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Christ + Politik

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Sollen Christen sich aus der Politik raushalten – oder haben sie auch eine politische Verantwortung?

Von Stefan Beyer, erschienen in Timotheus Magazin Nr. 32 (03/2018)

Während meines BWL-Studiums habe ich öfters überlegt, ob ich mich politisch engagieren sollte, mich aber dann doch dagegen entschieden. Das Studium hatte mich sehr in Beschlag genommen, aber im Dienst für eine christliche Studentengruppe gab es viel zu tun. Nach dem Studium bin ich der Berufung gefolgt, als Missionar mit Operation Mobilisation in Ägypten zu arbeiten. Als wir nach zwei Jahren wieder zurück nach Jena kamen, schlossen wir unser einer Gemeindegründungsinitiative an, aus der ein Jahr später die Evangeliumsgemeinde Jena hervorgegangen ist. Meine Mutter wohnt auch in Jena und immer, wenn ich sie besuche, beschwert sie sich über irgendein politisches Thema. Irgendwann sagte ich mir, dass ich nicht so enden will – mich mein Leben lang bloß vom Küchentisch aus über die Politik zu beschweren. Also entschloss ich mich, Mitglied der FDP zu werden. Warum genau diese Partei? Erstens war ich durch mein Wirtschaftsstudium von den Lösungsansätzen der Liberalen am meisten überzeugt und dem grundsätzlichen Vertrauen auf die schöpferische Kraft des Individuums und der Märkte. Zweitens habe ich längere Zeit in den USA und in Ägypten gelebt und von dort ein Freiheitsgefühl mitgebracht, welches ich am meisten in der FDP verwirklicht sehe. Drittens wollte ich nicht in die CDU eintreten, weil ich nicht eine Partei unterstützen wollte, die sich christlich nennt, es aber aus meiner Sicht vielfach nicht ist. Mir war es lieber, in einer Partei zu sein, die eine klare Grundlage in der Freiheit hat, und bei der ich mich dann bei einzelnen Themen als Christ anders positionieren kann (z.B. Legalisierung von Cannabis, Homosexualität, Abtreibung).

Das Aufnahmegespräch mit Thomas Nitzsche, der mittlerweile Oberbürgermeister von Jena ist, war sehr freundlich. Zunächst war alles sehr neu für mich und ich wollte das Parteileben erst einmal kennenlernen. Bei der FDP gibt es sogenannte Landesfachausschüsse, bei denen man auch als ganz normales Mitglied mitmachen und sich mit politischen Themen beschäftigen kann. Beim Neumitgliedertreffen lernte ich den Vorsitzenden des Landesfachausschusses Internationale Politik kennen. Da ich aufgrund meiner Auslandsaufenthalte ein großes Interesse an der transatlantischen Politik und dem Mittleren Osten hatte, entschied ich mich, bei diesem Landesfachausschuss mitzumachen. Unsere Arbeit bestand darin, dass wir einmal im Quartal ein Unternehmen, eine Einrichtung oder einen Bundeswehrstandort besuchten, bei denen es einen besonderen internationalen Bezug gab. Außerdem beschäftigten wir uns mit Anträgen aus dem Landesparteitag, die an uns verwiesen wurden, und konnten dadurch direkt auf das Parteiprogramm der FDP Thüringen Einfluss nehmen.

Als der Vorsitzende des Landesfachausschusses irgendwann in ein anderes Bundesland zog, fragte er mich, ob ich den Vorsitz übernehmen möchte. Nach ein wenig Bedenkzeit willigte ich ein. Das war für mich im Nachhinein eine entscheidende Zäsur. Davor war ich nur einfaches Mitglied, das ab und zu bei Veranstaltungen der Partei mit dabei war. Ich hatte mich bisher nie weder als Politiker gesehen noch in Erwägung gezogen, in diese Richtung zu gehen. Nun war ich plötzlich Landesfachausschussvorsitzender und damit eigentlich in bester Position, auf die Landtagsliste der FDP zu kommen.

Das führte dazu, dass ich mir noch einmal intensiv Rat holte bei christlichen Freunden und Mentoren. Ich war ja in der Gemeindegründung aktiv und sah das eigentlich als meine primäre Aufgabe. Nun musste ich mich entscheiden, da ich gemerkt hatte, dass man Politik auf Landesebene nicht nebenbei machen konnte, sondern viel Zeit und Nerven investieren musste. Nach einem längeren Gespräch mit Ron Kubsch entschied ich mich dafür, mich auf die Gemeindearbeit zu konzentrieren und den Vorsitz des Landesfachausschusses wieder abzugeben. Ron riet mir, mein politisches Engagement auf die kommunale Ebene zu begrenzen, da sich dies zeitlich mit dem Dienst in der Gemeinde vereinbaren ließ. Wenig später wurde ich von unserem Kreisvorsitzenden gebeten, ob ich seinen Platz im Jugendhilfe-Ausschuss der Stadt Jena übernehmen wollte. Das ist der einzige städtische Ausschuss, bei dem man stimmberechtigtes Mitglied sein kann, auch wenn man noch kein Stadtratsmandat hat. Ich willigte ein und wurde dadurch – was mir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so richtig klar war – Kommunalpolitiker.

Die Themen, die im Jugendhilfeausschuss besprochen wurden, waren zunächst einmal völlig neu für mich. Ich musste mich z.B. in die KITA-Bedarfsplanung, die Schulnetzplanung, die Suchtberatung in den Schulen, die Arbeit in den verschiedenen Jugendzentren Jenas und in die Lage sowie Ausstattung der städtischen Spielplätze einarbeiten. Mit der Zeit haben mir diese Themen aber richtig Spaß gemacht und ich konnte sogar einige Akzente im Ausschuss setzen. Da ich viel Kontakt zu Flüchtlingen habe, konnte ich ihre Perspektive bei der KITA-Bedarfsplanung einbringen. Außerdem wurde ich von der Polizei angefragt, ob ich mich im Ausschuss für ein neues Jugendzentrum in der Innenstadt einsetzen könnte. Dazu kamen mittlerweile zahlreiche weitere Themen, u.a. einen Standort für eine neue christliche Grundschule zu finden. Mittlerweile werde ich dadurch auf städtischer Ebene als Kommunalpolitiker wahrgenommen, auch wenn mir das selbst noch fremd vorkommt. Ich wollte mich ja eigentlich nur ein bisschen engagieren und mich nicht immer vom Küchentisch aus beschweren!

Theologische Fragen
Wenn man sich als Christ in der Politik engagiert, sollte man eine christliche Weltanschauung haben, die auf der Bibel basiert und die wichtige theologische Fragen beantworten kann. Für mich waren zunächst die Fragen akut, inwieweit ich als Christ in der Welt aktiv sein sollte und wie ich mit dem sündigen Verhalten umgehen soll, dem ich dort begegne. Wenn ich Parteiveranstaltungen besuche, werde ich ja immer wieder mit Sünde konfrontiert, und die Frage ist, wie ich mich davon distanzieren kann. Das Neue Testament sagt uns ganz klar, dass wir uns absondern (2Kor 6,17) und keine Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis haben sollen (Eph 5,11). Auf der anderen Seite wird aber auch deutlich gelehrt, dass die Obrigkeit und die staatlichen Systeme von Gott eingesetzt sind (Röm 13,1). Sie werden sogar als „Gottes Dienerinnen“ beschrieben, die den Menschen Gutes tun (Röm 13,4). Es ist also nicht so einfach zu beantworten, ob man sich als Christ ganz aus der Politik raushalten oder umgekehrt sich voll einsetzen sollte, weil man ja dann Teil von Gottes Werk ist und Menschen Gutes tut. Eine komplexe Analyse des biblischen Befundes ist nötig sowie ein umfassendes christliches Weltbild.

Auf diesem Gebiet haben mir zwei Ressourcen außerordentlich geholfen: Zum einen habe ich über die Jahre regelmäßig den täglichen Podcast von Albert Mohler namens „The Briefing“ gehört. Dr. Mohler ist Präsident des Southern Baptist Theological Seminary, einer großen Bibelschule mit reformierten Ansichten. In seinem Podcast analysiert er die täglichen Nachrichten und kommentiert sie aus einer christlichen Weltanschauung. Dadurch hilft er seinen Zuhörern – wie zum Beispiel mir –, selbst über politische Fragen nachzudenken und sich auf Grundlage eines biblischen Denkens ein Urteil zu bilden. Dabei weigert er sich, zu einfache Antworten zu geben, außer bei Themen, zu denen die Bibel ganz klare Aussagen trifft wie z.B. Abtreibung. Aber bei vielen anderen Fragen – z.B. was die Rolle des Staates ist, ob und wie ein Krieg gerecht sein kann, wie internationale Beziehungen geregelt werden sollten, welche Flüchtlingspolitik richtig ist usw. liefert die Bibel viele Puzzlestücke, die man zu einem Weltbild zusammensetzen muss.

Zum anderen hat mir ein Buch von David VanDrunen geholfen, das mir Ron bei unserem Treffen empfohlen hatte. Es heißt „Natural Law and the Two Kingdoms: A Study in the Development of Reformed Social Thought” (“Naturrecht und die Zwei-Reiche-Lehre: Eine Untersuchung der Entwicklung reformierten Sozialdenkens“). In diesem umfassenden Buch weist VanDrunen nach, dass die Reformatoren sowohl auf lutherischer als auch auf calvinistischer Seite von einer sogenannten Zwei-Reiche-Lehre ausgingen. Dabei wird unterschieden zwischen einerseits Gott als Schöpfer und dem Reich der Welt (und damit der Politik), welches durch den ersten Adam begründet wurde, und andererseits Gott als Erlöser und dem Reich Gottes, welches durch den zweiten Adam, Jesus Christus, begründet wurde. Gott beauftragte Adam damit, die Erde zu erfüllen und sie sich untertan zu machen. Das war eine königliche Berufung, die Adam als Gottes Ebenbild und damit als stellvertretender Repräsentant Gottes erfüllen sollte. Außerdem wurde Adam von Gott beauftragt, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Das war eine priesterliche Berufung, die beinhaltete, den Garten reinzuhalten von allem, was die Gemeinschaft mit Gott stören könnte. Adam versagte in beiden Berufungen.

An dieser Stelle trennen sich nun laut VanDrunen die ursprünglichen Überzeugungen der Reformatoren und ihrer Nachfolger von denen der modernen neocalvinistischen Theologen. Für die Reformatoren hatte der erste Adam versagt und Gott sandte einen zweiten Adam, seinen Sohn Jesus Christus, um die ursprüngliche Berufung Adams zu erfüllen. Jesus gehorchte Gott vollkommen an unserer Stelle und erwarb für uns den Segen, den Adam erlangt hätte, wäre er Gott gehorsam geblieben. Dadurch begründete Jesus ein zweites Reich, die Gemeinde, welches inmitten der Welt das Reich Gottes verkörpert. Die besondere Aufgabe der Gemeinde ist es nun, sich eben nicht politisch zu engagieren, sondern das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden, der die guten Werke vollbracht hat, die weder Adam noch wir vollbracht haben. Gott bewahrt die Welt, die er geschaffen hat, und damit das gegenwärtige Reich der Welt, das auf Adam und den späteren Bund mit Noah zurückgeht. Aber diese Welt hat letztlich keine bleibende heilsgeschichtliche Bedeutung und unsere Aktivitäten in ihr sind grundsätzlich vom ewigen Reich Gottes zu unterscheiden. Das heißt nicht, dass sie unwichtig sind, aber sie haben nur zeitlichen Wert, während unser Dienst im Reich Gottes ewigen Wert hat.

Die Neocalvinisten sehen in dieser Ansicht die Gefahr, dass sich Christen aus der Welt zurückziehen und sich nur noch auf das Reich Gottes konzentrieren. Das ist ja leider auch oft geschehen. Sie weigern sich, zwischen zwei Reichen in der Bibel zu unterscheiden und erachten die Berufung, die Gott Adam gegeben hat, als auch heute für den Christen weiterhin gültig. Sie meinen: Wenn wir kulturell (und politisch) aktiv werden, dann kommen wir unserem Schöpfungsauftrag nach und unsere kulturellen und politischen Werke haben in gewisser Hinsicht sogar heilsgeschichtliche Bedeutung, weil ihre Auswirkungen bis in die Ewigkeit hineinreichen.

Ich stimme an dieser Stelle VanDrunen, Luther, Calvin und den herkömmlichen reformierten Theologen zu. Adam ist in seiner Berufung gescheitert und genau deswegen ist Jesus gekommen. Jesus wurde wie Adam vom Teufel versucht, jedoch obsiegte er. Wenn wir an ihn glauben, erwerben wir das ewige Leben und den Eingang in die zukünftige Welt, welche Adam offen gestanden hätte, wäre er Gott treu geblieben. Unsere Aufgabe ist nun nicht, den Faden von Adam wiederaufzunehmen, sondern Christus nachzufolgen und seinem Reich zu dienen.
Allerdings heißt das nicht, dass Gott sich aus der Welt zurückgezogen hat. Der Bund, den Gott mit Adam schloss und später mit Noah erneuerte (1Mo 9,9ff), ist weiterhin gültig. Gott bewahrt diese Erde. Wir haben als Christen das Privileg, uns an dieser Bewahrung zu beteiligen, indem wir Salz und Licht für diese Welt sind (Mt 5,13-16).
Damit hat unser soziales und politisches Engagement eine wichtige Bedeutung, muss aber nicht die Last tragen, irgendwie das Reich Gottes herbeizuführen.

Das hat allein Christus, der zweite Adam, durch seinen Tod und seine Auferstehung getan. Die Gemeinde ist dazu da, die gute Nachricht vom Triumph Jesu zu verkündigen und Menschen in seine Nachfolge zu rufen. Als Christen leben wir in beiden Reichen. Wir sind Nachfahren Adams und leben gemeinsam mit seinen anderen Nachfahren in dieser Welt. Wir sollten sie lieben (Mt 22,39) und ihnen Gutes tun (Lk 6,31). Ein politisches Engagement, das wir als einzelne Christen vielleicht tun, ist ein möglicher Dienst an unseren Mitmenschen im Geiste dieser Gebote und dem Wunsch, dass sie durch unsere guten Werke gesegnet und auf unseren himmlischen Vater hingewiesen werden.

Wir leben aber auch im Reich Gottes und in seinem örtlichen Außenposten, der Gemeinde. Als solches sind wir Botschafter des Königs, der irgendwann kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten (1Petr 4,5). Das heißt: Egal, wie gut es den Leuten in dieser Welt geht und welchen Segen sie durch Politik erfahren, sie werden nur dann vor Gottes Zorn gerettet, wenn sie die gute Nachricht von Jesus Christus hören und annehmen. Die Verkündigung dieser Botschaft hat für den Christen deshalb immer oberste Priorität.
Ein weiteres hilfreiches Konzept, welches VanDrunen in seinem Buch entfaltet, ist das sogenannte Naturrecht. Dieses Konzept beruht auf dem Gedanken, dass Gott einem jeden Mensch sein Gesetz ins Herz geschrieben hat (Röm 2,14-15), wodurch es eine allgemeine Vorstellung von Gerechtigkeit gibt, die auch Nichtchristen mit uns teilen. Das ist in gewisser Hinsicht ein common ground, auf dem wir bei unserem politischen Engagement aufbauen können. Wenn ich im Jugendhilfeausschuss sitze, argumentiere ich nicht mit der Bergpredigt, die eine Beziehung zu Christus voraussetzt, sondern mit allgemeinen Gerechtigkeitsprinzipien, die aber durchaus eine biblische Grundlage vor allem in den Zehn Geboten haben. Ich darf damit rechnen, dass die Nichtchristen in der Runde – was auch immer sie für politische Überzeugungen haben – einen allgemeinen Sinn für Gerechtigkeit teilen, durch den sich ein politischer Konsens erzielen lässt.

Ich würde nicht jedem Christen ein Engagement in der Politik empfehlen, weil damit Versuchungen verbunden sind (Macht, Anerkennung), mit denen man umgehen muss. Allerdings würde ich jedem Christen empfehlen, sich darum zu bemühen, eine christliche Weltanschauung zu diesen Themen zu entwickeln. Denn in einem demokratischen System sind wir alle dazu aufgerufen, wählen zu gehen, und das können wir als Christen nur dann verantwortlich tun, wenn wir gelernt haben, umfassend christlich zu denken.

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