Suche
Suche Menü

Hat der Herr Jesus zwei Bräute?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen vorhanden)

Loading...

Hat der Herr Jesus zwei Bräute?Die Frage in dieser Überschrift mag für viele erstaunlich bis absurd klingen. Kürzlich hörte ich jedoch in einer Predigt genau diese These: Der Herr Jesus habe zwei Bräute, Israel und die Gemeinde, eine irdische und eine himmlische Braut. Zu noch größerem Erstaunen war der zugrundeliegende Predigttext die Geschichte Jakobs aus 1. Mose 28-29. Und Jakob hatte zwei Frauen, Lea und Rahel. Von dort leitete der Prediger seine merkwürdige Aussage über den Herrn Jesus ab.

Diese Lehre, dass Jesus Christus zwei Bräute habe, ist nicht nur eine eigentümliche Ansicht dieses Predigers, sondern die offizielle Lehre des „exklusiven“ Zweiges der Brüderbewegung. Der in diesen Kreisen renommierte Autor Christian Briem lehrt auch in seiner grundlegenden Gemeinde-Dogmatik „Da bin ich in ihrer Mitte“, dass der Herr Jesus zwei Bräute habe (S. 107 u.a.).

Strikte Trennung zwischen Israel und Gemeinde

Wenn man die Lehre des Dispensationalismus, die strikte Trennung zwischen Israel und Gemeinde als zwei verschiedene Völker Gottes, konsequent zu Ende denkt, muss man wohl zu diesem Ergebnis kommen, denn beide, Israel und die Gemeinde, werden in der Bibel als Braut, Verlobte bzw. Ehefrau des Herrn beschrieben. Vielleicht mag man die Tragweite dieser Konsequenz abschwächen, indem man sagt, die Ehe sei ja nur ein Bild für die enge und liebevolle Beziehung Christi zu den Seinen. Ja, die Ehe ist eine Verbildlichung der höheren Realität der Liebe Christi zu seinem Volk. Aber drückt dieses Bild nicht gerade die ganz besonders exklusive, alleinige, unübertragbare Liebe und Beziehung Christi zu seiner Gemeinde aus? Ehe heißt ein Mann und eine Frau. Ein Christ soll schließlich alle Menschen in einem gewissen Sinne lieben, aber seine eheliche Liebe mit allem, was dazugehört, soll und darf nur einem einzigen Menschen ganz exklusiv gelten. „Dieses Geheimnis [der ehelichen Beziehung und Einswerdung] ist groß, ich aber deute es auf Christus und seine Gemeinde“, schreibt Paulus in Epheser 5,32. Die Beziehung von Christus zu seiner Braut ist das Ideal der Ehe, und das Ideal der Ehe kann unter keinen Umständen ein Bräutigam mit zwei Bräuten sein!

Die Herleitung und Begründung seiner These durch den Prediger war nicht gerade gesunde Schriftauslegung. Jakob ist Israel, „Kämpfer Gottes“ und somit ein Typus auf den wahren Israel, den Herrn Jesus. Und Jakob hatte zwei Frauen, deshalb übertrug der Prediger auch das auf den Herrn. Aber Jakob hatte viele Fehler und Macken, die der Herr Jesus nicht hatte. Jakob liebte Rahel mehr als Lea. Jakob hatte außerdem noch zwei Nebenfrauen, die einige der zwölf Stammväter des Volkes Israel zur Welt brachten. David hatte sieben Frauen und Salomo eintausend (1Kö 11,3). War das gut? Nein.

Doch auch wenn diese Predigt in diesem Punkt ein Paradebeispiel für schlechte Schriftauslegung ist (und für Hineinlegung), bleibt die Tatsache, dass in manchen christlichen Kreisen offiziell gelehrt wird, der Herr Jesus habe zwei Bräute. Deshalb handelt es sich bei diesem Standpunkt nicht um eine groteske Stilblüte, sondern um eine verbreitete Ansicht.

Das vereinte Gottesvolk

Bei dieser Auffassung wird ignoriert, dass durch das Erlösungswerk Jesu die „Zwischenwand der Umzäunung“ (Eph 2,14), die Trennung der Heiden vom Volk Gottes und damit die Gottesfeindschaft der Heiden, ein für allemal abgebrochen ist. Am Kreuz hat Jesus alle, die an ihn glauben, mit Gott und auch miteinander versöhnt: „Er hat aus beiden (gläubigen Juden und Heiden) eins gemacht“ (Eph 2,14). Die Lehre von den zwei Bräuten betrifft also direkt das Werk vom Kreuz und nimmt einen Teil dessen Errungenschaft weg. Männer sollen ihre Ehefrauen so lieben, „wie Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25). Christus hat sich am Kreuz nicht für zwei Bräute hingegeben, sondern für eine, für das eine vereinte Gottesvolk aus gläubigen Juden und Heiden.

Im Römerbrief wird diese „Erweiterung Israels um gläubige Heiden“ mit dem Bild des Ölbaums verdeutlicht. Gläubige Heiden sind als neue Zweige in den Ölbaum eingepfropft (Röm 11,17-21). Es gibt nicht zwei Ölbäume, sondern einen – aus dem manche Zweige ausgebrochen wurden (die Ungläubigen unter den Juden) und andere Zweige eingepfropft wurden. Ungeachtet dessen, wie es in Zukunft mit dem heutigen Israel weitergehen wird – hier kann man unterschiedlicher Ansicht sein, ohne dadurch Grundlagen des Evangeliums anzutasten –, müssen wir festhalten, dass es nur ein Bundesvolk Gottes gibt, für das der Herr Jesus sein Blut als Lösegeld vergossen hat.

Gilt der Neue Bund Israel oder der Gemeinde?

Das Thema des Bundes macht dies ebenfalls deutlich. Der Alte Bund Moses wurde natürlich speziell mit dem klar umrissenen ethnischen Volk Israel geschlossen. Was aber ist mit dem Neuen Bund? Gilt er Israel oder der Gemeinde? Manche sagen, er gelte nur oder speziell Israel, denn so klingt es bei der ersten Erwähnung dieses Bundes in Jeremia 31,31: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund.“ Das war ja auch die einzige Rettung und Hoffnung, denn den Alten Bund hatte Israel hoffnungslos gebrochen. Andere meinen, der Neue Bund sei speziell an die neutestamentliche Gemeinde gerichtet („Neuer Bund“ heißt im griechischen auch „Neues Testament“), denn der Herr Jesus weiht diesen Bund mit dem Abendmahlskelch ein und erklärt dabei die Bundesschließung durch sein vergossenes Blut (Lk 22,20). Verkündiger des Evangeliums sind „Diener des neuen Bundes“ (2Kor 3,6). Der Schreiber des Hebräerbriefes zitiert Jeremia 31 und verdeutlicht, dass Christen unter diesem Bund Vergebung und ewiges Leben haben (Hebr 8,8-13; 9,15; 12,24).

Die Erklärung liegt auf der Hand: Wenn die gläubigen Heiden „Miteinverleibte und Mitteilhaber“ (Eph 3,6) des Gottesvolkes und der alttestamentlichen Verheißungen sind, dann ist es falsch, weiterhin zwischen Israel und der Gemeinde zu trennen. Ein Volk, ein Bund, eine Braut. Eine vereinte Herde aus Heiden und Juden (Joh 10,26), ein Hirte. Gottes Volk des Neuen Bundes umfasst Juden wie Heiden.

Christen sind „als keusche Jungfrau“ dem Herrn Jesus „verlobt“ (2Kor 11,2). Die eine „Braut des Lammes“ (Offb 21,9) ist das neue, himmlische Jerusalem, das in seiner Herrlichkeit und Reinheit in Offenbarung 21 beschrieben wird und die ewige gemeinsame Behausung Gottes und seines Volkes sein wird. Die Gemeinschaft wird so eng und innig sein, dass Braut und Bräutigam, Stadt, Tempel, Anbeter und Gott selbst völlig vereint miteinander sind. Die Braut ist die Stadt und die Stadt ist der Tempel und der Tempel ist Gott selbst. So nah werden die Erlösten ihm sein, dem Lamm, das für sie gestorben und auferstanden ist. Ist da irgendwo Platz für eine zweite Braut? Ein schrecklicher Gedanke, den ich nicht weiterdenken möchte und der zutiefst dem Wesen der Ehe und dem treuen, liebenden Wesen Gottes widerspricht.

Kontinuität zwischen Altem und Neuen Testament

Der Grundfehler dieses konsequenten Dispensationalismus ist das Zerstückeln von Altem und Neuen Testament. Der Dispensationalismus betont die Diskontunitäten zwischen Altem und Neuem. Aber eine große Kontinuität durchzieht den ganzen Heilsplan Gottes. Ja, es gibt zwar Brüche, Einschnitte und Veränderungen, aber sein großer Plan läuft von Anfang bis zum Ende weiter. Ja, es wird eine neue Schöpfung geben, die nicht die alte ist – denn die vergeht –, aber doch gibt es hier ein neues Jerusalem – und den menschgewordenen, auferstandenen Herrn, der auf dieser alten Erde gelebt hat, und uns und Bäume des Lebens usw. Kontinuität und Diskontinuität – beides muss berücksichtigt werden. Aber wie wunderbar, dass Gottes Heilsplan trotz aller Konflikte, Kämpfe und Komplotte kontinuierlich weitergeht – und er seine alttestamentlichen Verheißungen durch das Evangelium erfüllt (das ist das Thema u.a. von Römer 9-11).

Die Braut ist das himmlische Jerusalem, das z.B. in Jesaja 54 beschrieben wird, was Paulus in Galater 4,27 aufgreift und neutestamentlich deutet. In Jesaja 60,11 wird Israel verheißen, dass die Tore Jerusalems „beständig offen stehen, Tag und Nacht werden sie nicht geschlossen, um zu dir zu bringen den Reichtum der Nationen“ und das wird in Offenbarung 21,25-26 wörtlich wiederholt in Bezug auf das neue Jerusalem. In Christus werden alle Verheißungen erfüllt. Angesichts seines kontinuierlichen und doch so komplexen Heilsplans kann man nur wie Paulus staunend ausrufen: „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unaufspürbar seine Wege! … Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,33-36).

Print Friendly, PDF & Email

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sagte es nicht Spurgeon?
    “In der Theologie gibt es nichts Neues – außer dem, was falsch ist”.

    Antworten

  2. Eine großartige Darstellung des biblischen Heilsplans. Mögen alle “Israelfreunde” aufwachen und die “verlorenen Schafe des Hauses Israel” endlich auf das “Blut des wahren Lammes”
    JESUS hinweisen.

    Antworten

  3. Es ist sehr nützlich, sowohl Kontinuität als auch Diskontinuität in den Linien des Wirkens Gottes durch die Zeit zu beobachten. Die Diskussion beginnt aber schnell, wenn es um die Gewichtungen und Zuordnungen geht: Was ist das herrschende Prinzip, durch das wir unsere Wahrnehmung und Lehre der Heilsgeschichte Gottes verstehen wollen?
    Die hier vom Autor ausgebreitete Kritik an den Dichotomien eines falschen Dispensationalismus, der auch Folge und/oder Anstoß einer hier und da mangelnden Hermeneutik sein mag, ist berechtigt. Nur muss man deshalb nicht gleich auch das biblische (!) Konzept von Dispensationen mit aus dem Bad schütten. Der darbystische Dispensationalismus, wie er auch in der Scofield-Bibel und anderer Brüder-Literatur verbreitet wurde, ist ja nur der Erkenntnisstand der ersten Hälfte des 19. Jhdts. Leider -und dazu neigt auch Christian Briem- kommt hier ein unbiblisches neoplatonisches Denken hinzu, das überall (und nicht nur im biblischen Sinn!) zwischen “Geist” und “Fleisch” dergestalt trennen will, dass nun Himmel und Erde, himmlische Segnungen und irdische Segnungen, geistliche Segnungen und natürliche Segnungen, Gemeinde und Israel, und dann auch “himmlische Braut” und “irdische Braut” strickt zu trennen sei, ja Gegenpole seien. Dies geschieht leider unter Preisgabe der Verbindungen, die das Wort hier sehr wohl implizit und explizit formuliert.
    Dazu fünf Anregungen:
    (1) Man könnte sich einmal mit der Weiterentwicklung und Korrektur der dispensationalistischen Interpretation der Bibel widmen, da hat sich einiges getan. Zumindest sollte man genauer angeben, von welchem Dispensationalismus man redet. Der aktuelle Stand (Literaturempfehlung: Michael Vlach (Professor am TMS): He will reign forever) sieht den Gedanken des Reiches Gottes als durchgehenden Gedanken der Heilsgeschichte, denn so beginnt die Geschichte und dort findet sie ihre Vollendung. Vlach huldigt keinem Platonismus noch den dadurch erzeugten falschen dichotomistischen Erklärungsmustern. (Am rechten Rand der Brüderbewegung finden wir hingegen sowohl Ideen des Platonismus als auch des Gnostizismus.)
    (2) Auch innerhalb der kritisierten Brüderbewegung gibt es Autoren, die die Annahme von zwei “Bräuten Christi” ablehnen. Auch dies könnte man etwas differenziert vortragen.
    (3) Es gibt nicht nur die Wahl zwischen spekulativem “Dispensationalismus” (LaHaye lässt grüßen!) und “Bundestheologie” (mit der theologischen Erfindung einer “Kirche seit Adam” oder den “Gnaden-“/”Werkbünden” seit Adam), man kann auch versuchen, der Schrift alleine treu zu bleiben. Und die lehrt m.E. von Gen bis Offb, dass Gott EINEN Heilsplan hat, dass er diesen aber in Abschnitten besonderen Handelns zur Entfaltung kommen lässt (das sagt Deppe ja auch). Römer 9-11 macht mir klar, dass auch die Christen ALLE Segnungen im Samen Abrahams (das ist Jesus Christus) haben, und keine außerhalb. Glaubende der Gnadenzeit jetzt sind in Christus versetzt, damit aber Same Abrahams, damit aber im Segensbaum eingepfropft, der im Abrahamsbund (da steht wirklich “Bund”, Gen 15:18!) von Gott gepflanzt wurde. Dass Gott selbst einen Unterschied macht, ob jemand nur der Abstammung her Jude ist (Röm 9:6f), oder im Glauben an Christus ein “wahrer Jude”, sollte uns helfen, uns als Christusglaubende aus den Heiden recht zuzuordnen.
    (4) Theologisch könnte man einen guten Beitrag leisten, wenn man die alte Frage “Ist der Neue Bund für die Gemeinde oder Israel?” etwas bibelnäher (exegetisch) erarbeiten würde. Denn es gibt Beiträge, die die oben aufgeführten Argumente für die Position “Der Neue Bund ist für die Gemeinde” in Zweifel ziehen. Ziehen diese Zweifel?
    (5) Die wirklich ewig wirksame Dichotomie in der Heilsgeschichte ist die zwischen Werken und Glauben als Heilsmittel. Da ist Gott m.E. sehr eindeutig. Und das Sola Fide gehört untrennbar mit dem Sola Gratia zusammen, damit am Ende nur das Soli Deo Gloria das Ergebnis sein kann (Röm 11:33-36). Da sollten wir uns SEHR einig sein.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen