Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Jörg
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Psalm 137

Beitrag von Jörg »

4. Wie sollten wir des HERRN Lied singen in fremden Landen? Wie könnten sie überhaupt jetzt singen, singen in dem Elend der Fremde, Jehovahs Lieder singen zur Belustigung der Götzendiener? Nein, das darf nicht sein und wird nicht geschehen. Einstimmig weisen sie das Ansinnen zurück; doch fassen sie die Weigerung demütig in die Form der Frage. Sind die Männer zu Babel ruchlos genug, ihnen Entweihung des Heiligen zuzumuten zur Befriedigung eitler Neugier oder zum Schaffen eines Zeitvertreibs, so sollen sie wissen, dass die Männer von Zion nicht solch abgestumpfte Herzen haben, dass sie bereit wären, ihnen um solch ungeheuren Preis zu Willen zu sein. Es gibt so manches, was Leute, die keine Gottesfurcht haben, zu tun imstande sind, und was sie tun, ohne sich darüber Gedanken zu machen, worauf gottselige Menschenkinder sich nie und nimmer einlassen können. Die Frage "Wie könnte ich?" oder "Wie sollten wir dies und das tun?" entspringt aus einem zarten Gewissen und zeigt eine Unfähigkeit zu sündigen an, welche sorgsam zu behüten und wohl zu pflegen ist.

5. Vergesse ich dein Jerusalem, so vergesse meine Rechte (ihr Saitenspiel3. Zions Lieder zu singen zur Belustigung von Zions Feinden, das hieße die Heilige Stadt vergessen. Mann für Mann (beachte den Übergang vom Wir zum Ich) erneuern die Gefangenen den Eid der Treue gegen Jerusalem, und jeder von ihnen schwört, dass er eher ganz und für immer der Kunst entsagen wolle, den Saiten seiner Harfe süße Töne zu entlocken, als sie zu gebrauchen zum Ergötzen Babels. Es ist besser, dass die rechte Hand ihrer Kunst ganz vergesse und all ihre Gewandtheit verliere, als dass sie den dem Lob des Herrn geweihten Instrumenten Musik entlocke zum Ohrenschmaus für Verächter Jehovahs oder mit ihrer Kunst ein heiliges Psalmlied begleite, damit die Toren es mit ihrem Gespött und Gelächter entweihen. Nicht einer von ihnen ist gesonnen, Jehovah also zu entehren, um Belus zu verherrlichen und dessen Anbetern zu gefallen. Feierlich sprechen sie es aus, dass furchtbare Strafe über sie kommen möge, wenn sie sich als so falsch, so treulos erweisen sollten.

6. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich dein nicht gedenke. Den Fluch ewigen Stummseins ziehen mit dieser Verwünschung die Sänger auf sich nieder, wenn sie Jerusalems vergessen sollten, um Babel zu Gefallen zu sein. Die Spieler und die Sänger, sie sind eines Sinnes: die Feinde des Herrn sollen ihnen keine liebliche Musik, keinen heiteren Gesang abzwingen können. Wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein. Jerusalem soll allezeit die oberste Stelle in ihrem ganzen Denken haben, es soll die Königin ihrer Herzen sein. Lieber noch wollten sie ewig schweigen müssen, als ihre heiligen Lieder der Entehrung preiszugeben und ihren Unterdrückern Gelegenheit zu geben, ihren Gottesdienst ins Lächerliche zu ziehen. War die Anhänglichkeit eines verbannten Juden an sein Heimatland so groß, wieviel mehr noch sollten wir die Gemeinde des Herrn lieben, deren Kinder und Bürger wir sind. Wie eifersüchtig sollten wir ihre Ehre wahren, mit welchem Eifer ihre Wohlfahrt suchen! Lasst uns niemals Worte der Heiligen Schrift zu Scherzen gebrauchen oder aus heiligen Dingen einen Zeitvertreib machen, damit wir nicht die Schuld auf uns laden, des Herrn und seiner Sache zu vergessen. Ach, wir haben Anlass zu befürchten, dass manche Zunge alle Macht verloren hat, die Versammlungen der Gotteskinder zu erbauen, weil sie das Evangelium aus dem Sinn verloren und in gerechter Vergeltung Gott ihrer vergessen hat.

7.
Herr, gedenke den Kindern Edom den Tag Jerusalems,
die da sagten: "Reiß ab, reiß ab bis auf ihren Boden!"
8.
Du verstörte Tochter Babel,
wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast!
9.
Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt
und zerschmettert sie an dem Stein!



7. Herr, gedenke den Kindern Edom den Tag Jerusalems! Des Allherrn Händen sei die Sache überlassen. Er ist ein Gott der Rache und wird das Recht austeilen mit Gerechtigkeit. Die Edomiter hätten als die nächsten Blutsverwandten an den Israeliten freundlich handeln sollen; aber stattdessen zeigten sie tiefen Hass und grausame Tücke. Dass er, der Ältere, dem Jüngeren dienen sollte, war ihm von Herzen zuwider, und darum war Esau, als über Jakob der Tag der Heimsuchung hereinbrach, hurtig bei der Hand, um sich die Gelegenheit aufs beste zunutze zu machen. Darum fügen nun die gefangenen Israeliten, da sie gramerfüllt ihre Klagen vor Gott ausschütten, auch die Bitte bei, dass der HERR doch das Volk heimsuchen möge, das es so niederträchtig zu ihren Feinden gehalten und diese bei ihrem Einfall in das Land dazu aufgestachelt hatte, sogar noch größere Grausamkeit als gewöhnlich zu üben. Die da sagten: "Reiß ab, reiß ab bis auf ihren Boden!" Sie wünschten das Ende Jerusalems und des jüdischen Staates mit Augen zu sehen; sie begehrten, dass auch nicht ein Stein auf dem andern gelassen werde, und lechzten nach einer völligen Zerstörung und Verheerung von Tempel, Palast, Ringmauern und Behausungen. Es ist abscheulich, wenn Nachbarn Feinde sind, noch trauriger ist es, wenn sie ihre Feindschaft in Zeiten großer Trübsal zeigen, und am allerschlimmsten, wenn sie gar noch andere zu boshaften Taten anstiften. Wer andere Leute als Werkzeug seines Hasses gebrauchen will, der ist verantwortlich für die Sünden dieser. Es ist eine Schande für Menschen, ruchlose Leute zu Taten anzureizen, die man selber nicht ausführen mag oder kann. Die Babylonier waren schon grimmig genug, auch ohne dass sie zu noch größerer Wut angestachelt wurden; aber Edoms Hass war unersättlich. Menschen, die in Unglückszeiten kein Erbarmen fühlen, verdienen es, dass die rächende Gerechtigkeit sich ihrer erinnere; wieviel mehr noch solche, die sich geradezu das Unglück zunutze machen, um an den davon Betroffenen ihren Hass auszulassen! Der Tag kommt, wo Edom vergolten wird.

8. Tochter Babel, du Verstörte (d. i. du der Verwüstung geweihte), oder: du Verwüsterin4.Wir mögen das Wort in der einen oder anderen Weise deuten und werden der Sache nach auch keinen Fehlgriff tun, wenn wir die beiden Deutungen zusammenfassen: Die Verwüsterin soll verwüstet werden, und der Psalmist sah sie mit seinem geistigen Auge bereits verwüstet. Es ist eine geläufige morgenländische Redeweise, von einer Stadt als einer Jungfrau zu sprechen. Babel stand noch in der Blüte der Jugendkraft da; aber schon war ihr um ihrer Frevel willen das Urteil gesprochen, ihr Schicksal besiegelt. Wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast! Der Rächer wird einen rühmlichen Beruf erfüllen, indem er eine so unmenschlich grausame Macht zu Boden stürzt. Die babylonischen Heere hatten sich einen Ruhm daraus gemacht, auf ihren Eroberungszügen mit erbarmungsloser Rohheit vorzugehen; es war angemessen, dass ihr Verhalten ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt würde. Kein Strafurteil kann gerechter sein als ein solches, das genau, ja bis auf den Buchstaben genau, der lex talionis, dem Gesetz der Vergeltung, folgt. Babylon muss fallen, wie es Jerusalem zu Fall gebracht hat; und die Zerstörung und das Blutbad, das über sie kommt, muss der Verwüstung und dem Gemetzel entsprechen, die sie über andere Städte heraufbeschworen hat. Der von Vaterlandsliebe glühende Dichter findet bei dem Schmerze, der in ihm brennt, da er und sein Volk in der Verbannung schmachten, einen Trost in der Aussicht, dass die Königsstadt, die ihn in Banden hält, einst besiegt und zu Boden gestürzt werden wird, und er preist den Mann glücklich, der von Gott zu einem solchen Werk der Gerechtigkeit verordnet ist. (Man vergleiche, was im zweiten Teil des Jesaia über Kores als das Werkzeug des Allmächtigen gesagt ist, z. B. Jes. 45,1 ff.) Alle Welt wird den Sieger dafür segnen, dass er die Nationen von einem solchen Tyrannen befreit hat; künftige Geschlechter werden ihm Heil wünschen dafür, dass er es den Menschen ermöglicht, wieder aufzuatmen, und dass Freiheit auf Erden noch einmal herrschen wird.

Wir dürfen des ganz gewiss sein, dass jeder ungerechten Gewalt das Los der Vernichtung schon bestimmt ist und dass von dem Throne Gottes gerechte Vergeltung allen denen zugemessen werden wird, denen Gewalt vor Recht geht, die ihre Herrschaft zur Selbstsucht missbrauchen und die Bedrückung der Schwachen zur Grundregel ihrer Staatsklugheit machen. Wohl dem Manne aber auch, der irgend dazu beiträgt, dass das geistliche Babylon zerstört wird, das trotz all seiner Reichtümer und seiner Macht durch göttliches Urteil der Verwüstung geweiht ist. Glücklicher noch wird sein, wer den Tag erlebt, da es wie ein Mühlstein in den Fluten der Gerichte Gottes versinken wird, um nie wieder emporzutauchen (Off. 18,21). Was dies geistliche Babel ist, danach frage Luther und Knox oder besser noch die Schrift selbst.


Fußnoten


3. So deuten schon manche Alte die Worte. Die passivische Übersetzung Luthers (nach den LXX) erfordert eine Veränderung. Will man zu einer solchen übergehen, so empfiehlt sieh jedenfalls mehr diejenige von Grätz: $xak:ti, so schrumpfe meine Rechte ein, vergl.
4. Bei der aktiven Übers. ist hdfOd $Ifxa (oder hdfd$Ifoxa) zu lesen. Zu dem Sinn der passiven masoretischen Lesart vergl. auch die Erläuterungen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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