfangenen Gnaden Kraft schöpfen, um um mehr Gnade bitten zu können? - Das Emporheben und Austrinken des Kelches der Segnung oder Danksagung für die erfahrene Rettung, wie es beim Passahmahle geübt wurde, war an und für sich eine feierliche gottesdienstliche Handlung, und es war von andern Formen der Anbetung begleitet, daher der Psalmist fortfährt: Und des HERRN Namen predigen (feierlich an- und ausrufen). Er will sagen, dass er Anbetung, Danksagung und Bitten darbringen wolle und dann trinken von dem Kelch, den der HERR mit seiner heilsamen Gnade gefüllt hat. Welch kostbarer Trank ist das! Auf dem Tische der unendlichen Liebe steht der voll eingeschenkte Segensbecher; uns gebührt es, ihn im Glauben zur Hand zu nehmen, ihn uns persönlich anzueignen und daraus zu trinken und dann mit fröhlichem Herzen den Gnädigen und Barmherzigen zu loben und zu preisen, der ihn uns zugute gefüllt hat, damit wir trinken und erquickt werden. Wir können das sinnbildlich am Tisch des HERRN tun, und geistlich jedes Mal, sooft wir den goldenen Kelch des Bundes ergreifen, die Fülle des darin enthaltenen Segens uns aneignen und durch den Glauben seinen göttlichen Inhalt in unser Innerstes aufnehmen. Geliebter Leser, lass uns hier innehalten und aus dem Becher, den Jesus für uns gefüllt hat, einen langen, tiefen Zug tun und dann mit andächtigem Herzen den Vater aller Gnaden anbeten.


14.
Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen
vor all seinem Volk.
15.
Der Tod seiner Heiligen
ist wert gehalten vor dem HERRN.
16.
O HERR, ich bin dein Knecht;
ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn.
Du hast meine Bande zerrissen.
17.
Dir will ich Dank opfern
und des HERRN Namen predigen.
18.
Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen
vor all seinem Volk
19.
in den Höfen am Hause des HERRN,
in dir, Jerusalem.
Hallelujah!



14. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen vor all seinem Volk. Der Psalmist hat bereits (V. 13) seinen dritten Entschluss angegeben, nämlich sich der Anbetung Gottes zu widmen, und jetzt beginnt er mit der Vollführung dieses Entschlusses. Die Gelübde, die er in der Angst der Not getan, beschließt er zu erfüllen, und zwar alsbald und öffentlich, vor dem ganzen Volk des HERRN. Gute Entschlüsse kann man nicht leicht zu schnell ausführen; Gelübde werden zu Schulden, und Schulden wollen bezahlt sein. Bei der Begleichung rechtschaffener Schulden ist es gut, Zeugen zu haben; so brauchen auch wir es nicht zu scheuen, wenn Zeugen zugegen sind, da wir heilige Gelübde erfüllen, denn das wird kundtun, dass wir uns unseres HERRN nicht schämen, und es mag denen, die uns dabei sehen und uns öffentlich das Lob unseres Gebet erhörenden Gottes verkündigen hören, von großem Segen sein. Wie aber können diejenigen das tun, die sich nie mit ihrem Munde zu Jesu als ihrem Heiland bekannt haben? O ihr heimlichen Jünger (Joh. 19,38), was sagt ihr zu diesem Vers? Fasset Mut, ans Licht zu kommen und euren Erlöser zu bekennen! Seid ihr in Wahrheit gerettet, so tretet hervor und bezeugt es in der von ihm selbst verordneten Weise.

15. Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn. wörtl.: Kostbar (nicht wohlfeil, dem Sinne nach wie Ps. 49,9: zu kostbar) ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Heiligen oder Frommen. Darum ließ er nicht zu, dass der Psalmist sterbe, sondern errettete seine Seele vom Tode. Die allgemeine Form der Aussage deutet wohl an, dass das Lied dazu bestimmt war, israelitische Familien an die irgendeinem Glied des Haushalts zuteil gewordenen Wohltaten zu erinnern, wenn der Betreffende schwer krank gewesen und ihm die Gesundheit wieder geschenkt war, weil der HERR das Leben der ihm treu Ergebenen teuer achtet und sie oft erhält, wenn andere umkommen. Sie sollen nicht vorzeitig sterben; sie sind unsterblich, bis ihr Werk getan ist, und wenn ihr Stündlein schlägt, dann wird ihr Tod kostbar sein. Der HERR wacht über ihrem Sterbebette, glättet ihnen die Kissen, hält ihre Herzen aufrecht und nimmt ihre Seele zu sich. Die mit dem kostbaren Blute Erkauften sind Gott so teuer, dass selbst ihr Tod vor ihm wertgeachtet ist. Die Sterbebetten der Heiligen sind auch für die Gemeinde des HERRN äußerst kostbar, sie lernt oft viel von ihnen; sie sind allen Gläubigen viel wert, die so gerne die letzten Worte der Hingeschiedenen als kostbaren Schatz sammeln; aber am kostbarsten sind sie dem HERRN selber, der den triumphierenden Heimgang seiner Begnadigten mit heiliger Wonne beschaut. Haben wir im Lande der Lebendigen vor seinem Angesicht gewandelt (V. 9), so brauchen wir uns nicht zu fürchten, vor seinem Angesicht zu sterben, wenn die Stunde unseres Abscheidens vorhanden ist.

16. Während er seine Gelübde bezahlt, weiht der Gottesmann sich aufs Neue dem HERRN. Das Opfer, das er bringt, ist er selbst, denn er ruft: O HERR, ich bin dein Knecht; ich erkenne es mit Freuden an, dass ich dein bin, rechtmäßig, wahrhaftig, von ganzem Herzen, auf immer dein, denn du hast mich befreit und erlöst. Ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn, ein im Hause geborener Knecht, geboren von einer Magd und also als Knecht geboren, darum doppelt dein. Meine Mutter war deine Magd, und ich, ihr Sohn, bekenne es, dass ich ganz und gar dein Eigen bin auf Grund von Ansprüchen, die sich aus meiner Geburt herleiten. O dass die Kinder gottesfürchtiger Eltern so schließen würden! Aber ach, es gibt ihrer viele, die wohl Söhne von des HERRN Mägden, aber selber nicht seine Knechte sind. Sie liefern den traurigen Beweis, dass Frömmigkeit sich nicht vererbt, die Gnade nicht im Blut steckt. Die Mutter des Psalmdichters war offenbar eine gottselige Frau, und er gedenkt mit Freuden dieser Tatsache und sieht darin eine neue Verpflichtung, sich Gott zu weihen. Du hast meine Bande zerrissen - Befreiung aus Sklaverei bindet mich an deinen Dienst. Wer aus den Banden von Sünde, Tod und Hölle erlöst ist, sollte frohlocken, dass er das sanfte Joch des großen Sklavenbefreiers tragen darf. Beachten wir, welch eine Wonne es dem Sänger ist, dabei zu verweilen, dass er dem HERRN angehört; es ist augenscheinlich sein Ruhm, etwas, darauf er stolz ist, eine Sache, die ihm tiefe Befriedigung gewährt. Wahrlich, es sollte uns zur Entzückung hinreißen, wenn wir Jesum unseren Herrn und Meister nennen dürfen und von ihm als seine Knechte anerkannt sind.

17. Dir will ich Dank (-Opfer) opfern. Als dein Knecht bin ich verpflichtet, dir zu huldigen, und da ich geistliche Segnungen von deiner Hand empfangen habe, will ich nicht nur Ochsen und Böcke opfern, sondern will darbringen, was geziemender ist, nämlich den Dank meines Herzens. Meine innerste Seele soll dich voll Dankgefühls anbeten. Und des HERRN Namen predigen, ihn feierlich an- und ausrufen. In Ehrfurcht will ich mich vor dir beugen, mein Herz liebend zu dir erheben, über die innere Herrlichkeit deines Wesens sinnen und dich so, wie du dich offenbarst, anbeten. Er liebt augenscheinlich diese Beschäftigung; mehrmals in diesem Psalm erklärt er, dass er den Namen des HERRN anrufen wolle, während er sich zugleich darüber freut, dass er es so oft zuvor getan. Gute Gemütsregungen und Handlungen vertragen Wiederholung; je mehr herzinnigen Anrufens Gottes, desto besser.

18. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen vor all seinem Volk. Er wiederholt auch diese Erklärung. Etwas Gutes darf man wohl zweimal sagen, es ist es wert. Auf diese Weise spornt er sich zu größerem Eifer, Inbrunst und Sorgfalt im Halten seines Gelübdes an - und bezahlt es im selben Augenblick, da er seinen Entschluss, dies zu tun, ankündigt. Die Gnade kam heimlich, der Dank aber wird öffentlich erstattet. Immerhin in gewählter Gesellschaft; er warf seine Perlen nicht vor die Säue, sondern legte sein Zeugnis vor denen ab, die es zu verstehen und zu schätzen vermochten.

19. In den Höfen am Hause des HERRN, am richtigen Ort, wo Gott verordnet hatte, dass man ihn anbete. Sieh, wie bewegt er wird, da er des Hauses des HERRN gedenkt, und wie er von der Heiligen Stadt nicht anders als mit freudiger Erregung sprechen kann: In dir, Jerusalem. Schon der bloße Gedanke an das geliebte Zion brachte sein Herz in Wallung, und er schreibt, als redete er tatsächlich Jerusalem an, dessen Name ihm so teuer ist. Dort will er seine Gelübde bezahlen, an der Stätte der Gemeinschaft, im Herzen Judäas, da die Stämme hinaufgehen, die Stämme des HERRN (Ps. 122,3.4). Nichts Schöneres gibt es, als für Jesum da Zeugnis abzulegen, wo der Bericht davon in tausend Häuser getragen wird. Gottes Lob soll nicht auf ein Stübchen beschränkt bleiben, noch sein Name nur in Ecken und Winkeln geflüstert werden, als scheuten wir es, dass die Leute uns hören. Nein, im dichtesten Gedränge und mitten in den großen Versammlungen sollten wir Herz und Stimme zu dem HERRN erheben und die andern einladen, sich mit uns in seiner Anbetung zu vereinigen, indem wir rufen: Hallelujah, d. i. preist den HERRN. Das ist ein gar passender Schluss für ein Lied, das gesungen werden sollte, wenn das ganze Volk in Jerusalem versammelt war, Fest zu feiern. Der Geist Gottes bewog die Verfasser dieser Psalmen, ihnen eine Form zu geben, die so ganz den Umständen angemessen war, was freilich damals augenscheinlicher zu Tage trat als heute. Aber genug ist doch davon wahrnehmbar, um uns zu überzeugen, dass jede Zeile und jedes Wort den Anlässen eigentümlich angepasst war, für die die heiligen Lieder verfasst waren. Wenn wir dem HERRN Anbetung darbringen, sollten wir mit großer Sorgfalt die Worte sowohl des Bittens als des Lobpreises wählen und nicht uns darauf verlassen, wo das Gesangbuch sich gerade öffnet oder was für Worte sich uns beim Beten ohne Nachdenken darbieten. Lasst alles schicklich und ordentlich zugehen (1. Kor. 14,40) und alles beginnen und enden mit Hallelujah, mit dem Preis des HERRN!
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 116

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Erläuterungen und Kernworte

Der ganze Psalm geht, so dünkt mich, auf den verherrlichten Christus, der, nach seinem Leiden zur Herrlichkeit erhöht, hier der Welt verkündigt, was für Gnadenerweisungen von Gott er in den Tagen seines Fleisches erlebt und was für Herrlichkeit er in dem Reich seines himmlischen Vaters empfangen hat. Dies alles jedoch ist in eine der Haushaltung des Alten Bundes angepasste Redeweise gekleidet, so dass der höhere geistliche Sinn aus der sinnbildlichen Form herausgeschält werden muss.4 W. H. Tucker 1840.

Die Absicht dieses Psalms geht dahin, unter dankbarem Angedenken an die genossene Hilfe Gottes sich ganz und gar an ihn aufzuopfern. 1) Der Mann Gottes ist über die Erhörung seines Gebets innig gerührt und fasst den Vorsatz, dem HERRN, seinem Gott, ewiglich anzuhangen, V. 1.2. 2) Er erzählt seine Erfahrung, sowohl was sie für Angst über ihn gebracht, als auch wie er darunter getröstet worden sei, V. 3-9. 3) Er legt dem HERRN sein dankbares Herz dar, wie er der verschafften Hilfe nimmermehr vergessen, sondern seinem Gott ewiglich anhangen wolle, V. 10-19. - Bei gesunden oder kranken Tagen sich vom Schrecken des Todes und der Hölle oder doch von ernstlichen Stichen, so die Ewigkeit geben kann, recht durchsuchen lassen, schadet nichts. Es wird viel Härtigkeit der Natur zerbrochen und das Herz zu mancher Erfahrung tüchtig gemacht, die sonst zurückbliebe. Da sieht man, wie die Einfältigen, die sich nicht selbst klug genug sind, noch zu helfen wissen, dem lieben Gott im Herzen liegen; aber auch, mit welcher Beruhigung, Dank, Gehorsam und stiller Zufriedenheit der Glaube seinem Gott und dessen Gnadenvorsatz begegnet und sich unter allem an die bewahrende Gottesmacht hinhängt. Karl Heinrich Rieger † 1791.

V. 1. Ich liebe, weil der HERR usw. (Wörtl.) Die meisten Übersetzer wenden den Satz so, als ob durch Versetzung das Wort HERR zu dem ersten Wort zu ziehen wäre: Ich liebe den HERRN, weil er usw. Dadurch wird das Ganze allerdings durchsichtiger und mehr abgerundet; aber die Worte büßen an Nachdruck ein. Denn wenn eines Menschen Herz in Flammen ist und seine Seele von der tiefen Empfindung außerordentlicher erfahrener Huld hingerissen ist, wird seine Gemütsbewegung bewirken, dass er sich in abgebrochenen Sätzen äußert. Daher zeugt diese gedrängte und abgebrochene Redeweise "Ich liebe" von einer völligeren und inbrünstigeren Hingebung, als es eine vollere und fließendere Sprache tun würde. W. Gouge 1631.

O dass wir alle solch ein Herz in uns hätten, dass wir ein jeder wie David, in Davids Gesinnung und mit ebenso gutem Grunde sagen könnten: Ich liebe den HERRN. Das wäre mehr wert, als erstens alle Geheimnisse zu wissen, zweitens zu weissagen, drittens Berge zu versetzen usw. (1. Kor. 13,1 ff.) Ich liebe den HERRN, ist mehr als: Ich kenne den HERRN, denn auch Verworfene können erleuchtet gewesen sein (Hebr. 6,4); mehr als: Ich fürchte den HERRN, denn die Teufel fürchten ihn so sehr, dass sie zittern (Jak. 2,19); und mehr als: Ich bete zum HERRN (Jes. 1,15); kurzum, mehr als alles, getrennt von der Liebe. Denn die Liebe zum HERRN ist das, was allen Dienst und alle Tugenden bei Gott annehmbar macht. W. Slater † 1626.

Ich liebe den HERRN, weil er usw. Wie töricht ist das Gerede, Gott um seiner uns erwiesenen Wohltaten willen zu lieben, sei lohndienerisch und könne nicht reine Liebe sein. Kann überhaupt andere Liebe aus dem Herzen des Geschöpfes gegen seinen Schöpfer fließen? Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat, hat der Jünger gesagt, der seinem Herrn am nächsten stand. (1. Joh. 4,19.) Und unsere Liebe und unser kindlicher Gehorsam werden in eben dem Maße wachsen, als wir uns unserer Liebesschuld gegen Gott tiefer bewusst werden. Liebe erzeugt Liebe. Adam Clarke † 1832.

Indem Gott unser Flehen hört, tut er dar, wie er auf unsere Umstände achtet, sich um uns persönlich kümmert, mit unserem Elend Mitleid hat, gewillt ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und uns Gutes zu tun. Wie könnten wir daher anders, als ihn lieben? W. Gouge 1631.

V. 1.12. Ich liebe. Wie soll ich dem HERRN vergelten? Liebe und Dankbarkeit gleichen den verwandten Elementen, die sich leicht verschmelzen. David beginnt mit dem Bekenntnis seiner Liebe und begründet sie mit der Dankbarkeit (V. 1 b), und um diese Liebe zu noch hellerer Flamme zu entfachen, zählt er in den folgenden Versen so manche Gnadentaten des HERRN auf und ruft dann, da er nun so recht in die Stimmung zum Danken versetzt ist, aus: Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut? W. Gurnall † 1679.

V. 2. Darum will ich mein Leben lang ihn anrufen: in der Zeit der Not zu ihm flehend, in der Zeit der Erfahrung der Hilfe ihn preisend. Raschi † 1105.

Die Liebe (V. 1) öffnen uns den Mund, dass wir Gott mit fröhlichen Lippen preisen. Die Absicht der Gnadentaten Gottes ist, unser Herz zu ihm zu ziehen. Die Selbstliebe kann uns ins Beten treiben, die Liebe zu Gott hingegen reizt uns zum Loben. Wer darum wohl bittet, aber nicht dankt und lobt, erweist damit mehr, dass er sich selber, als dass er Gott liebt. Thomas Manton † 1677.

Soll das die Vergeltung sein, die Gott für seine Freundlichkeit, mit der er mich gehört hat, werden soll, dass er nun vor mir keine Ruhe haben soll, weil ich nun beständig zu ihm laufe und ihn anrufe? Bekommt denn Gott irgendetwas durch mein Anrufen, dass ich daraus ein Gelübde machen sollte, als ob ich ihm damit einen Gefallen erwiese? Liebe Seele, ich wollte in der Tat, Gott hätte an mir fortan einen beständigen Bittgänger, wiewohl ich bekenne, dass ich den Freimut dazu nicht hätte, wenn sein eigener Befehl es mir nicht zur Pflicht machte. Soll Gott es mich heißen und ich es nicht tun? Soll Gott ein Ohr neigen und lauschend dastehen und ich schweigen, dass er nichts zu hören bekommt? R. Baker 1640.

Wenn der Heuchler mit dem Beten Erfolg hat und bekommt, darum er gebeten, hört er mit Beten auf. Ist er vom Krankenlager zu Gesundheit aufgerichtet worden, so lässt er das Beten im Siechbette hinter sich zurück; mit der zunehmenden Kraft wird er schwach im Anrufen Gottes. Und so ist es in andern Fällen. Hat er bekommen, was er beim Beten im Sinne hatte, so verliert er den Sinn zum Beten. Der gottselige Mensch hingegen kann nicht ohne Gebet leben, denn die Gemeinschaft mit Gott ist ihm ein unumgänglich notwendiges Lebensbedürfnis. Die Kreatur ist ihm geschmacklos wie das Weiße im Ei, wenn er sich dabei nicht Gottes erfreuen kann. Joseph Caryl † 1673.

Mein Leben lang: nicht an etlichen besonderen Tagen, sondern jeden Tag meines Lebens. Denn nur an gewissen Tagen zu beten ist Kennzeichen der Unlust, nicht der Liebe. Ambrosius † 397.

V. 3. Hatten mich getroffen, wörtl.: gefunden. Sie fanden ihn, wie ein Polizist eine Person, die er zu verhaften gesandt ist, alsbald, wenn er sie findet, erfasst und mitnimmt. Wenn Gott Trübsale und Leiden als seine Gerichtsdiener aussendet, um jemand zu packen, so werden sie ihn finden und alsbald an ihn Hand legen. Da gibt es kein Entfliehen, kein sich Loswinden, kein Bitten, kein Bestechen, bis Gott das befreiende Wort spricht: Lasst ihn gehen. Ich stieß auf Jammer und Not, die ich nicht gesucht. Man beachte das Wortspiel im Hebräischen: Ängste der Unterwelt fanden mich, und alsbald fand ich Jammer und Not. Joseph Caryl † 1673.

V. 3-7. In der Regel genießen diejenigen am meisten vom Himmel auf Erden, die zuvor am meisten von der Hölle auf Erden geschmeckt haben. Mt. Lawrence 1657.

V. 4. O HERR, errette meine Seele. Ein kurzes Gebet für eine so schwere Notlage, und doch, so kurz es war, es hatte vollen Erfolg. Haben wir vorher über die Macht, mit der Gott seine Hand auf einen Menschen legen kann, gestaunt, so mögen wir uns nun über die Macht des Gebets wundern, die bei Gott den Sieg davonträgt und erreicht, was nach der Natur unmöglich und für die Vernunft unglaublich ist. R. Baker 1640.

V. 5. Seine Gerechtigkeit ist bereit, nach Verdienst zu vergelten, seine Gnade, über Verdienst, seine Barmherzigkeit, ohne Verdienst mir wohl zu tun. Wäre er nicht gnädig, so könnte ich nicht hoffen, dass er mich hören werde; wäre er nicht gerecht, so könnte ich mich nicht auf seine Verheißungen verlassen; wäre er nicht barmherzig, so könnte ich nicht Vergebung erwarten. Nun er aber gnädig, gerecht und barmherzig ist, wie könnte ich an seiner Willigkeit, mir zu helfen, zweifeln? R. Baker 1640.

V. 6. Wenn er hier sagt: Die Einfältigen behütet der Herr (vergl. Ps. 119,130; Apg. 2,47), so meint er damit nichts anderes, als was auch im Neuen Testamente durch die Einfalt bezeichnet wird: jener lautere Sinn gegen Gott, der ohne Seitenblick auf andere Hilfe und ohne falsche Künste allein von ihm das Heil erwartet. Prof. August Tholuck 1843.

Die Einfältigen sind die, welche sich selbst nicht zu schützen verstehen und daher auf Jahves Schutz angewiesen sind. (Kimchi.) Prof. Friedrich Baethgen 1904.

Es sind solche, die ehrlich den geraden Weg der Gebote Gottes einhalten ohne die Schliche und Seitenwege fleischlicher Klugheit, um deren willen Leute bei der Welt für klug gehalten werden. Die Einfältigen schilt die Welt freilich Toren; aber sie sind nicht die Narren, als die man sie einschätzt. Schließlich kommt es doch auf Gottes Urteil an, und danach ist einzig der ein Tor, wer gottesleugnerisch denkt und lebt (Ps. 14,1), der einzige Weise in der Welt hingegen der treu Gesinnte, mit völligem Herzen vor dem HERRN Wandelnde (vergl. 5. Mose 4,6). Diesen Einfältigen, Gottes Toren, die sich in ihren Trübsalen und Nöten nur an die Mittel der Hilfe und des Trostes halten, welche Gott ihnen verordnet hat, gehört diese Verheißung, dass sie vor Unheil und Verderben bewahrt werden sollen. Vergl. Spr. 16,17; 19,16.23, und als Beispiel Asa 2. Chr. 14,8-11, sowie die trefflichen Worte des Sehers Hanani 2. Chr. 16,7-9. W. Slater † 1626.

Wenn ich unterliege, so hilft er mir. Wie gar anders ist Gottes Weise als die der Welt! Wenn da ein Mensch einmal herunterkommt, so tritt man gemeiniglich auf ihm herum, und nur eine Stimme wird laut: Herunter mit ihm, in den Kot! Gottes Lust aber ist es, aufzurichten, die da fallen, und den Unterliegenden zu helfen. R. Baker 1640.

Er hilft mir das Schwerste tragen und dabei das Größte zu hoffen; hilft mir beten, dass es am ernstlichen Verlangen nach Hilfe nicht fehle, und hilft mir warten, sonst würde mein Glaube aufhören. Matthew Henry † 1714.

V. 7. Kehre, meine Seele, zu deiner Ruhe. (Wörtl.) Der Psalmist war sehr in Unruhe gekommen, er hatte den festen Boden unter den Füßen verloren. Nun aber, da er betet, erfährt er die beruhigende Macht des Gebetes und wiegt er seine Seele in die Ruhe geistlicher Sicherheit. O lerne diese heilige Kunst! Befreunde dich recht mit deinem Gott, lass seinen Willen deinen Willen sein und ruhe in ihm; daraus wird dir viel Gutes kommen. (Hiob 22,21.) Ja, gehe ein in Christi Ruhe. John Trapp † 1669.

Das Wort Ruhe steht im Grundtext hier in der Mehrzahl, zur Verstärkung, um die volle Ruhe anzuzeigen, die in Gott zu allen Zeiten und unter allen Umständen zu finden ist. A. Edersheim 1873.

Kehre zu der Ruhe, die Christus den Mühseligen und Beladenen gibt (Mt. 11,28 f). Kehre wieder zu deinem Noah (sein Name bedeutet ja Ruhe), wie die Taube, da sie nicht fand, da ihr Fuß ruhen konnte, zu Noah in die Arche zurückkehrte (1. Mose 8,9). Ich wüsste kein besseres Wort, mit dem wir unsere Augen schließen könnten, sei es des Abends, wenn wir schlafen gehen, sei es wenn wir uns zum Tode, dem langen Schlafe, niederlegen. Matthew Henry † 1714.

V. 7.9. Wie können Ruhe und Wandeln beisammen stehen? Ruhe in Gott macht den Menschen nicht müßig, darum ist sie dem Wandeln nicht hinderlich. Und das Wandeln vor dem HERRN macht niemand müde, darum stört es die Ruhe nicht. Nein, sie dienen vielmehr einander, und es wäre schwer zu sagen, ob jene Ruhe der Grund des Wandelns oder umgekehrt der Wandel vor Gott der Grund der Ruhe sei. Es ist beides wahr; denn wer in Gott ruht, kann nicht anders als vor seinen Augen wandeln, und indem wir vor Gott wandeln, kommen wir dazu, in Gott zu ruhen. Das Zurückkehren zu dieser Ruhe ist eine Tat des Glaubens, das Wandeln vor Gott eine Tat des Gehorsams (denn wenn wir ungehorsam sind, gehen wir in der Irre, nur durch Gehorsam wandeln wir auf dem Wege), und diese beiden, Glaube und Gehorsam, sind unzertrennliche Gefährten, die einander stets treu zur Seite stehen. Denn das Gottvertrauen ist der mächtigste Antrieb zum Gehorsam, und der Gehorsam wiederum stärkt das Vertrauen zu Gott. Nathan. Hardy † 1670.


Fußnote
4. Tucker führt dies am ganzen Psalm durch. Wir müssen jedoch auf die Wiedergabe verzichten, umso mehr, als die Deutung allzu künstlich ist. - James Millard
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Erläuterungen und Kernworte


V. 8. Die dankerfüllte Seele zerlegt eine Wohltat in ihre verschiedenen Teile, wie wir es den Psalmisten hier tun sehen. Dickson † 1662.

Einzelne Erfahrungen der befreienden Macht Gottes sind wie Fäden; werden sie aber, wie in unserem Vers, vervielfältigt, so wird aus ihnen eine Schnur, ein Seil der Liebe, das uns zu Gott zieht. Jede Wohltat ist ein Glied, in Menge sind sie wie eine aus vielen Gliedern bestehende Kette, die uns enger an unsere Pflicht bindet. Vereinte Kraft ist stark. Viele Tropfen höhlen einen Stein, und immer neue Wohltaten mögen wahrlich auch auf das steinerne Menschenherz Eindruck machen. Ein Schriftsteller berichtet von einem Manne, den Gott, trotzdem derselbe offenbar ungöttlich gewandelt, so mit Wohltaten überhäuft habe, bis er endlich ausgerufen: "Vicisti, benignissime Deus, indefatigabili tua bonitate - O du gnadenreicher Gott, du hast mich besiegt durch deine unermüdliche Güte", und der von da an sich dem Dienst des HERRN gewidmet habe. Kein Wunder denn, dass der Psalmdichter, nachdem er von so zahlreichen und schweren Bedrängnissen errettet worden, den Entschluss fasst, vor dem HERRN zu wandeln im Lande der Lebendigen. Nathan. Hardy † 1670.

V. 9. Dieser Vers drückt einen heiligen Entschluss aus. Im vorhergehenden hatte er rühmen dürfen, dass der HERR seinen Fuß vom Gleiten gerissen habe, und der erste Gebrauch, den er von dem ihm wiedergeschenkten Gliede machen will, ist, vor dem HERRN zu wandeln. Das erinnert uns an den Bettler vor der schönen Tür des Tempels, zu dem Petrus gesagt hatte: "Im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandele!" und der dann alsbald, als seine Schenkel und Knöchel feststanden, mit den Aposteln in den Tempel ging, wandelte und sprang und Gott lobte vor allem Volk. (Apg. 3,6-9.) Ein dankbares Herz kann man sicher daran erkennen, dass es die Gabe zu Ehren des Gebers nach dessen Sinn verwendet. B. Bouchier 1856.

Je nachdem wir übersetzen: "Ich werde" oder "Ich will wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen ", sind es Worte vertrauensvoller Erwartung oder gehorsamer Entschließung. Im ersteren Fall verspricht der Psalmist sich etwas von Gott, im letzteren verspricht er selber Gott etwas. Beide Auffassungen sind möglich und nützlich. Vor dem HERRN wandeln kann auch wiederum in zweierlei Sinn gefasst werden: in seinem Dienst, oder: unter seinem Schutz. 1) Auch der Gottlose begehrt im Lande der Lebendigen zu wandeln, ja wenn es möglich wäre, würde er hier ewig bleiben; aber zu welchem Zwecke? Um seinen Lüsten zu frönen, sein volles Teil an Vergnügungen zu bekommen und seinen Reichtum immerdar zu mehren. Des Gottseligen Zweck aber, wenn er zu leben begehrt, ist, vor Gott zu wandeln, dessen Ehre zu fördern und seinen Dienst auszurichten. 2) Vor dem HERRN wandeln kann auch heißen: unter des HERRN sorgsamem Auge. Im Hebräischen lauten die Worte: vor dem Angesicht des HERRN, womit des HERRN Gegenwart, und zwar nicht seine allgemeine, sondern seine besondere Gegenwart oder seine Gnadennähe gemeint ist, in der nicht alle Menschen, sondern nur die Gottseligen wandeln. In diesem Sinne ist Gottes Angesicht soviel wie Gottes Huld. Wie von dem Angesicht des HERRN verstoßen sein heißt: unter seinem Zorne sein, so heißt vor seinem Angesicht wandeln: bei ihm in Gnaden sein. Demnach freut sich also der Psalmist darüber, dass er sicher und wohl behütet in dieser Welt leben wird unter dem sorgsamen Schutz des Allmächtigen. Nathan Hardy 1654.

V. 10. Ich glaube, darum rede ich. Es genügt nicht, dass du glaubst, wenn du nicht auch offen bekennst vor Ungläubigen, Tyrannen und jedermann. Auf Glauben folgt Bekennen; darum haben solche, die kein Bekenntnis ablegen, sich zu fürchten, wie anderseits diejenigen guter Hoffnung sein dürfen, die frei heraus sagen, was sie glauben. Joh. Paulus Palanterius 1600.

Dieser Vers sollte mit dem vorhergehenden verbunden werden. Ich glaube fest, was ich sage, dass ich nämlich wandeln werde vor dem HERRN im Lande der Lebendigen; darum spreche ich es ohne Zögern, ohne Bedenklichkeit aus. Sam. Horsley † 1806.

Manche übersetzen die Worte in folgender Weise: Ich glaubte, als ich sprach5: "Ich bin sehr geplagt", glaubte, als ich in meiner Bestürzung sagte. "Alle Menschen sind Lügner". Das heißt: Wiewohl es auch bei mir nicht immer glatt durchging, sondern bald auf, bald ab, ich mich also in meinen Trübsalen durch gar verschiedene Stimmungen und Gemütsverfassungen hindurchzukämpfen hatte, hielt ich dennoch Glauben, ließ in der Unruhe und Verwirrung die Glaubenshand, mit der ich Gott gefasst, nicht los. John Trapp † 1669.

Herz und Zunge sollten zusammen gehen. Die Zunge sollte stets des Herzens Dolmetsch, das Herz allezeit der Einflüsterer der Zunge sein. So sollte es sein bei allem, was wir mitteilen oder wo wir ermahnen, sonderlich aber, wenn wir über die göttlichen Dinge reden und die Geheimnisse des Himmels verwalten. David redete aus seinem Herzen, als er aus seinem Glauben redete, denn das Glauben ist eine Tat des Herzens. Joseph Caryl † 1673.

Ich war aber sehr geplagt. Nachdem unser Sänger von seinem Glauben und dem Reden des göttlichen Wortes gesprochen hat, singt er nun vom Kreuz. Christi Wort und das Kreuz sind unzertrennliche Gefährten. Wie der Schatten dem Körper, so folgt das Kreuz dem Worte Christi; und wie Feuer und Hitze nicht voneinander zu trennen sind, so können das Evangelium Christi und das Kreuz nicht auseinandergerissen werden. Thomas Becon 1542.

V. 11. Alle Menschen sind Lügner. Das heißt, jeder, der nach der gewöhnlichen Menschenweise über das Glück redet und auf die nichtigen und vergänglichen Dinge dieser Welt den Hauptwert legt, ist ein Lügner; denn wahres, gediegenes Gluck ist in dem Lande der Lebendigen nicht zu finden. Diese Erklärung löst den von Basil aufgesetzten Trugschluss: "Sind alle Menschen Lügner, dann war auch David ein Lügner; darum lügt er, wenn er spricht: Alle Menschen sind Lügner." Darauf lässt sich leicht antworten; denn als David also redete, tat er es nicht als Mensch, sondern aus Eingebung des Heiligen Geistes. Kardinal Robert Bellarmin † 1621.

Welche Beleidigung, jemand einen Lügner zu schelten! Und doch wird kein denkender Mensch den Psalmdichter dafür fordern, dass er hier alle Menschen Lügner nennt, so wenig als den Johannes oder Paulus, wenn sie sagen, wir seien alle Sünder. Wie könnte in der Tat ein Mensch dem entgehen, ein Lügner zu sein, sintemalen das Sein des gefallenen Menschen eine Lüge ist, nicht nur Eitelkeit und in der Waage gewogen weniger denn nichts, sondern wirklich eine Lüge, da er Großes verspricht und doch geradezu nichts zu tun vermag, wie Christus selber gesagt hat (Joh. 15,5). Doch wenn auch von allen Menschen mit Recht gesagt werden kann, dass sie Lügner seien, so doch nicht von allen Menschen in allen Stücken - denn dann würde David selber in dieser seiner Aussage ein Lügner sein - sondern gemeint ist, dass völlig Wahrheit in keinem Menschen zu finden ist - außer in dem einen, der kein bloßer Mensch war. R. Baker 1640.

V. 12. Wie soll ich dem HERRN vergelten usw.? Dankbare Liebe und Treue ist ein Grundzug der echten Frömmigkeit. Wie die Treugesinntheit gegen den Herrscher dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist, so ist es Pflicht und Freude der Frömmigkeit, Gott zu geben, was Gottes ist. Man vergleiche, wie in dem Gleichnis vom Weinberg das, was wir Gott schuldig sind, als ein Geben der Früchte des Weinbergs dargestellt wird (Mt. 21,41). Siehe ferner Ps. 56,13; Hos. 14,3; 2. Chr. 34,31. Henry Hurst 1690.

Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltaten? Aus der freudelosen Finsternis des Nichtseins hat er uns zum Leben erweckt. Er hat uns durch die Gabe der Vernunft geadelt, uns Künste gelehrt, die das Leben veredeln. Er hat der Erde, sie fruchtbar machend, geboten, uns Nahrung darzureichen, hat den Tieren befohlen, uns als ihre Herren anzuerkennen. Für uns quillt der Regen hernieder, für uns sendet die Sonne ihre Leben weckenden Strahlen aus. Die hochragenden Berge, die blühenden Täler bieten uns angenehme Wohnung und schützende Zuflucht. Für uns fließen die Ströme, murmeln die Quellen; das Meer öffnet seinen Busen, um unseren Handel aufzunehmen, und die Erde erschöpft ihre Schätze uns zugute. Wohin wir blicken, überall bietet sich neue Freude, neuer Genuss dar. Die ganze Natur schüttet ihre Güter zu unseren Füßen aus, durch die freigebige Güte dessen, der da will, dass alles unser sei. Basil der Große † 379.

Alle. Nur für das eine oder andere danken genügt so wenig wie in einzelnen Stücken gehorsam sein. Nicht, dass irgendein Gotteskind es vermöchte, alle Wohltaten Gottes zusammenzurechnen oder gar für jede einzelne Wohltat eine besondere Dankesquittung zu erstatten. Aber wie der Gläubige Herz und Auge auf alle Gebote des HERRN richtet, so begehrt er auch jede Wohltat Gottes hoch zu schätzen und nach allen seinen Kräften Gott für alles die Ehre zu geben. Wie das Überspringen einer Note den ganzen Wohlklang der Musik zerstören kann, so beeinträchtigt Undankbarkeit in einem Stück unseren Dank im Ganzen. W. Gurnall † 1679.

V. 13. Wie allein er seinem Retter danken kann und will, sagt der Dichter hier. Der Kelch des Heils ist der, welcher unter Dank für das erlebte mannigfaltige und reiche Heil (darum im Grundtext die Mehrzahl) emporgehoben und getrunken wird. Der Dichter hat, wie das Folgende zeigt, das Schelamim-Dankopfermahl im Sinne, wobei in dankvoll heiterer Stimmung gegessen und getrunken wird. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Der Kelch des Heils ist ein sinnbildlicher Ausdruck, anknüpfend an den symbolischen Becher der Danksagung bei dem Passahmahle. Zion, das von der Hand des HERRN den Kelch seines Grimmes getrunken hatte (Jes. 51,17.22), durfte nun aufstehen und den Kelch des Heils trinken. Und Jesus trank in der Passahnacht von dem bitteren Wein des Zornes Gottes, dass er den Becher für die Seinen wieder füllen könne mit Freude und Heil. W. Kay 1871.

V. 13.14.17-19. Das Kämmerlein ist der erste Ort, wo das Herz seine Freude vor Gott ausströmen lässt. Von dort wird die Gemütsbewegung sich zum Familienaltar fortpflanzen, und von hier wiederum weiter zu dem Heiligtum des Höchsten, der Gemeine. J. Morison 1829.

V. 14. Warum vor all seinem Volk? Nicht, damit der Beter um seines Gebets und seiner Opfer willen bewundert werde, sondern damit die Leute Gott mit ihm und seinem Beispiel folgend preisen. Das Beispiel war umso wichtiger, wenn der Sänger des Psalms der König David war, denn eines Königs Tun hat großes Gewicht beim Volke. Ist es nicht bedeutsam, dass Unfruchtbarkeit in Israel als ein Fluch galt? Wer aber seine Gelübde nicht vor allem Volk bezahlt, mag wohl als unfruchtbar gelten, da er keine geistliche Nachkommenschaft durch sein Beispiel erzeugt. R. Baker 1640.

Die Zeugen des Gelübdes seien auch Zeugen der Erfüllung desselben. Das eine entspreche dem andern. Das ganze Volk war Zeuge der Drangsale, Bitten und Gelübde Davids gewesen; so will er auch vor ihrer aller Augen den Dank erstatten, den er gelobt. Suche nicht mehr Zeugen bei der Erfüllung deiner Gelübde, als die Vorsehung zu Mitwissenden deiner Versprechungen gemacht hat, es möchte dir sonst als Sucht, dich zur Schau zu stellen und Ruhm zu ernten, ausgelegt werden; sie aber ziehe so viel möglich alle herbei, du könntest sonst eine Gelegenheit, durch dein Beispiel zu wirken, verfehlen oder aber in den Verdacht kommen, dass du dein Gelübde nicht haltest. Hast du auf dem Krankenbett vor deinen Angehörigen und Nachbarn ein Gelübde ausgesprochen? Wende Bedacht darauf, es vor ihnen zu erfüllen; lass sie merken, dass du bist, was du zu sein gelobtest. So gibst du andern Anlass, deinen Vater im Himmel zu preisen. Henry Hurst 1690.

Fußnote
5. Gegen diese Verbindung, die auch von anderen, z. B. Delitzsch, vorgeschlagen wird, spricht, dass der Psalmist das Zeitwort reden (nicht. sagen, sprechen) gebraucht.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Erläuterungen und Kernworte


V. 15. Aus dem Erlebten ergibt sich dem Dichter, dass die Frommen Jahves unter dessen besonderer Vorsehung stehen. Eigentlich sollte es wohl heißen, ihre Seele, d. i. ihr Leben, oder ihr Blut sei kostbar usw., wie in der Grundstelle Ps. 72,14. Aber die Bemerkung von Grotius, mit dem, was kostbar sei, gehe man nicht freigebig um, passt auch so. Der Tod seiner Frommen ist Gott nicht wohlfeil, er lässt es nicht leicht dazu kommen, er lässt die Seinen sich nicht durch den Tod entreißen. - Nach Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Wie ist doch die Sache des Evangeliums durch den Duldertod eines Ignatius, Polykarp, Latimer, Ridley, Huß und des ganzen Heeres der Märtyrer gefördert worden! Was schuldet die Menschheit nicht solchen Szenen, wie sie sich auf den Sterbebetten eines Baxter, Thomas Scott, Halyburton, Payson und anderer ereigneten! Was für ein kraftvoller Beweis für die Wahrheit des Evangeliums, welch eine Verherrlichung seiner aufrecht erhaltenden Kraft und welch eine Quelle des Trostes für diejenigen, die am Sterben sind, dass das Evangelium den Gläubigen nicht im Stich lässt, wenn er seine Kraft und seinen Trost am meisten bedarf, dass es uns in der schwersten Prüfung unseres ganzen diesseitigen Daseins zu erhalten vermag, dass es den Ort erleuchtet, der von allen der finsterste, freudloseste, schrecklichste ist, das Tal der Todesschatten. Albert Barnes † 1870.

Im Jahr Christi 303 unter der zehnten heidnischen Verfolgung wurde auch ein Knabe von sieben Jahren über dem Bekenntnis der Wahrheit zum Tode verurteilt, den seine Mutter selbst dem Scharfrichter hingab und mit Vorhaltung eines Tuchs sein Haupt, das ihm abgeschlagen wurde, auffing und es nochmals an ihre Brust drückte und dabei die Worte gebrauchte: Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem HERRN. O HERR, ich bin dein Knecht; ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn. Karl Heinrich Rieger † 1791.

V. 16. O HERR, ich bin dein Knecht. Die Männer Gottes haben stets einen heiligen Stolz darein gesetzt, Gottes Knechte zu sein. Es kann auch in der Tat keine größere Ehre geben, als einem solchen Herrn zu dienen, der über Himmel, Erde und Hölle gebietet. Denke doch nicht etwa, dass du Gott ehrst, indem du ihm dienst; vielmehr ist das die Weise, wie Gott dich ehrt, indem er dir gestattet, sein Knecht zu sein. David konnte sich keinen höheren Würdentitel beilegen, als indem er sich in der Demut des Glaubens Gottes Knecht und den Sohn der Magd des HERRN nannte. Ja der Apostel schätzt diese Würde so hoch, dass er den Titel Knecht vor den des Apostels setzt (Röm. 1,1). Groß war sein Amt als Apostel, größer noch sein Glück, ein Knecht Jesu Christi zu sein. Das eine ist ein Beruf zur Wirksamkeit nach außen, das andere eine innere Gnade. Es hat einen Apostel gegeben, der der Verdammnis anheimfiel, niemals aber ist einem Knecht des HERRN dieses Schicksal widerfahren. Thomas Adams 1614.

Ich bin dein Knecht. Du hast meine Bande zerrissen. Gnaden werden uns verliehen, um uns anzureizen, Gott zu dienen, und sollten eben zu dem Ende von uns im Gedächtnis behalten werden. Der Regen strömt auf die Erde nieder, dass sie fruchtbarer werde. Wir sind nur Verwalter; was uns verliehen, ist nicht unser eigen, sondern soll in des Meisters Dienst nutzbar gemacht werden. Große Gnadentaten verpflichten uns zu vorzüglichem Gehorsam. Gott setzte den zehn Geboten die Erinnerung an seine Gnade, die Israel aus Ägypten erlöst hatte, voraus. Mit welchem Eifer der Hingebung bekennt der Psalmdichter sich als Gottes Knecht, da er erwägt, wie Gott seine Bande zerrissen. "Die Erinnerung an deine Gnade macht, dass ich von nichts anderem etwas wissen will, als dass ich dir zum Knecht verbunden bin." Wenn wir gedenken, wie Gott an uns handelt, so soll uns das vor allem erinnern, dass wir ihm noch mehr und noch hingebender zu dienen haben. Untertänigkeit, williger Gehorsam ist die einfache Folge der Gnade. Es ist ein Zeichen, dass wir Gottes Ehre im Sinn hatten, da wir um Gnade flehten, wenn wir auch nach Gottes Verherrlichung trachten, nun wir die Gnade empfangen haben. Es beweist, dass die Liebe uns die Erinnerung an die Wohltat ins Herz geflüstert hat, wenn sie uns zugleich den Entschluss einflüstert, die empfangene Gnade nutzbar anzuwenden. Nicht die Zunge nur, unser Leben soll Gott preisen; denn auch die Gnade wird nicht einem Gliede gegeben, sondern dem ganzen Menschen. Stephen Charnock † 1680.

V. 18. Gelübde. Wohlbedachte Gelübde können der Frömmigkeit bei uns und andern sehr förderlich sein, aber sie sind mit aller Vorsicht zu machen, denn sie binden aufs strengste. Darum warte ja, bis Gott dir besonderen geziemenden Anlass zum Geloben gibt. Manche Christen zeigen eine unbedachte, törichte Hast in diesem Stück. Gott ist es zufrieden, wenn du seine beständig dir zuströmenden Wohltaten gewöhnlicher Art dankbar anerkennst; er verlangt dafür keine außerordentlichen Dankesbezeugungen. Legt er dir aber durch außerordentliche Gnadenerweisungen es nahe, deinem Dank in besonderer Weise Ausdruck zu geben, dann sei nicht karg. Henry Hurst 1690.

Vor all seinem Volk. Verkündigt frei und mutig, ihr Knechte des HERRN, den Ruhm eures Gottes. Geht ins Gedränge des Volkes und preiset den HERRN. Wie frech verkündigen die Gottlosen ihre Lästerungen, um Gott zu entehren; sie kümmern sich nicht darum, wer immer es höre. Sie nehmen keinen Anstand, es mitten in der Stadt zu tun. Sollen sie mehr Frechheit beweisen, Gott seine Ehre zu rauben, als wir Eifer, ihm seine Ehre zu geben? Denke daran, dass Christus sich so eifrig erweisen wird, dich zu bekennen, als du es bist und nur sein kannst, ihn zu bekennen. (Mt. 10,32.) Solch heilige Kühnheit ist der gerade Weg zur Herrlichkeit. W. Gouge 1631.

V. 19. In dir, Jerusalem. In dieser Anrede an die Stadt Gottes kommt die Liebe des Psalmisten und seine Lust an ihr zum Ausdruck. Dort war ja das Haus Gottes! Also sollte auch unser Herz in Liebe wallen gegen die Gemeinde des HERRN, da Gott wohnt, gegen den Tempel Gottes, der erbaut ist nicht aus Steinen, sondern aus den Herzen der Gläubigen. Wolfg. Musculus † 1563.

Homiletische Winke


V. 1.2.
1) Gegenwart: Ich liebe. 2) Vergangenheit: Er hat gehört usw. 3) Zukunft: Ich will usw.
Unsere Erfahrung in Betreff des Gebets. 1) Wir haben gebetet, oft beständig, auf verschiedene Weise usw. 2) Wir sind erhört worden. Tun wir einen dankbaren Rückblick auf die alltäglichen wie auf besondere Erhörungen. 3) Unsere Liebe zu Gott ist dadurch mächtig gefördert worden. 4) Die Überzeugung von dem Wert des Betens ist so stark geworden, dass wir vom Gebet nicht mehr lassen können.
V. 1.2.9.
Im 1. Vers finden wir ein Bekenntnis der Liebe zum HERRN, im 2. ein Gelübde, allezeit zu beten, im 9. den Entschluss, vor dem HERRN zu wandeln. Diese drei Stücke sollten jedem Gläubigen ein Hauptanliegen sein: die Hingebung des Herzens, das Bekenntnis des Mundes und der Wandel. Das ist liebliche Harmonie in Gottes Ohren, wenn nicht nur die Stimme singt, sondern die Saiten des Herzens dazu erklingen und der Wandel damit Schritt hält. Nath. Hardy † 1670.
V. 2.
Er neigte usw., darum will ich usw. Gottes Gnade die bewegende Kraft unseres Gebetslebens.
V. 2.4.13.17.
Das Anrufen des HERRN wird viermal in lehrreicher Weise erwähnt: Ich will es tun (V. 2), ich habe es erprobt (V. 4), ich will es tun beim Nehmen (V. 13) und beim Darbringen (V. 17).
V. 2.9.13.14.17.
Fünf treffliche Entschlüsse: Ich will anrufen (V. 2), wandeln (V. 9), nehmen (V. 13), bezahlen (V. 14), opfern (V. 17).
V. 3-5.
Die Geschichte einer im Leidenstiegel geläuterten Seele. 1) Wo ich war, V. 3. 2) Was ich tat, V. 4. 3) Was ich gelernt habe, V. 5.
V. 3-6.
I. Die Not. 1) Leibliche Trübsal. 2) Schrecken des Gewissens. 3) Herzenskummer. 4) Selbstanklagen. II. Die Bitte. 1) Unmittelbar an den HERRN gerichtet. 2) Sofort, da die Trübsal kam. Das Gebet war bei ihm das erste Mittel, zu dem er seine Zuflucht nahm, nicht wie bei so vielen das letzte. 3) Kurz - auf das eine, was Not ist, sich beschränkend. 4) Dringend. III. Die Hilfe. 1) Angedeutet in V. 5. Gnädig. usw. 2) Ausdrücklich bezeugt, a) allgemein: Der HERR behütet usw.; b) persönlich: Als ich am Unterliegen war, half er mir. Er half mir beten, half mir aus der Trübsal in Erhörung meines Flehens und half mir ihn preisen (V. 5) für seine Gnade, gerechte Treue und Barmherzigkeit, die er in meiner Errettung erwiesen. Gott wird verherrlicht durch die Trübsale seiner Kinder: die Einfältigen werden in der Trübsal erhalten, V. 6a, die tief Gebeugten daraus erhöht, V. 6b. George Rogers 1878.
V. 3.4.8.
Für geängstete Seelen. Predigt von C. H. Spurgeon. Schwert und Kelle II, S. 369; Botschaft des Heils I, S. 417. Bapt. Verlagshandlung, Kassel.
V. 5.
1) Ewige Gnade, oder der Ratschluss der Liebe. 2) Vollkommene Gerechtigkeit, oder das Problem (die schwierige Aufgabe) der Heiligkeit. 3) Schrankenlose Barmherzigkeit, oder die Frucht der Sühne.
V. 6.
1) Eigenartige Leute: Die Einfältigen. 2) Eine eigenartige Tatsache: Der HERR behütet sie. 3) Ein eigenartiger Erweis dieser Tatsache: Als ich am Unterliegen war, half er mir.
V. 7.
Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe. (Wörtl.) Aus vierfachem Grunde kann die Ruhe in Gott als dem Volke Gottes zugehörend bezeichnet werden. 1) Auf Grund des ewigen Ratschlusses der Liebe. 2) Auf Grund der Erlösung. Sie haben die Ruhe in Gott, deren sie als Geschöpfe bedürfen, durch die Sünde verscherzt. Aber Christus gab sein Leben hin, um sie ihnen wieder zu erwerben. 3) Auf Grund der Verheißung. 2. Mose 33,14; Mt. 11,28 f.; Hebr. 4,9 f. 4) Auf Grund der eigenen Wahl der begnadigten Seelen. Dan. Wilcox † 1733.
Kehre, meine Seele, zu deiner Ruhe. Wann soll ein Kind Gottes also zu seiner Seele sprechen? 1) Täglich, wenn es in den Geschäften seines Berufs mit der Welt zu tun gehabt hat. 2) Wenn es an des Herrn Tag zu dem Hause Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, wallt. 3) In allen Trübsalen. 4) Wenn es aus dieser Welt abscheidet. Dan. Wilcox † 1733.
I. Die Ruhe der Seele in Gott. 1) Die Seele ward dazu erschaffen, in Gott ihre Ruhe zu finden. 2) Darum kann sie nirgends anders Ruhe finden. II. Ihr Verlassen dieser Ruhe. (Aus dem Ausdruck "Kehre wieder" zu entnehmen.) III. Ihre Rückkehr. 1) In der Buße. Durch den Glauben, auf dem für die Rückkehr gebahnten Wege. 3) Durch Gebet. IV. Die Ermunterung zur Rückkehr. 1) Die Ruhe sollst du ja nicht in dir, sondern in Gott finden. 2) Nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Güte Gottes: Denn der HERR tut dir Gutes. Die Güte Gottes soll dich zur Buße leiten. George Rogers 1878.
V. 8.
Einheit in Mannigfaltigkeit in der Gnadenerfahrung. 1) Einheit. Alle Gnadenerfahrungen strömen aus einer Quelle: Du. 2) Mannigfaltigkeit: Befreiung von Seele, Auge, Fuß; von Strafe, Kummer, Sünde; zu Leben, Freude, Standhaftigkeit. 3) Einheit. Alles für mich und an mir geschehen: meine Seele usw.
V. 9.
Der Wandel des Geretteten (V. 8) vor dem HERRN. a) im Vertrauen auf ihn, b) in Liebe zu ihm, c) im Gehorsam gegen ihn. George Rogers 1878.
V. 10.11.
1) Die Regel: Ich glaube, darum rede ich. Wohlerwogen, aus fester Überzeugung, in Übereinstimmung mit der Glaubenserfahrung. 2) Die Ausnahme: Ich sprach in meiner Bestürzung. a) Da redete er ungerecht. Wohl Wahrheit darin, aber nicht volle Wahrheit. b) In Hast, ohne genügende Überlegung. c) Im Zorn, unter dem Einfluss seiner Leiden, bei der Erfahrung der Unzuverlässigkeit so mancher. Die Natur handelt eher als die Gnade, die eine instinktmäßig, die andere mit Bedacht. George Rogers 1878.
V. 11.
Ein übereiltes Wort. 1) Es war viel Wahrheit darin. 2) Er irrte damit nach rechts ab, denn sein Sprechen bewies, dass er sich mehr auf Gott als auf die Kreatur verließ. 3) Er irrte aber dennoch, denn sein Wort fegte das Gold mit dem Staube weg, war zu hart und zu misstrauisch. 4) Er wurde bald zurechtgebracht. Ein gutes Mittel gegen solch hastige Reden: Geh auf Werk in dem Geist des 12. Verses.
V. 12.
Überwältigend große Verpflichtungen. 1) Eine gewaltige Addition: alle seine Wohltaten. 2) Ein Schuldenüberschlag: Wie soll ich vergelten? 3) Eine persönlich zu lösende Aufgabe: Wie soll ich usw.?
V. 13.
Abendmahlsansprache. Wir nehmen den Kelch des Heils 1) zum Gedächtnis dessen, der unser Heil ist; 2) als Zeichen, dass unser Glaube ihn erfasst; 3) als Erweis unseres Gehorsams gegen ihn; 4) als Sinnbild unserer Gemeinschaft mit ihm; 5) in der Hoffnung, bald neu mit ihm von dem Gewächs des Weinstocks zu trinken.
Die verschiedenerlei in der Schrift erwähnten Kelche würden einen anziehenden und fruchtbaren Gegenstand der Betrachtung bilden.
V. 15.
1) Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten (köstlich) vor dem HERRN. a) Weil sie selber ihm wert sind. b) Weil die Erfahrungen, die sie im Sterben machen, ihm köstlich sind. c) Weil sie im Sterben ihrem Bundeshaupt ähnlich gemacht werden. d) Weil ihr Tod ihren Kümmernissen ein Ende macht und sie zu ihrer Ruhe bringt. 2) Wie erweist sich jenes? Indem er a) sie vor dem Tode bewahrt, b) sie im Sterben stützt und bewahrt, c) ihnen den Sieg über den Tod verleiht, d) sie nach dem Sterben verherrlicht.
V. 16.
Geweihter Dienst. 1) Eifrig gelobt. 2) Redlich vollbracht. 3) Wohl begründet: Sohn deiner Magd. 4) Vereinbar mit wohlbewusster Freiheit.
V. 17.
Dankopfer gebühren unserem Gott, sind gesegnet für uns selbst und ermutigend für andere.
Dankopfer. 1) Wie wir sie bringen können. In stiller Liebe, mit dem Wandel, in heiligen Liedern, durch öffentliches Zeugnis, mit besonderen Gaben und Werken. 2) Wofür wir sie bringen sollten. Für erhörte Gebete (V. 1.2.4), für denkwürdige Errettungen (V. 3), für gnädige Bewahrung (V. 6), für wunderbare Wiederherstellung (V. 7.8), für die Tatsache, dass wir seine Knechte sind (V. 16). 3) Wann wir sie bringen sollten. Jetzt, da Gottes Gnadentaten frisch in unserem Gedächtnis sind, und sooft wir neue Gnadentaten erleben.
V. 18.
1) Wie können wir öffentlich unsere Gelübde bezahlen? Indem unser erster Gang nach der Genesung uns zu der Versammlung des Volkes Gottes führt; indem wir herzlich in den Gesang einstimmen; indem wir am Tisch des Herrn teilnehmen; sodann durch besondere Dankopfer und indem wir passende Gelegenheiten wahrnehmen, offen von des HERRN Güte zu zeugen. 2) Eine Schwierigkeit bei der Sache: Sie dem HERRN zu bezahlen, nicht zur Schaustellung unserer Frömmigkeit oder als leere Form. 3) Die Nützlichkeit solch öffentlicher Handlung. Sie macht anderer Aufmerksamkeit rege, bewegt ihre Herzen, ist ihnen ein heilsamer stillschweigender Vorwurf oder aber eine Ermutigung usw.
V. 19.
Der Christ daheim 1) in Gottes Haus, 2) unter Gottes Hausgenossen, 3) bei seinem Lieblingswerk, dem Preise Gottes.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 117

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PSALM 117 (Auslegung & Kommentar)


Inhalt

Dieser Psalm, so klein den Worten nach, ist doch an Geist außerordentlich umfassend; denn er durchbricht alle Schranken der Nationalität und Menschenrassen und fordert die ganze Menschheit auf, den Namen des HERRN zu preisen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er als ein kurzes, fast für jeden Anlass passendes Lied sehr häufig gebraucht, namentlich auch, wenn nur kurze Zeit zur Andacht blieb. Vielleicht sang man ihn auch etwa zum Anfang oder am Schluss anderer Psalmen, wie wir jetzt (besonders in England) die bekannte Doxologie "Ehre sei dem Vater usw." gebrauchen. Der Psalm hätte jedenfalls zur Eröffnung wie zum Schluss der Gottesdienste trefflich gepasst. Er ist so kurz und lieblich. Der gleiche Gottesgeist, der sich im 119. Psalm so ausführlich verbreitet, drängt hier seine Ansprüche in zwei kurze Verse zusammen; dennoch ist die gleiche unerschöpfliche Fülle vorhanden und wahrnehmbar. Es mag auch wert sein zu vermerken, dass dieser Psalm das kürzeste Kapitel und zugleich das mittelste Stück der ganzen Bibel ist.

Auslegung

1.
Lobet den HERRN, alle Heiden;
preiset ihn, alle Völker!
2.
Denn seine Gnade und Wahrheit
waltet über uns in Ewigkeit.Hallelujah!



1. Lobet den HERRN, alle Heiden. Diese Aufforderung an die Völker alle, Jehovah zu preisen, ist ein klarer Beweis, dass der Geist des Alten Testaments weit unterschieden ist von der engen und verdrehten, nur das eigne Volk schätzenden fanatischen Frömmigkeit, an der die Juden zu Jesu Zeiten so hartnäckig krank waren. Es konnte von den Völkern unmöglich erwartet werden, dass sie in das Lob Jehovahs mit einstimmten, es sei denn, dass sie auch an den Wohltaten teilhatten, deren Israel sich erfreute. Daher war dieser Psalm für Israel ein Wink, dass die Gnade und Wahrheit Gottes nicht auf ein Volk beschränkt bleiben, sondern sich in glücklicheren künftigen Tagen auf das ganze Menschengeschlecht ausdehnen sollte, wie schon Mose geweissagt hatte, da er sprach: Jauchzet, ihr Heiden, sein Volk. (5. Mose 32,43 nach Stier u. a., während Paulus Röm. 15,10 nach der Septuaginta die Worte also wiedergibt: Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk.) Die Heiden sollten sein Volk sein, wie er denn auch durch Hosea spricht: Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht die Liebe war. (Röm. 9,25, vergl. 1. Petr. 2,10) Wir wissen und glauben, dass nicht ein einziger Zweig der Menschheit der Vertretung ermangeln wird bei dem allgemeinen Lobgesang, der einst zu dem HERRN aller emporsteigen wird. Schon sind einzelne aus allen Heiden und Völkern und Sprachen durch die Predigt des Evangeliums gesammelt, und diese stimmen recht von Herzen mit ein in das Lob der Gnade, die sie gesucht und zu der Erkenntnis des Heilands gebracht hat. Sie aber sind nur die Vorhut einer Schar, die niemand zählen kann, die in kurzem herankommen wird, um dem Allherrlichen ihre Anbetung darzubringen. Preiset ihn, alle Völker. Habt ihr es einmal getan, so tut es wieder, und tut es noch inbrünstiger, Tag für Tag zunehmend an der Ehrerbietung und dem Eifer, womit ihr den Höchsten erhebt. Preiset ihn nicht nur als Nationen durch eure Herrscher und Führer, sondern auch als Volksmasse. Die Menge des gemeinen Volks soll noch einmal den HERRN preisen. Durch die Wiederholung wird die Gewissheit der Tatsache bekräftigt. Die heidnischen Völker müssen und werden Jehovah erhöhen, sie alle, ohne Ausnahme. Wir beten unter dem Evangelium keinen neuen Gott an, sondern der Gott Abrahams ist unser Gott immer und ewiglich; aller Welt Gott soll er genannt werden (Jes. 54,5).

2. Denn machtvoll waltet seine Gnade über uns. (Wörtl.) Damit ist nicht nur seine große Huld gegen Israel gemeint, sondern gegen das ganze Geschlecht der Menschen.1 Der HERR ist gütig gegen uns als seine Geschöpfe und barmherzig gegen uns als Sünder; beides fasst sich in dem Wort Gnade zusammen. Diese Gnade hat sich als sehr groß oder mächtig erzeigt. Ja, die machtvolle Gnade Gottes hat sich so übermächtig erwiesen wie die Wasser der großen Flut, die die ganze Erde überwältigten; alle Schranken durchbrechend strömt die Gnade zu allen Abteilungen des mannigfaltigen Geschlechtes der Menschen. Ja Christo Jesu hat Gott sein Erbarmen und seine Huld im höchsten Grad erwiesen. Wir alle dürfen in dies dankbare Bekenntnis einstimmen und in den Lobpreis, der ihm deshalb gebührt. Und die Wahrheit (oder Treue) des HERRN währet ewig. (Grundtext) Er hat seine Bundesverheißung gehalten, dass in dem Samen Abrahams alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, und in Ewigkeit wird er jede einzelne in diesem Bunde enthaltene Verheißung allen denen halten, die auf ihn ihr Vertrauen setzen. Das sollte eine Ursache beständigen dankerfüllten Lobpreises sein, weshalb der Psalm mit Hallelujah schließt, wie er begonnen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Dieser den Worten nach kürzeste, aber seinem messianischen Inhalte nach wichtige Psalm enthält den lyrischen Ausdruck des Bewusstseins der alttestamentlichen Gemeinde, 1) dass sie der Gegenstand a) einer besonderen und b) einer ewig währenden Fürsorge Jehovahs ist, 2) dass Ersteres von seiner Gnade und Letzteres von seiner Wahrheit abzuleiten ist; 3) dass aber eben deshalb (nicht Israel, sondern) Jehovah der würdige Gegenstand des Preises für alle Völker ist. Die Bestimmung aller Völker zur Anbetung des Gottes der geschichtlichen Offenbarung durch Vermittlung dessen, was er an und in Israel tut: das ist der Gedanke, den der Apostel Paulus (Röm. 15,11) aus den hier niedergelegten Keimen entwickelt. K. B. Moll 1884.

Der 117. Psalm ist ein Meisterstück des Heiligen Geistes, mit so wenig Worten so viel zu sagen, aber auch ein Muster, wie etwas den Worten nach so leicht und so bekannt sein kann, das der Sache und Kraft nach so wenig verstanden wird. Dies Psälmlein wird ein jedes Judenkind auswendig gekonnt haben, und da es zur Erfüllung gekommen ist, ist es so schwer eingegangen. Welchen Rumor hat dieser kleine Psalm in der Welt angerichtet, bis es unter allen Völkern vom Toben wider den HERRN und seinen Gesalbten zum fröhlichen Loben gekommen ist! Karl H. Rieger † 1791.

Der Aufruf an alle Völker ohne Unterschied, alle Nationen ohne Ausnahme begründet sich aus der Macht der Gnade Jahves, welche über Israel sich gewaltig erweist, d. h. durch ihre Intensität und Fülle menschliche Sünde und Schwachheit überreichlich deckend (vergl. Ps. 103,11; Röm. 5,20; 1. Tim. 1,14), und aus dessen Wahrheit, vermöge welcher die Geschichte bis in die Ewigkeit hinein in Bewährung seiner Verheißungen aufgeht. Gnade und Wahrheit sind die zwei göttlichen Mächte, welche sich in Israel einst vollkommen enthüllen und entfalten und von Israel aus die Welt erobern sollen. Prof. Franz Delitzsch † 1890.

Wie reich erweist sich der Inhalt bei genauerer Erwägung! Fünf Hauptpunkte der Lehre seien herausgehoben: 1) Die Berufung der Heiden. 2) Die Summe des Evangeliums, nämlich die Offenbarung der Gnade und Wahrheit. 3) Das Ziel solch großer Segnung: die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit. 4) Die Beschäftigung der Untertanen des großen Königs: das Lob und die Verherrlichung Jehovahs. 5) Ihr Vorrecht: ewiges Leben und ewige Glückseligkeit. H. Moller 1639.

Dieser Psalm ist der kürzeste, der zweitnächste der längste. Es gibt Zeiten für kurze und für lange Lieder, Gebete, Predigten. Es ist besser, man sei in diesen Stücken zu kurz als zu lang; denn der Fehler kann leichter verbessert werden. George Rogers 1878.

V. 1. Alle Völker. Jedes Volk hat von Gott eine besondere Gabe bekommen, die anderen nicht verliehen ist und für die es Gott preisen sollte. Wie dies von den natürlichen Gaben gilt, so auch auf dem Gebiet der Gnade. Th. Le Blanc † 1669.

V. 2. Denn seine Gnade ist mächtig über uns (Grundtext, wie Ps. 103,11), sie ist nicht nur groß an Menge ihrer Erweisungen, sondern sie ist stark, sie waltet machtvoll, denn sie gewinnt den Sieg über Sünde, Satan, Tod und Hölle. Adam Clarke † 1832.

Hier wie in verschiedenen andern Psalmen werden Gottes Gnade und Wahrheit miteinander verbunden. In allem, was Gott an seinem Volke tut, erweist sich nicht nur seine Gnade - so köstlich diese ist - sondern auch seine Wahrheit oder Treue. Die Segnungen fließen ihnen zu auf dem Grunde der Verheißung, durch die Bundestreue Gottes. Wie erquickend für die Seele, wenn so jede Gnade für sie ein Geschenk ist, vom Himmel ihr gesandt in Kraft einer Verheißung. Abraham Wright 1661.

Schon im Alten Testament haben wir mehr als ein Beispiel, dass solche, die außerhalb des auserwählten Volkes standen, anerkannten, dass Gottes Gnade gegen Israel für sie eine Segensquelle sei. Solcher Art waren wohl, wenigstens in gewissem Grade, die Gefühle eines Hiram und der Königin von Reicharabien; solches die Erfahrung Naemans und der Kern der Bekenntnisse eines Nebukadnezar und Darius. Sie nahmen wahr, wie Jehovahs Gnade sich an seinen Knechten vom Hause Israel erwies, und priesen ihn darum. Joseph Fr. Thrupp 1860.

O was hat die Gnade und Wahrheit Gottes schon besiegt und unter ihr sanftes Joch und Regiment gebracht, und wieviel fröhliches Lob Gottes ist schon daraus veranlasst, wieviel freundliche Aufnahme dieser Gnadengenossen untereinander dadurch gefördert worden. O dass bald alles vollends weggeräumt würde, was dies Regiment der Gnade und Wahrheit Gottes noch aufhält, und es unter allen Völkern und Heiden so aussähe, dass der Glaube fröhlich rühmte: Seine Gnade und Wahrheit waltet, die Liebe um alle das Band schlänge und sagte: über uns, die Hoffnung das Siegel darauf drückte: in Ewigkeit!Indessen freue sich, wer kann, der Barmherzigkeit, die andern widerfährt, und danke der Gnade, Treue und Wahrheit, die ihn selbst auch hält und trägt. Karl H. Rieger † 1791.

Homiletische Winke

V. 1.2.
Das allumfassende Reich. Alle haben 1) den gleichen Gott, 2) den gleichen Gottesdienst, 3) die gleichen Gründe zu demselben.
Die Gemeinde des HERRN ein Psalmbuch, daraus die Heiden Gottes Lob singen lernen sollen. (Für Missionsstunden.)
V. 2.
Gottes Güte gegen uns erweist sich als Gnade, denn 1) unsre Sünde erheischt das Gegenteil von Güte, 2) unsre Schwachheit erfordert große Milde, 3) unsere misstrauische Scheu kann nur durch solche Gnade überwunden werden.
Des HERRN Wahrheit währet ewig: 1) als Eigenschaft seines Wesens, 2) in seiner unfehlbaren Offenbarung, 3) in seinem stets den Verheißungen gemäßen Handeln.


Fußnote
1. Mit dieser den Rahmen des Psalms überschreitenden Deutung verliert Sp. die schöne Pointe des Psalms.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 118

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PSALM 118 (Auslegung & Kommentar)


Inhalt

Verfasser und Inhalt. Im Buche Esra 3,10.11 lesen wir: "Da die Bauleute den Grund legten am Tempel des HERRN, standen die Priester in ihren Kleidern mit Trompeten, und die Leviten, die Kinder Asaph, mit Zimbeln, zu loben den HERRN mit dem Gedicht Davids, des Königs über Israel; und sangen umeinander und lobten und dankten dem HERRN, dass er gütig ist und seine Barmherzigkeit ewiglich währet über Israel. Und alles Volk jauchzte laut beim Lobe des HERRN, dass der Grund am Hause des HERRN gelegt war." Nun sind die bei Esra erwähnten Worte die ersten und letzten Sätze dieses Psalms. Daraus ziehen wir den Schluss, dass das Volk das Ganze dieses herrlichen Liedes sang, und ferner, dass David den Psalm zum Gebrauch für solche Gelegenheiten bestimmt hatte. Wir halten demnach David für den Verfasser. Ja wir glauben sogar, dass der Psalm von ihm handelt, wenigstens in einem gewissen Grade; denn es ist augenscheinlich, dass der Dichter zunächst über sich selber redet, wenn er sich auch nicht in jeder Einzelheit auf seine persönliche Erfahrung beschränkt hat. Es ist offenbar, dass der Psalmist seinen Blick prophetisch auf unseren Herrn Jesus Christus richtete, wie aus dem häufigen Gebrauch von Versen dieses Liedes im Neuen Testament ohne Frage hervorgeht; aber andererseits sollte nicht jeder einzelne Satz messianisch gedeutet werden, weil dazu ein ganz besonderes Maß von Findigkeit gehören würde und gar zu geistreich ausgeklügelte Erklärungen selten richtig sind. Dann könnte es uns ergehen wie gewissen frommen Erklärern, die den Ausdruck des 17. Verses "Ich werde nicht sterben, sondern leben" so lange gedreht haben, bis er auf unseren Heiland anwendbar war, der doch wahrhaftig gestorben ist, ja dessen Ruhm es ist, dass er gestorben.

Der Psalm scheint uns die Erlebnisse entweder Davids selbst oder eines andern hervorragenden Mannes Gottes zu schildern, der nach göttlicher Wahl zu einem hohen und ehrenvollen Amt in Israel bestimmt war. Dieser auserlesene Kämpe sah sich von seinen Freunden und Volksgenossen verworfen und zugleich von Feinden heftig befehdet. Aber im Glauben an Gott nimmt er den Kampf um den ihm zugewiesenen Platz auf, den er endlich auch erlangt, und zwar so, dass sich darin in hervorragender Weise die Macht und Güte des HERRN erweisen. Sodann geht er hinauf zum Hause des HERRN, um zu opfern und seinen Dank für die göttliche Hilfe zum Ausdruck zu bringen, wobei das ganze Volk ihm Glück- und Segenswünsche zuruft. Diese Heldenperson, die wir für David selber zu halten kaum umhinkönnen, ist im großen Ganzen ein Vorbild auf den Herrn, aber nicht in der Art, dass wir bei jedem einzelnen Zuge seiner Nöte und Gebete Gleiches in dem Leben unseres Heilandes ausspüren müssten. Die Vermutung vieler, dass das in dem Psalm redende Ich das ganze Volk darstelle, ist der Beachtung wert; aber es kann dabei doch der Gedanke bestehen bleiben, dass hier an einen persönlichen Führer gedacht ist, weil ja, was von dem Führer ausgesagt wird, zum großen Teil auch von seiner Gefolgschaft gilt. Die Glieder machen dieselbe Erfahrung wie das Haupt, und die gleichen Worte gelten so ziemlich von beiden. Alexander ist der Meinung, dass die Befreiung, die im Psalm gepriesen wird, am allerbesten auf diejenige aus der babylonischen Gefangenschaft passe.1 Nach unserer Meinung beziehen wir ihn am besten auf kein einzelnes geschichtliches Ereignis, sondern sehen in ihm eine Art Nationallied, das sich sowohl beim Hervortreten eines auserkorenen Helden wie beim Tempelbau eignete.

Einteilung


Wir schlagen folgende Teilung vor: V. 1-4 werden die Gläubigen aufgefordert, die ewig währende Gnade des HERRN zu preisen. V. 5-18 gibt der Dichter eine Schilderung seiner Erlebnisse und bringt sein Gottvertrauen zum Ausdruck. V. 19-21 bittet er um Zulassung zu dem Hause des HERRN und beginnt, Gottes Hilfe zu bezeugen. In V. 22-27 erkennen Priester und Volk ihn als ihren Führer an, preisen den HERRN dafür, dass er ihn ihnen geschenkt, rühmen ihn als gesegnet und laden ihn ein, mit seinem Opfer zum Altar zu nahen. In den zwei letzten Versen preist der Held wiederum selber den ewig gnadenreichen Gott. - Als Beispiel einer andern Einteilung fügen wir die folgende von Delitzsch bei. Danach zerfällt der Psalm in zwei Hälften, V. 1-19 und V. 20-27. Die erste Hälfte singt der von Priestern und Leviten abgeholte Festzug, der mit den Opfertieren zum Tempel hinaufzieht, und zwar V. 1-4 beim Aufbruch, V. 15-18 auf dem Wege. Mit V. 19 steht er am Eingang. Die Leviten, welche den Festzug in Empfang nehmen, singen die zweite Hälfte, V. 20-27. Hierauf ist V. 28 die Antwort der Angekommenen und V. 29 Schlussgesang aller.

Auslegung

1.
Danket dem HERRN, denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
2.
Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
3.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
4.
Es sagen nun, die den HERRN fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.



1. Danket dem HERRN. Der Held des HERRN, aus dessen Seele dieses Lied geflossen, hat die Empfindung, dass er allein außerstande ist, seiner Dankbarkeit hinreichend Ausdruck zu geben; darum holt er andere zu Hilfe. Von Dank erfüllte Herzen sind begierig, aller Menschen Zungen ausschließlich der Verherrlichung Gottes zu Dienst gestellt zu sehen. Das ganze Volk war an Davids glorreicher Thronbesteigung beteiligt; darum gebührte es sich, dass sie auch alle in seinen anbetenden Lobgesang einstimmten. Der Dank galt Jehovah allein, nicht der Ausdauer oder Kraft des Führers. Wir sollen nicht bei den Hilfsmitteln stehen bleiben, sondern gleich zu der obersten Quelle aufsteigen und alles Lob dem HERRN selber weihen. Sind wir etwa vergesslich gewesen oder haben wir dem Seufzen und Murren Raum gegeben? Dann möge die lebhafte Sprache des Psalms zu unserem Herzen reden: Lasst alles Klagen und allen Selbstruhm schweigen und danket dem HERRN! Denn er ist freundlich, wörtl.: gut. Das ist Grund genug, ihm zu danken: Güte ist sein Wesen, seine eigenste Natur; darum ist er immerdar zu preisen, mögen wir gerade etwas Besonderes von ihm empfangen haben oder nicht. Leute, die Gott nur loben, weil er ihnen Gutes tut, sollten eine höhere Tonart anstimmen und ihm danken, weil er gut ist. Im wahrsten Sinn des Wortes ist er allein gut (Lk. 18,19), darum gebührt dem HERRN der königliche Anteil von aller Dankbarkeit. Andere mögen gut scheinen, er ist gut. Sind andere in einem gewissen Maße gut, so er ohne Maßen. Wenn andere sich uns gegenüber übel verhalten, sollte uns das nur anspornen, dem HERRN umso herzlicher dafür zu danken, dass er gut ist; und sind wir uns bewusst, dass uns selber viel daran fehlt, so sollten wir mit umso größerer Ehrfurcht ihn preisen, dass er gut ist. Wir dürfen an der Güte Gottes auch nicht einen Augenblick zweifeln; denn was sonst auch fraglich sein mag, das ist unbedingt gewiss, dass Jehovah gut ist. Seine Führungen mögen sehr verschieden sein, aber seine Natur ist stets dieselbe und immer gut. Er war nicht nur ehedem gut oder wird gut sein, sondern er ist gut, mag sein Tun sich ausnehmen, wie es will. Darum lasst uns gerade jetzt, auch wenn an unserem Himmel dunkle Wolken hängen, seinem Namen danken.

Und seine Güte (oder Gnade) währet ewiglich. Die Gnade ist ein wichtiger Teil seiner Güte und derjenige, der uns näher noch als irgendein anderer angeht, denn wir sind Sünder und bedürfen eben darum der Gnade. Auch die Engel mögen rufen: "Er ist gut", aber seiner vergebenden Gnade bedürfen sie nicht und können sich deshalb nicht in gleichem Maße über sie freuen. Die unbeseelte Schöpfung ist ein Zeuge seiner Güte, aber für seine Sünden tilgende Liebe hat sie kein Empfinden, denn sie hat keine Missetat begangen. Aber wenn der Mensch, der sich in der Tiefe der Seele schuldig weiß, Vergebung empfangen hat, so sieht er die Gnade als den eigentlichen Brennpunkt der Güte Gottes an. - Die Dauer der göttlichen Gnade ist ein besonderer Gegenstand des Lobgesanges: trotz unseren Sünden, Anfechtungen und Befürchtungen währt sie ewiglich. Die schönsten irdischen Freuden vergehen, ja die Welt selbst wird alt und geht der Auflösung entgegen; aber in der Gnade Gottes gibt es keine Veränderung. Er war unseren Vätern treu, er ist barmherzig gegen uns und wird unseren Kindern und Kindeskindern gnädig sein. Hoffentlich lassen die überklugen Gelehrten, die das Wort ewig so beschneiden, dass es nur eine mehr oder weniger lange Zeitperiode bezeichnet, diese Stelle gütigst in Ruhe. Doch mögen sie tun, was ihnen beliebt; wir glauben an eine Barmherzigkeit, die kein Ende hat, eine Gnade, die in alle Ewigkeit währet. Unser Herr und Heiland, der in seiner Person die Gnade Gottes sichtbar darstellt, ruft auch uns auf, jedesmal wenn wir sein gedenken, dem HERRN zu danken, weil er so gut ist.

2. Es sage nun Israel: Seine Güte (oder Gnade) währet ewiglich. Mit Israels Vätern hatte Gott einen Gnaden- und Liebesbund geschlossen, und diesem war er immerdar treu. Israel sündigte in Ägypten, versuchte den HERRN in der Wüste, wich in der Richterzeit immer wieder ab und übertrat zu allen Zeiten die göttlichen Gebote; dennoch hörte der HERR nicht auf, es als sein Volk anzusehen, zu ihm zu reden durch die Propheten und ihm die Sünden zu vergeben. Er ließ von seinen Züchtigungen, die sie so reichlich verdient hatten, bald ab, weil er sie mit liebenden Augen ansah. Sein Herz voll Erbarmens trieb ihn, die Rute in dem Augenblick in die Ecke zu stellen, da sie Buße taten. Seine Güte währet ewiglich: das war gleichsam Israels Nationalhymne, und das Volk hatte früher bei vielen Gelegenheiten Grund gehabt, sie zu singen. Jetzt fordert der heilige Sänger, der sich endlich an dem von Jehovah ihm zugedachten Platze sieht, dieses auf, mit ihm zusammen die ewige Gnade des HERRN, die sie eben wunderbar erfahren, hoch zu rühmen. Wenn Israel nicht singt, wer soll es denn tun? Wenn Israel nicht von der Gnade singt, wer kann es dann? Wenn Israel nicht singt, da der Sohn Davids den Thron besteigt, dann werden die Steine schreien.

3. Es sage nun das Haus Aaron: Seine Güte (oder Gnade) währet ewiglich. Die Söhne Aarons hatten das Vorrecht, Gott am nächsten zu treten, und es war nur seine barmherzige Güte, die sie in den Stand setzte, in der Gegenwart des dreimal heiligen Jehovah zu wohnen, der ein verzehrendes Feuer ist. An jedem Morgen und Abend stellte das Lammopfer den Priestern die unaufhörliche barmherzige Güte des HERRN vor Augen, ja jedes der heiligen Geräte sowie alle gottesdienstlichen Handlungen im Heiligtum waren von Stunde zu Stunde neue Zeugen der Gnade des Höchsten. Wenn der Hohepriester in das Allerheiligste hineinging und dann wieder als in Gnaden aufgenommen und erhört hervortrat, so konnte er vor allen anderen Menschen von der ewigen Gnade Gottes singen. Die Priester hatten jetzt besonderen Grund zur Dankbarkeit: während vorher viele ermordet waren und sie ihren heiligen Dienst nicht hatten versehen können, standen sie jetzt wieder in Achtung, empfingen ihren Unterhalt und wurden in ihrer Person und ihrem Amt geschützt. Nachdem unser Herr Jesus Christus alle die Seinen Gott zu Priestern gemacht hat, darf er die so Begnadigten wohl ermuntern, die ewige Gnade des Allerhöchsten zu erheben. Kann da irgendein Glied der königlichen Priesterschaft schweigen?

4. Es sagen nun, die den HERRN fürchten: Seine Güte (Gnade) währet ewiglich. Jetzt werden alle diejenigen, die mit heiliger Furcht und demütiger Verehrung gegen Gott erfüllt waren, obwohl sie nicht zu Israel nach dem Fleisch gehörten und wo immer in aller Welt sie auch wohnen mögen, von dem heiligen Sänger aufgefordert, mit ihm einzustimmen in seinen herzlichen Dank, und das gerade jetzt nach der wunderbaren Erhöhung des ganzen Volkes sowie besonders seines Führers. Das ist keine übertriebene Forderung; denn jeder gute Mensch auf Erden hat Vorteil davon, wenn ein treuer Knecht Gottes und gar sein Volk zu Einfluss und Ehren kommt. Das Heil Israels in dieser Zeit war ein Segen für alle, die Jehovah fürchteten. Die wahrhaft Gottesfürchtigen richten ihre Augen besonders auf Gottes Güte, denn sie wissen sich ihrer sehr bedürftig, und die Gnade Gottes erweckt in ihnen tiefe Ehrfurcht. Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte (Ps. 130,4).
In den drei Aufforderungen, nämlich an Israel, das Haus Aaron und die den HERRN Fürchtenden, wird jedesmal die Mahnung wiederholt, zu sagen, dass seine Gnade ewig währe. Wir sollen die Gnade Gottes nicht bloß still im Herzen glauben, sondern sie auch verkündigen. Die Wahrheit will nicht geheim gehalten, sondern laut ausgerufen sein. An dem Tage, da die Ehre Gottes angegriffen wird, will Gott sein Volk als Zeugen und nicht als stumme Beobachter haben. Und ist es nicht eine besondere Freude für uns, die Ehre und den Ruhm Gottes zu preisen, wenn wir an die Erhöhung seines lieben Sohnes denken? Wenn wir den Stein, den die Bauleute verworfen (V. 22), an den rechten Platz gelegt sehen, sollten wir da nicht Hosianna rufen und laut unser Hallelujah singen?
Man kann das vierfache Zeugnis von der ewig währenden Gnade Gottes mit den vier Evangelisten vergleichen, von denen jeder einzelne den Kern und Stern des Evangeliums bringt, oder mit den vier Engeln, die an den vier Enden der Erde stehen, die Winde in ihrer Hand halten und die Plagen der letzten Zeit zurückhalten, damit die Güte und Langmut Gottes gegen die Menschenkinder noch weiter währe (Off. 7,1). Es sind vier Seile, die das Opfer an die vier Hörner des Altars binden (V. 27), und vier Posaunen, die das Jubel-Halljahr den vier Enden der Erde verkündigen. Lasst uns die folgenden Verse des Psalms nicht eher betrachten, bis wir aus aller Macht mit Herz und Mund den HERRN gepriesen haben, dass seine Güte ewiglich währt.


Fußnote
1. In das erste nachexilische Jahrhundert verlegt auch die neuere deutsche gläubige Theologie unseren Psalm und wird ihm, soweit wir sehen, auf diese Weise am besten gerecht. Delitzsch fasst ihn (vergl. V. 20) als Festpsalm bei der Einweihung des neuen Tempels Esra 6,15 ff. im J. 515 v. Chr.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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Psalm 118

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5.
In der Angst rief ich den HERRN an,
und der HERR erhörte mich und tröstete mich.
6.
Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht;
was können mir Menschen tun?
7.
Der HERR ist mit mir, mir zu helfen;
und ich will meine Lust sehen an meinen Feinden.
8.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Menschen.
9.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Fürsten.
10.
Alle Heiden umgeben mich;
aber im Namen des HERRN will ich sie zerhauen.
11.
Sie umgeben mich allenthalben;
aber im Namen des HERRN will ich sie zerhauen.
12.
Sie umgeben mich wie Bienen,
aber sie erlöschen wie ein Feuer in Dornen;
im Namen des HERRN will ich sie zerhauen.
13.
Man stößt mich, dass ich fallen soll;
aber der HERR hilft mir.
14.
Der HERR ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
15.
Man singt mit Freuden vom Sieg
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg;
16.
die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg.
17.
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
18.
Der HERR züchtigt mich wohl;
aber er gibt mich dem Tode nicht.


5. In der Angst (oder aus der Bedrängnis heraus) rief ich den HERRN an. Es blieb ihm nichts übrig als Gebet, und in seiner Not hatte er für nichts anderes Sinn; aber doch war er ein Herr aller Dinge, weil er Zuversicht zu Gott besaß und das Vorrecht des Gebets ihm blieb. Da die Gebete, die aus der Not geboren sind, gewöhnlich aus dem Herzen kommen, gehen sie auch zum Herzen Gottes. Es ist köstlich, uns unsere Gebete wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und oft ist es auch nützlich, anderen davon zu sagen, wenn sie erhört sind. Beim Aussprechen mag das Gebet für uns zuweilen einen bitteren Beigeschmack haben, aber wenn es erhört wird, ist es süß. Da der gottergebene Sänger gewohnt war, den HERRN auch in Tagen der Freude anzurufen, fand er es in der Zeit der Not natürlich und leicht, sein Herz vor ihm auszuschütten. Anbetung, Lob und Bitte gehörte bei ihm zum Anrufen Gottes, auch wenn er in der Enge saß. Wie groß war da seine Freude, als er sagen konnte: Und der HERR erhörte mich und tröstete mich. Wörtlich übersetzt Luther 1524: Der HERR erhörte mich im weiten Raum, d. h. er wurde aus dem Engpass der Not in die weite Ebene der Freude geführt.


Bei Gott ist Hören und Erhören ein und dasselbe. Die Erhörung entsprach der Bitte. Es gibt viele unter uns, die mit dem Psalmisten in die Worte dieses Verses einstimmen können. Wir waren in tiefer Not wegen der Sünde und fanden uns unter dem Gesetz wie in einem Gefängnis verschlossen, aber das Gebet des Glaubens wurde erhört, und wir erhielten die Freiheit der völligen Rechtfertigung, womit Christus uns frei machte. So sind wir nun wahrhaft frei. Es war der HERR, der es getan, und wir schreiben seinem Namen alle Ehre zu. Wir hatten kein Verdienst, keine Stärke, keine Weisheit; alles, was wir tun konnten, war doch nur, ihn anzurufen, und auch das war eine Gabe von ihm. Aber die ewige Gnade kam uns zu Hilfe, und wir wurden aus der Knechtschaft herausgeführt und durften uns eines endlosen Erbes in der ganzen Länge und Breite erfreuen. Was ist das für ein weiter Raum, in den der große Gott uns hineingestellt hat! Alle Dinge, alle Zeiten und die ganze Welt gehören uns, denn Gott selbst gehört uns; wir haben die Erde zur Herberge und den Himmel als ewige Wohnstatt - kann man sich weiteren Raum denken? Wir haben die Mithilfe von ganz Israel, dem ganzen Hause Aaron und allen, die den HERRN fürchten, nötig, um unseren Dank recht darzubringen. Und wenn diese uns nun auch mit Aufbietung aller ihrer Kraft unterstützt und wir selber unser Bestes getan haben, dann bleibt doch alles noch weit zurück hinter dem Lobpreis, der unserm freundlichen Herrn gebührt.

6. Der HERR ist mit mir, wörtl.: für mich. Weiland stand mir seine Gerechtigkeit entgegen, aber nun ist er mein versöhnter Gott, der für mich eintritt. Der heilige Sänger jubiliert natürlich über die göttliche Hilfe: als alle Menschen sich gegen ihn gewandt, da war Gott sein Beschützer und Fürsprecher und führte den göttlich großen Ratschluss seiner Gnade aus. Man könnte den Ausdruck auch (vergl. Luther Ps. 56,10) übersetzen und auslegen: Jehovah gehört mir, er ist mein. Was ist das für ein unendlicher Reichtum! Wenn wir unseren HERRN nicht rühmen, dann sind wir die Gefühllosesten unter allen Menschen. Darum fürchte ich mich nicht. Er sagt nicht, dass er nichts zu leiden haben werde, sondern dass er sich nicht fürchten wolle. Das Gegengewicht der Liebe Gottes ist unendlich größer als der Hass der Menschen; so empfand der Psalmist, als er das eine mit dem anderen verglich, dass überhaupt kein Grund vorliege, sich zu fürchten. So stand er denn mutig und zuversichtlich da, ob auch die Feinde ihn umringten. Möchten alle Gläubigen diese Stellung einnehmen, denn damit ehren sie Gott. Was können mir Menschen tun? Nicht mehr, als Gott ihnen erlaubt; im schlimmsten Fall vermögen sie den Leib zu töten, aber mehr auch dann nicht. Wenn Gott sich vorgenommen, seinen Knecht David auf den Thron zu setzen, so ist die ganze Menschheit nicht imstande, den göttlichen Ratschluss zu durchkreuzen. Auch die erbittertste Feindschaft der Mächtigsten kann weder den Vorsatz ins Wanken bringen, den Jehovah in seinem Herzen gefasst hat, noch seine Erfüllung aufhalten; sie kann ihn schon gar nicht verhindern. Saul trachtete danach, David zu töten, aber David überlebte Saul und setzte sich auf seinen Thron. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Priester und Herodianer verbanden sich in der Feindschaft gegen den Gesalbten Gottes, aber er ist nun hoch erhöht trotz ihrer Feindschaft. Der Gewaltigste unter den Menschen ist ein winziges Zwerglein, wenn er sich Gott gegenüberstellt, ja er schrumpft in lauter Nichts zusammen. Wäre es also nicht ein jämmerlich Ding, sich vor einem so elenden und verächtlichen Wesen, wie es der Mensch im Widerstreit mit dem allmächtigen Gott ist, zu fürchten? Der Psalmist redet hier wie ein Ritter, der allen, die sich auf dem Kampfplatz zeigen, den Fehdehandschuh hinwirft und das ganze Weltall in Waffen herausfordert; ein echter Ritter Bayard ohne Furcht und Tadel. Er trotzt jedem Feind, weil er sich der Huld Gottes erfreut.

7. Der HERR ist mit mir, mir zu helfen, wörtl.: unter meinen Helfern. Das heißt aber nicht nur: als einer unter vielen, sondern als ein Helfer, der alle andern aufwiegt. Wie tröstlich ist es doch zu wissen, dass der HERR unsere Partei ergreift und dass er, wenn er Freunde für uns erweckt, diese nicht allein für uns kämpfen lässt, sondern sich selbst herablässt, als unser oberster Bundesgenosse mit auf das Schlachtfeld zu kommen und den Kampf für uns aufzunehmen. David z. B. hatte ja nicht wenige Getreue, die ihm zur Seite standen; man vergleiche die lange Liste von Davids Gewaltigen im 1. Chronikbuch (Kap. 11; 12). Wir sollen die edlen Freunde, die sich um uns scharen, nicht gering achten. Dabei muss aber doch unsere ganze Zuversicht auf den HERRN allein gerichtet sein. Ohne ihn vermögen auch die starken Helden nichts. Und ich will meine Lust sehen an meinen Feinden, oder: Ich werde auf meine Hasser schauen, d. h. ich werde ihnen gerade ins Gesicht sehen, ja ich werde auf sie herabsehen, die jetzt so verächtlich auf mich blicken. Ich werde ihre Niederlage, ihr Ende sehen. In diesem Augenblick schaut unser Herr Jesus auf seine Feinde herunter, und diese sind ein Schemel seiner Füße. Bei seinem zweiten Kommen wird er wieder auf sie schauen, und dann werden sie vor den Strahlen seiner Augen fliehen, weil sie diesen Blick nicht ertragen können, der sie bis ins Innerste durchschaut.

8. Es ist gut, auf den HERRN vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen. (Wörtl.: besser ... als. Ebenso V. 9) Ja, das ist nach allen Seiten hin besser. Zunächst ist es weiser: Gott ist unendlich eher imstande zu helfen als Menschen; darum legt es uns schon die Klugheit nahe, unsere Zuflucht vor allen anderen zu ihm zu nehmen. Dann steht es auch sittlich höher, weil es die Pflicht des Geschöpfes ist, auf den Schöpfer zu trauen. Gott hat ein Anrecht auf das Zutrauen seiner Geschöpfe, er verdient ihr unbedingtes Vertrauen; darum ist es geradezu eine Beleidigung seiner Treue, wenn wir uns auf einen anderen mehr als auf ihn verlassen. Ferner ist es auch sicherer, da wir ja, wenn wir auf sterbliche Menschen bauen, niemals festen Grund haben können, während wir in den Händen unseres Gottes allerwegen sicher sind. Sodann hat es eine bessere Wirkung auf uns selbst; denn das Vertrauen auf Menschen bringt uns auf die Bahn einer niedrigen, kriechenden Sinnesart, während das Vertrauen auf Gott uns hebt, eine heilige Ruhe des Geistes erzeugt und die Seele läutert. Schließlich ist das Ergebnis bei der Bergung in Gott viel besser; denn in vielen Fällen versagt der Mensch als Gegenstand unserer Zuflucht, sei es aus Unfähigkeit oder aus Mangel an Edelmut, Liebe oder treuem Gedenken. Wie ganz anders bei unserem HERRN! Er versagt nicht bloß nicht, sondern tut weit über all unser Bitten und Verstehen. Dieser Vers ist ganz aus der Erfahrung vieler heraus geschrieben, denen zuerst der Rohrstab der Kreatur in der Hand zerbrach und die hernach mit freudigem Dank den HERRN als eine starke Säule erkannten, die all ihre Lasten trägt.

9. Es ist gut, auf den HERRN vertrauen und nicht sich verlassen auf Fürsten. Die Fürsten sollen unter den Menschen die Edelsten sein, ritterlich von Art und wahr bis ins Mk. Ein Königswort soll man nicht deuteln. Sie sind die Edelsten im Rang und an Macht die Stärksten, und dennoch sind die Fürsten für gewöhnlich um kein Haar verlässlicher als die übrigen Menschenkinder. Eine vergoldete Wetterfahne dreht sich ebenso geschwind nach dem Wind wie eine ganz gewöhnliche. Fürsten sind auch nur Menschen, und auch die besten der Menschen sind armselige Geschöpfe. In manchen Nöten können sie uns nicht im Geringsten helfen, z. B. in Krankheit, in Vereinsamung oder beim Sterben, und ebenso wenig vermögen sie auch nur das Mindeste für unser ewiges Los zu tun. In der Ewigkeit gilt eines Fürsten huldvolles Lächeln nichts, und weder der Himmel noch die Hölle bringen einer irdischen Königswürde Huldigungen dar. Fürstengunst ist ja sprichwörtlich unbeständig, worüber sogar Weltmenschen Zeugnisse in Hülle und Fülle beibringen. Wir erinnern uns der Worte, die unser weltberühmter Shakespeare dem sterbenden Wolsey auf die Lippen legt:

O wie elend
der arme Mensch, der hängt an Fürstengunst!
Denn zwischen jenem Lächeln, so erwünscht,
der Fürstengunst und unserm Untergang
liegt mehr der Qual, als Krieg und Kindeswehen
je in die Welt gebracht; und wenn er fällt,
fällt er wie Luzifer, ohn’ alle Hoffnung,
je wieder aufzustehn.

Und doch bestrickt das holde Lächeln eines Fürsten so manches Herz, und es gibt nur wenige, die gefeit sind gegen diese Jagd nach Flitter, die einen schwachen Geist verrät. Wer denkt da noch an Grundsätze und Charakter, wenn es gilt, eine Stellung am Hof zu behaupten? Ja, man verschleudert den letzten Rest von Manneswürde, wie sie der niedrigste Sklave noch besitzt, für einen Stern und ein Hosenband aus der Hand eines launischen Despoten. Wer sein Vertrauen auf Gott, den großen König, setzt, wird dadurch geistig und geistlich stark und erhebt sich zu der höchsten Manneswürde. Je mehr der Mensch im Glauben lebt, desto freier wird er, während der, der irdische Größen unterwürfig umschmeichelt, sich gemeiner macht als der Kot, auf den er tritt. Aus diesem und tausend anderen Gründen ist es unendlich besser, auf den HERRN zu vertrauen, als auf Fürsten seine Zuversicht zu setzen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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Psalm 118

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10. Alle Heiden umgeben mich. Während der Mann Gottes keinen irdischen Freund hatte, auf den er sich völlig verlassen konnte, war er von unzähligen Feinden umringt, die ihn von Herzensgrund hassten. Die Gegner hatten ihn umzingelt, dass er kaum eine Lücke finden konnte, um aus den Fesseln zu entschlüpfen, die sich wie ein Ring um ihn gelegt. Es war, als hätten sich die Menschenkinder aller Art gegen ihn verschworen, und doch konnte er ihnen allen die Spitze bieten, weil er auf den Namen des HERRN vertraute. Darum nimmt er mit Freuden den Kampf auf und ergreift im Voraus den Sieg, indem er ausruft: Aber im Namen des HERRN will ich sie zerhauen. Sie gedachten ihn zu vernichten, aber er ist gewiss, dass er sie zunichte machen wird; sie wollten seinen Namen auslöschen, er aber war der Zuversicht, dass er nicht bloß den eigenen, sondern auch den Namen des HERRN, seines Gottes, in den Herzen der Menschen zu neuem Ruhm bringen werde. Ja, es erfordert großen Glauben, am Tage der Schlacht ruhig zu sein, und besonders, wenn der Kampf heiß wird. Aber der Held unseres Psalmes war so ruhig, als ob gar kein Kampf wütete. Napoleon hat den Ausspruch getan, Gott sei immer auf Seiten der stärksten Bataillone; aber unser Streiter fand, dass der HERR der Heerscharen mit dem allein stehenden Kämpfer war und in seinem Namen die Bataillone zusammengehauen wurden. Das Ich tritt in diesem Satze mit ganzer Kraft auf, aber es wird von dem Namen des HERRN doch wieder so überschattet, dass die Demut gewahrt bleibt. Der Sänger erkannte die Aufgabe seiner Persönlichkeit und behauptete sie. Er blieb nicht faul sitzen, es Gott überlassend, durch geheimnisvolle Mittel das Werk zu vollenden, nein, er war entschlossen, sich mit seinem guten alten Schwert an die Arbeit zu machen und dadurch in Gottes Hand das Werkzeug seiner eigenen Befreiung zu werden. Einerseits tat er alles im Namen des HERRN, aber anderseits war ihm seine eigene Verantwortlichkeit nicht unbewusst, wie er auch nicht hinter andern Deckung suchte, um dem persönlichen Kampf zu entgehen; darum rief er aus: Ich will sie zerhauen. Er hofft nicht nur etwa ihnen zu entschlüpfen wie ein Vogel dem Strick des Vogelstellers, sondern er tut das Gelübde, den Kampf in die Reihen der Feinde zu tragen und sie so gänzlich niederzuwerfen, dass jede Furcht vor einer nochmaligen Erhebung verschwinden muss.

11. Sie umgeben mich allenthalben. Die Vorstellung von der damaligen Gefahr wird dem Sänger so lebendig, dass auch die Feinde in diesen Versen wieder lebendig zu werden scheinen. Wir sehen ihre furchtbare Rüstung und die entsetzliche Vereinigung ihrer Kräfte. Sie schlossen gewissermaßen einen doppelten Ring mit vielen Gliedern um ihn. (Wörtl,: Sie umringen, ja umringen mich.) Sie redeten nicht bloß davon, dass sie es tun wollten, nein, sie schlossen den Psalmisten wirklich wie mit einer Mauer ein. Er hatte seine gefährliche Lage lebhaft erkannt, und es macht ihm nun Freude, sich dieselbe noch einmal vorzustellen, um desto feuriger die Gnade anzubeten, die ihn in der Stunde des Kampfes stark gemacht, dass er die Feindesschar durchbrach, ja ihr Heer völlig aufrieb. Aber im Namen des HERRN will ich sie zerhauen, sie unterwerfen, unter meine Füße treten und ihre Macht in Stücke brechen. So gewiss er ihre Umzingelung erfahren hatte, eben so gewiss ist ihm nun die Vernichtung seiner Feinde. Es ist köstlich, einen Mann so reden zu hören, wenn es nicht Prahlerei ist, sondern er in aller Demut seinem herzlichen Vertrauen auf Gott ruhigen und klaren Ausdruck gibt.

12. Sie umgeben mich wie Bienen. Die Feinde erscheinen allenthalben wie ein Bienenschwarm, um ihn von allen Seiten anzugreifen; jetzt sind sie hier, im Hui da, aber währenddessen haben sie ihn schon gestochen und ihm empfindlichen Schmerz beigebracht. Im ersten Augenblick war es, als würden sie ihn wirklich überwältigen; denn was hatte er für eine Waffe gegen sie? Sie waren so zahlreich und dabei so hartnäckig, so verächtlich klein und doch so kühn, so unbedeutend und doch geschickt, unerträgliche Schmerzen zu erzeugen, dass man nichts gegen sie anfangen konnte. Es war wie bei dem Fliegenschwarm in Ägypten, dem niemand zu widerstehen vermochte. Sie drohten ihm den Todesstich zu geben mit ihrer unaufhörlichen Bosheit, ihren gemeinen Verdächtigungen und tückischen Falschheiten. Ja, er war in einer üblen Lage; aber auch da half der Glaube. Der allvermögende Glaube ist allen Umständen gewachsen: er vermag selbst Teufel, geschweige denn Bienen zu vertreiben. Überlebt er sogar den Stachel des Todes, so wird er wahrlich nicht an einem Bienenstich sterben! Aber sie erlöschen wie ein Feuer in Dornen. Der wütende Angriff der Feinde kam zu schnellem Ende, die Bienen verloren ihren Stachel, und das Gesumme des Schwarmes hörte auf. Wie die Dornen mit gewaltigem Prasseln und hochschießender Flamme auflodern, aber sehr bald zu einem Häuflein Asche ersterben, so verstummte bald das Geschrei der Heiden, die den Helden unseres Psalmes umringten, und sie endeten ruhmlos. Sie waren schnell heiß, aber auch schnell kalt; so war ihr Angriff nur kurz, wenn auch scharf. Er brauchte die Bienen nicht zu vernichten, denn sie starben von selbst wie knisternde Dornen. Zum dritten Mal fügt er hinzu: Aber im Namen des HERRN will ich sie zerhauen, wie man etwa junge Dornen mit einer Sense oder Sichel abschneidet.

Welche Wunder sind schon in dem Namen des HERRN vollbracht worden! Er ist der Schlachtruf des Glaubens, vor dem die Feinde Reißaus nehmen. "Hie Schwert des HERRN und Gideons" (Richter 7,20): dies Wort trägt im Augenblick Schrecken in die Reihen der Feinde. Der Name des HERRN ist die einzige Waffe, die am Tage der Schlacht nie versagt; und wer sie recht zu schwingen weiß, kann allein mit seinem Arm Tausende vor sich her jagen. Ach, wie gar oft gehen wir an die Arbeit und in den Kampf in dem eigenen Namen! Den kennt der Feind nicht und fragt spöttisch: Wer bist du? (Vergl. Apg. 19,15.) Drum wollen wir uns nie an den Feind heranwagen, ohne uns zuallererst mit diesem undurchdringlichen Panzer zu bewaffnen. Wenn wir diesen Namen besser kennten und ihm mehr vertrauten, dann würde unser Leben fruchtbringender und siegreicher sein.

13. Triumphierend redet der so stark angefochtene Held nun den Widersacher unmittelbar an: Du hast mich wohl gestoßen (oder: Du stießest, ja stießest mich), dass ich fallen sollte.Wir sehen den Feind all seine Kraft zusammennehmen zu dem furchtbaren Stoße, den er gegen den Knecht Gottes führt. Ein Stoß folgte dem andern, mit der schärfsten Spitze, wie die Bienen den Stachel in ihr Opfer graben. Der Feind hatte äußerste Erbitterung und eine furchtbare Entschlossenheit an den Tag gelegt, und nicht ohne Erfolg: es hatte Wunden gegeben, die empfindlich schmerzten. Ach, wie manches Gotteskind hat auch aufs schmerzlichste geblutet an den Wunden, die es von dem Satan und der Welt in Stunden der Versuchung und Trübsal empfangen! Das Schwert drang bis ins Innerste und grub seine Spuren tief an den Knochen ein. Und die Absicht all der Angriffe war, dass er fallen sollte. Ja, niedergeworfen werden sollte er, also verwundet werden, dass er nicht mehr seinen Stand behaupten könnte, dass er von seiner Rechtschaffenheit weiche und sein Gottvertrauen verliere. Können unsere Widersacher das zustande bringen, dann haben sie ihres Herzens Wunsch. Wenn wir in schwere Sünde fallen, so werden sie tiefer befriedigt sein, als wenn sie uns meuchelmörderisch eine Kugel ins Herz geschossen hätten, denn der moralische Tod ist schlimmer als der äußere. Können sie uns in Schande stürzen und damit auch Gottes Namen Schmach bereiten, so ist ihr Sieg vollkommen. "Lieber Tod als Treubruch", ist der Wahlspruch einer der adligen Familien unseres Landes; er mag auch der unsere sein. Aber der HERR half mir (Luther 1524.) Welch glückliches Aber! Also doch gerettet! Andere Helfer gab es nicht, die die erbosten Heiden hätten vertreiben, die Schwärme von hasserfüllten Feinden hätten vernichten können; aber als der HERR zur Rettung auf dem Plan erschien, da war der schwache Arm des Knechtes Gottes stark genug, alle seine Widersacher zu besiegen. Wie freudig können viele unter uns bei dem Rückblick auf frühere Anfechtungen in diese herrlichen Worte einstimmen: Aber der HERR half mir! Ich war von unzähligen Zweifeln und Befürchtungen bestürmt; aber der HERR half mir. Mein natürlicher Unglaube war durch die Einflüsterungen des Satans furchtbar entfacht worden; aber der HERR half mir. Meine mannigfachen Trübsale wurden durch die grausamen Angriffe von Menschen unendlich verschlimmert, dass ich nicht mehr wusste, was tun; aber der HERR half mir. Ja, wenn wir einmal am jenseitigen Ufer des Jordans landen, wird dies gewiss eines unserer Lieder sein: Kraft und Mut versagten mir, und die Feinde meiner Seele umringten mich in der wogenden Flut, aber der HERR half mir; Preis sei seinem Namen!

14. Der HERR ist meine Macht und mein Psalm: er war meine Stärke, solange ich im Kampfe stand, und ist mein Psalm und Loblied jetzt, da er zu Ende ist; meine Stärke gegen die Starken und mein Loblied über ihren Fall. Fern liegt ihm das Rühmen seiner eigenen Kraft; er schreibt den Sieg der wahren Ursache zu. Darum besingt sein Loblied nicht seine eigenen Heldentaten, sondern es gelten alle Triumphgesänge dem HERRN, dessen rechte Hand und heiliger Arm ihm den Sieg verliehen hatte. Und ist mein Heil (oder: ward mir zum Heil). Unser Dichterheld schreibt seine Rettung nicht nur Gott zu, sondern nennt Gott selbst sein Heil. Mit diesem allumfassenden Ausdruck zeigt er an, dass er seine Errettung von Anfang bis zu Ende, im Ganzen wie in jedem einzelnen Umstand ausschließlich dem HERRN verdankt. Und alle Erlösten stimmen in den Lobgesang ein: Des HERRN ist das Heil. (Ps. 3,9) Wir wollen von keiner Lehre etwas wissen, die dem unrechten Haupte die Krone aufsetzt und unserm glorreichen König den Ruhm raubt, der ihm gebührt. Jehovah ist es, der alles getan hat; ja in Christo Jesu ist er alles in allen, darum soll unser Loblied ihn allein preisen. Glücklich, wer Gott gleichermaßen als seine Kraft und sein Heil besingen kann; denn es gibt manchmal Leute, die eine verborgene Kraft, von Gott ihnen gegeben, wohl haben und dennoch ihr eigenes Heil in Frage ziehen und darum nicht davon zu singen imstande sind. Andererseits finden wir viele, die persönlich gewiss im Besitz des Heiles sind, aber zeitweise so wenig Kraft haben, dass sie auf dem Punkt stehen, ohnmächtig zu werden, und darum auch nicht singen können. Wo man aber Kraft empfangen hat und sich des Heiles erfreut, da tönt der Psalm klar und voll.

15. Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten. (Luther 1524: Es ist eine Stimme von Freuden und Heil in den Hütten der Gerechten.) Die Gerechten nahmen teil an der Freude ihres Führers. Sie wohnten nun im Frieden in ihren Hütten und jauchzten darüber, dass ihnen ein Helfer erstanden, der sie im Namen des HERRN gegen ihre Feinde schützte. Die Hütten der Gläubigen sind Stätten des Glücks, darum sollte dieses Glück auch in den Hausandachten fröhlich zum Ausdruck kommen. Sollten die Wohnstätten der Geretteten nicht Tempel des Lobes und Preises sein? Es ist nicht mehr als recht, wenn die Gerechten den gerechten Gott preisen, der ihre Gerechtigkeit ist. Der streitbare Held wusste, dass in den Zelten der Feinde Weinen und Wehklagen über die schwere Niederlage, die sie durch seine Hand erlitten hatten, erscholl; aber sein Angesicht strahlte bei dem Gedanken, dass sein Volk, für das er gekämpft hatte, von einem Ende des Landes bis zum andern über die Errettung, die Gott ihm durch ihn hatte zuteil werden lassen, jubiliere. Und erst recht gibt der Held aller Helden, der sieghafte Heiland, jeder Familie seines Volkes überreichen Grund zu unaufhörlichem Lobgesang, denn er hat das Gefängnis gefangen geführt und ist aufgefahren über alle Himmel (Eph. 4,8.9). Kann da einer von uns in seinem Hause stille sein? Haben wir Heil und Sieg, so lasst uns uns freuen, und haben wir Freude, so wollen wir ihr unsere Zunge leihen, dass sie den HERRN preise. Wenn wir sorgfältig lauschen auf die Musik, die aus den Hütten Israels erschallt, werden wir immer diesen Vers heraushören: Die Rechte des HERRN (erweist sich tatkräftig, sie gewinnt und) behält den Sieg. Jehovah hat seine Macht bewiesen, dem von ihm erwählten Kämpfer Sieg gegeben und alle Heere des Feindes überwunden. Der HERR ist der rechte Kriegsmann, HERR ist sein Name (2. Mose 15,3). Wenn er zum Schlage ausholt, dann wehe auch dem mächtigsten Gegner.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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16. Die Rechte des HERRN ist erhöht, sie ist hoch erhoben, um den Gegner zu treffen, oder aber, sie steht in den Augen seines Volkes erhaben und gepriesen da. Es ist die rechte Hand des HERRN, die Hand, die uns seine größte Geschicklichkeit und Stärke zeigt und seine Heiligen zu schützen pflegt. Wenn sie erhoben wird, so richtet sie auf alle, die ihm vertrauen, und wirft nieder alle, die ihm widerstehen. (Die meisten Neueren lassen nur diese Bedeutung "sie erhöht" gelten). Die Rechte des HERRN behält den Sieg. Der Lobpreis des Psalmisten gestaltet sich dreigliedrig; sein Herz ist warm, und er verweilt mit Lust bei dem Lob seines Gottes. Darum genügt ihm der Lobpreis nicht, den er schon gebracht hat, sondern er trachtet danach, ihn jedesmal feuriger und jubilierender zu bringen als vorher. Wie er vordem dreimal gesagt hatte: "Sie umgeben mich allenthalben", weil ihm die Gefahr von den ihn umringenden Feinden lebendig vor Augen stand, so fesselt ihn jetzt der Gedanke an die rechte Hand Jehovahs, dessen Gegenwart und Majestät ihm ebenso lebendig vor der Seele steht. Wie selten finden wir das! Man vergisst der Gnadentaten des HERRN und hält nur die Trübsale im Gedächtnis fest.

17. Ich werde nicht sterben, sondern leben. Die Feinde hatten gehofft, der Psalmist würde untergehen und sterben, und dieser hatte selbst gefürchtet, er werde durch ihre Hand umkommen; schon hatte man vielleicht an verschiedenen Orten zur großen Betrübnis der Seinen ausposaunt: Es ist aus mit dem Fürsten sowie mit Israel. Aber hier ruft er laut aus: Ich lebe noch und bin der guten Zuversicht, dass ich nicht durch die Hand des Feindes fallen werde. Er ist der fröhlichen Gewissheit, dass es keinem Bogen gelingen werde, ihm den tödlichen Pfeil durch die Gelenke seines Harnisches zu senden, und dass keine Waffe, welcher Art sie auch sei, seiner Laufbahn ein Ziel setzen werde. Seine Zeit war noch nicht gekommen, er fühlte den Pulsschlag der Unsterblichkeit in seinem Busen. Er war elend gewesen und an den Rand des Unterganges gebracht worden, aber er hatte das bestimmte Vorgefühl, dass die Trübsal nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes sei. Das wusste er jedenfalls, dass Gott seinen Untergang nicht zu einem Triumph für die Feinde Gottes ausschlagen lassen würde, denn die Ehre Gottes und das Gedeihen seines Volkes hängen eng zusammen. Und nun, als er das neue Leben wieder in sich spürte, widmete er sich der edelsten Aufgabe, nämlich Zeugnis abzulegen von der göttlichen Treue. Und des HERRN Werke verkündigen. Das tut er schon in diesem Psalm, der voll Liebe und Bewunderung den Ruhm der Heldenstärke Jehovahs mitten in dem Getümmel des Kampfes erstrahlen lässt. Es ist gewiss, dass wir so lange nicht aus dem Lande der Lebendigen weggerissen werden, wie wir noch ein Zeugnis von Gott an jemanden zu bringen haben. Die Propheten des HERRN bleiben mitten in Hungersnot, Krieg, Pestilenz und Verfolgung am Leben, bis sie alle Worte ihrer Weissagung ausgerichtet haben, und die Priester Jehovahs werden so lange unverletzlich am Altar stehen, bis sie ihm ihr letztes Opfer dargebracht haben. Es wird uns kein Geschoss eher ins Herz dringen, als bis die uns zugemessene Wirkenszeit zu Ende ist.

18. Der HERR züchtigt mich wohl. So deutet der Glaube die vorigen Worte in V. 13: Man stößt mich, dass ich fallen soll. In der Tat sind die Angriffe des Feindes Züchtigungen aus der Hand Gottes. Als der Teufel Hiob quälte, hatte er seine eigenen Absichten dabei, aber in Wirklichkeit waren die Trübsale des Patriarchen Züchtigungen aus der Hand des HERRN. Gezüchtigt, ja gezüchtigt hat mich Jah, sagt unser Dichter hier, und damit will er sagen: Der HERR hat mich hart geschlagen, hat mich unter vielen Schmerzen die volle Wucht seiner Rute fühlen lassen. Es ist oft, als sparte der HERR seine wuchtigsten Schläge für seine geliebtesten Kinder auf; ist irgendeine Trübsal schmerzlicher als andere, so pflegt sie denen zuzufallen, die er in seinem Dienst am meisten auszeichnet. Der Gärtner beschneidet seine besten Rosen mit der größten Sorgfalt. Züchtigungen werden gesandt, um mit besonderem Erfolg gesegnete Heilige in der Demut zu halten, ihr Zartgefühl für andere zu wecken und sie in den Stand zu setzen, die hohen Ehren, die ihr himmlischer Freund ihnen zuwendet, ohne Schaden zu ertragen. Aber er gibt mich dem Tode nicht. Der Vers schließt, wie V. 13, ein gesegnetes Aber in sich; dieser Zusatz eröffnet den Blick auf die Rettung. Der Psalmist hatte das Gefühl, als ob er fast totgeschlagen wäre, aber der Tod trat tatsächlich nicht ein. Bei den Geißelhieben, die Kinder Gottes erleiden, gibt es immer eine schonende Grenze. Das Äußerste, was man einem Israeliten antat, waren vierzig Streiche weniger einen (2. Kor. 11,24), und der HERR wird niemals zugeben, dass dieser eine, der tödliche Streich sie treffe. Sie sind als die Gezüchtigten und doch nicht getötet (2. Kor. 6,9), ihre Schmerzen dienen zu ihrer Unterweisung, nicht zu ihrem Untergang. Die Gottlosen sterben daran, aber Hiskia konnte sprechen: Davon lebt man, und das Leben meines Geistes steht darin. (Jes. 38,16)


Nein, gepriesen sei der Name Gottes, er züchtigt uns wohl, aber er verdammt uns nicht; die schmerzhafte Rute müssen wir spüren, aber das todbringende Schwert darf uns nicht anrühren. Er gibt uns niemals dem Tode preis, und besonders können wir dessen gewiss sein, dass er das nicht tun wird, solange er uns züchtigt; denn er würde sich nicht die Mühe geben, uns seine väterliche Züchtigung zuteil werden zu lassen, wenn er es auf unsere endgültige Verwerfung abgesehen hätte. Wenn wir unter der Schmerzen verursachenden Rute sind, kommt uns das hart vor; aber wäre es nicht viel schrecklicher, wenn der HERR sagen würde wie Hos. 4,17: Er hat sich zu den Götzen gesellt, so lass ihn hinfahren? Also können wir selbst aus unseren Kümmernissen Trost gewinnen und aus dem Garten, darin der HERR die heilsame Raute und den bitteren Wermut gepflanzt hat, uns wohlriechende Blumen holen. Wenn wir die Züchtigung erdulden, so erbietet sich uns Gott als Kindern, und das ist tröstlich. Ja, wir können wohl zufrieden sein, von ihm wie alle die anderen Glieder seiner geliebten Familie behandelt zu werden.
Der Psalmist bringt jetzt, nachdem er aus der Gefahr der Krankheit und des Kampfes errettet worden ist, dem HERRN sein Lied dar; aber er tut es nicht allein, sondern er bittet sein ganzes Volk Israel, das jetzt mit der glücklichen Priesterschar hinaufzieht, mit ihm zusammen ein fröhliches "HERR Gott, dich loben wir" anzustimmen.

19.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich dahin eingehe und dem HERRN danke.
20.
Das ist das Tor des HERRN;
die Gerechten werden dahin eingehen.
21.
Ich danke dir, dass du mich demütigst
und hilfst mir.


19. Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit. Der Held unseres Psalms hat jetzt (mit dem Festzug) den Eingang zum Tempel erreicht und bittet nun ordnungsgemäß um Einlass. Er ist von dem Gefühl durchdrungen, dass auch er sich dem geweihten Heiligtum nur nach göttlicher Erlaubnis nahen darf, und er will auch nur in der vorgeschriebenen Weise hineingehen. Gott hatte seinen Tempel für die Gerechten bestimmt, diese sollten ihn betreten und die Opfer der Gerechtigkeit darbringen; darum heißen seine Pforten "Tore der Gerechtigkeit". Innerhalb seiner Mauern geschahen Taten der Gerechtigkeit, und rechte Lehre erschallte aus seinen Höfen. Der Eingang zum Tempel war die wahre Hohe Pforte, ja er war die porta justitiae, der Palast des großen Königs, der in allen seinen Werken gerecht ist. Dass ich dahin eingehe und dem HERRN danke. O öffnet nur das Tor, so werden die wahrhaftigen Anbeter gerne eintreten und im rechten Geist und mit dem reinsten Vornehmen dem Allerhöchsten huldigen. Leider gibt es freilich viele, denen es völlig gleichgültig ist, ob die Türen des Gotteshauses offen oder geschlossen sind, und die auch an den weit geöffneten Türen teilnahmslos vorbeigehen, ja in deren Herzen nicht einmal der Gedanke aufsteigt, Gott zu preisen. Aber für diese wird eine Zeit kommen, wo sie die Türen des Himmels für sich verschlossen finden; denn diese sind wahrlich die Tore der Gerechtigkeit, durch welche nicht hineingehen wird irgendein Gemeines (Off. 21,27). Der Psalmist hätte den HERRN in der Stille loben können, was er auch gewiss getan hat; aber er war nicht zufrieden, bis er sich mit der versammelten Gemeinde vereinigt hatte, um auch dort in der Öffentlichkeit seinen Dank darzubringen. Wer den öffentlichen Gottesdienst vernachlässigt, pflegt überhaupt keine Andacht zu halten; hingegen sind diejenigen, die Gott in der Stille der eigenen Mauern loben, die Ersten, die das auch in den Mauern seines Tempels tun. Wer, wie der Psalmist, von schwerer Krankheit oder sonstiger Todesgefahr errettet worden, der rufe mit Hiskia aus: Der HERR war bereit mir zu helfen; so wollen wir meine Lieder singen, solange wir leben, im Hause des HERRN. (Jes. 38,20.) Öffentlicher Dank für offenbare Wohltaten ist nach allen Seiten hin am Platz: er ist Gott angenehm und unseren Mitmenschen nützlich.

20. Das ist das Tor des HERRN; die Gerechten werden dahin eingehen. Das Haus Gottes ist dem Psalmisten so lieb, dass er sogar das Tor bewundert und unter dem Bogen Halt macht, um seiner Liebe für dasselbe Ausdruck zu geben. Er liebte es, weil es das Tor des HERRN und das Tor der Gerechtigkeit war, weil schon so viele gottesfürchtige Menschen dadurch eingegangen waren und auch in zukünftigen Zeiten immer wieder solche hindurchschreiten würden. Wenn das Tor des irdischen Hauses Gottes für uns schon so lieblich ist, wie groß wird die Freude sein, wenn wir durch jene Perlentore ziehen, zu denen nur die Gerechten jemals Zutritt haben, durch die aber auch alle Gerechten zu ihrer Zeit in die ewige Seligkeit eingehen werden. Der Herr Jesus ist diesen Weg vorangegangen, und er hat nicht nur das Tor weit geöffnet, sondern auch allen denen, die durch seine Gerechtigkeit gerecht geworden sind, den Eingang verbürgt. Alle Gerechten müssen und sollen dahin eingehen, mag auch die ganze Welt sich entgegenstellen. Unter einem anderen Bilde ist unser Heiland selbst diese Tür (Joh. 10,9), und alle Gerechten freuen sich, durch ihn als den neuen und lebendigen Weg (Hebr. 10,20) zum HERRN zu kommen. Und auch wir müssen, wenn wir uns nahen, um den HERRN zu preisen, durch diese Türe kommen; denn gottgefälliger Lobpreis steigt niemals über die Mauer oder dringt auf irgendeinem anderen Wege ein, sondern kommt in Christo Jesu vor Gott, wie geschrieben steht: Niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6). Ewiger Lobpreis sei diesem wunderbaren Tor, der Person unseres Herrn selbst.

21. Ich danke dir. Gleich nach dem Eintritt ins Gotteshaus ruft der Psalmist aus: Ich preise dich (nicht: Ich preise den HERRN). Er weiß sich von diesem Augenblicke an lebhaft in der göttlichen Gegenwart und wendet sich unmittelbar an Jehovah, den sein Glaubensauge als den Lebendigen und Nahen klar erschaut. Wie köstlich ist es bei all unseren Lobgesängen, im Herzen eine unmittelbare und bestimmte Gemeinschaft mit Gott selbst zu haben! Der Lobpreis des Psalmisten war zunächst ein persönlicher: Ich, sagt er, preise dich oder will dich preisen; dann bestimmt, denn er war fest entschlossen, ihn darzubringen; weiter freiwillig, denn er sang fröhlich aus vollem Herzen, und endlich beständig, denn er dachte nicht daran, sobald damit aufzuhören. Dass du mich erhörst (Grundtext, so auch Luther 1524) und hilfst mir, wörtl.: und bist (oder wurdest) mein Heil.Er preist Gott, indem er seine Gnadenbezeugungen rühmt; er webt gleichsam sein Lied aus den goldenen Fäden der göttlichen Güte, die er erfahren. Mit diesen Worten gibt er den Grund an für seinen Lobpreis, nämlich die Erhörung seines Gebetes, und seine Errettung als dessen natürliche Folge. Mit welcher Wonne betont er das persönliche Eintreten Gottes. Du hast mir geantwortet! Wie warm schreibt er seinen ganzen Sieg über die Feinde Gott zu; ja, in der Person Gottes selbst sieht er alles beschlossen: Du wardst mein Heil, meine Hilfe! Wir tun in der Tat am besten, wenn wir so zu Gott selber vordringen und nicht bei seiner Gnade oder den Taten seiner Barmherzigkeit stehen bleiben. Gebetserhörungen bringen uns den lebendigen Gott oft sehr nahe, und vollends, wenn wir unseres Heils persönlich gewiss werden, erfahren wir die unmittelbare Gegenwart Gottes. Beim Blick auf die schlimme Not, die der Psalmist durchgemacht hatte, ist es gar nicht merkwürdig, dass sein Herz voller Dankbarkeit war über das große Heil, das Gott für ihn bereitet hatte, und dass er beim ersten Eintritt in den Tempel seine Stimme erhob, um den HERRN für so große, so notwendige und so vollkommene persönliche Gnadenerweisungen zu preisen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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