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Das Wasser des ewigen Lebens. Eine erbauliche Betrachtung von Hesekiel 47

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Von Dennis J. Ireland

Vor dem Fenster meines Büros befindet sich auf dem Campus eine Regenabflussrinne. Zu bestimmten Zeiten im Jahr, besonders im Winter, fließt viel Wasser durch diesen Abfluss. Im Sommer jedoch, wenn es heiß und trocken ist, lässt der karge Regen einen kleinen Grünstreifen in der Rinne wachsen. Alles rundum ist dürr und braun vor Durst. Dieser Kontrast ist bemerkenswert.

Vor kurzem viel mir auf, dass dieser Kontrast eine lebhafte Illustration für eine alttestamentliche Schriftstelle ist: Hesekiel 47,1-12. In diesem Abschnitt schaut Hesekiel in einer Vision Wasser aus dem Tempel in Jerusalem fließen und nach Osten und Süden durch eine dürre „Ebene“ (hebr. „Araba“, vgl. 5Mo 1,1) bis ins Tote Meer strömen. Überall, wohin das Wasser strömt, sprießt Leben auf: Bäume wachsen am Ufer und Schwärme von Fischen tummeln sich im See. Doch wo das Wasser nicht hinkommt, bleibt es tot und leblos.

Was ist die Kernaussage von Hesekiels Vision? Wann und wie wird sie erfüllt werden? Um das zu beantworten, müssen wir erst den Kontext von Hesekiel 47 untersuchen, sowohl innerhalb dieses prophetischen Buches als auch im ganzen Alten Testament.

Was war Hesekiels Botschaft?

Hesekiel war ein Priester, der im Jahre 597 v.Chr. mit einer Gruppe vornehmer Juden nach Babylon deportiert wurde, darunter auch König Jehojachim selbst. Nach Hes 1,1-2 wurde er 592 v.Chr. als Prophet berufen. Zu diesem Zeitpunkt war er vermutlich etwa dreißig Jahre alt. In 29.17 wird das späteste Datum des Buches genannt, das 27. Jahr des Exils (etwa 570 v.Chr.); demzufolge dauerte sein Dienst mindestens zwanzig Jahre. Sein gesamtes Wirken als Prophet scheint in Babylon stattgefunden zu haben.

Das Buch Hesekiel kann in drei Abschnitte unterteilt werden: Gerichtsworte an das Südreich (1-24), Gerichtsworte an die umgebenden Nationen (25-32) und Heilsverheißungen an Israel für die Zeit nach dem Gericht im Exil (33-48). Hesekiel 47,1-12 ist ein wichtiger Bestandteil der Hoffnungsbotschaft in diesem dritten Abschnitt.

Thema des ganzen Buches Hesekiel ist die Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes in Verbindung mit dem Tempel. Das kommt in den oft wiederholten Worten zum Ausdruck, „und sie werden erkennen, dass ich der HERR bin“. In Kapitel 10 entschwindet die Herrlichkeit Gottes, die Schechina, aus dem Tempel – als Veranschaulichung und Vorankündigung des bevorstehenden Gerichts über das untreue Israel. In Kapitel 43, das zur Vision eines neuen Tempels nach der Gerichtszeit gehört (Kap. 40-48), kehrt die Herrlichkeit Gottes zurück. Aus diesem Tempel, zu dem die Herrlichkeit Gottes zurückkehrt, strömt das lebensspendende Wasser hervor (47,1-12).

Es würde hier zu weit führen, die Symbolik von Hesekiel 47,1-12 (Tempel, Wasser, „Ebene“, totes Meer, das neue Leben) und die alttestamentlichen Parallelen und Anspielungen zu untersuchen (mehrere Abschnitte in Jesaja, insb. 44,3; Joel 3,18; Sach 14,8). Kurz gesagt, kann die Kernbotschaft von Hesekiel 47 im alttestamentlichen Kontext wie folgt zusammengefasst werden: Die erneute Gegenwart Gottes bei seinem Volk wird Totes zu Leben auferwecken und eine neue Schöpfung einführen. Diese Aussicht ist eine Kurzfassung der prophetischen Heilshoffnung des alttestamentlichen Volkes Gottes. Gottes Gegenwart bei seinem Volk – was O.P. Robertson als das Immanuel-Prinzip bezeichnet – ist das Herzstück der Bündnisse Gottes und das Ziel der Heilsgeschichte.

Jesus ist der neue Tempel

Viele interpretieren Hesekiels Tempelvision (Kap. 40-48) als einen mehr oder weniger buchstäblichen Bauplan für einen späteren Tempel – entweder den nachexilischen Tempel oder einen künftigen Tempel im Tausendjährigen Reich. Das Neue Testament lenkt den Blick jedoch auf eine andere Art von Erfüllung, nämlich nicht in Form eines Gebäudes, sondern in Gestalt einer Person. In Hesekiel 47 ist der Tempel, in den Gottes Herrlichkeit zurückgekehrt ist, die Quelle des lebendigmachenden Wassers. Im Neuen Testament sehen wir, dass Christus der neue und letztendliche Tempel der prophetischen Hoffnung ist. Das wird besonders im Johannesevangelium deutlich.

Im Prolog des vierten Evangeliums lesen wir die bekannten Worte: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte (oder zeltete bzw. ‚tabernakelte’) unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (1,14). Auch wenn das griechische Wort skenoo einfach „wohnen“ oder „zelten“ bedeuten kann, deutet der Zusammenhang mit „Herrlichkeit“ stark darauf hin, dass hier damit die Gegenwart Gottes bei seinem Volk gemeint ist. Die im Stiftshüttenzelt und im Tempel gegenwärtige Herrlichkeit Gottes wohnt in Jesus Christus, dessen verherrlichter Leib, wie Johannes uns sagt, der neue Tempel ist (2,21). In Christus hat sich das Immanuel-Prinzip von Hesekiels Vision und prophetischer Hoffnung erfüllt. Wie treffend ist doch der Name Jesus – Immanuel: Gott mit uns (Mt 1,23)!

Johannes 2,19-22 macht unmissverständlich klar, dass Jesus der neue bzw. letztendliche Tempel ist. Nach seiner Tempelreinigung forderten die Juden ein Wunderzeichen von ihm als Bevollmächtigung für dieses Tun (2,18). Jesus antwortete: „Zerstört diesen Tempel, und ich will ihn innerhalb von drei Tagen wieder aufrichten“ (V. 19). Das verwirrte die Juden nur noch mehr (V. 20). Johannes erklärt daraufhin seinen Lesern, was Jesus eigentlich meinte: „Er aber sprach dem Tempel seines Leibes“ (V. 21), was sich in der Auferstehung erfüllen sollte (V. 22). Jesu Antwort auf die Beweisforderung für seine Vollmacht war seine eigene Person. Als Gott im Fleisch erfüllt er die Bedeutung des Tempels in seiner Person und ersetzt den Tempel somit. Sein Tod und seine Auferstehung sind das Zeichen par excellence für seine Vollmacht.

Jesus ist die Quelle lebendigen Wassers

In Hesekiel 47,1-12 ist der Tempel die Quelle des lebenspendenden Wassers. Da Jesus der letztendliche Tempel ist, würden wir erwarten, dass auch er die Quelle lebenspendenden Wassers ist . Genau das macht das Johannesevangelium deutlich.

Im Gespräch mit der samaritischen Frau bot der Herr ihr „lebendiges Wasser“ an (4,10). Mit seinem Gebrauch alttestamentlicher Metaphern (Sach 14,8; Hes 47,9) behauptete Jesus implizit, dass er diese alttestamentlichen Prophezeiungen erfülle. Die Frau reagierte natürlich perplex auf Jesu Aussage (V. 11-12). Auf ihre Frage, woher er solches Wasser bekommen würde, antwortete Jesus, dass sein Wasser den Durst besser als jedes andere Wasser löscht (V. 13-14) Dann fügte er als Erklärung des „lebendigen Wassers“ in Vers 10 hinzu: „Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, die ins ewige Leben quillt“ (V. 14). Das von ihm angebotene Wasser bedeutete neues, ewiges Leben.

Das Johannesevangelium verdeutlicht, dass das lebendige Wasser, das Jesus gibt, der Heilige Geist ist, der allein lebendig machen kann (vgl. 6,63). Auch in Johannes 7,37-39 bedeutet Wasser offensichtlicher Heiliger Geist. Johannes legt Jesu Aussage über die „Ströme lebendigen Wassers“ (V. 38) aus: „Damit meinte er den Geist, den diejenigen, die an ihn glaubten, empfangen sollten“ (V. 39). Das lebendige Wasser ist der Heilige Geist, den der Herr Jesus nach seiner Verherrlichung vom Himmel senden würde (vgl. Joh 14,16.26; 16,7; Jes 44,3). Die Gabe des Heiligen Geistes, des lebendigen Wassers, ist mit Jesu Tod und Auferstehung verbunden (7,39). Der Heilige Geist, der vom aufgefahrenen und erhöhten Christus gesandt wurde (Apg 2,33), löscht den Durst und gibt ewiges Leben (Joh 4,13-14).

In seiner Person und mit seinem Werk hat Jesus Christus die Erfüllung von Hesekiel 47,1-12 eingeleitet. Diejenigen, die durch den Heiligen Geist mit Christus vereint sind, bilden die neue Schöpfung, die in Hesekiel 47 beschrieben wird (vgl. 2Kor 5,17). Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes sind die Gläubigen auch Gottes Tempel, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich (1Kor 3,16-17; 6,19-20; Eph 2,19-22). Der Heilige Geist ist eine Anzahlung, die dem Gläubigen das volle Erbe gewährleistet (Eph 1,14). Er ist Gottes Unterpfand dafür, dass er das gute Werk vollenden wird, das er begonnen hat (Phil 1,6). Die Erfüllung von Hesekiel 47 wurde von Jesus begonnen und wird fortgesetzt, indem er seine Gemeinde baut.

Der Strom des Lebens im neuen Jerusalem

In Offenbarung 22,1-5 kommt Hesekiels Strom lebendigen Wassers wieder vor. Hier quillt das Wasser aus dem Thron Gottes und des Lammes hervor und fließt die Straßen des neuen Jerusalems entlang. Der Schauplatz sind der neue Himmel und die neue Erde nach der Wiederkunft Christi (Offb 21,1). Es ist eine neue Schöpfung, die Toten sind auferstanden und alles Böse ist im letzten Gericht verdammt worden (Offb 20,7-15).

Zwischen Offenbarung 21-22 und Hesekiel 40-48 bestehen zahlreiche bemerkenswerte Parallelen. Der Strom lebendigen Wassers in 22,1-5 ist z.B. die deutlichste neutestamentliche Parallele zu Hesekiel 47,1-12. Sein Vorhandensein im neuen Jerusalem verdeutlicht, dass sich diese Prophezeiung dort letztendlich und völlig erfüllen wird. Johannes’ Beschreibung des neuen Jerusalems in 21,9-27 ähnelt zudem Hesekiels Tempel in 40-48. Im neuen Jerusalem gibt es aber keinen Tempel, „denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm“ (21,22). Gott erklärt, dass er sein „Zelt“ „bei den Menschen“ aufgeschlagen hat und „bei ihnen wohnen“ wird (21,3). Das geht das Immanuel-Prinzip der Heilsgeschichte, das im Tempel Hesekiels symbolisiert und vorgeschattet wird, letztlich völlig in Erfüllung.

Der Geber des lebendigen Wassers

Jesus ist der letztendliche Tempel und gibt das lebendige Wasser des Heiligen Geistes. Die Erfüllung von Hesekiel 47-1,12 hat in Christus bereits begonnen und wird durch seinen Heiligen Geist in der Gemeinde fortgesetzt. Die letztendliche Erfüllung wird bei Christi Wiederkunft geschehen, im neuen Himmel und der neuen Erde. Hesekiel 40-48 und insbesondere 47,1-12 müssen offenbar symbolisch und typologisch auf Christus, den Heiligen Geist und die Gemeinde ausgelegt werden.

Diese Auslegung beruht auf der Grundlage der angeführten neutestamentlichen Schriftstellen. Sie stimmt zudem überein mit dem christuszentrierten Fokus und der heilsgeschichtlichen Einheit der Heiligen Schrift. Wenn diese Auslegung richtig ist, ist dadurch eine buchstäbliche Erfüllung und die Erwartung eines künftigen neuen buchstäblichen Tempels in Frage gestellt. Der Schatten – auch Hesekiels ausdrucksvoller prophetischer Schatten – muss der Wirklichkeit weichen, die mit Christus gekommen ist.

Wenn Sie das nächste Mal Ihren Rasen oder ihre Pflanzen wässern oder einen saftigen Grünstreifen auf trockenem Land sehen, dann halten Sie inne und loben Sie Gott für seine Bundestreue und seine Gnade, die er darin erweist, dass er neues Leben in Christus gibt. So kann ein Blick aus dem Fenster zu einem kleinen Gottesdienst werden.

Übersetzt von Hans-Werner Deppe

Dr. Dennis J. Irland ist Professor für Neues Testament am Reformed Theological Seminary, Jackson, Mississippi

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