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Woher stammt die moderne Evangelisationspraxis á la Billy Graham, Pro Christ usw.?

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Dieser Artikel ist ein Anhang aus dem Buch „Wenn Salz kraftlos wird“ von John MacArthur, Bielefeld: CLV 1996. Von John MacArthur Jr[1]

Charles Finney wurde 1792 in Connecticut geboren, verbrachte aber die meiste Zeit seiner Kindheit in Oneida, New York. Seine Eltern waren keine Christen, und er wuchs in ziemlicher Unkenntnis der christlichen Lehre auf. Er erinnert sich an keinerlei Predigt oder Evangeliumsverkündigung in jener Gegend New Yorks (die er eine „Wüste“ nannte) – obwohl die Geschichte zumindest von einer starken evangelikalen Gemeinde in diesem Stadtteil zu berichten weiß.|[2]

Von der Religion seiner Kinderzeit sagte er später, sie sei von einer Art gewesen, „die nicht dazu angetan war, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken“.[3] Er beschreibt den einzigen Prediger, an den er sich aus seiner Jugend erinnert, wie folgt:

Ich saß auf der Empore und beobachtete, dass er sein Manuskript in der Mitte der Bibel liegen hatte. Seine Finger steckten an den Stellen, wo er die Bibelverse finden konnte, die er während der Predigt zitieren wollte. Daher musste er die Bibel mit beiden Händen halten, was jegliches Gestikulieren mit seinen Händen unmöglich machte. Im Fortgang der Predigt pflegte er nun eine Schriftstelle nach der anderen vorzulesen, wodurch ebenfalls ein Finger nach dem anderen befreit wurde, bis schließlich alle Finger beider Hände „herausgelesen“ waren. Damit hatte er dann auch bald das Ende der Predigt erreicht. Sein Vortrag war im Ganzen leidenschaftslos und monoton, und obwohl die Leute seinen Lesungen sehr aufmerksam und ehrerbietig lauschten, muss ich bekennen, dass sie mir wenig Ähnlichkeit mit einer Predigt zu haben schienen.[4]

Finney charakterisierte das, was der Pastor zu sagen hatte, als „eine trockene Lehrdiskussion“ und fügte hinzu: „Und diese Predigt war in der Tat genauso gut wie Predigten, die ich andernorts hörte; aber man möge beurteilen, ob solche Predigt dazu angetan ist, einen jungen Menschen zu unterweisen oder zu interessieren, der von Religion nichts wusste, noch sich darüber Gedanken machte.“[5]

Finney entschied sich, Jura zu studieren und machte sein Praktikum in Adams, New York, wo er sich zum erstenmal aktiv mit einer Gemeinde auseinandersetzen musste. Der örtliche Presbyterpastor, George W. Gale, ein junger Mann, der nur zwei Jahre älter war als Finney, gewann Interesse an dem Jurastudenten. Gale machte ihn zum Chordirigenten in der Gemeinde und begann, ihn in seinem Anwaltsbüro zu besuchen, um über geistliche Dinge zu sprechen.

Finney notierte Bibelstellen in seinem Juralehrbuch, bis er um eine Bibel bat und anfing, sie zu studieren. Aber wieder, so sagt Finney, sei die Predigt ein Hindernis für ihn gewesen. „Gale schien der Ansicht zu sein, seine Hörer seien Theologen, bei denen er all die großen und fundamentalen Lehren des Evangeliums voraussetzen konnte. Ich muss aber sagen, dass ich eher verwirrt als erbaut von seinen Predigten war.“[6]

Finney setzte den jungen Pastor während ihrer Unterhaltungen im Anwaltsbüro mit lehrmäßigen Fragen unter Druck: „Was meinte er mit Buße? War sie nur das Gefühl, dass einem die Sünden leid taten? War sie im Grunde eine passive Herzenshaltung oder enthielt sie ein willensmäßiges Element? Wenn sie eine Sinnesänderung war, in welcher Hinsicht war sie es dann?“[7] und so weiter. Man gewinnt aus der Natur der Finney’schen Fragen den Eindruck, dass Gales Predigten gar nicht so völlig abgehoben waren, wie Finney sie später geschildert hat. Vielmehr zeigt sich ganz deutlich, dass Gales Dienst begann, den gewünschten Effekt zu erzielen.

Finneys dramatische Bekehrung

Während seiner Zeit in Adams bekehrte sich Finney auf spektakuläre Weise. Seltsamerweise kam Finney trotz seiner dramatischen, überwältigenden und revolutionären Bekehrung niemals zu der Erkenntnis, dass eine Bekehrung einzig das Werk Gottes ist. So wie Finney die Geschichte erzählt, wird ganz deutlich, dass er glaubte, sein Wille sei der bestimmende Faktor bei seiner Errettung gewesen: „An einem Sabbathabend im Herbst 1821 nahm ich mir vor, die Frage der Rettung meiner Seele auf der Stelle zu regeln, um mit Gott Frieden zu schließen.“[8] Offensichtlich unter starkem inneren Zwang stehend ging Finney in den Wald, wo er versprach, „Gott sein Herz zu geben oder bei dem Versuch dazu zu sterben“.[9]

Finney wurde dort im Wald errettet. Zunächst erschien es wie eine normale Bekehrung. Finney selbst wusste nicht recht, was geschehen war; aber er hielt sich zu dem Herrn. Sein Herz war „wunderbar still und friedevoll“. Das überwältigende Gefühl der eigenen Sünde, das er gespürt hatte, war völlig verschwunden. Er fragte sich sogar, ob er vielleicht „den mahnenden Heiligen Geist ganz und gar wegvergrämt hätte“.[10] Aber später am Abend hatte er in seinem Anwaltsbüro ein Erlebnis, das er als „mächtige Taufe des Heiligen Geistes“ beschrieb. „Der Heilige Geist kam auf mich herab, in einer Weise, die durch Leib und Seele hindurchzugehen schien. Ich hatte den Eindruck, als wenn eine elektrische Welle immerfort durch mich hindurchfloss.“[11]

Trotz all dieser Erfahrungen war Finneys Geist an jenem Abend so verwirrt, dass er Jahre später schrieb: „Obwohl ich diese Taufe empfangen hatte … ging ich ins Bett, ohne sicher zu sein, Frieden mit Gott zu haben.“[12]

Finneys Zweifel waren plötzlich und auf geheimnisvolle Weise am nächsten Morgen gewichen, und später am selben Tag entschied er, Gott wolle, dass er predige, und zwar sofort. „Nachdem ich diese Taufe des Geistes empfangen hatte, war ich sehr willig, das Evangelium zu predigen. Nein, ich entdeckte, dass ich unwillig zu irgend etwas anderem war. Ich hatte kein Bedürfnis mehr, als Jurist zu arbeiten … Mein ganzes Herz war mit Jesus erfüllt und mit Seinem Heil, und die Welt erschien mir bedeutungslos.“[13]

Berufen zum Predigen?

Es war, wie ich meine, ein großes Unglück, dass Finney sofort nach seiner Bekehrung ein Predigeramt übernehmen wollte. Ohne jeglichen soliden christlichen Einfluss in seiner frühen Kindheit, wusste er beinahe nichts von der Bibel und deren Aussagen. Finney hatte wohl ein brillantes Gedächtnis und konnte in theologischen Debatten seinen Standpunkt vertreten – auch gegen einen wohltrainierten Mann wie Gale. Seine juristischen Studien hatten Finney logisches Denken gelehrt, ihn aber auch mit einer Riesenmenge falscher Voraussetzungen erfüllt. Finneys Haltung zu Gerechtigkeit, Schuld, Gericht, Übertretung, Vergebung, Verantwortlichkeit, Souveränität und vielen, vielen anderen Begriffen stammte aus seinem Jurastudium und nicht aus der Schrift.

Wo immer Finney predigte, reagierten die Menschen enthusiastisch. Augenblicklich schienen seinen Aufrufen Zeichen von Erweckung zu folgen. Mit seinem Ruf verbreitete sich auch sein Einfluss. Finney forderte die konventionelle Lehre mutig heraus und förderte in überzeugender Weise sein ziemlich neuartiges Lehrgebäude. Er begann zu predigen, wo immer er ein Auditorium fand. Und es dauerte nicht lange, bis er mit den etablierten Kirchen zusammenstieß. „Hier war ein junger Mann, erst zwei Jahre Pastor, erst vier Jahre ein Christ, ohne traditionelle Bildung und ohne Predigterfahrung außer der eines Missionars, der plötzlich zum Schlag gegen die Kirchen ausholte. Er war von Natur extravagant in seinen Behauptungen, anmaßend und rau in seinem Verhalten, der es vorzog, mit der Egge über die Gefühle der Menschen herzufahren, anstatt ihre Herzen mit sanftem Lockruf zu schmelzen.“[14]

Dazu muss angemerkt werden, dass, als Finney auftrat, viele Gemeinden von wahrer Orthodoxie zu kaltem Hyperkalvinismus abgedriftet waren. Hyperkalvinismus ist der Glaube, die Einladung zum Evangelium gelte nur den Erwählten. Hyperkalvinisten glauben nicht, das Evangelium solle vorurteilsfrei verkündet und das Heil allen frei angeboten werden. Im Grunde widersetzen sie sich dem eigentlichen Wesen des Evangeliums. Viele Gemeinden hatten sich in Finneys Tagen durch hyperkalvinistische Tendenzen selbst mattgesetzt. Finneys eigener Pastor, George Gale, scheint hyperkalvinistisch gedacht zu haben. Finney beschreibt Gales Predigten so: „Er schien niemals zu erwarten oder auch nur die Absicht zu haben, jemand durch irgendeine seiner Predigten zur Bekehrung zu bringen.“[15]

Finney schloss, dass der Glaube seines Pastors an die menschliche Verlorenheit und an die göttliche Souveränität mit Evangelisation unvereinbar war. Er schrieb: „Tatsache ist, diese Lehren waren für ihn eine vollkommene Zwangsjacke. Wenn er Buße gepredigt hatte, so konnte er sich nicht hinsetzen, bevor er sicher war, den Leuten den Eindruck vermittelt zu haben, dass sie nicht Buße tun konnten. Wenn er sie zum Glauben aufrief, so musste er sicherstellen, dass alle begriffen hatten: Ohne Veränderung ihres Wesens durch den Heiligen Geist konnten sie überhaupt nicht glauben. Und so war seine Orthodoxie eine unentrinnbare Fußfalle sowohl für ihn selbst, wie auch für seine Hörer.“[16]

Finneys Aversion gegen die Orthodoxie

Finney unterschied nicht zwischen kalvinistischer Orthodoxie und Hyperkalvinismus.[17] Demzufolge zerstörte er die orthodoxe Lehre und verwarf den Kalvinismus samt und sonders. Er studierte die Lehre nur oberflächlich und installierte ein eigenes theologisches System, das seinem Sinn für Logik entgegenkam. So wandte er die juristischen Erkenntnisse des neunzehnten Jahrhunderts, wie sie in Amerika galten, auf alle biblischen Lehren an. „Ich habe über diesen Gegenstand (die Versöhnung) nirgends außer in meiner Bibel gelesen“, schrieb er, „und was ich dort darüber fand, habe ich so ausgelegt, wie ich es bei einer gleichen oder ähnlichen Passage in einem Gesetzbuch auch getan hätte.“[18] Er schloss, dass Gottes Gerechtigkeit fordere, dass auch Seine Gnade gleicherweise allen gelte. Er folgerte, dass Gott gerechterweise unmöglich der ganzen Menschheit Adams Ungehorsam zurechnen könne. Seiner Meinung nach würde ein gerechter Gott niemals die Menschen verdammen, weil sie von Natur Sünder sind: „Die Bibel beschreibt die Sünde als Gesetzesübertretung. Welches Gesetz haben wir übertreten, indem wir diese (sündige) Natur ererbten? Welches Gesetz verlangt von uns, eine andere als die uns eigene Natur zu haben? Gibt es einen Grund, weswegen wir den ewigen Zorn Gottes verdienen, weil wir Adams sündige Natur ererbt haben?“[19] So ließ Finney die klare Lehre der Bibel (Römer 5,16-19) zugunsten menschlicher Überlegungen fallen.

Schlimmer noch: Finney leugnete, dass der heilige Gott die Sünden der Menschen Christus zuschreiben und Christi Gerechtigkeit den Glaubenden zuerkennen würde. Er schloss, diese Lehren – klar im dritten, vierten und fünften Römerkapitel gelehrt – seien „eine theologische Fiktion“.[20] Damit allerdings leugnete er das Herzstück evangelikaler Theologie.

Unglücklicherweise überdeckte Finneys früher Erfolg bei seinen Predigten die ernsten Mängel seiner Theologie. Finney selbst gab zu, dass das Presbyterium bei seiner kirchlichen Prüfung für das Predigtamt „alle Fragen vermied, die selbstverständlich den Widerspruch meiner Ansichten zu ihren offenbart hätten“.[21] Dieses Gremium war offensichtlich durch Finneys wachsende Popularität als Erweckungsprediger eingeschüchtert worden. Einer der Prüfer fragte trotzdem, ob Finney das Westminster-Glaubensbekenntnis anerkenne. Später bekannte Finney, er habe dieses Bekenntnis bis dahin nie gelesen. Doch antwortete er dem Presbyterium in einer Weise, der sie eine Bestätigung ihrer Lehrauffassung entnahmen. „Ich entgegnete ihnen, ich sähe das Bekenntnis – soweit ich es verstanden hätte – als Lehrgrundlage an.“[22] Später, nachdem Finney das Bekenntnis gelesen hatte, entdeckte er zu seinem Schrecken, dass es zu vielem, was er glaubte, im Widerspruch stand. „Sobald ich die eindeutigen Lehren dieses Glaubensbekenntnisses kennengelernt hatte, … versäumte ich keine Gelegenheit, meine anderslautenden Auffassungen kundzutun“, schrieb er.[23]

Bei der Ablehnung hyperkalvinistischer Tendenzen geriet er völlig ins gegenteilige Extrem. „In der Religion gibt es nichts, was über die üblichen Kräfte der Natur hinausgeht“, meinte er.[24] „Eine Erweckung ist weder ein Wunder noch hängt sie irgendwie von einem Wunder ab. Sie ist einzig das philosophische Ergebnis der rechten Anwendung der dazu nötigen Mittel – so wie jeder andere Effekt durch die Anwendung der geeigneten Mittel hervorgerufen werden kann … Eine Erweckung ist ein genauso natürliches Ergebnis des Gebrauchs geeigneter Mittel, wie eine Ernte auf den Einsatz der dazu nötigen Mittel folgt.“[25]

Der Erfolg rechtfertigt die Mittel?

Finney war der erste einflussreiche Evangelist, der meinte, der Erfolg rechtfertige die Mittel: „Der Erfolg irgendeiner Maßnahme zur Förderung einer Erweckung demonstriert deren Weisheit … Folgt die Segnung offensichtlich bei der Einführung der Maßnahme, so ist unwiderlegbar bewiesen, dass die Maßnahme klug war. Zu behaupten, eine solche Maßnahme richte mehr Schaden als Nutzen an, ist lästerlich. Gott kennt sie ja, und Seine Absicht ist es, die größtmögliche Menge an Gutem daraus hervorgehen zu lassen.“[26]

Finneys Einfluss auf die evangelikale Bewegung in Amerika war grundlegender Art. Er war der erste, der Bekehrte aufforderte, bei Evangelisationsversammlungen „nach vorne zu kommen“, um dadurch anzuzeigen, sie hätten Christus angenommen. Er war einer der ersten, die den Begriff „Erweckung“ für Evangelisationsfeldzüge gebrauchte. Finney war es, der die Nachversammlungen für Heilsverlangende einführte. Er drückte auch dem amerikanischen Predigtstil seinen Stempel auf, indem er junge Prediger ermutigte, zu improvisieren, Anekdoten zu erzählen und mehr im Unterhaltungston als streng lehrmäßig zu sprechen, wie es bis dahin die Prediger taten. All diese Ideen – heute bei Evangelisationen gang und gäbe – gehörten zu den „neuen Maßnahmen“, die Finney einführte.

Natürlich waren nicht alle Neuerungen Finneys falsch. Er forderte, dass Prediger direkt, klar, zwingend, ernst und angreifend bei ihren Botschaften waren. Er riet ihnen, über Sünder nicht in der dritten Person zu reden, sondern sie mit „du“ anzureden, um ihre Gewissen direkter zu erreichen. Er drang auf eine sofortige Bekehrung im Gegensatz zu der damals vorherrschenden Meinung, nach der man Sündern riet, auf Gott zu warten, bis Er ihnen Buße und Glauben schenke. Entsprechend der Schrift und der Predigt Jesu rief Finney die Sünder zu Buße und Glauben auf – und nicht dazu, untätig darauf zu hoffen, dass Gott sie bekehre.

Finneys Dienst konzentrierte sich auf den Westen des Staates New York. Selbst zu Finneys Lebzeiten war diese Gegend als „das ausgebrannte Gebiet“[27] bekannt, weil wiederholte Wellen religiösen Feuereifers jedes wahre Verlangen nach dem Evangelium ausgetilgt hatten. In seiner Frühzeit schien Finney allerdings in der Lage gewesen zu sein, die Flammen immer wieder neu entfachen zu können.

Mit der Zeit aber machten die Erregung und die Glut der vermeintlichen „Erweckung“ einem umso härteren Unglauben und weitverbreitetem Agnostizismus Platz. Das „ausgebrannte Gebiet“ wurde weiter versengt und wurde verhärteter als je zuvor. Tatsächlich hat jener Teil unseres Landes nie wieder eine weitere Erweckung erfahren.

Einer, der mit Finney bei den Erweckungen zusammenarbeitete, schrieb 1834 an ihn:

Lass uns die Felder besehen, wo Du und andere und auch ich selbst an der Erweckung gearbeitet haben, und wie es jetzt um ihren moralischen Stand bestellt ist! Wie sah es dort nach weniger als drei Monaten, nachdem wir sie verlassen hatten, aus? Ich habe die Felder wieder und wieder besucht und im Geist geseufzt, als ich den traurigen, erkalteten, fleischlichen, selbstzufriedenen Zustand erblickte, in den die Gemeinden gefallen waren – gefallen, schon sehr bald, nachdem wir von ihnen gegangen waren.[28]

B.B. Warfield schrieb:

Es gibt kein kraftvolles Zeugnis mehr … außer dem von Asa Mahan (Finneys langjährigem Freund und Mitarbeiter), der uns – kurz gesagt – berichtete, dass alle, die von diesen Erweckungen berührt wurden, im Nachhinein einem traurigen Abfall erlegen sind: Die Leute sind wie eine erkaltete Kohle, die nicht wieder zum Glühen gebracht werden kann; die Pastoren waren all ihrer geistlichen Kraft beraubt; und die Evangelisten? Er sagt: „Unter allen – und ich kannte sie fast alle persönlich – weiß ich von keinem, Bruder Finney und Vater Nash ausgenommen, der nicht nach wenigen Jahren seine Salbung verloren hat und für das Amt eines Evangelisten ebenso untauglich war wie für das eines Pastors.“

So sind die großen „Erweckungen des Westens“ zu einem Desaster geworden … Immer wieder, wenn er plante, eine der Gemeinden zu besuchen, wurden ihm Delegationen entgegengeschickt oder andere Mittel angewendet, um das zu verhindern, weil man abwenden wollte, was man für eine Anfechtung hielt.[29]

„Selbst noch eine Generation später“, bemerkt Warfield, „scheuen diese gebrannten Kinder das Feuer.“[30]

Ein enttäuschendes Ende

Finney wurde entmutigt, als seine Methoden fehlschlugen. Er wurde Pastor der Broadway Tabernacle Congregational Church in New-York-City und später Präsident des Oberlin-Colleges in Ohio. Er verwandte all seine Energie auf die Fortentwicklung seiner perfektionistischen Lehren und auf die Arbeit im College.

Später schrieb Finney im Rückblick auf seine Zeit als Evangelist: „Ich war oft das Instrument, durch das Christen sehr stark überführt wurden und in einen zeitweiligen Zustand von Buße und Glauben gerieten … (Aber) weil ich versäumte, darauf zu dringen, dass sie Christus so gut kennen lernten, dass sie bei Ihm blieben, pflegten sie natürlich alsbald in ihren früheren Status zurückzufallen.“[31] Im Bewusstsein des Versagens seiner evangelistischen Methoden schloss Finney – immer noch der gleiche Pragmatist -, perfektionistische Lehren seien der wahre Schlüssel zu erfolgreichem Dienst. Im Rückblick meinte er, ihm wäre Erfolg beschieden gewesen, wenn er eine starke, aber auf Furcht begründete perfektionistische Botschaft gebracht hätte. Hätte er lange genug gelebt, so würde er erfahren haben, dass auf Perfektionismus gegründeter Samen größeren geistlichen Schaden hervorbringt als ein flaches Evangelium.

Ein Zeitgenosse Finneys sagte:

Während zehn Jahren wurde berichtet, jährlich hätten sich Hunderte, vielleicht sogar Tausende, tiefgreifend bekehrt. Jetzt muss aber zugegeben werden, dass sich (bei Finney) nur verhältnismäßig wenige richtig bekehrt haben. Es wird sogar von ihm selbst erklärt, „der größte Teil von ihnen sind eine Schande für die Religion“. Als Ergebnis dieses Abfalls sind große, schreckliche und unzählige praktische Übel in viele Gemeinden eingedrungen.[32]

So bezieht sich Finneys fortdauernder und weitreichender Einfluss leider nicht auf zahllose gerettete Seelen oder vom Evangelium erreichte Sünder. Solche Effekte waren, wie es scheint, beinahe nur sehr oberflächlich und verschwanden oft, sobald Finney die Stadt verließ. Finneys bare Gesetzlichkeit ist es, die einen so verheerenden Einfluss auf die amerikanische evangelikale Theologie und die Methodologie der Evangelisation gewonnen hat. In der Kirche unserer Generation gärt noch heute der von Finney hineingetragene Sauerteig, und der moderne evangelikale Pragmatismus ist der Beweis dafür.


[1] Dieser Artikel ist ein Anhang aus dem Buch „Wenn Salz kraftlos wird“ von John MacArthur, Bielefeld: CLV 1996.

[2] B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 10.

[3] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 78.

[4] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 6.

[5] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 6, 7.

[6] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 7.

[7] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 8.

[8] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 12 (Hervorhebung vom Autor).

[9] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 16.

[10] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 17.

[11] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 20.

[12] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 22.

[13] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 25, 26.

[14] B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 21.

[15] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 59.

[16] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 59, 60.

[17] Finney schrieb: “Ich habe überall entdeckt, dass sich der Hyper-Kalvinismus als ein großer Stolperstein sowohl für die Kirche als auch für die Welt erwiesen hat. Eine in sich selbst sündige Natur, eine totale Unfähigkeit, Christus anzunehmen und Gott zu gehorchen, Verdammnis zu ewigem Tode wegen der Sünde Adams und wegen der sündigen Natur und ähnliche und sich daraus ergebende Dogmen dieser speziellen Schule wurden zum Stolperstein für Gläubige und zum Ruin für Sünder (S. 368-369). Aber die von Finney aufgezählten Lehren sind nicht hyper-kalvinistisch – sie sind einfach kalvinistische Orthodoxie – und in den meisten Fällen reine biblische Lehre. Finney wirft sie alle über Bord und lehnt somit das Herzstück biblischer Theologie ab.

Die eigenartige, von Finney erfundene Theologie ist voller Probleme – besonders im Gebiet der Heiligung. Finney entwickelte eine radikale Form des Perfektionismus, die darauf viele fanatische Ideen unter seinen Nachfolgern entstehen ließ. B.B. Warfield verfasste in seinem zweibändigen Werk Perfectionism eine sorgfältige, aber vernichtende Kritik der Finney’schen Theologie. (Band 2, S. 1-215).
Was Finney nicht genügend beachtet hatte, war die Tatsache, dass die beständigsten Erweckungen des achtzehnten Jahrhunderts in Amerika – einschließlich der Großen Erweckung – alle durch kalvinistische Lehren hervorgebracht worden waren. Jonathan Edwards, George Whitefield, David Brainerd und die frühen Baptisten waren alle strenge Kalvinisten, doch eiferten sie für eine agressive Ausbreitung des Evangeliums. Leider war Finney allzu schnell bereit, dieses Erbe beiseite zu werfen und sein eigenes theologisches Gebräu zu verbreiten. Der pragmatische Ansatz, mit dem Finneys System steht oder fällt, hat sich bis zum heutigen Tag erhalten, selbst bei solchen Christen, die Finneys lehrmäßigen Neuerungen ablehnend gegenüberstehen.

[18] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 42.

[19] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 339.

[20] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 56-58.

[21] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 51.

[22] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 51.

[23] Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 59.

[24] Revivals of Religion (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 4.

[25] Revivals of Religion (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 5.

[26] Revivals of Religion (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 211 (Im Original hervorgehoben).

[27] Seltersamerweise hat Finney selbst diesen Ausdruck mitgeprägt. In seinen Memoiren spricht er von diesem Gebiet als von dem “verbrannten Distrikt“, wegen des Widerstands, der seinen eigenen Erweckungsbemühungen entgegenschlug. Charles G. Finney: An Autobiography (Old Tappan: N. J. Revell, ohne Jahresangabe), S. 778.

Eine faszinierende weltliche Analyse dieser Region und seiner historischen Erweckung wurde von Whitney R. Cross verfaßt, The Burned-Over District: The Social and Interlectual History of Tenthusiastic Religion in Western New York, 1800-1850 (New York: Harper Torchbooks, 1950).

[28] Zitiert in B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 26.

[29] Zitiert in B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 26, 27.

[30] Zitiert in B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 28.

[31] Zitiert in B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 24.

[32] Zitiert in B.B. Warfield, Perfectionism, 2 Bände (New York: Oxford, 1932), Band 2, S. 23.

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