A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
Moderator: Joschie
A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
I. Die Schweiz.
Literatur: A. Bost, Mémoires pouvant servir à l’histoire du réveil religieux des Églises protest. de la Suisse et de la France, 1854. Finsler, Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz, 1873. Derselbe, Geschichte der theologisch-kirchlichen Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz seit den dreißiger Jahren, 1881. Züricher Taschenbuch auf das Jahr 1886: Rückblicke von Joh. Hirzel. Erinnerungen aus dem Lehen und Wirken des Antistes Füsslin, von Finsler, 1860. Riggenbach, der heut. Ration. in d. deutsch. Schweiz, 1861. C. H. Zeller, von Thiersch, 1876. C. F. Spittler im Rahmen seiner Zeit, 1876, 1. Bd. C. F. Spittler, von Kober, 1886. Schönholzer, Die religiöse Reformbewegung in der ref. Schweiz, 1886. B. Riggenbach, Taschenbuch der schweiz. ref. Geistlichkeit, 1883. von der Goltz, die ref. Kirche Genfs im 19. Jahrhundert, 1862. Cart, Histoire du mouvement religieux et ecclésiastique dans le canton de Vaud, 1879-81. Archinard, Histoire de l’église du canton de Vaud, 1881. Veuillimier, Histoire de l’Academie de Lausanne, 1892. Die Berichte auf den Allianzversammlungen, von Güder und Öttli. Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Hagenbach, seit 1845. Die unten erwähnten Blätter, das Basler Missionsmagazin; von Zeitungen: die Allg. Schweizer Zeitung usw.
1. Allgemeine Lage.
Die Schweiz, ein Europa im Kleinen, ist wie in dem mannigfaltigen Wechsel der Landschaft, so auch in dem kirchlichen Bilde eine vielgestaltige: germanische und romanische Elemente verbinden und trennen sich, vier Sprachen ertönen, die Reformation war in Zürich eine andere wie in Genf, neben den Staatskirchen mit den verschiedensten Formen der Verfassung, jetzt fast überall mit gemischten Synoden, bestehen freie Kirchen, konservative und radikale Richtungen bekämpfen sich in der offensten Weise und dann haben wieder die einzelnen Kantone ihr besonderes Gepräge. Basel, ein Bindeglied zwischen Deutschland und der Schweiz, hat mehr das Gepräge eines allgemeinen Pietismus mit den Gedanken der ev. Allianz: es ist durch seine Missionsanstalt und durch seine Frömmigkeit berühmt, die oft die größte Liberalität zeigt, wie die Gabe eines Merian von drei Millionen zum Bau einer Kirche. Das am lieblichen See ruhende Zürich liebt das verstandesmäßige, nüchterne Christentum mit heftigen prinzipiellen Kämpfen, während Bern langsam und hartnäckig sich bewegt. In seine Berge eingekeilt, liegt still Neuenburg da, aber voll Regsamkeit und Selbsttätigkeit ist Genf und das Waadtland. Die übrigen Kantone schließen sich mehr an die genannten an: so Schaffhausen an Basel und St. Gallen und Glarus an Zürich.
Der Rationalismus hatte sich auch in der Schweiz festgesetzt und schon 1725 war in der Kirche Calvins die Verpflichtung auf die helvetische Konfession aufgehoben worden. Aber es hatte sich in den wohltätigen Einflüssen von Lavater und Hess noch manch guter biblischer Klang über die Grenzscheide des Jahrhunderts gerettet. Am Anfang desselben zog die Erweckung ein, mit lebhafter Kraft freilich nur in der französischen Schweiz, schwächer im Norden, und wurde auch durch die romanhaften Reisezüge der frommen und koketten Frau von Krüdener224 gepflegt, besser durch die heilsame Wirksamkeit des wackeren Schotten Haldane in Genf, dann des Kreises, der sich um den originellen, etwas rauhen Antistes Spleiss in Schaffhausen sammelte225, die begabte Krämerfrau Anna Schlatter in St. Gallen226, und um die von den Schwaben Spittler und Gottlieb Blumhardt gepflegte Christentumsgesellschaft in Basel, die sich allmählich zur Bibel-, Traktat- und Missionsgesellschaft erweiterte und auch den Inspektor Zeller († 1891), dessen Frau lebte was er lehrte, in Schloss Beuggen mit seinen wohltätigen Anstalten in ihren Kreis zog. Der Pietismus erhob sich mit Wärme und Freudigkeit, auch mit unermüdlicher Opferwilligkeit, aber ohne Lust, ein bestimmtes Bekenntnis aufzustellen, zufrieden mit der Bibel. Nach dieser wollte man selbst Tieferes, als die Väter gehabt. Der Rationalismus ragte indessen in den Stunden der Andacht von dem Aarauer Zschokke227 bis in die Mitte des Jahrhunderts hinein. In das Jahr 1823 fallen die schwärmerischen Gräuel Szenen in Wildenspuch im Kanton Zürich. Margaretha Peter erschlägt ihre Schwester und lässt sich selbst kreuzigen, um viele Seelen zu erlösen. Mit allzu großer Liebhaberei hat man diese wahnsinnigen Ausbrüche öfter dargestellt228. Man nahm es von Seiten der Pietisten vielfach leicht: man sollte die Macht des eigentlichen Zeitgeistes erfahren. Mit den politischen Wirren, die die Jesuiten aus Aargau vertrieben und den Bruderkampf hervorriefen, erhob sich die Anmaßung des Radikalismus, wie ihn die besonnene Schweiz in der Zucht guter väterlicher Sitte, musterhafter Reellität und Treue noch nicht gesehen hatte. Die Kirche, als die letzte Schranke, die sich dem subjektiven Belieben des Einzelnen entgegenstellte, musste zu Boden getreten werden. Sie wurde die Zielscheibe endlosen Hohnes. Auch die Schule trat gegen sie auf und entfernte die Wahrheit der Schrift. An der Stelle der Kirchen lebten die Wirtshäuser auf mit dem stolzen Wahne des Unglaubens in den Köpfen der Männer; die Schweiz besitzt jetzt 1 Wirtshaus auf je 150 Einwohner. Der Sonntag diente der Politik und dem Rausche zahlloser sich überbietender Feste. Die Trunksucht hatte hier ihre Brutstätte und fing an, ganze Landschaften durch den Branntwein zu veröden. 33 Mill. Liter Schnaps werden jährlich in der Schweiz konsumiert. Zwischen 1845 und 1850 erreichte die gottlose Flut die Höhe: so schien es, aber sie wuchs weiter, getragen durch die unten geschilderte theologische Entwicklung. Während jeder tat, was er wollte, rühmten alle ihre herrlichen Berge und deren himmelanstrebende Freiheit. Man sah aber nur die Mehrung des bettelnden Pauperismus. Wohl mahnten die göttlichen Gerichte: zehn Jahre gab es Misswachs. Es folgte nur Ermüdung und Abspannung. Zu neuem tollem Treiben wurde man durch das Aufblühen der Naturwissenschaft aufgereizt. Die moderne Weltanschauung trat als Fata Morgana in Sicht und entzückte viele. Der kirchliche Auflösungsprozess schritt voran. Der Vollgenuss und die Willkür des Individuums hatte die Zügel ergriffen. Was ist Wahrheit? – wurde das allgemeine Bekenntnis, und selbst die Frauenwelt schämte sich nicht, dasselbe anzunehmen. Die Reformer wollten wohl Christentum und Wissenschaft versöhnen, aber sie gewannen auch mit ihren frechen Lügen die verzogenen Gebildeten nicht. Die Negation überbot die stolzen Geister. Ungezählte Kinder wachsen gegenwärtig ohne eine Ahnung von der biblischen Geschichte auf, und die radikalen Lehrer wollen etwas Großes sein in den Redensarten des Unglaubens. „Unsere Vaterlandsliebe“, sagt Gottfr. Keller, „ist vielfach nur Selbstbewunderung“. Nieder mit dem Respekt! – ist die Losung – und er ist jetzt wirklich tot. Dabei die Zerrissenheit der pietistischen Richtungen, die auf niemand Eindruck machen können. Es fehlt nicht an Bemühungen, den völligen Bruch der Volkskirche zu hindern. In Bern hat die vom Volke frei gewählte Synode eine brauchbare Gemeine- und Predigerordnung und eine Liturgie ausgearbeitet. Die vermittelnden Parteien suchen ängstlich die Volkskirche zu halten, in der auch allein die Reformer gedeihen können, die in freien Gemeinen unfruchtbar sind. Man hat gegen die religionslose Schule 4 freie Lehrerseminare in Schiers, Zürich, Bern und Peseux errichtet; in Bern ein Lehrerinnenseminar und ein freies Gymnasium. Die Preisinnigkeit hat in wahrer Wut gegen die freien Schulen geeifert, doch lehnte die Erdrosselung derselben durch einen eidgenössischen „Schulvogt“ das Volk am 26. November 1882 mit großartiger Majorität ab. Christliche Lehrervereine bildeten in der Not einen evangelischen Schulverein. Die Sonntagsschulen suchten hie und da zu helfen. Die evangelischen Vereine entsenden ihre Wanderprediger und befördern die Bildung von konservativen Minoritätsgemeinen. Parallel-Gottesdienste, -Kinderlehren und -Unterweisungen tauchen auf. In all diesen Greuel der Verwüstung greift dann in der letzten Zeit das tolle, wilde Hallelujah der Heilsarmee hinein, die manchen harten Schweizer Nacken an die Bußbank nötigt und die christliche Wahrheit nur noch mehr der Verachtung anheimgibt. Ein Schweizer schildert mit traurigem Gemüt die Gegenwart in dieser Weise: „Die Mehrzahl unseres Volkes, besonders die niedrigen Schichten, sind dem Einfluss des Evangeliums entrückt, die Predigt hat für Tausende alle Zugkraft verloren, die Bibel ist von der Zeitung und dem Roman verdrängt, die Ehen mannigfach gelockert, das Wirtshaus – das Versammlungshaus aller Lebendigen und in den christlichen Kreisen fehlt in schmerzlich fühlbarer Weise der rechte Eroberungsgeist, die Gaben der Erweckung und Belebung in den Herrschaftsgebieten des geistlichen Todes.“ Aus einem durch seine köstlichen Spitzen weltbekannten Kanton, mit Erinnerungen an mittelalterliche Klostergröße, hört man folgende Schilderung der Gegenwart: „Neulich hat man hier einen Reformer gewählt, der am Züricher See nicht mehr möglich war. Es gibt hier auch positive Pfarrer, aber wir Positive machen den Liberalen keinen Eindruck, denn sie sagen mit Recht, dass wir in Kirchliche, Baptisten (wieder 5 Abteilungen), Mennoniten, Darbysten, Irvingisten und womöglich in noch andere Schattierungen geteilt seien. Das Traurigste in unserem Kanton ist der Jugendunterricht, dem man die Bibel genommen hat. In der schrecklichsten Unwissenheit wächst das junge Volk heran. Wohl muss es mit dem 13. Jahre zu der ‚Quartierlehre‘ des Pfarrers gehen, aber was kann dieser in einem Jahr und in der kaum ein halbes Jahr dauernden Zeit des Konfirmandenunterrichtes erreichen? Die Konfirmation selbst besteht in der Beantwortung weniger Fragen – und nach derselben ist man froh, selbst das schwächste kirchliche Joch abzuwerfen. In einiger Zeit haben wir hier ein völliges Heidentum. Wollte man es so machen, wie in anderen ref. Gemeinen, und den Heidelberger auswendig lernen lassen, so würde man das als Tyrannei verschreien. Man kann sagen, dass auch bei uns das Reformertum in seiner Leere mehr erkannt wird aber wird dasselbe ganz beseitigt, so werden manche feinere Gemüter ganz allen religiösen Fragen entfremdet werden. Es ist alles in Auflösung. Die geschichtliche ref. Kirche ist zerstört.“
Der liberale Bezirksschulrat Wagner sagt von der modernen Schule der Schweiz: „Die Schule befördert die Charakterlosigkeit. An dem die Welt bestehenden Schwindel, an der Oberflächlichkeit, mit der über die heiligsten Interessen weggelacht wird, an der Genusssucht, dem Leichtsinn, der die Massen beherrscht, an dem Mangel an Pietät und Rechtsgefühl ist die Schule schuldig. Ein Geschlecht ohne geistige Energie, ohne sittliche Zucht geht aus ihr hervor.“ Dies das Ende der schweizerischen Virtuosität im Schulwesen.
Man hat neuerdings von Erweckungsversammlungen gehört aber der Schweizer ist doch zu kalt, um seine Hände an dem gemachten und bald erloschenen Feuer amerikanischer und englischer Methode zu wärmen. Man glaube nicht, dass bei dieser trüben Schilderung etwa die Zustände in Nord- und Mitteldeutschland um vieles günstiger wären: ich glaube vielmehr, es wird in der Schweiz noch eine größere Zahl ernster und tatkräftiger Evangelischer geben, als in jenen deutschen Gegenden. Die Masse des Volkes aber entbehrt die geheimen Einflüsse der Bibel in den Volksschulen, deren wir uns noch erfreuen. Die „Allg. Schweizerzeitung“ schildert die Gegenwart so: Das öffentliche Leben ist durch und durch vergiftet, das Rechtsgefühl verwirrt, in radikaler Parteileidenschaft macht man den Staat seinen selbstsüchtigen Trieben dienstbar.
zu.224. Über sie haben Eynard, Ziethe, Jacob und Bruno Bauer, Krummacher geschrieben. Hurter, Frau v. Krüdener in d. Schweiz. 1817. Auch in dem Lebensbild von J. G. Müller (1885) ist von ihr die Rede.
zu.225. Sein Leben von Stockar, 1858.
zu.226. Die unritterliche Karikatur, die Ritschl von meiner lieben Großmutter gezeichnet, hat neuerdings Miescher beseitigt.
zu.227. Über ihn Emil Zschokke, 1876.
zu.228. Darüber Meyer, 1824, und Scherr, 1874.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
I. Die Schweiz.
Literatur: A. Bost, Mémoires pouvant servir à l’histoire du réveil religieux des Églises protest. de la Suisse et de la France, 1854. Finsler, Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz, 1873. Derselbe, Geschichte der theologisch-kirchlichen Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz seit den dreißiger Jahren, 1881. Züricher Taschenbuch auf das Jahr 1886: Rückblicke von Joh. Hirzel. Erinnerungen aus dem Lehen und Wirken des Antistes Füsslin, von Finsler, 1860. Riggenbach, der heut. Ration. in d. deutsch. Schweiz, 1861. C. H. Zeller, von Thiersch, 1876. C. F. Spittler im Rahmen seiner Zeit, 1876, 1. Bd. C. F. Spittler, von Kober, 1886. Schönholzer, Die religiöse Reformbewegung in der ref. Schweiz, 1886. B. Riggenbach, Taschenbuch der schweiz. ref. Geistlichkeit, 1883. von der Goltz, die ref. Kirche Genfs im 19. Jahrhundert, 1862. Cart, Histoire du mouvement religieux et ecclésiastique dans le canton de Vaud, 1879-81. Archinard, Histoire de l’église du canton de Vaud, 1881. Veuillimier, Histoire de l’Academie de Lausanne, 1892. Die Berichte auf den Allianzversammlungen, von Güder und Öttli. Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Hagenbach, seit 1845. Die unten erwähnten Blätter, das Basler Missionsmagazin; von Zeitungen: die Allg. Schweizer Zeitung usw.
1. Allgemeine Lage.
Die Schweiz, ein Europa im Kleinen, ist wie in dem mannigfaltigen Wechsel der Landschaft, so auch in dem kirchlichen Bilde eine vielgestaltige: germanische und romanische Elemente verbinden und trennen sich, vier Sprachen ertönen, die Reformation war in Zürich eine andere wie in Genf, neben den Staatskirchen mit den verschiedensten Formen der Verfassung, jetzt fast überall mit gemischten Synoden, bestehen freie Kirchen, konservative und radikale Richtungen bekämpfen sich in der offensten Weise und dann haben wieder die einzelnen Kantone ihr besonderes Gepräge. Basel, ein Bindeglied zwischen Deutschland und der Schweiz, hat mehr das Gepräge eines allgemeinen Pietismus mit den Gedanken der ev. Allianz: es ist durch seine Missionsanstalt und durch seine Frömmigkeit berühmt, die oft die größte Liberalität zeigt, wie die Gabe eines Merian von drei Millionen zum Bau einer Kirche. Das am lieblichen See ruhende Zürich liebt das verstandesmäßige, nüchterne Christentum mit heftigen prinzipiellen Kämpfen, während Bern langsam und hartnäckig sich bewegt. In seine Berge eingekeilt, liegt still Neuenburg da, aber voll Regsamkeit und Selbsttätigkeit ist Genf und das Waadtland. Die übrigen Kantone schließen sich mehr an die genannten an: so Schaffhausen an Basel und St. Gallen und Glarus an Zürich.
Der Rationalismus hatte sich auch in der Schweiz festgesetzt und schon 1725 war in der Kirche Calvins die Verpflichtung auf die helvetische Konfession aufgehoben worden. Aber es hatte sich in den wohltätigen Einflüssen von Lavater und Hess noch manch guter biblischer Klang über die Grenzscheide des Jahrhunderts gerettet. Am Anfang desselben zog die Erweckung ein, mit lebhafter Kraft freilich nur in der französischen Schweiz, schwächer im Norden, und wurde auch durch die romanhaften Reisezüge der frommen und koketten Frau von Krüdener224 gepflegt, besser durch die heilsame Wirksamkeit des wackeren Schotten Haldane in Genf, dann des Kreises, der sich um den originellen, etwas rauhen Antistes Spleiss in Schaffhausen sammelte225, die begabte Krämerfrau Anna Schlatter in St. Gallen226, und um die von den Schwaben Spittler und Gottlieb Blumhardt gepflegte Christentumsgesellschaft in Basel, die sich allmählich zur Bibel-, Traktat- und Missionsgesellschaft erweiterte und auch den Inspektor Zeller († 1891), dessen Frau lebte was er lehrte, in Schloss Beuggen mit seinen wohltätigen Anstalten in ihren Kreis zog. Der Pietismus erhob sich mit Wärme und Freudigkeit, auch mit unermüdlicher Opferwilligkeit, aber ohne Lust, ein bestimmtes Bekenntnis aufzustellen, zufrieden mit der Bibel. Nach dieser wollte man selbst Tieferes, als die Väter gehabt. Der Rationalismus ragte indessen in den Stunden der Andacht von dem Aarauer Zschokke227 bis in die Mitte des Jahrhunderts hinein. In das Jahr 1823 fallen die schwärmerischen Gräuel Szenen in Wildenspuch im Kanton Zürich. Margaretha Peter erschlägt ihre Schwester und lässt sich selbst kreuzigen, um viele Seelen zu erlösen. Mit allzu großer Liebhaberei hat man diese wahnsinnigen Ausbrüche öfter dargestellt228. Man nahm es von Seiten der Pietisten vielfach leicht: man sollte die Macht des eigentlichen Zeitgeistes erfahren. Mit den politischen Wirren, die die Jesuiten aus Aargau vertrieben und den Bruderkampf hervorriefen, erhob sich die Anmaßung des Radikalismus, wie ihn die besonnene Schweiz in der Zucht guter väterlicher Sitte, musterhafter Reellität und Treue noch nicht gesehen hatte. Die Kirche, als die letzte Schranke, die sich dem subjektiven Belieben des Einzelnen entgegenstellte, musste zu Boden getreten werden. Sie wurde die Zielscheibe endlosen Hohnes. Auch die Schule trat gegen sie auf und entfernte die Wahrheit der Schrift. An der Stelle der Kirchen lebten die Wirtshäuser auf mit dem stolzen Wahne des Unglaubens in den Köpfen der Männer; die Schweiz besitzt jetzt 1 Wirtshaus auf je 150 Einwohner. Der Sonntag diente der Politik und dem Rausche zahlloser sich überbietender Feste. Die Trunksucht hatte hier ihre Brutstätte und fing an, ganze Landschaften durch den Branntwein zu veröden. 33 Mill. Liter Schnaps werden jährlich in der Schweiz konsumiert. Zwischen 1845 und 1850 erreichte die gottlose Flut die Höhe: so schien es, aber sie wuchs weiter, getragen durch die unten geschilderte theologische Entwicklung. Während jeder tat, was er wollte, rühmten alle ihre herrlichen Berge und deren himmelanstrebende Freiheit. Man sah aber nur die Mehrung des bettelnden Pauperismus. Wohl mahnten die göttlichen Gerichte: zehn Jahre gab es Misswachs. Es folgte nur Ermüdung und Abspannung. Zu neuem tollem Treiben wurde man durch das Aufblühen der Naturwissenschaft aufgereizt. Die moderne Weltanschauung trat als Fata Morgana in Sicht und entzückte viele. Der kirchliche Auflösungsprozess schritt voran. Der Vollgenuss und die Willkür des Individuums hatte die Zügel ergriffen. Was ist Wahrheit? – wurde das allgemeine Bekenntnis, und selbst die Frauenwelt schämte sich nicht, dasselbe anzunehmen. Die Reformer wollten wohl Christentum und Wissenschaft versöhnen, aber sie gewannen auch mit ihren frechen Lügen die verzogenen Gebildeten nicht. Die Negation überbot die stolzen Geister. Ungezählte Kinder wachsen gegenwärtig ohne eine Ahnung von der biblischen Geschichte auf, und die radikalen Lehrer wollen etwas Großes sein in den Redensarten des Unglaubens. „Unsere Vaterlandsliebe“, sagt Gottfr. Keller, „ist vielfach nur Selbstbewunderung“. Nieder mit dem Respekt! – ist die Losung – und er ist jetzt wirklich tot. Dabei die Zerrissenheit der pietistischen Richtungen, die auf niemand Eindruck machen können. Es fehlt nicht an Bemühungen, den völligen Bruch der Volkskirche zu hindern. In Bern hat die vom Volke frei gewählte Synode eine brauchbare Gemeine- und Predigerordnung und eine Liturgie ausgearbeitet. Die vermittelnden Parteien suchen ängstlich die Volkskirche zu halten, in der auch allein die Reformer gedeihen können, die in freien Gemeinen unfruchtbar sind. Man hat gegen die religionslose Schule 4 freie Lehrerseminare in Schiers, Zürich, Bern und Peseux errichtet; in Bern ein Lehrerinnenseminar und ein freies Gymnasium. Die Preisinnigkeit hat in wahrer Wut gegen die freien Schulen geeifert, doch lehnte die Erdrosselung derselben durch einen eidgenössischen „Schulvogt“ das Volk am 26. November 1882 mit großartiger Majorität ab. Christliche Lehrervereine bildeten in der Not einen evangelischen Schulverein. Die Sonntagsschulen suchten hie und da zu helfen. Die evangelischen Vereine entsenden ihre Wanderprediger und befördern die Bildung von konservativen Minoritätsgemeinen. Parallel-Gottesdienste, -Kinderlehren und -Unterweisungen tauchen auf. In all diesen Greuel der Verwüstung greift dann in der letzten Zeit das tolle, wilde Hallelujah der Heilsarmee hinein, die manchen harten Schweizer Nacken an die Bußbank nötigt und die christliche Wahrheit nur noch mehr der Verachtung anheimgibt. Ein Schweizer schildert mit traurigem Gemüt die Gegenwart in dieser Weise: „Die Mehrzahl unseres Volkes, besonders die niedrigen Schichten, sind dem Einfluss des Evangeliums entrückt, die Predigt hat für Tausende alle Zugkraft verloren, die Bibel ist von der Zeitung und dem Roman verdrängt, die Ehen mannigfach gelockert, das Wirtshaus – das Versammlungshaus aller Lebendigen und in den christlichen Kreisen fehlt in schmerzlich fühlbarer Weise der rechte Eroberungsgeist, die Gaben der Erweckung und Belebung in den Herrschaftsgebieten des geistlichen Todes.“ Aus einem durch seine köstlichen Spitzen weltbekannten Kanton, mit Erinnerungen an mittelalterliche Klostergröße, hört man folgende Schilderung der Gegenwart: „Neulich hat man hier einen Reformer gewählt, der am Züricher See nicht mehr möglich war. Es gibt hier auch positive Pfarrer, aber wir Positive machen den Liberalen keinen Eindruck, denn sie sagen mit Recht, dass wir in Kirchliche, Baptisten (wieder 5 Abteilungen), Mennoniten, Darbysten, Irvingisten und womöglich in noch andere Schattierungen geteilt seien. Das Traurigste in unserem Kanton ist der Jugendunterricht, dem man die Bibel genommen hat. In der schrecklichsten Unwissenheit wächst das junge Volk heran. Wohl muss es mit dem 13. Jahre zu der ‚Quartierlehre‘ des Pfarrers gehen, aber was kann dieser in einem Jahr und in der kaum ein halbes Jahr dauernden Zeit des Konfirmandenunterrichtes erreichen? Die Konfirmation selbst besteht in der Beantwortung weniger Fragen – und nach derselben ist man froh, selbst das schwächste kirchliche Joch abzuwerfen. In einiger Zeit haben wir hier ein völliges Heidentum. Wollte man es so machen, wie in anderen ref. Gemeinen, und den Heidelberger auswendig lernen lassen, so würde man das als Tyrannei verschreien. Man kann sagen, dass auch bei uns das Reformertum in seiner Leere mehr erkannt wird aber wird dasselbe ganz beseitigt, so werden manche feinere Gemüter ganz allen religiösen Fragen entfremdet werden. Es ist alles in Auflösung. Die geschichtliche ref. Kirche ist zerstört.“
Der liberale Bezirksschulrat Wagner sagt von der modernen Schule der Schweiz: „Die Schule befördert die Charakterlosigkeit. An dem die Welt bestehenden Schwindel, an der Oberflächlichkeit, mit der über die heiligsten Interessen weggelacht wird, an der Genusssucht, dem Leichtsinn, der die Massen beherrscht, an dem Mangel an Pietät und Rechtsgefühl ist die Schule schuldig. Ein Geschlecht ohne geistige Energie, ohne sittliche Zucht geht aus ihr hervor.“ Dies das Ende der schweizerischen Virtuosität im Schulwesen.
Man hat neuerdings von Erweckungsversammlungen gehört aber der Schweizer ist doch zu kalt, um seine Hände an dem gemachten und bald erloschenen Feuer amerikanischer und englischer Methode zu wärmen. Man glaube nicht, dass bei dieser trüben Schilderung etwa die Zustände in Nord- und Mitteldeutschland um vieles günstiger wären: ich glaube vielmehr, es wird in der Schweiz noch eine größere Zahl ernster und tatkräftiger Evangelischer geben, als in jenen deutschen Gegenden. Die Masse des Volkes aber entbehrt die geheimen Einflüsse der Bibel in den Volksschulen, deren wir uns noch erfreuen. Die „Allg. Schweizerzeitung“ schildert die Gegenwart so: Das öffentliche Leben ist durch und durch vergiftet, das Rechtsgefühl verwirrt, in radikaler Parteileidenschaft macht man den Staat seinen selbstsüchtigen Trieben dienstbar.
zu.224. Über sie haben Eynard, Ziethe, Jacob und Bruno Bauer, Krummacher geschrieben. Hurter, Frau v. Krüdener in d. Schweiz. 1817. Auch in dem Lebensbild von J. G. Müller (1885) ist von ihr die Rede.
zu.225. Sein Leben von Stockar, 1858.
zu.226. Die unritterliche Karikatur, die Ritschl von meiner lieben Großmutter gezeichnet, hat neuerdings Miescher beseitigt.
zu.227. Über ihn Emil Zschokke, 1876.
zu.228. Darüber Meyer, 1824, und Scherr, 1874.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31
A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
2. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz.(Teil.1)
Man bekannte sich in der deutschen Schweiz fast noch bis in die 30er Jahre zu einer religiösen Anschauung, in der Offenbarung und Vernunft gleichwertig waren. Die Autorität der symbolischen Bücher war gebrochen: man erschrak, wenn jemand sagte, er habe die Confessio Helvetica gelesen. Ein Bluntschli fand zu seiner Verwunderung die unbekannte Rechtfertigungslehre in der Reformationsgeschichte von Ranke. In den Lesezirkeln herrschte Röhr. Ein Schiller galt Hunderten mehr als die Bibel. Alles Mystische und Schwärmerische war verpönt. Die Baseler Traktätchen erregten den Zorn. Die Synoden ohne viel Leben brachten wenigstens die angenehmen Synodalessen. Die Bildung der Theologen war eine vorwiegend klassisch-philologische. Die „Berliner“, die Schüler Schleiermachers und Neanders, brachten dann das befremdliche Losungswort: „Das positive Christentum“. Bei den Geistlichen erwachte jetzt ein etwas lebendigeres Bewusstsein von dem eigentümlichen Wesen der Kirche. 1834 wurde die Evangelische Kirchenzeitung von Schinz gegründet und hatte einiges Ansehen bei den treuen Vertretern der streng evangelischen Richtung.
Die Gründung der Hochschulen in Zürich und Bern förderte die theologische neue Bewegung. 1836 wurde die Neue Kirchen-Zeitung für die ref. Schweiz in Zürich ins Leben gerufen. Die Berufung von Strauß an die Hochschule in Zürich rief den Unmut der Volksbewegung am 6. September 1839 hervor. Man hatte das Gefühl, dass der letzte Halt gegen die zunehmende Gottlosigkeit, die Kirche nun auch stürzen sollte. Es gab keine Menschen mehr, sondern nur noch Straußen und Anti Straußen. Es ist doch mancher Rationalist damals ein Orthodoxer geworden. Strauß blieb in Schwaben229. Auch die Kirchenzeitung war gegen ihn aufgetreten. 1844 erschien die Schrift von Pfarrer Biedermann: Die freie Theologie, oder Philosophie und Christentum in Streit und Frieden. Ein Versuch, die freie Theologie, die in den Wegen Hegels ging, als kirchlich berechtigt darzustellen. Weder Symbol noch Bibel sind Normen, denn letztere hat theoretische Vorstellungen und sittliche Verhältnisse, die dem Wechsel unterworfen sind. Auf der Predigergesellschaft in Zürich 1845 erklärte Fries, dass man über das apostolische Symbolum hinaus sei. Die Spekulativen gründeten ein Organ: Die Kirche der Gegenwart, 1845. Im Gegensatze zu ihr erschien gleichzeitig: Die Zukunft der Kirche, von Ebrard, Professor in Zürich. Man stritt sich, ob der absolute Geist das allgemeine schöpferische Wesen des Menschen sei, oder Persönlichkeit im Sinne der Schrift. Das Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Professor Hagenbach, wollte zwischen beiden Streitblättern ein Sprechsaal der Vermittlung sein. Hier führte Alexander Schweizer den Beweis, dass bei den Anschauungen von Biedermann alle spezifisch-religiösen Gefühle unsinnig seien, weil sich nach ihm in der Religion nur das individuelle Ich auf sein allgemeines Wesen beziehen solle. Nach Rechts wandte sich auch einmal das Kirchenblatt gegen den allzu streitbaren Dr. de Valenti, der eine kleine Evangelisten Anstalt mit wohltätigen orthodoxen Bemühungen in der Nähe von Bern errichtet hatte, und dem schon einmal De Wette, der „hochverräterische Flüchtling“, heftig seine Verachtung ausgesprochen hatte230. Die Berufung von Zeller nach Bern wurde mit Streitschriften und Petitionen begleitet. Auch die Anstellung von Biedermann als Professor der Theologie in Zürich gelang. Die Macht der Spekulativen wuchs: sie drohten mit ihrem: wir – wir. Nach und nach wurde der laute Streit unter den Bauleuten stiller, bis 1853 Dekan Locher von Wytikon den Religionsunterricht von Biedermann angriff. Es traten nun die „Zeitstimmen aus der ref. Kirche der Schweiz“ auf den Kampfplatz. Ihr Redakteur wurde der Schwabe Pfarrer Heinrich Lang in Wartau: ein Mann von frischer Sprache und schneidiger Unermüdlichkeit, der, wenn es einmal galt, auch kräftig fluchen konnte und in reicher schriftstellerischer Tätigkeit Großes in herausfordernder Keckheit geleistet hat. Es sollte die Kluft zwischen dem weltlichen Bewusstsein und dem religiös-kirchlichen Leben ausgefüllt werden. Die Leidenschaften glühten im Parteistreit. Mit matten Konzessionen schritt das Kirchenblatt dahin. Riggenbach, Professor in Basel, der frühere Sekundant von seinem Schwager Biedermann, war inzwischen zur Rechten übergegangen und verteidigte gegen diesen den Wunderbegriff. Einen energischen und reichbegabten Verteidiger empfing die konservative Sache durch das Auftreten des Prof. Held in Zürich, den eine Ev. Gesellschaft231 mit positiven Interessen berufen hatte. In geistvoller Weise äußerte sich der später so unglückliche Mann in den „Selbstzeugnissen Jesu“ und den „modernen Evangelisten“. Letztere eine meisterhafte Zeichnung schweizerischer Zustände. Tholuck ließ, durch Held bewogen, an Heinrich Hirzel, „chef actif du parti libéral“, in den Zeitstimmen eine Antwort erscheinen. Der Glaube sei mehr als eine „gläubige Routine“. Hirzel benützte die angebotene Hand, um Tholuck für liberale Agitation auszunützen. Als die Evangelische Gesellschaft in Zürich 1860 Gebetsversammlungen hielt, um die englisch-amerikanische Erweckung in ihrem gemachten Scheinleben auch in der Schweiz einzuführen, warf ihr Hirzel entgegen: Mit Kuriositätensucht sei dem religiösen Leben wenig gedient. Ein neues Ereignis war es, als die Ev. Allianz in Genf zusammentrat und Riggenbach über den Rationalismus in der Schweiz berichtete. Biedermann griff wieder den Wunderbegriff an und ließ aufs Neue die Idee und Vorstellung erscheinen. In Basel siegten um diese Zeit die konservativen Elemente, die sich aber durch das Gebahren des geschmacklosen Missionar Hebich schadeten. Apologetische Vorträge verteidigten den christlichen Glauben. In Bern war an die Stelle Zellers Immer gekommen, gegen den der positive Herr von Wattenwyl des Portes das Recht der Dissidenten in Schutz nahm. Die kirchliche Stellung behauptete in dem Hader der Fakultät der Pfarrer Baggesen. Heinrich Hirzel eilte nun zur Hilfe und die beiden Langhans begannen die bernerisch derbe Offensive. Der Leitfaden für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten von Eduard Langhans († 1891)232, Lehrer am Lehrerseminar in Münchenbuchsee, im Sinne der Tübinger und der Immanenz geschrieben, rief nicht nur eine kleine Literatur hervor, in der auch die Pfarrer König und Güder233 sich äußerten, sondern auch die Erklärung der Kantonssynode von 1866, dass die Autorität der hl. Schrift für Schule und Kirche zur Geltung zu bringen sei. Fr. Langhans und Pfarrer Albert Bitzius, eine gedrungene, derbe Gestalt, gaben nun die „Reformblätter aus der bernerischen Kirche“ heraus. Keine Dogmatik und keine Schrift mehr: so lautete die Losung. 1868 ging das Kirchenblatt ein, um durch den bestimmteren „Kirchenfreund“ von Güder, Heer und Riggenbach, später auch von Orelli redigiert, ersetzt zu werden. In Zürich brachte 1866 Pfarrer Vögelin in Uster das Evangelium und die Teilsage in Harmonie und bewirkte eine Erklärung von 78 Geistlichen gegen sich, der eine Motion des Pfarrer Wolfensberger in Zollikon in der Synode vorangegangen war: das vorhandene Ärgernis abzustellen. Nach persönlichen Angriffen von Schweizer gegen den Antragsteller hatte die Synode die Motion abgelehnt und erkannte damit die kirchliche Berechtigung der Reformer an. Diese erzwangen nach heißem Kampfe eine neue Liturgie mit Festgebeten ohne die Anrufung Christi. Der Ruin der ref. Kirche vollzog sich mehr und mehr. In der Berner gemeinsamen Liturgie wurde neben dem apostolischen noch ein anderes Glaubensbekenntnis aufgestellt. In St. Gallen gewannen in der seit 1862 freigewählten Synode die Reformer die Mehrheit und gründeten das „religiöse Volksblatt“. Die Liturgie von 1874 war hier ein Meisterstück „unglückseliger Zweispurigkeit“. An St. Laurenzen in St. Gallen wirkte der „unvergessliche Reformer“ Karl Eduard Mayer († 1884)234
zu.229 Über diesen Handel haben Lücke, 1839, Boden, 1840, und Gelzer, 1843, geschrieben. Auch Kulliemin, Geschichte der schweiz. Eidgenossenschaft, deutsch von Keller, S. 518-520.
zu.230 Sein Leben in der Zeitschrift „Der treue Eckart“. 1878.
zu.231 Hofmeister, Geschichte der ev. Gesellschaft, 1882.
zu.232 Eduard Langhans, Ein Zeuge der Geistesfreiheit, 1891.
zu.233 Sein Leben von seinem Sohne, 1886. Ein Berner Pfarrer wird uns auch in Franz Lauterburg geschildert (Erinnerungen von Ludwig, 1873).
zu.234 Zum Gedächtnis desselben, St. Gallen, 1884.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
2. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz.(Teil.1)
Man bekannte sich in der deutschen Schweiz fast noch bis in die 30er Jahre zu einer religiösen Anschauung, in der Offenbarung und Vernunft gleichwertig waren. Die Autorität der symbolischen Bücher war gebrochen: man erschrak, wenn jemand sagte, er habe die Confessio Helvetica gelesen. Ein Bluntschli fand zu seiner Verwunderung die unbekannte Rechtfertigungslehre in der Reformationsgeschichte von Ranke. In den Lesezirkeln herrschte Röhr. Ein Schiller galt Hunderten mehr als die Bibel. Alles Mystische und Schwärmerische war verpönt. Die Baseler Traktätchen erregten den Zorn. Die Synoden ohne viel Leben brachten wenigstens die angenehmen Synodalessen. Die Bildung der Theologen war eine vorwiegend klassisch-philologische. Die „Berliner“, die Schüler Schleiermachers und Neanders, brachten dann das befremdliche Losungswort: „Das positive Christentum“. Bei den Geistlichen erwachte jetzt ein etwas lebendigeres Bewusstsein von dem eigentümlichen Wesen der Kirche. 1834 wurde die Evangelische Kirchenzeitung von Schinz gegründet und hatte einiges Ansehen bei den treuen Vertretern der streng evangelischen Richtung.
Die Gründung der Hochschulen in Zürich und Bern förderte die theologische neue Bewegung. 1836 wurde die Neue Kirchen-Zeitung für die ref. Schweiz in Zürich ins Leben gerufen. Die Berufung von Strauß an die Hochschule in Zürich rief den Unmut der Volksbewegung am 6. September 1839 hervor. Man hatte das Gefühl, dass der letzte Halt gegen die zunehmende Gottlosigkeit, die Kirche nun auch stürzen sollte. Es gab keine Menschen mehr, sondern nur noch Straußen und Anti Straußen. Es ist doch mancher Rationalist damals ein Orthodoxer geworden. Strauß blieb in Schwaben229. Auch die Kirchenzeitung war gegen ihn aufgetreten. 1844 erschien die Schrift von Pfarrer Biedermann: Die freie Theologie, oder Philosophie und Christentum in Streit und Frieden. Ein Versuch, die freie Theologie, die in den Wegen Hegels ging, als kirchlich berechtigt darzustellen. Weder Symbol noch Bibel sind Normen, denn letztere hat theoretische Vorstellungen und sittliche Verhältnisse, die dem Wechsel unterworfen sind. Auf der Predigergesellschaft in Zürich 1845 erklärte Fries, dass man über das apostolische Symbolum hinaus sei. Die Spekulativen gründeten ein Organ: Die Kirche der Gegenwart, 1845. Im Gegensatze zu ihr erschien gleichzeitig: Die Zukunft der Kirche, von Ebrard, Professor in Zürich. Man stritt sich, ob der absolute Geist das allgemeine schöpferische Wesen des Menschen sei, oder Persönlichkeit im Sinne der Schrift. Das Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Professor Hagenbach, wollte zwischen beiden Streitblättern ein Sprechsaal der Vermittlung sein. Hier führte Alexander Schweizer den Beweis, dass bei den Anschauungen von Biedermann alle spezifisch-religiösen Gefühle unsinnig seien, weil sich nach ihm in der Religion nur das individuelle Ich auf sein allgemeines Wesen beziehen solle. Nach Rechts wandte sich auch einmal das Kirchenblatt gegen den allzu streitbaren Dr. de Valenti, der eine kleine Evangelisten Anstalt mit wohltätigen orthodoxen Bemühungen in der Nähe von Bern errichtet hatte, und dem schon einmal De Wette, der „hochverräterische Flüchtling“, heftig seine Verachtung ausgesprochen hatte230. Die Berufung von Zeller nach Bern wurde mit Streitschriften und Petitionen begleitet. Auch die Anstellung von Biedermann als Professor der Theologie in Zürich gelang. Die Macht der Spekulativen wuchs: sie drohten mit ihrem: wir – wir. Nach und nach wurde der laute Streit unter den Bauleuten stiller, bis 1853 Dekan Locher von Wytikon den Religionsunterricht von Biedermann angriff. Es traten nun die „Zeitstimmen aus der ref. Kirche der Schweiz“ auf den Kampfplatz. Ihr Redakteur wurde der Schwabe Pfarrer Heinrich Lang in Wartau: ein Mann von frischer Sprache und schneidiger Unermüdlichkeit, der, wenn es einmal galt, auch kräftig fluchen konnte und in reicher schriftstellerischer Tätigkeit Großes in herausfordernder Keckheit geleistet hat. Es sollte die Kluft zwischen dem weltlichen Bewusstsein und dem religiös-kirchlichen Leben ausgefüllt werden. Die Leidenschaften glühten im Parteistreit. Mit matten Konzessionen schritt das Kirchenblatt dahin. Riggenbach, Professor in Basel, der frühere Sekundant von seinem Schwager Biedermann, war inzwischen zur Rechten übergegangen und verteidigte gegen diesen den Wunderbegriff. Einen energischen und reichbegabten Verteidiger empfing die konservative Sache durch das Auftreten des Prof. Held in Zürich, den eine Ev. Gesellschaft231 mit positiven Interessen berufen hatte. In geistvoller Weise äußerte sich der später so unglückliche Mann in den „Selbstzeugnissen Jesu“ und den „modernen Evangelisten“. Letztere eine meisterhafte Zeichnung schweizerischer Zustände. Tholuck ließ, durch Held bewogen, an Heinrich Hirzel, „chef actif du parti libéral“, in den Zeitstimmen eine Antwort erscheinen. Der Glaube sei mehr als eine „gläubige Routine“. Hirzel benützte die angebotene Hand, um Tholuck für liberale Agitation auszunützen. Als die Evangelische Gesellschaft in Zürich 1860 Gebetsversammlungen hielt, um die englisch-amerikanische Erweckung in ihrem gemachten Scheinleben auch in der Schweiz einzuführen, warf ihr Hirzel entgegen: Mit Kuriositätensucht sei dem religiösen Leben wenig gedient. Ein neues Ereignis war es, als die Ev. Allianz in Genf zusammentrat und Riggenbach über den Rationalismus in der Schweiz berichtete. Biedermann griff wieder den Wunderbegriff an und ließ aufs Neue die Idee und Vorstellung erscheinen. In Basel siegten um diese Zeit die konservativen Elemente, die sich aber durch das Gebahren des geschmacklosen Missionar Hebich schadeten. Apologetische Vorträge verteidigten den christlichen Glauben. In Bern war an die Stelle Zellers Immer gekommen, gegen den der positive Herr von Wattenwyl des Portes das Recht der Dissidenten in Schutz nahm. Die kirchliche Stellung behauptete in dem Hader der Fakultät der Pfarrer Baggesen. Heinrich Hirzel eilte nun zur Hilfe und die beiden Langhans begannen die bernerisch derbe Offensive. Der Leitfaden für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten von Eduard Langhans († 1891)232, Lehrer am Lehrerseminar in Münchenbuchsee, im Sinne der Tübinger und der Immanenz geschrieben, rief nicht nur eine kleine Literatur hervor, in der auch die Pfarrer König und Güder233 sich äußerten, sondern auch die Erklärung der Kantonssynode von 1866, dass die Autorität der hl. Schrift für Schule und Kirche zur Geltung zu bringen sei. Fr. Langhans und Pfarrer Albert Bitzius, eine gedrungene, derbe Gestalt, gaben nun die „Reformblätter aus der bernerischen Kirche“ heraus. Keine Dogmatik und keine Schrift mehr: so lautete die Losung. 1868 ging das Kirchenblatt ein, um durch den bestimmteren „Kirchenfreund“ von Güder, Heer und Riggenbach, später auch von Orelli redigiert, ersetzt zu werden. In Zürich brachte 1866 Pfarrer Vögelin in Uster das Evangelium und die Teilsage in Harmonie und bewirkte eine Erklärung von 78 Geistlichen gegen sich, der eine Motion des Pfarrer Wolfensberger in Zollikon in der Synode vorangegangen war: das vorhandene Ärgernis abzustellen. Nach persönlichen Angriffen von Schweizer gegen den Antragsteller hatte die Synode die Motion abgelehnt und erkannte damit die kirchliche Berechtigung der Reformer an. Diese erzwangen nach heißem Kampfe eine neue Liturgie mit Festgebeten ohne die Anrufung Christi. Der Ruin der ref. Kirche vollzog sich mehr und mehr. In der Berner gemeinsamen Liturgie wurde neben dem apostolischen noch ein anderes Glaubensbekenntnis aufgestellt. In St. Gallen gewannen in der seit 1862 freigewählten Synode die Reformer die Mehrheit und gründeten das „religiöse Volksblatt“. Die Liturgie von 1874 war hier ein Meisterstück „unglückseliger Zweispurigkeit“. An St. Laurenzen in St. Gallen wirkte der „unvergessliche Reformer“ Karl Eduard Mayer († 1884)234
zu.229 Über diesen Handel haben Lücke, 1839, Boden, 1840, und Gelzer, 1843, geschrieben. Auch Kulliemin, Geschichte der schweiz. Eidgenossenschaft, deutsch von Keller, S. 518-520.
zu.230 Sein Leben in der Zeitschrift „Der treue Eckart“. 1878.
zu.231 Hofmeister, Geschichte der ev. Gesellschaft, 1882.
zu.232 Eduard Langhans, Ein Zeuge der Geistesfreiheit, 1891.
zu.233 Sein Leben von seinem Sohne, 1886. Ein Berner Pfarrer wird uns auch in Franz Lauterburg geschildert (Erinnerungen von Ludwig, 1873).
zu.234 Zum Gedächtnis desselben, St. Gallen, 1884.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31
A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
2. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz.(Teil.2)
Das Konkordat für gemeinsame Prüfung der Kandidaten, das zuletzt auch von Basel Stadt angenommen wurde und das keine Verpflichtung auf ein Bekenntnis hat, öffnete auch Basel den Bekenntnislosen. Die Ermäßigungen der Verpflichtung auf ein Bekenntnis hatten immer schrittweise zugenommen. Bei dem allgemeinen Zustand ist es wertlos, dem näher nachzugehen. Im Jahre 1871 vereinigten sich die Reformer zum „Schweizerischen Verein für freies Christentum“, als Blatt dient die „Reform“; die Evangelischen gründeten den „Ev. kirchlichen Verein“ mit dem Organ „der Kirchenfreund“, einem vortrefflich redigierten Blatte; die Vermittler schufen die „Schweizerisch kirchliche Gesellschaft“, sie sehen in den religiösen Bewegungen der Gegenwart keine bloße menschliche Willkür; ihr Blatt ist das „Volksblatt für die ref. Schweiz“. Wirklich beachtenswerte und nützliche Blätter in der Schweiz sind: „der christliche Volksbote“ in Basel, das „Appenzeller Sonntagsblatt“, das „Evang. Wochenblatt“ in Zürich, das Organ der sehr tätigen Ev. Gesellschaft, „die Schweizer Zeitung“ in Basel. Der eifrige Dr. Marriot in Basel hat in dem „Wahrer Protestant“ eifrig gegen Rom gestritten. Es fehlt dem Lande nicht an literarischer Regsamkeit auch für die Kirche. In der französischen Schweiz sind beachtenswert: Semaine réligieuse de Genève, seit 1852, Revue de Théologie et de Philosophie in Lausanne, Feuille réligieuse du canton de Vaud und viele andere. 1879 bestanden in der ev. Schweiz 21 deutsche und 13 französische religiöse Zeitschriften. 1880 zählte man 1 667 109 Protestanten und 1 160 782 Katholiken.
Teilt man die Theologen der deutsch-reformierten Schweiz in konservative, vermittelnde und reformerische, so sind auf der ersten Linie der „solide“ Riggenbach der Vater († 1890)235 und der treffliche von Orelli (leider ohne Tapferkeit in mancher kritischen Frage) in Basel Männer von Namen: der erstere mit n. t., der andere mit a. t. Arbeiten beschäftigt; aller Ehren wert ist auch der ausgezeichnete Historiker Pfarrer Staehelin († 1888)236, dessen Leben Calvins eine Perle kirchlicher Literatur ist; Lobsteins tägliche Weckstimmen sind in alle Welt gegangen; in Bern tauchte der begabte Adolf Schlatter auf; der Pfarrer Heer am Zürichersee († 1886) hat mit Recht den Doktortitel bekommen. Von den Vermittlungstheologen ist Immer in Bern mit einer Hermeneutik und Theologie des N. T. hervorgetreten, dann Hagenbach in Basel mit seiner geschmackvollen und glatten Kirchengeschichte und der viel gebrauchten Encyklopädie; über sein Leben haben Stähelin und Eppler, 1875, berichtet; auch der wohlunterrichtete Güder, seit 1878 Honorarprofessor in Bern, wäre hierher zu stellen. Wenn die Positiven ihre Stellung gegen die Reform in einem „Entweder – Oder“ aussprechen, so haben die klugen Vermittlungstheologen alsbald ein „Weder – Noch“. Unter den Reformern sind Alexander Schweizer, Professor in Zürich, und Alois Emanuel Biedermann, sein Kollege, glänzende Namen. Schweizer, ein vorzüglicher Kenner reformierter Dogmengeschichte, wie seine unentbehrlichen „Centraldogmen“ (1854-1856) beweisen, hat in seiner christlichen Glaubenslehre nach protestantischen Grundsätzen (2. Aufl. 1877), an Schleiermacher sich anschließend, den Glauben der gegenwärtigen evangelischen Christenheit dargestellt: ein moralischer Determinismus, der von Schrift und Kirchenlehre wenig behält. Es gibt keine von Gott geschiedene Weltordnung. Nur innerhalb derselben wirkt Gott, doch ist die Naturordnung so eingerichtet, dass sie ein einzelnes seltsames Wunder vielleicht ein einziges Mal durchschlüpfen lassen kann. Die traditionelle dogmatische Christologie ist bei der Person Christi über eine magische, sittlich unerklärbare Auffassung nicht hinausgekommen. Er muss ethisch-historisch verstanden werden. Von seiner Präexistenz, wunderbaren Menschwerdung, Auferstehung und himmlischen Regiment kann man nicht recht reden. Schweizer hat manchen Streit mit Ebrard gehabt und ihm gegenüber geschichtlich die Centrallehre der ref. Kirche behauptet. Alles in ruhiger, kühler Darstellung: man hat mit seinen theologischen Resultaten, mit seinem Leben und mit seiner Hoffnung abgeschlossen: die Auferstehung Christi ist ja nur eine Vision der Apostel. Also nach 1. Korinther 15 ein ganz entleerter Glaube: ein deterministisch-pantheistisches Heidentum. Biedermann hat in seiner christlichen Dogmatik, die neuerdings in zweiter Auflage erschienen ist, das absolute Erkennen nach der Weise von Hegel so zu gewinnen gesucht, dass die Form der Vorstellung, alles bloß Sinnliche, in unserem Erkennen beseitigt und das Göttliche in seiner rein geistigen Wesenhaftigkeit erfasst werde. Indem zwischen dem christlichen Prinzip und seiner historischen Erscheinung streng geschieden wird, wobei in letzterer alles Mythologische, d. h. alles teure Gut des Glaubens weggeschafft wird, kommt man zu einem Gottesbegriff, der philosophisch feststeht. Gott ist weder mit der Welt zu vermischen, noch greift er nur von außen in dieselbe ein. „Biedermanns Dogmatik ist eine wissenschaftliche Leistung, die im großen Stil alles, was bisher von dieser philosophischen Schule angeregt und besprochen worden war, in ein organisches Ganze zusammenfasst.“ Dieses Suchen nach geisterhaften, fleischlosen Ideen, diese Täuschung des kranken menschlichen Gehirns, das, wenn es seine Logik befriedigt hat, meint, irgend etwas gewonnen zu haben, trat auch in der äußeren Erscheinung Biedermanns auf dem Katheder hervor: man sah eine schlichte, dürre Erscheinung. Leere Abstraktionen haben wir hier, die eben so gut alles wie nichts sein können: ein totenhafter Glanz auf den Ruinen einer einst blühenden Kirche. Die Liebhaberei für das reine Denken hat neuerdings auch unter den Reformern abgenommen, die ein wenig einzusehen anfangen, dass sie, nachdem sie die Bibel frivol als Menschenwerk zerrissen, sie jetzt nicht dem gleichgültigen Volke wieder als Postulat der heutigen Bildung anpreisen können. Biedermann hat uns in angenehmer Weise aus dem Leben seines Vaters und auch seine eigenen Jugenderinnerungen mitgeteilt. Sein Gedächtnis hat Kradolfer mit Biographie, Vorträgen und Aufsätzen 1885 gefeiert; neuerdings auch Pfleiderer in den preußischen Jahrbüchern. Bei seinem Sterben (1885) hat man ihm Worte der Schrift in den Mund gelegt, denen er ferne stand. Schweizer hat nachher durch einen Vortrag im Züricher Rathaus die Ehre Biedermanns gerettet. Heinrich Lang, der große Spötter, starb plötzlich, kerngesund an Leib und Seele, als Pfarrer an St. Peter in Zürich 1876. Er war 50 Jahre alt237. Bezeichnend für den Geist seines Lebens und seiner Schriften ist ein Wort, das er zu Basel sprach: Was kann ich dafür, wenn Jesus geschwärmt hat? Auch Hirzel und Fries, die beiden anderen einflussreichen Führer der Reformer, waren früh durch den Tod dahingerafft worden. In Basel wirkte als Führer der Reformer der unerschrockene Kandidat Franz Hörler († 1887), der weder an Gott noch an Unsterblichkeit glaubte. Schweizer und Biedermann sind von Volkmar mit wahnwitziger Kritik begleitet worden: alle drei eine der wichtigsten Ursachen der gänzlichen Verödung der Züricher Kirche. Vergeblich, nachdem sie die Lawine auf den Bergen losgelassen hatten, klagten sie in der „Zukunft der Kirche“ über die Verwüstungen des Tales. Als man Schweizers, „des Altmeisters der liberalen Theologie“, fünfzigjähriges Jubiläum beging, konnte der berühmte Gelehrte die vielen Ehrenschreiben kaum in der Hand halten. Niemand aber klagte über das große Grab, das er mit gegraben hatte. Schweizer † 1888. Finsler ließ den im Großen und Kleinen getreuen Knecht zur Freude seines Herrn eingehen: Lipsius ernannte ihn bei der Gedächtnisfeier zum Propheten238. In der Gegenwart hat jede Meinung ihr Recht. Das Volk mit seinem schmachvollen Recht der Erneuerungswahl und Abberufung der Pfarrer hat dabei kein Unterscheidungsvermögen und kann den weinerlichen Reformer für einen Pietisten erklären. Die Getreuen bleiben in dem großen Trümmerhaufen, so lange sie noch die Freiheit des Wortes haben. Wenn die große Kirche nur noch ein Steingeröll ist, dann kann neben ihm hie und da ein Alpenveilchen blühen. Darum kehrt man gern in dem wiesengrünen Heinrichsbad bei Pfarrer Wengern ein, oder lässt sich von der Tätigkeit des edlen Baptisten Stephan Schlatter in St.Gallen erzählen, oder liest mit wahrer Erbauung das Leben von Pfarrer Ludwig in Davos, von seinem Sohne 1885 beschrieben, und das von Joh. Heinr. Schiess, Pfarrer in Grabs, von Schläpfer dargestellt, 1886. Öttli erzählt von dem Oberst Otto von Büren. Reben am Weinstock, 5. Bdchen. In Blumenstein im Kanton Bern wirkte der kernige wackere Friedrich Bula, ein alter Reformierter unter den Modernen. Von ihm ein originelles Buch über die Genugtuung Jesu. Als eine wunderliche Erscheinung vereinigt immer noch mit stets abnehmender Beteiligung die „Schweizerische Predigergesellschaft“ (seit 1838 bestehend und das Land mit einzelnen Sektionen umfassend) die verschiedensten Elemente: man genießt die Gastfreundschaft der Kantone, stellt Glauben und Unglauben nebeneinander und begeistert sich mit fadem Patriotismus und erlogenen Friedensphrasen. Kehren aber die Reisenden aus den schönen Bergen heimwärts, so bringen ihre Mitteilungen aus gehörten Predigten die ref. Kirche in allen Landen in Verruf. Sehr wohltätig wirkt der protestantische kirchliche Hilfsverein, der die positiven Elemente sammelt. Einnahme aller Hilfsvereine 1890 159 000 Fr. an 63 in- und 107 ausländische ev. Diasporagemeinden verteilt. Neben ihm der Ev. kirchliche Verein. Auf dem sumpfigen Boden einer verfallenen Kirche gedeiht immer allerlei Schlinggewächs. In Männedorf gründete Jungfer Trudel eine Heilstätte für Kranke durch die Zaubereien des Gebetes. Man trug Lahme und Krüppel in ihre Versammlungen. Aus der einfachen und würdigen apostolischen Handauflegung war die häufig medizinartig wiederholte magnetische Handberührung geworden. Als ihr auf ihr Fragen ein Besuch erklärte, dass Jesus allerdings nicht im hohen priesterlichen Gebet für die Welt gebeten habe, meinte sie: da habe sie mehr Liebe als er. Es war die fleischliche Wärme einer mystischen, weltumfassenden Liebe, wie sie häufig in der Geschichte der Kirche auftritt. Jetzt führt der Schwabe Zeller die Sache weiter239. Je mehr eine Kirche sinkt, um so mehr beginnt die Frömmigkeit der Winkel. In der neuesten Zeit mehrten sich nur die großen Ärgernisse. Die Thurgauische Kirchensynode, die 1874 den kirchlichen Gebrauch des Apostolikums verboten hatte und damit einen treuen Mann aus dem Kanton drängte, lehnte 1882 den Antrag ab, ihre Sitzungen mit Gebet zu eröffnen: der Geist des Gebetes war ja auch längst geschwunden. In Aargau ließ 1885 der Pastoralverein beim gemeinsamen Mittagessen auch das übliche Tischgebet durch eine Veränderung der Statuten fallen. In Graubünden beschloss die Synode nur mit einer Stimme Mehrheit: dass die Taufe Vorbedingung der Konfirmation sei. Würdig gegen solche Anschauung äußerte sich der Berner Synodalrat: um zweifelhafter Kirchenglieder die h. Taufe preisgeben, wäre ein viel zu hoher Preis. Die St. Galler Synode stellte die Taufe frei, doch müsse man den hohen religiösen Wert derselben betonen. Baselland bestimmte: Ungetaufte empfangen die Taufe entweder vor oder nach der Konfirmation. Appenzell gibt die Taufe frei etc. In Basel hatten die wohltätigen Bemühungen von C. F. Spittler und seinen Freunden immer weitere Anstalten, namentlich das große Missionshaus und die Chrischona240 geschaffen; die „Basler Sammlungen“, die Monatsblätter aus Beuggen, das Morgenland von Preiswerk, das Basler Missionsmagazin etc. wurden überall gelesen; ein Ratsherr Adolf Christ 241, ein Carl Sarrasin († 1886) waren hervorragend tätig; ein Glanz strahlender Frömmigkeit lag auf der Stadt, aber dennoch gewannen die Reformer mehr und mehr Boden. 1874 hob der große Rat die Verpflichtung auf das Apostolikum bei der Taufe auf, auch die Baseler Konfession sank für die Pfarrer. Man berief zwei freisinnige Professoren und führte eine vollständige Freigebung der Liturgie nach wüstem Streit herbei: man hatte eine sichere, vornehme Stadt überfallen und in bittere Not, die auch die Abendmahlsgemeinschaft aufsagte, geworfen und bald entstand bei der Synode die Frage, ob ein Ungetaufter vor oder anstatt der Konfirmation nachträglich getauft werden müsse oder nicht? Nur der Stichentscheid des Präsidenten rettete den Taufbefehl Christi. Die radikale Regierung ließ nun Ersatzwahlen vornehmen und in der anders gearteten Synode setzte es die Reformpartei durch, dass der Kirchenrat zu veranlassen wäre, den Antrag zu erwägen, dass die Taufe nicht mehr als Vorbedingung zur Konfirmation gesetzlich gelten dürfe. Die Behörde fand einen jammervollen Vermittlungsvorschlag. Jetzt ist die ganze theol. Fakultät in Basel liberal. In Bern lehrt R. Steck eine wahnsinnige Kritik: die Höhe der allgemeinen Verwesung. Wo kein Bekenntnis ist, da sind auch keine Sakramente mehr haltbar und der letzte Grund der Kirche stürzt. In Zürich hat in der Geistlichkeitssynode Professor Biedermann, indem er die Frucht seiner Aussaat sah, das Recht der Taufe verteidigt, während nachher die politische Behörde dasselbe bestritt, aber auch den ganzen ihr vorgelegten Entwurf zu Falle brachte. So hat denn die Kirche Zwinglis die Taufe noch behalten. In Bern war gegen die Reformer die Taufe als notwendige Voraussetzung der Zulassung zum Abendmahl von der Synode behauptet worden, aber das Placet der Regierung wollte nur von einer moralischen Autorität der Taufe etwas wissen. 1885 sah ich das noch verhüllte Denkmal Zwinglis in Zürich vor der bücherreichen Wasserkirche: nur roh und unförmig blickten die Züge des Reformators hindurch. Man hätte ihn in dem groben Sacktuch lassen sollen, statt ihn mit Motetten und einem Seenachtfest zu enthüllen: es kommt ja nur Zorn von seinen Lippen, wenn auch der Unglaube sein Jubiläum mit Schriften feiert. Das alberne Schwert in der Hand Zwinglis soll wohl sagen, dass er auch nur ein liberaler Raufbold gewesen ist. „Mit leisem Humor“, wie er selbst sagt, „hat uns der Vermittlungstheologe Finsler beschrieben, wie allmählich aus der Schöpfung der Reformation eine Behausung aller unreinen Geister geworden ist.“ Neuerdings hat man auch Heinrich Lang, „dem kleinen Mann mit dem gewaltigen Haupt und der edlen Denkerstirn“, auf seinem Grabe ein Denkmal gesetzt. Die Phrase der Redner pflanzte neben demselben das freie wie fromme Christentum auf. Der Ruin der Züricher Kirche ist schon Denkmal genug für ihn. 1885 wurden im Kanton Zürich 1404 Kinder nicht getauft. Das neue Gesangbuch enthält eine Reihe der herrlichsten Kernlieder: eine rechte Wohltat. Die zürcherische Geistlichkeitssynode erklärte 1889 die Taufe als notwendige Vorbedingung der Konfirmation, doch wollte sie nach keiner Seite einen Gewissenszwang ausüben. Der Kantonsrat unter der Führung eines Mannes, der für das Nirwana schwärmt, antwortete mit einem Faustschlag: man wolle wissen, ob es einem Geistlichen freistehe, einen Nichtgetauften von der Konfirmation zurückzuweisen. Die Synode erwiderte 1891 in Staatsservilismus: sie habe von dem Beschlusse des Kantonsrates Vormerk genommen und wolle zur Zeit auf diese Angelegenheit nicht weiter eintreten. An den tätigen Laien Gustav von Schulthess-Rechberg sei hier auch erinnert († 1891). In Zollikon wirkte Rudolf Wolfensberger, ein Schüler Kohlbrügges († 1883). Die kath. Pfarrei in der Stadt Zürich ist zu zu. 22 000 Seelen gewachsen mit 9 Geistlichen.
zu.235 Über ihn der Kirchenfreund, 1893.
zu.236 Von ihm ein Lebensabriss in den Predigten: Christus und sein Licht, 1888.
zu.237 Über ihn Biedermann, 1876. (Zur Geschichte der Universität: v. Wyss, Die Hochschule Zürich in den Jahren 1833-1883.) Über ihn auch sein Vetter Wilhelm Lang in: Von und aus Schwaben. 4. Heft. 1887.
zu238 Von ihm selbst entworfen: Biographische Aufzeichnungen, 1889.
zu.239 Aus dem Leben und Heimgang der Jungfrau Dorothea Trudel von Männedorf, 1855. Zwölf Hausandachten von ihr, von Samuel Zeller 1863 herausgegeben.
zu.240 Bei ihrem 50jährigen Jubiläum eine Gedächtnissschrift, 1890.
zu.241 Über ihn Eppler, 1887.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
2. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz.(Teil.2)
Das Konkordat für gemeinsame Prüfung der Kandidaten, das zuletzt auch von Basel Stadt angenommen wurde und das keine Verpflichtung auf ein Bekenntnis hat, öffnete auch Basel den Bekenntnislosen. Die Ermäßigungen der Verpflichtung auf ein Bekenntnis hatten immer schrittweise zugenommen. Bei dem allgemeinen Zustand ist es wertlos, dem näher nachzugehen. Im Jahre 1871 vereinigten sich die Reformer zum „Schweizerischen Verein für freies Christentum“, als Blatt dient die „Reform“; die Evangelischen gründeten den „Ev. kirchlichen Verein“ mit dem Organ „der Kirchenfreund“, einem vortrefflich redigierten Blatte; die Vermittler schufen die „Schweizerisch kirchliche Gesellschaft“, sie sehen in den religiösen Bewegungen der Gegenwart keine bloße menschliche Willkür; ihr Blatt ist das „Volksblatt für die ref. Schweiz“. Wirklich beachtenswerte und nützliche Blätter in der Schweiz sind: „der christliche Volksbote“ in Basel, das „Appenzeller Sonntagsblatt“, das „Evang. Wochenblatt“ in Zürich, das Organ der sehr tätigen Ev. Gesellschaft, „die Schweizer Zeitung“ in Basel. Der eifrige Dr. Marriot in Basel hat in dem „Wahrer Protestant“ eifrig gegen Rom gestritten. Es fehlt dem Lande nicht an literarischer Regsamkeit auch für die Kirche. In der französischen Schweiz sind beachtenswert: Semaine réligieuse de Genève, seit 1852, Revue de Théologie et de Philosophie in Lausanne, Feuille réligieuse du canton de Vaud und viele andere. 1879 bestanden in der ev. Schweiz 21 deutsche und 13 französische religiöse Zeitschriften. 1880 zählte man 1 667 109 Protestanten und 1 160 782 Katholiken.
Teilt man die Theologen der deutsch-reformierten Schweiz in konservative, vermittelnde und reformerische, so sind auf der ersten Linie der „solide“ Riggenbach der Vater († 1890)235 und der treffliche von Orelli (leider ohne Tapferkeit in mancher kritischen Frage) in Basel Männer von Namen: der erstere mit n. t., der andere mit a. t. Arbeiten beschäftigt; aller Ehren wert ist auch der ausgezeichnete Historiker Pfarrer Staehelin († 1888)236, dessen Leben Calvins eine Perle kirchlicher Literatur ist; Lobsteins tägliche Weckstimmen sind in alle Welt gegangen; in Bern tauchte der begabte Adolf Schlatter auf; der Pfarrer Heer am Zürichersee († 1886) hat mit Recht den Doktortitel bekommen. Von den Vermittlungstheologen ist Immer in Bern mit einer Hermeneutik und Theologie des N. T. hervorgetreten, dann Hagenbach in Basel mit seiner geschmackvollen und glatten Kirchengeschichte und der viel gebrauchten Encyklopädie; über sein Leben haben Stähelin und Eppler, 1875, berichtet; auch der wohlunterrichtete Güder, seit 1878 Honorarprofessor in Bern, wäre hierher zu stellen. Wenn die Positiven ihre Stellung gegen die Reform in einem „Entweder – Oder“ aussprechen, so haben die klugen Vermittlungstheologen alsbald ein „Weder – Noch“. Unter den Reformern sind Alexander Schweizer, Professor in Zürich, und Alois Emanuel Biedermann, sein Kollege, glänzende Namen. Schweizer, ein vorzüglicher Kenner reformierter Dogmengeschichte, wie seine unentbehrlichen „Centraldogmen“ (1854-1856) beweisen, hat in seiner christlichen Glaubenslehre nach protestantischen Grundsätzen (2. Aufl. 1877), an Schleiermacher sich anschließend, den Glauben der gegenwärtigen evangelischen Christenheit dargestellt: ein moralischer Determinismus, der von Schrift und Kirchenlehre wenig behält. Es gibt keine von Gott geschiedene Weltordnung. Nur innerhalb derselben wirkt Gott, doch ist die Naturordnung so eingerichtet, dass sie ein einzelnes seltsames Wunder vielleicht ein einziges Mal durchschlüpfen lassen kann. Die traditionelle dogmatische Christologie ist bei der Person Christi über eine magische, sittlich unerklärbare Auffassung nicht hinausgekommen. Er muss ethisch-historisch verstanden werden. Von seiner Präexistenz, wunderbaren Menschwerdung, Auferstehung und himmlischen Regiment kann man nicht recht reden. Schweizer hat manchen Streit mit Ebrard gehabt und ihm gegenüber geschichtlich die Centrallehre der ref. Kirche behauptet. Alles in ruhiger, kühler Darstellung: man hat mit seinen theologischen Resultaten, mit seinem Leben und mit seiner Hoffnung abgeschlossen: die Auferstehung Christi ist ja nur eine Vision der Apostel. Also nach 1. Korinther 15 ein ganz entleerter Glaube: ein deterministisch-pantheistisches Heidentum. Biedermann hat in seiner christlichen Dogmatik, die neuerdings in zweiter Auflage erschienen ist, das absolute Erkennen nach der Weise von Hegel so zu gewinnen gesucht, dass die Form der Vorstellung, alles bloß Sinnliche, in unserem Erkennen beseitigt und das Göttliche in seiner rein geistigen Wesenhaftigkeit erfasst werde. Indem zwischen dem christlichen Prinzip und seiner historischen Erscheinung streng geschieden wird, wobei in letzterer alles Mythologische, d. h. alles teure Gut des Glaubens weggeschafft wird, kommt man zu einem Gottesbegriff, der philosophisch feststeht. Gott ist weder mit der Welt zu vermischen, noch greift er nur von außen in dieselbe ein. „Biedermanns Dogmatik ist eine wissenschaftliche Leistung, die im großen Stil alles, was bisher von dieser philosophischen Schule angeregt und besprochen worden war, in ein organisches Ganze zusammenfasst.“ Dieses Suchen nach geisterhaften, fleischlosen Ideen, diese Täuschung des kranken menschlichen Gehirns, das, wenn es seine Logik befriedigt hat, meint, irgend etwas gewonnen zu haben, trat auch in der äußeren Erscheinung Biedermanns auf dem Katheder hervor: man sah eine schlichte, dürre Erscheinung. Leere Abstraktionen haben wir hier, die eben so gut alles wie nichts sein können: ein totenhafter Glanz auf den Ruinen einer einst blühenden Kirche. Die Liebhaberei für das reine Denken hat neuerdings auch unter den Reformern abgenommen, die ein wenig einzusehen anfangen, dass sie, nachdem sie die Bibel frivol als Menschenwerk zerrissen, sie jetzt nicht dem gleichgültigen Volke wieder als Postulat der heutigen Bildung anpreisen können. Biedermann hat uns in angenehmer Weise aus dem Leben seines Vaters und auch seine eigenen Jugenderinnerungen mitgeteilt. Sein Gedächtnis hat Kradolfer mit Biographie, Vorträgen und Aufsätzen 1885 gefeiert; neuerdings auch Pfleiderer in den preußischen Jahrbüchern. Bei seinem Sterben (1885) hat man ihm Worte der Schrift in den Mund gelegt, denen er ferne stand. Schweizer hat nachher durch einen Vortrag im Züricher Rathaus die Ehre Biedermanns gerettet. Heinrich Lang, der große Spötter, starb plötzlich, kerngesund an Leib und Seele, als Pfarrer an St. Peter in Zürich 1876. Er war 50 Jahre alt237. Bezeichnend für den Geist seines Lebens und seiner Schriften ist ein Wort, das er zu Basel sprach: Was kann ich dafür, wenn Jesus geschwärmt hat? Auch Hirzel und Fries, die beiden anderen einflussreichen Führer der Reformer, waren früh durch den Tod dahingerafft worden. In Basel wirkte als Führer der Reformer der unerschrockene Kandidat Franz Hörler († 1887), der weder an Gott noch an Unsterblichkeit glaubte. Schweizer und Biedermann sind von Volkmar mit wahnwitziger Kritik begleitet worden: alle drei eine der wichtigsten Ursachen der gänzlichen Verödung der Züricher Kirche. Vergeblich, nachdem sie die Lawine auf den Bergen losgelassen hatten, klagten sie in der „Zukunft der Kirche“ über die Verwüstungen des Tales. Als man Schweizers, „des Altmeisters der liberalen Theologie“, fünfzigjähriges Jubiläum beging, konnte der berühmte Gelehrte die vielen Ehrenschreiben kaum in der Hand halten. Niemand aber klagte über das große Grab, das er mit gegraben hatte. Schweizer † 1888. Finsler ließ den im Großen und Kleinen getreuen Knecht zur Freude seines Herrn eingehen: Lipsius ernannte ihn bei der Gedächtnisfeier zum Propheten238. In der Gegenwart hat jede Meinung ihr Recht. Das Volk mit seinem schmachvollen Recht der Erneuerungswahl und Abberufung der Pfarrer hat dabei kein Unterscheidungsvermögen und kann den weinerlichen Reformer für einen Pietisten erklären. Die Getreuen bleiben in dem großen Trümmerhaufen, so lange sie noch die Freiheit des Wortes haben. Wenn die große Kirche nur noch ein Steingeröll ist, dann kann neben ihm hie und da ein Alpenveilchen blühen. Darum kehrt man gern in dem wiesengrünen Heinrichsbad bei Pfarrer Wengern ein, oder lässt sich von der Tätigkeit des edlen Baptisten Stephan Schlatter in St.Gallen erzählen, oder liest mit wahrer Erbauung das Leben von Pfarrer Ludwig in Davos, von seinem Sohne 1885 beschrieben, und das von Joh. Heinr. Schiess, Pfarrer in Grabs, von Schläpfer dargestellt, 1886. Öttli erzählt von dem Oberst Otto von Büren. Reben am Weinstock, 5. Bdchen. In Blumenstein im Kanton Bern wirkte der kernige wackere Friedrich Bula, ein alter Reformierter unter den Modernen. Von ihm ein originelles Buch über die Genugtuung Jesu. Als eine wunderliche Erscheinung vereinigt immer noch mit stets abnehmender Beteiligung die „Schweizerische Predigergesellschaft“ (seit 1838 bestehend und das Land mit einzelnen Sektionen umfassend) die verschiedensten Elemente: man genießt die Gastfreundschaft der Kantone, stellt Glauben und Unglauben nebeneinander und begeistert sich mit fadem Patriotismus und erlogenen Friedensphrasen. Kehren aber die Reisenden aus den schönen Bergen heimwärts, so bringen ihre Mitteilungen aus gehörten Predigten die ref. Kirche in allen Landen in Verruf. Sehr wohltätig wirkt der protestantische kirchliche Hilfsverein, der die positiven Elemente sammelt. Einnahme aller Hilfsvereine 1890 159 000 Fr. an 63 in- und 107 ausländische ev. Diasporagemeinden verteilt. Neben ihm der Ev. kirchliche Verein. Auf dem sumpfigen Boden einer verfallenen Kirche gedeiht immer allerlei Schlinggewächs. In Männedorf gründete Jungfer Trudel eine Heilstätte für Kranke durch die Zaubereien des Gebetes. Man trug Lahme und Krüppel in ihre Versammlungen. Aus der einfachen und würdigen apostolischen Handauflegung war die häufig medizinartig wiederholte magnetische Handberührung geworden. Als ihr auf ihr Fragen ein Besuch erklärte, dass Jesus allerdings nicht im hohen priesterlichen Gebet für die Welt gebeten habe, meinte sie: da habe sie mehr Liebe als er. Es war die fleischliche Wärme einer mystischen, weltumfassenden Liebe, wie sie häufig in der Geschichte der Kirche auftritt. Jetzt führt der Schwabe Zeller die Sache weiter239. Je mehr eine Kirche sinkt, um so mehr beginnt die Frömmigkeit der Winkel. In der neuesten Zeit mehrten sich nur die großen Ärgernisse. Die Thurgauische Kirchensynode, die 1874 den kirchlichen Gebrauch des Apostolikums verboten hatte und damit einen treuen Mann aus dem Kanton drängte, lehnte 1882 den Antrag ab, ihre Sitzungen mit Gebet zu eröffnen: der Geist des Gebetes war ja auch längst geschwunden. In Aargau ließ 1885 der Pastoralverein beim gemeinsamen Mittagessen auch das übliche Tischgebet durch eine Veränderung der Statuten fallen. In Graubünden beschloss die Synode nur mit einer Stimme Mehrheit: dass die Taufe Vorbedingung der Konfirmation sei. Würdig gegen solche Anschauung äußerte sich der Berner Synodalrat: um zweifelhafter Kirchenglieder die h. Taufe preisgeben, wäre ein viel zu hoher Preis. Die St. Galler Synode stellte die Taufe frei, doch müsse man den hohen religiösen Wert derselben betonen. Baselland bestimmte: Ungetaufte empfangen die Taufe entweder vor oder nach der Konfirmation. Appenzell gibt die Taufe frei etc. In Basel hatten die wohltätigen Bemühungen von C. F. Spittler und seinen Freunden immer weitere Anstalten, namentlich das große Missionshaus und die Chrischona240 geschaffen; die „Basler Sammlungen“, die Monatsblätter aus Beuggen, das Morgenland von Preiswerk, das Basler Missionsmagazin etc. wurden überall gelesen; ein Ratsherr Adolf Christ 241, ein Carl Sarrasin († 1886) waren hervorragend tätig; ein Glanz strahlender Frömmigkeit lag auf der Stadt, aber dennoch gewannen die Reformer mehr und mehr Boden. 1874 hob der große Rat die Verpflichtung auf das Apostolikum bei der Taufe auf, auch die Baseler Konfession sank für die Pfarrer. Man berief zwei freisinnige Professoren und führte eine vollständige Freigebung der Liturgie nach wüstem Streit herbei: man hatte eine sichere, vornehme Stadt überfallen und in bittere Not, die auch die Abendmahlsgemeinschaft aufsagte, geworfen und bald entstand bei der Synode die Frage, ob ein Ungetaufter vor oder anstatt der Konfirmation nachträglich getauft werden müsse oder nicht? Nur der Stichentscheid des Präsidenten rettete den Taufbefehl Christi. Die radikale Regierung ließ nun Ersatzwahlen vornehmen und in der anders gearteten Synode setzte es die Reformpartei durch, dass der Kirchenrat zu veranlassen wäre, den Antrag zu erwägen, dass die Taufe nicht mehr als Vorbedingung zur Konfirmation gesetzlich gelten dürfe. Die Behörde fand einen jammervollen Vermittlungsvorschlag. Jetzt ist die ganze theol. Fakultät in Basel liberal. In Bern lehrt R. Steck eine wahnsinnige Kritik: die Höhe der allgemeinen Verwesung. Wo kein Bekenntnis ist, da sind auch keine Sakramente mehr haltbar und der letzte Grund der Kirche stürzt. In Zürich hat in der Geistlichkeitssynode Professor Biedermann, indem er die Frucht seiner Aussaat sah, das Recht der Taufe verteidigt, während nachher die politische Behörde dasselbe bestritt, aber auch den ganzen ihr vorgelegten Entwurf zu Falle brachte. So hat denn die Kirche Zwinglis die Taufe noch behalten. In Bern war gegen die Reformer die Taufe als notwendige Voraussetzung der Zulassung zum Abendmahl von der Synode behauptet worden, aber das Placet der Regierung wollte nur von einer moralischen Autorität der Taufe etwas wissen. 1885 sah ich das noch verhüllte Denkmal Zwinglis in Zürich vor der bücherreichen Wasserkirche: nur roh und unförmig blickten die Züge des Reformators hindurch. Man hätte ihn in dem groben Sacktuch lassen sollen, statt ihn mit Motetten und einem Seenachtfest zu enthüllen: es kommt ja nur Zorn von seinen Lippen, wenn auch der Unglaube sein Jubiläum mit Schriften feiert. Das alberne Schwert in der Hand Zwinglis soll wohl sagen, dass er auch nur ein liberaler Raufbold gewesen ist. „Mit leisem Humor“, wie er selbst sagt, „hat uns der Vermittlungstheologe Finsler beschrieben, wie allmählich aus der Schöpfung der Reformation eine Behausung aller unreinen Geister geworden ist.“ Neuerdings hat man auch Heinrich Lang, „dem kleinen Mann mit dem gewaltigen Haupt und der edlen Denkerstirn“, auf seinem Grabe ein Denkmal gesetzt. Die Phrase der Redner pflanzte neben demselben das freie wie fromme Christentum auf. Der Ruin der Züricher Kirche ist schon Denkmal genug für ihn. 1885 wurden im Kanton Zürich 1404 Kinder nicht getauft. Das neue Gesangbuch enthält eine Reihe der herrlichsten Kernlieder: eine rechte Wohltat. Die zürcherische Geistlichkeitssynode erklärte 1889 die Taufe als notwendige Vorbedingung der Konfirmation, doch wollte sie nach keiner Seite einen Gewissenszwang ausüben. Der Kantonsrat unter der Führung eines Mannes, der für das Nirwana schwärmt, antwortete mit einem Faustschlag: man wolle wissen, ob es einem Geistlichen freistehe, einen Nichtgetauften von der Konfirmation zurückzuweisen. Die Synode erwiderte 1891 in Staatsservilismus: sie habe von dem Beschlusse des Kantonsrates Vormerk genommen und wolle zur Zeit auf diese Angelegenheit nicht weiter eintreten. An den tätigen Laien Gustav von Schulthess-Rechberg sei hier auch erinnert († 1891). In Zollikon wirkte Rudolf Wolfensberger, ein Schüler Kohlbrügges († 1883). Die kath. Pfarrei in der Stadt Zürich ist zu zu. 22 000 Seelen gewachsen mit 9 Geistlichen.
zu.235 Über ihn der Kirchenfreund, 1893.
zu.236 Von ihm ein Lebensabriss in den Predigten: Christus und sein Licht, 1888.
zu.237 Über ihn Biedermann, 1876. (Zur Geschichte der Universität: v. Wyss, Die Hochschule Zürich in den Jahren 1833-1883.) Über ihn auch sein Vetter Wilhelm Lang in: Von und aus Schwaben. 4. Heft. 1887.
zu238 Von ihm selbst entworfen: Biographische Aufzeichnungen, 1889.
zu.239 Aus dem Leben und Heimgang der Jungfrau Dorothea Trudel von Männedorf, 1855. Zwölf Hausandachten von ihr, von Samuel Zeller 1863 herausgegeben.
zu.240 Bei ihrem 50jährigen Jubiläum eine Gedächtnissschrift, 1890.
zu.241 Über ihn Eppler, 1887.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31
A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"
Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
3. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der französisch-reformierten Schweiz.(Teil.1.)
Unser Jahrhundert ist ein Jahrhundert des großen Abfalls von Gott und seinem Worte: das beweist namentlich auch die Stadt, die einmal am sicheren Freiheitswinkel des herrlichen Sees im Süden der Schweiz als eine Burg der Wahrheit thronte, die ganze Welt mit ihren gewaltigen Gedanken beherrschend. Der sterbende Calvin ermahnte die Räte der Stadt, in Furcht und Zittern ihren Weg zu gehen: nur bis ans Ende des siebzehnten Jahrhunderts und auch in die Anfänge des achtzehnten hinein hat sein Feuergeist nachgewirkt. Man hält die Zeit eines Josua, in der in Israel das Gesetz Moses waltete, für eine geschichtliche Fälschung; das alte Genf hat doch als eine geschichtliche Wirklichkeit dagestanden. Welches aber ist die Gegenwart? Ultramontanismus und Radikalismus reichen sich in der Stadt des großen Theologen die Hand; neben der Nationalkirche bestehen die römische Kirche, eine englische, eine griechische Kapelle, eine deutsch-lutherische, eine deutsch-reformierte Gemeine, eine ansehnliche freie Kirche, die Gemeine von César Malan, Darbysten, Herrnhuter, Methodisten, Baptisten, vorübergehend Irvingianer, endlich Mormonen und Geisterklopfer dann politisch Nihilisten, Sozialisten: ein Nest des Auswurfes und der Brandstifter aller Länder. Dabei die Spöttereien eines Karl Vogt; in der Zuchtlosigkeit der Prostitution ist Genf ein klein Paris, mit vorteilhafter Verehrung eines reichen verlaufenen Herzogs und mit einer grollenden Aristokratie, die sich auf ihre schönen Sitze zurückgezogen hat und den Wissenschaften lebt. Ein räsonierendes, vielseitiges, flüssiges Geschlecht, ebenso zerfahren, wie das heilige Altertum streng, nüchtern, hart und einförmig war: im kleinsten Punkte eine ungeheure Kraft des Heiles vereinend, während jetzt nur zerstörende Raketen aus dem Pulverfass aller Welt aufsteigen. Als sich am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Kirche Genfs von der Strenge der alten kirchlichen Formen losriss und sich den Einflüssen der Apostel des Unglaubens hingab, war es namentlich auch das giftige Gespei des „hämischen Affen, der in einen eisernen Käfig gehört“, des dämonischen Voltaire, der sich in die Nachbarschaft Genfs mit seinen Frivolitäten festsetzte. Er erlebte es noch, dass 1766 ein Theater in Genf eröffnet wurde. Die Bußzucht des Konsistoriums war eine Lächerlichkeit geworden. Genf wird liberal und gleichgültig. Die alten väterlichen Lehren erscheinen als Torheiten. Am Anfang dieses Jahrhunderts kommt zuerst Frau von Krüdener mit neuen Gedanken nach Genf und wird durch den Kandidaten Empeytaz unterstützt, der 1816 eine Schrift gegen die Verächter der Gottheit veröffentlichte. Wichtiger und heilsamer ist die Wirksamkeit des schottischen Calvinisten Robert Haldane. Er hielt erstaunt den unwissenden Studenten biblische Lektionen. Er war damals 50 Jahre alt und erschien als ein würdiger, steiffeierlicher Engländer mit Puder und Zopf. Ein Gegner der Verbindung von Staat und Kirche, suchte er die Ordnung und die Predigt der ersten apostolischen Gemeinen. Mit Beredsamkeit ohne Polemik und Agitation vertrat er seine Sache. Talentvolle Studenten schlossen sich ihm an. Die „Vénérable compagnie des pasteurs“, in Rationalismus versunken, meinte nun etwas gegen ihn tun zu müssen. Denn das Evangelium wurde wieder in Genf gepredigt. Es mehrten sich die Stimmen der Zeugen. Gaussen, Merle d’Aubigné, Malan, Fréd. Monod, Felix Neff242 und Andere gehörten zu den Freunden des Schotten. Als César Malan, aus einer Réfugiér-Familie, die biblischen Grundlehren auf die Kanzel brachte, machte man ihm den Vorwurf, dass er Narrheiten verkünde. Malan hatte eine Bekehrung erlebt, wie sie öfter damals vorkam: beim Lesen der Schrift leuchteten ihm wunderbar die Buchstaben derselben: er wurde ohne Zweifel und Kämpfe zu Jesu geführt, wie eine Mutter ihr Kind durch einen Kuss weckt. Am 3. Mai 1817 erschien das Reglement der Compagnie, nach welchem alle Kandidaten und Prediger die Grundwahrheiten der Schrift nicht zu verkünden sich verpflichten sollten. Sie bahnte dadurch selbst die Separation an. Ein boshafter Witz nannte die Gläubigen Momiers (Gaukler)243. Malan, auch seiner Stelle als Gymnasialprofessor entsetzt, sammelt eine eigene Gemeine und sieht sich 1830 gezwungen, ganz aus der bestehenden Kirche auszuscheiden, obwohl ihn dabei ein Drittel seiner Gemeineglieder verlässt. Er ist nachher ein unermüdlicher Reisender in aller Welt, um das Evangelium zu verbreiten. Ob jemand ein Kind Gottes und Auserwählter ist ist ihm die entscheidende Frage. Er streitet gegen die Rationalisten und gegen Rom und lässt unter vielen Traktaten wahre Meisterwerke erscheinen. Er hat mehr als 1000 Lieder gedichtet, unter ihnen 300 Zionslieder und liebliche Kinderlieder. Ein fruchtbares, unerschöpfliches Talent. Seine selbstständige Gemeine schloss er an die freie schottische Kirche an und wurde Doktor der Theologie von Glasgow. Er stirbt am 12. Mai 1864244. Im Jahre 1830 war auch die „evangelische Gesellschaft“ innerhalb der Nationalkirche entstanden. Zu ihrer Bekämpfung schuf die Compagnie die Zeitschrift: Der Protestant von Genf. Die ev. Gesellschaft sah sich bald genötigt, eine theologische Schule zu bilden, an der Hävernick für das A. T., Steiger für das N. T., Merle d’Aubigné für Kirchengeschichte, Gallaud für praktische Theologie und später Gaussen für Dogmatik angestellt waren. Man wollte die Grundlagen des Glaubens retten. Drei der genannten Lehrer werden ihrer kirchlichen Tätigkeiten enthoben. Aber das Werk geht vorwärts. Ein Oratoire wird erbaut, wo Predigt und monatliche Abendmahlsfeier geschieht. Man schritt sofort zur völligen Trennung von der staatlichen Kirche und sprach sich 1849 in 17 Artikeln der neuen Verfassung dahin aus, dass man bekenne, was von jeher ref. Glaube war. Anfang und Ende des Heils, Wiedergeburt, Glaube, Heiligung sind freies Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit. Ein persönliches Bekenntnis des Einzelnen vor zwei Ältesten eröffnet die Gemeinschaft der Kirche. Die Kirche wurde in 12 Einzelgemeinden mit presbyterialer Verfassung geteilt. Ihre Unterhaltung geschieht durch freiwillige Gaben. Die praktische Tätigkeit der ev. Gesellschaft trat besonders in der Bibelverbreitung und in der Evangelisation in Frankreich hervor. In letzterem hatte sie bedeutende Erfolge und viele Katholiken gingen zur ref. Kirche über. Unter den theologischen Lehrern glänzt Louis Gaussen, der von 1836-63 in Genf tätig war, durch die beredte Schrift: Le canon de Saintes Ecritures sous le double point de vue de la science et de la foi, 1860. Da ist wahre Pietät vor dem Heiligen. Wer schätzt nicht in aller Welt den feinsinnigen, anziehenden Historiker des Protestantismus, der die Personen der Reformationszeit so genau kennen wollte, als wenn er mit ihnen gelebt hätte: Merle d’Aubigné. Erst in Hamburg, dann in Brüssel und zuletzt seit 1831 an der Schule der ev. Gesellschaft tätig, hat er durch seine Geschichte der Reformation (2. Aufl. 1861-62), durch seine Geschichte der Reformation in Europa zur Zeit Calvins (1862-70): hier schon etwas romanhaft Unzähligen Freude und Liebe für die glorreiche Vergangenheit eingeflößt. Ein Schriftsteller von wahrem Nutzen, viel von Fremden in Genf besucht, die dann sein edel geformtes Gesicht, die dunklen Augenbrauen unter der hohen Stirn, die nach hinten fallenden weißen Haare, den ganzen feierlich würdigen Mann beobachten konnten. Ein Besuch in der Jugendzeit auf der Wartburg hatte ihm die Neigung für die Reformatoren mitgegeben. So ist durch ihn von Genf der Glanz der Alten noch einmal in alle Welt ausgegangen.
1884 hat sich die freie Kirche wieder in die unabhängigen Kreise der Pelisserie und die freie evangelische Kirche von Genf gespalten. Alle Ausgleichungsversuche scheiterten. Auch die Freikirchen bilden kein Mittel gegen die Zersetzungen des Unglaubens. Der Pietismus befruchtete auch die Nationalkirche und brachte eine Zeitlang seine Richtung auch gegen die radikale Regierung zu einem gewissen Einfluss. Aber der kritische Wind von Deutschland her kräftigte und belebte die Negation und jetzt sind die Lehrer der Akademie, außer E. Martin, liberaler Gedanken Diener. Unter den positiven Schriftstellern ist der Publizist Jules Ernst Naville zu nennen. Er verlor in Folge der Genfer Revolution von 1846 seine Stelle. Sein La vie éternelle ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Er der Schwärmer für den freien Willen hat auch zu einer großen Ligue aller Konfessionen aufgefordert, um die Menschheit moralisch zu heben. Von seiner Stelle als Direktor am Gymnasium wurde auch der Schriftsteller Louis Felix Bungener entfernt. Er ist mit Merle d’Aubigné der am meisten gelesene französische, protestantische Autor. In seinen Romanen zur Verherrlichung der Not und Standhaftigkeit der Hugenotten, in seinen vielen polemischen Schriften gegen Rom hat er ein entzücktes Publikum in aller Welt gefunden: in seiner Gabe der Erzählung von großartigem Reiz. Der Pfarrer Bordier wirkte wohltätig durch die Gründung vieler Vereine. Der Bankier Alexandre Lombard wollte die Sonntagsruhe zurückerobern. Aber sonst liegt matt nur noch ein äußerer Glanz evangelischer Wahrheit auf der religionslosen Stadt, die in Evangelisationssälen und -kränzchen herbeigelockt werden soll. Es erschien nur als ein kindiches Schauspiel, als das Volk mit ⅔ Mehrheit den Gesetzesentwurf in Bezug auf die Freigebung der Kirche an ihre eigene Erhaltung und Organisation verwarf. Die Anhänglichkeit an die alte Genfer Staatskirche war zur Farce geworden, die darum auch ein Reformer auf der Kanzel Calvins als Rettung des Vaterlandes preisen musste. Der Kanonendonner und der Jubel der Tausende erklang dabei wie Hohnlachen. Als ich vor einiger Zeit Genf besuchte, feierte man an einem Sonntag einen großen musikalischen Festtag, zu dem auch die Franzosen mit rauschenden Klängen hereinzogen. Abends war wundervoll der herrliche Quai beleuchtet: das Bild einer tiefen Nacht, die sich über die unglückliche Stadt hereingelagert hat. Als ich ein Mitglied der Compagnie des pasteurs nach dem Grabe Calvins frug, kannte er die Stelle nicht. Ein anderer wusste davon und wir gingen nach dem Kirchhof Plain Palais, um auf einem kleinen, einfachen, vierkantigen Sandstein die Buchstaben: J. C. zu lesen. Der Name ist in Genf nicht mehr geachtet, und als man 1885 das dreihundertundfünfzigjährige Jubiläum der Reformation feierte, wehte wohl das Banner der Stadt auf Sankt Peter, aber man hätte besser eine Trauerflagge aushängen sollen. Wenn irgendwo, so heißt es hier: Ikabod. Ist auch der Bischof Mermillod 1873 von der Regierung vertrieben worden, so rühmt sich doch die mächtig anwachsende, römische Gemeine, noch einmal in Sankt Peter die Messe zu hören. In der letzten Zeit klagte der Semaine religieuse, dass das Niveau der religiösen Unterweisungen immer tiefer in Genf sinke. Religiöse Romane liest man noch, aber wer sucht gründliche christliche Erkenntnis? Genf hat mit seinen Carteret verloren: einen richtigen Kulturkämpfer. Francis Chaponniere hat uns Pastoren- und Laien der Kirche von Genf im 19. Jahrh. geschildert, 1889. Hier Nachrichten von Alex. Lombard, Theod. Bordier und anderen. In Genf Stadt jetzt 22 000 Kath. gegen 28 000 Protest.
Die freie Kirche des Waadtlandes245 bildete sich, nachdem 1839 die helvetische Konfession abgeschafft und 1845 Maßregeln gegen die religiösen Privatversammlungen ergriffen waren. Auch der Verlesung einer Proklamation des Staatsrates, welche die neue demokratische Verfassung empfahl, auf der Kanzel (1845) widersetzte man sich und so traten 147 Geistliche aus, während 99 in der Nationalkirche blieben. 1847 gab sich die freie Kirche eine Verfassung. Man bekannte die völlige Genügsamkeit der hl. Schrift. Die Formen der Verwaltung sind die presbyterialen. 1879 zählte die Kirche 4000 erwachsene Mitglieder und 46 Pastoren. Die Ansprüche an die freiwilligen Gaben sind bedeutend. Die Gesamtkasse hatte 1885 160 000 Frcs. aufzubringen. Außer der theologischen Fakultät in Lausanne sind noch 3 Schulen zu erhalten. Man zählt 40 Gemeinen mit 4000 Seelen. Ein eigenes Gesangbuch mit Psalmen ist vorhanden. Die Freikirche hat auch in Transvaal 2 Stationen mit 2 Missionaren, Einnahme 29 000 Mark. Die Nationalkirche in Waadtland bekennt die christliche Religiongemäß den Grundsätzen der ev. ref. Gemeinschaft. Der Staat gewährleistet der Kirche jegliche mit der Verfassung verträgliche Freiheit. Die Gemeindeversammlung setzt sich aus allen denen zusammen, die bürgerliche Rechte haben. Sie hat das Vorschlagsrecht der Pastoren, die vor dem Präfekten verpflichtet werden. Église libre und Église nationale stehen jetzt friedlich nebeneinander. Neuerdings hat letztere einen Sturm des Staates abgeschlagen, der die Pfarreien vermindern wollte. In Lausanne wirkte eine Zeit lang an der deutschen Gemeine Pfarrer Wagner-Groben. Sein Leben von Hahnemann. Unter der Führung von Pfarrer Chapuis ist nun auch in die Freikirche der Waadtlander der Liberalismus eingezogen. Mit ihm geht Professor Astié. Die Synode von Morges (Mai 1892) missbilligte die Taktlosigkeiten desselben und behauptete das orthodoxe Bekenntnis.
zu.242 Bost, Lettres de Felix Neff, 1842. Vie de F. N., 1860.
zu.243 A. Bost, Défense des Fidèles de l’égl. de Gen., 1825. Histoire véritable des Momiers, 1824 und 1825.
zu.244 The Late Rev. Dr. César Malan of Geneva. London, 1864. Histoire véritable des Momiers de Géneve, 1874. Ostertag, Bibelblätter blätter im Ev. Missiona-Magazin, 1877.
zu.245 A. Schweizer, Die kirchl. Zerwürfnisse im Kanton Waadt, 1846. Gelpke, Die kirchl. Beweg. im Kanton Waadt. Zeitschr. f. hist. Th., 1850. Baup, Précis des faits, 1846.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.
3. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der französisch-reformierten Schweiz.(Teil.1.)
Unser Jahrhundert ist ein Jahrhundert des großen Abfalls von Gott und seinem Worte: das beweist namentlich auch die Stadt, die einmal am sicheren Freiheitswinkel des herrlichen Sees im Süden der Schweiz als eine Burg der Wahrheit thronte, die ganze Welt mit ihren gewaltigen Gedanken beherrschend. Der sterbende Calvin ermahnte die Räte der Stadt, in Furcht und Zittern ihren Weg zu gehen: nur bis ans Ende des siebzehnten Jahrhunderts und auch in die Anfänge des achtzehnten hinein hat sein Feuergeist nachgewirkt. Man hält die Zeit eines Josua, in der in Israel das Gesetz Moses waltete, für eine geschichtliche Fälschung; das alte Genf hat doch als eine geschichtliche Wirklichkeit dagestanden. Welches aber ist die Gegenwart? Ultramontanismus und Radikalismus reichen sich in der Stadt des großen Theologen die Hand; neben der Nationalkirche bestehen die römische Kirche, eine englische, eine griechische Kapelle, eine deutsch-lutherische, eine deutsch-reformierte Gemeine, eine ansehnliche freie Kirche, die Gemeine von César Malan, Darbysten, Herrnhuter, Methodisten, Baptisten, vorübergehend Irvingianer, endlich Mormonen und Geisterklopfer dann politisch Nihilisten, Sozialisten: ein Nest des Auswurfes und der Brandstifter aller Länder. Dabei die Spöttereien eines Karl Vogt; in der Zuchtlosigkeit der Prostitution ist Genf ein klein Paris, mit vorteilhafter Verehrung eines reichen verlaufenen Herzogs und mit einer grollenden Aristokratie, die sich auf ihre schönen Sitze zurückgezogen hat und den Wissenschaften lebt. Ein räsonierendes, vielseitiges, flüssiges Geschlecht, ebenso zerfahren, wie das heilige Altertum streng, nüchtern, hart und einförmig war: im kleinsten Punkte eine ungeheure Kraft des Heiles vereinend, während jetzt nur zerstörende Raketen aus dem Pulverfass aller Welt aufsteigen. Als sich am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Kirche Genfs von der Strenge der alten kirchlichen Formen losriss und sich den Einflüssen der Apostel des Unglaubens hingab, war es namentlich auch das giftige Gespei des „hämischen Affen, der in einen eisernen Käfig gehört“, des dämonischen Voltaire, der sich in die Nachbarschaft Genfs mit seinen Frivolitäten festsetzte. Er erlebte es noch, dass 1766 ein Theater in Genf eröffnet wurde. Die Bußzucht des Konsistoriums war eine Lächerlichkeit geworden. Genf wird liberal und gleichgültig. Die alten väterlichen Lehren erscheinen als Torheiten. Am Anfang dieses Jahrhunderts kommt zuerst Frau von Krüdener mit neuen Gedanken nach Genf und wird durch den Kandidaten Empeytaz unterstützt, der 1816 eine Schrift gegen die Verächter der Gottheit veröffentlichte. Wichtiger und heilsamer ist die Wirksamkeit des schottischen Calvinisten Robert Haldane. Er hielt erstaunt den unwissenden Studenten biblische Lektionen. Er war damals 50 Jahre alt und erschien als ein würdiger, steiffeierlicher Engländer mit Puder und Zopf. Ein Gegner der Verbindung von Staat und Kirche, suchte er die Ordnung und die Predigt der ersten apostolischen Gemeinen. Mit Beredsamkeit ohne Polemik und Agitation vertrat er seine Sache. Talentvolle Studenten schlossen sich ihm an. Die „Vénérable compagnie des pasteurs“, in Rationalismus versunken, meinte nun etwas gegen ihn tun zu müssen. Denn das Evangelium wurde wieder in Genf gepredigt. Es mehrten sich die Stimmen der Zeugen. Gaussen, Merle d’Aubigné, Malan, Fréd. Monod, Felix Neff242 und Andere gehörten zu den Freunden des Schotten. Als César Malan, aus einer Réfugiér-Familie, die biblischen Grundlehren auf die Kanzel brachte, machte man ihm den Vorwurf, dass er Narrheiten verkünde. Malan hatte eine Bekehrung erlebt, wie sie öfter damals vorkam: beim Lesen der Schrift leuchteten ihm wunderbar die Buchstaben derselben: er wurde ohne Zweifel und Kämpfe zu Jesu geführt, wie eine Mutter ihr Kind durch einen Kuss weckt. Am 3. Mai 1817 erschien das Reglement der Compagnie, nach welchem alle Kandidaten und Prediger die Grundwahrheiten der Schrift nicht zu verkünden sich verpflichten sollten. Sie bahnte dadurch selbst die Separation an. Ein boshafter Witz nannte die Gläubigen Momiers (Gaukler)243. Malan, auch seiner Stelle als Gymnasialprofessor entsetzt, sammelt eine eigene Gemeine und sieht sich 1830 gezwungen, ganz aus der bestehenden Kirche auszuscheiden, obwohl ihn dabei ein Drittel seiner Gemeineglieder verlässt. Er ist nachher ein unermüdlicher Reisender in aller Welt, um das Evangelium zu verbreiten. Ob jemand ein Kind Gottes und Auserwählter ist ist ihm die entscheidende Frage. Er streitet gegen die Rationalisten und gegen Rom und lässt unter vielen Traktaten wahre Meisterwerke erscheinen. Er hat mehr als 1000 Lieder gedichtet, unter ihnen 300 Zionslieder und liebliche Kinderlieder. Ein fruchtbares, unerschöpfliches Talent. Seine selbstständige Gemeine schloss er an die freie schottische Kirche an und wurde Doktor der Theologie von Glasgow. Er stirbt am 12. Mai 1864244. Im Jahre 1830 war auch die „evangelische Gesellschaft“ innerhalb der Nationalkirche entstanden. Zu ihrer Bekämpfung schuf die Compagnie die Zeitschrift: Der Protestant von Genf. Die ev. Gesellschaft sah sich bald genötigt, eine theologische Schule zu bilden, an der Hävernick für das A. T., Steiger für das N. T., Merle d’Aubigné für Kirchengeschichte, Gallaud für praktische Theologie und später Gaussen für Dogmatik angestellt waren. Man wollte die Grundlagen des Glaubens retten. Drei der genannten Lehrer werden ihrer kirchlichen Tätigkeiten enthoben. Aber das Werk geht vorwärts. Ein Oratoire wird erbaut, wo Predigt und monatliche Abendmahlsfeier geschieht. Man schritt sofort zur völligen Trennung von der staatlichen Kirche und sprach sich 1849 in 17 Artikeln der neuen Verfassung dahin aus, dass man bekenne, was von jeher ref. Glaube war. Anfang und Ende des Heils, Wiedergeburt, Glaube, Heiligung sind freies Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit. Ein persönliches Bekenntnis des Einzelnen vor zwei Ältesten eröffnet die Gemeinschaft der Kirche. Die Kirche wurde in 12 Einzelgemeinden mit presbyterialer Verfassung geteilt. Ihre Unterhaltung geschieht durch freiwillige Gaben. Die praktische Tätigkeit der ev. Gesellschaft trat besonders in der Bibelverbreitung und in der Evangelisation in Frankreich hervor. In letzterem hatte sie bedeutende Erfolge und viele Katholiken gingen zur ref. Kirche über. Unter den theologischen Lehrern glänzt Louis Gaussen, der von 1836-63 in Genf tätig war, durch die beredte Schrift: Le canon de Saintes Ecritures sous le double point de vue de la science et de la foi, 1860. Da ist wahre Pietät vor dem Heiligen. Wer schätzt nicht in aller Welt den feinsinnigen, anziehenden Historiker des Protestantismus, der die Personen der Reformationszeit so genau kennen wollte, als wenn er mit ihnen gelebt hätte: Merle d’Aubigné. Erst in Hamburg, dann in Brüssel und zuletzt seit 1831 an der Schule der ev. Gesellschaft tätig, hat er durch seine Geschichte der Reformation (2. Aufl. 1861-62), durch seine Geschichte der Reformation in Europa zur Zeit Calvins (1862-70): hier schon etwas romanhaft Unzähligen Freude und Liebe für die glorreiche Vergangenheit eingeflößt. Ein Schriftsteller von wahrem Nutzen, viel von Fremden in Genf besucht, die dann sein edel geformtes Gesicht, die dunklen Augenbrauen unter der hohen Stirn, die nach hinten fallenden weißen Haare, den ganzen feierlich würdigen Mann beobachten konnten. Ein Besuch in der Jugendzeit auf der Wartburg hatte ihm die Neigung für die Reformatoren mitgegeben. So ist durch ihn von Genf der Glanz der Alten noch einmal in alle Welt ausgegangen.
1884 hat sich die freie Kirche wieder in die unabhängigen Kreise der Pelisserie und die freie evangelische Kirche von Genf gespalten. Alle Ausgleichungsversuche scheiterten. Auch die Freikirchen bilden kein Mittel gegen die Zersetzungen des Unglaubens. Der Pietismus befruchtete auch die Nationalkirche und brachte eine Zeitlang seine Richtung auch gegen die radikale Regierung zu einem gewissen Einfluss. Aber der kritische Wind von Deutschland her kräftigte und belebte die Negation und jetzt sind die Lehrer der Akademie, außer E. Martin, liberaler Gedanken Diener. Unter den positiven Schriftstellern ist der Publizist Jules Ernst Naville zu nennen. Er verlor in Folge der Genfer Revolution von 1846 seine Stelle. Sein La vie éternelle ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Er der Schwärmer für den freien Willen hat auch zu einer großen Ligue aller Konfessionen aufgefordert, um die Menschheit moralisch zu heben. Von seiner Stelle als Direktor am Gymnasium wurde auch der Schriftsteller Louis Felix Bungener entfernt. Er ist mit Merle d’Aubigné der am meisten gelesene französische, protestantische Autor. In seinen Romanen zur Verherrlichung der Not und Standhaftigkeit der Hugenotten, in seinen vielen polemischen Schriften gegen Rom hat er ein entzücktes Publikum in aller Welt gefunden: in seiner Gabe der Erzählung von großartigem Reiz. Der Pfarrer Bordier wirkte wohltätig durch die Gründung vieler Vereine. Der Bankier Alexandre Lombard wollte die Sonntagsruhe zurückerobern. Aber sonst liegt matt nur noch ein äußerer Glanz evangelischer Wahrheit auf der religionslosen Stadt, die in Evangelisationssälen und -kränzchen herbeigelockt werden soll. Es erschien nur als ein kindiches Schauspiel, als das Volk mit ⅔ Mehrheit den Gesetzesentwurf in Bezug auf die Freigebung der Kirche an ihre eigene Erhaltung und Organisation verwarf. Die Anhänglichkeit an die alte Genfer Staatskirche war zur Farce geworden, die darum auch ein Reformer auf der Kanzel Calvins als Rettung des Vaterlandes preisen musste. Der Kanonendonner und der Jubel der Tausende erklang dabei wie Hohnlachen. Als ich vor einiger Zeit Genf besuchte, feierte man an einem Sonntag einen großen musikalischen Festtag, zu dem auch die Franzosen mit rauschenden Klängen hereinzogen. Abends war wundervoll der herrliche Quai beleuchtet: das Bild einer tiefen Nacht, die sich über die unglückliche Stadt hereingelagert hat. Als ich ein Mitglied der Compagnie des pasteurs nach dem Grabe Calvins frug, kannte er die Stelle nicht. Ein anderer wusste davon und wir gingen nach dem Kirchhof Plain Palais, um auf einem kleinen, einfachen, vierkantigen Sandstein die Buchstaben: J. C. zu lesen. Der Name ist in Genf nicht mehr geachtet, und als man 1885 das dreihundertundfünfzigjährige Jubiläum der Reformation feierte, wehte wohl das Banner der Stadt auf Sankt Peter, aber man hätte besser eine Trauerflagge aushängen sollen. Wenn irgendwo, so heißt es hier: Ikabod. Ist auch der Bischof Mermillod 1873 von der Regierung vertrieben worden, so rühmt sich doch die mächtig anwachsende, römische Gemeine, noch einmal in Sankt Peter die Messe zu hören. In der letzten Zeit klagte der Semaine religieuse, dass das Niveau der religiösen Unterweisungen immer tiefer in Genf sinke. Religiöse Romane liest man noch, aber wer sucht gründliche christliche Erkenntnis? Genf hat mit seinen Carteret verloren: einen richtigen Kulturkämpfer. Francis Chaponniere hat uns Pastoren- und Laien der Kirche von Genf im 19. Jahrh. geschildert, 1889. Hier Nachrichten von Alex. Lombard, Theod. Bordier und anderen. In Genf Stadt jetzt 22 000 Kath. gegen 28 000 Protest.
Die freie Kirche des Waadtlandes245 bildete sich, nachdem 1839 die helvetische Konfession abgeschafft und 1845 Maßregeln gegen die religiösen Privatversammlungen ergriffen waren. Auch der Verlesung einer Proklamation des Staatsrates, welche die neue demokratische Verfassung empfahl, auf der Kanzel (1845) widersetzte man sich und so traten 147 Geistliche aus, während 99 in der Nationalkirche blieben. 1847 gab sich die freie Kirche eine Verfassung. Man bekannte die völlige Genügsamkeit der hl. Schrift. Die Formen der Verwaltung sind die presbyterialen. 1879 zählte die Kirche 4000 erwachsene Mitglieder und 46 Pastoren. Die Ansprüche an die freiwilligen Gaben sind bedeutend. Die Gesamtkasse hatte 1885 160 000 Frcs. aufzubringen. Außer der theologischen Fakultät in Lausanne sind noch 3 Schulen zu erhalten. Man zählt 40 Gemeinen mit 4000 Seelen. Ein eigenes Gesangbuch mit Psalmen ist vorhanden. Die Freikirche hat auch in Transvaal 2 Stationen mit 2 Missionaren, Einnahme 29 000 Mark. Die Nationalkirche in Waadtland bekennt die christliche Religiongemäß den Grundsätzen der ev. ref. Gemeinschaft. Der Staat gewährleistet der Kirche jegliche mit der Verfassung verträgliche Freiheit. Die Gemeindeversammlung setzt sich aus allen denen zusammen, die bürgerliche Rechte haben. Sie hat das Vorschlagsrecht der Pastoren, die vor dem Präfekten verpflichtet werden. Église libre und Église nationale stehen jetzt friedlich nebeneinander. Neuerdings hat letztere einen Sturm des Staates abgeschlagen, der die Pfarreien vermindern wollte. In Lausanne wirkte eine Zeit lang an der deutschen Gemeine Pfarrer Wagner-Groben. Sein Leben von Hahnemann. Unter der Führung von Pfarrer Chapuis ist nun auch in die Freikirche der Waadtlander der Liberalismus eingezogen. Mit ihm geht Professor Astié. Die Synode von Morges (Mai 1892) missbilligte die Taktlosigkeiten desselben und behauptete das orthodoxe Bekenntnis.
zu.242 Bost, Lettres de Felix Neff, 1842. Vie de F. N., 1860.
zu.243 A. Bost, Défense des Fidèles de l’égl. de Gen., 1825. Histoire véritable des Momiers, 1824 und 1825.
zu.244 The Late Rev. Dr. César Malan of Geneva. London, 1864. Histoire véritable des Momiers de Géneve, 1874. Ostertag, Bibelblätter blätter im Ev. Missiona-Magazin, 1877.
zu.245 A. Schweizer, Die kirchl. Zerwürfnisse im Kanton Waadt, 1846. Gelpke, Die kirchl. Beweg. im Kanton Waadt. Zeitschr. f. hist. Th., 1850. Baup, Précis des faits, 1846.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31