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Rezension von „Israel und die Gemeinde“ und „Biblische Glaubenslehre“

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Rezension der Bücher von Jacob Thiessen: „Israel und die Gemeinde“ und „Biblische Glaubenslehre“ von Ronald Senk

Einleitung

Zusätzlich zur Rezension des Israelbuches von Jacob Thiessen enthält diese Abhandlung im Anhang eine Stellungnahme zu Thiessens Dogmatikbuch „Biblische Glaubenslehre“. In seinem Dogmatikbuch wird nämlich deutlich, was für eine Hermeneutik von Thiessen vertreten wird. Das liefert den Hintergrund, um seine Aussagen im Israelbuch über die Themen Hermeneutik und Israel recht zu verstehen und einzuordnen. Dies alles gibt einen Überblick darüber, wie Thiessen mit der Bibel umgeht, welche theologischen Positionen er vertritt und wie (und durch wen) er zu diesen Positionen gekommen ist. Von diesem Hintergrund wird es leichter sein, sein neues Buch „Israel und die Gemeinde“ richtig zu verstehen und einzuordnen. Von daher ist es sinnvoll, ggf. den Anhang zuerst zu lesen.

Das zu der Freien Theologischen Akademie gehörende „Institut für Israelogie“ hat das Israelbuch von Jacob Thiessen mit dem „Franz-Delitzsch-Preis“ ausgezeichnet. Dieses Institut hat eine stark christlich-zionistische Ausrichtung und wird von der umstrittenen „Dr.-Fritz-May-Stiftung“ finanziell getragen. Im Vorwort versucht Helge Stadelmann alle Andersdenkenden diskreditierend indirekt mit dem Antisemitismus in Verbindung zu bringen. Solche diffamierenden, unsachlichen, und unbiblischen Aussagen sind bei Stadelmann nichts Neues (vgl. Senk 2006:12-13).

Ich möchte betonen, dass ich in meinem Buch Das Israel Gottes – die Frage nach dem Volk Gottes im Neuen Bund (2006, RVB) auf sämtliche hier und in Thiessens Buch behandelten Aussagen bzw. Argumente ausführlich eingegangen bin. Daher werde ich hier nicht an jeder Stelle nochmals komplett neu argumentieren, sondern verweise auf die entsprechenden Seiten in meinem Buch. Diese Rezension ist daher am besten als Ergänzung zu meinem Israelbuch zu lesen. Da ich auf einige dogmatische Ansichten Thiessens eingehe, verweise ich auch auf folgende Literatur:

SENK, Ronald. 2005. „Der Zusammenhang von Wort und Geist in der Heiligen Schrift“ als pdf-Datei auf betanien.de.

___________ 2007. „Das Schwert des Geistes – Der Zusammenhang von Heiligem Geist und Gottes Wort in der Heiligen Schrift“. (Unveröffentlichtes Manuskript, Veröffentlichung erfolgt voraussichtlich 2007 im Betanien Verlag)

 

Thiessens Umgang mit der Bibel (in Bezug auf das Thema Israel)

Eigentlich würde schon die Einleitung in Thiessens Israelbuch ausreichen (S.9-11), um die Rezension inhaltlich zu füllen. So geht er einfach von einer Hermeneutik „der stufenweisen-mehrfach Erfüllung alttestamentlicher Prophetien“ aus, ohne diese wirklich exegetisch zu begründen oder zu diskutieren. Es ist nicht redlich, einfach von einer speziellen Hermeneutik auszugehen, ohne des biblisch-exegetisch zu rechtfertigen. Dem Leser wird so großenteils verborgen bleiben, wie und warum Thiessen zu manchen theologischen Ergebnissen kommt. Gerade das umstrittene hermeneutische Prinzip der „mehrfachen, teilweisen bzw. stufenweisen Erfüllung“ alttestamentlicher Prophetien muss im Rahmen dieses Themas dargestellt, begründet und diskutiert werden – und zwar bevor man sich exegetisch an die relevanten Texte begibt. Thiessen aber schreibt einfach, dass er „die allgemeinen hermeneutischen und exegetischen Prinzipien dabei als selbstverständlich voraussetzt“ (S. 11). Damit hat es sich für ihn scheinbar erledigt. Dass er hier seine eigene und nicht unumstrittene Hermeneutik und Exegese als „allgemein“ bezeichnet, scheint ihn auch nicht zu stören. Bemerkenswert dabei ist eben diese Selbstverständlichkeit, dass sich seiner Ansicht nach eine Verheißung des AT dreifach erfüllen wird (1. teilweise schon im AT; 2. typologisch in der Gemeinde; 3. „eigentlich, wörtlich, buchstäblich bei der Wiederherstellung Israels“) (S. 10).

Thiessen geht auch mit seiner eigenen Hermeneutik willkürlich und inkonsequent um. So macht er auf S. 142 deutlich, dass z.B. nicht für alle Einzelheiten der Weissagungen in Hes. 40-48 in der Zukunft eine „wörtliche/eigentliche“ (vgl. S. 10) Erfüllung erwarten kann – weder in einem irdischen Millennium, noch in der neuen himmlischen Welt. Damit meint er vor allem die in Hesekiel genannten Sündopfer, welche ja sonst zu dem ein für allemal geschehenen Opfer in Christus im Widerspruch stehen würden. Dies ist nicht nur inkonsequent gegenüber seiner bisher dargestellten „buchstäblichen“ Hermeneutik, sondern auch willkürlich. Denn Thiessen bestimmt einfach, welche Schriftaussagen sich (wie) erfüllen werden und welche „nicht“. Er kann also innerhalb eines Satzes einer AT-Prophetie bestimmen, welche nun „eigentlich-wörtlich“ und welche „bildhaft“ zu interpretieren ist.

Thiessen zeigt auch sachliche Unkenntnis, wenn er die sog. „prophetische Perspektive“ oder die „Typologie“ (z.B. Hebr. 1,5) mit einer Theorie der „Mehrfacherfüllung“ gleichsetzt (S. 49f.133). Denn dies ist nicht zutreffend, wie ich u.a. mit Verweis auf Van Bruggen aufzeige (vgl. Senk 2006:27-28.92f). Mit seiner kurzen Abhandlung und Aneinanderreihung von angeblichen Beispielen auf Seite 132-134 ist es nicht getan. Denn bei allen seinen Beispielen muss er eben vorher von seiner Hermeneutik ausgehen. Es versucht so das System zirkelschlussartig mit dem System zu begründen.

Der Vorwurf Thiessens – man würde die Verheißungen des AT „vergeistlichen“ und ihnen einen „anderen Sinn“ geben – ist ausdrücklich zurückzuweisen (zumal er dies, wie eben oben gezeigt, selber macht – z.B. sein Verständnis der Opfer im Millennium). Thiessen muss sich fragen, wie er seine Interpretation des AT im Blick auf die Interpretation Jesu und der Apostel aufrechterhalten kann. Denn Jesus und die Apostel sind die maßgebliche Auslegungsautoritäten des AT. Wenn sie sagen, „dies meint dies“ oder „hier erfüllt sich das“, dann haben wir dies so zu glauben und nachzusprechen. Die Auslegung des AT durch das NT ist Maßstab und gibt an, wie Gott die Aussagen wirklich gemeint hat. Wer dies ignoriert oder umdeutet, gibt den Texten eine „andere Bedeutung“. Dies gilt auch dann, wenn man die Erfüllungsaussagen im NT nicht als die „eigentliche“ Erfüllung ansieht, sondern diese als „Teil/Bild/Vorerfüllung“ degradiert (S.133). Daher ist der Vorwurf von Thiessen – man würde Gott mit dieser Hermeneutik unterstellen, nicht zu seinen Aussagen zu stehen etc. (s.o.) – an ihn zurück zu geben.

In Mt.19,28 – aber auch in den anderen von Thiessen genannten Schriftstellen – ist in keiner Weise von einer nationalen Wiederherstellung Israels (S.12-79; vgl. Senk 2006:39-74) in einem irdischen Millennium die Rede. Dies muss man in die Texte hineinlegen, um es aus ihnen heraus zu bekommen. Das ist das erste Beispiel für seine „Wortdogmatik“, weitere folgen später. So meint Thiessen, dass der Begriff „Wiedergeburt“ in Mt.19,28 seine Sicht bestätige und dass Jesus hier von einem irdischen Zwischenreich rede, wie es der Dispensationalismus postuliert. Dazu führt Thiessen nicht nur Tit.3,5 an, wo es um die geistliche Wiedergeburt eines Menschen in Christus geht, sondern verweist auch auf Cicero, die Stoiker, Philo und vor allem Josephus (S. 30). Er legt etwas in das Wort palingenesia rein, was weder direkt noch indirekt und schon gar nicht im Kontext und in der Aussageabsicht des Textes ersichtlich wird. In Mt.19,28 geht es (wie in Apg.3,21) um die „Wiedergeburt“ (palingenesia) der neuen himmlischen Welt (Senk 2006:44f).

In seiner Auslegung von Apg.15,15ff übersieht Thiessen u.a., dass die Voraussetzung für die „Bekehrung der Heiden“ die „Wiederherstellung der Hütte Davids“ ist. Diese muss, laut Jakobus, also schon stattgefunden haben (vgl. Senk 2006:31-33).

Dem Leser bleibt ebenso verborgen, wie Thiessen darauf kommt (S.30), dass Lk.22,30 nicht von der Ewigkeit (vgl. Offb.21,12.14), sondern von einer nationalen Wiederherstellung Israels in einem irdischen Millennium redet, wie es verborgen bleibt, warum Lk.22,30 für Thiessen evtl. auch, wie er schreibt, einen „gewissen Hinweis“ auf die Ewigkeit enthalten kann.

In Mk.10,30 wird „das kommende Zeitalter“ eindeutig mit dem „ewigen Leben“ identifiziert und nicht mit einem irdischen Millennium bzw. Zwischenreich. Da nützt auch keine Berufung auf ein angebliches Verständnis des Judentums zum Begriff „diese bzw. zukünftige Zeit“, da (a) dies kein biblisches Argument ist, (b) die Aussagen des Judentums und Rabbinentums zeitlich schwer einzuordnen sind und (c) die Aussagen des Judentums bzw. Rabbinentums unterschiedlich interpretiert werden können. Daher dürfen die Aussagen des Judentums bzw. Rabbinentums nicht einfach in die biblischen Aussagen hineingelegt werden. Der Sinn des Textes muss (und kann) allein aus den biblischen Texten selber ersichtlich werden.

Ich wiederhole: An keiner dieser Stellen ist von einem irdischen Zwischenreich die Rede, wie es der Dispensationalismus postuliert – weder direkt noch indirekt und schon gar nicht im Kontext und in der Aussageabsicht der Texte. Die einfachste Regel der Hermeneutik und exegetischen Methodik („Was steht da und was nicht“) wird hier offenbar ignoriert.

In Lk.19,11-28 ist wohl eher an die himmlische Herrschaft zu denken und nicht an ein irdisches Zwischenreich. Mit keiner Zeile des Textes kann man belegen, dass es hier um ein irdisch-politisches Millennium für Israel geht. Dies müsste man dem Text sonst von außen aufdrücken.

Und in Lk.21,24 ist weder von einer Wiederherstellung des nationalen Israels noch von einem irdischen Millennium die Rede.

Vor allem ist es exegetisch und theologisch unhaltbar zu meinen, dass Lk.21,27f von der irdisch-politischen Erlösung Jerusalems bei der Wiederkunft Jesu redet. Hier ist eindeutig von der Erlösung der Jesusjünger die Rede. Mit dieser Erlösung ist im gesamten NT die himmlische Herrlichkeit meint. Es sind die Jünger Jesu, die ihr Haupt erheben sollen – und keine „unterdrückten Bewohner Jerusalems“! Die Ereignisse um die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. herum sollen nur als Vorzeichen der Wiederkunft Jesu und ewigen Erlösung dienen und meinen nicht die Erlösung selber! An zahlreichen Stellen des NT wird deutlich, dass mit und bei der Wiederkunft Jesu die Entrückung der Gemeinde in das himmlische Reich stattfindet bzw. beginnt (ohne irdisches Zwischenreich: vgl. Mt.13,41-43; 16,27; 25,31-46; Lk.20,32-36; Joh.5,28f; 14,2-3; 1.Kor.15,23-58; 1.Thess.4,13-18; 2.Thess.1,5-10; 2,1ff; 2.Petr.3,1-13; Hebr.9,27 u.a.).

Diese Auslegung Thiessens – Lk.21,27f auf eine eschatologisch-politische Erlösung Jerusalems zu beziehen – macht m.E. deutlich, dass eine solche zionistische „Israeltheologie“ nicht nur viele Bibeltexte umdeutet, sondern auch Jesus und seine Gemeinde in den Hintergrund drängt. Für Thiessen scheint die „Wiederkunft Jesu“ und die „Erlösung“ mehr ein politisch-geistliches Ereignis für das nationale Israel zu sein, als die Hoffnung und Erlösung der Gemeinde für bzw. in das himmlische Reich. Damit wird dem Heilswerk Jesu, seiner Wiederkunft und seiner neuen Heilsgemeinde die theologische Hauptbedeutung zugunsten einer unbiblischen irdisch-zionistischen Theologie entzogen.

Auch Thiessens Aussagen zu Apg.3,19-21 sind ein Beispiel für Thiessens „Wortdogmatik“. Diesmal meint er, den Begriffen anapsyxis bzw. apokatastasis in Apg.3,19-21 entnehmen zu können, dass Petrus hier angeblich von einer nationalen Wiederherstellung Israels in einem irdischen Millennium redet. Weder der Kontext noch die Aussageabsicht des Petrus lässt eine solche Interpretation zu. Würde Petrus ein irdisches Zwischenreich erwartet haben, hätte er dieses in seinem späteren Brief – wo er in aller Deutlichkeit über eschatologische Abläufe redet – sicher erwähnt (2.Petr.3,11ff). Thiessen hat keine exegetische Grundlage dafür, seine „Wortdogmatik“ in die Aussagen der Texte hineinzulegen. Petrus meint an dieser Stelle und mit diesen griechischen Begriffen die erneuerte, himmlische Welt Gottes (Jes.65,17ff; 66,22; 2.Petr.3,10-13) (Senk 2006:73).

Thiessen sagt abschließend:

Zusammenfassend können wir also feststellen, dass die Jünger Jesu bis zur Himmelfahrt Jesu und auch nachher der festen Überzeugung waren, dass die alttestamentlichen Verheißungen für Israel ihre („wörtliche“) Erfüllung nicht in der neutestamentlichen Gemeinde, sondern – wie sie im Alten Testament ausgesprochen wurden – in der Wiederherstellung Israels bei der Wiederkunft Jesu finden werden (S.40).

Diese zusammenfassende Schlussfolgerung Thiessens ist, im Lichte der tatsächlichen exegetischen Aussagen der Texte, als unhaltbar abzulehnen.

Thiessen behauptet, dass Röm.11 von einer national-politischen Wiederherstellung Jerusalems und Israels im Millennium spreche. Doch an keiner Stelle spricht Paulus ein solches Thema an. Auch dies muss wieder in den Text hineingelegt werden, um entsprechende Ergebnisse aus den Aussagen heraus zu bekommen. Paulus selber macht in Röm.11,1ff deutlich, dass der „Überrest“ Israels die gegenwärtigen Judenchristen meint und keine „allbekehrten“ Juden kurz vor der Parusie Jesu. Dieser erwählte Rest aus Israel zeigt, dass Gott weder sein Volk (des AT) noch seine Verheißungen an ihm vollends verworfen hat. D.h. es geht hier nicht um die Frage, ob Israel „endgültig“ verworfen wurde – wie Thiessen meint – sondern um die Frage, ob das nationale Israel „vollständig“ verworfen ist. Paulus verneint dies in Röm.11,1ff und macht an sich selbst und an Beispielen des AT deutlich, dass Gott sich einen gläubigen Überrest aus den Juden auserwählt hat und für die Verworfenen Juden nun die erwählten aus den Heiden in Israel „eingepfropft“ wurden. Auf diese Art und Weise kommt Gott zu einem „ganzen Israel“ (Röm.11,26). D.h. Paulus argumentiert numerisch, daher kann die Frage von Röm.11,1 auch nur eine numerische („völlig“) und keine temporale („endgültig“) sein. Die „zeitliche Frage“ ist schon anderorts oft beantwortet worden: Die Verworfenen (aus Juden und Heiden) sind endgültig verworfen („Gefäße des Zorns, zum Verderben bestimmt“ – vgl. auch Lk.13,34ff; 19,41ff; 10,13ff; 20,6.20ff; Joh.1,13; 8,37-59; Röm.9-11; 1.Petr.2,6-8; 1.Thess.2,14ff [griech: eis telos: endgültig!]).

Man muss sich auch fragen, wie Thiessen darauf kommt, dass die Wendung to pleroma auton („ihre Vollzahl“) in Röm.11,12 sich auf „Israels Wiederherstellung im Land Kanaan“ beziehen soll. Nichts im Text oder Kontext weist darauf hin. Neben der auch hier vorliegenden „Wortdogmatik“ wird wiederum etwas in einen Bibeltext bzw. in ein Wort gelegt, was dort selber aber nicht zu finden ist („Eisegese“). Daneben übersieht Thiessen die exegetische Tatsache, dass Röm.11,12 von einem gegenwärtigen Prozess spricht und nicht von einer „Allbekehrung“ bei der Parusie Jesu. Streng genommen kommt die Parusie in Röm.11 überhaupt nicht vor – vor allem nicht im Zusammenhang mit einer „Allbekehrung“ von Juden (auch nicht in 11,26). Dies sollte man bei der ganzen exegetischen Diskussion nicht vergessen. Zum anderen hat bisher kein dispensationalistischer Theologe exegetisch begründet, welche Juden sich angeblich nach Röm.11,26 bei der Parusie bekehren werden. Thiessen meint, dass damit die dann zu diesem Zeitpunkt lebenden Juden gemeint sind. Doch sollte man bei der ganzen exegetischen Diskussion nicht übersehen, dass der Text eine solche Definition nicht hergibt. Dies zeigt, dass die dispensationalistische Position nicht nur exegetisch-theologisch unhaltbar ist, sondern sogar für sich selber sich spekulativer Theorien und Vermutungen bedienen muss.

Auch die Theorie („Worttheologie“) Thiessens – dass Röm.11,15 die allgemeine Auferstehung der Gläubigen in enger Beziehung zu der Bekehrung von „ganz Israel“ stehe – hat keine exegetische oder paulinisch-theologische Grundlage. Mir scheint, dass man hier die theologische Wichtigkeit einer dispensationalistischen „Israeltheologie“ begründen und sie mit dem wichtigen soteriologischen Ereignis der „Totenauferstehung“ in Verbindung bringen will.

Es ist nicht richtig, wenn er auf Seite 66 den Konditionalsatz Röm.11,23 so hinstellt, als wenn Paulus hier eine ganz gewisse Sache anspricht. Damit führt er den unkundigen Leser in die Irre. Denn auch wenn hier ein prospektiver Fall vorliegt (ean + Konjunktiv), so wird damit nicht etwas Gewisses ausgedrückt („womit man rechnen kann …“). Er selber sagt ja, dass in V.23 eine Möglichkeit beschrieben wird und diese seiner Ansicht nach erst in V.26 zur Gewissheit wird. Aber warum sollte Paulus die „nationale Bekehrung Israels“ in V.23 vorher als Möglichkeit und drei Verse später als Gewissheit hinstellen? Hat er innerhalb dieser Verse seine Ansicht geändert?

Thiessen schließt sich auf Seite 72f der dispensationalistischen Meinung an, dass die (nationalen) zehn Stämme Israels „wieder gefunden wurden“. Jedoch wird von den meisten Historikern und Theologen betont, dass die zehn Stämme seit 722 v.Chr. praktisch nicht mehr existieren. Demnach scheint es bisher noch keine historisch-theologische Studie zu geben, welche (beiden theologischen Lagern) überzeugend das Gegenteil beweisen konnte.

Auch Thiessens Argumentation mit 2.Kor.3,15f beinhaltet keinen exegetischen Hinweis, aus dieser Aussage auf eine kollektive Errettung Israels am Ende der Zeit zu schließen. Die Grammatik des Textes macht eine solche Interpretation unmöglich (vgl. Senk 2006:67f).

Außerdem stellt sich die Frage, woher Thiessen das einschränkende Adjektiv „geistlich“ hernimmt, wenn er über die „Nachkommen Abrahams“ (S.26-46; vgl. Senk 2006:14-38) aus Gal.3,29 spricht. Dieses Adjektiv findet sich nicht im Text.

Vor allem der theologischen Schlussfolgerung, welche Thiessen daraus zieht, ist vehement zu widersprechen. Thiessen meint doch tatsächlich, dass die Heidenchristen keine vollgültigen Nachkommen Abrahams und damit Erben des Segens sind. (…) In Wirklichkeit hat dieser gläubige Kern im Volk Israel allein „Anspruch“ auf die Verheißungen, die Gott dem Abraham für seine leiblichen Nachkommen gegeben hat. (S.49.52)

Vollwertige Erben und Nachkommen Abrahams sind für Thiessen nur die gläubigen Juden. Dies steht diamental gegenüber den paulinischen Aussagen, welche ganz klar deutlich machen, dass die Heiden vollgültige Erben und Teilhaber aller Verheißungen Gottes sind (Gal.3,29; Eph.2,11ff; Röm.4,17f; 11,17b u.a.). Auch hier stellt Thiessen seine „Israeltheologie“ über die (soteriologischen) Aussagen der Heiligen Schrift und entkräftet deren klaren Aussagen. Nirgendwo im NT wird gesagt, dass die Heiden keine vollgültigen Teilhaber des Christus sind. Denn genau dies würde die Behauptung Thiessens bedeuten, da die Teilhabe am Erbe und an den Verheißungen an Christus selber gebunden ist. Nur durch den gottgeschenkten Glauben an Christus bekommen Menschen daran Anteil (Gal.3,28f; Eph.2,8.11ff u.a.). Doch Gott sieht die Person nicht an. Gerade Gal.3,28f macht diesen soteriologischen (unterschiedslosen) Sachverhalt deutlich. Wir – die Gemeinde aus Juden und Heiden – sind die vollgültigen Erben des Heils und aller Verheißungen. Es ist das Erbe des ewigen „himmlischen Landes bzw. Jerusalems“, welches wir erben werden und auch schon Abraham und die Gläubigen im AT im Blick hatten (Hebr.11,13-16; 12,22 – ohne „irdisches Zwischenreich“!). Wir als Heidenchristen sind in den selben Ölbaum eingepfropft und haben dadurch Teil an denselben Wurzeln. Und wo Gott mit den gläubigen Juden hingeht, da gehen auch die gläubigen Heiden mit. Und was Gott den gläubigen Juden vererbt, dass erben auch die gläubigen Heiden (vgl. z.B. 1.Kor.10,1ff, wo er zu den hier angesprochenen Heidenchristen [die verbotenerweise an Götzenfestmählern teilnahmen] von „unseren Vätern“ spricht!; vgl. Senk 2006:14ff).

Man sieht an Thiessens Ausführungen sehr deutlich, wie die dispensationalistische Dogmatik dazu führt, grundlegende soteriologische Aussagen zugunsten ihrer national-politischen „Israeltheologie“ zu verändern. Gerade weil es hier auch um soteriologische Fragen geht, muss hier – im Licht des Neuen Testaments – nachdrücklich widersprochen werden.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch Thiessens Ausführungen über den Neuen Bund (S.80-97; vgl. Senk 2006:14-15.30-31). So sagt er dort, dass laut dem NT die gläubigen Heidenchristen „Mitteilhaber“ des Neuen Bundes sind, obwohl dieser im AT allein „Israel und Juda“ verheißen war und letztendlich die „wortwörtliche und eigentliche“ Erfüllung noch aussteht. Diese „Mitteilhaberschaft der Heiden“ zu leugnen – so Thiessen – würde zu viele Schwierigkeiten mit den klaren Aussagen des NT mit sich bringen (Lk.22,19-20; Hebr.8,8-13; 2.Kor.3,6 u.a.). Für Thiessen ist der Neue Bund allein mit dem nationalen Volk Israel geschlossen (der sich am Ende an einem „ganzen nationalen Israel“ vollständig erfüllen wird). Die Heiden sind durch Christus lediglich „Mitteilhaber“ des Neuen Bundes. Die Gemeinde ist für ihn also nur ein heilsgeschichtlicher „Einschub“ – nichts „Vollwertiges“. Daher erfüllen sich die Verheißungen – welche Thiessen noch für die Gemeinde übrig lässt – nicht „eigentlich-wörtlich“, sondern nur „typologisch“ (S.10). Auch die unbiblische Aussage Thiessens, dass die Heidenchristen keine „vollgültigen Nachkommen Abrahams“ seien, macht diese seine Sichtweise deutlich. Daher bestimmt er auch willkürlich, dass sich einige Verheißungen des AT ausschließlich auf das nationale Israel beziehen und nur einige (von ihm ausgewählte) auch auf die Gemeinde, und zwar nur typologisch, vorläufig bzw. teilweise. Ebenso geht er, wie wir noch sehen werden, bei seinen Ausführungen bzgl. der Weissagungen über die Wiedereinführung von Opfern in Hes.40ff vor.

Thiessen schreibt:

Natürlich gibt es manche Verheißungen, die sehr wohl auch für die Gemeinde im gegenwärtigen Zeitalter ihre Gültigkeit haben. Aber viele Verheißungen kann man unmöglich „geistlich“ bzw. symbolisch auslegen, ohne mit dem Text gewaltsam umzugehen. (S.156)

Daher argumentiert Thiessen auch, dass zum Zeitpunkt der Stiftung des Neuen Bundes nur Juden anwesend waren und daher dieser Bund allein mit „Israel“ geschlossen wurde (S.87). Bei dieser Argumentation muss man sich fragen, ob Thiessen z.B. ebenfalls meint, dass der Neue Bund nur mit Männern geschlossen wurde. Denn zum Zeitpunkt der Stiftung des Neuen Bundes waren ja nur Männer anwesend. Thiessen erklärt auch nicht, warum Paulus in 1.Kor.11,23-25 der heidenchristlichen Gemeinde in Korinth genau diese Einsetzungsworte – ohne heidenchristlichen Zusatz – für ihr Abendmahl überliefert hat. Demnach schließt das „für euch“ auch die Heiden mit ein, was Thiessen aber anscheinend leugnet. Außerdem übersieht Thiessen die Tatsache, dass Gott die Gemeinde aus Juden und Heiden bereits vor Grundlegung der Welt erwählt (Eph.1,3f) und diese in seine Verheißungen natürlich bereits eingeschlossen hatte. Jesus ist allein für diese erwählte Gemeinde aus Juden und Heiden – für die einsgemachte Herde (Joh.10,16) – gekommen und gestorben (Eph.5,25f; Joh.10,15.18). Dies macht deutlich, dass der Bund mit Israel ein Bund ist, der allein dem „wahren Israel“ aus Juden und Heiden galt und auch nur mit diesem Israel geschlossen wurde. Hieran sieht man, dass die Sichtweise über die Erwählungslehre (die Thiessen kategorisch ablehnt) auch Einfluss auf die Ansicht bzgl. Israel hat (vgl. Senk 2006:118ff). Nirgendwo im NT wird noch irgendeine Unterscheidung zwischen Juden oder Heidenchristen gemacht – vor allem nicht in Bezug auf die Verheißungen, Bündnisse und der Zugehörigkeit zum Volk Gottes (Eph.2,11-3,13). Der Wortlaut aus Eph.2,11ff macht unzweideutig klar, dass die Heidenchristen mit den Judenchristen eins gemacht wurden. Hier besteht keinerlei Unterschied mehr. Die Heiden sind nicht nur Neben-Teilhaber einiger (von Thiessen) ausgewählter Verheißungen und Bündnisse, sondern sie sind unterschiedsloser Bestandteil des Volkes bzw. Israel Gottes und vollwertige Teilhaber des Neuen Bundes (Eph.3,6). Die Begriffe „Miterbe, Mitteilhaber, Miteinverleibte“ sollen keinen Unterschied aufzeigen, sondern eben die Tatsache verdeutlichen, dass die Heidenchristen genauso uneingeschränkt zum Volk und Israel Gottes gehören wie auch die Judenchristen. Auch die vielen Verweise, dass sich die Verheißungen des AT an Christus und seinem Leib, der Gemeinde, erfüllen, machen dies deutlich. Nichts in der Schrift weist darauf hin, dass dieser Neue Bund erst („eigentlich“ oder „endgültig“) in einer nationalen Wiederherstellung des ethnischen Israels wirklich erfüllt wird.

Es ist bemerkenswert, dass Thiessen zugibt, dass sich Gal.6,16 auf Christen beziehen muss (S.21f). Doch zieht er daraus aber nicht die theologischen Konsequenzen, welche diese Erkenntnis mit sich bringt. Denn wenn die Gemeinde das neue „Israel Gottes“ ist, dann liegen die hermeneutischen, theologischen und eschatologischen Folgerungen daraus auf der Hand. Dies gilt auch für seine z.T. guten und richtigen Ausführungen zu Hebr.4,9 und 1.Petr.2,9f. Auch hier zieht er nicht die nötigen Konsequenzen aus den Texten und hält (unbegründeter Weise mit den Worten „…dies bedeutet aber nicht, dass…“) an seiner dispensationalistischen „Israeltheologie“ fest.

Es wird auch nicht klar, ob Thiessen das ungläubige nationale Israel noch als „Volk Gottes“ bezeichnet. Zwar betont Thiessen, dass es zu keiner Zeit „zwei Völker Gottes gab“, doch sagt er an anderer Stelle in Übereinstimmung mit Gäckle, dass „auch durch den Neuen Bund die Erwählung des Volkes Israel trotz seiner Ablehnung des Evangeliums nicht aufgehoben“ wird. „Das Volk Israel bleibt bis in Ewigkeit eine identifizierbare Größe innerhalb der Heilsgemeinde.“ (S.28f).

Thiessen scheint entweder nicht zu wissen, was er glauben soll, oder er versucht sich bewusst zu allen Seiten hin abzusichern (vgl. dazu seine unten dargestellte Verwirr-Hermeneutik). Hier jedenfalls wird deutlich, dass er das ungläubige national-irdische Israel als Bestandteil der Heilsgemeinde Gottes bezeichnet. Doch niemand gehört zu Gottes Volk, der nicht an Jesus Christus glaubt. Zudem trennt Thiessen eindeutig Israel und die Gemeinde und wird somit den Aussagen des NT nicht gerecht.

Die vielen Versuche, der Offenbarung (S.110-134; vgl. Senk 2006:24-50) eine chronologische Einteilung zu geben, sind zumeist spekulativ und abhängig von der subjektiven theologischen Voreinstellung des Auslegers. Auch Thiessens Versuch ist da keine Ausnahme. Darauf eine Interpretation von Offb.20 zu begründen, wird wohl nur Dispensationalisten überzeugen. Thiessen selber gibt zu, dass die Offenbarung sich nicht chronologisch aufteilen lässt, da immer wieder Dinge aus der Vergangenheit beschrieben, dieselben Dinge mit verschiedenen Bildern und Beschreibungen wiederholt werden oder schon die metaphorische Sprache keine eindeutige chronologische oder auch inhaltliche Deutung zulässt. Wenn man dies jedoch erkannt hat, sollte man entsprechend zurückhaltender bei einer chronologischen Einteilung und einer darauf basierenden Auslegung von Offb.20,1ff (oder auch der Zorngerichtsreihen) sein. Diese Zurückhaltung findet sich aber nicht bei Thiessen, sondern er ist sich völlig sicher, dass seine chronologische Einteilung und inhaltliche Auslegung zutreffend sind. Wenn aber – wie Thiessen selber anhand einiger Stellen zugibt (z.B. sind Offb.11,15-19 und 19,11 identische Gerichte) – die Offenbarung nicht stringent chronologisch aufgebaut ist, mit welchen Recht beansprucht er sein chronologisches Verständnis für Offb.20,1ff? So bestätigt er Walvoord mit seiner festgelegten chronologischen Einteilung der Offenbarung (z.B. dass ab Kap. 4 von den „zukünftigen Dingen“ die Rede ist), die Thiessen gerade aufgrund eindeutiger Belege selber hinterfragt hat. Walvoord spricht Thiessen zufolge „treffend“ davon, dass seine dispensationalistische Aufteilung der Offenbarung die einzig „überzeugende“ sei und alle anderen „sich in einem Gewirr widerstreitender Meinungen“ verlieren. Hier schließt Walvoord in Bezug auf „überzeugend“ von sich auf andere und übersieht dabei, dass auch seine dispensationalistische Interpretation eine der vielen „widerstreitenden Meinungen“ zur Offenbarungsauslegung ist und auch seine eigene Auslegung keineswegs widerspruchsfrei ist.

Ich habe in meinem Buch bereits darauf hingewiesen, dass die Lehre über die chronologische und inhaltliche Abfolge der Eschatologie nicht auf einer spekulativen Interpretation der metaphorisch-unchronologischen Aussagen der Offenbarung beruhen darf, sondern aus den klareren Lehraussagen des NT abgeleitet und begründet werden muss. Und im Licht dieser klaren Schriftaussagen können und müssen – aufgrund der inspirierten Einheit der Schrift – auch die eher metaphorischen und unchronologischen Aussagen der Offenbarungen verstanden werden. Nur dann ist man exegetisch-theologisch auf der sicheren Seite. Alles andere ist spekulativ und zu sehr von den theologischen Voreinstellungen, Prägungen und Wünschen des Auslegers motiviert.

Ich möchte aber auch noch auf einige ausgewählte Einzelheiten in Thiessens Ausführungen zur Offenbarungsauslegung eingehen, zuerst auf seine folgende Aussage:

Diese Reihenfolge (d.h. erst die Vernichtung der antichristlichen Herrschaft bei der Wiederkunft Jesu und dann das Friedensreich des Messias) wird auch durch andere Stellen in der Bibel (vgl. z.B. 1. Thess 5,1ff.; 2. Thess 2,7-8; Dan 7,11ff.) direkt oder indirekt bestätigt. (S.120, Klammern im Original)

Doch an keiner der angeführten Stellen ist von einem irdischen Millennium und Zwischenreich die Rede – weder direkt noch indirekt. Hier zeigt sich, dass der dispensationalistische Ansatz Dinge in Texte hineinlegt, die dort gar nicht zu finden sind. Auch in Offb.20,1ff selber ist weder etwas von einem irdischen Zwischenreich noch von Israel die Rede. Aber dennoch meinen Dispensationalisten, der Text würde darüber etwas sagen. Dies ist nicht Exegese, sondern Eisegese.

Dann stellt sich noch die Frage, wie Thiessen in Offb.14,1ff auf die nationalen zwölf Stämme Israels kommt (S.114f). Im Text selber werden diese 144.000 eindeutig allgemein als Christen und Jesusjünger identifiziert. Hier ist gerade auffallend, dass eben nicht von den zwölf Stämmen Israels die Rede ist, sondern allgemein von den Gläubigen ohne ethnische Einschränkung. Dies erklärt dann auch Offb.7,1ff und die dort genannten Menschengruppe(n) (vgl. Senk 2006:46ff).

Thiessens Ausführungen sind zudem geprägt von einer „Wortdogmatik“ (ich bin an den entsprechenden Stellen bereits darauf eingegangen). Er legt zu viel Bedeutung in ein Wort, welche weder direkt noch indirekt von dessen Kontext bestätigt wird. Z.B. macht Paulus in Phil.3,11 oder 1.Kor.6,14 in keiner Weise deutlich, dass er hier an eine „stufenweise Auferstehungschronologie“ in Analogie zu einer dispensationalistischen Auslegung von Offb.20,1ff denkt – weder direkt noch indirekt und im Kontext und in den Aussageabsichten schon gar nicht. Auch hier wieder ein Fall von „Eisegese“.

Thiessen versucht die eindeutigen neutestamentlichen Bezüge zu Sach.14 (wie z.B. Offb.21-22) dadurch zu entkräften, indem er einfach behauptet, dass bestimmte Bilder, die sich im Alten Testament auf die messianische Friedensherrschaft beziehen, in Offb.21-22 auch für die Beschreibung der Neuschöpfung nach dem Friedensreich gebraucht werden. Doch ist das nicht eine Bestätigung, dass die alttestamentlichen Verheißungen nur und in erster Linie bildlich in Bezug auf diese Neuschöpfung gemeint sind. (S.144)

Die Antwort, wo und wie sich eine Verheißung oder Prophetie aus dem AT erfüllt hat oder erfüllen wird, liefert uns das NT. Wenn wir dort eindeutige Bezüge zu den jeweiligen AT-Aussagen finden, dann liegt die Antwort auf der Hand. Thiessen aber stellt sich gegen den Befund des NT und setzt seine dispensationalistische Hermeneutik und „Israeltheologie“ an dessen Stelle. Dabei hat er keinerlei exegetische Grundlage für seine Behauptung, dass Offb.21-22 nur bildhaft Umschreibungen aus dem AT „ausleiht“, die eigentlich einem wörtlich-irdischen Millennium gelten. Schon diese Theorie muss doch jedem als unhaltbar und spekulativ erscheinen. Das NT bezieht diese Aussagen eindeutig auf die Ewigkeit im himmlischen Jerusalem. Doch Thiessen bezieht dies – mit der unbegründeten Behauptung, dass hier Elemente aus dem Millennium zur bildlichen Beschreibung des himmlischen Jerusalems „ausgeliehen“ wurden – ohne exegetischen Hinweis auf ein biblisch unbegründetes irdisches Millennium. Diese ganze Diskussion gilt auch für den Tempel bei Hesekiel (Hes. 40-48), wo wir auch eindeutige Bezüge dazu in Offb.21-22 haben.

Der dispensationalistische Ansatz leugnet aber nicht nur die klaren, im NT (für Christus und die Gemeinde bzw. Ewigkeit) bezeugten Erfüllungen der AT-Verheißungen, sondern leugnet schon die inner-alttestamentlichen Zeugnisse dazu. So geht auch Thiessen immer wieder von einer irdischen Landverheißung für Israel aus, obwohl in Jos.21,43-45 ganz klar gesagt wird, dass Gott dies alles bereits unter Josua erfüllt hat. Bestätigt wird dies vom Empfänger der Verheißung selber (auf den sich die Dispensationalisten so sehr berufen) – Abraham. Dieser (und mit ihm alle Gläubigen des AT) erwartete und erhoffte keine „irdische Heimat“, sondern eine himmlische (Hebr.11,13-16; vgl. auch Hebr.4,9). Man stellt sich – zugunsten einer biblisch unbegründeten „Israeldogmatik“ (nach Fruchtenbaum „The Missing Link in Systematic Theology“!) – gegen die klaren Aussagen der Heiligen Schrift.

Auch bei seiner Darstellung des Paulus sowie des Hebräerbriefes (S.122-127; vgl. Senk 2006:67-76) prakiziert Thiessen ausgiebig Eisegese. In 1.Kor.15,22-28 deutet absolut nichts auf ein irdisches Zwischenreich in Analogie zu einer dispensationalistischen Auslegung von Offb.20,1ff hin – weder direkt noch indirekt und schon gar nicht im Kontext und in der Aussageabsicht des Paulus. Hier ein von Paulus angedeutetes irdisches Zwischenreich zu sehen, ist nur dem möglich, der dies hier sehen will. Dies ist eine dispensationalistische Überfremdung der biblischen Texte. Paulus selber hat dies hier nicht im Blick, denn schließlich schreibt er nichts darüber. Dies gilt auch für die von Thiessen dazu angeführten Parallelstellen aus Lk.19,11; Apg.1,6f; Eph.1,20-22; Röm.11,12.15.25-27 und Hebr.2,5-8; 3,7 – 4,14. An keiner dieser Stellen ist von einem irdischen Zwischenreich die Rede – weder direkt noch indirekt und noch in Kontext und Aussageabsicht der Texte. Die einfachste Regel der Hermeneutik und exegetischen Methodik („Was steht da und was nicht“) wird hier anscheinend ignoriert. Dem Leser sollte dies sicher selber auffallen, insbesondere dass Thiessen immer wieder wie zwanghaft schreibt „indirekt … sagt der Text …“. Direkte Belegstellen für seine Sicht kann er nicht anführen. Und die angeblichen „indirekten“ Belegtexte sagen nicht das aus, was er darin zu finden meint.

Man muss sich auch fragen, warum Thiessen auf S.127f die Sabbatruhe ausführlich aus Hebr.4,9 auf die Wiederherstellung Israels bezieht, dann aber im Gedankenfluss doch deutlich macht, dass sich diese Stelle auf das gesamte Volk Gottes (Gemeinde) bezieht und nicht nur auf das nationale Israel!

Auch bei seiner Behandlung der Aussagen Jesu (S.128f; vgl. Senk 2006:45f) zum Thema schreibt Thiessen „indirekt … sagt Jesus …“ und macht damit deutlich, dass er auch hier keine direkten Belege für seine Sicht vorweisen kann. Und auch die dort von ihm angeblich „indirekten“ Belege sind – bei genauer Betrachtung der Texte und ohne dispensationalistische Vorentscheidungen – wieder nicht in den Texten zu finden. So sagt z.B. Jesus in Lk.21,24 nichts von einer Wiederherstellung des nationalen Israels in einem irdischen Millennium. Dies gilt auch für die anderen von Thiessen genannten Schriftstellen. Dass Jesus von einem gegenwärtigen und zukünftigen Reich gesprochen hat, ist unbestritten. Doch das zukünftige Reich meint laut NT die Vollendung in der Ewigkeit in der neuen Welt Gottes und kein irdisches Zwischenreich.

In Bezug auf das Alte Testament (S.129-134; vgl. Senk 2006:24ff) schreibt Thiessen bemerkenswerterweise:

Die alttestamentlichen Verheißungen, die sich auf ein irdisches messianisches Reich beziehen (…) entweder auf die neutestamentliche Gemeinde oder auf die Neuschöpfung von „Himmel und Erde“ zu beziehen, widerspricht den eindeutigen Aussagen nicht nur des Neuen, sondern auch des Alten Testaments. (S.129-130)

Nun wird der Leser zu Recht aufmerken. Haben wir doch eben festgestellt, dass Thiessen kein einziges direktes Argument vorweisen konnte, sondern nur angebliche „indirekte“ Belegstellen, und auch diese nicht das aussagen, was er darin zu finden meint. Doch hier spricht er plötzlich von „eindeutigen Aussagen des Neuen Testaments“! Aus „indirekt“ wurde einfach „eindeutig“. Diese Art der rhetorischen Argumentation von Thiessen ist weder redlich noch fair – nicht einmal gegenüber sich selber – hat er doch selber immer wieder die „Indirektheit“ seiner Belege betont.

Für Thiessens Ansatz dient das AT als Hauptbelegquelle. Daher verwendet er in diesem Kapitel nicht mehr Aussagen wie „indirekt“ etc., sondern „eindeutig, sehr deutlich“ usw. Dabei legt er allerdings eine bestimmte Hermeneutik zugrunde, welche von einer „konsequent wörtlichen Interpretation der Weissagungen des AT“ ausgeht. Daneben ignoriert (bzw. um-interpretiert oder degradiert als „Vor-, Teil- oder Bild-Erfüllung“) er einfach die vielen AT-Zitate im NT, welche die Gemeinde als neues Volk Gottes und neues Israel identifizieren und die Verheißungen des AT auf diese neue Heilskörperschaft „übertragen“. Dispensationalisten wie Thiessen stellen ihre literalistische Hermeneutik über die Schriftauslegung des NT. Dies ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem dispensationalistischen und nicht-dispensationalistischen Ansatz. Auch dass die Argumente bei Thiessen aus dem AT hier so „mager“ ausfallen, liegt daran, dass er bereits in seinen Ausführungen zum NT ständig auf das AT verwiesen hat. Dies macht deutlich, dass er das NT im „Licht“ des AT deutet und nicht – wie es heilsgeschichtlich richtig wäre – das AT im Licht des NT interpretiert.

Thiessen hat keine wirklichen Belege für seine Therorie anführen können. Seine Israeltheologie bzw. prämillenniaristische Sicht versucht er ausgehend von einer unhaltbaren dispensationalistischen Interpretation von Offb.20,1ff und einigen Aussagen des AT zu begründen. Im Lichte der Schrift hat sich diese Theorie aber als unhaltbar erwiesen.

Thiessen lehnt die metaphorische Auslegung von Hes.40-48 ab (S.135-155; vgl. Senk 2006:34-37), obwohl diese dem NT entspricht (vgl. die Parallelen zu Offb.21-22!) und nennt diese Hermeneutik „ein Nicht-Ernst-Nehmen und eine Flucht vor dem, was hier steht“ (S.136). Dabei übersieht Thiessen, dass es die dispensationalistische Sicht ist, welche die inspirierten und autoritativen Aussagen und Auslegungen des NT (und AT – vgl. Jos.21,43f) dazu „nicht erst nimmt“. Außerdem hat Thiessen gezeigt, dass er „vor dem flieht, was geschrieben steht“. So weigert er sich z.B. – trotz richtiger Erkenntnis aus Gal.6,16; 1.Petr.2,9f und den Aussagen des NT zum im AT verheißenen Neuen Bund – die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen (s.o).

Thiessen macht gleich zu Anfang seiner Behandlung dieser Schriftabschnitts deutlich, dass man nicht alle Einzelheiten der Weissagungen aus Hes.40-48 in der Zukunft erwarten kann – weder in einem irdischen Millennium, noch in der neuen himmlischen Welt (S.142). Damit meint er vor allem die in Hesekiel genannten Sündopfer, welche ja sonst dem ein für allemal geschehenen Opfer Christi widersprechen würden. Dies ist nicht nur inkonsequent gegenüber seiner bisher dargestellten Hermeneutik, sondern auch willkürlich. Thiessen bestimmt einfach, welche Stellen (bzw. deren Einzelheiten) sich (wie) erfüllen werden und welche „nicht“. Wie wir unten sehen werden, geht Thiessen – trotz seiner auf S.142 geäußerten Annahme – davon aus, dass die Opfer wieder eingeführt werden (S.144). Dies entspricht wieder der verwirrenden und widersprüchlichen Hermeneutik, wie unten im allgemeinen Teil dargestellt.

Auch hier, in Zusammenhang mit Hes.40-48, redet Thiessen wieder von einer „Mehrfacherfüllung“, obwohl er bisher keine wirkliche hermeneutisch-theologische Begründung für diese Auslegungsart abgegeben hat.

Thiessen schreibt unter Berufung auf Külling Folgendes:

Die Opferordnung wird als Bild-Lektion benützt, um die Notwendigkeit für Heiligkeit in der Weihe und Reinigung von Tempel und Altar zu demonstrieren. Sie wollen visuelle Erinnerung an die Sündigkeit des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit sein, während sie gleichzeitig bildhafte Erinnerung an das bereits vollbrachte Opfer des Messias sind, der ein für alle Mal Versöhnung für die Menschheit brachte. (S.142f)

Die Opfer entkräftigen nach Külling also „niemals das einmalige Opfer von Jesus Christus am Kreuz“, wie er im Einklang mit manchen anderen Exegeten, die er erwähnt, betont.

Diese spekulative Wunschinterpretation wird weder den Aussagen von Hes.40-48 noch denen des NT gerecht. Die ganze Theorie einer „Bild-Lektion“ hat keinerlei biblische Grundlage. Die gesamte Theorie beruht auf unbegründeten Annahmen. Dahinter steckt das Motiv, eine wörtliche Auslegung der Opfer aus Hes.40-48 gegenüber den soteriologischen Aussagen des NT abzusichern. Man behauptet, dass dies „bildhafte, symbolische Erinnerungsopfer“ seien. Doch dies wird nirgendwo im Text gesagt. An keiner Stelle wird deutlich, dass etwaige künftige Opfer nur „Symbolcharakter“ haben. Man versucht zu betonen, dass die Opfer im Millennium „niemals das einmalige Opfer von Jesus Christus am Kreuz“ entkräften würden. Doch es spielt keine Rolle, ob man dies vorher so behauptet bzw. verneint oder nicht. Fakt ist, dass man sich vom ein für allemal geschehenen Opfer abwendet, um sich wieder einem „schattenhaften System“ zuzuwenden (egal in welche zeitliche „Richtung“ der Schatten fällt.). Thiessen sagt dann zusammenfassend:

Dementsprechend kann es m.E. im Tausendjährigen Reich durchaus symbolische Opfer geben (denken wir an das Abendmahl als Erinnerung an den Tod Jesu). Nach dem einmaligen Opfertod Jesu für die Sünden der Welt ist die Frage nach zukünftigen Opfern jedoch sicher keine zentrale Frage, und so sollten wir uns darüber nicht streiten, sondern die endgültige Antwort Gott überlassen. (S.144)

Zuerst fällt der Widerspruch auf, dass Thiessen noch kurz vorher ausgeschlossen hat, dass es eine Wiedereinführung von Opfern geben wird (S.142). Er will diese jedoch „symbolisch“ verstehen, was der Text aus Hes.40-48 aber in keiner Weise hergibt. Auch sein Vergleich mit dem Abendmahl ist biblisch nicht zu rechtfertigen (vgl. Senk 2006:33-38).

Verwunderlich ist, wie Thiessen darauf kommt (auch auf S.10), dass dies keine „zentrale Frage“ sei. Es ist schließlich eine der wesentlichen theologischen Themen des NT, ob die Christen zum Heil noch die Satzungen und Ordnungen des AT einhalten müssen. Diese Frage zieht sich sowohl durch die historischen als auch durch die lehrhaften Schriften des NT. Immer wieder müssen die Apostel vor judaisierenden Irrlehrern warnen, die die Christen wieder unter die Satzungen des Alten Bundes bringen wollen. Vor allem der Hebräerbrief macht deutlich, dass jeder, der – nach dem einmaligen und endgültigen Opfer Jesu (Hebr.8-10) – nun wieder zu den „schattenhaften und unvollkommenden Ordnungen“ zurückkehren will, kein Anteil am Heil hat (Hebr.10,26). „Wo aber Vergebung dieser (Sünden) ist, gibt es kein Opfer für Sünden mehr“ (Hebr.10,18).

Die obige Aussage Thiessens – dass dies keine „zentrale Frage“ sei – wäre so, als wenn Paulus sagen würde: „Nach dem einmaligen Opfertod Jesu für die Sünden der Welt ist die Frage nach der Beschneidung keine zentrale Frage, und so sollten wir uns darüber nicht streiten, sondern die endgültige Antwort Gott überlassen.“ Dies steht den deutlichen Worten des Apostels völlig entgegen (Gal.1,5ff). Wir müssen wohl auch heute wieder mit Paulus folgende Frage stellen:

„…jetzt aber habt ihr Gott erkannt – vielmehr ihr seid von Gott erkannt worden. Wie wendet ich euch wieder den schwachen und armseligen Elementen zurück, denen ihr von neuem dienen wollt?“ (Gal.4,9).

Gerade als Neutestamentler müsste es Thiessen zumindest auffallen, dass an keiner Stelle des NT eine Wiedereinführung eines Opfersystems angedeutet wird. Ein so gravierendes soteriologisches Thema müsste Spuren im NT hinterlassen haben. Vor allem die Betonung der in Christi Opfer endgültig abgeschaffenen (Opfer-) Ordnung des AT macht diese dispensationalistische Interpretation Thiessens unmöglich. Daher möchte ich nochmals betonen, dass wir das AT im Lichte des NT auslegen müssen. Sonst laufen wir Gefahr, nicht nur eine andere Eschatologie wie Jesus und die Apostel zu lehren, sondern auch eine andere Soteriologie. Denn die Frage nach einer Wiedereinführung von Opfern ist keine „Nebenfrage“ – wie Thiessen meint –, sondern eine zentrale Frage und Thematik der neutestamentlichen Soteriologie.

Auffällig ist auch, dass er auf die umfangreiche einschlägige Studie zum Tempel von Gregory Beale nicht eingeht (G. Beale: „The Temple and the Church’s Mission“, Intervarsity Press 2004). Allgemein scheint Thiessen sehr selektiv mit der Literatur seiner „theologischen Gegner“ umzugehen.

Fälschliche Darstellung anderer Autoren

Auch Thiessen falsche Darstellungen anderer Autoren mindern das Vertrauen in seine akademische Kompetenz und Redlichkeit. Hier nur einige Beispiele:

Thiessen nennt auf S.37 E. Schnabel als Beispiel für solche, die behaupten, dass die Jünger Jesus in Apg.1,6f falsch verstanden hatten. Dies sagt Schnabel dort aber mit keiner Silbe. Auch der Text selber macht nicht deutlich, wie die Jünger sich die „Wiederherstellung des Reiches für Israel“ vorgestellt haben (vgl. Senk 2006:71-74).

Thiessen zitiert mich (Senk 2006) auf S.23 falsch (es muss heißen: „bis auf den auserwählten Rest“ statt „bis auf einen Rest“). Außerdem macht doch gerade diese Aussage deutlich, dass ich nicht der Ansicht bin (wie Thiessen mir vorwirft), dass das nationale Israel als Ganzes (vollständig) verworfen sei, sondern dass ich glaube, dass ein erwählter Teil von Juden (nämlich alle an Christus glaubenden) zum Volk Gottes gehört und Anteil am Heil hat. Ich verweise dabei sogar auf dieselbe Aussage von Blomberg, den er dort angeblich als Argument gegen mich anführt.

Thiessen scheint auch mit einigen Begriffen nicht klarzukommen. So betone ich anhand der paulinischen Aussagen über den „Rest“, dass Gott sein Volk nicht „vollständig“ verworfen hat – aber die Verwerfung derer, die nicht zum erwählten Rest gehören, ist „endgültig“ (Senk 2006:60-67; vgl. Röm.9,1ff; 1.Thess.2,14ff;). Nun aber vermischt er einfach die Begriffe „endgültige“ und „vollständige“ Verwerfung miteinander (S.23ff), obwohl ihm doch klar sein müsste, dass der erste temporal und der zweite numerisch verstanden werden muss.

Auf Seite 56 behauptet Thiessen, dass ich von einer „Neudefinierung Israels“ bzw. „Übertragung“ spreche. Dies stimmt zwar, doch erwähnt Thiessen nicht, dass ich diese Begriffe in meinem Buch einschränkend gebrauche. Ich mache deutlich, dass die Begriffe der „Neudefinierung“ und „Übertragung“ im Lichte der (von Thiessen abgelehnten) Vorherbestimmung Gottes verstanden werden müssen (Senk 2006:14.24). Gott verändert sein Wort nicht, sondern es geht so in Erfüllung, wie er es ursprünglich gemeint hat – und dies wird uns im NT gezeigt.

Unterm Strich lässt sich sagen: Thiessen vertritt unbiblische Lehren, welche vor allem auf seinem untragbaren Umgang mit der Bibel zurückzuführen sind. Seine widersprüchliche und undurchsichtig-inkonsequente Hermeneutik (insbesondere in Bezug auf die Erfüllung von Weissagungen des AT) zeigt dies deutlich. Dies wirft auch ein Licht auf das Israelinstitut der FTA, die ein solches Buch mit ihrer Auszeichnung bestätigen.

Ich hoffe, dass diese Rezension das Anliegen weckt, wirklich allein die Schrift das sagen zu lassen, was sie wirklich sagt. Dieses Prinzip sollte Thiessen auch anwenden, wenn er die Sicht anderer (bes. Andersdenkender) darstellen bzw. widerlegen will.


Anhang: Stellungnahme zu Thiessens Dogmatikbuch „Biblische Glaubenslehre“

A1. Allgemein zu Thiessens Dogmatik

Thiessens Dogmatik soll eine „Systematische Theologie für die Gemeinde“ sein. Sie soll also vor allem keine wissenschaftliche dogmatische Abhandlung bieten, sondern allgemeinverständlich und komprimiert die christliche Lehre darstellen. Dennoch nimmt Thiessen den Leser auch in kontroverse theologische und exegetische Diskussionen mit hinein. Dies ist sicher ein zu lobendes Anliegen. So gibt er dem Leser einen Überblick über die verschiedenen Themen auch in ihrer Auseinandersetzung. Auch seine Art der Formulierung entspricht weitgehend diesem Anliegen. Selbst bei komplizierten philologischen Ausführungen versucht Thiessen allgemeinverständlich zu bleiben, auch wenn viele diese Ausführungen sicher nicht wirklich nachvollziehen bzw. prüfen werden können. So mancher Leser kann zweifelsohne viel aus seinem Buch (dazu)lernen.

A2. Thiessens Umgang mit der Bibel (grundsätzlich)

Thiessen versucht, alle wichtigen Themenbereiche christlicher Dogmatik anzusprechen, was ihm aber aufgrund des komprimierten Umfangs nur bedingt gelingt. Die daraus resultierende Kürze lässt noch zu viele Fragen offen, besonders in der exegetischen Begründung. So stellt er z.B. oft einfach dogmatische Behauptungen auf ohne biblische Begründung (z.B. warum es für Satan und die Dämonen keine Vergebung gibt – S.43; oder dass die Taufe ein „öffentliches Bekenntnis“ ist – S.159 uva.). Man bekommt auch den starken Eindruck, dass er Schriftstellen und exegetisch-theologischen Diskussionen (auch mit anderer Fachliteratur) dann aus dem Weg geht, wenn dies seiner Sichtweise Probleme machen könnte. Dies betrifft z.B. die Wiedereinführung von Opfern in dem von ihm postulierten irdischen Millennium oder seine Behauptung, dass es in Röm.9 nicht um die individuelle Erwählung zum Heil oder Unheil geht (auf S. 136 verweist er nur auf seinen eigenen Kommentar sowie auf Mauerhofer).

An anderen Stellen gibt er zwar Bibelstellen als Beleg an, doch erklärt er oft nicht, wie er von der dort genannten Schriftaussage auf das im Buch formulierte dogmatische Ergebnis gekommen ist (z.B. dass 1.Kor.15,39 – scheinbar um mennonitisches Handeln in der Vergangenheit zu rechtfertigen – ein Martyrium/eine Todesstrafe aufgrund der Taufe lehren soll – S.162; vgl. dagegen die eher zurückstufende Aussage zur Taufe in 1.Kor.1,17; oder das Apg.5,32 lehre, dass die Hingabe/Heiligung Voraussetzung zur Geistesfülle sei – S.125 uva.). Stattdessen verweist er zumeist einfach auf andere Literatur. Überhaupt ist sein häufiges Verweisen auf Sekundärliteratur für eine „Gemeindedogmatik“ wenig hilfreich, da die meisten Gemeindemenschen keine theologische Ausbildung bzw. keine Möglichkeit haben, die Aussagen Thiessens anhand der angegebenen Fachliteratur nachzulesen geschweige denn nachzuprüfen. Vor allem seine vielen Verweise auf die Vorlesungsmanuskripte seiner früheren Lehrer wie Külling oder Mauerhofer fallen auf. Doch hat der Leser normalerweise keinen Einblick in diese Vorlesungsskripte. Man gewinnt den Eindruck, dass Thiessen seine theologischen Ansichten scheinbar unreflektiert von seinen Lehrern Külling und Mauerhofer übernommen hat.

Außerdem erwähnt er häufig theologische Floskeln oder fordert zu irgendetwas auf, was er aber nicht erklärend darstellt. So schreibt er z.B. an vielen Stellen vom „Wandeln im Geist“ oder „Führung durch den Geist“ etc., doch erklärt er diese Aussagen und Imperative an keiner Stelle (vgl. S.148). Der Leser seiner Zielgruppe (Gemeinden) kann mit diesen Aussagen wenig anfangen (vgl. dazu Senk 2007).

Fragwürdig sind auch seine aus dem Kontext entrissenen Schriftverweise, die dem Leser eine von Thiessen bestimmte Bedeutung suggerieren sollen. So zitiert er z.B. Jes.65,19-20 ohne die dazugehörigen Verse 17-18 (S.208; vgl. sein Israelbuch S.85), welche aber sprachlich als auch inhaltlich mit den V.19-20 verknüpft sind. Diese Verse zeigen, dass es hier um den Neuen Himmel und die Neue Erde geht und nicht – wie Thiessen meint – um ein irdisches Tausendjähriges Reich. Oder aber er zitiert Stellen wie 1.Tim.2,4 („Gott will alle Menschen retten“), ohne darauf aufmerksam zu machen, dass der Kontext eindeutig von Kategorien von Menschen und nicht von jedem menschlichen Individuum spricht (vgl. Senk 2006:121f)

Manchmal verdreht er augenscheinlich einfach die biblische Beschreibung. So sagt er in Bezug auf die Verstockung des Pharao durch Gott, dass Pharao sein Herz zuerst verstockt hatte und zitiert die Bibelstellen in dieser Reihenfolge (S.137). Die Wahrheit ist jedoch, dass zuerst von der Verstockung durch Gott die Rede ist (2.Mo.4,21; 7,13f; vgl. Spr.16,4), erst danach wird von der Verstockung Pharaos gesprochen (was aber natürlich die Folge der Verstockung durch Gott ist: der Pharao verstockt sein Herz, weil Gott dies so gewollt und gewirkt hat). Und genau dies sagt Paulus in Röm.9,14-18. Denn das Argument des Paulus ist ja gerade dies, dass Gottes souveränes Erbarmen oder Verstocken noch vor jeglicher Handlung des Menschen erfolgt (vgl. dazu Senk 2006:60-67).

Zudem verwirrt Thiessen den Leser durch viele widersprüchliche Aussagen, die aus seiner z.T. unbiblischen Theologie entstehen. So ist z.B. für ihn der Glaube und der Gehorsam (Ablegen der Sünde) Voraussetzung dafür, um den Heiligen Geist zu empfangen bzw. von ihm erfüllt zu werden (S.122-123.125). An anderer Stelle aber sagt er, dass wir nur durch den Geist Glauben bzw. in Heiligung leben (bzw. Frucht bringen) können (S.127.139). Mitverantwortlich für diese Verwirrung ist Thiessens unbiblische Trennung von Wiedergeburt und Glaube. So meint er, dass der Glaube eine Voraussetzung des Menschen sei, um von Gott die Wiedergeburt zu empfangen (S.141). Dabei schreckt er (hier und an anderen Stellen) auch nicht davor zurück, seine Ansicht mit Bibelstellen zu belegen, die seine Ansicht eigentlich überhaupt nicht unterstützen (z.B. das Apg.5,32 lehre, dass die Hingabe/Heiligung Voraussetzung zur Geistesfülle sei – S.125 uva) (vgl. dazu Senk 2007).

Damit hängt auch sein theologischer Irrtum zusammen, dass der Mensch einen freien Willen habe und das Heil gänzlich in der Entscheidungsgewalt des Menschen liege (S.63.138) (vgl. dagegen Senk 2006:118ff). Er lehnt die Erwählung als „unbiblisch“ ab und versteht darunter (ohne dies wirklich biblisch zu begründen) ein nachträgliches Handeln Gottes („man ist erwählt, wenn man sich für Jesus entscheidet“; „wer Jesus annimmt, gehört zu den Auserwählten“ – er vertauscht also die Reihenfolge) bzw. „Vorherwissen“ Gottes (S.107.137). Zudem lehrt er auch, dass ein Christ das Heil verlieren kann, wenn er es nicht durch ein (von Thiessen definiertes) Heiligungsleben aufrechterhält. Nach Thiessen ist der Mensch also für den Empfang als auch für den Erhalt des Heils zuständig – er muss es selber machen (S.104.153-154.169). Thiessen lehnt sich hier – wie so oft – an seinen Lehrer Mauerhofer an und spricht in gleicher unbiblischer Weise davon, dass man schon im diesseits als Christ „Jesus immer ähnlicher“ werden bzw. immer mehr Heiligungsstufen erreichen muss (als weniger sündigt), damit man gerettet wird (S.169-171). Mauerhofer als auch Thiessen machen aus einer zukünftigen Verheißung und Gottesgabe (vgl. dazu Senk 2007) einen gegenwärtigen Imperativ für den Menschen.

Zu dieser Lehre der Werkgerechtigkeit formuliert er aber an anderen Stellen den Widerspruch, dass der Glaube und das Heil allein Gottes Gabe (Gnade) ist und Gott in seiner Souveränität seine Pläne ausführen wird (S.29). Jeder aufmerksame Leser muss sich dabei fragen: Warum und wie kommt Thiessen zu dieser Verwirrtheologie und was bezweckt er damit? Vermutlich will er dem Leser suggerieren, dass seine Werkgerechtigkeitslehre die Souveränität und Gnade Gottes nicht untergrabe. Aber genau das tut sie. Seine verwirrende und sich widersprechende Darstellung kann nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen.

Aber damit sind wir noch nicht am Ende. Das Verwirrspiel geht weiter. So spricht Thiessen von der untrennbaren Einheit des Menschen, bezeichnet jedoch trotzdem die Seele bzw. den Geist des Menschen unbiblischerweise als eigenständigen und unsterblichen Teil (S.50.57.58; vgl. dagegen 1.Tim.6,16 u.a.) – ganz wie es die griechische Philosophie tat, von der Thiessen sich eigentlich abgrenzen will (S.54.60). Auch hier scheint er durch die doppelseitige bzw. widersprüchliche Argumentation, seine Ansicht von dem Verdacht befreien zu wollen, durch die Hintertür doch die griechische Philosophie übernommen zu haben (vgl. dazu Senk 2007). Es wundert daher auch nicht, dass Thiessen davon ausgeht, Jesus habe im Geist – zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung – den „Geistern im Gefängnis“ (irgend)eine „Botschaft“ verkündigt (S.110f; vgl. dagegen Senk 2007).

Auch in Bezug auf die Wiedereinführung von Opfern im AT weiß scheinbar Thiessen selber nicht, was er lehren soll (Israelbuch S.142). So sagt er einmal, dass es aufgrund des Opfers Jesu sicher keine Sündopfer mehr geben wird. Dann aber meint er später doch, dass es im Millennium wieder Opfer geben wird (Israelbuch S.144).

Die nächste Verwirrung entsteht in der Selbstdarstellung der Hermeneutik. So versucht Thiessen durch seine Formulierungen immer deutlich zu machen, dass man die eigene Ansicht immer demütig und in Anbetracht der Fehlerhaftigkeit („Stückhaftigkeit“) der eigenen Erkenntnis formulieren sollte (S.12; Israelbuch S.8.11). Andererseits macht er aber deutlich, dass es nur die eine „absolute Wahrheit“ gibt und man sich mit den unterschiedlichen theologischen Ansichten nicht zufrieden geben soll (S.12.15). Er formuliert viele seiner Ausführungen so, als wenn diese die einzig wahre Lehre der Bibel ist (Beispiele: S. 58 „die Bibel zeigt deutlich“ [die Unsterblichkeit der Seele]; S.153 „die Bibel lehrt uns also eindeutig“ [das man durch Werke das Heil aufrecht zu erhalten hat]; S.204 „Somit kann es keine Frage sein, dass…“ [dass es ein irdisch-politischen Millennium geben wird]; S.206 „Somit sehen wir deutlich…Die ganze Bibel lehrt uns“ vgl. im Israelbuch S.76.121.129.131 [sehr deutlich, offensichtlich etc.] uva.). Er kann auch direkt oder indirekt ganz „spitz“ und verurteilend werden, wenn es um die Ablehnung anderer Ansichten geht (S.154 [Andersdenkende beim Thema Erwählung lassen die Bibel nicht das sagen, was sie wirklich sagt – nämlich das, was Thiessen meint!]; S.206 [Andersdenkende in Bezug auf Israel leugnen göttliche Verheißungen bzw. deuten diese um]; Israelbuch S.136 [wer Tempel und Opfer in Hes.40ff nicht so versteht wie Thiessen, der nimmt die Bibeltexte nicht ernst und es ist zudem eine „Flucht“ vor deren Aussagen]; Israelbuch S.156 [Andersdenkende tun dem Bibeltext „Gewalt an“] uva.). Schon fast trotzig wirkt die Formulierung, wenn er bei seiner Verteidigung der Lehre von der Verlierbarkeit des Heils einfach sagt, dass diese „biblisch“ ist, „auch wenn manchmal das Gegenteil behauptet wird“ (S.153). Schon der Titel seines Buches (und der einzelnen Kapitel) machen deutlich, dass Thiessen seine Ausführungen für die „biblischen“ hält. Diese Aussagen haben für andere Ansichten keinen Raum. Mit solchen absoluten Positionen macht er deutlich, dass seine Ansichten nicht zu hinterfragen sind, obwohl er dies doch von sich und anderen einfordert (S.12; Israelbuch S.11). Mit solchen Formulierungen kann er nicht behaupten, dass er seine Ansichten für hinterfragbare „Stückwerkerkenntnis“ hält, obwohl er versucht, diese scheinbar demütige Haltung von sich darzustellen (Israelbuch, S.8.11). Es ist völlig richtig, dass die biblische Hermeneutik ganz klar fordert, dass es nur eine absolute Wahrheit gibt und dass Gott durch die Klarheit und Kraft seines Wortes auch imstande ist, diese rechte Erkenntnis zu schenken (vgl. Senk 2006:107ff). Daher ist es absolut legitim, die Lehre der Schrift als absolute und unhinterfragbare Lehre darzustellen. So eine absolute Formulierung ist aber nicht legitim, wenn (a) die dargestellte Ansicht überhaupt keine biblische Grundlage hat und (b) wenn man widersprüchlicherweise dazu auf der anderen Seite demütig vorgibt, dass es überhaupt keine absolute Wahrheitserkenntnis gibt bzw. diese niemand für sich in Anspruch nehmen darf. Beides trifft hier auf Thiessen zu. Er übersieht dabei zusätzlich, dass es in 1.Kor.13,9 – an der er seine scheinbare „Stückwerkhermeneutik“ anlehnt – nicht um unterschiedliche Ansichten der Schriftauslegung geht. Ansonsten müssten auch die paulinischen Schriften als „Stückwerkerkenntnis“ gelten, zu denen man auch unterschiedliche Ansichten haben kann. Thiessen stellt damit indirekt also die Autorität der Schrift in Frage und zeigt zudem mangelnde exegetische Einsicht. Auch dies hilft uns, die Gesamtargumentation Thiessens besser einzuordnen.

© 2007 beim Verfasser.

Ronald Senk (BTh, HonsBTh, MTh) studierte nach seiner technischen Berufsausbildung Theologie an der Bibelschule Wiedenest und absolvierte anschließend ein Weiterstudium im Bereich Neues Testament an der University of South Africa (UNSIA). Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bielefeld.

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