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Die frühe Festlegung des Kanons des Neuen Testaments – Quellen lebendigen Wassers

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Seit wann stand fest, welche Schriften zum Neuen Testament gehören und damit Gottes Wort sind? Oft wird behauptet, die Reihe der zum NT gehörigen Bücher (der „Kanon“ des NT) wurde erst lange nach der Zeit der Apostel festgelegt. Bisher wurde als frühester Kanon meist auf den Osterbrief von Athanasius dem Großen aus dem Jahre 367 verwiesen, in dem alle 27 Bücher des NT als kanonisch bezeichnet werden. Eine solch späte Datierung wird gern von Kritikern aufgegriffen, um das Neue Testament als nachträglich entstandenes Phänomen abzutun oder es als willkürliches Produkt der römisch-katholischen Kirche hinzustellen.

Michael J. Kruger, Professor für Neues Testament am Reformed Theological Seminary in Charlotte, North Carolina, hat auf seiner Webseite michaeljkruger.com einen interessanten Beitrag zu dieser Frage veröffentlicht. Bevor Kruger zu seinem Hauptpunkt kommt, stellt er zunächst klar, dass das Neue Testament sicherlich nicht erst mit der ersten Auflistung seiner Bücher begann, sei es bei Athanasius oder an anderer Stelle. Wenn man die frühen Kirchenväter dahingehend untersucht, aus welchen Schriften sie als verbindliches Wort Gottes zitieren, ist dadurch bereits im 2. Jahrhundert eine Kernsammlung neutestamentlicher Schriften dokumentiert.

Origenes mit seinen Schülern

By Luyken, Jan (1649-1712) [Public domain], via Wikimedia Commons

Krugers Hauptpunkt ist aber eine Auflistung neutestamentlicher Schriften, die sich bereits um das Jahr 250 bei Origenes (185~254) findet. Und zwar vergleicht Origenes in seinen „Homilien zum Buch Josua“ (7,1) die neutestamentlichen Schriften mit den Posaunen, die im Buch Josua die Mauer Jerichos zum Einsturz brachten:

Wenn aber unser Herr Jesus Christus kommt, dessen Ankunft dieser frühere Sohn des Nun bezeichnete, sendet er die Priester, seine Apostel, welche „die aus Metall getriebenen Trompeten tragen“ (4Mo 10,2; Ps 97,6), die großartige und himmlische Lehre der Offenbarung. Mit einer priesterlichen Trompete hat als erster Matthäus in seinem Evangelium einen Ton erschallen lassen. Auch Markus, Lukas und Johannes haben einzeln auf ihren priesterlichen Trompeten gespielt. Ebenso tönt Petrus mit zwei Trompeten seiner Briefe, ebenfalls Jakobus und Judas. Nichtsdestoweniger verstärkt auch Johannes das Trompetespielen durch seine Briefe [und die Offenbarung]. So auch Lukas, indem er die Taten der Apostel beschreibt. Der letzte aber von solchen Trompetenspielern ist derjenige, der kommt und sagt: „Ich glaube aber, dass Gott uns, die Apostel, als die Letzten hingestellt hat“ (1Kor 4,9). Es ist derjenige, der, indem er mit den Trompeten seiner 14 Briefe die Mauern Jerichos wie vom Blitz treffen ließ, sowohl alle Kriegsmaschinen des Götzendienstes als auch die Lehren der Philosophen bis auf die Fundamente zerstört hat. (Die Homilien des Origenes zum Buch Josua, ISBN 978-3-17-019323-9, S. 44)

Origenes’ allegorische Deutung der Schrift ist natürlich fragwürdig und nicht unbedingt zu empfehlen. Hier geht es jedoch darum, dass er alle 27 Schriften des Neuen Testaments als Gottes autoritatives Wort nennt: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe einschließlich des Hebräerbriefes (damit 14 an der Zahl), die restlichen Briefe und die Offenbarung des Johannes. (Die Erwähnung Letzterer fehlt in einigen Handschriften und auch in der zitierten deutschen Ausgabe. Dass Origenes die Offenbarung anerkannte und hier wohl mit einschloss, ist aber allgemein anerkannt.) Offenbar war dieser Kanon schon seinerzeit allgemein akzeptiert, denn die Sammlung steht bei Origenes ja nicht zur Diskussion, sondern wird als selbstverständlich angenommen. Offenbar war die Sache zu dieser Zeit schon längst klar.

Auch an anderer Stelle zählt Origenes alle Autoren des Neuen Testaments in seiner typischen allegorischen Deutungsweise auf. In seinen „Homilien zur Genesis“ (13,2) deutet er die Brunnen, die Isaaks Knechte gruben (1Mo 26,18-19), als Hinweise auf die göttlichen Schriften der neutestamentlichen Offenbarung:

Isaak gräbt also auch neue Brunnen, genauer: Isaaks Knechte graben sie. Isaaks Knechte sind Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, seine Knechte sind Petrus, Jakobus und Judas, sein Knecht ist der Apostel Paulus. Sie alle graben die Brunnen des Neuen Testaments. (Die Homilien zum Buch Genesis, ISBN 978-3-11-020435-3, S. 239)

Wie gesagt, ist diese Herangehensweise an die Schrift grundsätzlich mehr als gewagt, aber fraglos sind die Schriften des Neuen Testaments für uns „Brunnen mit lebendigem Wasser“ (1. Mose 26,19). Und nur an diesen Brunnen sollten wir uns laben, weil sie uns Gott, den Herrn Jesus, selbst als „Quelle lebendigen Wassers“ darbieten. Wie zu Jeremias Zeit wird dieser Quell heute auch unter dem Volk Gottes verworfen und stattdessen aus „rissigen Zisternen, die das Wasser nicht halten“  getrunken (Jer 2,13). Wie wichtig und wertvoll ist es, dass wir seit frühester Zeit der Kirchengeschichte sicher sein können, welche Schriften Gottes lebendiges Wasser des Heiligen Geistes sind.

Literaturempfehlungen zum Thema finden Sie in der Rubrik Hermeutik/Bibel

(Verfasst von Hans-Werner Deppe)

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