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Buchrezension: “Leben mit Vision” von Rick Warren

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Rezension 1 – von Wilfried Plock

Dieser Artikel findet sich auch in Wilfried Plocks Buch Gott ist nicht pragmatisch

Das Buch war ein Bestseller, bevor es erschien. Als noch keine Seite gedruckt war, lagen 500.000 Vorbestellungen vor. Es beschreibt eine 40tägige Reise, um den Sinn des Lebens zu entdecken. Versehen mit Empfehlungen von den höchsten evangelikalen Autoritäten Amerikas (Billy Graham, Bruce Wilkinson, Max Lucado, etc.) erklomm es bald die Hitlisten der Verlage. Die hohe Auflage kommt u. a. dadurch zustande, dass ganze Gemeinden das Buch in ihren Kleingruppen lesen – manche sogar statt der Bibel in ihrer Stillen Zeit.

Mein erster Fehler beim Lesen des “Millionen-Sellers” war, dass ich es nicht in 40 Tagen, sondern in weniger als 40 Stunden las. Das mag mir Rick Warren ja noch verzeihen. Schwerer wiegt dagegen mein zweiter. Ich legte nicht – wie er es fordert – meine grundsätzlich kritische Haltung ab. Doch das Erfreuliche zuerst. “Leben mit Vision” ist ein alles in allem erbauliches Buch. Ich bin davon überzeugt, dass besonders junggläubige Leser eine Menge aus diesem Buch lernen könnten. Der dritte Teil enthält ausgezeichnete Kapitel, über die ich mich von Herzen gefreut habe. Was er z.B. über die Umgestaltung in das Bild Jesu schreibt, hätte genauso aus der Feder von William MacDonald kommen können.

Doch jetzt wird es kritisch. An welche Adresse ist dieses Buch eigentlich gerichtet? Zunächst dachte ich: an Nichtchristen; der Autor konzipierte es, um Menschen für den Herrn zu gewinnen. Aber als ich weiterlas, fragte ich mich allen Ernstes: wie konnten sich durch die Lektüre von “Leben mit Vision” Hunderte oder gar Tausende bekehren? Die Darlegung des Evangeliums im ersten Teil des Buches ist ausgesprochen mager, oberflächlich und mangelhaft. Ein einziges Mal spricht Warren von der Verantwortung vor Gott. Zwei- oder dreimal werden Himmel und Hölle erwähnt. Die Sündhaftigkeit und völlige Verderbnis des Menschen wird ebenfalls unzulänglich ausgeführt. Rick Warren setzt beim “Kunden” an, und der Kunde mag keine schlechten Nachrichten. In seinem früheren Bestseller “Kirche mit Vision” schreibt er auf Seite 213: “Es gibt genügend schlechte Nachrichten auf der Welt, deshalb sind das Letzte, was die Menschen hören müssen, wenn sie in die Gemeinde kommen, noch mehr schlechte Nachrichten.” Zentrale biblische Begriffe wie “Heiligkeit Gottes” oder “Bekehrung” kommen überhaupt nicht vor. Und was noch schwerer wiegt: der Begriff und Vorgang der Umkehr fehlt völlig. Warren spricht lediglich vom “Glauben”. Gott hat aber vor die Erlangung des rettenden Glaubens die biblische Buße gesetzt (Mt 4,17; Apg 2,38; 17,30; 26,20). Kann man ein solches “Evangelium light” oder “Soft-Gospel” überhaupt noch Evangelium nennen?

Don’t get me wrong. Ich weiß wohl, dass der lebendige Gott souverän ist. Zum Glück kann er auch durch unvollkommene menschliche Predigten oder Bücher Menschen zu sich ziehen. Aber dass der Höchste auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, erlaubt uns nicht, bewusst solche krummen Zeilen zu fabrizieren. Die Schwäche von “Leben mit Vision” besteht weniger in dem, was der Autor sagt. Über die absolut pragmatische Aussage, dass Gott jede Art von Musik liebe (S. 63), wollen wir jetzt einmal großzügig hinwegsehen. Die Schwäche des Buches besteht mehr in dem, was Rick Warren nicht sagt. Auf S. 9 verspricht der Schreiber seinen Lesern: “Diese neue Perspektive wird Ihnen helfen, Stress zu verringern, leichter Entscheidungen zu fällen, zufriedener zu leben, und sie wird Sie vor allem auf die Ewigkeit vorbereiten.” Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Apostel Paulus seine Verkündigung mit solchen Schalmeien eingeleitet hätte. Schlimmer noch. Solche Versprechungen leiten den Leser von Anfang an auf ein falsches Gleis. Wie soll man jenen Leuten später beibringen, dass die Nachfolge Jesu Christi ungemein schwer, angefeindet und entbehrungsreich sein kann?

Oder ist “Leben mit Vision” doch an die Adresse von Christen gerichtet? Der Autor scheint diese Frage bewusst offen zu lassen. Das wäre jedoch weder redlich noch geistlich. Es entstünde ein “hermeneutischer Mischmasch”. Überhaupt ist Warrens Umgang mit der Schrift in diesem Buch genauso oberflächlich, pragmatisch und manchmal falsch wie in “Kirche mit Vision”. Es könnte als Lehrbuch dienen: wie missbrauche ich Bibelstellen, um meine vorgefasste Meinung zu belegen.

Und noch etwas bereitet mir Kopfzerbrechen. Das Buch wird vornehmlich solche Leser, die sich die Schätze aus der Blütezeit der Brüderbewegung noch nicht durch eigenes Bibelstudium angeeignet haben, zu dem Gedanken verleiten: “Sieh mal da, es geht scheinbar auch ohne die alten Zöpfe der Väter. Wir können auch auf moderne Weise Gemeinde bauen: offen, tolerant, freikirchlich.” Wenn schon gestandene Brüder in Holland und an anderen Orten von den Büchern Rick Warrens schwärmen, wie viel mehr dann junge, ungefestigte?

Zudem werden viele Leser durch “Leben mit Vision” – wenn zuvor noch nicht geschehen – auf das frühere Buch “Kirche mit Vision” aufmerksam werden, über welches ich noch viel unglücklicher bin. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Publikation findet sich in dem neuen Buch “Gott ist nicht pragmatisch – Wie Zweckmäßigkeitsdenken die Gemeinde zerstört” (Betanien-Verlag).

Rick Warren nennt sein Konzept “purpose driven” (vom Auftrag getrieben, auftragsorientiert). Das ist inzwischen ein eingetragenes Markenzeichen. In Wirklichkeit arbeitet er sehr stark “market driven”, das heißt auf der Grundlage von Marktforschung und demographischen Umfragen. Wenn uns schon etwas “treiben” muss, dann sollte es der Heilige Geist sein (Röm 8,14). Der wird dann auch dafür Sorge tragen, dass wir “geistliche Dinge auf geistliche Weise” vermitteln (1Kor 2,2-5.10-13).

Noch etwas. “Leben mit Vision” erklomm mühelos die weltliche Bücherhitliste der New York Times. Das ist ungefähr damit vergleichbar, wie wenn “Jesus unser Schicksal” an der Spitze der Bücherhitliste des “Spiegel” stehen würde. Dort stehen zur Zeit eher die Harry-Potter-Bände. Amerika ist zwar nicht Deutschland, aber der Herr Jesus Christus warnte seine Jünger einmal mit folgenden Worten: “Wehe, wenn alle Menschen wohl von euch reden …” (Luk 6,26). Das sollte uns ein wenig zu denken geben.

Nach den Willow-Wellen erreichen uns nun immer mehr die Ausläufer von Saddleback. IdeaSpektrum berichtete Ende Januar sehr positiv von den Erfahrungen der Matthäus-Gemeinde in Bremen, die das Projekt “40 Tage mit Vision” als erste deutsche Gemeinde erfolgreich getestet habe (Ausgabe Nr. 5/2004). In den USA führten im vergangenen Jahr 1500 Gemeinden die Kampagne durch und erreichten mehr als zwei Millionen Menschen.

Dennoch betrachte ich die Entwicklung mit großer Sorge. Ich freue mich zwar über jeden, der geistlichen Gewinn aus “Leben mit Vision” ziehen konnte. Aber ich würde es keinem Nichtchristen in die Hand geben. Und wenn Sie das Buch als Gläubiger lesen, machen Sie keine Fehler. Oder lieber doch?

Weitere Hintergrundinformation über Rick Warrens Philosophie finden sich in Wilfried Plocks Buch Gott ist nicht pragmatisch

Rezension 2 – zusammengestellt von Hans-Werner Deppe

“Leben mit Vision” – eine kritische Prüfung

Das erfolgreiche Buch “Leben mit Vision” (im Folgenden LMV abgekürzt, engl. Originaltitel “Purpose Driven Live”) von Rick Warren übt derzeit einen großen Einfluss in evangelischen und evangelikalen Gemeinden aus und wird in groß angelegten Programmen und Kampagnen eingesetzt. Aufgrund des großen Einflusses soll es erlaubt sein, die geistliche Qualität dieses Buches einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
LMV will die ganze Bandbreite des christlichen Lebens abhandeln und ist behandelt daher ein sehr breites Themenspektrum. Zudem packt der Autor oft sehr bedeutungsreiche Aussagen dicht hintereinander. Aus diesen Gründen kann die hier folgende Prüfung nur auf einige Grundrisse des Buches eingehen – eine vollständige Besprechung und Beurteilung könnte sogar länger ausfallen als das Buch selbst.
Zuerst gibt es Gutes über LMV zu sagen: Warren zitiert über 1000 Bibelverse und befürwortet gründliches systematisches Bibelstudium: “Die Bibel ist dafür gedacht, versweise, kapitelweise und bücherweise studiert zu werden” (S. 303). Gut ist auch, dass Warren der Bibel die höchste Autorität zubilligt, “auch wenn Ihr Verstand oder Ihre Gefühle dagegen sprechen” (S. 184). Leider werden diese Aussage durch die Gesamtausrichtung des Buches nicht bestätigt, sondern, wie wir sehen werden, entwertet.

LMV gliedert sich in fünf Teile, in denen jeweils eines von fünf Hauptlebenszielen des Menschen (= die fünf Hauptaufträge des Christen) behandelt wird. Damit werden gleich zwei bedeutende Probleme aufgeworfen: 1.) Wird der Leser als Mensch allgemein oder als Christ angesprochen? 2.) Sind mit diesen fünf Bereichen wirklich alle wichtigen Aufträge des Christen abgedeckt?
Das erste dieser Probleme ist das schwerwiegendste des Buches: Das Buch soll auch oder gerade den Nicht-Christen ansprechen, also evangelistisch sein, aber das enthaltene Evangelium ist verschwindend dünn und das Christwerden ein unzureichendes Schnellverfahren.
Hier zeigt sich bereits, dass der Mangel des Buches vor allem in dem besteht, was es nicht sagt. Bei seinem Anspruch, ein Allround-Buch zu sein, das Menschen zu Christen macht und diese Christen dann zur Reife führt, sind klaffende Lücken fatal.
Diese Lücken bestehen auch beim zweiten Problemfeld: Die fünf genannten Lebensziele sind nicht vollständig, z.B. werden wichtige biblischen Aufträge ignoriert wie “für die überlieferte Glaubenslehre zu kämpfen” (Jud 1,3), trotz grassierender Irrlehren das klare Wort Gottes zu predigen und gegen den Strom zu schwimmen (2Tim 3-4), sich von Irrlehre abzusondern etc.

Das Buch ist konzipiert als eine 40-tägige Reise, d.h. als eine Art Andachtsbuch für jeden Tag mit 40 Kapiteln. Am Anfang des Buches soll der Leser zusammen mit einem Partner einen “40-Tage-Vertrag” unterschreiben. Die Unterschrift von Rick Warren als Vertragspartner ist bereits aufgedruckt. Von der Bibel her betrachtet, hat ein solcher Vertrag keinen Nutzen, sondern ist sogar sehr fragwürdig. Christen sollen sich keinen geistlichen Verpflichtungen, Eiden, Bündnissen und Satzungen unterwerfen (Mt 5,34; Kol 2,20). Das Volk Israel verpflichtete sich im Alten Bund, die Gebote zu halten, und scheiterte kläglich. Der Neue Bund, ist wie alle Gnadenbünde Gottes, einseitig allein von Gott statuiert und kann von Menschen nicht gebrochen werden. Was ist, wenn der Leser den Vertrag nicht einhält?

Pragmatistischer Ansatz

LMV präsentiert einen auf Erfahrung basierenden, pragmatistischen Ansatz, der die Grundlage des ganzen Buches bildet. Gleich in den ersten Zeilen schreibt Warren:

“Dies ist mehr als ein Buch; es ist ein Reiseführer zu einer 40-tägigen geistlichen Reise, die Sie in die Lage versetzen wird, die wichtigste Frage in Ihrem Leben zu beantworten: ‘Wozu bin ich eigentlich auf dieser Erde?’ Am Ende dieser Reise werden Sie Gottes Ziel für Ihr Leben kennen. Sie werden einen größeren Überblick haben und verstehen, wie die verschiedenen Teile Ihres Lebens zusammenpassen. Diese neue Perspektive wird Ihnen helfen, Stress zu verringern, leichter Entscheidungen zu fällen, zufriedener zu leben, und sie wird Sie vor allem auf die Ewigkeit vorbereiten.” (S. 9) “Die nächsten 40 Tage können Ihr Leben verändern” (Original: The next 40 days will transform your life.” “Ich freue mich auf die Dinge, die mit Ihnen passieren werden. Sie sind auch mir passiert, und ich bin nicht mehr derselbe, seit ich Gottes Ziele und Absichten für mein Leben entdeckt habe” (S. 11).

Man beachte

  • die überschwängliche Natur dieser Aussagen – und dass sie nicht wahr sind. Es kann gut sein, dass der Leser am Ende der “Reise” nicht sein Lebensziel kennt, nicht transformiert worden ist und keine großartigen Dinge mit ihm geschehen sind.
  • die humanistische Ausrichtung: Der Mensch und sein Nutzen steht im Mittelpunkt (siehe auch die Widmung auf S. 5)
  • die pragmatische Grundhaltung: Es hat bei mir funktioniert, und deshalb wird es auch bei dir funktionieren.

Am Ende dieses Artikel kommen wir noch einmal auf diesen Marketing-Pragmatismus zurück.

Falscher Umgang mit der Bibel

LMV geht von Anfang an falsch mit der Bibel um. Z.B. ist schon die Grundlage der 40 Tage falsch. Warren behauptet, wenn Gott jemanden zu einem besonderen Zweck zubereiten wollte, habe er dafür eine Zeit von 40 Tagen gewählt. Warren nennt dafür folgende Beispiele:

  • Noahs Leben wurde durch 40 Tage Regen verändert (Original: “transformed”).
  • Mose wurde durch 40 Tage auf dem Berg Sinai verändert.
  • Die Kundschafter Israels veränderten sich durch 40 Tage im Verheißenen Land.
  • David wurde durch die 40 Tage dauernde Herausforderung durch Goliath verändert
  • Elia bekam durch eine einzige Mahlzeit Kraft für 40 Tage und wurde dadurch verändert.
  • Die Bewohner der Stadt Nineve hatten 40 Tage Zeit zur Umkehr und veränderten sich dadurch.
  • Jesus wurde durch 40 Tage in der Wüste für seinen Dienst bevollmächtigt.
  • Die Jünger wurden durch die 40 Tage verändert, die sie nach seiner Auferstehung mit Jesus verbrachten.

Die Aussagen dieser Auflistung sind schlichtweg falsch. Die Sintflut war keine Rüstzeit für Noah, sondern Gottes Gericht über die Welt. Mose empfing auf dem Berg Sinai keine Lebensveränderung, sondern das Gesetz. Zwei der zwölf Kundschafter waren bereits vor ihrer Reise gläubig und treu, den andern zehn fehlte der Glaube und sie entmutigten das Volk. David erfuhr von seiner Herausforderung erst, nachdem Goliath das Volk bereits 40 Tage lang bedrängt hatte. In Ninive sollte das Gericht nach 40 Tagen eintreffen, aber die Leute kehrten vorher um. Elia wurde nicht durch die 40 Tage verändert, sondern durch die Speise für die 40 Tage gestärkt; eine Lektion von Gott lernte er erst nach den 40 Tagen. Der Herr Jesus war bereits vor seinem Wüstenaufenthalt “bevollmächtigt” – als Sohn Gottes allgemein und durch den bei der Taufe herabkommenden Heiligen Geist für seinen Dienst insbesondere. Die Apostel wurden erst zu Pfingsten (49 Tage nach der Auferstehung) grundlegend verändert. Ihre 40 Tage mit dem Auferstandenen waren eine heilsgeschichtlich absolut einzigartige Zeit.

Die Bibel sagt einfach nicht, dass Gott eine Zeit von 40 Tagen veranschlagt hat, um jemanden zu einem bestimmten Zweck zuzubereiten. Warren verwendet einfach ausgesuchte Bibelstellen, um seine eigenen Gedanken zu belegen und den Leser von der Wichtigkeit des Buches zu überzeugen. Auch seine Behauptung: “Immer wenn Gott jemanden für eine Aufgabe vorbereiten wollte, nahm er sich dafür 40 Tage Zeit” (S. 9) ist falsch. Paulus war drei Jahre, Mose 40 Jahre in der Wüste, die Jünger verbrachten drei Jahre mit dem Herrn etc.

Oft werden Verse aus dem Zusammenhang gerissen und vom Autor zu seinen Zwecken instrumentalisiert. Z.B. benutzt Warren Matthäus 18,20 (“Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …”), um sein Kleingruppen-Modell zu rechtfertigen. Im Zusammenhang von Mt. 18 geht es jedoch um die Gemeinde als Ganzes (und sei sie am Ort noch so klein) und um Zuchtmaßnahmen dieser Ortsgemeinde, um gegen Sünde anzugehen.

Kapitel 7 ist überschrieben mit Sprüche 16,4: “Alles hat der Herr zu seinem Zweck gemacht.” Das ist ein höchst interessanter Vers, aber wie er weitergeht, ist nicht zitiert: “… so auch den Gottlosen für den Tag des Unglücks.” Diese schwerwiegende und irreführende Auslassung ist auch nicht durch eine Angabe von “16,4a” gekennzeichnet, sondern der Leser gewinnt mit der Angabe “16,4” den Eindruck, es handle sich um den vollständigen Vers.

Auf S. 163 warnt Warren vor Klatsch und Tratsch. “Wenn Sie solchem Gerede zuhören, dann nennt Sie die Bibel einen Verbrecher.” Als Beleg zitiert Warren Sprüche 17,4 und Judas 19. Doch um Klatsch und Tratsch geht es weder in Sprüche 17,4 (sondern um Lüge und bösartiges Reden) noch Judas 19 (sondern um Irrlehrer). Es stimmt, dass Klatsch und Tratsch schlecht ist, aber dies kann nicht mit Sprüche 17,4 und Judas 19 gezeigt werden. Auch wenn hier richtige Aussagen getroffen werden, werden sie mit einer falschen Bibelauslegung begründet – und eine solche falsche Bibelauslegung bildet die Grundlage für katastrophale Irrtümer an anderer Stelle.

Weitere Beispiele für den unzulässigen Umgang mit Bibelversen werden weiter unten aufgezeigt.

Schwach in der Lehre

LMV vermittelt eine schwache Theologie auf Grundlage eines mangelhaften Umgangs mit der Bibel. Viele Zitate stammen aus den freien Bibel-Übertragungen “Hoffnung für alle” und “Gute Nachricht”. Warren schreibt im Anhang (S. 323), dass er durch seine Bibelversions-Wahl das Verlorengehen bestimmter Bedeutungsnuancen vermeiden will, doch durch weit vom Grundtext entfernte Übersetzungen entgehen ihm gerade diese Nuancen – Widerspruch Eins. Außerdem wolle er dadurch “Gottes Wort in neuen, frischen Worten” [in der engl. Originalausgabe: “God’s truth in a new, fresh way] bringen. Widerspruch Zwei – denn mit “neuen, frischen” Worten führt man zwangsläufig andere Nuancen ein als im Grundtext beabsichtigt. (Im engl. Original werden noch wesentlich mehr, freiere und sinnentstellendere Übertragungen verwendet als in der deutschen Ausgabe, insbesondere die stark humanistisch geprägte “Message”-Übertragung von Eugene Peterson.)

Die Bibel ist das von Gott inspirierte Wort (Verbalinspiration) und damit die objektive und autoritative Wahrheit. Das freie Übertragen widerspricht der Verbalinspiration, da es nicht das inspirierte Wort Gottes weitergibt, sondern das Verständnis der Autoren, das falsch sein kann – und bei den verwendeten Version oft in eine liberale, moderne und humanistische Richtung tendiert.

Das freie Übertragen widerspricht der Objektivität der Bibel – weil ihr subjektiv empfundenes Verständnis widergegeben wird; und es widerspricht der Autorität der Bibel – weil sie von Menschenhand angetastet und angepasst wird.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Warrens Vorliebe für freie Übertragungen kontraproduktiv ist, was das Verstehen des Wortes Gottes anbelangt.

Oft werden Verse losgelöst vom Zusammenhang zitiert und von Warren in einen neuen, seinen eigenen, Kontext platziert, sodass sie einen anderen Sinn ergeben. Einige Beispiele:

Kapitel 2 ist überschrieben mit Jesaja 44,2 nach “Hoffnung für alle”: “Ich habe dich geschaffen, wie ein Kind im Mutterleib. Von Anfang an habe ich dir geholfen!” Der Zusammenhang des Verses zeigt aber klar, dass diese Worte an “Jakob, mein Knecht, und Israel, den ich erwählt habe” (Vers 1, vgl. Vers 2b) gerichtet sind, also an das erwählte Volk Gottes.

Warren will hier aber alle seine Leser und alle Menschen generell ansprechen – und so zitiert er diesen Vers tatsächlich “auf neue, frische Weise” – mit einem anderen Sinn, der nicht dem von Gott beabsichtigten Sinn entspricht.

Denselben Fehler begeht Warren im gleichen Kapitel (S. 23) mit dem Zitat von Eph 1,4-5, auf der gleichen Seite mit dem Zitat von Jak 1,18 und auf den nächsten zwei Seiten mit Jesaja 46,3-4 und Römer 12,2.

Derselbe Fehler findet sich auch gleich in der Widmung des Buches (S. 5), wo eine sehr entstellten Übertragung von Epheser 1,11 auf alle Leser angewendet wird.

Hier zeigt sich ein Hauptproblem des Buches: Es richtet sich sowohl an Gläubige wie Ungläubige, unterscheidet aber unzureichend zwischen beiden. Verheißungen an Gläubige werden zitiert, als gelten sie allen Lesern. Ungläubige können so getäuscht werden und meinen, sie seien bereits errettet, obwohl sie das wahre Evangelium weder begriffen, geschweige denn angenommen haben.

Eine gesunde Präsentation der grundlegenden biblischen Lehre vom Evangelium (z.B. Römerbrief) wäre nötig, um eine gemischte Leserschaft anzusprechen und klare Verhältnisse zu schaffen. Eine solche systematische Abhandlung des Evangeliums wird in dem Buch jedoch systematisch gemieden.

Unzureichendes Evangelium im Schnellverfahren

Stattdessen verzerrt LMV das Evangelium. Von einem Buch, dass Nichtchristen in 40 schrittweisen Lektionen den Sinn des Lebens erklären und sie somit zu Gott führen will, sollten wir erwarten, dass in den ersten Lektionen der Leser mit Gott konfrontiert, von Sünde überführt und zur Buße aufgerufen wird und ihm Christus und sein Heilswerk vorgestellt werden. Doch in typisch “kundenfreundlicher” pragmatischer Manier werden unentbehrliche Evangeliums-Inhalte wie Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Zorn, Buße, Verdorbenheit in Sünde, Umkehr etc. ausgelassen. Anstatt den schrecklichen Zustand des Sünders und seine ewige Verdammnis zu verdeutlichen, beschreibt Warren die Alternative zum Glauben: “Alles andere ist nur ein Existieren” (S. 57).

LMV übersieht zudem die Tatsache, dass auch ein Ungläubiger ein Lebensziel verfolgt – Feindschaft gegen Gott. Es verkennt, dass der Lebenssinn, das Wesen und die Natur des Ungläubigen in Rebellion gegen Gott besteht, dass er sündig und völlig verdorben ist. Das Buch verharmlost oder ignoriert Wahrheiten wie das Problem der Sündigkeit vor einem heiligem Gott, die absolute Notwendigkeit der Errettung sowie die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes.

Wenn LMV eine Einführung ins Christsein bieten soll, werden etliche grundlegende Lehren ignoriert oder unvollständig bzw. nicht von der Bibel her erklärt. Sogar bei der Darstellung des Evangeliums fehlen:

  • die Gottheit, Sündlosigkeit etc. Jesu
  • Buße
  • der Grund für Jesu Sterben am Kreuz
  • die ewigen Konsequenzen der Sünde

Am Tag 1 wird der Leser vertröstet: „Wenn Sie noch keine solche Beziehung zu ihm [Jesus Christus] haben, werde ich später erklären, wie Sie eine eingehen können.“ (S.20) Das versucht Warren dann allein am Tag 7 abzuhandeln. Der einzige wirkliche evangelistische Satz lautet dort: “Glauben Sie, dass Gott Sie für eine Beziehung zu seinem Sohn Jesus Christus geschaffen hat, der am Kreuz für Sie gestorben ist.” (S. 57). Noch eine kurze Erwähnung von “Jesus Christus als Ihren Herrn und Erlöser” und ein kleiner Hinweis auf Sündenvergebung – das wars. Das reicht für einen Nichtchristen niemals aus, wenn es nicht näher erkärt wird. Daraufhin wird der Leser einfach aufgefordert, “das Gebet zu sprechen, das Ihre Ewigkeit verändern wird: ‘Jesus, ich glaube an dich und ich möchte, dass du Teil meines Lebens wirst.'” (S. 57). Teil meines Lebens? Mehr nicht? Mein Arbeitskollege, mein Hund und mein Auto sind auch “Teil meines Lebens”. Warren fährt fort: “Wenn Sie dieses Gebet ernsthaft gesprochen haben, herzlichen Glückwunsch! Herzlich willkommen in der Familie Gottes.” (S. 57).

Auch seine spätere Definition, worin die “Gute Nachricht” besteht (S. 290-291), dringt nicht tiefer ein. In diesem Abschnitt zum Evangelisations-Auftrag wird nur eine allgemeine Liebe Gottes betont, aber sein Zorn, das enorme Problem der Sünde, Buße usw. ausgelassen. Das Evangelium gemäß der Bibel verdeutlich zuerst, dass der Sünder unter Gottes Zorn steht (vgl. Röm 1,18ff), bevor es die Liebe Gottes verkündet. Ganz anders das Evangelium gemäß Warren. Er zitiert sogar einen Vers, indem eigentlich der Zorn Gottes über alle Ungläubigen ausgedrückt wird, lässt dabei aber gerade diese Aussage weg (Joh 3,36 wird auf S. 57 nur zur Hälfte zitiert.)

Grundlegende Lehren fehlen

Auch andere Lehren werden ähnlich oberflächlich abgefertigt. Einheit und Mitgliedschaft in der Gemeinde werden herausgestellt, doch Schlüsselverse wie Hebräer 10,25 fehlen und die Notwendigkeit lehrmäßiger Reinheit wird komplett verschwiegen. Versuchung wird thematisiert, aber die Schuld wird offenbar stets auf Satan geschoben, während die Reaktion des Christen weitgehend reduziert wird auf Warrens Ratschläge wie “Konzentrieren Sie sich auf etwas anderes” (S. 206, Original: “Refocussing your thoughts”) oder sich einer “Selbsthilfegruppe” anzuschließen (S. 210). Verstrickungen in Sünde werden reduziert auf “einen Teufelskreis von guten Vorsätzen, Versagen und Schuldgefühlen”, und das Gegenmittel ist nicht Buße, Glaube und das Kreuz, sondern “die Hilfe anderer Menschen” (S. 209).

Themen wie die Heiligkeit Gottes, das Kreuz, das sündige Fleisch, die Absolutheit biblischer Wahrheit, die Souveränität Gottes, seine Gebote etc. werden weggelassen, um solchen Themen Platz zu machen, die ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln: Liebe, Familie, geistlicher Erfolg, Einheit und persönliche Erfüllung. Es verwundert nicht, dass Warren als drei von vier Zwecken des Buches nennt: ” Stress zu verringern, leichter Entscheidungen zu fällen, zufriedener zu leben” (S. 9).

Im Gegensatz dazu betonten die Lehren Christi und der Apostel den ganzen Ratschluss Gottes, und nicht nur dessen beliebtere Bestandteile. Z.B. sprach Jesus mehr über die Hölle als über den Himmel, forderte von seinen Nachfolgern Buße (Mt 4,17; Lk 5,32) und radikale Trennung von Sünde (Mt 5,29-30; 18,8-9), und stellte heraus, dass wahre Jüngerschaft alles kosten kann (Mt 10,32-39; Mk 8,34-38). Auch die Apostel betonten die Buße (Mark 6,12; Apg 2,38; 20,21), die Wichtigkeit lehrmäßiger Reinheit (Gal 1,6-10; Jak 3,17), lehrmäßigen Tiefgang (Hebr 5,11-14) and völligen Gehorsam (1Jo 2,3; 3,24). Warren streitet diese Dinge zwar nicht unbedingt ab, gibt ihnen aber nicht den Stellenwert, den die Schrift ihnen beimisst – insbesondere, wo es in dem Buch doch um den gesamten Sinn und Zweck des Lebens gehen soll.

Fragwürdiges, unbiblisches Gottesbild

Durch etliche vereinfachte und pauschale Aussagen über Gott vermittelt LMV ein fragwürdiges Gottesbild. Gleich auf S. 5 wird in der Widmung wird behauptet: “Gott sehnt sich danach, dass Sie das Leben entdecken, für das er sie erschaffen hat.” Diese Aussage bringt mehrere Probleme mit sich. Erstens steht das nicht in der Bibel. Zweitens wird Gott eine tiefe, innige Herzensregung (Sehnsucht) zugesprochen – aber woher will Warren das wissen, wenn es so nicht in der Bibel steht? Drittens vermittelt diese Aussage den Eindruck, es könne geschehen, dass Gottes höchste Sehnsucht unerfüllt bleibt, weil Menschen ihn aufgrund ihrer eigenen Entscheidung enttäuschen. Es vermittelt den Eindruck eines schwachen Gottes, der in der Erfüllung seiner Sehnsüchte auf uns Menschen angewiesen ist.

Im ganzen Buch finden sich Aussagen über Gottes Herz, seinen Charakter usw., die so nicht in der Bibel stehen. Z.B. schreibt Warren auf S. 62, “Gott liebt, ist vergnügt, genießt, feiert und er lacht sogar” und führt dazu in der Endnote eine Liste von 15 Bibelstellen an. Von diesen jedoch sprechen die meisten von der Eifersucht oder dem Erbarmen Gottes – und nur eine davon, dass Gott lacht (Ps 2,4) – im Zusammenhang gelesen lacht er dort allerdings im Gericht über seine Feinde!

Oft macht Warren absolute Aussagen über das Herz Gottes, als würde er ihn durch und durch persönlich kennen: “Nichts auf der Welt liegt Gott mehr am Herzen als seine Familie” (S. 158). Und er kennt offenbar auch den Musikgeschmack Gottes; er mag “alle Musikstile” (S. 63). Dies sind nur wenige Beispiele.

Anstatt die Gottheit und Vollkommenheit Jesu zu lehren, stellt Warren ihn so dar, als habe er es als Option in Erwägung gezogen, den Auftrag des Vaters nicht zu erfüllen: “Jesus stand an einer Weggabelung. Würde er seinen Auftrag erfüllen … oder zurückweichen …? Sie haben dieselbe Wahl” (S. 56). Warren behauptet auch, Jesu demütiger Dienst habe auf seinem guten Selbstwertgefühl basiert und schreibt über Jesu Dienst der Fußwaschung: “Jesus wusste, wer er war, und so bedrohte diese Aufgabe sein Selbstbild nicht” (S. 272).

Was die tatsächliche biblische Lehre über Gott betrifft, hinterlässt LMV jedoch eine schlimme Lücke. Bei einem Buch mit diesem Anspruch wäre es grundlegend wichtig, die Eigenschaften Gottes ausgewogen und gründlich darzustellen und die Person und Gottheit Jesu Christi zu präsentieren. Solche elementaren Grundwahrheiten fehlen jedoch. LMV verkündet nicht Gott, geoffenbart in Christus.

Humanistisches Selbstwert-Evangelium – Psychologietick 1

Die Aussage auf S. 17 trügt: “Es geht nicht um Sie. Es geht in Ihrem Leben um weit mehr als um Selbsterfüllung, persönliche Zufriedenheit und Glück.” Der Großteil des Buches dreht sich eben doch darum, wie der Leser zu einem besseren, erfüllteren Leben mit mehr Glück und Zufriedenheit finden kann. Es ist mehr ein Rezeptbuch zu einem besseren Leben als ein Buch über Gott oder Jesus Christus.

Fast in jedem zweiten Satz wird der Leser angesprochen “Sie sind … Sie haben … Sie sollen … Sie … Sie … Sie”. Das wirkt beinahe wie ein psychologisch-therapeutischer Schmeichelei-Trick – “ich fühl mich beim Lesen wohl, denn es geht um mich”. Wie soll der Leser da von sich weg schauen auf Gott hin? Ganz klar geht es in diesem Buch doch um den Leser!

Und der Leser wird geehrt: “Sie machen [Gott] nur Freude, wenn Sie Sie selbst sind. Jedes Mal, wenn Sie einen Teil von sich ablehnen, dann stellen sie auch Gottes Schöpferweisheit in Frage …” (S. 72). Warren ignoriert den Sündenfall und die Verdorbenheit des gefallenen Sünders. Sich als verdorbener Sünder zu betrachten, ist aber unverzichtbar für die Errettung aus Gnade. Doch Warren steigert sich richtig in seine Selbstwertphilosophie hinein: “[Gott] liebt sie so sehr, als wären Sie der einzige Mensch auf dieser Welt” (S. 73). Jesus habe jedem von uns am Kreuz verdeutlichen wollen: “Ich sterbe lieber, als ohne dich zu leben!” (S. 76).

Da Warren nicht die Grundwahrheit der Stellung des Gläubigen in Christus lehrt, da er ignoriert, dass wir nur in Christus Gott wohlgefällig sein können, lehrt er letztlich ein eindeutiges Selbstverwirklichungs-Evangelium: Parolen wie “Gott will, dass Sie Sie selbst sind!” werden ständig wiederholt. Aber Gottes höchstes Ziel ist nicht, dass jeder sich selbst verwirklicht, sondern alles unter Christus als Haupt zusammenzufassen (Eph 1,10).

“Das Fleisch nützt nichts” (Joh 6,63) lehrte der Herr Jesus, aber Rick Warren fördert das Vertrauen auf das eigene Fleisch: “Sie sind ein maßgefertigtes, einzigartiges, originales Meisterwerk. Gott hat … sorgfältig den DNS-Cocktail gemixt, aus dem Sie erschaffen wurden” (S. 230-231). Dies ist das Thema des ganzen 4. Teils “Geschaffen, um Gott zu dienen.” Der Christ jedoch dient Gott nicht durch sein Fleisch, sondern “im Geist” (Röm 8,8f; Phil 3,3). Er ist nicht geschaffen, sondern erlöst, um Gott zu dienen, nicht mit “Fleischesgaben”, sondern Geistesgaben.

Doch Warren preist die Qualitäten des natürlichen Menschen nach der psychologisch-mythologischen Temperamentenlehre: “Petrus war ein Sanguiniker, Paulus ein Choleriker. Jeremia war melancholisch … Es gibt kein richtiges oder falsches Temperament für den Dienst” (S. 234). Der Leser soll außerdem “Bücher und Hilfsmittel” heranziehen, die ihm “helfen können, Ihre Persönlichkeit zu verstehen” (S. 235). Die Schrift lehrt, “wenn jemand in Christus ist … ist das Alte vergangen” (2Kor 5,17), aber Warren meint “wie buntes Glas reflektieren unsere unterschiedlichen Persönlichkeitsstile Gottes Licht …” (S. 235). Im darauffolgenden 32. Kapitel wird die Beschäftigung mit sich selbst noch mehr forciert mit Überschriften wie “Entdecken Sie Ihre Begabungen … Berücksichtigen Sie Ihr Herz und Ihre Persönlichkeit … Nehmen Sie Ihr persönliches Profil an und freuen Sie sich darüber … Entwickeln Sie Ihr Profil weiter” (S. 246-250). Die fatalen Auswirkungen unserer sündigen Natur und unserer sündigen Wünsche, Ziele und Taten werden jedoch ignoriert. Warren meint, wir sollten unser “einzigartiges Profil feiern” (S. 248).

Auf S. 265 geht Warren sogar so weit zu behaupten, Jesus habe nur “aus einem sicheren Selbstwertgefühl heraus” die Füße der Jünger gewaschen: “Jesus wusste, wer er war, und so bedrohte diese Aufgabe sein Selbstbild nicht.” Und für Gideon analysiert er, seine “Schwäche war seine geringe Selbstachtung” (S. 272).

Auf menschliche Harmonie ausgerichtet – Psychologietick 2

Die Schwachpunkte des Buches bestehen nicht nur in einzelnen Falschaussagen, sondern auch in der Gewichtung und Stellenwert bestimmter Themen. So gibt Rick Warren dem Thema Gemeinschaft und Beziehungen höchste Priorität. Der ganze 2. Teil (“Sie wurden als Teil von Gottes Familie erschaffen”) dreht sich auf 53 Seiten darum: “Gott sagt, dass Beziehungen das Wichtigste in unserem Leben sind” (S. 122). Das ist sicher ganz im Sinne eines toleranten, ökumenischen Christentums. In der Bibel jedoch hat Treue zu Christus und seinem Wort die Priorität vor Gemeinschaft mit Menschen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Gemeinschaft unter Christen ist sehr wichtig, aber Treue zu Christus und seinem Wort in Form von Reinheit in Lehre und Praxis ist noch wichtiger. Ja, Liebe ist das Allerwichtigste, nämlich die Liebe zu Gott.

Beim Thema Gemeinschaft kommt auch Warrens Hang zur Psychologie zum Tragen: z.B. empfiehlt er Gebet als “Ventil nach oben” (S. 152), nennt Konzepte aus dem Psycho-Management (“Betonen Sie die Versöhnung, nicht die Lösung”, S. 156, “Konzentrieren Sie sich auf die Gemeinsamkeiten, nicht auf die Unterschiede”, S. 159). In seiner Gemeinde wird ein Programm eingesetzt (“Celebrate Recovery – Wiederherstellung feiern”, S. 210), das angeblich “auf den Seligpreisungen Jesu basiert”, aber eine Abwandlung des psychotherapeutischen 12-Schritte-Programms ist. In “Tausenden von Gemeinden” wurden dadurch “über 5000 Menschen von allen möglichen Angewohnheiten, Verletzungen und Abhängigkeiten befreit”. Das fördert mehr den Glauben an Konzepte als Buße und alleiniges Vertrauen auf Jesus Christus.

Einheit hat für Warren höchste Priorität: “Um der Einheit willen dürfen wir nicht zulassen, dass uns solche Unterschiede trennen” (S. 159). Sein Einheitsstreben geht sogar so weit, dass die Mitglieder von Warrens Saddleback-Gemeinde “einen Vertrag unterzeichnen … die Einheit der Gemeinschaft zu schützen und zu fördern” (S. 165) Kritisches Hinterfragen und Prüfen an der Bibel ist so also kaum möglich.

Jegliches Kritisieren lehnt Warren tatsächlich radikal ab (S. 161f) – und leugnet damit unzählige biblische Aufforderungen, das Christen sich gegenseitig ermahnen (Röm 15,14; Kol 3,16; 1Tim 4,13 etc.) und bei schweren Fehlern auch streng zurechtzuweisen sollen (1Thes 5,14; 1Thes 3,15; Tit 1,13 etc.). Warren hingegen schreibt:„Wann immer ich einen anderen Christen verurteile, geschehen umgehend vier Dinge: Ich verliere meine Gemeinschaft mit Gott, ich lege meinen Stolz … offen, ich setze mich dem Gericht Gottes aus und ich beeinträchtige die Gemeinschaft in der Gemeinde. Eine kritische Haltung ist eine teure Angelegenheit.“ (S.162) Solche Behauptungen finden sich nicht in der Bibel, sondern widersprechen ihr. Als Buch, das unsere Aufträge als Christen auflisten will, hat LMV hier nicht nur eine Lücke, sondern behauptet das Gegenteil!

Die Reformation hätte es nie gegeben, wenn Luther sich an Warrens Ratschläge gehalten hätte, nie zu kritisieren, der Einheit höchste Priorität zu geben und stets der Kirchenleitung unkritisch zu folgen. Auch wären Tausende prostestantischer Märtyrer vor dem Tod bewahrt worden, wären sie Warrens Einheits-Philosophie gefolgt.

Insgesamt ist LMV ökumenisch-unanstößig. Das Buch wird in verschiedensten Denominationen genutzt und anerkannt. Erfahrungen zeigen: Ein guter Katholik wird völlig einverstanden sein mit dem Buch und keineswegs dadurch erkennen, dass er bisher etwas falsches geglaubt hat. Gleiches gilt für Siebenten-Tags-Adventisten, Neuapostolische etc.

Seinen ökumenischen Inklusivismus verdeutlich Warren auch durch die große Bandbreite von Autoren, die er im positiven Sinne zitiert, z.B.:

  • den New-Age-Lehrer Bernie Siegel, der Heilung durch okkulte Visualisierung lehrt (S. 31),
  • den Transzendentalisten Henry David Thoreau (S. 32)
  • den antichristlichen Autor George Bernard Shaw (34).
  • den katholischen Mystiker Bruder Laurentius (S. 86).
  • Mutter Teresa auf S. 123
  • die Mystikerin Madame Guyon auf S. 190
  • Aldous Huxley, den alkoholsüchtigen Gründer der Human-Potential-Bewegung
  • den katholischen Priester und Mystiker Henri Nouwen (S. 266)
  • Albert Schweitzer, der die Gottheit Jesu bekämpfte (S. 267)
  • William James, den Vater der amerikanischen Psychologie (S. 280)

Irrige Auffassung von Gebet

Für Warren ist das Gebet ein “Ventil nach oben” (S. 152). Er empfiehlt eine Mantra-artige katholisch-mystische Gebetsform: “Gebete, die sich am Atemrhythmus orientieren. Diese Praxis war bei Christen vergangener Jahrhunderte weit verbreitet. Man wählt einen kurzen Satz, der innerhalb eines Atemzuges wiederholt werden kann …” (S. 86) Außerdem empfiehlt er die Ratschläge des katholischen Mystikers Bruder Laurentius (S. 86) und der Benediktiner-Mönche (S. 87) und verheißt: “Manchmal werden Sie dann Gottes Gegenwart fühlen, manchmal aber auch nicht.”

Warren propagiert auch verschiedene “Frömmigkeitsstile”. Man solle sich “Anbetungsstile” aussuchen, die “zu Ihrer Persönlichkeit passen”, darunter “von der Natur inspiriert werden”, “Liturgien, Symbole und feste Strukturen” [Original: “rituals, liturgies, symbols”]. Auch “das Böse bekämpfen” und “sich anderen Menschen zuwenden” und “den Verstand zum Studium gebrauchen” sind seiner Meinung nach “Anbetungsstile”, die nicht zu allen passen, aber je nach persönlicher Vorliebe gewählt werden können. In der Bibel jedoch sind das Pflichten aller Christen.

Die Lehre der Transformation

In der engl. Originalausgabe ist der Ausdruck “transform” (transformieren, verändern) ein Schlüsselbegriff. Der Leser soll durch das 40-Tage-Programm verändert, transformiert werden. Auch wenn dieses engl. Wort stärker ist als das in der deutschen Ausgabe verwendete “verändern”, erweckt dieser Schlüsselbegriff des Buches den Eindruck einer mystischen Veränderung des Menschen, die die Bibel nicht kennt und die in ihrem Wesen sogar heidnisch ist. Der Sünder kann in seinem Wesen nicht verändert, verbessert oder veredelt werden. Nur die radikale Botschaft des Kreuzes, die Botschaft von Tod und Auferstehung, kann ihn “ganz neu” (2Kor 5) machen. Denkwürdigerweise fehlt diese biblische Lehre der Neugeburt in LMV. Stattdessen zielt das Buch auf einen allmählichen Veränderungsprozess ab, der nicht in Christus und seinem Heil gegründet ist.

Der ganze dritte Teil des Buches dreht sich auf 52 Seiten unter der Überschrift “Sie wurden erschaffen, um Christus ähnlich zu werden” um das Thema Veränderung und geistliches Wachstum. Tatsächlich finden sich hier gute und richtige Aussagen, auch wenn es in der Überschrift richtiger heißen müsste: “Der Christ wurde erlöst, um einmal Christus ähnlich zu werden.” Lobenswert ist, dass Warren in einem Kapitel verdeutlicht, dass geistliches Wachstum durch das Wort Gottes kommt.

Doch werden in diesem Teil auch mindestens zwei schwerwiegende lehrmäßige Irrtümer verbreitet:

Erstens wird geistliches Wachstum auf ein grundsätzliches anderes Fundament gestellt als die Errettung, nämlich auf das der eigenen Werke: “Ihre eigenen Anstrengungen bewirken nichts bei Ihrer Errettung, aber sehr viel bei Ihrem geistlichen Wachstum” (S. 173). Warren behauptet, “Gott wartet darauf, dass Sie den ersten Schritt tun” (S. 172), und verheißt lediglich, “dass der Heilige Geist Ihnen bei diesen Veränderungen helfen wird” (S. 178). Unter der Überschrift “Gottes Beitrag und Ihr Beitrag” lehrt Warren, “Geistliches Wachstum entsteht aus der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Heiligen Geist” (S. 178).

Dieses Werke-orientierte Denken ist aber schwerwiegend falsch. Die Galater mussten ermahnt werden, dass nicht nur das Heil, sondern auch die Heiligung ganz aus Gnade und ganz aus Glauben ist.

Zweitens versteht Warren geistliches Wachstum als einen inneren Veredelungsprozess: “Wir werden von innen heraus verändert, werden noch schöner und können uns in neue Höhen erheben” (S. 173). Warren behauptet, Gott sei “an der Entwicklung Ihres Charakters weit mehr interessiert ist als an etwas anderem” (S. 175). Er sei bestrebt, “in Ihnen einen Charakter zu entwickeln, der dem Wesen Christi entspricht” (S. 171).

Geistliches Wachstum bezieht sich in der Bibel jedoch nie auf eine Charakterveränderung, sondern hat stets mit “Wachstum in der Gnade und Erkenntnis Jesu Christi” (2Petr 3,18; vgl. Eph 4,11-16; Kol 1,6.10; 1Petr 2,2, Joh 3,30) zu tun, und zwar allein durch das Wort Gottes. Das Wort Gottes verändert aber nicht den Charakter, sondern stärkt den von Gott geschenkten Glauben, der auch als “neues Herz” bezeichnet wird und das Denken und Handeln des Christen bestimmt. Der Charakter des Sünders ist und bleibt unverbesserlich verdorben. Die Auffassung, der Charakter könne verbessert werden, stammt vielmehr aus Mystik und Humanismus.

Warrens Marketing-Methode

Angesichts Rick Warrens Hintergrund der “besucherfreundlichen”, pragmatistischen Gemeindewachstums-Bewegung verwundert es nicht, dass auch LMV genau die Marketing-Methode dieser Bewegung widerspiegelt. Z.B. werden als Qualitäten des Buches ja nicht akkurate Bibelauslegung oder Darlegung biblischer Wahrheit angepriesen, sondern kundenorientierte Versprechungen gemacht wie das “Leben zu verändern”, zu erkennen “wie die verschiedenen Teile Ihres Lebens zusammenpassen” und “zufriedener zu leben” (S. 9).

Auf der Rückseite stimmen einflussreiche Evangelikale in diesen Lobgesang ein: “Leben mit Vision wird Sie zu persönlicher Größe führen” (Billy Graham), “… ein wertvolles Geschenk für jeden, der das Ziel seines Lebens kennen und seine Berufung erfüllen möchte. Auf dieses Buch haben wir gewartet!” (Bruce Wilkinson), “Wenn Sie nur ein einziges Buch über den Sinn des Lebens lesen wollen, dann sollten sie dieses lesen!” (Lee Strobel, Willow Creek).

Die Marketing-Strategie ist nur zu offenbar: Kaufen Sie dieses Buch – und Sie werden glücklicher sein. Entdecken Sie die Vorteile des Lebens als Christ! Das sind dick aufgetragene Werbesprüche, die im krassen Widerspruch zur Kreuz-Aufnehmen-“Strategie” Christi und seiner Apostel stehen.
Hinter dem 40-Tage-Konzept steht eine riesige Marketing-Kampagne. Im Herbst 2004 nehmen nach Angaben der Purpose-Driven-Organisation weltweit mehr als 10’000 Gemeinden an der Kampagne „40 Tage – Leben mit Vision“ teil. Der englische Originaltitel “Purpose Driven” ist sogar ein rechtlich geschütztes, eingetragenes Markenzeichen. Außer einer ganzen Reihe auch auf Deutsch erhältlicher Bücher “LMV – Gebetstagebuch”, “Jugendarbeit mit Vision”, “Praktische Schritte zu einer Kirche mit Vision” und dementsprechenden Hörbüchern und CDs (“Leben mit Vision Playback – eine musikalische Reise zum Sinn des Lebens”) werden (zumindest in den USA) bis hin zu Kaffeetassen, T-Shirts usw. allerhand Utensilien rund um dieses Produkt angeboten.

In Deutschland werden nach amerikanischem Modell 40-Tage-Kampagnen für ganze Gemeinden angeboten – und hohe Teilnahmegebühren dafür verlangt. Erfolgsgarantie natürlich inbegriffen, zumindest in Zahlen ausgedrückt.

Erfolg wird bei “Purpose Driven” meist in Zahlen gemessen – Mitgliedszahlen, Verkaufszahlen, Zahlen erreichter und beeinflusster Menschen. Auf der offiziellen Webseite www.purposedriven.com werden sogar Karrieremöglichkeiten in den Bereichen Kundendienst, Finanzen, Marketing und Medien angeboten. Echter geistlicher “Erfolg” lässt sich aber nicht an zählbaren Faktoren messen.

Diese Rezension wurde von Hans-Werner Deppe erstellt mithilfe mehrerer englischer Rezensionen. Eine Liste der verwendeten Artikel findet sich unter
http://www.erwm.com/Church%20Growth%20Movement.htm

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