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Gottes perfekter Plan für mein Leben? – Von Kevin DeYoung

Auszug aus dem Buch: Leg einfach los! – Ein befreiender Weg, Gottes Willen zu entdecken

leg einfach los

Leg einfach los! von Kevin DeYoung


 

Die Herausforderung, sich zu entscheiden

Warum suchen so viele Christen verzweifelt nach Gottes Plan für ihr Leben? Warum sind Verleger immer noch bereit, massenhaft Bücher zum Thema »Gottes Willen erkennen« herauszugeben (so wie dieses!), obwohl es bereits unzählige auf dem Markt gibt? Warum investieren Millionen von Christen schier endlos viel Zeit und Energie in das Warten, dass Gottes Wille sich offenbart? Und warum sorgen wir uns über den Willen Gottes, als sei er wie eine Atomsprengkopfrakete, die auf unser zukünftiges Glück abzielt? Ich möchte fünf Gründe nennen.

Wir wollen Gott gefallen

Über die Jahre habe ich mit vielen aufrichtigen Christen gesprochen, die ernsthaft wissen wollen: »Bin ich da, wo ich sein sollte? Tue ich das, was ich tun sollte?« Diese Männer und Frauen lieben den Herrn. Sie versuchen nicht, kompliziert zu sein. Sie glauben, dass Gott sich einen Weg für sie ausgesucht hat und sie möchten diesen Weg nicht verfehlen und Gott nicht enttäuschen. Wenn der Herr meint, wir sollten nach Nashville ziehen, wollen wir nicht in Chicago enden. Wenn er meint, wir sollen Chemie studieren, wollen wir nicht Russische Literaturwissenschaften als Hauptfach wählen. Wenn wir für die Mission bestimmt sind, wollen wir nicht in einem heimischen Vorort landen.

Das ist der erste Grund, warum wir Gottes individuellen Willen, seine persönliche Führung, für uns entdecken wollen: Wir möchten Gott gefallen. Wir möchten das tun, was Gott möchte. Das ist gut, aber wie ich bereits erklärt habe und in den kommenden Kapiteln konkretisieren werde, ist das nicht die Art und Weise, wie Gottes Wille »funktioniert«. Auch wenn wir die besten Absichten dabei haben mögen, wenn wir Gottes Willen herausfinden wollen, sollten wir doch endlich damit aufhören, uns ständig damit herumzuplagen, jede Entscheidung übermäßig zu vergeistlichen. Unsere fehlgeleitete Frömmigkeit führt dazu, dass die Nachfolge Jesu ganz falsch mystifiziert wird.

Einige von uns sind zaghaft

Der zweite Grund, warum manche Christen Gottes individuellen Willen suchen, besteht darin, dass wir von Natur aus ziemlich zaghaft und zögerlich sind. Energische, draufgängerische Typen tendieren weniger dazu, sich über Gottes Willen zu sorgen, als bedächtige, vorsichtige Typen. Manche voreiligen Christen müssen ermutigt werden, erst zu überlegen, bevor sie handeln. Andere hingegen müssen ermutigt werden, auch tatsächlich zu handeln, nachdem sie überlegt haben.

Ich persönlich habe einige impulsive Christen kennen gelernt, aber noch viel mehr zaghafte Christen, die durch Unschlüssigkeit und Passivität wie gelähmt waren. Sie weigern sich, eine Entscheidung zu treffen, ohne vorher alle Fakten abzuwägen und eine geradezu vollständige Sicherheit zu erlangen, dass am Ende alles gut werden wird. Als Kinder verlassen sie ihre Football-Mannschaft, weil sie vielleicht nicht die Besten sind. In der Schule rutschen sie ab und werden schlechter, weil sie es gar nicht erst versuchen, anstatt es zu versuchen und vielleicht den Erwartungen nicht ganz zu entsprechen. Solche Menschen meinte Paulus wohl, als er den Thessalonichern sagte: »Verwarnt die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle!« (1Thes 5,14).

Manche Christen haben die besten Absichten, wenn sie Gottes Willen herausfinden wollen. Sie sind einfach nur zu vorsichtig und etwas zaghaft. Solche Christen brauchen Ermahnung, aber sie verdienen auch unsere Geduld und Hilfe.

Wir wollen perfekte persönliche Erfüllung

Der dritte Grund, warum wir nach Gottes individuellem Willen suchen, ist, dass wir die perfekte Erfüllung in unserem Leben erstreben. Viele von uns haben es so gut, dass wir beginnen, den Himmel auf Erden zu suchen. Wir haben jegliche Pilgergesinnung – die Einstellung, dass wir als Christen nur Fremde und Pilger auf Erden sind – verloren. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Falls du denkst, Gott habe dir versprochen, dass diese Welt ein Fünf-Sterne-Hotel sein wird, wird es dir in den normalen Kämpfen des Alltags schlecht ergehen. Aber wenn du an Gottes Verheißung denkst, dass wir Pilger sein werden und diese Welt sich eher wie eine Wüste oder gar ein Gefängnis anfühlen wird, wirst du dein Leben überraschend glücklich finden.

Der Glaube an Jesus garantiert nicht, dass alles so läuft, wie wir es gerne hätten. Schau dir Hebräer 11 an, dieses Kapitel, das manchmal auch die »Hall of Fame (oder Heldengalerie) der Glaubenshelden« genannt wird. Beachte allein nur die drei ersten Glaubenshelden in diesem Kapitel. Der Bibelkommentator Bruce Waltke zeigt auf: Abel glaubte und starb, Henoch glaubte, starb aber nicht, Noah glaubte und alle anderen starben![1] Der Glaube garantiert dir nicht, dass dein Leben – oder das Leben deiner Mitmenschen – ein Ponyhof oder Zuckerschlecken sein wird. Das Leben ist nicht immer nur Spaß und wir sollten das auch nicht erwarten.

Zum Teil ist das eine Generationensache. Immerhin zählen meine Altersgenossen und ich zu den ersten, die eine Inflation guter Schulnoten erlebten: Wir bekamen eine Eins dafür, in Integralrechnung unsere Gefühle ausgegraben und »unser Bestes« gegeben zu haben. Wir waren die Ersten, die auf Selbstwertgefühl programmiert wurden, als wir gelernt hatten, dass wir allein schon deswegen wunderbar und besonders sind, weil wir einen Pulsschlag haben. Seit wir denken können, wurden wir dazu ausersehen, Superstars zu werden. Einige von uns wurden zu Eliteschülern präpariert, noch bevor wir aufs Töpfchen gehen konnten, und wir waren mit der Fußballmannschaft unterwegs, noch bevor wir verstanden hatten, den Ball nicht mit den Händen spielen zu dürfen. Wir wurden für Mittelmäßigkeit mit Lob überschüttet und unsere Schwächen wurden durch wortgewandte Bildungssprache und Küchenpsychologie wegdiagnostiziert.

Es ist kein Wunder, dass wir von anderen Leuten erwarten, dass sie uns stets bestätigen, niemals kritisieren und uns für alles bezahlen, was wir tun möchten. Wir rechnen damit, direkt nach dem Studium einen großartigen Job in einer tollen Umgebung finden zu können, der uns dieselben Lebensstandards bietet, wie ihn unsere Eltern jetzt haben, und uns so engagiert an der Weltverbesserung teilhaben lässt, dass es sogar Bono stolz machen würde. Wir wollen alles. Und Gott soll uns den Weg dahin zeigen.

Die Generation meiner Großeltern erwartete im Großen und Ganzen weit weniger von ihrem Familienleben, ihrer Karriere, ihrer Freizeit und ihrer Ehe. Zugegeben – manchmal wurden sie dadurch unreflektiert und hatten womöglich leise vor sich hin krankende Ehen. Meine Generation jedoch befindet sich im anderen Extrem. Wenn wir heiraten, erwarten wir großartigen Sex, ein hervorragendes Familienleben, Freizeitabenteuer, vielfältige kulturelle Erfahrungen und persönliche Erfüllung bei der Arbeit. Es wäre eine gute Übung, unsere Großeltern einmal zu fragen, ob ihre Karriere sie persönlich erfüllt hat. Wahrscheinlich werden sie dich anschauen, als würdest du eine andere Sprache sprechen – und tust das ja auch. Erfüllung war nicht ihr Ziel. Essen war das Ziel, und Treue. Die meisten älteren Leute würden wahrscheinlich so etwas sagen wie: »Ich habe nie an Erfüllung gedacht. Ich hatte Arbeit. Ich aß. Ich lebte. Ich gründete eine Familie. Ich ging zur Kirche. Ich war dankbar.«

Neulich sprach ich mit meinem Großvater, der sein Leben lang Christ war und nun in seinen Achtzigern ist. Ich fragte ihn, ob er jemals daran dachte, was Gottes Wille für sein Leben war. »Ich glaube nicht«, war seine kurze Antwort, »Gottes Wille war nie eine Frage, die sich mir stellte oder über die ich überhaupt nachdachte. Ich meinte immer, dass meine Errettung … davon abhängt, dass ich im Glauben die Dinge annehme, an die wir bekennen. Darüber hinaus hatte ich nie das Problem zu überlegen: ›Ist dieses oder jenes das Richtige für mich?‹«

Je mehr ich mich mit meinem Großvater unterhielt, desto klarer wurde mir: Den Willen Gottes zu suchen über das hinaus, was Gott moralisch geboten hat, war für ihn ein fremdes Konzept. Seine Grundeinstellung war anscheinend: »Du … tust einfach Dinge«, und während du sie tust und mit dem Herrn wandelst, verbringst du nicht Unmengen von Zeit damit, herauszufinden, ob du das, was du tust, auch magst. Ich schätze, wenn du beschäftigt bleibst und dein ganzes Leben lang arbeitest, hast du keine Zeit, dir darüber Sorgen zu machen, ob du persönlich erfüllt bist.

Ich versuche wirklich nicht, all deine Hoffnungen und Träume zum Platzen zu bringen. Ich bin ganz für große, risikobereite Träume (wie du bald lesen wirst). Ich habe nichts dagegen, wenn Leute ihre freudlosen Jobs verlassen, um auszuprobieren, was ihnen wirklich gefällt. Aber als ein Gegengewicht zu all den Lass-deine-Träume-wahr-werden-Phrasendreschereinen bei Schulentlassungsreden müssen wir kräftig daran erinnert werden, dass wir oft zu viel vom Leben erwarten. Wir erwarten, dass wir den Himmel auf Erden erleben werden, und sind bitter enttäuscht, wenn die Erde sich als so unhimmlisch entpuppt. Wir sehnen uns nur wenig nach dem Lohn im künftigen Leben, weil wir lohnende Erfahrungen schon in diesem Leben erwarten. Und wenn jede Erfahrung und jede Situation lohnend sein und uns der totalen Erfüllung näher bringen müssen, dann werden plötzlich die Entscheidungen, wo wir leben, welches Haus wir kaufen, in welchem Studentenwohnheim wir unterkommen und ob wir Fliesen oder Laminat wählen, von schwerwiegender Bedeutung sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir erfüllter wären, wenn wir nicht so sehr auf die Erfüllung fixiert wären.

Wir haben zu viel Auswahl

Von unseren fünf Gründen für unsere Obsession, Gottes Willen zu finden, ist dieser womöglich der entscheidendste: Wir haben zu viele Wahlmöglichkeiten. Ich bin überzeugt davon, dass vorherige Generationen nicht so stark wie wir damit gerungen haben, Gottes Willen zu entdecken, weil sie nicht so viele Optionen hatten wie wir. In vielerlei Hinsicht ist unsere ständige Sorge über den Willen Gottes ein westliches Phänomen der Mittelschicht der letzten fünfzig Jahre. Wer in anderen Teilen der Welt von einem Dollar pro Tag leben muss, hat einfach nicht viele Optionen. Ebenso wenig Optionen hatten die meisten unserer Großeltern, geschweige denn deren Großeltern. Vor einem Jahrhundert lebtest du meistens dort, wo du geboren wurdest. Du tatest, was deine Mutter oder dein Vater taten; wahrscheinlich arbeitetest du in der Landwirtschaft, wenn du ein Mann warst, und zogst Kinder auf (und arbeitetest nebenher in der Landwirtschaft), wenn du eine Frau warst. Viele der älteren Leute, mit denen ich gesprochen habe, begannen bereits mit 14 oder 15 zu arbeiten, und sie nahmen jede Arbeit an, die sie finden konnten. Sie arbeiteten für ihren Onkel oder ihren Vater oder fingen an, bei der Ernte zu helfen oder was auch immer an Arbeit in der Stadt zu bekommen war. Ironischerweise haben sie mehr geschafft als wir heute, weil es nicht so viele Optionen für sie gab.

Ich kann mir vorstellen, dass auch in anderen Bereichen die Entscheidung sehr viel einfacher war. Als potenzielle Ehepartner hätte es vor einem Jahrhundert vielleicht ein Dutzend in Frage kommende junge Leute in der Heimatstadt gegeben. Sogar wohlhabendere Leute waren in ihrer Wahlmöglichkeit erheblich eingeschränkt: Sie waren ortsgebunden (aufgrund des schwierigen Reisens) und an die Tradition gebunden (aufgrund kultureller und familiärer Werte). Es war üblich, dass junge Leute ein größeres Pflichtbewusstsein gegenüber Familie, Staat und Kirche besaßen. Heute können es sich dagegen nur wenige vorstellen, für etwas so Altmodisches wie Pflichtbewusstsein freiwillig die eigene Unabhängigkeit zu begrenzen und die Optionen einzuschränken.

Das Ergebnis ist eine schier endlose Fülle an Wahlmöglichkeiten. Heute können wir überall zur Schule gehen, Hunderte von Studienfächern belegen, nahezu überall wohnen, Tausende von Singles persönlich kennen lernen und Millionen weitere im Internet. Wir haben haufenweise Geschäfte, aus denen wir auswählen können, Dutzende Restaurants, Hunderte von Karriere­optionen und Millionen von Wahlmöglichkeiten.

In seinem Buch »Anleitung zur Unzufriedenheit« erzählt Barry Schwartz von seinem Ausflug zum örtlichen mittelgroßen Supermarkt. Er fand 285 verschiedene Sorten Kekse, 13 Iso-Drinks, 65 Sorten Trinkpäckchen, 85 Kindersäfte, 75 Eistees, 95 Sorten Chips und Knabbersnacks, 15 Sorten Mineralwasser, 80 verschiedene Schmerzmittel, 40 Varianten von Zahnpasta, 150 Lippenstifte, 360 Shampoosorten, 90 verschiedene Erkältungs- und Hustenmittel, 230 Arten von Suppen, 75 diverse Fertigsaucen, 275 Variationen von Frühstückszerealien, 64 verschiedene Grillsaucen und 22 Variationen von Tiefkühlwaffeln.[2] Wer schon einmal Lebensmittel in Nordamerika eingekauft hat, weiß, dass diese Liste nur eine kleine Auswahl dessen ist, was man in den Regalen alles finden kann. Das ist der Grund, warum wir bei einer bestimmten gewohnten Sorte von Müsli, Marmelade oder Mahlzeit bleiben, weil wir schlichtweg nicht die Zeit und Energie aufbringen können, jedes Mal eine neue Wahl zu treffen, wenn wir zum Supermarkt gehen. Aus diesem Grund gibt mir meine Frau auch jedes Mal eine minutiös detaillierte Einkaufsliste mit, wenn ich die unglückselige Aufgabe habe, den Wocheneinkauf zu erledigen. Wenn sie mir ohne weitere Details lediglich sagen würde, ich soll Babynahrung mitbringen, könnte ich mit allem zurückkommen – von Erbsenbrei bis hin zu löslichen Getreidekeksen mit Kirschgeschmack. Ich brauche Details, weil es sonst einfach zu viele Möglichkeiten gibt, etwas zu vermasseln.

In einigen Ländern leiden die Menschen unter zu wenig Wahlmöglichkeiten. In der westlichen Welt haben wir zu viele. Ich erinnere mich an einen Missionar aus der Türkei, der scherzhaft meinte: Das Schwierigste daran, wieder zurück in den Vereinigten Staaten zu sein, seien all die Salatdressings. »Gib mir einfach irgendein Dressing«, sagte er, als wir gemeinsam Essen gingen. »Ich will nicht aus sieben verschiedenen Sorten von Joghurtdressings wählen müssen.« Ich vermute, unsere übermäßige Beschäftigung damit, den Willen Gottes herausfinden zu wollen, liegt größtenteils daran, dass wir mit Wahlmöglichkeiten überschüttet sind. Wir glauben, es mache uns glücklich, Auswahl zu haben, aber es kommt der Punkt (und die meisten von uns haben ihn längst überschritten), an dem wir mit weniger Optionen besser dran wären.

Barry Schwartz hat seine Studenten beobachtet, die er als Professor unterrichtet, und seine Beobachtungen sind sehr aufschlussreich und meiner Erfahrung nach auch absolut richtig. Er beschreibt, dass seine Studenten viele verschiedene Interessen und Fähigkeiten besitzen. Sie verfügen über haufenweise Talent und Möglichkeiten. Die Welt steht ihnen offen. Aber anstatt diese Freiheit zu genießen, quälen sich die meisten mit ihr herum. Sie sind dazu gezwungen, zwischen konkurrierenden Interessen zu navigieren: Geld verdienen und die Welt verändern, ihren Geist herausfordern und ihrer Kreativität freien Lauf lassen, auf eine Karriere hinarbeiten und Zeit für die Familie haben, sich niederlassen und ins Ausland gehen, eine Karriere starten und ein anderes Praktikum ausprobieren, in einer pulsierenden Stadt leben und auf dem Land zur Ruhe kommen, mit dem Arbeiten beginnen und sich weiterbilden und qualifizieren.

Wenn du Student bist, hast du tatsächlich schwindelerregend viele Wahlmöglichkeiten. Und weil Freunde und Familie oft über das ganze Land oder sogar die ganze Welt verstreut leben, hast du weniger Verpflichtungen und enge Beziehungen, die deine Freiheit einschränken, und nichts, was dich an berufliche Traditionen oder Orte bindet. Füge dem noch hinzu, dass du überall einfach hinreisen und in vielen Jobs von jedem beliebigen Ort aus am Computer arbeiten kannst, und das Ergebnis ist eine völlige Entwurzelung und eine Explosion der Optionen. Alles ist zu haben.

Schwartz fasst es treffend zusammen:

Man lernt rasch, dass die Frage »Was wollen Sie nach dem Examen machen?« von den meisten Studenten nicht gern gehört wird, ganz zu schweigen von der Beantwortung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Studenten besser dran wären, wenn sie ein bisschen weniger begabt wären oder ein bisschen mehr Pflichtgefühl gegenüber der Familie hätten, um in der Heimat zu bleiben, oder sogar, wenn sie unter wirtschaftlicher Rezessionsangst stünden: »Nimm den sicheren Job – denn wer weiß, was kommt.« Mit weniger Optionen und mehr Einschränkungen blieben ihnen viele Abwägungen erspart. Sie hätten weniger Selbstzweifel, weniger Mühe, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, mehr Zufriedenheit und weniger Anlass, ihre Entscheidungen hinterher zu bedauern.[3]

Schwartz’ Beurteilung trifft vollkommen zu. Ich bin mir sicher, dass manche Christen Gott dadurch dienen können, dass sie sechs Monate lang in der Welt herumtingeln. Und ich denke auch, dass manche jungen Leute etwas für Christus bewegen können, wenn sie sich von einer Arbeitsstelle zur nächsten und von Ort zu Ort treiben lassen. Aber ich bin mir genauso sicher, dass einige dieser Personen damit selbstzentrierte Entscheidungen treffen, unter dem Vorwand von Erfahrung, kultureller Horizonterweiterung und manchmal auch – ich sage es äußerst ungern – unter dem Deckmantel von Kurzzeit-Missionseinsätzen. Als Pastor einer Universitätsgemeinde habe ich Verständnis dafür, dass viele verschiedene Leute zu unseren Gottesdiensten kommen und gehen. Das gehört zum Leben mit Studenten und Doktoranden. Ich finde es spannend, wenn jedes Jahr neue Leute kommen. Wenn sich aber niemand niederlassen und eine Zeit lang – geschweige denn ein Leben lang – bleiben würde, könnten wir all den Studenten überhaupt nicht dienen. Die Gemeinde braucht »Lebenslängliche« und solche, auf die sie sich langfristig verlassen kann.

Meine Sorge ist, dass angesichts all der Optionen, die wir heute haben, diese Möglichkeit selten erwogen wird: »Wie kann ich meiner lokalen Gemeinde am effektivsten dienen und dort am meisten Frucht bringen?« Ich frage mich: Führt die heutige Fülle von Möglichkeiten weniger dazu, dass reife Nachfolger Christi herangebildet werden, als vielmehr dazu, dass Christen langfristige Verantwortung vermeiden und seltener positiv prägende Auswirkungen hinterlassen?

Mit derart vielen Wahlmöglichkeiten verwundert es nicht, dass wir ständig daran denken müssen, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner ist, wie es im Sprichwort heißt. Wir grübeln pausenlos darüber nach, was besser oder was schöner an einer neuen Sache oder Person sein könnte. Das Wort »entscheiden« kommt sprachgeschichtlich von »das Schwert aus der Scheide ziehen«, nämlich zum Zweck des Trennens und Abhauens.[4] Das erklärt, warum Entscheidungen heute so schwerfallen. Wir ertragen diesen Gedanken nicht, irgendeine unserer Optionen »abzuhauen«. Wenn wir A wählen, fühlen wir den Schwerthieb, den es uns versetzt, nicht B und C und D haben zu können. Daraus resultiert, dass jede Wahl sich schlimmer anfühlt, als gar nicht erst eine Wahl zu haben. Und wenn wir eine Wahl treffen, stellt sich gleich die Käuferreue ein und wir zweifeln und hadern, ob wir vielleicht nur das Zweitbeste gewählt haben. Oder schlimmer, wir leben weiterhin auf unbestimmte Zeit im Keller unserer Eltern, während wir versuchen, uns selbst zu finden und Gottes Stimme zu hören. In unserer Freiheit, alles tun und überall hingehen zu können, fühlen wir uns vielmehr gebunden als frei, weil Entscheidungen treffen zu müssen sich mehr nach Qual als nach Vergnügen anfühlt.

Zu viele jungen Menschen von heute haben keine Stabilität und Sicherheit, wenig Entscheidungsfreude und viele Selbstzweifel. Es dauert immer länger, bis sie sich entscheiden, sich dauerhaft niederzulassen. Und manche treffen diese Entscheidung nie. Ich vertrete nicht die Ansicht, dass jeder zurück in seine Heimatstadt ziehen und irgendeine x-beliebige Arbeitsstelle annehmen soll (wenngleich das für manche zumindest ein Schritt in überhaupt irgendeine Richtung wäre). Einige von euch sollten wirklich ins Ausland gehen und andere werden mal hier und mal dorthin ziehen müssen. Aber ich plädiere dafür, weniger umherzustolpern, früher damit zu beginnen, Gott tatsächlich zu dienen, und vor allem nicht ständig die eigene Entscheidungsunfähigkeit zu vergeistlichen, indem man sie als diffuses Suchen nach dem Willen Gottes ausgibt. Ich behaupte, dass unser Eifer nach dem Willen Gottes wahrscheinlich weniger auf ein Herz hindeutet, das unbedingt Gott gehorsam sein möchte, als vielmehr auf einen Kopf, der stetig um all die Optionen kreist, aus denen es zu wählen gilt.

Wir sind Feiglinge

Der fünfte und letzte Grund, warum wir Gottes Willen herausfinden wollen, ist, weil wir feige sind. Das stimmt. Manchmal, wenn wir dafür beten, Gottes Willen zu erkennen, beten wir das Gebet eines Feiglings: »Herr, zeige mir, was ich tun soll, damit mir nichts Schlimmes zustößt und ich nicht in Gefahr oder ungewohnte Situationen komme.« Wir möchten sicher sein, dass für uns und unsere geliebten Freunde und Familienangehörigen alles gutgehen wird. Aber schauen wir uns einmal das biblische Beispiel von Esther an: Gott sprach nicht auf diese Weise zu ihr. Als jüdische Frau, die einen ungewöhnlichen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte, um Königin an der Seite von Ahasveros zu werden (Est 2,2-17), musste Esther lernen, dass Gottes Pläne Risiken mit sich bringen können – aber auch die Gelegenheit, Courage zu zeigen.

Haman, die rechte Hand des Königs, war ein Feind der Juden und bewirkte einen Erlass, dass alle Juden umgebracht werden sollten. Der persische König Ahasveros unterzeichnete diesen Erlass, ohne die Hintergründe zu kennen. Als Mordechai, Esthers älterer Cousin und Pflegevater, von diesem Plan erfuhr, erzählte er es Esther in dem Wissen, dass sie die einzige war, die in der Position war, ihr eigenes jüdisches Volk zu retten. Sie aber weigerte sich und sagte: Wenn sie ohne einberufen zu sein vor König Ahasveros treten würde, würde sie gemäß dem persischen Gesetz getötet werden – es sei denn, der König strecke ihr sein goldenes Zepter entgegen, damit sie am Leben bliebe. Den Thronsaal auf eigene Initiative zu betreten, war sehr riskant. Deshalb ließ sie Mordechai ausrichten, dass sie es nicht tun würde.

Die Bibel berichtet uns von Mordechais Antwort auf die Worte von Esthers Boten:

Da ließ Mordechai der Esther antworten: »Denke nicht in deinem Herzen, dass du vor allen Juden entkommen würdest, weil du im Haus des Königs bist! Denn wenn du jetzt schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung für die Juden kommen, du aber und das Haus deines Vaters werden untergehen. Und wer weiß, ob du nicht gerade wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?« (Est 4,13-14)

Was würdest du an Esthers Stelle tun? Um ein Zeichen vom Himmel beten? Darauf warten, dass Gottes Wille sich offenbart? Fragen, warum Gott dich in solch eine schwieriges Situation gebracht hat? Gar nichts und einfach davon ausgehen, dass alles, was Leid und vielleicht sogar Tod einschließt, nicht Gottes Plan für dein Leben sein kann? Schau, was Esther tat:

Da ließ Esther dem Mordechai antworten: »So geh hin, versammle alle Juden, die in Susa anwesend sind, und fastet für mich, drei Tage lang bei Tag und Nacht, esst und trinkt nicht. Auch ich will mit meinen Mägden so fasten, und dann will ich zum König hineingehen, obgleich es nicht nach dem Gesetz ist. Komme ich um, so komme ich um!« (4,15-16)

Beachte, was wir in dieser Geschichte nicht lesen: Wir lesen nicht, dass Esther nach irgendeinem offenbarten Wort vom Herrn suchte (wobei ein kluger Leser Gottes Wirken in Mordechais Rat an sie erkennen könnte). Sie hatte keine Verheißung, wie ihre persönliche Zukunft aussehen würde. Alles, was sie wusste, war: Es ist eine gute Sache, ihr Volk zu retten. Gott sagte ihr nicht, was passieren würde, wenn sie gehorchen würde, und er hat ihr auch nicht verraten, was sie exakt tun müsste, um Erfolg zu garantieren. Sie musste ein Risiko für Gott eingehen. »Komme ich um, so komme ich um«, lautete ihr mutiges Motto.

Esther verbrachte keine Wochen oder Monate damit, Gottes Willen für ihr Leben zu erkennen, bevor sie handelte. Sie tat einfach, was richtig war und was vor ihr lag, ohne ein spezielles Wort von Gott. Wenn der König ihr sein goldenes Zepter entgegenstreckte – preis den Herrn! Wenn nicht, würde sie sterben.

Esther war mannhafter als die meisten Männer, die ich kenne – mich eingeschlossen. Viele von uns, Männer wie Frauen, sind extrem passiv und feige. Wir gehen keine Risiken für Gott ein, weil wir wie besessen sind von Sicherheit, Geborgenheit und vor allem der Zukunft. Deshalb fallen die meisten unserer Gebete unter zwei Kategorien: Entweder beten wir dafür, dass alles gutgehen wird, oder wir beten dafür, zu wissen, dass alles gut gehen wird. Wir beten für Gesundheit, Reisen, die Arbeit – und das sollen wir auch. Aber die meisten unserer Gebete laufen darauf hinaus: »Herr, lass niemandem irgendetwas Unangenehmes widerfahren. Mach alles für alle Menschen auf der ganzen Welt schön.« Und wenn wir nicht diese Art von Gebeten sprechen, beten wir dafür, dass Gott uns sagt, dass alles gut ausgehen wird.

Das ist oft genau das, worum wir bitten, wenn wir dafür beten, Gottes Willen zu erkennen. Wir bitten nicht um Heiligkeit, Gerechtigkeit oder Sündenerkenntnis. Wir möchten, dass Gott uns sagt, was zu tun ist, damit alles angenehm für uns ausgeht. »Sag mir, wen ich heiraten soll, wo ich leben soll, auf welche Schule ich gehen soll, welche Arbeitsstelle ich nehmen soll. Zeig mir die Zukunft, damit ich keinerlei Risiken eingehen muss.« Das klingt nicht sehr nach Esthers Haltung.

Von Zukunftssorgen in Beschlag genommen zu sein, ist nicht Gottes Wille für unser Leben, denn es ist nicht Gottes Weg, uns die Zukunft zu zeigen. Sein Weg ist es, durch die Bibel zu uns zu reden und uns durch die Erneuerung unserer Gesinnung zu verändern. Sein Weg ist keine Kristallkugel. Sein Weg ist Weisheit. Wir sollten damit aufhören, von Gott zu erwarten, dass er uns die Zukunft offenlegt und alle Risiken aus unserem Leben nimmt. Wir sollten auf Gott schauen – auf seinen Charakter und seine Verheißungen – und dabei das Vertrauen haben, um seines Namens Willen auch Risiken einzugehen.

Gott ist allwissend und allmächtig. Er hat jedes Detail unseres Lebens durchgeplant und ausgearbeitet – die fröhlichen wie auch die schwierigen Tage – alles zu unserem Besten (Pred 7,14). Weil wir Gottes souveränem Willen vertrauen, können wir uns völlig seinem moralischen Willen widmen, ohne uns über seinen individuellen Willen sorgen zu müssen.

Mit anderen Worten: Gott geht keine Risiken ein, also können wir es.

Für einige bedeutet das, Gott genug zu vertrauen, um nicht am Geld zu hängen. Für andere bedeutet es, in schwierigen Umständen oder unangenehmen Situationen an Gottes Wort festzuhalten. Für wieder andere bedeutet es kulturübergreifende Mission oder mehr Evangelisation oder eine neue Vision oder ein Sündenbekenntnis oder die Auseinandersetzung mit einer Sünde oder eine neue Verletzlichkeit in einer Beziehung. Und für noch andere bedeutet es, den Hintern hochzubekommen und einen Job anzunehmen oder die Angst vor Ablehnung zu überwinden und sich eine liebenswerte christliche Frau zu suchen. Für uns alle bedeutet es, unser unstillbares Verlangen abzulegen, jeden Aspekt oder zumindest die allerwichtigen Aspekte unseres Lebens vor unseren Augen festzunageln, bevor es überhaupt so weit ist.

Gott hat einen wundervollen Plan für dein Leben – einen Plan, der dich durch Prüfungen und Erfolge bringen wird, während du in das Bild seines Sohnes verwandelt wirst (Röm 8,28-29). Darin können wir absolut zuversichtlich sein. Aber Gottes übliches Vorgehen ist es nicht, uns diesen Plan im Voraus zu zeigen – rückblickend vielleicht, aber selten vorab.

Fühlst du dich dadurch herausgefordert, dich zu entscheiden? Verzweifle nicht. Gott verheißt dir, deine Sonne und dein Schild zu sein, dich zu tragen und mit seinem starken Arm zu beschützen. So können wir damit aufhören, darum zu betteln, dass Gott uns die Zukunft aufzeigt, und damit beginnen, zu leben und gehorsam zu sein, weil wir überzeugt sind, dass Gott die Zukunft in seinen Händen hat.

 

[1]     Bruce Waltke: Finding the Will of God: A Pagan Notion? Grand Rapids: Eerdmans 1995, S. 15.

[2]     Vgl. Barry Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht. Ullstein 42014, S. 17-18.

[3]     Ebd., S. 158-159.

[4]     Beim englischen decide ist es ganz ähnlich: Das Wort kommt vom lateinischen decidere, was ebenfalls »abhauen«, »abschneiden« bedeutet. Die deutsche Übersetzung haben wir hier passenderweise übertragen (Anmerkung Betanien Verlag).

 

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