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Christ + Gemeindegründung

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Die Leiden des jungen Gemeindegründers

Von Stefan Beyer, erschienen in Timotheus Magazin Nr. 35 (02/2019)

Christ + Gemeindegründung

Meine Frau Antje und ich waren von 2009 bis 2010 als Missionare mit dem Missionswerk Operation Mobilisation (OM) in Ägypten. Wir entschieden uns, nach unserem Einsatz wieder nach Jena zurückzukehren. Allerdings war uns bewusst, dass es in Jena keine evangeliumszentrierte Gemeinde gab, die auch einen Fokus auf Jüngerschaft hatte. Vor unserer Zeit als Missionare hatten wir mit einer Studentengruppe namens Connexxion zusammengearbeitet und unser Leben in Studenten an der Universität investiert, um sie darin anzuleiten, wie man Jesus nachfolgt. Dieser Dienst war immer von dem Wehrmutstropfen begleitet, dass wir keine gute Gemeinde vor Ort hatten, in die wir die Studenten, mit denen wir Jüngerschaft machten, schicken konnten. Es fühlte sich immer wie ein Schwimmen gegen den Strom an, weil in den Ortsgemeinden das Evangelium nicht so klar gelehrt wurde und die Studenten deshalb immer wieder Unsicherheiten bekamen. Also entschlossen wir uns, eine eigene Gemeinde zu gründen.
Gott hatte es so gefügt, dass es aus der Studentenarbeit heraus schon einen Gebetskreis gab, der für eine neue Gemeinde betete. Er bestand damals aus drei Ehepaaren. Sie warteten nur noch auf jemanden, der bei der neuen Gemeindegründung die Leitung übernehmen würde. Wir entschieden uns gemeinsam, dass wir uns den Freien evangelischen Gemeinden anschließen wollten, weil sie a) einen großen Fokus auf Gemeindegründung haben und b) wir bei der ersten Evangelium21-Konferenz im Jahr 2011 einige Pastoren aus den FeGs kennenlernten und deshalb die Hoffnung hatten, in diesem Bund mehr reformierte Mitstreiter zu finden als anderswo. Wir begannen mit unseren ersten Gottesdiensten im Sommer 2012 und wurden wenig später als Evangeliumsgemeinde Jena vom Bund offiziell als „Gemeinde in Gründung“ aufgenommen.
So weit, so gut. Wir hatten viele Ideen für die neue Gemeindegründung und auch ein Vertrauen auf Gott, dass er in Ostdeutschland wirken möchte und das Evangelium dazu gebrauchen kann, Menschen zu sich zu ziehen und in der Nachfolge Christi wachsen zu lassen. Auch wenn ich durch einige Gemeindegründer, die ich kannte, gewarnt wurde, dass der Weg einer Gemeindegründung in Ostdeutschland sehr schwer werden würde, war ich doch optimistisch, dass der Gott, der in Ägypten die Herzen von Muslimen verändern konnte, auch unter atheistischen Ostdeutschen wirken konnte.
Allerdings kamen dann doch einige Enttäuschungen, die mich zu verschiedenen Zeiten aus der Bahn geworfen haben und über die ich hier kurz berichten möchte.

Das Gefühl das Verlassenwerdens

Im Laufe unserer Gemeindegründung haben immer wieder Menschen unser Gründungsprojekt verlassen, in die wir einst große Hoffnungen gesetzt hatten. Das begann damit, dass viele Studenten, in die wir schon jahrelang im Rahmen der Studentenarbeit Connexxion investiert hatten, nicht bei unserer Gemeindegründung mitmachen wollten. Es stellte sich heraus, dass sie schon zu sehr in den anderen Gemeinden verankert waren und nicht bereit waren, den Schritt in eine kleine Gemeinde mit ungewisser Zukunft zu machen. Das hatte mich persönlich sehr enttäuscht, weil wir gerade diesen Leuten ein gutes Umfeld für ihr langfristiges Wachstum in Christus bieten wollten. Ich fühlte mich ein bisschen wie Paulus, der am Ende seines Lebens schrieb, dass er von allen verlassen wurde (2Tim 4,16).
Dazu kam auch, dass ein Ehepaar aus dem Gründungskreis ganz plötzlich entschied, nicht mehr länger mitmachen zu wollen. Wir hatten den anderen Gemeinden von unserer Gründungsabsicht erzählt und dabei zum Teil so heftigen Widerstand bekommen, dass es für dieses Ehepaar zu viel wurde. Viele der örtlichen Gemeinden betrachteten uns als Konkurrenz, statt auf den riesigen Bedarf in Jena zu sehen, wo nur 1% der Bürger regelmäßig einen Gottesdienst besuchen.
Im Laufe der Zeit verließen uns immer wieder liebgewonnene Menschen. Da Jena eine studentisch geprägte Stadt ist, bleibt es nicht aus, dass Menschen ihr Studium abschließen und dann dort hinziehen, wo sie eine gute Arbeit finden. Das ist absolut nachvollziehbar. Nur war es für uns oft verletzend, dass die Umzugsentscheidung überraschend kam und aus unserer Sicht nicht ausreichend darauf geachtet wurde, dass an dem neuen Ort auch eine evangeliumszentrierte Gemeinde ist und nicht nur eine gute Arbeitsstelle. Das fühlte sich für uns so an, als ob die Menschen gar nicht so richtig wertgeschätzt haben, was sie in unserer Gemeinde hatten. Allerdings bekamen wir immer wieder nach Jahren dann die Rückmeldung, dass die Gemeinde eine große Rolle im Glaubensleben gespielt hatte und dass man die Art von Jüngerschaft, die wir machen, woanders nicht auf diese Weise gefunden hat.
Ich musste mich irgendwann entscheiden, für wen ich meinen Dienst mache. Entweder für Menschen, von denen ich hoffe, dass sie unsere Gemeinde wertschätzen und sich langfristig an unsere Gemeinde binden, oder für Jesus, der uns an diese Stelle gestellt hat mit dem Auftrag und dem Privileg, das Evangelium zu verkünden, ganz unabhängig davon, wie die Resultate aussehen. Eigentlich ist die Antwort einfach, aber es bleibt ein lebenslanger Prozess, sie für sich selbst richtig zu geben. Paulus redet in Galater 1,10 davon, dass er nicht den Menschen gefällig sein, sondern ein Knecht des Christus sein will. Ich musste wachsen im Verständnis, dass es allein um Jesus geht und dass er würdig ist, ihm zu dienen, ob die Gemeinde nun groß oder klein ist, und ganz gleich, wie Menschen auf das Evangelium reagieren. Mir hat es immer wieder geholfen, mal raus aus Jena zu kommen, um mich neu auf diese Perspektive auszurichten.

Langsamer Fortschritt

Als wir unsere Gemeinde in Ostdeutschland gründeten, wurde uns von erfahrenen Gemeindegründern gesagt, dass man hier nur Gemeinde gründen kann, wenn man eine ganz langfristige Perspektive hat. Ich habe das zwar gehört, aber richtig geglaubt habe ich es nicht. Ich ging davon aus, wenn wir nur treu das Wort Gottes verkünden, uns evangelistisch engagieren und in Jüngerschaft investieren, dass dann die Gemeinde von selbst wachsen würde. In gewisser Hinsicht trifft das auch zu; allerdings ging das Wachstum wesentlich langsamer voran, als erwartet. Die Zahl unserer Gottesdienstbesucher ist immer noch relativ gering. Wenn man allerdings zusammenzählt, wie viele Menschen im Laufe der Jahre die Gemeinde auf die eine oder andere Weise besucht und das Evangelium gehört haben, dann ist die Zahl erstaunlich groß. Gott hat es uns erlaubt, ein Licht im dunklen Osten zu sein, aber nicht auf eine Weise, dass wir stolz auf uns sein können, sondern so, dass wir am Ende ihm alle Ehre geben müssen.
Mit dem langsamen Fortschritt kommen natürlich Versuchungen und Selbstzweifel. Wenn man sieht, wie andere Gemeinden, die mehr auf einen Erfahrungs- und Erlebnisglauben setzen, wesentlich schneller wachsen, dann ist man schon versucht, das irgendwie zu kopieren. Außerdem fragt man sich, ob es wirklich ausreicht, das Wort Gottes treu zu verkünden. Bei diesen Fragen und Selbstzweifeln wurde ich durch den Dienst von John MacArthur sehr bestärkt. Er legt in seinen Predigten immer wieder den Fokus darauf, was auch Paulus betonte, als er seinem Schützling Timotheus schrieb: Predige das Wort! (2Tim 4,2). Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam (Hebr 4,12) und Gott wird es gebrauchen, um Menschen zum Glauben zu führen und im Glauben zu stärken.
Mittlerweile erachte ich es als echtes Privileg, jeden Sonntag das Wort Gottes verkündigen zu dürfen und achte gar nicht mehr so sehr darauf, wie viele Menschen da vor mir sitzen. Aber das war ein Prozess über Jahre. Ein Freund hatte mir einmal gesagt, dass viele Gemeindegründer überschätzen, was Gott in fünf Jahren tun wird, aber unterschätzen, was er in zwanzig Jahren tut. Das führt dazu, dass viele genau dann aufhören, wenn sich langsam Frucht einzustellen beginnt. Ich kann das nur bestätigen. Es ist schon erstaunlich, was Gott über die Jahre alles in und durch unsere kleine Gemeinde bewirkt hat.

Eigenbeschuss

Im Militär spricht man von „friendly fire“, wenn man von den eigenen Streitkräften beschossen wird. Leider kommt dieser Eigenbeschuss auch in christlichen Kreisen des Öfteren vor. Ich war als junger Gemeindegründer nicht auf den Widerstand vorbereitet, den wir von anderen Christen erhalten würden. Das begann damit, dass die bestehenden Gemeinden in Jena uns als Konkurrenz ansahen und uns alle möglichen Motive unterstellten, warum wir die Gemeinde gründeten. Dabei ging es uns gar nicht darum, irgendwelche Schafe aus anderen Gemeinden abzuziehen, sondern darum, Menschen für Jesus zu gewinnen und sie im Glauben auszubilden.
Auch der Bund der Freien evangelischen Gemeinden meldete schnell Widerstand an. Der theologischen Hochschule in Ewersbach war es aufgestoßen, dass wir uns so klar zur Bibel und zum Netzwerk Evangelium21 bekannten. Wir wurden von der Bundesleitung dazu aufgefordert, unseren Namen Evangeliumsgemeinde abzulegen und jeden Hinweis auf Evangelium21 von unserer Webseite zu entfernen. Ich fuhr zum Rektor der Theologischen Hochschule nach Ewersbach und erklärte ihm im persönlichen Gespräch, warum wir nur glauben können, dass die Bibel das unfehlbare Wort Gottes ist. Viele von uns waren neu zum Glauben gekommen und für uns war es ein unausweichlicher Schritt, uns zur Unfehlbarkeit der Bibel zu bekennen: Wenn Gott gesprochen hat, dann hat er unfehlbar gesprochen. Erstaunlicherweise akzeptierte der Rektor das. In der Folge hat es sich immer wieder als weise herausgestellt, theologische Streitfragen nicht per E-Mail zu klären, sondern im persönlichen Gespräch.
Wir hatten auch intern einige Auseinandersetzungen und mussten zuweilen Gemeindezucht anwenden. Es schlossen sich Menschen unserer kleinen Gemeinde an, die nicht immer in allen Punkten unserer theologischen Grundlage folgten, die aber dachten, dass sie eine kleine Gemeinde schnell prägen und für sich einnehmen konnten. Als sie dann mit unserer theologischen Grundlage und den Herzenseinstellungen konfrontiert wurden, zu denen sie sich im Mitgliedschaftskurs eigentlich bekannt hatten, waren sie konsterniert und nicht länger bereit, dem zu folgen.
Es kam auch vor, dass wir mit anderen Gemeinden in unserem Bund in Konflikt gerieten. Wir wollten eine Partnerschaft mit der FeG Erlangen gründen, weil Erlangen die Partnerstadt von Jena ist. Es gab viele Gespräche und Besuche von beiden Seiten. Kurz vor Abschluss der Partnerschaft kam plötzlich die Frage auf, ob in unserer Gemeinde auch Frauen predigen dürfen. Als wir dies verneinten, wurde umgehend der Kontakt abgebrochen und die Partnerschaft auf Eis gelegt. In Thüringen stellte eine FeG in unserer Nähe einen Pastor ein, der erst vor kurzem geschieden war. Da diese FeG die Heimatgemeinde eines unserer Gründungsmitglieder ist und die Eltern dort Mitglieder sind, wurden wir genötigt, Stellung zu beziehen. Als ich intern die Eignung dieses Pastors für seinen Dienst anzweifelte, wurde meine E-Mail unrechtmäßigerweise sowohl dem Pastor selbst als auch der Bundesleitung weitergeleitet. Daraufhin wurden wir von der Bundesleitung aufgefordert, den Bund zu verlassen. Wir konnten diesen Konflikt später klären, aber er hatte uns eine Zeitlang emotional enorm mitgenommen.
Der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen immer wieder davon, wie ihm falsche Motive unterstellt wurden und wie er sogar von Christen immer wieder feindlich angegangen wurde. Wir mussten erst eine Gemeinde gründen, um diesen Teil des Neuen Testaments persönlich nachvollziehen zu können.

Persönliches Wachstum in Christus

Bevor ich Missionar wurde, ging ich davon aus, dass Missionare so eine Art Superchristen sind, die immer gerne in der Bibel lesen und niemals geistliche Probleme haben. Das war ein großer Irrtum. Missionare sind ganz normale Christen, denen es genauso schwerfällt wie jedem anderen auch, sich für das Wort Gottes Zeit zu nehmen. Das gleiche gilt für Gemeindegründer. Nur, weil man als Pastor einer Gemeinde arbeitet, hat man nicht plötzlich eine Abkürzung im Heiligungsprozess oder einen Schnellzugriff auf geistliche Gaben. Das Wachstum in Christus geht genauso schnell bzw. genauso langsam vonstatten wie bei anderen Christen auch.
Außerdem hatte ich die falsche Vorstellung, dass Gott mir irgendetwas schuldet, weil ich mein Leben in seinen Dienst gestellt habe. Als dann Probleme und Enttäuschungen kamen, klagte ich Gott an, wie er so etwas zu lassen könne bei jemanden, der ihm so ergeben dient. Gott ist jedoch würdig, dass wir ihm dienen, ganz unabhängig davon, wie es uns geht. Er schuldet uns auch nichts dafür. Ganz im Gegenteil. Wir bleiben unser Leben lang Sünder, die vollkommen in der Abhängigkeit seiner Gnade stehen. Wenn ich jetzt mit 36 Jahren auf mein bisheriges Leben zurückschaue, sehe ich schon einige Bereiche, wo Christus mich hat wachsen lassen. Meine Freude an ihm selbst hat zugenommen und ist nicht mehr so sehr von meinen Umständen abhängig. Meine Anbetung ist reicher und tiefer geworden. Allerdings hatte dieses Wachstum auch seinen Preis. Ich weiß jetzt, warum der Schreiber des Hebräerbriefs von der Zuchtrute des Herrn sprechen kann (Hebr 12,4-11). Auch als Pastor muss ich bei meinem geistlichen Leben dranbleiben. Ich muss regelmäßig die Bibel lesen, mir Zeit fürs Gebet nehmen und mich prüfen, wo in meinem Leben noch Sünde verborgen ist (siehe Ps 139,23-24).

Und jetzt?

Ich möchte dich durch die Beschreibung meiner Erfahrungen bei der Gemeindegründung zum einen abschrecken und zum anderen ermutigen. Ich möchte dich abschrecken, wenn du zu rosige Vorstellungen davon hast, was es heißt, Christus zu dienen. Ich möchte dich aber auch ermutigen, da du an mir sehen kannst, dass sich „die gleichen Leiden an euer Bruderschaft erfüllen, die in der Welt ist“ (1Petr 5,9). Ich konnte mit der Zeit zu neuer Freude in Christus durchdringen. Wenn ich dir dabei helfen kann, würde ich mich freuen, wenn du dich bei mir meldest. Ich denke, dass sich die Erfahrungen, die ich oben beschrieben habe, bei jedem Gemeindegründer auf die eine oder andere Weise wiederfinden. Ich würde gern für dich beten, dass Christus dir hilft, treu zu bleiben im Dienst und das Wort zu verkündigen, ohne müde zu werden.
Vergiss nicht, dass Jesus es wert ist, und dass er treu ist. In Hebräer 13,5 stehen im Griechischen fünf Verneinungen, die zusammen ausdrücken wollen: Jesus wird uns niemals, nicht, keinesfalls, und in keinster Weise verlassen. Auch wenn die Pforten der Hölle auf uns einstürmen, werden sie uns nicht überwinden können. Bleib Jesus treu!

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Timotheus Magazin #35 - Betanien Verlag

  2. Pingback: Bericht: So schwierig hatte ich mir das nicht vorgestellt – Hanniel bloggt.

  3. Lieber Stefan, vielen Dank für deinen offenen Bericht. Ich kann ihn in allen Bereichen unterschreiben (wir haben lange Jahre in einer Gemeindegründung in Hannover mitgearbeitet und sind jetzt seit 3 Jahren in Österreich, wo es nicht atheistisch aber dunkel-katholisch geprägt ist). Jesus segne dich in deinem Dienst und rüste dich wieterhin mit seinem Geist aus.
    Kai

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  4. Sehr eindrucksvoll, danke für die heute so nötige Ehrlichkeit und schonungslose (Selbst)analyse, motiviert mich mutiger dem Worte Christi nachzufolgen

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