Seite 58 von 58

Psalm 139

Verfasst: 12.07.2026 08:05
von Jörg
20. Denn sie reden von dir lästerlich. Warum sollte ich ihre Gesellschaft dulden, da ihre Rede mich anekelt? Sie stoßen ihre hochverräterischen und lästerlichen Reden aus, sooft es ihnen beliebt, und tun das ohne den geringsten Entschuldigungsgrund, ohne dass sie irgend dazu veranlasst oder gereizt werden; mögen sie sich darum dahin begeben, wo sie Gesinnungsgenossen finden - ich will nichts mit ihnen zu schaffen haben! Leute, die wider Gott lästerlich reden, werden sicher auch gegen uns ihre tückische Zunge gebrauchen, sobald ihnen das zu ihren Zwecken passt. Gottlose Menschen sind nicht der Stoff, aus dem man jemals treue Freunde machen kann. Gott hat diesen Leuten ihre Zunge gegeben, und doch richten sie sie mit Arglist, aus reiner Bosheit und mit ausgesuchter Schlechtigkeit wider ihren Wohltäter. Und deine Feinde sprechen deinen Namen zum Nichtigen aus, d. h. sie gebrauchen ihn freventlich. (And. Übers.6 Das ist ihre liebste Beschäftigung; Jehovahs erhabenen Namen zu schänden, ist ihnen ein Vergnügen - freilich ein Vergnügen der Hölle, ohne Freude und ohne irgendwelchen Nutzen. Der Mond erschrickt nicht sehr, wenn die Hunde ihn anbellen. Es ist ein sicheres Kennzeichen der echten Feinde des HERRN, dass sie die Unverschämtheit haben, seine Ehre anzugreifen, und es versuchen, seinen Ruhm in den Staub zu ziehen. Was kann Gott schließlich anderes tun, als das Gericht an ihnen vollstrecken? Und wie könnten wir anders handeln, als dass wir uns von jeder Art der Verbindung mit ihnen zurückziehen? Welch eine ungeheuerliche Sünde ist das doch, dass Menschen ein solches Wesen voller Güte schmähen und lästern! Die Frechheit derer, die seinen Namen freventlich missbrauchen und wider ihn boshaft reden, wird uns umso unbegreiflicher, wenn wir erwägen, dass der, wider den sie reden, allezeit um sie ist und jede Verunglimpfung, die sie seinem heiligen Namen beifügen, zu Herzen fasst. Wir sollten uns nicht darüber wundern, wenn Menschen uns kränken und verlästern; tun sie doch dem Höchsten dasselbe an.

21. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen? (Grundtext) Sein Hass war rechter Art, denn er hasste nur diejenigen, die das Gute hassen. Darum schämt er sich seines Hasses nicht, sondern spricht davon offen vor Gott, in der festen Überzeugung, mit diesem Hass eine Tugend zu üben, der Gott selbst Zeugnis geben werde. Gewiss sollen wir alle Menschen lieben mit der Liebe des Wohlwollens; gottlosen Menschen jedoch die Liebe des Wohlgefallens zuzuwenden wäre ein Verbrechen. Niemand dürfen wir um seiner selbst willen oder wegen irgendeines Unrechts, das er uns zugefügt hat, hassen; aber einen Menschen darum zu hassen, weil er allem Guten widerstrebt und ein Feind aller Gerechtigkeit ist, das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Pflicht, die uns obliegt. Je inniger wir Gott lieben, desto größer wird unsere Entrüstung werden über diejenigen, die ihm ihre Zuneigung verweigern. "So jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei Anathema" (1. Kor. 16,22). Das ist Eifer der Liebe, der fest ist wie die Unterwelt (Hohelied 8,6). Ein treuer Untertan darf dem, der an der Majestät seines Königs Verrat übt, keine Gunst erweisen. Und verabscheuen die, so sich wider dich setzen? (Grundtext) Er legt es dem HERRN vor, ob es anders sein könne und dürfe, als dass er Abscheu und Grauen empfindet über das böse Wesen und Tun derer, die sich wider seinen Herrn und Gott auflehnen. Er, der Allgegenwärtige und Allwissende, kennt unsere innersten Gefühle gegen die Unheiligen und Ungöttlichen; er weiß, dass es uns so fern liegt, solchen Beifall zu geben, dass vielmehr schon ihr Anblick uns ein Leiden ist.

22. Ich hasse sie in rechtem Ernst, wörtl.: Mit äußerstem, mit vollendetem Hasse hasse ich sie. Er lässt es nicht ungewiss, wie er zu ihnen steht; er denkt nicht daran, sich neutral zu verhalten. Sein Hass gegen schlechte, lasterhafte, gotteslästerliche Menschen ist tief, ungeteilt, tatkräftig. Er hasst die Gottlosigkeit ebenso mit seinem ganzen Herzen, wie er mit ganzem Herzen wahre Frömmigkeit liebt. Sie sind mir zu Feinden geworden, d. h. sie gelten mir als eigene Feinde. Er macht daraus eine persönliche Sache. Sie mögen ihm nichts Böses getan haben; aber wenn sie Gott Hohn bieten und wider sein Gesetz und die erhabenen Grundsätze der Wahrheit und Gerechtigkeit ankämpfen, dann erklärt er ihnen den Krieg. Die Gottlosigkeit trägt manchem die Gunst solcher ein, die an der Ungerechtigkeit ihre Lust haben; aber sie schließt von der Gemeinschaft der Gerechten aus. Wir ziehen die Zugbrücke auf und halten die Mauern wohlbesetzt, wenn Belialsleute an unserer Burg vorübergehen. Die Gesinnung solcher Leute ist für uns casus belli, ein gerechter Kriegsgrund; wir können nicht anders als wider die streiten, die mit Gott in Fehde sind.

23. Erforsche mich, Gott, und erfahre (erkenne) mein Herz. Der Psalmist ist sich bewusst, kein Genosse derer zu sein, die dem himmlischen König feind sind. Er hat ihnen in aller Form den Krieg erklärt, und er beruft sich nun auf Gott, dass er auch nicht im geheimsten Innern mit ihnen irgendwelche Gemeinschaft hat. Er will, dass Gott selbst ihn erforsche, und zwar durch und durch, bis jede Falte seines Herzens bloßgelegt, jeder Gedanke gelesen, jede geheimste Regung seines Innersten erkannt sei; denn er ist dessen gewiss, dass auch bei einer solch peinlich genauen Untersuchung keinerlei Gesinnungsgemeinschaft mit den Gottlosen in ihm erfunden werden wird. Das muss in der Tat ein aufrichtiger, wahrhaft treuer Mann sein, der so die Untersuchung herausfordern, sich mit vollem Bedacht freiwillig solch hochnotpeinlichem Verhör aussetzen kann. Doch ist es für jeden von uns notwendig, eine solche Prüfung zu begehren; denn es wäre für uns das schrecklichste Unglück, wenn in unseren Herzen Sünde unbekannt und unentdeckt bliebe. Prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine (wörtl.: und erkenne meine Gedanken). Prüfe mich auf jede irgend erdenkliche Weise. Lass mich mit Feuer und mit Wasser erprobt werden. Lies nicht nur die Wünsche meines Herzens, sondern auch die flüchtigen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Erkenne mit alles durchdringender Erkenntnis alles, was in den verborgenen Kammern meines Gemütes ist oder je gewesen ist. Welch eine große Gnade ist es doch, dass es einen gibt, der uns vollkommen zu erkennen vermag! Er ist in unserem Innersten daheim. Und er ist uns aufs herzlichste zugetan und stellt mit Freuden seine Allwissenheit unserer Heiligung zu Dienst. Lasst uns die Bitte des Psalmisten zu der unsrigen machen, und zwar mit der gleichen Aufrichtigkeit wie er. Wir können unsere Sünde ja nicht verbergen; die Hilfe liegt in der entgegengesetzten Richtung, darin, dass alles Böse in uns völlig aufgedeckt wird und wir wirksam davon geschieden werden.

24. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, genauer: ob ein Weg der Pein, d. i. ein Weg, der zu Schmerzen führt, bei mir (zu finden) ist. O du Herzenskündiger, siehe wohl zu, ob in meinem Herzen oder meinem Leben mir selber unbewusst irgendetwas Böses ist. Findest du solch einen bösen Weg bei mir, o so erlöse mich davon. Einerlei wie lieb mir das Böse geworden sein mag oder wie sehr es sich in meinem Innern, mein Denken, Urteilen und Handeln bestimmend, festgesetzt haben möge, reiße es völlig aus meinem Herzen, auf dass ich nichts dulde, was vor dir nicht taugt. Wie ich die Gottlosen in ihren Wegen hasse, so möchte ich auch jeden gottlosen Weg bei mir selber hassen. Er müsste ja doch zu Schmerzen führen, zu inneren Gewissensqualen und zu Strafe und Beschämung; es wäre ja doch ein Weg der Pein, der ein Ende mit Schrecken nähme. Und leite mich auf ewigem Wege. Hast du mich in deiner Gnade bereits auf den guten alten Weg geführt, o so bewirke es durch dieselbe Gnade, dass ich darauf bleibe, und führe mich Schritt für Schritt weiter auf ihm, dem Ziele zu. Es ist ja der Weg, den du selber schon vor alters bereitet hast, er ist gegründet auf die ewigen Grundlagen der Wahrheit und Gerechtigkeit, und es ist eben der Weg, darauf die der Sterblichkeit entnommenen Erlösten ewig mit Lust wandeln werden. Er hat ewig dauernden Bestand, und die darauf wandeln, haben selber ewigen Bestand. Leite mich darauf, und führe mich an deiner Hand diesen ganzen Weg entlang. Leite mich durch deine Vorsehung, durch dein Wort, durch deine Gnade, durch deinen Geist, hier in der Zeit und bis in Ewigkeit.


Fußnote
6. Der ganze Vers ist in der uns vorliegenden Textgestalt voll sprachlicher Rätsel. Auch Luthers Übersetzung ist nur geraten. Die in der Auslegung im zweiten Halbvers befolgte Auffassung ist die der engl. Bibel, welche nach 2. Mose 20,7 zu )w#l)#n als Objekt "deinen Namen" ergänzt; sie kommt mit Delitzschs Auffassung überein. (Andere gelangen zu dem gleichen Sinn, indem sie das sehr fragliche Kfyre(f willkürlich in Kfme$: umändern.) So passt zwar der zweite Halbvers zu dem ersten, wenn man diesen übersetzt: "Sie erwähnen dich zu Arglist" (Delitzsch, etwas ähnlich Luther), aber abgesehen von den sprachlichen Bedenken erwartet man doch über die Blutmenschen noch eine Aussage andern Inhalts. Die meisten suchen daher den Text zu ändern. - James Millard