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Warum wurde der Prämillenialismus in der Kirchengeschichte verworfen?

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Von Charles E. Hill

Chiliasmus ist der alte Name für das, was heute als Prämillennialismus bekannt ist. Es ist der Glaube, dass Jesus Christus bei seiner Wiederkunft das Endgericht nicht sofort vollstrecken, sondern zuerst ein vorläufiges Reich auf Erden errichten werde, in dem die auferstandenen Gläubigen zusammen mit ihm 1000 Jahre lang über die nicht auferstandenen Menschen in Frieden und Gerechtigkeit herrschen werden. Es mag heute ungewöhnlich klingen, zu sagen, dass die Kirche den „Chiliasmus verworfen“ hat, da der Prämillennialismus im evangelikalen Bereich die bekannteste Eschatologie ist. Anfang des 19. Jahrhunderts verbanden sich die beiden damals neu aufkommenden Bewegungen des Chiliasmus und des Fundamentalismus, und so wurde die dispensationalistische Spielart des Chiliasmus energisch von den Kanzeln gepredigt, in Bibelschulen und -seminaren gelehrt, und vielen Menschen erfolgreich durch Bibelkurse, Bücher, Artikel, Schaubilder und im Radio und Fernsehen angepriesen. Der Prämillennialismus ist heute für viele Christen das Kennzeichen für christliche Rechtgläubigkeit. Aber es gab eine Zeit von über 1000 Jahren (über die Hälfte der Kirchengeschichte), vom frühen 5. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert, in welcher der Chiliasmus „ruhte“ und praktisch gar nicht existierte. Sogar während der Reformation und eines großen Teils der nachreformatorischen Zeit bildeten die Vertreter des Chiliasmus gewöhnlich nur Randgruppen wie die Münsterschen Täufer. Das Augsburger Bekenntnis verurteilte den Chiliasmus ausdrücklich (Art. XVII, „Von der Wiederkunft Christi zum Gericht“), und Johannes Calvin kritisierte „die ‘Chiliasten’, die die Herrschaft Christi auf 1000 Jahre begrenzt haben“ (Institutio III,25,5). Sein Comeback hatte der Chiliasmus erst im 19. Jahrhundert, und zwar als Lieblingslehre von Bibellehrern und Predigern, die angesichts der bedrohlichen Auswirkungen des um sich greifenden Liberalismus eine Erweckung vorantreiben wollten.

Aber wie sollen wir die erste Zeit der Gemeinde bis zur Verwerfung des Chiliasmus betrachten? Angeblich war diese Periode die Blütezeit des chiliastischen Glaubens. Viele moderne Vertreter des Prämillennialismus behaupten, dass der Chiliasmus vor der Zeit Augustins vorherrschend, wenn nicht sogar die „univerale“ Eschatologie der Gemeinde gewesen sei, die den Glauben der Apostel bewahrt hat.[1] Eine Art Chiliasmus wurde im zweiten Jahrhundert mit Sicherheit von solchen bekannten Personen wie Justin dem Märtyer und Irenäus von Lyon vertreten, und im dritten Jahrhundert von Tertullian von Karthago. Wie und warum ist diese Sichtweise schließlich in Verruf geraten?

Die übliche Antwort von Prämillennialisten lautet, der Prämillennialismus sei aus falschen Gründen überwunden worden. Sie führen das Aufkommen einer unbiblischen und gefährlichen allegorischen Hermeneutik an (wie von Clemens von Alexandrien und Origenes), die kläglich von der gründlichen biblischen Exegese abwich. Sie erklären, dass die prophetischen Ausschweifungen der Montanisten dem Chiliasmus in Verruf gebracht haben. Sie bemerken, dass die Konstantinische Wende die Kirche zu dem Irrglauben führte, dass das Tausendjährige Reich schon gekommen sei. Schließlich wiesen sie darauf hin, dass die entschiedene Ablehnung des Chiliasmus durch Augustinus, der früher an den Chiliasmus geglaubt hatte, der Sargnagel des Prämillennialismus war. Aber sind das die wahren Gründe?

Die Hermeneutik ist in der Tat ein wichtiger Punkt, aber wenn man hier nur zwischen buchstäblicher und allegorischer Exegese polarisiert, wäre das zu pauschal. Beide Seiten gebrauchen jeweils dann eine buchstäbliche oder allegorische Exegese, wenn sie es für gut befanden. Zum Beispiel hatte die grundsätzliche Kritik von Origenes am Chiliasmus trotz seines bewussten Gebrauchs der allegorischen Methode echte theologische und traditionelle Beweggründe. Seine Beweggründe wurden auch von großen Teilen der Kirche vertreten. Es fällt auf, dass die ersten Montanisten keine Chiliasten waren und nie dafür kritisiert worden sind.[2] Tertullian, der ein Montanist geworden war, übernahm den Chiliasmus nicht von ihnen, sondern von Irenäus. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Chiliasmus von irgendeiner Nähe zum Montanismus Schaden gelitten hätte. Als Konstantin das Christentum im 4. Jahrhundert als   Staatsreligion verkündigte, war eine nicht-chiliastische Eschatologie sicherlich weitgehend die Regel, und das vielerorts bereits seitdem das Christentum dorthin gekommen war. Es gibt daher viele Anzeichen, die dafür sprechen, dass der Chiliasmus sogar ohne die Hilfe Augustins wahrscheinlich schon im Sterben lag, als er 420-426 die letzten Bücher des „Gottesstaats“ schrieb.

Warum hat die Kirche dann also den Chiliasmus verworfen? Wie es bei den meisten historischen Fragen der Fall ist, sind die Antworten komplex und beinhalten sowohl soziale und hermeneutische als auch theologische Aspekte. Es würde lange dauern, die Exegese der einzelnen biblischen Passagen von verschiedenen vorgegeben Autoren zu vergleichen und zu bewerten. Dennoch kann ein verbreiteter Kritikpunkt eine Strukturierungshilfe bieten und die wohl bedeutendsten Faktoren für den Untergang des Chiliasmus ordnen helfen. Dieser verbreitete Kritikpunkt, der seit Augustinus bis zum Augsburger Bekenntnis und darüber hinaus bekannt war, besagt, dass der Chiliasmus ein „jüdischer“ Fehler sei.[3] Dieser Kritikpunkt kann heute sehr missverstanden werden, wenn man ihn als einen Teil der beschämenden Erblast des Antisemitismus in der Kirche betrachtet. Aber darum geht es bei diesem Einwand keineswegs. Jesus war ein Jude, genauso wie alle Apostel. Jesus sagte, „das Heil kommt aus den Juden“, und alle Kirchenväter wussten das uns stimmten dem zu. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen, ein Jude zu sein. Die alte und ehrwürdige Tradition der Juden in Bezug auf Monotheismus, Moral und Bewahrung der Heiligen Schrift ist etwas, was bibeltreue Christen stets wertgeschätzt haben.

Noch ein weiteres modernes Missverständnis dieser Kritik muss vermieden werden: Einige aktuelle Formen des Prämillennialismus, besonders der Dispensationalismus, könnten einigen „jüdisch“ erscheinen, weil sie verheißen, dass das Reich Gottes für die ethnischen Juden wiederhergestellt werden wird, so wie es die Erfüllung des Alten Testaments Abraham und seinen Nachkommen verheißt. Aber das wurde im historischen Chiliasmus anders gesehen. Die neutestamentliche Lehre von der Gemeinde als wahres Israel und Erbe aller Verheißungen Gottes in Christus war im frühen christlichen Denken zu tief verwurzelt, als dass eine solche Sicht vorstellbar gewesen wäre. Die Chiliasten der alten Kirche, wie Irenäus, argumentierten tatsächlich, dass einige Verheißungen Gottes an Israel buchstäblich in einem irdischen Reich erfüllt werden müssten. Aber sie verstanden, dass die demütigen Empfänger dieses Reiches das geistliche Israel sein werden, d.h. alle, die Jesus als Gottes Messias anerkannten, ungeachtet ihrer nationalen oder ethnischen Herkunft.[4] Der alte Chiliasmus wurde nicht dafür kritisiert, dass er den Juden das Vorrecht zuschrieb, eine besondere Zukunft getrennt von den Heidenchristen zu haben.

Was meinten dann Kritiker damit, wenn sie den Chiliasmus als „jüdisch“ bezeichneten? Sie meinten „jüdisch“ im nicht-christlichen oder sogar antichristlichen Sinne. Diese historischen Kritiker meinten, dass der Chiliasmus ein vorchristliches Verständnis von biblischem Glauben vertrat, das in wesentlichen Punkten nicht dem Kommen Jesu als Messias und Erlöser gerecht wurde. Sie betrachteten ihn als eine zu kurz greifende, dem Neuen Testament nicht gerecht werdende und nicht wirklich christliche Eschatologie. Wir behandeln im Folgenden drei Aspekte dieser Kritik.

1. Die Quellen waren nicht-christliche jüdische Quellen

Kritiker des Chiliasmus zeigen auf, dass Chiliasten ihre Sicht nicht so sehr von den Aposteln, als vielmehr von nicht-christlichen jüdischen Quellen herleiteten.[5] Irenäus zitiert eine Überlieferung von Papias von Hierapolis, der ein Buch über das Tausendjährige Reich geschrieben hatte.[6] Diese Überlieferung beansprucht, Jesu Lehre über das Reich Gottes so wiederzugeben, wie sie der Apostel Johannes denen weitergegeben hatte, die sich direkt an dessen Lehre erinnerten. Es handelt sich um die berühmte Beschreibung, dass jeder Weinstock in diesem Reich 10.000 Reben hat, jede Rebe 10.000 Schosse, jeder Schoss 10.000 Trauben, jede Traube 10.000 Beeren usw. Und wenn einer von den Heiligen eine Traube ergreift, wird die andere ihm zurufen: Ich bin eine bessere Traube, nimm mich und preise durch mich den Herrn![7] Dieser Bericht scheint eine Weiterentwicklung einer Überlieferung zu sein, die in dem apokalyptischen jüdischen Buch 2. Baruch berichtet wird, in der Erzählung über das messianische irdische Reich (Kap. 29).

Einige Gelehrte sagen, dass der Chiliasmus des Justin, auch wenn er die Zahl 1000 aus Offenbarung 20 herleitet, eher von einer bestimmten Herangehensweise an alttestamentliche Exegese stammt (besonders von Jes. 65,17-25), als von der Eschatologie des Buchs der Offenbarung.[8] Und diese Herangehensweise stimmt grundsätzlich überein mit der von Tryphon, seinem jüdischen Gesprächspartner. Das passt auch zu der Rolle des Chiliasmus in Justins Dialog mit Tryphon: Sein Chiliasmus war Bestandteil seiner Apologetik, mit der er sich darum bemühte, alles Jüdische für das Christentum zu beanspruchen. Die Frage nach der Erfüllung der Prophezeiungen über die Herrlichkeit Israels beeinflusste erheblich die Diskussion zwischen diesen beiden Vertretern des Christentums und Judentums. Schließlich diskutierten sie kurz nach dem misslungenen Versuch von Bar Kochba[9], Jerusalem von den Römern zurückzuerobern, stattgefunden hatte (132-135 n.Chr.).

Der Chiliasmus war „jüdisch“ in seiner Sichtweise vom Leben nach dem Tod

Wir wissen, dass es in den frühen chiliastischen und nicht-chiliastischen Eschatologien um mehr ging als nur um eine Erwartung oder Nichterwartung eines zeitlichen, irdischen Reiches Gottes. Auch andere eschatologische Glaubenssätze gehörten dazu. Es mag uns heute merkwürdig erscheinen, aber die früheren christlichen Chiliastiker vertraten eine Sichtweise des Lebens nach dem Tod, nach der die Seelen der Gerechten nach dem Tod nicht sofort in die Gegenwart Gottes im Himmel kamen, sondern in einen unterirdischen Hades. Hier warteten die Seelen in Erquickung und freudiger Kontemplation auf die Auferstehung und das irdische Reich Gottes, bevor sie in die Gegenwart Gottes treten könnten.[10] Einzig vom Hades ausgenommen waren Männer wie Henoch oder Elia, von denen man annahm, dass sie nicht gestorben, sondern lebendig in das Paradies entrückt worden waren. Diese Sichtweise vom Leben nach dem Tod, die die Chiliastiker Papias, Justin, Irenäus, Tertullian, Victorinus und Lactantius vertraten, war direkt mit ihrem Chiliasmus verbunden. Wir wissen von der Koexistenz dieser Ansichten aus jüdischen Quellen (2. Baruch, 4. Esra, Pseudo-Philos Biblische Altertümer und einige rabbinische Überlieferungen) und weil Irenäus eine innere Verbindung zwischen diesen beiden Lehren gezogen hatte.[11]

Dennoch kannte und schätzte der Großteil der Gemeinde (und zeitweise sogar selbst die Chiliasten trotz ihrer selbst) die neutestamentliche Hoffnung, sich nach dem Tod sofort mit Christus an der Gegenwart Gottes im Himmel zu erfreuen (Lk. 23,42-43; Joh. 14,2-4; Joh. 17,24; Phil. 1,22-23; 2. Kor. 5,6-8; Heb. 12,22-24; 2. Pet. 1,11; Off. 6,9-11; Off. 14,1-5; Off. 15,2; Off. 18,20; Off. 19,14). Aber dieser Aspekt der christlichen Eschatologie, diese „Himmelshoffnung“, die allein durch Jesu vollkommenes Werk und eigene Himmelfahrt ermöglicht worden ist, erschütterte die Grundlage der chiliastischen Eschatologie. Eine solche Sicht gehörte zum nicht-chiliastischen (nach heutigen Sprachgebrauch „amillennialistischen“) Verständnis der Wiederkunft Christi. In dieser Auffassung gehört das Tausendjährige Reich aus Offenbarung 20 zum gegenwärtigen Zeitalter, wobei die verstorbenen Gläubigen in Christus lebendig sind und nun gemeinsam mit ihrem König und Hohepriester am priesterlichen Königreich im Himmel teilhaben können (Off. 20,4-6).[12] Im neuen Licht dieser vollends christlichen Erwartung wäre eine Rückkehr zu einer irdischen Existenz mit Sünde und fleischlichen Begierden und einem noch ausstehenden letzten Krieg nur eine Rückentwicklung in der Heilsgeschichte.[13]

Wir können also feststellen, dass es seit Beginn des 2. Jahrhunderts zwei konkurrierende Wege der christlichen Eschatologie gibt: einen chiliastischen, der vor dem Jüngsten Gericht ein Zwischenreich auf der Erde erwartet und sagt, dass die Seelen der verstorbenen Gläubigen in den unterirdischen Gewölben des Hades auf dieses irdische Reich warten; die anderen lehren stattdessen, dass verstorbene Christen eine gesegnete Wohnung bei Christus im Himmel haben, in der Gegenwart Gottes, während sie die Wiederkunft Christi auf der Erde erwarten, die Auferstehung und das Gericht über alle Menschen, sowie den neuen Himmel und die neue Erde.

Warum fand die chiliastische Sicht vom Jenseits Anklang bei einigen der bekanntesten Verfechter des Christentums? Für Justin diente der Chiliasmus, wie bereits erwähnt, dazu, das ganze jüdische Erbe für die Christen zu beanspruchen. Haben die Propheten ein Reich des Friedens, der Fülle und Gerechtigkeit verheißen, wie es die Juden fest glauben? Dann könnten diese Prophezeiungen auch für das Christentum beansprucht werden, da es die Erfüllung des Judentums ist. Doch zur Zeit des Irenäus (Ende des 2. Jahrhunderts) gab es noch einen anderen Grund. Rechtgläubige Christen bekämpften den Marcionismus, Valentinianismus und verschiedene andere gnostische Lehren, die der Gemeinde schadeten. Alle diese Irrlehren lehnten die Erlösung des Leibes durch die Auferstehung ab und verwarfen eine wiederhergestellte Schöpfung, denn sie behaupteten alle, dass die materielle Schöpfung von Natur aus böse sei (oder zumindest zur Vernichtung bestimmt), weil sie nicht die Schöpfung des höchsten Gottes sei. Sie behaupteten außerdem, dass ihre Anhänger nach dem Tod zum höchsten Himmel aufsteigen würden (über den der Rechtgläubigen hinaus).[14] Beide Aspekte der Eschatologie waren dazu geschaffen, um der Rechtgläubigkeit „noch eins draufzusetzen“. Der Chiliasmus lieferte Irenäus eine ideale Entgegnung, weil er die Güte der materiellen Schöpfung als das gute Produkt eines wohlwollenden Gottes hervorhob. Außerdem widerlegte der Chiliasmus die hochtrabenden Jenseits-Lehren der Häretiker, die besagten, dass sie nach dem Tod unmittelbar zum höchsten Gott auffahren würden. Stattdessen, so der Chiliasmus, folge der wahre Gläubige dem Weg des Herrn und bliebe in der Unterwelt, bis seine Seele bei der Auferstehung mit seinem Körper vereinigt werde.[15]

Doch obwohl der Chiliasmus hilfreich war, um das Erbe des Judentums zu beanspruchen und um den leibfeindlichen Gnostizismus abzuwehen, stand der Chiliasmus im Konflikt mit einigen Aspekten der Hoffnung der Gemeinde, wie sie von den Aposteln überliefert und in den Schriften des Neuen Testaments so deutlich zum Ausdruck gebracht worden war. Und so konnte die chiliastische Eschatologie nicht bestehen. Tertullian versuchte, nachdem er den Chiliasmus angenommen hatte, einige kleinere Modifikationen einzuführen. Er blieb sogar als Chiliastiker dafür offen, die „irdischen“ Prophezeiungen des Alten Testaments auf eine eher „vergeistigende“ Weise zu verstehen.[16] Er behauptete auch, dass einige Christen – aber nur jene, die buchstäblich den Märtyrertod erlitten haben – von der Unterwelt verschont blieben und schon vor der Auferstehung ins Paradies gelangen könnten.[17] Aber sogar Cyprian, der Tertullian bewunderte, konnte diese verbesserte Form des Chiliasmus nicht anerkennen und tröstete die Gemeinden angesichts einer wütenden Epidemie mit der Hoffnung, nach dem Tod ins Himmelreich zu kommen.[18] Anfang des 4. Jahrhunderts sehen wir mit Lactantius den entschiedenen Versuch, eine „echtere“ Form des Chiliasmus wiederzubeleben.[19] Aber seit dem 4. Jahrhundert konnte diese Sicht nicht länger unter den führenden Gelehrten weiterbestehen. Die christliche Hoffnung auf die enge Gemeinschaft mit Christus nach dem Tod war zu stark, als dass die chiliastische Eschatologie je wieder in ihrer ursprünglichen Form hätte aufblühen können. Die Werke von Tyconius, Hieronymus und Augustinus setzten im 4. und frühen 5. Jahrhundert das Ausrufezeichen hinter das Unvermeidliche.

Das chiliastische Verständnis des Alten Testaments führte zur Kreuzigung

Zwar war schon die chiliastische Sicht des Zwischenstatus der Seele zwischen Tod und Auferstehung problematisch und hätte allein schon zum Niedergang des Chiliasmus führen können; aber es gab noch ein weiteres Problem, welches potentiell skandalös war, wenn es klar aufgedeckt wurde. Es wurde von Origenes bemerkt und wird von Nicht-Chiliasten bis heute wahrgenommen:[20] Die Erkenntnis, dass die „buchstäbliche“, nationale Interpretation der prophetischen Schriften des AT gerade jener Maßstab war, dem Jesus in den Augen seiner Gegner nicht entsprach. So bildete diese Interpretation die Grundlage für ihre Verwerfung Jesu als Messias.[21] Eine der Prophezeiungen, von denen Irenäus fest behauptete, sie würde sich buchstäblich im irdischen Reich erfüllen, war Jesaja 11,6-7. Hier ist von dem Wolf die Rede, der beim Lamm liegt, vom Leoparden und dem Böckchen usw. Origenes zählt diesen Abschnitt ausdrücklich zu denen, die die Juden missverstehen: „… und weil sie mit dem Kommen dessen, an den wir als Christus glauben, keines dieser Ereignisse sich buchstäblich erfüllen gesehen haben, nahmen sie unseren Herrn Jesus Christus nicht an, sondern kreuzigten ihn mit der Begründung, dass er sich fälschlicherweise selbst Christus genannt habe.“[22] Sogar Tertullian erkannte, welche Rolle diese „jüdische“ Verstehensweise der alttestamentlichen Prophezeiungen bei der Verwerfung Jesu durch die Juden spielte. Zweifellos motivierte ihn das, diese Prophezeiungen „geistlicher“ zu verstehen als Irenäus es tat.[23]

Schlussfolgerung

Warum hat die Kirche den Chiliasmus verworfen? Im Wesentlichen deswegen, weil der Chiliasmus nicht als eine völlig christliche Erscheinung beurteilt worden ist. Wir haben drei Fehler des Chiliasmus erläutert, die alle mit seinem sogenannten „jüdischen“ Charakter zu tun haben. Diese Fehler sind: erstens seine jüdischen Quellen, zweitens seine abgeschwächte Hoffnung für den Christen nach dem Tod, die auf einem vorchristlichen System basierte, dem noch der Erlöser fehlte, der die Menschen in den Himmel führt. Drittens hielt er an einer Interpretation alttestamentlicher Prophezeiungen fest, die nicht dem christlichen Verständnis entsprach, sondern dazu herangezogen werden konnte, die Kreuzigung zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu hatten Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt von Jesus, dem Messias, einen Paradigmenwechsel eingeführt, dem zu entsprechen der jüdische Chiliasmus nicht eingestellt war.

Aber es waren nicht allein diese „Fehler“, die dem Chiliasmus den Todesstoß versetzten. Er hätte noch weiter fortbestehen können, wenn in der Kirche nicht schon immer eine andere, wirklich „christliche“ Eschatologie existiert hätte, die die Kirche die ganze Zeit über gestärkt hatte. Diese Eschatologie, die in den neutestamentlichen Schriften offenbart wird, verkündigte die gegenwärtige Herrschaft Jesu Christi über alle Dinge vom Himmel aus, wo die Heiligen „mit ihm“ sind (Lk. 23,42-43; Joh. 14,2-4; 17,24; Phil. 1,22-23; 2. Kor. 5,6-8). Sie sah den Höhepunkt dieser Herrschaft nicht in einem zukünftigen, begrenzten und vorläufigen irdischen Königreich, in dem das Vollkommene mit dem Unvollkommenen erneut vermischt würde, sondern vielmehr in der Ankunft des Vollkommenen (Röm. 8,21; 1. Kor. 13,10) und in der Ersetzung von gegenwärtigen Himmel und Erde durch einen Himmel und eine Erde, in denen Gerechtigkeit wohnen wird (2. Pet. 3,13; Off. 21-22). Diese Eschatologie war offensichtlich in der ganzen nachapostolischen Zeit, von Clemens von Rom bis Augustinus, vorhanden und verbreitet.

Der moderne Prämillennialismus hat in seinen verschiedenen Formen bestimmte Modifikationen von seinen frühen Vorläufern durchlebt, einige davon waren Verbesserungen, andere wohl nicht. Es könnte möglich sein, einen Prämillennialismus zu entwickeln, der die schlimmsten Tücken des historischen Chiliasmus vermeidet. Aber die herausforderndere Frage wird immer sein, ob von überhaupt irgendeiner Form des Chiliasmus jemals gezeigt werden kann, dass sie die Eschatologie eines Schreibers des Neuen Testamentes war.

© Charles E. Hill

Übersetzung durch Maria Tetzlaff und Hans-Werner Deppe

Dr. Charles E. Hill ist außerordentlicher Professor für Neues Testament am Reformed Theological Seminary in Orlando. Er ist der Autor von Regnum Caelorum: Patterns of Future Hope in Early Christianity (Oxford 1992).


[1] J. D. Pentecost, Things to Come (Grand Rapids: Durham, 1958), S. 374, 391; (Dt: Bibel und Zukunft). J. F. Walvoord,

[2] Siehe C. E. Hill, „The Marriage of Montanism and Millennialism“, in E. A. Livingstone, ed., Studia Patristica XXVI (1992), S. 142-148; vgl. D. Powell, „Tertullianists and Cataphrygians“, Vigiliae Christianea 29 (1975), S. 33-54.

[3] Origines, de Princ. 2,11,2.

[4] Irenäus, Against Heresies, 5,32,2; 34,1.

[5] Origines, de Princ. 2.11.2.

[6] Against Heresies 5.33.3.

[7] Against Heresies 5.33.3; vgl. http://www.unifr.ch/bkv/kapitel749-2.htm.

[8] Dialogue with Trypho 80-81. Siehe auch S. Heid, Chiliasmus und AntiChrist-Mythos. Eine Frühchristliche Kontroverse um das Heilige Land (Bonn, 1993), S. 20-21.

[9] Bar Kochba war einer der bedeutendsten der vielen falschen Messiasse jener Zeit, die von den Juden akzeptiert wurden. (Anm. sola-scriptura.de)

[10] Näheres zu diesen Sichtweisen über das Leben der Gläubigen nach dem Tod siehe C. E. Hill, Regnum Caelorum: Patterns of Future Hope in Early Christianity (Oxford: Clarendon Press, 1992).

[11] Against Heresies 5.31.1; 32.1.

[12] Siehe z.B. Origines, Exhortation to Martyrdom 30; Cyprian, ad Fortunatum 12.

[13] Wie Donysius von Alexandrien sagte, überzeugt der Chiliasmus den einfachen Christen „im Reiche Gottes kleine, vergängliche, irdische Freuden zu erwarten“ (Eusebius, HE 7.24.5). Das Leugnen, dass das Reich Gottes „irdisch“ sein würde, gründet sich laut Hegesippus im Zeugnis der Enkel des Judas (Eusebius HE 3.20.4); Hippolyt, Commentary on Daniel 4.11.4).

[14] Justin, Dialogue with Trypho 80; Irenäus, Against Heresies 5.32.1.

[15] Against Heresies 5.31.1-2.

[16] Siehe Adversus Marcionem 3,24, „In Betreff der Herstellung Judäas aber, welche die Juden selbst, durch die Orts- und Ländernamen verleitet, buchstäblich so hoffen, wie sie beschrieben wird, wäre es zu weitläufig, hier auszuführen, dass sich die allegorische Auslegung davon im geistigen Sinne auf die Kirche, ihr Aussehen und ihre Früchte beziehe.“

[17] Tertullian, De anima 55.4,5; 56.8.

[18] Cyprian, De Mortalitate 2, 18, 26.

[19] Lactantius, Divine Institutes 7.14,22-26.

[20] Origenes, De Principiis, 4.2.1, 2; vgl. Contra Celsum 7.29, etc.

[21] [Anm. von sola-scriptura.de: Anders ausgedrückt, könnte man sagen, dass Dispensationalisten wie die damaligen Pharisäer und Schriftgelehrten ein irdisches messianisches Reich erwarten und sich weigern anzuerkennen, dass Jesu Reich nicht ihren Erwartungen entspricht.]

[22] De Principiis, 4.2.1.

[23] Tertullian, Adversus Marcionem 3.6; vgl. 3.21, 23; Adversus Judaeos 9. Zur Rolle dieses Typus der alttestamentlichen Exegese in den sich entwickelnden Sichtweisen über den jüdischen Antichrist, siehe C. E. Hill, „Antichrist from the Tribe of Dan“, Journal of Theological Studies NS 46 (1995), S. 99-117.

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