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Johannes Hartl – ein verlängerter Arm der katholischen Kirche?

Johannes Hartl

Johannes Hartl

Gerade im Jahr des Reformationsjubiläums schlägt ein Trend unter Evangelikalen vollends durch, der die Reformation quasi umkehrt: eine Rückkehr zum Katholizismus. Nur eines von vielen aktuellen und besorgniserregenden Beispielen ist, wie der katholisch-charismatische Autor und Prediger Johannes Hartl von Evangelikalen empfohlen, gepriesen und vermarktet wird. Hartl ist Gründer und Leiter des Augsburger Gebetshauses, einem Ableger des „International House of Prayer“, das 1999 von dem Extrem-Charismatiker Mike Bickle ins Leben gerufen wurde. Das Augsburger Gebetshaus veranstaltet jährlich zu Jahresbeginn die MEHR-Konferenz, die dieses Jahr einen Rekordbesuch von etwa 10.000 meist jungen Teilnehmern verzeichnete. Redner waren u.a. der päpstliche Hofprediger Raniero Cantalamessa aus dem Vatikan. Neben viel Popmusik-Lobpreis prägte auch eine gemeinsame Eucharistiefeier – die katholische „unblutige Wiederholung des Kreuzesopfers“ diese Konferenz.

Einerseits also eine klar römisch-katholisch und zugleich charismatisch geprägte Sache, aber andererseits fungierte Hartl im November 2016 auch als Hauptredner auf dem Männertag des Forums Wiedenest, ursprünglich einem Werk der Brüderbewegung. Vereinzelt geäußerte Bedenken wurden von den Wiedenster Verantwortlichen mit dem Hinweis zurückgewiesen, Hartl habe doch so eine „klare Verkündigung“. Hartl gilt als einer der gefragtesten Redner auf evangelikalen Großveranstaltungen und sprach u.a. auch auf dem Willow-Creek-Leitungskongress im Februar 2016 in Hannover. Seine Bücher werden vom evangelikalen Verlag SCM R. Brockhaus verlegt. Momentan läuft eine groß angelegte Werbekampagne für sein neuestes Buch „Einfach Gebet“. Per E-Mail, Briefpost-Flyern, sozialen Netzwerken und Videos wird SCM-Kunden dieses Buch als Must-Have angepriesen. Alexander Seibel schrieb bereits 2015:

„Johannes Hartl ist auch wegen seiner Eloquenz nicht nur in der katholisch-charismatischen Strömung ein neuer Star geworden. Dank der Remystifizierung der Evangelikalen, die mit Richard Fosters Megabestseller „Nachfolge Feiern“ vor ca. 30 Jahren ihren Anfang nimmt, wird er auch in der evangelikalen Welt immer beliebter und einflussreicher werden.“ (HIER)

Die unkritische Anerkennung Hartls unter Evangelikalen verdeutlicht, wie wichtig die reformatorischen Grundsätze

  • allein die Schrift
  • allein aus Glauben
  • allein durch Gnade
  • allein durch Christus

sind, um auf dem biblischen Glaubensweg zu bleiben und das nötige geistliche Unterscheidungsvermögen zu haben, um nicht solchen immer tückischer werdenden Abirrungen auf den Leim zu gehen. Genau das soll Sinn und Zweck dieses Artikels sein – nicht ein Verurteilen von Johannes Hartl oder seines Gebetshauses, sondern eine Verdeutlichung, a) wie täuschend und scheinbar bibeltreu Verführungen aus dem katholischen und charismatischen Spektrum heute auftreten, b) wie hilfreich und nötig die Solae („allein“) der Reformation dafür sind, verfängliche Strömungen aufzudecken, c) wie dringend nötig wir eine Verbesserung der eigenen biblischen Verkündigung brauchen, wenn als Hauptredner unserer Veranstaltungen katholische Charismatiker importiert werden müssen.

Zweifellos gibt Hartl in seinen Vorträgen und Publikationen viel von sich, was biblisch und geistlich erweckend klingt. In ethischer Hinsicht sind Hartls Vorträge sicher auch größtenteils richtig, denn in punkto Werte und Gebote gibt es großflächige Überschneidungen zwischen bibeltreuem und katholischem Glauben. Unter meinen bibeltreuen Bekannten stoße ich immer wieder auf Empfehlungen von Hartls Vorträgen und Büchern. Etliche bibeltreue Christen beurteilen den gesamten Aufbruch um das Augsburger Gebetshaus – dort wird seit mehreren Jahren rund um die Uhr gebetet (im katholischen Sinne) – als echte Erweckung und Werk Gottes.

Wie gesagt, soll das hier gar nicht in Abrede gestellt oder verurteilt werden. Da mögen gute Motive zugrunde liegen. Allerdings kommt es auf gute Motive nicht an, sondern darauf, ob es sich um gesunde biblische Lehre auf Grundlage des Evangeliums handelt oder um falsche Lehre und Verführung. Paulus begrüßte eine biblisch richtige Verkündigung sogar bei schlechten Motiven (Phil 1,18), warnt hingegen vor der Verkündigung von einem „anderen Jesus … anderen Geist … anderen Evangelium“ durch täuschend geistlich wirkende Leute „in Gestalt eines Engels des Lichts“, worauf die Korinther sogar bereits hereingefallen waren (1Kor 11,4.15).

Wenn Katholiken wie Hartl über christliche Themen sprechen, mag das in den Ohren von Bibeltreuen oberflächlich betrachtet durchaus gut und richtig klingen. Vieles mag auch richtig sein, ein Großteil Wahrheit ist mit einer entscheidenden Portion Irrtum vermengt. Zudem werden Begriffe wie Kreuz, Glaube, Gnade, Erlösung oder Gebet usw. auch von katholischen Rednern und Autoren gern verwendet, und dann denken Bibeltreue an das, was sie aufgrund der biblischen Lehre darunter verstehen. Aber in der katholischen Kirche wird etwas ganz anderes unter diesen Begriffen verstanden. Gnade z.B. wird im Katholizismus als eine Art mystische Substanz verstanden, die Gott dem Menschen insbesondere durch Sakramente und aufgrund von Verdiensten einflößt (Dogma des Konzils zu Trient, in: Rahner (Hrsg): Der Glaube der Kirche, Nr. 850, vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2010). Unter Buße und Vergebung wird das rituelle Sakrament der Beichte verstanden.

Wolfgang Nestvogel erklärt in einem Vortrag über den Judasbrief, dass Verführer sich typischerweise unmerklich „einschleichen“ und quasi durch die Hintertür in bibeltreue Kreise eindringen (Judas 1,4). Auch die besagte Beschlagnahme und Uminterpretation eigentlich biblischer Begriffe gehört zu dieser Methode. Irrlehrer „kapern“ sozusagen diese biblischen Begriffe. Deshalb müssen wir immer genau hinschauen, was denn vom Kontext und Hintergrund des Redners oder Autors mit dem Begriff gemeint ist. Nestvogel nennt auch insbesondere Johannes Hartl als Beispiel für diese Unterwanderung der Evangelikalen. Sein Vortrag kann unter http://www.maleachi-kreis.de/downloads heruntergeladen werden (über Hartl ab Minute 49:00).

Die charismatische Ausrichtung von Hartl

Im Folgenden möchte ich einfach einige Informationen, Fakten und Zitate zu Johannes Hartl zusammentragen, um dann anschließend ein Resümee zu ziehen. Zunächst: Wer ist Johannes Hartl? Der Informationdienst Topic (12/2016) schreibt in seinem Bericht über Hartls begeisterte Aufnahme am Wiedenester Männertag:

„Hartl (Jahrg. 1979) ist ein überzeugter Katholik, der seinen christlichen Weg u. a. beim Studium der Mystiker wie Teresa von Avila oder Henri Nouwen begann. In der Jugendarbeit der Charismatischen Erneuerung erlebt er eine pfingstlerische „Geistestaufe“. Erst ein halbes Jahr später „bekehrt“ sich Hartl … Er liest Bücher von Extrem-Charismatikern wie Mike Bickle oder Yonggi Cho. 2003 … bekommt er von Kim Kollins, einer katholischen Charismatikerin, die Vision geschildert, dass es einen Ort geben solle, an dem Tag und Nacht gebetet würde. Kollins nimmt die Hartls mit zum International House of Prayer, einem überkonfessionellen Gebetszentrum in den USA, das von Mike Bickle geleitet wird. Dort erhält Hartl eine Vision für ein Gebetshaus in Deutschland, das er dann mit anderen 2007 in Augsburg eröffnet.“

In seinem Buch „In meinem Herzen Feuer“ beschreibt Hartl selbst seine „Geistestaufe“ und seine „Bekehrung“ ein halbes Jahr später (Seite 18-20):

„… mehr aus Langeweile heraus, dass ich diesem Aufruf nach vorne folge. Wer den Heiligen Geist empfangen wolle, könne vorne für sich beten lassen … Was folgt, ist das, wofür ich bis heute Zeuge bin: Gott küsst mich … Das ist der Heilige Geist … Doch es vergeht ein halbes Jahr, bis ich zufällig höre, man könne „Jesus sein Leben übergeben“. Ja, das will ich. Vielleicht ist das das Geheimnis. Ich habe ihn nie bereut, diesen Vertrag, den ich an jenem Sonntagvormittag in meinem Zimmer in mein Tagebuch schreibe: „Ich übergebe dir mein Leben, ganz und voll. Und du gibst mir dafür deinen Heiligen Geist für immer, ganz und voll.“ Etwas dreist vielleicht, doch von Herzen …“ (Zitat übernommen von https://www.der-ruf.info. Dieser ausführliche Artikel von Georg Walter bietet viele fundierte Informationen zu Johannes Hartl.)

Hartl hat auch einen Doktorgrad in Theologie erworben; seine Dissertation hat den Titel „Metaphorische Theologie“. Die wirft allerdings Fragezeichen auf, was seine grundsätzliche Haltung zur Bibel betrifft, wenn er schreibt:

„Auch darf die Theologie nicht vergessen, dass die Anfänge des Glaubens über weite Strecken hinweg von einer naiven religiösen Weltsicht geprägt waren. Die Israeliten glaubten an einen an ihrer Seite kämpfenden Gott, die frühen Christen an einen in Jesus Mensch gewordenen, Wunder wirkenden, die Erde einst richtenden Gott … Metaphorische Theologie ist Theologie unterwegs zu einer zweiten Naivität … Metaphorische Theologie lädt ein zu einer Hermeneutik des Vertrauens. Sie ermöglicht einen rational verantwortbaren Wiedereinstieg in die religiöse Bildwelt – wissend, dass es sich um eine Bildwelt handelt.“ (Seite 486f)

Die Gebetshaus-Bewegung ist eigentlich als ein typisch charismatisches Phänomen zu bewerten. Ein Besucher der MEHR-Konferenz berichtet:

„[Ich kann] nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, ob es sich um normale Festival-Phänomene handelte oder ob da der Heilige Geist am Werk war. ‚Da hinten liegt eine junge Frau auf dem Boden, und alle streicheln an der jungen Frau herum‘, teilte mir einer der ‚Jungs‘ am Freitagnachmittag mit. ‚Äh … soll das so?‘ ‚Keine Ahnung. Geh hin und schau’s dir an, es ist nur ungefähr zwei Meter von dir entfernt.‘ Das tat ich. Richtig, da lag eine junge Frau auf dem Boden, ein junger Mann hielt ihre Hand in seiner und streichelte sie, und drumherum standen zwei, drei weitere junge Leute, die wohl für die Liegende beteten, wobei eine sich selbst streichelte. […]  Im Laufe der folgenden Tage hörte ich andeutungsweise immer mal wieder von einem Phänomen, das ‚Ruhen im Geist‘ genannt wird und äußerlich betrachtet wohl Ähnlichkeit mit einer Ohnmacht hat. Soll eine tolle Erfahrung sein für die, die sich darauf einlassen. (HIER)

Auf der MEHR-Konferenz gab es nicht nur stundenlang rockigen Lobpreis, sondern sogar ein Konzert des zum katholischen Marienverehrer „bekehrten“ Popmusikers Paddy Kelly (von der Kelly Family) Kurze Videomitschnitte dieses Konzertes finden sich unter https://www.youtube.com/watch?v=9KP0PWirS6k und https://www.youtube.com/watch?v=cya_JhIU42Y (Vorsicht, das extreme Flackerlicht kann kognitive Ausfälle hervorrufen …) Eine längere „Rock’n’Praise“-Session ist hier zu sehen (https://www.youtube.com/watch?v=9IAAFM6Q4lA (auch nur für feste Gemüter geeignet, die extrem weltförmige Musik und Darbietung kann womöglich seelische Belastung hervorrufen). Das Gebetshaus schreibt als Kommentar zum Video: „… wir möchten, dass solch ein starker Lobpreis wieder Deutschland und Europa erfüllt“. Aber wäre nicht viel mehr Verkündigung des Sühnewerkes von Golgatha, Buße und Hinwendung zum Christus der Bibel nötig? Und würde nicht das geistliche Frucht bringen, statt so einem Zirkus der Eitelkeiten?

Johannes Hartl selbst glaubt, dass das „Fallen im Geist“ eine „Kraftbezeugung Gottes“ ist. In seinem Buch „In meinem Herzen Feuer“ beschreibt er im Kapitel „Heiliges Chaos“ seine erstmalige Begegnung mit diesem Phänomen bei einer Lobpreiszeit auf einem Jugendwochenende 1999:

„… während des 2. Liedes kommt er. Und übernimmt die Kontrolle … Ohne dass jemand sie berührt, beginnen Einzelne, umzufallen. Bum! … Die Betroffenen berichten, sie seien von der Kraft Gottes überwältigt worden … Im ganzen Raum fallen Jugendliche um und bleiben liegen … Einige liegen ganz ruhig am Boden und berichten hinterher, den Frieden und die Liebe Gottes auf tiefe Weise erfahren zu haben. Andere beginnen laut zu weinen, weil Gott Bereiche intensiven Schmerzes in ihnen berührt. Andere lachen, weil sie Gottes Freude in sich spüren, andere haben Visionen der geistlichen Realität, einige sogar über lange Zeit hinweg … Jemand hat mir die Leitung aus der Hand genommen. In alledem jedoch die überwältigende Präsenz von etwas Heiligem. Von jemand Heiligem.“

Die Gebetsmystik von Hartl

Neben der charismatischen Prägung von Hartl ist vor allem sein mystisch-kontemplatives Verständnis von Gebet aus bibeltreuer Sicht kritisch zu beurteilen. In seinen drei Hauptbüchern „In meinem Herzen Feuer“ (SCM Brockhaus 2014), „Gott ungezähmt“ (Herder 2016) und „Einfach Gebet“ (SCM Brockhaus 2016) geht es vor allem um das Thema Gebet. Martin Erhardt hat das Buch rezensiert:

„Das Buch ist gefüllt mit mystisch-esoterischen Erlebnissen. Der Autor beschreibt Visionen, ‚meditatives Bibellesen‘ (3 Wochen lang täglich vier Stunden lang einen Psalmvers beten), Gebet als künstlerischen Akt, schildert ‚Power-Erfahrungen‘, stellt die klösterliche Abgeschiedenheit als lehrreich und als begehrenswertes Lebensziel dar, spricht über ‚Jesus-Ecken‘ als Gebetsplatz, über diverse charismatische Praktiken, über Energydrink-Stapeln für Gebetsmarathon, über Totenerweckungen im Namen Jesus usw. Vieles klingt sehr befremdlich und teilweise haarsträubend!“ (http://www.evangeliums.net, ausführlicher in „Bibel und Gemeinde“ 1/2015)

Hartl schreibt in „In meinem Herzen Feuer“ zum Beispiel auf Seite 212:

„… Einübung des Schweigens, der Bibelmeditation, des Lobpreises, des liturgischen Gebets, der beständigen Fürbitte, des 24-Stunden-Gebets, der eucharistischen Anbetung, des Rezitierens oder Singens biblischer Passagen, des hörenden Gebets, des Gebets bei Exerzitien oder auf einer Pilgerreise, des kontemplativen Gebets, des Jesusgebets — all das sind Formen, die den Beter Unterschiedliches lehren.“

In seinen Büchern bleibt unklar, ob er sich an Christen wendet oder an alle Menschen und wie ein Mensch überhaupt erstmal mit Gott versöhnt werden kann. Das Evangelium fehlt (wie könnte es bei einem treuen Katholiken auch überhaupt enthalten sein?). In einem Werbe-Video von SCM Brockhaus für sein jüngstes Buch „Einfach Gebet“ sagt er als Voraussetzung für seine Gebetslehre sogar „du brauchst nicht einmal Christ sein“ (Facebookseite von SCM. R. Brockhaus, Video vom 1.1.2017)

Die Gebets-„Übungen“ in „Einfach Gebet“ sind teilweise so körperbetont und rituell-technisch („Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3“ …), dass sie an Anleitungen für Fitness-Workouts erinnern. Naturwahrnehmung, Körperhaltung und Atmung sollen trainiert werden, um „achtsam“ für Glaubenswahrheiten und den Heiligen Geist im eigenen Körper zu werden. Aber nach meinem Verständnis der Bibel ist der Heilige Geist weder bei noch so viel Achtsamkeit körperlich spürbar, noch wohnt er in jedem Leser von Hartls evangeliumsfreien Buch. Statt dem Evangelium lehrt Hartl gebetsmagische Übungen als Weg in die Gemeinschaft mit Gott.

Hartl ist treu römisch-katholisch

Hartl hat mit seinem Buch „Katholisch als Fremdsprache“ ein Werk verfasst, das als Brückenschlag zwischen Katholizismus und Freikirchen dienen soll und in dem er versucht, die katholischen Sonderlehren gegenüber einem bibeltreuen Standpunkt zu rechtfertigen. Wenn er also irgendwie „zwischen“ katholisch und freikirchlich zu verorten ist, dann als Brückenbauer hin zur römisch-katholischen Kirche.

Obwohl es innerhalb der katholischen Kirche vereinzelt Skepsis gegenüber der charismatischen Bewegung gibt, ist sein Gebetshaus Augsburg offiziell von der römisch-katholischen Kirche gutgeheißen. In einem Bestätigungsschreiben vom Bistum Augsburg, Bischöfliches Ordinariat, heißt es:

„Aufgrund der immer größer werdenden Zahl der Teilnehmer am Leben und an den Initiativen des Gebetshauses e.V. sahen sich die Verantwortlichen des Bistums Augsburg veranlasst, Intention, Zielsetzung, und vor allem auch die theologischen Grundlagen des Gebetshauses eingehend zu prüfen. Dies geschah in einem längeren Prozess, dabei wurden auch zahlreiche Personen befragt. Als Ergebnis dieser Prüfung wurde festgestellt, dass im Gebetshaus nichts gelehrt und verkündet wird, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht. Allein dies war auch der Auftrag und Gegenstand der Prüfung. Der Bischof von Augsburg hat aufgrund dieses Ergebnisses der Untersuchung und im Einvernehmen mit Herrn Dr. Johannes Hartl entschieden, das (den) Gebetshaus e.V. in Zukunft seitens der Diözese zu begleiten.  Für diese Aufgabe wurde als bischöflicher Beauftragter Msgr. Dr. Alessandro Perego bestellt.

Das Gebetshaus e.V. sieht sich als ein Werk der Charismatischen Erneuerung in der Katholischen Kirche (CE), in deren Gesamtbund es einen Sitz hat. Zugleich ist es aber doch eine ganz eigenständige Größe, die der CE entwachsen ist. Harald Heinrich, Generalvikar“

In einem Interview mit dem Magazin Amen (von Campus für Christus) sagt Hartl vom Gebet, dass dadurch die Beziehung zu Jesus zustande kommt (also nicht durch den Glauben an das Evangelium von der stellvertretenden Sühne). Dann wird er gefragt: „Gibt es für dich neben dieser persönlichen Beziehung zu Jesus noch etwas anderes, das wir beachten müssen, um voll Glauben zu leben?“ Seine Antwort: „Ja, das ist der Glaube der Kirche. Als Christ bin ich Teil der Kirche und damit Teil eines Glaubens, der eine viel längere Geschichte hat als mein persönlicher Glaube oder meine persönliche Jesus-Beziehung. Dieser Glaube der Kirche ist geprüft und verlässlich. Im persönlichen Bibelstudium kann es auch einmal passieren, dass eine Stelle missverstanden oder falsch interpretiert wird. Der Glaube der Kirche gibt hier Richtung und Sicherheit.“ (http://www.jesus.ch)

Wie also gelangt man Hartl zufolge in eine errettende Beziehung zu Jesus? Durch (Hartls Vorstellung von) Gebet und durch den „Glauben der Kirche“, wobei der „Glaube der Kirche“ im römisch-katholischen Verständnis die Gesamtheit der katholischen Dogmen sind. Das katholische Standardwerk „Der Glaube der Kirche“ (hrsg. von Karl Rahner) stellte diese Dogmen systematisch zusammen, die entscheidenden gelten als unfehlbar, insbesondere jene, die auf dem gegenreformatorischen Konzil von Trient (1545-1563) formuliert wurden. In diesen Dogmen – im „Glauben der Kirche“ – werden alle reformatorischen Überzeugungen buchstäblich verdammt: Wer glaubt, dass die Errettung allein aus Glauben, allein aus Gnade und allein durch Christus ist und wer allein an die Schrift und nicht an die außerbiblische Überlieferung der Kirche glaubt, ist „verdammt“. Das also ist der „Glaube der Kirche“, der neben dem Gebet für Hartl der Weg zum Heil ist. (Das Buch „Sind Sie auch katholisch“ von H.W. Deppe bietet eine Zusammenfassung und Bewertung der katholischen Dogmen).

Resümee – umgriffen vom verlängerten Arm der römischen Kirche

Hartl selbst kann ich seine Meinung nicht vorwerfen, sie ist einfach glasklar römisch-katholisch und er ist halt ein katholischer Charismatiker. So weit, so ungut. Meine großen Bedenken betreffen seinen Einfluss. Ein mir bekannter bibeltreuer Christ aus Augsburg hat örtlich bedingt selbst Kontakte zum dortigen Gebetshaus und sieht Hartl schlicht als „verlängerten Arm der Kirche“. Und das ist das Besorgniserregende: dass sich so viele Evangelikale und Bibeltreue, die sich unkritisch von diesem Arm umgreifen und sich von Hartl einlullen lassen.

Johannes Hartl ist sicher sehr sympathisch, gewinnend, eloquent und sagt viel Richtiges. Kurz gesagt ist er aus bibeltreuer Sicht eine sehr ambivalente, vielseitige Persönlichkeit. Seine römisch-katholischen, charismatischen und mystischen Seiten liegen aber klar auf der Hand, und man fragt sich: Wie können Evangelikale und Bibeltreue diese Seiten einfach völlig unkritisch übersehen? Wie kann ein Vertreter anti-reformatorischer Lehre auf als bibeltreu geltenden Veranstaltungen als Hauptredner eingeladen und seine Vorträge empfohlen und seine Bücher verlegt und vermarktet werden? Was sind die Motive dahinter? Und warum hat die evangelikale Masse das nicht nur unkritisch abgenickt und geschluckt, sondern genießt diesen hippen Prediger in vollen Zügen? Ist es nicht so, dass Katholizismus, Mystik und Charismatismus durch Johannes Hartl einen Fuß in der Tür unter Bibeltreuen haben und diese falschen Lehren, die von Christus und seinen Wort wegführen, geschickt eingeschleust werden?

Das vereinende Prinzip von katholischem und charismatischem Glauben ist die sinnliche Religiosität – im Gegensatz zum schlichten Glauben des Protestantismus – Gottes Gegenwart soll emotional und sinnlich erfahrbar gemacht und der Segen Gottes und das Wirken des Heiligen durch bestimmte Werke (seien es Sakramente, Übungen oder Techniken) verfügbar gemacht werden. Dies steht im klaren Gegensatz zu den Prinzipien der Reformation.

Es geht in Katholizismus, Mystik und Charismatismus darum, „die Gegenwart Gottes erfahrbar zu machen“. Diese Gottesunmittelbarkeit steht im Gegensatz zum Glauben, denn Glauben ist nicht Schauen, Erfahren oder Fühlen. Sie steht im Gegensatz zum Wort, Erfahrung zählt hier mehr als die Bibel. Sie steht im Gegensatz zur Abhängigkeit von der Gnade Gottes, denn Techniken, Übungen, Rituale, Sakramente sind nötig, und auch der Christus der Schrift reicht nicht allein, denn es sind andere Hohepriester am Mikrofon, an Schlagzeug und Gitarre nötig, um uns in die spirituelle Stimmungslage zu versetzen.

Doch Suggestion (sei es durch Ekstase oder weniger spektakuläre Gefühle und Eindrücke, sei es als Massenmanipulation oder allein im Kämmerlein) ist keine Gotteserfahrung, es ist ein eingebildeter Gott, ein Götze. Gott offenbart und naht sich uns im Wort, im geistig verständlichen Wort der Bibel und nicht durch transzendente, wortlose Mystik. Wir können hier nur schwarz-weiß urteilen, es gibt nur entweder-oder: Entweder sind Mystiker, Charismatiker und andere gefühls- und erfahrungsorientierte Christen wirklich Gott unmittelbar begegnet, oder ihre Erfahrung war Einbildung, Suggestion, Lüge. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen religiösen Katholiken, Charismatikern, Mystikern einerseits und bibeltreuen Protestanten einerseits. Für die einen zählt die Erfahrung der Gottesunmittelbarkeit, die anderen halten fest am „Allein die Schrift / das Wort“, „allein der Glaube“ (und nicht das Schauen/Erfahren), allein die Gnade, allein Christus.

Kommen wir damit kurz zurück auf den Zweck dieses Artikels:

a) Verführungen aus dem katholischen und charismatischen Spektrum treten täuschend und verführerisch auf. Seien wir nicht unkritisch und blauäugig, sondern schärfen wir unser geistliches Unterscheidungsvermögen durch Gottes Wort!

b) Die Solae („allein“) der Reformation sind nötig und hilfreich, um gefährliche Strömungen aufzudecken. Prüfen wir also stets: 1. Wird allein die Schrift bejaht, oder glaubt man an weitere Offenbarungen Gottes, andere Autoritäten, Gottes unmittelbares Reden? 2. Wird die Errettung allein aus Glauben bejaht, oder werden katholische Zusätze wie Werke, Sakramente, Rituale, Übungen usw. anerkannt? 3. Weiß man sich allein von Gottes souveräner Gnade abhängig, oder meint man, mit eigenen Mitteln und Techniken Gottes Segen, Wirken und Gegenwart bewirken zu können? 4. Wird anerkannt, dass der Christus der Bibel alles ist, was wir brauchen? Oder worin wird Glück und Seligkeit gesucht?

c) Eine Verbesserung der eigenen biblischen Verkündigung ist dringend nötig. Wenn Hartl deswegen quasi alternativlos als Redner eingeladen wird, weil er angeblich eine so klare Verkündigung hat, was sagt das dann über die Verkündigung in unseren eigenen Reihen? Wir brauchen eine Rückkehr zu und Wiederbelebung von gesunder biblischer Verkündung des ganzen Wortes Gottes, fortlaufend in auslegender Weise. Das ist genug, denn allein Gottes Wort hat die Kraft, zu erwecken und zu reformieren.

Hans-Werner Deppe

 

Bildquelle: By Christliches Medienmagazin pro (Johannes Hartl) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

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